Kapitel 1
Marie
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eine Mutter wäre die perfekte Romanheldin. Sie ist alleinerziehend, jung, ein echtes Organisationstalent und als Krankenschwester im Würzburger Universitätsklinikum scheint sie einfach alles fertigbringen zu können. Niemand würde jemals behaupten, sie sei langweilig, spießig oder irgendwie zu streng. Das Einzige, was sie nicht wirklich kann, ist, die Mutter einer Siebzehnjährigen zu sein. Zuhören, Verständnis haben, trösten – solche Dinge stehen nicht gerade weit oben auf der Liste ihrer Fähigkeiten. „Wasser“, keucht sie, als sie reichlich spät von der Arbeit nach Hause kommt. Es ist halb fünf und ich sitze an den ersten Hausaufgaben dieses Schuljahres. „Ich brauche Wasser“, wiederholt meine Mutter und lässt sich auf den Küchenstuhl neben mir fallen. Die Mineralwasserflasche, die auf dem Tisch steht, ist so gut wie leer. Seufzend stehe ich auf, um eine weitere aus dem Kühlschrank zu holen, und bekomme dafür ein dankbares „Du bist ein Schatz!“ zu hören. Eine Ewigkeit vergeht, während meine Mutter die Flasche halb leert und ich meinen Kram zusammenpacke. An einem Freitagnachmittag sehe ich keinen Grund, mich noch länger mit dem schematischen Aufbau einer Pflanzenzelle zu beschäftigen. 5
Mittlerweile hat meine Mutter das Chaos neben der Spüle entdeckt, das sich von Frühstück und Mittagessen angesammelt hat. Schmutzige Teller, leere Joghurtbecher und Pfannen mit klebrigen Resten darin. „Oh je“, seufzt sie. „Hilfst du mir damit?“ „Geht nicht.“ Ich stopfe das abgewetzte Federmäppchen in meinen Rucksack. „Sonst verpasse ich den Bus.“ „Du gehst noch weg?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht sie zuerst auf die Uhr und dann auf den Kalender neben der Tür. „Doch nicht etwa schon wieder mit diesem Kerl. Diesem … wie hieß er noch gleich?“ Ich weiß genau, was jetzt kommt, und beeile mich zu widersprechen: „Bastian. Aber ich gehe ...“ „Marie, wir wohnen noch keine vier Wochen hier und du hast schon ein Date nach dem anderen!“ Eigentlich habe ich etwas anderes sagen wollen, aber zuerst muss ich noch etwas zu meiner Verteidigung loswerden: „Ich bin erst zweimal mit ihm ausgegangen!“ „Zweimal zu oft, wenn du mich fragst.“ Sie steht auf und lässt Wasser in das Spülbecken laufen. „Seit wann bist du eigentlich so kleinlich, was das angeht?“, frage ich patzig und fange das Geschirrtuch auf, das sie mir zuwirft. Manchmal hat selbst meine Mutter ihre moralische Phase. Dann versucht sie, alle Fehler, die sie je gemacht hat, auf mich zu projizieren. „Geh meinetwegen mit einem anderen aus“, meint sie und klingt jetzt selbst wie ein bockiger Teenager. „Aber doch nicht mit so einem.“ „So einem was?“ „So einem affektierten Schönling.“ Schwungvoll schüttet sie Spülmittel ins Wasser. „Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich –“ Ich werfe das Geschirrtuch demonstrativ neben ihr 6
auf die Anrichte. „Wenn du meine Entscheidungen triffst? Vielleicht lässt du mich auch einfach erstmal ausreden. Ich gehe nicht mit Bastian aus, ich gehe in die Stadt und anschließend mit Lena und Christopher aus meinem Jahrgang in einen Jugendkreis.“ „Oh.“ Ein bisschen betreten zuckt sie mit den Schultern und überlegt wohl einen Moment, ob es angebracht wäre, sich zu entschuldigen. Aber sie wäre nicht meine Mutter, wenn sie das wirklich täte. Im Entschuldigen sind wir beide mies. „Ich will ja nur dein Bestes, Mäuschen. Etwas Besseres, als ich es hatte. Dein Vater war auch so ein selbstverliebter Paradegaul und du weißt ja, wozu das geführt hat.