1 Hank Coolidge Nice, Illinois „Komm schon, Kleine. Ich könnte die Rothaarige doch nie mehr lieben als dich.“ Ich streichle Starlights verschwitzten Hals und lehne mich in die Kurve, als wir zu nah an den kleinen Teich kommen. Ich rieche Schlamm und Fisch. „Okay. Ich gebe zu, dass Cleo ziemlich gut aussieht. Sie hat Mumm und Feuer. Aber niemand ist so süß wie du, Starlight. Außerdem hatte ich schon immer eine Vorliebe für Farbkleckse.“ Mehrere Minuten lang war ich blind geritten. Auf einem Pferderücken die Augen geschlossen zu halten ist nicht gerade einfach. Ich mache das auch nicht oft. Aber wenn ich mich besonders verbunden mit meinem blinden Pferd fühlen will, ist das die beste Möglichkeit. Ich kann ihr genauso vertrauen wie sie mir. Wir beide sind schon so oft über diese Wiesen geritten und kennen jeden Zentimeter, deshalb gibt es hier nicht viele Überraschungen für uns. Unser letzter Ausritt liegt inzwischen eine Woche zurück und ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals so wenig Zeit miteinander verbracht haben. Aber der Rotschopf – ein Fuchs namens Cleopatra – hat mich jede Minute meiner freien Zeit gekostet. Gestern hat sie mich zum ersten Mal dicht genug an sich heran gelassen, um sie zu striegeln. Cleo ist ein traumhaftes dänisches Warmblut, mit einem Stockmaß von 1,70 Meter, einem wunderschön geformten Hals, perfekten Schultern, einem muskulösen Rücken und starken Beinen … und sie ist so empfindlich, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals auf ihr reiten zu können. 3
Wir haben Cleo vor ein paar Wochen, also Ende Oktober, aus einem Zirkus gerettet und hierher nach Last Hope gebracht. Ich habe tausend Fragen. Zum Beispiel würde ich gerne den Zirkusdirektor fragen, was sie dem armen Tier angetan haben, dass es so eine schreckliche Angst vor Menschen hat. Starlight wirft den Kopf in den Nacken und ich spüre an der Anspannung in ihrem Rücken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich öffne die Augen und suche den Boden ab, während ich sie beruhige. Keine Schlangen. Nichts Ungewöhnliches. Starlight schnaubt und tänzelt auf der Stelle. Dann rieche ich es. Rauch. Bitte lass es nur brennende Blätter sein! Aber ich weiß, dass es nicht so ist. Mein Vater ist Feuerwehrmann. Ich kenne Feuer. Ich blicke über die Weide zurück, über zwei Felder hinweg, und da sehe ich es – eine dicke Rauchwolke, so als würde ein Gewitter aufziehen. Ich kann unser Haus nicht sehen. Aber der Himmel ist rot wie bei einem Sonnenuntergang. Starlight bricht in Galopp aus, bevor ich ihr auch nur eine Anweisung geben kann. Sie galoppiert, rennt direkt nach Hause. Ich presse mich an sie und zusammen fliegen wir dahin. Mein Verstand rast. Wer ist alles im Haus? Ist Kat noch drin? Schläft sie? Würde sie den Rauch riechen? Den Alarm hören? Ist Wes im Haus? Dakota? „Komm schon, Mädchen“, flüstere ich leise. Längst haben wir die Weide hinter uns gelassen und sind schon auf der nächsten. Gras, Blätter, Bäume – alles fliegt nur so an uns vorbei. Der beißende Gestank wird jetzt immer intensiver. Meine Augen fangen an zu brennen. Aus dem grauen Rauch kommt ein Pferd direkt auf uns zu. Ich kann seine Farbe nicht genau erkennen. 4
