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Wer ist mein Vater? Der Telefonanruf einer jungen Frau ist mir noch in guter Erinnerung. Mit den folgenden Worten meldete sie sich und fiel gleich mit der Tür ins Haus: „Können Sie mir sagen, wer mein Vater ist? Oder vielleicht frage ich besser, wie mein Vater war? Seitdem ich das Tagebuch meines Vaters entdeckt habe, treibt mich diese Frage umher. Ich bin auf der Suche nach Ihnen, Familie Bormuth. Endlich habe ich Sie finden können. Deshalb habe ich den Mut gefasst, Sie anzurufen. Mein Name ist Mandy Reissner. (Name wurde geändert). Ich wohne in einer Stadt Südhessens. Von Beruf bin ich Finanzbeamtin. Vor einem Jahr wurde das Haus meiner Eltern verkauft, und ich habe mitgeholfen es auszuräumen. Dabei fand ich auf dem Boden eine Truhe mit alten Kontoauszügen, Fotos, Briefen und auch das Tagebuch meines Vaters. Ich habe meinen Vater nie kennen gelernt. Als er starb, war ich gerade fünf Monate alt. Mit meiner Familie wohnte ich damals auf einem größeren Bauernhof. Bruchstückhaft hörte ich von meiner 7


Mutter, dass mein Vater früh verstorben war. Aber die genaue Ursache seines Todes habe ich nicht von ihr erfahren. Später, als ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt war, erzählte mir meine Großmutter auf meine drängenden Fragen hin: ,Kind, deinem Vater ist etwas Schlimmes widerfahren. Wenn du größer bist, sage ich dir mehr über sein Sterben.‘ Hatte er Krebs? War es ein Unfall? Hat er einen Schlaganfall erlitten? Damit gab ich mich zunächst zufrieden. Ich war ungefähr acht oder neun Jahre alt, als mir eine Nachbarin, die nicht gerade feinfühlig war, sagte: ,Mandy, weißt du eigentlich, dass sich dein Vater in der Scheune das Leben genommen hat?‘ In dieser Nacht konnte ich keinen Schlaf finden. War das also der Grund, warum man mir bisher nicht die Wahrheit gesagt hatte? Ich war innerlich aufgewühlt, verletzt, voller Zorn und dann wieder sehr traurig. Ich traute mich nicht, mit meiner Mutter darüber zu reden, und Großmutter erzählte mir nur, es habe in der Familie Streitigkeiten gegeben. Ich wurde ein scheues, verschlossenes Kind und musste mit einem Geheimnis leben, das ich nicht ergründen konnte. 8


Sie können sich vorstellen, dass ich eifrig im Tagebuch geblättert habe, denn ich wollte wissen, wer mein Vater war. Ich fand einige Eintragungen, die mich bewogen haben, Ihre Adresse ausfindig zu machen. Ja, ich hege den Wunsch, Sie auch persönlich kennen zu lernen, denn im Tagebuch taucht sehr oft Ihr Name auf. So heißt es: Heute war ich bis spät nach Mitternacht bei Bormuths. Oder: Ich führte mit Herrn Bormuth ein längeres Gespräch. Oder: Ich war zu einer seelsorgerlichen Aussprache bei Herrn Bormuth. Oder: Frau Bormuth hat mit mir gebetet. Ich war sehr verzweifelt. Oder: Morgen wollen wir Bormuths in Marburg besuchen. Gabriele fährt mit. Soweit die Eintragungen. Wenn ich Sie recht beurteile, dann müssen Sie meinen Vater sehr gut gekannt haben. Über einen Zeitraum von sieben Jahren erstrecken sich die Notizen. Ist Ihr Mann Pfarrer?“ Dieses Telefonat hat mich recht erstaunt, denn seit dem frühen Tod von Johannes Reissner waren über dreißig Jahre ins Land gegangen. Ich brauchte nicht lange überlegen, um eine Antwort zu geben, waren wir doch mit diesem Bauern eng verbunden gewesen. 9


„Ihr Vater war ein wunderbarer Mensch. Sie dürfen auf Ihren Vater sehr stolz sein, Mandy.“ Meine Gedanken gingen zurück zu einem Sonntag Abend, an dem der Kontakt zu Johannes begann, und ich blätterte Seite um Seite in meinen Erinnerungen zurück. Mit seinem Motorrad hatte er sich auf den Weg gemacht, um uns zu besuchen. Vom Militärpfarrer hatte er kurz vor seiner Entlassung aus der Bundeswehr unsere Adresse mit dem Hinweis erhalten: „Suchen Sie die Familie Bormuth auf. Sie kann Ihnen in Fragen des Glaubens weiterhelfen.“ Johannes Reissner entstammte einem großen Bauernhof. Sein Vater war im Zweiten Weltkrieg als Soldat nach Russland eingezogen worden. Bei Stalingrad ist er dann 1943 von einer feindlichen Kugel tödlich getroffen worden. Sechs Jahre alt war der kleine Sohn, und er liebte seinen Vater über alles. Nun war er mit seiner Mutter allein zurückgeblieben. Ihre ganze Liebe richtete sich auf das aufgeweckte, lebhafte, fröhliche Kind. Als der Orts-gruppenleiter die Todesnachricht ins Haus brachte, änderte sich das Leben des Schulkindes radikal. Er stand hin10


ter dem Rücken der Mutter in der Küche, und seine Worte klangen ihm noch lange in den Ohren nach: „Ihr lieber Mann hat sein Leben für Führer, Volk und Vaterland geopfert.“ Eine große Traurigkeit legte sich auf die Seele des Kindes. Sein fröhliches Lachen verstummte, und nur ganz selten hörte man, wie er ein Liedchen pfiff. Auf den Wohnzimmerschrank stellte Mutter das Foto des Vaters hin und heftete einen schwarzen Trauerflor über den rechten Bildrand. Mutter kam oft mit verweinten, rotgeränderten Augen aus dem Schlafzimmer. Eine große Hoffnungslosigkeit legte sich wie der kalte Reif in einer Frühlingsnacht über das Gemüt des Jungen. Wie schön wäre es, wenn er bei seinem Vater sein könnte. Er würde sich neben ihn auf den Pferdewagen setzen und die Peitsche schwingen. Wie viele Geschichten hatte Vater ihm früher erzählt, wenn sie gemeinsam die Ernte eingefahren hatten oder zu den Rindern auf die Weide gingen. Es waren immer wahre Geschichten vom Hund Rappka, der auf den Waldwiesen einen jungen Hasen gejagt hatte oder von dem Pony Tina, das eines Tages den Weidezaun durchbrochen hatte und dann eine 11