“ „Du leidest unter Verfolgungswahn, Mama.“ Immer noch nicht ganz versöhnt greife ich wieder nach dem Geschirrtuch und rubble schnell einen Teller trocken. „Nicht alle Kerle sind so.“ „Hm“, meint sie dazu nur. „Also, was ist das für ein Jugendkreis?“ Ich zucke mit den Schultern. Schließlich bin ich selbst sehr gespannt, was mich dort erwarten wird. „Eine christliche Jugendgruppe eben.“ Ich kann richtig sehen, wie meine Mutter bei dem Wort „christlich“ ein wenig das Gesicht verzieht. „Aha“, sagt sie vage. Sie würde mir das nie ausreden. Als ich mich während meiner Zeit als Konfirmandin für Gott entschieden habe, hat sie mich dabei unterstützt, auch wenn sie nie allzu großes Verständnis dafür hatte. „Und was machen die da?“ Ich seufze und lasse das Geschirrtuch sinken. „Das kann ich dir morgen sagen, wenn du mich jetzt endlich gehen lässt.“ „Na, dann mach, dass du rauskommst.“ Sie klingt jetzt wieder wie die gute Freundin, die sie viel eher ist 7
als eine Mutter. Aber ganz fehlen ihr die Voraussetzungen für diese Rolle auch nicht, denn als ich schon fast im Treppenhaus bin, ruft sie noch: „Die werden doch wohl anständig sein in diesem Jugendkreis, oder? Ich muss mir keine Gedanken wegen Alkohol, Drogen und so weiter machen?“ „Mama“, schreie ich zurück. Meine Stimme hallt im Treppenhaus wieder. Bestimmt stürmt die alte Heimrath, unsere liebenswerte Vermieterin, gleich wieder aus ihrer Wohnung und brüllt mich an, dass in ihrem Haus nicht geschrien wird. „Mama, das ist ein christlicher Jugendkreis und keine Straßengang.“ Und da meine Mutter Christen für noch konservativer und spießiger hält, als ich das je von ihnen behaupten würde, reicht ihr das als Beruhigung.
In der Innenstadt verlaufe ich mich erst einmal. Ich kenne mich in Würzburg einfach noch nicht richtig aus und das Straßenbahnnetz, die fremden Ortsnamen und das städtische Durcheinander verwirren mich ziemlich. Bis ich endlich die Geschäfte erreiche, die ich gesucht habe, ist es schon fast an der Zeit, zu der Bushaltestelle zu gehen, an der ich mich mit Christopher und Lena verabredet habe. Lena hat versprochen, mir noch einen kleinen Buchladen in der Nähe des Gebäudes, in dem der Jugendkreis stattfindet, zu zeigen, wo es ausgefallene und günstige Bücher gibt. Und zu spät in die Jugendgruppe wollen wir ja auch nicht kommen. Dabei ist mir beim Gedanken an diesen Abend mittlerweile etwas flau im Magen. Ich schlendere die Straße entlang und überlege, ob ich nun links oder rechts abbiegen muss. Vielleicht 8
sollte ich gleich jemanden nach dem Weg fragen. Aber weder die alte Frau, die ihren Hund am gegenüberliegenden Straßenrand entlangführt, noch das in einem Hauseingang herumknutschende Pärchen sehen so aus, als würden sie gerne gestört. Warum um alles in der Welt ziere ich mich nur so, obwohl ich doch eigentlich gar nicht schüchtern bin? Aus einer Seitenstraße vor mir kommen ein junger Mann mit blondem Pferdeschwanz und ein kleiner Junge, der unsicheren Schrittes vor ihm herläuft. Der Mann hat eine Hand auf den Rücken des Kindes gelegt, damit es nicht wegläuft. Ich gebe mir einen Ruck und laufe einen Schritt schneller, um die beiden einzuholen. „Entschuldigung!“, rufe ich ihnen nach und der Mann bleibt stehen. Als er sich zu mir umwendet, bin ich überrascht. Er ist jünger, als ich gedacht habe. Vermutlich gar nicht viel älter als ich, und offenbar schon Vater. Aber mit einer Mutter, die nur sechzehn Jahre älter ist als ich, verwundert mich das nur einen kurzen Moment. „Ich suche die nächste Bushaltestelle. Die muss irgendwo in der Nähe einer Apotheke sein.