Jemand reitet es. Der lange Schritt und der gestreckte Nacken sagen mir, dass es Blackfire sein muss. Und das bedeutet, dass Dakota ihn reitet. Sie fliegen direkt auf Starlight und mich zu. Keiner von uns verringert das Tempo, während wir aufeinander zu reiten. Gerade als ich Starlight zügeln will, damit wir nicht zusammenprallen, reißt Dakota Blackfire um 180 Grad herum und galoppiert plötzlich neben mir. Beeindruckend! „Sind alle aus dem Haus?“, rufe ich ihr über das Trampeln der Hufe und das Rauschen des Windes hinweg zu. Wir galoppieren jetzt Seite an Seite. „Ja!“ Sie ruft noch etwas anderes, aber ich kann sie nicht verstehen. Doch da sie ja gesagt hat, sind alle draußen. In Sicherheit. Alles andere können wir regeln. „… Pferde, Hank!“, ruft Dakota. Und wieder kann ich nicht verstehen, was sie meint. „Was?“, schreie ich und galoppiere immer noch in vollem Tempo. „Nicht das Haus!“, schreit sie zurück. „Die Scheune!“ Ich blicke in Richtung Scheune und kann es jetzt selbst erkennen. Dichter Rauch dringt aus der Scheune. Nicht aus dem Haus. Flammen lodern zum Himmel. „Die Pferde?“, rufe ich. „Dakota, sind die Pferde draußen?“ Drei. Drei waren noch in der Scheune. Maggie und Bay Boy, die beiden geretteten Pferde, die wir im Moment noch nicht vermitteln konnten. Und Cleo. Ich hätte sie auf die Weide bringen sollen. Aber ich war so versessen darauf, Starlight zu reiten. Ich habe sie im Stall gelassen bis nach meinem Ausritt. „Maggie und Bay Boy sind in Sicherheit. Popeye und ich haben sie rausgeholt“, ruft Dakota. „Und Cleo?“, frage ich weiter. Mein Hals wird eng 5
bei dem Gedanken. Ich kann kaum noch atmen. „Was ist mit Cleo?“ Dakota schüttelt den Kopf. „Hank …“ Sie weint. Galoppiert. Und weint. „Was ist mit ihr?“ Dakota kommt so dicht an mich heran, dass Blackfire mein Bein berührt. „Cleo ist noch im Stall!“
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2 „Halt!“ Ich ziehe hart an den Zügeln. Starlight kommt schlitternd zum Stehen. „Dakota! Komm zurück!“ Sie braucht einen Augenblick, bis sie Blackfire wendet. „Warum hältst du an? Hast du mich nicht gehört? Cleo ist noch im Stall! Wir müssen sie –“ Ich springe von Starlight und werfe Dakota die Zügel zu. „Bleib hier!“ „Ich will helfen!“, ruft sie. Aber sie nimmt die Zügel. „Ich hab keine Zeit zum Streiten. Willst du etwa, dass Blackfire zurück in den Stall läuft?“ Sie antwortet nicht. Ich weiß, dass sie darüber noch gar nicht nachgedacht hat. Aber genau das machen Pferde, die panisch sind. Sie versuchen, an einen sicheren Ort zurückzukommen, dorthin, wo sie sich zu Hause fühlen. Ich rufe: „Egal, was passiert, lass bloß keins der Pferde in die Nähe der Scheune!“ Ich glaube nicht, dass mein Pferd versuchen würde, in seine Box zu kommen, aber in solch einer Situation kann man für nichts garantieren. Ich renne auf die Scheune zu. Mein Herz rast. Rauch erfüllt die Luft. Es tut weh zu atmen. Jemand schreit. Ich glaube, es kommt aus dem Stall. Der Schrei ist schrill. Wie aus einer anderen Welt. Er kann nicht von einem Pferd kommen. Von Cleo. Dad hat seine Feuerwehrkluft an. Es wirkt geradezu lächerlich: ein einziger Feuerwehrmann, der mit einem Gartenschlauch vor einer brennenden Scheune steht. „Dad! Dad!“, rufe ich über den Platz, aber er dreht sich nicht um. Das Feuer frisst unsere Scheune auf, Flammen schlagen aus dem Dach. Es knackt und knistert. „Hank!“ Kat steht vor dem Haus, als ich vorbeiren7