ganze Nacht gesucht werden musste. In einem Unterstand vom Bauern Schade hatte es vor dem heftigen Regen Zuflucht gesucht und sein Heu gefressen. Als sein Bauer sich ihm näherte, wieherte das Tier laut auf. Sein Vater war ein fürsorglicher, sensibler Mensch gewesen, feinfühlig und nachdenklich. Eng war er mit der Natur verbunden. So hatte er früh seinem Sohn die Blumen im Kornfeld und am Wegrand erklärt und ihm die vielen verschiedenen Vogelstimmen mit den Namen von Kuckuck, Eichelhäher und Specht in Verbindung gebracht. Mit jedem Tag lernte er neue Vögel kennen: Fink und Blaumeise, Rotkehlchen und Sperber. Sogar die verschiedenen Gräser im Wald konnte er unterscheiden. So entwickelte der Junge eine ganz enge Beziehung zu seinem Vater. An manchen Winterabenden saßen sie draußen zusammen auf dem Kutschwagen und betrachteten den Sternenhimmel. Er kannte den großen Wagen, den Polarstern und den Orion. Johannes war ein sehr feinfühliges, sensibles Kind. Oft genügte ein strafender Blick oder ein ernstes Wort, um ihn zurechtzuweisen, wenn der kleine Kerl sich mit sei12


nem Freund im Rapsfeld versteckte oder in der Scheune von den hohen Balken sprang. Das Lernen in der Schule machte ihm Spaß und schon sehr früh lernte er Lesen. Fand er auf dem Nachhauseweg eine Schnecke am Straßenrand, dann setzte er sie auf ein größeres Blatt und trug sie nach Hause. Er hatte Angst, sie könnte von einem Traktor überfahren werden. Natürlich war die Mutter nicht sonderlich erfreut, denn Schnecken fraßen im Garten die jungen Gemüsepflanzen ab. Neben dem Hühnerhaus hatte ihm Vater einen Kaninchenstall gebaut. Lisa, Hoppelmann, Klarissa und Friedemann hießen seine vier Hasen. Es gehörte zu den Pflichten des Jungen, Gras und Heu aus der Scheune herbeizuholen und aus dem Pferdestall Hafer aus der Futterkiste. So sollte das Kind früh lernen, Verantwortung zu übernehmen. Schöner hätte seine Kindheit gar nicht sein können, denn Johannes wuchs auf dem Hof mit vielen Tieren heran, die er sehr liebte. Nur in den Stall zum Bullen durfte er nicht gehen. Das war zu gefährlich. An seinem fünften Geburtstag erhielt Johannes ein kleines rotes Fahrrad. Vater selbst lief neben ihm her, hielt den 13


Sattel fest und brachte ihm auf diese Weise das Fahrradfahren bei. Alles hätte so erlebnisreich und schön weitergehen können, wäre bloß nicht der schreckliche Krieg mit Polen ausgebrochen, der dann zum Zweiten Weltkrieg führte. Vater wurde kurz nach Weihnachten zum Militär eingezogen. Nun lag die schwere Last eines großen Bauernhofes auf den Schultern der Mutter. Sie stellte sich dieser Aufgabe und war von morgens früh bis abends spät auf den Beinen, um nach dem Rechten zu sehen. Kalbte eine Kuh oder war eine Sau tragend, dann stand sie noch nachts auf und half das Kälbchen zur Welt zu bringen oder hängte das Rotlicht für die Ferkel im Stall auf, damit sie am Leben blieben. Vorbei war es nun mit dem wunderbaren Geschichtenerzählen und den weiten Spaziergängen am Sonntag Vormittag. Früher lauschten sie manchmal schon gegen fünf Uhr früh auf das Vogelgezwitscher, und Johannes war immer stolz, wenn er die Vogelstimmen richtig erraten hatte. Nun wurden stattdessen immer öfter die Nachrichten angehört und nicht mehr dem Gesang der Nachtigall oder der Finken gelauscht. Das Paradies einer frohen 14


Kindheit war plötzlich vergangen. Aber das Leben ging weiter. Der Russlandfeldzug war schrecklich, und an den langen Winterabenden strickte Mutter Schafwollstrümpfe für Vater. In Russland herrschte starker Frost. Wenn der Briefträger einen Feldpostbrief brachte, hing Johannes am Schürzenzipfel der Mutter und wollte wissen, wie es Vater erging. Jedes Mal war ein kurzer Absatz für Johannes verfasst, den Mutter ihm manchmal sogar zweimal vorlesen musste. Zum Schluss hieß es im Brief immer: „Johannes, ich bin stolz auf dich. Du bist mein bester Schatz. Ich habe dich ganz dolle lieb. Mama soll dir einen kräftigen Kuss von mir geben. Gott behüte dich. Dein Papa.“ Und dann brachte eines Tages der Ortsgruppenleiter die Hiobsbotschaft ins Haus. Vater würde nie mehr von Russland nach Hause kommen. Kurze Zeit später traf dann ein Päckchen mit der Uhr, den Fotos und dem kleinen, in Leder gebundenen Neuen Testament ein. Johannes begriff die Bedeutung der Worte nicht: „Für Führer, Volk und Vaterland“, und Mutter schluchzte oft laut im Kuhstall, oder er hörte ihr Weinen im Schlafzimmer. Johannes’ Leben war nun 15


von Traurigkeit bestimmt. Oft zog es ihn zu seinen Hasen. Er saß dann auf einem Bund Stroh und ließ seinen Tränen freien Lauf. Papa war nun nicht mehr da. Sein Herz schlug manchmal so laut, als wollte es ihm aus dem Leibe springen. Manchmal weinte er bitterlich. Nun hatte er keinen Vater mehr. Dieser Heldentod, wie der Ortsgruppenleiter das Sterben genannt hatte, bedeutete für das sensible Kind einen schmerzhaften Einschnitt in sein Leben. Nun musste die Mutter tapfer sein, und das war sie auch. Vor allen Dingen war sie fleißig. Sie war sich ihrer Aufgabe bewusst und stürzte sich in die Arbeit. Ihre ganze Liebe richtete sie auf ihren Sohn. Er war ihr noch von ihrem früheren Glück geblieben. Sie hat ihr Kind nicht verwöhnt, aber sie hat es mit ihren Ängsten überfordert. Angst ist immer ein schlechter Erzieher. Sie band den Jungen fest an sich. Später wirkte sich dieser grenzenlose Besitzanspruch bedrohend auf den Sohn aus und hatte schwerwiegende Folgen. Mit dem Tag, da der Vater im Krieg gefallen war, holte sich die Mutter ihren kleinen Sohn ins Ehebett. Sie brauchte jetzt seine Nähe, seine Wärme, sein liebevolles We16


sen. So wuchs Johannes heran umgeben von der Liebe der Mutter. Im Unterricht wurde er ein tüchtiger Schüler und wechselte später in die Mittelschule über. Ein weiteres einschneidendes Erlebnis für Johannes war die zweite Heirat der Mutter. Nachdem sie lange getrauert hatte, suchte sie nach einem neuen Partner. Ein großer Hof brauchte einen neuen Bauern. In einem Flüchtling aus Ostpreußen fand sie den Menschen, der die Lücke ihres ersten Mannes ausfüllen sollte. Es war aber mehr eine Zweckheirat als eine Liebesheirat, und die Trauung wurde in der kleinen Dorfkirche vollzogen. Der neue Mann an Mutters Seite konnte Johannes den Vater nicht ersetzen, aber er wurde ihm ein rechter Freund und zeigte viel Verständnis für das Kind. Aber die Sehnsucht nach seinem Vater blieb wie eine offene Wunde, die nicht heilen wollte. Johannes wuchs immer mehr in die Aufgaben eines großen bäuerlichen Betriebes hinein, besuchte die Landwirtschaftsschule und übernahm mit 21 Jahren den Hof. Schritt für Schritt trat er die Verantwortung an. Er wurde zu einem umsichtigen, klugen und vor allen Dingen fleißigen Bauern. Als die 17