“ Zumindest hat Lena es mir so erklärt. Der junge Vater nickt und meint lächelnd: „Gleich da vorne links um die Ecke.“ Ich bedanke mich und ertappe mich dabei, wie ich ihm nachsehe. Sein freundliches Lächeln hat mich irgendwie angesprochen; die wenigsten Leute strahlen einen Fremden so an. Ich schüttle über mich selbst den Kopf und schaue hastig auf meine Füße. Einem Mann nachzusehen, der mit seinem kleinen Sohn unterwegs ist! Das ist ja wohl völlig unangebracht. Als ich wieder aufsehe, laufen die beiden immer noch einige Meter vor mir. Der junge Mann kramt 9
in seinen Hosentaschen und sucht anscheinend nach irgendetwas, während der kleine Junge sich ein Stück von ihm entfernt hat. Er findet offensichtlich Gefallen an dem Hund auf der anderen Straßenseite. Mir bleibt vor Schreck fast das Herz stehen, als das Kind plötzlich vom Bordstein springt und einen Schritt auf die nicht gerade wenig befahrene Straße macht.
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Kapitel 2
Jona
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it meinen Gedanken bin ich bei der Andacht, die ich für heute Abend vorbereitet habe, während Michi, der es nicht mehr besonders mag, an der Hand geführt zu werden, vor mir herläuft. Jetzt ist er schon drei und so gut wir uns auch normalerweise verstehen, möchte er doch bereits eigenständiger werden. Er möchte keine Hilfe mehr beim Zähneputzen oder beim Haarewaschen und er möchte eben auch nicht mehr an der Hand laufen. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht und ich schließe eine Sekunde lang die Augen. Plötzlich höre ich einen lauten Schrei. „Vorsicht!“, ruft eine Frauenstimme. Als ich die Augen aufreiße, sehe ich, dass Michi auf dem Weg über die Straße ist. Ein Auto hupt und die Frau, die ich gerade noch gehört habe, springt zu Michi auf die Fahrbahn und zerrt ihn auf den Gehsteig. Alles passiert so schnell, dass ich selbst gar nicht reagieren kann. „Michi!“ Mit einem Satz bin ich bei ihm und der Frau, die ihn gerettet hat. Es ist das blondlockige Mädchen, das mich kurz zuvor nach der Bushaltestelle gefragt hat. Ich schließe Michi in die Arme, hebe ihn hoch und drücke seinen kleinen Körper fest gegen meinen. Ihm ist nichts passiert – Gott sei Dank. Trotzdem fängt 11
der Kleine vor Schreck an zu weinen und zu schluchzen. „Geht es dir gut?“, frage ich und drücke ihn noch ein bisschen fester. „Was machst du denn auch für Sachen? Mensch, Michi, du kannst doch nicht einfach auf die Straße rennen!“ Der Schock steckt mir noch immer in den Knochen, auch wenn er langsam der Erleichterung weicht. Wie konnte ich nur so wenig auf ihn aufpassen? Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn dieses Mädchen nicht so schnell reagiert hätte! „Lass mich runter“, quengelt Michi, als er sich nach ein paar Minuten wieder beruhigt hat, und versucht, sich von mir loszumachen. Also stelle ich ihn wieder auf den Gehweg und wuschle ihm durch seine Haare. Dann schaue ich mich um, aber das Mädchen ist natürlich längst verschwunden. Und ich habe mich noch nicht einmal bedankt, dabei ist es doch wirklich wahnsinnig selbstlos, einfach auf die Straße zu stürzen, obwohl man genau weiß, dass dort Autos fahren, die vielleicht nicht mehr bremsen können. Schnell verdränge ich den Gedanken wieder. Ich möchte mir nicht vorstellen, was alles hätte passieren können. Eine Viertelstunde später treffen Michi und ich uns mit Thomas, der uns zum Eisessen begleiten will. Ich habe dem Kleinen nämlich schon vor einer Woche versprochen, ihm ein Eis zu spendieren, weil er endlich damit aufgehört hat, zum Einschlafen an seinem Daumen zu lutschen. Thomas steht bereits vor dem Dom, einem meiner Lieblingsgebäude in Würzburg. „Wie geht es euch?“, fragt Thomas und umarmt zuerst Michi, dann mich. „Mich hat gerade fast ein Auto überfahren!“, ruft Michi sofort und Thomas schaut mich zweifelnd an, weshalb ich kurz, aber nicht ohne ein schlechtes Ge12