ne. Sie weint. Sie streckt den Arm nach mir aus, aber ich kann jetzt nicht stehenbleiben. Cleo könnte jetzt gerade sterben – verbrannt in einem Feuer. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Wes seine Hunde zurückhält. Sie bellen das Feuer an, das Chaos. Wes brüllt sie an. Bisher wusste ich nicht, dass Feuer so laut sind. Dad hat nie gesagt, dass sie so laut sind. Ich werde nicht langsamer, bis ich endlich bei meinem Vater bin. „Cleo …“ Mir bleibt die Luft weg. Ich huste und spucke aus. Ich habe Angst davor, mich übergeben zu müssen. „Ich weiß!“, ruft Dad zurück. Er bewegt den kleinen Schlauch vor und zurück, eine Wasserpistole, die versucht, die Sonne zu löschen. Der Wasserstrahl biegt sich bis zum Dach. Aber die Flammen verschlingen das Wasser, als wären sie dankbar für den Trank. „Die Feuerwehr ist auf dem Weg!“, schreit Dad. „Sie ist in ein paar Minuten da.“ Ich versuche, ins Innere der Scheune zu sehen. Rauch quillt aus den Fenstern. Ich höre, wie Glas zersplittert. Irgendetwas bricht mit lautem Krachen zusammen. Ich gehe auf das Tor zu. „Hank, nein!“, ruft Dad. „Ich muss!“, rufe ich zurück. Er packt mich von hinten. Doch ich versuche ihn abzuschütteln. Wir beide fallen zu Boden. „Hör zu. Du kannst da nicht rein.“ Sein Griff ist stark. Der Gartenschlauch spritzt jetzt mit schlangenartigen Bewegungen frei in der Gegend herum. Ich schaffe es Dads Hand abzuschütteln und kämpfe mich auf die Füße. Aber ich versuche nicht, wieder in die Scheune zu laufen. Flammen lecken aus dem Tor. Sie springen hervor, verschwinden und springen wieder hervor. „Ich kann sie doch nicht einfach verbrennen lassen!“ 8
„Komm hier rum!“ Dad hat wieder den Gartenschlauch in der Hand. Während er ihn in ein Fenster hält, schiebt er mich zur Seite. „Mir nach!“ Wir gehen um die Scheune herum nach hinten zur Stallseite. „Sie ist da“, zeigt er mir. Dicke Rauchschwaden kommen aus den Boxen, aber die Flammen haben den hinteren Teil noch nicht erreicht. „Dakota hatte sie schon rausgebracht, aber dann ist das arme Tier panisch zurückgaloppiert. Danach konnten wir uns ihr nicht mehr nähern. Deshalb ist Dakota losgeritten, um dich zu suchen. Die anderen sind in Sicherheit.“ Meine Augen tränen. Rauchwolken, dick und grau, erfüllen die Scheune und es wird immer schwerer, die Boxen zu erkennen. Aber Cleo ist immer noch dort. Sie muss dort sein. „Cleo!“, schreie ich. Es ist hoffnungslos. Das Pferd hat nicht mal auf mich gehört, als alles noch gut war. In einem Feuer wird es erst recht nicht auf mich reagieren. Dieser Stall ist der einzige sichere Platz, den Cleo kennt. Vielleicht der sicherste Platz, den sie bisher in ihrem Leben hatte. Ich gehe auf den Stall zu. „Was machst du da?“, ruft Dad. Er zielt mit dem Schlauch dicht vor mich. Dann hält er den Wasserstrahl in den Stall. Um den Strahl herum verzieht sich der Rauch. Und dann sehe ich sie. Cleo. Sie steht da, ängstlich in eine Ecke des Stalls gedrängt. „Da ist sie, Dad! Ich muss es versuchen. Ich bin vorsichtig.“ „Sie wird nicht mit dir kommen, Hank. Das weißt du doch.“ Ja, das stimmt. Panische Pferde denken, dass der Teufel, den man sehen kann, immer noch besser ist als der Teufel, den man nicht sieht. Das ist es. „Ich muss ihr die Augen verbinden!“ Ich 9