Traktoren die Aufgabe auf den Feldern übernahmen, war Johannes der Erste im Dorf, der die Pferde abschaffte und fortan die Maschinen die Arbeit tun ließ. In fortschrittlicher Weise bewirtschaftete er seinen Hof. Mutter zog sich von der Feldarbeit zurück, da sie ihr zweites Kind erwartete. Aber im Stall kümmerte sie sich weiter um die Hühner, Rinder und Schweine. Johannes’ Zeit bei der Bundeswehr brachte erneute Veränderungen. Zu seinen Kameraden gehörten auch einige Christen. Sie luden Johannes in einen Jugendkreis ein. Ihr Leben mit Jesus beeindruckte ihn sehr. Er beobachtete seine Freunde und erkannte, dass diese jungen Menschen einen tiefen Sinn in ihrem Leben gefunden hatten. So begann auch bei ihm die Sehnsucht nach einer wahren Erfüllung seines Lebens. Ihn verlangte nach dem Frieden, den nur Christus geben kann. Er holte das kleine, in Leder gebundene Testament seines Vaters aus der Schublade und begann darin zu lesen. Öfter suchte er auch den Militärpfarrer auf und führte tiefsinnige Gespräche mit ihm. So öffnete er sein Innerstes für Gott. Nach einer Predigt wurde er bereit, Christus sein Leben zu 18


übereignen, und in einem seelsorgerlichen Gespräch schenkte ihm Gott die Gewissheit, dass Christus sein Erlöser und sein Herr sei. Als sein Dienst bei der Bundeswehr dem Ende zuging, gab ihm der Pfarrer den Rat, er möge in seiner Heimatgemeinde Kontakt zu Christen suchen und zusammen mit ihnen die Bibel lesen und beten, damit sein junger Glaube wachsen könne. Die neue Beziehung mit Christus brauchte Nahrung und Pflege. Mit diesem Verlangen klopfte Johannes dann eines Abends an unsere Tür. Der Militärpfarrer, der meinen Mann vom Studium her gut kannte, hatte ihm unsere Adresse gegeben. Wir waren überrascht und doch hoch erfreut und nahmen den jungen Bauern in unserem Hauskreis herzlich auf. Manches Nachtgespräch schloss sich ans Bibellesen an und in meinem Mann fand Johannes einen väterlichen Freund und Seelsorger. Johannes war treu in seiner Nachfolge. Ja, er öffnete sogar sein Haus, und so fanden auch in seinem Wohnzimmer regelmäßig Bibelstunden statt. Das Evangelium von Jesus musste die Menschen erreichen. Mit anderen jungen Christen aus dem Gesprächskreis gründeten wir einen kleinen Chor, sangen im Kranken19


haus und überall dort, wo sich eine Gelegenheit bot, die frohe Botschaft von Gottes großer Versöhnungstat in die Herzen der Menschen zu singen. Johannes hatte uns alle mit seinem ermutigenden Christsein angesteckt. Oft saßen wir in unserem Wohnzimmer und falteten die Hände zum Gebet. Unser Hauskreis wuchs und war lebendig. In diese Zeit fiel auch die Begegnung mit Gabriele, einer jungen Bäuerin aus dem Nachbarort. Die beiden verliebten sich, und ein dreiviertel Jahr später wurde die Hochzeit gefeiert. Aber schon über dem Hochzeitstag, der ja ein Freudentag für das junge Paar sein sollte, lag eine düstere Stimmung. Die Mutter von Johannes lief mit verweinten Augen umher und schluchzte: „Ach, jetzt muss ich meinen Jungen, meinen guten Jungen hergeben. Nein, dass ich ihn verlieren muss, macht mich ganz traurig.“ Im Stillen dachte ich mir: Warum begreift die Mutter nicht, dass sie ja noch eine Tochter hinzugewinnt? Das hätte sie vor dem Missmut und dem Jammern bewahrt. Jeder Besucher wurde von der Mutter begrüßt. Sie nahm auch die Hochzeitsgeschenke entgegen und packte sie sogar aus. Sie führte die Gäste 20


in das obere Stockwerk, wo sich das junge Paar seine Wohnung eingerichtet hatte. Die Mutter öffnete jede Schranktür und präsentierte die Aussteuer. Die Braut sah diesem Treiben zu, und man spürte förmlich, wie sehr sie gegen den Zorn ankämpfte. Dieses Fest entging nur knapp einem Eklat, weil die jungen Christen aus dem Hauskreis und der Jugendstunde ein fröhliches und besinnliches Programm gestalteten. Ich selbst sprach Gabriele an und bat sie, es ja nicht zu einem Skandal kommen zu lassen, sie könne ja ihre Schwiegermutter sowieso nicht ändern. ***

Für unsere Familie folgte ein neuer Lebensabschnitt. Mein Mann wurde zum theologischen Mitarbeiter in den Diakonieverband berufen. Damit war ein Umzug nach Marburg verbunden. Der Kontakt zu Johannes und seiner jungen Frau blieb erhalten. Einmal besuchte uns Johannes und hatte auf sein Auto ein rotes Kinderfahrrad gebunden. Unsere beiden Großen jubelten: „Wir haben ein Fahrrad, ein wunderschönes Fahrrad.“ Natürlich wurde das neue Gefährt mit Onkel Johannes auf der Straße gleich auspro21


biert. Gerne kamen unsere Freunde auch zu Bibeltagen oder Konferenzen zu uns und waren unsere Gäste. Viele frohe Stunden haben wir miteinander verlebt. Aber in unseren Gesprächen zeichneten sich auch schon die Konflikte ab. Zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter kam es öfter zum Streit. Die Mutter meinte, sie müsse weiter Regie führen wie bisher. So durfte Gabriele nicht an den Kochtopf heran, und es war ihr auch nicht erlaubt, die Hemden für ihren Mann zu bügeln. „Für meinen guten Jungen sorge ich!“, lautete ihre Devise. Als Jungbäuerin habe sie ihren Platz im Stall. Dort müsse sie erst ihr Können beweisen, und nicht im Haus. In einer Nacht wurden wir mitten aus dem Schlaf geklingelt. Johannes und Gabriele standen vor unserer Tür. Wir führten sie ins Wohnzimmer. Sie waren schrecklich erregt. „Wir müssen mit Ihnen reden. So geht es bei uns nicht mehr weiter“, klagte Gabriele. „Ich habe Angst um Johannes. Der ständige Streit zwischen uns beiden Frauen setzt ihm sehr zu. Er hält diese Spannung nicht mehr durch. Er liebt seine Mutter und er liebt mich. Bei uns zu Hause ist die Hölle los. Ich 22