wissen zu bekommen, zusammenfasse, was passiert ist. „Na, da hattest du aber einen Schutzengel bei dir“, erklärt Thomas. „Meinst du die blonde Frau?“, fragt Michi und schaut meinen besten Freund neugierig an. Dieser zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht so genau. Ich war ja nicht dabei. Was meinst du, Jona? War die Frau ein Engel?“ „Keine Ahnung. Ausschließen kann man es sicher nicht“, sage ich und zwinkere Thomas zu. „Jedenfalls hat sie dich gerettet, Michi. Was sie nicht hätte tun müssen, wenn du bei mir geblieben wärst.“ Oder ich besser auf ihn aufgepasst hätte. „Ist ja nichts passiert“, beschwichtigt mich Thomas. „Blöd ist nur, dass ich mich nicht einmal bei ihr bedanken konnte.“ Wir sind bei der Eisdiele angekommen und setzen uns an einen freien Tisch im Inneren. „Kommst du heute Abend eigentlich in den Jugendkreis?“, fragt mich Thomas nach einer Weile. „Klar komme ich. Ich halte doch heute Abend die Andacht!“ Ich lache. „Ach so, stimmt ja. Das ist auf jeden Fall gut, ich muss dir da nämlich noch was erzählen.“ Er sieht geheimnisvoll zu mir herüber und sofort will Michi wissen, worum es geht. Ich wüsste das auch gerne und wahrscheinlich ist es nicht einmal etwas Geheimnisvolles, aber mein bester Freund liebt es, mich auf die Folter zu spannen. Als wir unser Eis aufgegessen haben, ist es schon spät und ich muss mich sputen, Michi nach Hause zu bringen, damit ich pünktlich im Jugendkreis bin – beziehungsweise ein bisschen früher als normal. Wenn ich an meine Andacht denke, werde ich direkt ein wenig nervös. 13
Kapitel 3 Marie
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n der Bushaltestelle warten Christopher und Lena schon auf mich. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig und muss im Bus erst einmal zu Atem kommen, ehe ich die beiden begrüßen kann. Aber das macht nichts, denn sie sind ohnehin miteinander beschäftigt. Genau wie in der Schule sind sie jede freie Minute am Turteln. „Fast hättest du den Bus verpasst“, meint Lena überflüssigerweise, nachdem sie ein Stückchen von Christopher weggerutscht ist, und grinst mich an. Ich setze zu einer Antwort an, schnappe aber immer noch zu sehr nach Luft. „Hätte auch nichts ausgemacht“, winkt Christopher ab. „Es ist ja erst halb sieben. Dann hätten wir eben den Besuch im Buchladen ausfallen lassen.“ Er sieht seine Freundin von der Seite an und bekommt prompt von dieser gegen die Schulter geboxt. „Du hättest nichts dagegen gehabt, ich weiß schon.“ Mit übertrieben leidender Miene wendet sie sich an mich: „Womit habe ich eigentlich einen solchen Literaturbanausen als Freund verdient?“ Als wir wenig später in einem engen Laden mit hohen Regalen voller Büchern stehen, scheint sich Lena aber schon wieder mit dem Gedanken versöhnt zu haben, mit Christopher zusammen zu sein, denn sie 14