ziehe mein Sweatshirt aus. Die Hitze des Feuers brennt auf meiner Haut. „Mach mein Shirt nass. Bitte!“ Dad versteht mich und durchtränkt mein Sweatshirt mit dem Wasserstrahl. Ich atme tief ein und gehe dann vorsichtig in den Stall. Währenddessen binde ich die Ärmel zusammen. Meine Augen brennen so schrecklich, dass ich kaum etwas erkennen kann. Meine Hände zittern. Mit dem Fuß spüre ich eine Tür, trete dagegen und gehe weiter. „Cleo, ich bin’s.“ Ich kann nichts sehen. Mein Hals brennt, als hätte ich Feuer geschluckt. Ein seltsamer Geruch liegt in der Luft. Der Rauch. Aber nicht nur das. Da ist noch etwas anderes. Wie verbranntes Fleisch. Ich presse das nasse Sweatshirt auf mein Gesicht und versuche zu atmen. Dann sehe ich Cleo. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Ihre Nüstern gebläht. Sie tänzelt in ihrer Ecke und versucht sich regelrecht an die Wand zu pressen. „Ruhig, Mädchen.“ Die Worte, der Rauch, das Feuer bringen mich so zum Husten, dass ich mich kaum aufrecht halten kann. „Ruhig“, versuche ich es noch einmal. Sie ist alles andere als ruhig. Sie wiehert. Ihr Geschirr klirrt. Ich habe ihr das Geschirr angelassen. Nach meinem Ausritt wollte ich gleich zu ihr zurück. Ich hätte sie ... Aber dafür ist jetzt keine Zeit. So schnell wie möglich muss ich sie hier raus bringen. Von draußen ruft Dad irgendetwas. Ein ständiger Wasserstrom hält mir den Rückweg offen. Draußen kracht irgendetwas. Das Dach knackt. Feuer prasselt. Cleo bäumt sich wieder und wieder auf. Wenn sie so in die Ecke gedrängt ist, ist Aufbäumen ihre einzige Verteidigungsmöglichkeit. Ich zähle ihre Bewegungen ab – hohes Aufbäumen, 10
gefolgt von zwei kleineren Tritten. Groß. Klein, klein. Als ihre Hufe wieder auf den Boden treffen, mache ich meinen Schritt. Ich springe dicht an sie heran und lege ihr das nasse Shirt über die Augen. Sie wiehert, aber ich stelle mich so an ihre Seite, dass ihre Vorderbeine zwar ausschlagen, mich aber nicht mehr treffen können. Dann greife ich nach dem Halfter. „Komm schon.“ Sie bewegt sich nicht. Ihre Hufe sind wie angewurzelt und sie presst ihren Körper noch fester in die Ecke. Am Rumpf hat sie eine schwarze Stelle. Eine schlimme Verbrennung. „Bitte, Cleo!“ Ich weiß es besser, als sie direkt aus dem Stall zu führen. Sie ist viel stärker als ich. Wenn sie wüsste, wo es hingeht, würde sie nicht mitkommen. „Hank! Komm da raus!“, schreit Dad. Er steht jetzt im Eingang. Mir läuft die Zeit davon. „Bleib weg!“, rufe ich ihm zu. Ich ziehe das Halfter in meine Richtung und bringe so Cleo aus dem Gleichgewicht. Wenn es mir gelingt, sie in Bewegung zu bringen und sie im Kreis zu führen, wird sie nicht mehr wissen, wo sie ist. Ich ziehe sie in einem engen Kreis hinter mir her. Bei jedem Schritt stolpert sie. Ich gehe noch einen weiteren Kreis. Dann gehe ich schnurstracks auf die Tür zu. Sie hat sich wieder gefangen. Dann springt sie plötzlich nach vorne. Ich kann sie nicht halten. Das Shirt ist ihr von den Augen gerutscht. Dad springt gerade noch rechtzeitig aus dem Weg. Und Cleopatra fliegt aus der Tür. „Ja!“, rufe ich ihr nach. „Wir haben es geschafft!“ Ich renne hinter ihr her, heraus aus der Scheune. Cleo steht ein paar Meter von der Scheune entfernt. Sie zittert. Ein schreckliches Wiehern dringt tief aus ihrem Innern. Es fährt ihr durch die Rippen, lässt ih11
ren Körper erzittern und mich trotz der Hitze des Feuers zu Eis erstarren. Cleo bäumt sich wieder auf, tritt in die Luft. Dann dreht sie sich um, die Ohren flach angelegt. „Geh aus dem Weg!“, ruft Dad. Cleo will zurück in den Stall. Und ich bin derjenige, der zwischen diesem Pferd und dem Feuer steht. Ich sehe das Weiße in ihren Augen. Sie senkt den Kopf wie ein kämpfender Bulle. Bleckt die Zähne. Und greift an.