fürchte, Johannes kann diese Querelen nicht länger verkraften. Auf der Fahrt hierher zu Ihnen ist er so schnell gefahren, dass ich manchmal dachte, er setzt das Auto an den nächsten Brückenpfeiler. So verzweifelt ist er. Sie müssen uns helfen, Familie Bormuth, wir wissen nicht mehr weiter. Vielleicht könnten Sie auch mit meiner Schwiegermutter reden. Ihr kann es doch auch nicht egal sein, wenn ihr Sohn schon Selbstmordgedanken hegt. Sagen Sie Mutter, sie soll uns in Ruhe lassen. Jetzt wo unser erstes Kind geboren ist, besteht sie darauf, dass sie das Kind versorgt. Ich hingegen werde in den Stall und aufs Feld zur Arbeit geschickt. Ich soll die Rüben hacken, das Heu wenden, die Kartoffeln lesen und bei der Ernte helfen. Ich packe gerne die Arbeit in der Landwirtschaft an und geniere mich nicht, den Stall zu misten und das Vieh zu füttern. Das sind alles Arbeiten, die ich schon als junges Mädchen zu Hause übernommen habe. Aber ich bin auch eine junge Mutter und ich will mein Kind selbst großziehen. Sie stellen sich nicht vor, welch hässliche Streitereien bei uns toben. Eifersuchtsszenen spielen sich bei uns ab wie in einem schlechten Film. Johannes müsste 23


sich gegen seine Mutter durchsetzen, aber das vermag er nicht. Bitte, helfen Sie uns.“ Erst sehr spät in dieser Nacht fanden wir etwas Ruhe. Am anderen Tag fuhren wir mit dem jungen Paar in ihr Dorf. Wir wollten vermittelnd eingreifen. So saßen wir dann am nächsten Mittag den Streithähnen an einem Tisch gegenüber. Wir ließen beide Parteien zu Wort kommen. Unser Vorschlag bestand darin, dass Jung und Alt sich trennen sollten. Wir rieten, dass sich die Altbäuerin mit ihrem Mann auf ihr Altenteil zurückziehen sollte und der Hof von den jungen Leuten allein bewirtschaftet werden sollte. Hinten im Garten stand noch das alte Haus der Großeltern. Dies könnte wieder hergerichtet werden und böte genug Platz. Es kann doch nicht sein, dass Alt und Jung aufeinander losgehen und sich gegenseitig die Lebensfreude zerstören. „Schaffen Sie Ihrer Mutter mit ihrem Mann ein schönes Zuhause. Und bringen Sie die Renovierungsarbeiten zügig voran“, war unser letztes Wort an Johannes. Dies war für uns kein leichtes Gespräch. Der Schweiß stand uns auf der Stirn. Wir haben viel beten müssen. Beide Seiten schienen unserem Vorschlag 24


zuzustimmen. Und dann fuhren wir wieder nach Hause. Johannes machte Nägel mit Köpfen, entrümpelte das alte Haus und bestellte einen Architekten. Firmen wurden beauftragt, die Renovierung schnellstens voranzutreiben. Aber immer wieder plante die Mutter Veränderungen, die das Bauvorhaben zum Stillstand brachten. Über ein Jahr zog sich die Sanierung hin, bis alles für den Umzug bereit war. Aber Mutter meinte, der Bau müsse noch gut austrocknen. Sie wolle erst im Mai oder Juni umziehen. Jeder, der die Hintergründe in dieser Familie kannte, wusste, dass die Mutter den Umzug nur auf die lange Bank schob. Inzwischen hatte Gabriele ihr zweites Kind, eine Tochter, bekommen. Die Auseinandersetzungen führten immer mehr zu einer Entzweiung der Parteien. An einem Tag spitzte sich die Lage zu. Das Baby hatte in der Nacht starke Schmerzen bekommen und am Morgen floss hässlicher gelber Eiter aus dem linken Ohr heraus. Gabriele wollte unbedingt zum Kinderarzt fahren, die Schwiegermutter aber bestand darauf, an diesem Tag die Heuernte einzubringen. Der Wetterbericht habe eine Schlechtwet25


terlage prophezeit. Mit Umschlägen könnte man die Mittelohrentzündung lindern. Morgen könne sie zum Arzt fahren. In der Landwirtschaft gelten andere Gesetze. Die beiden Frauen gerieten in einen schrecklichen Streit. Sie schrien sich an, und es fielen heftige, drohende Worte. Schließlich nahm Gabriele ihr Baby und fuhr zum Kinderarzt in die Stadt. Gegen Mittag war sie wieder zu Hause. Sie wartete auf ihren Mann, dass er zum Essen kommen sollte. Mit dem Trecker war er auf die Wiesen gefahren. Als er gegen zwei Uhr immer noch nicht zu Hause war, setzte sich Gabriele ans Steuer ihres Autos, um nach ihrem Mann zu suchen. War Johannes etwas zugestoßen? Auf der Wiese stand der Trecker. Das Heu war nicht gewendet. Angst erfasste sie. Wo war er geblieben? Sie raste zu den anderen Feldern und Wiesen, aber die Suche blieb ergebnislos. Dann fuhr sie nach Hause. Eine schreckliche Ahnung überkam sie. Sie stieg in den Keller und auf den Boden, ging von Stall zu Stall und dann in die Scheune. Ein plötzlicher Aufschrei verriet, dass Schreckliches passiert war. Auf dem obersten Scheunenboden hatte sich Johannes das Leben genommen. In einem Ab26


schiedsbrief schrieb Johannes, dass er diese ständigen Konflikte nicht länger habe ertragen können. Seine Seele sei darüber zerrissen worden. Wie ein Lauffeuer sprach sich diese Schreckensmeldung herum. Keiner konnte begreifen, wie es zu dieser Tat gekommen war. Auch wir waren entsetzt, als Gabriele uns den Tod ihres Mannes mitteilte. Wir waren tief traurig. Ein junges, hoffnungsvolles Leben war ganz plötzlich ausgelöscht. Zurück blieben Gabriele, die beiden Töchter, die Eltern und die vielen Freunde. Lange fand ich kein tröstendes Wort. Wir konnten nur zu Gott rufen und ihm unser Klagen bringen. Wir hatten keinen Trost für die junge Witwe und die trauernden Eltern. Es ging uns wie den Freunden von Hiob, die auch nicht ein und aus wussten und ihre Hand auf den Mund legten und lange schwiegen. Gott selbst musste hier Trost spenden. Die Beerdigungsfeier war überwältigend. Dorfbewohner und alle Freunde und Verwandten waren gekommen, um den liebevollen Menschen zu beweinen. Kurze Zeit später wurde das Land verpachtet, das Vieh und ein Großteil der Maschinen verkauft. Gabriele zog mit den Kindern 27