tauscht regelmäßig Küsse mit ihm aus. Ich fühle mich etwas verloren, während ich in den vollgestopften Regalen stöbere. Lena muss vergessen haben zu erwähnen, dass es sich um eine Buchhandlung handelt, die fast ausschließlich religiöse Literatur führt. Oder sie hat es für selbstverständlich gehalten. „Was hast du eigentlich in der Stadt gemacht? Muss ja ungeheuer spannend gewesen sein, schließlich bist du fast zu spät gekommen.“ Lena zieht ein weiteres Buch aus dem Regal und legt es auf den kleinen Stapel, den Christopher trägt. Ich muss über die beiden schmunzeln. „Ach, ich habe mich ein bisschen verlaufen“, gestehe ich. „Und beinahe wäre ich überhaupt nicht mehr gekommen, weil ich fast Zeugin eines Unfalls geworden wäre.“ Das sollte ein Witz sein, aber mir kriecht sofort eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich daran denke, was hätte geschehen können. Lena macht große Augen. „Was ist passiert?“ „Ein kleiner Junge ist auf die Straße gerannt.“ Ich erzähle ihr, wie knapp die Sache war und dass der Autofahrer noch nicht einmal angehalten, sondern nur ungeduldig gehupt hat. „Idiot“, kommentiert Lena. „Können Eltern aber auch nicht besser auf ihre Kinder aufpassen?“ Ein weiteres Buch landet auf dem Stapel. „Er hat aufgepasst. Der Vater, meine ich.“ Ich denke daran, wie er hinter dem Kleinen hergelaufen ist, und muss lächeln, weil ich diesen Ausblick so niedlich fand. Ein schlechter Vater ist er bestimmt nicht, auch wenn er einen Moment unaufmerksam war. „Er ist total süß hinter seinem Sohn hergegangen und hat auf ihn aufgepasst.“ Ich zucke mit den Schultern. „Aber dann hat er ihn wohl einen Moment aus den Augen gelassen.“ „Kann ja jedem mal passieren“, wirft Christopher 15
ein, während er versucht, den wachsenden Bücherstapel in eine weniger wackelige Position zu bringen. „Er war noch ganz jung.“ Zur Abwechslung ziehe auch ich einmal ein Buch aus den Reihen und studiere eingehend den Klappentext. Er klingt gar nicht schlecht. „Höchstens ein paar Jahre älter als wir“, füge ich beiläufig hinzu. Lena zieht die Augenbrauen hoch. „Krass“, meint sie. „Stell dir mal vor, jemand, den du kennst, hätte schon ein Kind.“ Sie mustert mich und fügt dann hinzu: „Stell dir vor, Bastian hätte ein Kind!“ Christopher schüttelt sich vor Lachen. „So ein Quatsch. Das ist doch total absurd.“ Ich komme nicht dazu, ihm zuzustimmen, weil Lena schneller ist und meint: „Dann stell dir vor, ich wäre schwanger.“ „Komm schon“, kontert Christopher grinsend. „Dann würdest du heiliggesprochen.“
Wir bleiben bis kurz vor acht in dem kleinen Buchladen, dann macht der Besitzer uns höflich darauf aufmerksam, dass er langsam schließen will. Mittlerweile habe auch ich einen Roman gefunden, der mich interessiert, und Lena hat ihren Bücherstapel noch einmal durchgesehen und ihre Wahl auf drei Exemplare reduziert. „Total cool, dass du mit in den Jugendkreis kommst“, sagt sie, als wir die Straße überqueren, um das Gebäude zu erreichen, in dem die Jugendlichen einen Raum für ihre Treffen haben. „Du wirst es bestimmt nicht bereuen. Die sind alle echt in Ordnung.“ Auch Christopher lächelt mich an. Er war es, der die Idee hatte, mich in den Jugendkreis einzuladen. Ich 16
hatte ihn nach einer Gemeinde in der Nähe gefragt, weil wir auf den Glauben zu sprechen gekommen waren. Bestimmt werde ich nie vergessen, wie begeistert die beiden waren, als sie erfahren haben, dass ich Christ bin. Christopher und Lena können sich allgemein für vieles begeistern, aber mit ihrer Freude über diese Nachricht haben sie mich richtig überrascht. „Du brauchst nicht nervös zu sein“, meint Christopher, der ein Talent dafür hat, meine Gedanken zu lesen. „Sie werden dich bestimmt mögen.“ Ich hoffe, er hat recht.