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3 „Hank! Aus dem Weg!“, schreit Dad wieder. Er bespritzt mich mit Wasser aus dem Schlauch. Nur, dass ich einfach nicht aus dem Weg gehen kann. Wenn Cleo wieder zurückrennt, war es das. Sie würde bei lebendigem Leibe verbrennen. Plötzlich explodiere ich. „Verschwinde! Weg hier!“, schreie ich und wedle wie ein Verrückter mit den Armen. „Cleo, weg hier!“ Ich stampfe mit den Füßen. Ich schreie. Ich mache Geräusche, von denen ich nicht gedacht hätte, dass ich sie erzeugen kann. Dann richtet Dad den Gartenschlauch auf Cleo. „Auf! Verschwinde hier!“ Cleo wird langsamer, kommt aber weiter auf uns zu. Dad hebt den Schlauch, um ihr mitten ins Gesicht zu spritzen. „Hau ab!“, schreie ich. Ich laufe mit wedelnden Armen auf sie zu. Schreiend, springend, stampfend. Das Pferd bäumt sich auf. Dann wendet es und saust in vollem Galopp davon. Dad packt mich am Arm und zerrt mich von der Scheune weg. Hinter mir kracht es. „Hank, weg hier! Du bist zu dicht dran. Gleich bricht alles zusammen.“ Ich spüre, wie er mich wegzieht. Dann höre ich das Krachen und Ächzen der Scheune hinter mir. Aber alles, was ich sehen kann, ist die wunderschöne Cleopatra. Mit erhobenem Schwanz und gestrecktem Kopf galoppiert sie über die Weide. Ich kann meine Augen nicht von ihr wenden. Sie wird nicht einmal langsamer, als sie sich dem Zaun nähert. Ich glaube, sie rennt direkt hinein. Doch dann springt sie. Sie segelt. Sie fliegt. Und mit perfekter Grazie landet sie wieder auf dem Boden und galoppiert weiter. 13
„Du hast sie gerettet, mein Sohn.“ Dads Arm liegt um meine nackte Schulter. Es tut weh, als hätte ich mir einen Sonnenbrand zugezogen. Mir ist erst heiß, dann wieder kalt. Dad zieht mich noch weiter von der flammenden Scheune weg. „Du hast diesem Pferd das Leben gerettet.“ Und wofür? Was für ein Leben kann dieses Pferd jetzt noch haben? Cleo wird nie verstehen können, warum ich das gerade getan habe. Sie wird mir nie mehr vertrauen. Sie wird nie mehr jemandem vertrauen. Nicht nach dem, was heute passiert ist. „Die Feuerwehr kommt! Hörst du es?“, ruft Dad. Dann höre ich die Sirenen. „Hank?“ Er zeigt in Richtung Straße. Dann schlüpft er aus seiner Jacke, zieht sein Flanellhemd aus und reicht es mir. Als ich es nicht nehme, legt er es mir einfach um. Vier Feuerwehrautos rasen auf unser Haus zu. Man kann sie kaum erkennen, bei dem Staub, den sie aufwirbeln. Sirenen heulen und werden immer lauter. Mir kommt es vor, als würde vor mir ein Film ablaufen, wie im Fernsehen. So unwirklich wirkt das alles hier auf mich. Und ich denke nur – als hätte das Ganze nichts mit mir zu tun – Nice hat doch nur zwei Feuerwehrautos. Woher kommen die anderen beiden Trucks? Aber das hier ist nicht Fernsehen. Die Fahrzeuge sind Wirklichkeit. Sie biegen tatsächlich in unsere Einfahrt, die ohrenbetäubenden Sirenen sind nicht zu überhören. Einer von Wes’ Hunden reißt sich laut bellend los und stürmt auf das vorderste Auto zu. Dad winkt mit den Armen, als müsste man uns von einer einsamen Insel retten. „Hier sind wir!“, ruft er. Als könnten sie die Flammen nicht sehen. Als würden sie den schwarzen Rauch nicht bemerken, der unseren kleinen Teil der Welt einhüllt. 14