zu ihren Eltern, und zurück im Bauernhaus blieben die Mutter und der Stiefvater. Einige Eggen, Pflüge und der Kartoffelroder standen hinter der Scheune und verrosteten. Brennnesseln überwucherten die Gerätschaften. Diese Erinnerung hat in mir wieder eine alte Wunde aufgerissen. Wie verzweifelt muss Johannes gewesen sein. Aus seinem Elend hat er keinen Ausweg gefunden. Mich tröstet nur, dass wir nicht Herren der Menschen sind, sondern Gott allein wird das letzte Wort sprechen und es wird immer ein barmherziges Wort sein. Was sollte ich aber Mandy auf ihre Frage antworten: Wer ist mein Vater? In einem langen Telefongespräch am nächsten Tag bekräftigte ich noch einmal: „Sie dürfen stolz sein auf Ihren Vater. Er war ein wunderbarer Mensch. Am besten lernen Sie Ihren Vater kennen, wenn Sie zum Neuen Testament greifen, das Ihrem Vater so viel bedeutet hat. Da hat er das Reden seines Herrn vernommen und wurde gehorsam, Jesus nachzufolgen. Warum er den Freitod wählte, bleibt für uns ein Geheimnis. Wir können es nicht lüften. Aber 28


es kommt ein Tag, da werden wir Gott nicht mehr fragen müssen. Alles wird offenbar. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Mandy. Auf einen Besuch von Ihnen würde ich mich sehr freuen.“ Danach griff ich selbst zu meiner Bibel und las Psalm 139. Ich brauchte Trost. „Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehest meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehest alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht alles wissest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten. 29


Spräche ich: Finsternis möge mich decken! So muss die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der helle Tag, Finsternis ist wie das Licht.“

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Das Josephskind Eine Frau, die ich auf einer meiner Vortragsreisen kennenlernte, vertraute sich mir an. Ihr Schicksal ging mir sehr zu Herzen. Mit den Worten, „Ich bin adoptiert“, begann sie ihren erschütternden Bericht: Nein, das war kein hell strahlender Stern, der in der Nacht meiner Geburt aufleuchtete. Es war der 17. Januar 1941, und ich war das dritte uneheliche Kind meiner Mutter. Sie war gerade neunzehn geworden. Mein Vater blieb mir bisher unbekannt, obwohl ich keine Mühe scheute ihn ausfindig zu machen. In der Marburger Frauenklinik bestand die Möglichkeit, dass Schwangere ab dem 5. Monat aufgenommen werden konnten. Sie wurden auf den verschiedensten Stationen zu Arbeiten eingesetzt und brauchten dafür keine Krankenhauskosten bei ihrer Entbindung zu bezahlen. Eine soziale Absicherung gab es zu der damaligen Zeit noch nicht, und viele der jungen Mädchen waren auch nicht in einer Krankenkasse angemeldet. Auf diese Art wurde Hilfe geschaffen. 31


So konnten die Frauen ohne finanzielle Belastungen ihr Kind zur Welt bringen und es anschließend zur Adoption freigeben. Meist blieben die Mütter ein paar Monate auf Arbeit in der Klinik. Wenn sie dann wieder heimkehrten, wurde nicht bekannt, dass sie schwanger gewesen waren. Dieser Aufenthalt in der Universitätsfrauenklinik konnte also geheim gehalten werden. Die Mütter haben ihr Baby auch nach der Geburt nicht gesehen und auch sein erster Schrei drang nicht an ihre Ohren, da sie ihnen von einer Krankenschwester zugehalten wurden. Der Adoptivvertrag wurde schon vor der Geburt vorbereitet, und jeder Säugling wurde schon ein paar Tage nach der Geburt in ein Kinderheim gebracht. Nie habe ich erfahren können, welche Umstände dazu geführt haben, dass ich in fremde Hände abgegeben wurde. Aber für mich war es ein großes Glück, dass ich ins Säuglingsheim nach Bethesda in Marburg gekommen bin. Hier arbeiteten Diakonissen, die sich von Gott berufen wussten, ihm zu dienen. Sie nahmen elternlose Kinder und Sozialwaisen auf und gaben ihnen Heimat und Geborgenheit. Eine Pfarrfrau hatte 32


dieses Heim gegründet, weil sie die Not der meist noch sehr jungen, schwangeren Mütter erkannt hatte und sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen wollte. Wie es dazu kam, dass ich in die Hände von Adoptiveltern gelangte, hat eine recht seltsame Vorgeschichte. Meine Adoptiveltern waren eine glückliche Familie gewesen. Wie sehr hatten sie sich über die Geburt ihres ersten Kindes gefreut. Karl-Heinz nannten sie ihren Sohn. Dann aber erkrankte der Junge nach einem Jahr sehr schwer und innerhalb weniger Tage nahm der Tod ihnen ihr so geliebtes Kind. Es starb an Lungenentzündung. Sie waren untröstlich darüber. Besonders die Mutter verstand nicht, warum Gott so handelte. Erst gibt Gott ihnen das Glück, und dann nimmt er es ihnen wieder. Wer kann das begreifen? Sie hatten sich diesen Sohn von Gott erbeten und sich über seine Geburt gefreut. Ihr Hausbau war gerade beendet worden, und sie genossen die Freude, dass der kleine Kerl im Garten seine ersten Gehübungen unternahm. Wie schön hatten sie ihren Obst- und Gemüsegarten angelegt. Auf der Terrasse stand das Schaukelpferdchen, in dem der süße Schatz 33


jauchzte, wenn Vater das Pferd in Bewegung brachte. Das Ehepaar Hufschmied wünschte sich viele Kinder, und in ihren Träumen und Erwartungen sah es schon eine halbe Fußballmannschaft auf dem Rasen dem Ball nachjagen. Der Balkon im ersten Stock war auf der Sonnenseite gelegen. Dort hatte das Babykörbchen immer seinen Platz gefunden. Der Tod des kleinen Sohnes und eine schwere Operation bei Frau Hufschmied, meiner späteren Adoptivmutter, hatten alle ihre Wünsche wie eine Seifenblase zerplatzen lassen. Dann brach der Krieg aus. Vater wurde zum Militärdienst eingezogen. Er kam an die Ostfront. Als immer mehr Soldaten im Kampf fielen oder vermisst gemeldet wurden, begannen bei meiner Mutter die großen Sorgen. Eines Tages traf sie einen der Brüder meines Vaters in der Stadt. Sie hat mir später diese Begegnung erzählt und mir die Treppe gezeigt, wo sie beide miteinander gesprochen haben. Es war ein recht schockierendes Zusammentreffen. „Ruth, das will ich dir sagen, sollte Jakob nicht aus dem Krieg nach Hause 34


kommen, dann musst du uns Brüdern die Hälfte des Erbes auszahlen. Du musst dich darauf einstellen, dass du das Haus dann verkaufst. Ich will so offen mit dir darüber reden, damit du dir beizeiten eine neue Bleibe suchst.“ Da nach dem so plötzlichen Tod des Kindes kein weiterer Erbe vorhanden war, musste nach dem Erbrecht die Hälfte des Vermögens den Brüdern des Ehemannes zufallen. Meine Mutter war wie gelähmt. Sie brachte nur noch den Satz über die Lippen: „Na, das werden wir ja sehen.“ Dann ging sie schnell weiter und ließ ihren Schwager stehen. Nun wusste sie, was die „liebe Verwandtschaft“ im Schilde führte. Sie war ärgerlich, zornig und zugleich auch wieder niedergeschlagen und traurig. Nicht mal das Haus gönnte man ihr. Hatte sie durch den Verlust des Kindes nicht schon genug leiden müssen? Sollte sie im Fall des Todes ihres Mannes aus dem Haus gejagt werden? Mutter sann nach einem Ausweg. In den Feldpostbriefen besprach sie diese Not mit ihrem Mann. Dann kamen sie zu folgendem Entschluss: Sie wollten ein Kind adoptieren, das dann die Erbfolge antreten sollte. 35