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Kapitel 4 Jona
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in letztes Mal gehe ich die Punkte durch, die ich mir gestern Abend aufgeschrieben habe. Sie sollen die Andacht zu dem Thema „Sex vor der Ehe“ ergeben, die ich heute im Jugendkreis halte. Dabei mache ich mir weniger Gedanken darüber, vor einer Gruppe zu sprechen, als darüber, dass ich es vielleicht nicht schaffe, das herüberzubringen, was ich wirklich sagen möchte – und was eben dazu in der Bibel steht. Ich habe als Jüngster im Leitungskreis erst wenige Andachten gehalten und das Thema ist auch nicht gerade einfach oder angenehm. „Aber nötig“, wie es Aaron, der Prediger, der unseren Jugendkreis betreut, in einer Besprechung formuliert hat. Abgesehen davon bin ich nun wirklich kein Spezialist auf diesem Gebiet. Was das angeht, bin ich eher unerfahren, und so war es auch wirklich schwierig, mir Argumente und Begründungen zu überlegen. Schließlich habe ich meinen Vater um Hilfe gebeten und der konnte mir als Pfarrer natürlich gut mit ein, zwei Bibelstellen und Formulierungen zur Seite stehen. Und trotzdem weiß ich nicht, ob gerade ich diese Andacht halten sollte, der ich doch so wenig Ahnung habe. Ich lege meine Notizen auf den Herd der kleinen Küche, in der ich stehe, und trinke einen Schluck Limo, weil sich meine Kehle wie ausgetrocknet anfühlt. Au18
ßerdem ist mir warm, obwohl ich nur ein T-Shirt trage und meine Haare wie meistens zusammengebunden sind. Also zwänge ich mich an den Getränkekisten vorbei, die sich auf dem Boden stapeln, und öffne das Fenster. Hätte ich die Andacht anders aufbauen sollen? Habe ich die richtigen Bibelstellen herausgesucht? „Jona! Hier steckst du also!“, reißt mich Thomas‘ Stimme aus meinen Überlegungen. „Ich wollte dir doch noch das Neuste erzählen.“ Ich schließe das Fenster, drehe mich um und stehe meinem besten Freund gegenüber, der mich anstrahlt und sich mit der linken Hand durch seine dunklen Locken fährt. Er sieht so glücklich aus, dass ich mir augenblicklich keine Sorgen mehr um die Andacht mache, sondern ihn anlächle. Aber wieso soll ich mir auch Sorgen machen, wenn ich doch Gott gebeten habe, mir heute Abend beizustehen? „Hey übrigens“, begrüße ich Thomas. „Was wolltest du mir denn erzählen?“ Schließlich hat er gerade in der Stadt noch so ein Geheimnis daraus gemacht. Gemeinsam durchqueren wir – ich immer noch mit der Limoflasche in der Hand – den Gang und betreten den Jugendraum, in dem außer uns erst ein gutes Dutzend Leute sind. Mehr als zwanzig werden wir zwar selten, aber ein paar werden wohl in der nächsten Viertelstunde trotzdem noch kommen. „Na, von der Wohnung! Ich habe endlich eine Wohnung gefunden! Mitten in Erlangen, keine zehn Minuten mit dem Fahrrad bis zur Uni und mit einem total netten Germanistikstudenten als Mitbewohner. Und ich kann zum ersten Oktober einziehen. Ist das nicht klasse?“ „Allerdings ist es das“, bestätige ich. Selbst wenn ich es nicht gut fände, könnte ich bei Thomas‘ Anblick 19