„Hank, das ist der Van deiner Mutter!“ Ich sehe nur noch verschwommen, also muss ich mehrere Male blinzeln, bis ich sie erkenne. Sie fährt dicht hinter dem letzten Truck. Wieder muss ich husten und mein ganzer Oberkörper krampft sich zusammen. Es ist, als stünde mein Hals in Flammen. Und es ist heiß, so heiß. „Kat muss meine Annie im Krankenhaus angerufen haben“, sagt Dad und winkt Mom. Ich weiß, dass er am liebsten zu ihr gerannt und sich in ihre Arme geworfen hätte. Aber er hält immer noch tapfer den Gartenschlauch aufs Feuer gerichtet. Und das bringt mich fast zum Lachen. Doch mein Verstand ist wie betäubt. Meine Finger kribbeln. Als ich nach unten blicke, merke ich, dass meine Fingerkuppen schwarz sind. „Ich sollte zu meiner Annie“, sagt Dad. „Ich muss ihr sagen, was hier los ist.“ „Ich denke, sie weiß es schon, Dad.“ Wieder habe ich das Gefühl, dass ich lachen muss. Es fühlt sich komisch an. Als wäre ich zwischen Lachen und Weinen gefangen. Ich betrachte die Flammen so, wie ich mir immer das Feuerwerk am vierten Juli ansehe. Feuer ist eigentlich schön. Wie hatte ich das bisher übersehen können? „Trotzdem“, bestand Dad, „muss ich mit deiner Mutter reden.“ Er wirft einen Blick ans Ende der Einfahrt, wo der Van zum Halten gekommen ist. Die Feuerwehrautos sind schon am Haus vorbei und auf dem Weg über die mit Blättern übersäte Wiese zu uns. Dad starrt auf den bemitleidenswerten Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch. Dann legt er ihn nieder und sieht endlich ein, was mir schon lange klar ist. Es bringt einfach nichts. „Du bist immer noch zu dicht an der Scheune, Hank.“ Dad packt mich am Arm und zieht mich weg. 15
Ich taumle rückwärts, nicht in der Lage, meinen Blick vom Feuer zu wenden. „Es geht mir gut.“ Meine Stimme ist ruhig, warm. Mein Hals steht immer noch in Flammen. Auch mein Magen fühlt sich an, als würde darin eine Feuersbrunst wüten. „Bleib einfach aus dem Weg!“, ruft Dad. Schon rennt er um die Scheune herum auf Mom zu. Ich höre, wie die Feuerwehrmänner sich gegenseitig Anweisungen zurufen, aber durch den ganzen Rauch kann ich sie nicht sehen. Ich bin ganz alleine mit dem Feuer. Und Gott. Er ist doch überall. Das glaube ich zumindest seit meinem sechsten Lebensjahr, vielleicht sogar schon länger. „Warum hast du das geschehen lassen?“, flüstere ich. Ich rede mit Gott, aber es fühlt sich nicht an wie ein Gebet. „Warum?“, frage ich lauter. „Hättest du nicht lieber den Circus in Flammen aufgehen lassen können? Oder all die Scheunen, in denen Menschen deine Geschöpfe misshandeln? Warum wir? Warum hast du das auf Last Hope geschehen lassen?“ Keine Antwort. Ich kenne Jesus schon so lange und habe noch nie bezweifelt, dass er mich hört, wenn ich bete. Doch jetzt bin ich mir da nicht so sicher. Ich höre ein Wiehern, lang und laut. Starlight. Wieder höre ich das Wiehern, von Angst erfüllt. Für einen Augenblick setzt mein Herzschlag aus und ich bin bereit, wieder in die brennende Scheune zu rennen. Doch dann fällt es mir wieder ein. Mein Pferd ist nicht im Stall. Ich gehe um die Scheune herum, bis ich Starlight durch den Rauch und das Durcheinander sehen kann. 16