Sicher ist dies ein fragwürdiges Motiv, ein Kind zu adoptieren, aber mir hat es zu umsichtigen, liebevollen und guten Eltern verholfen. Sie standen im lebendigen Glauben an Christus und haben sehr früh diese Liebe zu Gott auch in mein Herz gepflanzt. In Marburg gab es noch das Kinderheim Bethanien. An die Oberin dieses Hauses wandte sich meine Mutter zuerst. Dort war ein kleines Mädchen von drei Jahren aufgenommen worden, deren Eltern bei einem Bombenangriff auf Kassel ums Leben gekommen waren. Es brauchte ein neues Zuhause. Das Mädchen kam aus einer sehr gebildeten, reichen und vornehmen Familie. Meine Mutter freute sich auf die kleine Annette. Es war ein fröhliches und schönes Kind mit blonden Löckchen. Sie nahm sich den Kinderwagen, in dem schon ihr Junge gelegen hatte, und machte sich auf den langen Weg nach Marburg. Unterwegs musste sie sich mehrmals in den Graben werfen, weil Tiefflieger alles, was sich regte, niederschossen. Dann aber erreichte sie ihr Ziel. Zu Hause hatte sie schon alles für das dreijährige Mädchen gerichtet. Auf dem Bett lag eine kleine Stoffpuppe, die sie selbst angefertigt hatte. 36


Aber diese Reise wurde zu einer schrecklichen Enttäuschung. Die Oberin von Bethanien ließ sie gleich zu sich bitten und erklärte ihr: „Frau Hufschmied, ich musste meine frühere Entscheidung leider ändern. Da ist noch ein kinderloses Ehepaar, das ich Ihnen vorziehen musste. Die Frau ist fast vierzig. Sie kann nicht länger auf ein Kind warten, denn dann hätte sie die Grenze überschritten, die ihr eine Adoption möglich macht. Sie wünschte sich auch ein etwas größeres Kind, weil sie meint, mit einem Baby käme sie nicht zurecht. Sie aber sind noch jung. Sie können zu einem späteren Termin einen Säugling aufnehmen. So werde ich die kleine Annette in andere Hände übergeben.“ Meine Mutter verstand die Welt nicht mehr. Mit dem Verhalten der Oberin konnte sie sich nicht einverstanden erklären. Aber was hätte sie jetzt noch tun können? Mit dem leeren Kinderwagen machte sie sich auf den Heimweg. Sie war niedergeschlagen und den Tränen nahe. Zu Hause wartete schon ihre Freundin, die sie mitsamt dem Kind in Empfang nehmen wollte. Beide Frauen fielen sich enttäuscht in die Arme. Eine ganze Weile lang weinten sie beide. Dann aber 37


fasste die Freundin Mut: „Ruth, in Marburg gibt es noch ein anderes Kinderheim. Dort werden wir anfragen. Vielleicht hast du Glück. Wir werden es versuchen.“ Ein paar Tage später machte sich meine Mutter, begleitet von ihrer Freundin, noch einmal auf den Weg nach Marburg. Diesmal war das Ziel das Säuglings- und Kinderheim Bethesda. Freundlich wurde meine Mutter von der Oberin empfangen. Sie brachte ihr Anliegen vor und war erstaunt, dass sie so warmherzig aufgenommen wurde. Es entstand ein längeres Gespräch. Die Diakonisse wollte meine Mutter besser kennen lernen. Als sie dann noch vernahm, dass meine Eltern zu einer lebendigen Gemeinde gehörten, waren alle Vorbehalte ausgeräumt. Ja, man sah es förmlich am Gesicht der Oberin, wie sie plötzlich leuchtende Augen bekam und meiner Mutter sogleich sagte: „Frau Hufschmied, wir haben für Sie ein hübsches, kleines Mädchen. Es ist ein halbes Jahr alt. Ihm würden wir gerne zu einem glücklichen Zuhause verhelfen. Ich habe den Eindruck, Sie wären die richtige Mutter für dieses Kind. Möchten Sie es sich mal anschauen?“ 38


So ging die Oberin mit meiner Mutter zur Säuglingsstation. Dort standen Bettchen an Bettchen. Alles war sehr sauber und gepflegt. In weißen Kitteln und Hauben gingen die Schwestern mit den Babys hin und her. Sie trugen sie gerade auf den sonnendurchfluteten Balkon. Manche Säuglinge wurden auch von ihren eigenen ledigen Müttern versorgt, die unter Anleitung die Kleinen stillten, badeten und wickelten. Im angrenzenden Raum waren die Kleinstkinder untergebracht. Sie krabbelten oder spielten mit den Bällen, Holzklötzchen oder Teddybären. Es herrschte ein munteres Treiben. Zwei kleine Kerlchen hatten gerade das Laufen gelernt und stiefelten noch etwas wacklig auf den Beinen stolz durch das Zimmer. Auch hier war alles wunderschön sauber und hell. Meiner Mutter wurde das kleine Mädchen gezeigt. Ich war ein kräftiges, pausbäckiges Kind mit dunklen Locken. Schon von Geburt an hatte ich viele Haare, und manchmal erlaubten sich die Schwestern einen Scherz und steckten mir ein Schleifchen in den Wuschelkopf. Meine Mutter fasste gleich Zutrauen zu mir. „Ja, dieses Kind würde ich adoptieren. 39


Ich würde mich sehr freuen, wenn alle Formalitäten gut über die Bühne gingen.“ Mein Vater konnte mich nicht kennen lernen. Er stand ja noch an der Front im Kampf gegen die Sowjets. Am liebsten hätte mich Mutter gleich in den Kinderwagen gesetzt und mitgenommen. Aber das war noch nicht möglich. Vorher mussten die amtlichen Formalitäten erledigt werden. Aber dann durfte mich Mutter abholen. Zuhause hatte sie alles wunderbar vorbereitet. Stolz trug sie mich auf ihren Händen über die Schwelle ins Haus und legte mich in ein mit weißem Leinen ausstaffiertes Kinderbett, in dem schon ihr kleiner Sohn gelegen hatte. Sogar eine bunte Rassel lag als Geschenk auf meinem Kissen. So hat sie es mir erzählt. Und wenn sie später davon sprach, dann spürte ich ihr noch jetzt die Freude ab. Ein Strahlen ging über ihr Gesicht. Sie war glücklich, dass ich ihr Kind war. Liebe auf den ersten Blick verband uns miteinander. Zwei Jahre später wurde der Adoptionsvertrag erstellt. Meine Mutter hat nie danach gefragt, wer meine Eltern sind und welche Erbanlagen ich mitbringe. Das hätte sie auch nie erfahren können. Sogleich 40