nicht anders. Er sieht aus, als würde er am liebsten jedem Einzelnen hier um den Hals fallen, dabei ist er sonst eher schüchtern. „Wie groß ist dein Zimmer denn? Wie sieht es aus?“, frage ich und höre ihm die nächsten fünf Minuten zu, wie er gar nicht mehr aufhören kann zu schwärmen. Dabei setzen wir uns auf ein Sofa gegenüber der Tür, das aus braunem Leder und schon ziemlich durchgesessen ist. Auch an der Wand links von uns stehen noch Sofas und vor uns liegen ein paar bunt zusammengewürfelte Sitzsäcke. Wieder einmal fällt mir auf, dass unser Jugendraum ziemlich vollgestopft ist, zumal rechts neben uns auch noch ein Schlagzeug und ein Keyboard stehen. Vollgestopft, aber mit den ganzen Braun- und Blautönen wahnsinnig gemütlich. Man hat sowieso eher das Gefühl, in einem Wohnzimmer zu sitzen als in einem öffentlichen Raum, wenn man erst einmal – zum Schutz des Teppichbodens – die Schuhe ausgezogen hat. Wieder trinke ich einen Schluck, während ich durch die offene Tür Lenas kurzes, rotes Haar sehe. Einen Moment später kommt sie dann zusammen mit ihrem Freund Christopher herein – und einem Mädchen mit blonden Korkenzieherlocken. Sofort erkenne ich sie wieder; es ist das Mädchen, das vorhin Michi gerettet hat. „Das ist sie!“, sage ich zu Thomas und sehe zu dem Mädchen hinüber. „Sie hat vorhin Michi von der Straße geholt!“ „Echt?“, antwortet mir Thomas. „Na, dann kannst du dich jetzt wenigstens bedanken.“ Ich stehe auf, um sie zu begrüßen, aber Aaron und meine Schwester kommen mir zuvor. Sarah heißt unseren Gast mit geöffneten Armen und ihrem glockenhellen Lachen willkommen, was das Mädchen mit 20
einem Lächeln erwidert, das sie gleich noch viel sympathischer erscheinen lässt. Dann schüttelt Aaron ihr die Hand und ich ergreife die Gelegenheit, mich ihr vorzustellen, sobald ich Christopher und Lena begrüßt habe. „Hallo“, sage ich und sehe ihr in die Augen, die so dunkelblau wie das Meer sind. „Ich bin Jonathan. Aber eigentlich nennen mich alle Jona. Und ich wollte mich unbedingt noch bedanken, weil du vorhin Michi gerettet hast. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, da warst du schon weg.“ Marie, wie sie sich mir vorstellt, erwidert meinen Gruß und ich habe das Gefühl, meine Hände sind feucht. „Du bist das erste Mal hier, richtig?“, frage ich weiter. Sie nickt. „Ja, das erste Mal. Ich bin aber auch erst vor Kurzem mit meiner Mutter aus Augsburg hierher gezogen.“ „Wirklich? Cool. Und wie alt bist du? Gehst du noch zur Schule?“ Ich hoffe, dass ich nicht zu neugierig wirke, aber Marie sieht nicht so aus, als wären ihr meine Fragen unangenehm. „Ich bin 17 und ja, ich gehe in die zwölfte Klasse am Siebold-Gymnasium. Was arbeitest du denn?“ Es wundert mich, dass sie mich nach meiner Arbeit fragt, doch als ich ihr erklären will, dass ich selbst noch zur Schule gehe und lediglich eine Stufe über ihr bin, stupst mich Aaron an. „Jona, wir sollten langsam anfangen. Es ist schon fast halb neun.“ Ich lächle Marie entschuldigend an und hole dann meine Notizen, um mit der Andacht zu beginnen. Eigentlich fängt der Jugendkreis schon um acht Uhr an, aber wir sind alle total unpünktlich.
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