Dakota ist nicht da geblieben, wo ich es ihr gesagt hatte, aber sie sitzt immer noch auf ihrem Pferd und hat meins an den Zügeln. Sie redet mit einem Mann, den ich nicht erkenne. Ein anderer Mann steht hinter ihnen und es kommt mir so vor, als hätte er eine Kamera. Hinter Moms Van steht ein weißer Übertragungswagen irgendeines Nachrichtensenders. Sind wir ein Fall für die Nachrichten? Die Feuerwehrmänner haben sich wie Heuschrecken um die Scheune verteilt. Wie Termiten. Dicke Wasserstrahle ergießen sich über das Dach. Das Rauschen und Dampfen vermischt sich mit dem Knistern und Knacken des Feuers. „Hey! Hier hinten ist noch jemand!“ Ein Feuerwehrmann, den ich noch nie vorher gesehen habe, rennt auf mich zu. „Du da! Verschwinde hier!“ Als ich mich nicht bewege – weil ich es einfach nicht kann – schiebt er mich. „Lou! Das ist Hank. Chesters Sohn.“ Mr McCarthy rennt auf mich zu. Ich kenne Mac schon so lange ich mich erinnern kann. „Es ist mir egal, wer das ist“, ruft der andere. „Bring ihn hier weg!“ Mac legt seinen Arm um meine Schulter, wie es mein Vater vorhin getan hat. Ich frage mich, ob man das auf der Feuerwehrschule lernt. Ich kann mich kaum noch konzentrieren, aber das muss ich. Ich bin Hank Coolidge. Ich denke rational. Logisch. Vernünftig. Aber vielleicht ist meine Fähigkeit zu denken mit dem Feuer verbrannt. „Komm schon, Hank“, bittet mich Mac. „Das alles tut mir wirklich leid. Aber du kannst nicht hier bleiben. Wir haben das Feuer zwar unter Kontrolle, aber es kann wieder aufflammen.“ Mac wartet darauf, dass ich etwas sage. Aber ich habe nichts zu sagen. 17
„Geht es dir gut?“, fragt er und schüttelt mich leicht. Ich bin größer als er, größer als Dad und größer als jeder andere, den ich kenne. „Hast du dich verletzt?“ Er tritt einen Schritt zurück und mustert mich von oben bis unten. „Warum gehst du nicht ins Haus, Junge? Lass uns die Sache jetzt übernehmen, ja?“ Ich sehe Mac finster an. Er und Dad sind der Freiwilligen Feuerwehr am gleichen Tag beigetreten. „Hank, ist alles in Ordnung?“ Er hat es aufgegeben, auf eine Antwort zu warten. „Du musst jetzt hier verschwinden.“ Jetzt redet er wie ein Feuerwehrmann und nicht mehr wie ein alter Freund. Er zieht eine Rolle mit gelbem Band hervor und geht zurück zur Scheune. Ein anderer Feuerwehrmann – ich kenne ihn, aber ich kann mich im Moment nicht an seinen Namen erinnern – nimmt das Ende des gelben Bandes entgegen. Zusammen rollen sie es ab und spannen es von einem Baum zum nächsten um die Scheune herum. Und dann verstehe ich plötzlich. Das ist Band, mit dem man einen Tatort absperrt. Unser Hof ist jetzt ein Tatort.