hat sie darauf gedrungen, dass ich im Testament als Erbin eingesetzt wurde. Mein Vater hat auf einem Feldpostbrief beurkundet, dass ich im Falle seines Todes die eine Hälfte des Vermögens erhalten sollte, die andere Hälfte fiele dann meiner Mutter zu. So hat Mutter auch dieses Problem mit den Brüdern ihres Mannes geschickt gelöst, die ja schon ein Auge auf das wunderschöne neue Haus geworfen hatten. Mein Vater ist dann auch, wie man es damals amtlich ausdrückte, „für Führer, Volk und Vaterland gefallen“. Er war ein so guter Mensch und frommer Christ. Einmal hat er mich bei seinem Heimaturlaub gesehen. Er ging mit mir im Kinderwagen spazieren. Eine Dorfbewohnerin, die gerade neu zugezogen war, schaute mich an und meinte begeistert: „Ach eure Kleine sieht ja genau so aus wie Ruthchen.“ Damit meinte sie meine Mutter. Mein Vater schmunzelte nur. Wie gerne hätte ich meinen Vater selbst richtig kennen gelernt. Aber Mutter hat mir viel von ihm erzählt, und so blieb mir eine gute Erinnerung an ihn erhalten. Meine Mutter war liebevoll, aber sehr streng zu mir, manchmal vielleicht zu streng. 41


Sie war allein für meine Erziehung verantwortlich. War sie vielleicht deshalb so unerbittlich und konsequent, weil sie Angst hatte, ich könnte ihr missraten? Ein Ja blieb ein Ja und ein Nein blieb ein Nein. Und doch hatte ich bei aller Strenge eine wunderschöne Kindheit. Probleme ergaben sich nur durch meine Verwandtschaft. Sie waren über die Adoption ärgerlich und ließen ihren Missmut und ihre Wut wegen des entgangenen Erbes an mir aus. Sie redeten kaum einmal mit mir. Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals von ihnen ein Geschenk erhalten zu haben, nicht einmal zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Einmal hörte ich, wie ein Onkel zu seiner Frau sagte: „Es ist ja schon ein nettes, schönes Ding. Aber haben wir solch einen Balg in unserer Familie gebraucht, von dem man nicht weiß, woher er kommt und wer seine Eltern sind? Das hätte Ruth lieber nicht tun sollen.“ Ich hatte eine klangvolle klare Stimme und konnte viele Lieder singen. Bei Familienfesten und zu Feiertagen musste ich immer auftreten. Aber nie erhielt ich dafür etwas Süßes oder ein Taschengeld. Dieses Verhalten meiner Verwandten hat bei mir natürlich nicht 42


zu einem gesunden Selbstbewusstsein beigetragen. Oft fragte ich meine Mutter, warum ich keinen Papa und auch keine Patentante wie andere Kinder hatte. Sie antwortete mir nur: „Kind, mach dir nichts daraus. Du hast ja mich und ich habe dich lieb.“ Für ein heranwachsendes Mädchen war dies natürlich keine befriedigende Antwort. Bei meiner Geburt war ich zwar in der Frauenklinik getauft worden, aber für Kinder, die zur Adoption freigegeben wurden, gab es keine Paten. Die Anonymität sollte gewahrt bleiben. Ein sehr frohes und schönes Erlebnis war für mich die Sonntagsschule. Dort bin ich schon mit drei Jahren hingegangen. Die Geschichten der Bibel nahm ich in mein Gedächtnis auf und habe sie nie wieder vergessen. Manchmal saß ich in der Badewanne und spielte Jesus und der Sturm. Ich planschte im Badewasser, bis es über den Rand spritzte und verwandelte die Küche in den See Genezareth. Ich stellte mir vor, wie die Wellen immer höher schlugen, die Ruder zerbrachen, die Segel zerrissen und die Jünger in ihrer Todesnot schrien: „Herr, hilf uns, wir verderben!“ Aber Jesus war da und rief in die bösen Wogen hinein: „Schweigt 43


und verstummt!“ Dann wurde es auf dem Meer ganz still. Schwester Mathilde war eine wunderbare Erzählerin. Sie hat mich auch sehr geliebt. Mit sieben Jahren wurde ich eingeschult und ging zum Unterricht. Mutter hatte mir sogar einen neuen Ranzen aus Kunstleder besorgt. Ich war ein stolzes I-Männchen. In der dritten Klasse gab es für mich einen rabenschwarzen Tag. Er war so schlimm für mich, dass ich ihn mein ganzes Leben nicht vergessen kann. Einer Schülerin fehlte das Federmäppchen. Es war nirgends aufzufinden. Ich höre heute noch, wie die Lehrerin zu mir sagte: „Gitti, hast du das Federmäppchen gestohlen? Dir traue ich es am ehesten zu, denn du bist ein Adoptivkind.“ Ich brach sofort in Tränen aus. Bisher hatte ich nicht gewusst, dass ich noch eine andere, eine leibliche Mutter hatte. Ich musste bitterlich weinen. Nach dem Unterricht bin ich nach Hause gelaufen und habe mich schluchzend in die Arme meiner Mutter geworfen. Sie versuchte mich zu beruhigen, aber das wollte ihr nicht gelingen. Nach und nach kamen mir die Worte stockend über die Lippen. „Die Lehrerin hat gesagt, dass du gar nicht 44


meine richtige Mutti bist. Stimmt das?“ Mutter drückte mich fest an sich. „Kind“, tröstete sie mich, „ich bin schon deine Mutti, denn ich habe dich sehr, sehr lieb. Und das allein zählt. Vorher warst du im Bauch einer anderen Frau. Sie hat dich geboren, konnte aber nicht für dich sorgen. So hat sie dich im Kinderheim abgeben müssen. Von dort haben wir dich geholt, und nun bist du mein Kind, mein allerliebster Schatz. Du und ich, wir gehören zusammen. Ich habe dich ganz dolle lieb.“ Nun wusste ich, woran ich war. Diese notvolle Erfahrung hatte das Vertrauen zu meiner Mutter nicht erschüttern können. Im Gegenteil, es wurde immer stärker. Aber insgeheim ließ mich die Frage nicht mehr los: Wer ist meine leibliche Mutter? Wer ist mein Vater? In der Schule wurde ich von da an von einigen Kindern gemieden. Es hatte sich im Ort nämlich herumgesprochen, wer ich war. Einige Eltern überfiel die Angst, ich könnte vielleicht einen schlechten Einfluss auf ihre Kinder haben. Sie verboten ihnen den Umgang mit mir. Von diesem Tag an lag ein Schatten über mir. Der Lehrerin ist nie ein 45


Wort der Entschuldigung über die Lippen gekommen. Später wurde das Etui wieder gefunden. Es lag bei der Schülerin zu Hause unter dem Küchenschrank. Was mich besonders mit meiner Mutter verband, war der gemeinsame Gottesdienst. So lernte ich früh Jesus Christus als meinen persönlichen Herrn kennen. Ihm vertraute ich mein Leben an. In der Schule kam ich gut voran. Als ich mein Abschlusszeugnis in Händen hielt, war es so hervorragend, dass ich sofort eine Stelle in einer christlichen Buchhandlung fand. Lesen war schon immer mein Hobby gewesen. Gute Bücher wurden mir zu einem wichtigen Begleiter in meinem Leben. Ich besuchte auch einen christlichen Jugendkreis und fühlte mich dort sehr wohl. Eines Tages fragte mich ein junger Mann aus dem Jugendkreis, ob ich denn seine Frau werden wollte. Er hatte schon an mir Gefallen gefunden, als ich zwölf Jahre alt war und zu seiner Jungschartruppe gehörte. Ich liebte ihn, und so gab ich ihm mein Jawort. Aber damit fing die Tragödie wieder von vorn an. Es gab im Ort Leute, die meine zukünftigen Schwiegereltern warnten und ihnen von meiner 46


Adoption erzählten. Sie wollten uns Steine in den Weg legen und meinten: Eine Katze kauft man auch nicht im Sack, erst recht nicht eine Frau. Aber meine Schwiegereltern lernten mich kennen und zugleich lieben. Wir heirateten bald danach und spürten den Segen Gottes über unserer Ehe. Drei Kinder wurden uns geschenkt, zwei Töchter und ein Sohn. Sie wuchsen gesund heran. Wir vergrößerten mein Elternhaus und richteten uns wunderschön ein. Wenn es doch bloß nicht diese dunkle Wolke gegeben hätte, die mich immer wieder überschattete. Bei Arztbesuchen mit den Kindern wurde ich gefragt: „Liegen Erbkrankheiten vor?“ Dieser Satz gab mir einen Stich ins Herz. Inzwischen hatte ich mir angewöhnt zu sagen: „Davon ist mir nichts bekannt.“ Zumindest war die Antwort nicht gelogen. Gefreut habe ich mich, als 1976 ein neues Erbgesetz erlassen wurde, wonach auch Adoptivkinder erbberechtigt sind. Endlich war eine offizielle Gleichstellung erreicht. Eines Tages erhielt ich ein Schreiben vom Amtsgericht, dass ein lediger Cousin von mir verstorben war und ich zu den Erben zählte. Es handelte sich um eine sehr große Summe 47


Geld, die mir aus dem Erlös seiner Bauplätze und Ländereien zugesprochen wurde. Darüber freute ich mich. Es war eine riesige Überraschung. Aber drei Tage später kam erneut ein Brief, in dem es hieß, dass dem Amtsgericht leider ein Irrtum unterlaufen sei. Das neue Gesetz gelte nur für Adoptivkinder, die nach 1976 geboren seien. So wurde ich wieder von meiner Adoption eingeholt. Dabei ging es mir nicht um das viele Geld, sondern um die Demütigung und Erniedrigung, die ich erfahren musste. Denn in finanziellen Dingen ging es unserer Familie gut. Ich habe an meinem Beruf als Verwaltungsangestellte viel Freude gefunden. 14 Jahre lang arbeitete ich auch als Schulsekretärin und hatte guten Kontakt zu Eltern und Lehrern. Eines Tage begegnete ich im Amt einem Cousin. Erstaunt schaute er mich an und fragte: „Was machst du denn hier?“ – „Das ist mein Arbeitsplatz“, antwortete ich ihm. Er konnte es sich nicht verkneifen zu sagen: „Wie, du arbeitest hier? Das kann doch gar nicht sein.“ Wieder verspürte ich den Stich in meiner Seite. Ich ging mit ihm zum Parkplatz. Als ich in mein Auto einsteigen wollte, erfuhr ich die nächste De48


mütigung. „Wie?“, sagte er. „Du fährst einen Mercedes? Das glaube ich dir nicht.“ Warum musste er mich so herabsetzen? Heute gibt es so viele Mercedesfahrer. 1992 verstarb meine liebe Mutter. Nun sah ich den Weg frei, nach meinen leiblichen Eltern zu suchen. Hätte ich es vorher unternommen, wäre es vielleicht eine Kränkung für meine Mutter gewesen. Das wollte ich ihr nicht antun. Es war nicht leicht für mich zu erfahren, dass meine leibliche Mutter fünf Kinder hat, nie verheiratet war und jetzt von Sozialhilfe lebt. Als ich diese Nachricht hörte, entfuhr der Angestellten der Satz: „Dann ist Ihre Mutter also eine Hure.“ Diesmal saß der Stich besonders tief. Mein Herz war wie durchbohrt. Meine Mutter – eine Hure? Als mein Gegenüber meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, entschuldigte sie sich sofort für den Ausrutscher. Er hatte mir dennoch wehgetan. Nun hielt ich die Adresse meiner Mutter in meinen Händen. Was sollte ich tun? Unsere Tochter schlug vor, es mit einem Anruf zu versuchen. Als sie sagte: „Hier spricht Ihre Enkelin“, wurde der Hörer sofort mit den Worten aufgelegt: „Du dummes Miststück.“ 49


Darauf schrieb ich meiner Mutter einen lieben, netten Brief. Ich machte ihr keine Vorwürfe, sondern bat sie freundlich, ob wir uns kennen lernen könnten. Doch der Brief blieb unbeantwortet. An einem Sonntag unternahmen mein Mann, meine Tochter und ich einen Ausflug zu der Stadt, in der meine Mutter wohnte. Mein Mann klingelte, und vom zweiten Stock schaute eine recht gut aussehende Frau herunter. „Ach“, sagte mein Mann zu ihr, „ich habe hier im Vorgarten das schöne Vogelhäuschen bewundert. Mich interessiert, wer es gebaut hat. Es gefällt mir sehr gut, und ich würde mir gerne ein solches bestellen.“ Die Antwort lautete: „Mein Sohn hat es gebaut. Aber warten Sie, ich komme sofort herunter.“ Sie sprach dann mit meinem Mann. Sie unterhielten sich über Vogelarten und Futtersorten, ohne dass mein Mann sich zu erkennen gab. Ich saß in einiger Entfernung im Auto und schaute mir meine Mutter an. Aussteigen und zu ihr hingehen vermochte ich nicht. Ich war wie blockiert. „Ach, so sieht also deine Mutter aus“, sagte ich mir im Stillen. Auf dem Nachhauseweg bewegte mich der Gedanke: „Mutter, warum bist du 50


nur auf die falsche Spur des Lebens geraten und hast mich einfach weggegeben?“ Wieder spürte ich den Stich in meiner Seele. Dann aber wurde ich an die Geschichte von Joseph in der Bibel erinnert. Beinahe wäre er von seinen eigenen Brüdern ermordet worden. Sie haben ihn nach Ägypten in die Sklaverei verkauft, wo er viel Schweres durchmachen musste. Doch am Ende seines Lebens konnte Joseph sagen: „Die Menschen gedachten es böse mit mir zu machen, aber Gott hat alles gut gemacht.“ Bin ich nicht auch ein Josephskind?

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