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4 Winnie Willis Ashland, Ohio „Winnie! Calvin! Kommt her. Du liebe Güte! Das ist schrecklich! Ich kann es nicht glauben!“, ruft Claire Coolidge, Catmans Mutter, aus dem Fenster. Catman und ich sind gerade mit meinem Pferd, Nickers, ausgeritten und kommen wieder zu Catmans Haus. Ich kenne Mrs Coolidge seit fünf Jahren und sie regt sich über viele Dinge auf, aber so habe ich sie noch nie erlebt. Ohne ein Wort zu sagen, rutscht Catman von Nickers Rücken und rennt ins Haus. Auch ich springe vom Pferd, sage Nickers, dass sie hier auf mich warten soll, und renne hinter Catman her. „Was ist los? Geht es Ihnen nicht gut?“, frage ich Mrs Coolidge. Ihre Frisur sieht aus, als wäre sie von einem Tornado überrascht worden. Sie sitzt vor dem kleinen Fernseher im Wohnzimmer – dem einzigen Schwarzweißfernseher, den ich je gesehen habe – und ringt die Hände. Ihre Augen sind weit aufgerissen und sie weint. „Das ist Chesters Farm“, sagt sie. „Ich weiß es genau.“ Catman setzt sich im Schneidersitz vor den Fernseher. „Oh Mann“, murmelt er. Ich glaube nicht, dass ich einen Chester kenne, deshalb starre ich auf die kleinen Figuren im Fernsehen, aber ich kann niemanden erkennen. Die Kamera schwenkt von einer brennenden Scheune auf ein Farmhaus, dann zu einem dunkelhaarigen Mädchen auf einem schwarzen Pferd. Überall sind Feuerwehrautos und -männer zu sehen. 19
„Welcher Chester?“, frage ich. „Onkel Chester“, erklärt Catman. Sein Gesicht ist nur wenige Zentimeter vom Bildschirm entfernt. Die Bilder dort spiegeln sich in seiner Brille wider. „Ich wette, das ist Dakota.“ Er zeigt auf das Mädchen auf dem schwarzen Pferd. Und dann kapiere ich es. Ich schnappe nach Luft und lasse mich neben Catman fallen. Chester Coolidge. Dakota. Das im Fernsehen muss Last Hope sein. Und es steht in Flammen. Der Reporter streckt dem Mädchen ein Mikrofon entgegen. Jetzt erkenne auch ich Dakota, denn Kat hat sie mir in ihren E-Mails ziemlich gut beschrieben. Kein Wunder, dass die Kamera sie in Großaufnahme zeigt. Dakota ist sehr hübsch, mit langem, dunklem Haar. Sie erinnert mich ein bisschen an meine Freundin Hawk, die indianische Vorfahren hat. Mrs Coolidge hinter mir schluchzt. Catman dreht den Ton des Fernsehers lauter. Dakota weint, aber ihre Stimme ist fest. „Ich dachte, ich rieche Rauch. Und als ich aus dem Fenster sah, stand die ganze Scheune in Flammen. Popeye hat auf dem Sofa geschlafen –“ „Popeye?“, unterbricht der junge Reporter. „Ich meine, Chester Coolidge. Mein Vater. Mein Pflegevater. Er ist Feuerwehrmann –“ Catmans Mutter schnappt nach Luft. „Seht ihr? Ich habe es doch gesagt! Ich muss sofort Mr Coolidge anrufen! Ich muss ihm sagen, dass das Lebenswerk seines Bruders gerade in Flammen aufgeht!“ Die beiden sind schon mindestens seit zwanzig Jahren verheiratet, aber sie nennen sich gegenseitig immer noch Mr und Mrs Coolidge. „Pssst.“ Catman dreht die Lautstärke noch höher. Seine Mutter huscht in die Küche zum Telefon. In der oberen Ecke des Bildschirms steht „LIVE“. 20
Darunter „Schrecklicher Scheunenbrand im ländlichen Illinois“. Schrecklicher Scheunenbrand. Ich bekomme Magenschmerzen, als ich das lese. Mir wird schwindelig. Ich weiß nämlich, was bei einem Scheunenbrand mit den Pferden passiert. Dakota redet immer noch mit dem Reporter. „Ich habe zwei Pferde rausgeholt und sie auf die Koppel gebracht. Aber Cleo ist zurück in die Flammen galoppiert.“ Nun bricht Dakota endgültig in Schluchzen aus. Eine Frau kommt ins Bild gerannt und schiebt den Reporter zur Seite. Sie ist klein und stämmig, ungefähr so groß wie Catmans Mutter. „Jawoll, Tante Annie!“, feuert Catman sie an. Aber der Reporter gibt nicht auf. Er streckt das Mikrofon in Richtung der beiden und kann so aufnehmen, was sie reden. „Ich muss etwas unternehmen!“, weint Dakota. „Hank ist zurück in die Scheune gerannt, um Cleo zu holen, ich … ich weiß nicht, ob er es geschafft hat. Ich habe Cleo nicht gesehen. Und Hank auch nicht!“
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