Prolog Kindheitserinnerungen – ich habe noch viele davon. Ganz plötzlich sehe ich es wieder vor mir: den königsblauen Himmel über dem Wald, ich rieche den Duft von Laub und Gräsern, sehe uns, wie wir herumtollen, den Hunden nachjagen, nach Schmetterlingen haschen oder nur in den Tag hineinträumen. Wenn wir, die Cousins und Cousinen der Hurleys, dann barfüßig und mit geflickten Kleidchen unsere selbst gebastelten Drachen auf dem Narzissenhügel den Launen des Windes überließen oder im Galla Creek Fangen spielten, dann dachte wohl so mancher Beobachter, dass wir es im Leben gewiss nicht weit bringen würden. Doch wir sind herangewachsen und haben trotz mancher Unkenrufe etwas aus unserem Leben gemacht. Den Erwachsenen fehlte einfach die Fantasie. Wer von ihnen wäre damals schon auf die Idee gekommen, in der holprigen Wohnstraße vor unserem Haus eine Startbahn zu sehen, von der aus man sich träumend in die Lüfte erheben konnte? Wir Kinder jedoch, wenn wir die Augen schlossen, unsere Arme ausbreiteten, losliefen und die Anhöhe der Skyline Drive erreichten, waren gewiss, an dieser Stelle eines Tages abheben zu können. Welche Genugtuung war es doch, nach Jahren all jene Lügen strafen zu können, die uns damals mit so viel Skepsis beobachtet hatten. Wenn man es von klein auf gewöhnt ist, dass einem die Leute „Landpomeranze“ oder ähnliche abfällige Titel hinterher rufen, dann sehnt man sich nach dem Tag, an dem man es den anderen heimzahlen kann – nicht so, dass man gleich ins Gefängnis müsste, aber doch deutlich genug, dass es ihnen eine Lehre ist. Kindheit – das sind wohl für die meisten Menschen 3
Erinnerungen so wonnig wie der Biss in eine zerteilte Wassermelone, die man draußen an der frischen Luft in geselliger Runde verspeist. Zu meinen Erinnerungen gehört auch das alte Holzhaus, in dem wir uns so häufig trafen: eine Horde alberner und kichernder Kinder und Backfische, die meinem Großvater, Opa Hurley, zu Füßen saßen, wenn er in seinem Lehnstuhl ausruhte. In diesem Haus und unter seinen Fittichen lernte ich, was Geborgenheit ist. Die glücklichsten Kindheitserinnerungen verdanke ich diesem Mann, dessen Liebling ich war, der mich seine Prinzessin nannte und mir fast jeden Wunsch von den Augen ablas – wenn ich zum Beispiel aus heiterem Himmel den Drang verspürte, einen Ausflug in die Pfirsichplantagen der Gegend zu machen. Mit einer ganzen Schürze voll herrlicher Früchte kamen wir heim, und ich präsentierte sie stolz als Zeichen der Wertschätzung, die ich durch meinen Großpapa genoss. So gelang es mir, der Zartesten und Schmächtigsten der HurleyHorde, mich immer wieder ins rechte Licht zu rücken. Im Grunde war ich der Kümmerling der Familie, aber Großpapa hatte wohl einen besonderen Platz für Kümmerlinge in seinem Herzen reserviert. Wir beide hatten eine Art Geheimsprache entwickelt, was meine zwölf Cousins und Cousinen mit Eifersucht zur Kenntnis nahmen und die Tanten veranlasste, mich nur noch ironisch mit „Hoheit“ anzureden. Aber leider lebte Großpapa nicht lange genug, um meine Regentschaft auf Dauer zu festigen. Als er damals im Mai 1963 starb, verwandelte sich der junge Schwan schlagartig zurück in das hässliche Entlein, aus der Prinzessin wurde wieder der geduldete Esser am Tisch der Familie – unscheinbar und schlaksig. Aber die Zuneigung, die ich all die Jahre erfahren hatte, konnte mir keiner mehr nehmen, ich trug sie in meinem Herzen. Und so betete ich oft, dass sie eines Tages Flügel bekäme, mich weit
forttrüge, dorthin, wo wieder jemand bereit wäre, mir die Krone aufs Haupt zu setzen. Auf Opa Hurleys Beerdigung durfte ich nicht bei Mama und Papa sitzen, sondern wurde mit meiner jüngeren Schwester Eden verurteilt, mich der Fuchtel unserer Tante Pippa unterzuordnen. Für Frauen wie Mama, Tante Velda und all die anderen alten Matronen war der Tod ein gefräßiges Ungeheuer mit messerscharfen Zähnen, das eine nach der anderen von ihnen verspeiste. Gerade stellte ich mir genüsslich vor, wie die Tanten, an die Kirchenbank gefesselt, vor dem heranschleichenden Ungeheuer schlotterten und schrille Schreie ausstießen, als Mama, die bleich und verschwitzt aussah, leblos von der Bank rutschte und beinahe mit dem Kopf aufs Holz geschlagen wäre. Ich hielt sie in meiner Panik für tot. Tante Pippa versuchte mich festzuhalten, aber das Unglück meiner Mutter verlieh mir ungeahnte Kräfte. „Mama!“, kreischte ich. Fürchtete ich doch, meine Mutter könne nun doch noch wahr machen, was sie in regelmäßigen Abständen androhte: ihre sieben Sachen zu packen und sich endgültig aus dem Staub zu machen – so oder so. Die Erwachsenen herrschten mich an und ließen mich schamvoll verstummen. Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Verstohlen und aus der Ferne beobachtete ich Mama, die wieder bei Sinnen war, aber sich noch immer ganz ihrer tiefen Trauer hingab. Für uns Hurleys war der Tod stets ein besonderes Drama voller Gefühlsausbrüche. Ich kannte andere Familien, die selbst bei Beerdigungen die Fassung behielten, stocksteif in den Kirchenbänken saßen und die Trauer für die eigenen vier Wände aufbewahrten. Bei den Hurleys war das anders. Konfrontiert mit dem unabwendbaren Ende, blieb nichts mehr zu tun, als zünftig in Ohnmacht zu fallen. Was den Tod betrifft, hatte ich schon immer ganz ei5
gene Vorstellungen. Irgendwann habe ich mal gehört, dass es den Schatten und den Kernschatten gibt, also das Dunkle und das noch viel Dunklere. Manche halten das alles für Blödsinn. Für sie ist Weiß weiß, und Schwarz eben schwarz. Für das Leid dieser Welt gilt das meiner Meinung nach nicht. Da gibt es durchaus Grautöne, aber eben auch das tiefe Schwarz, die finstere Höhle, den Kernschatten, durch den unser Lebensweg führen kann – bis wir drüben wieder herauskommen, und dann ist der Sonnenschein heller und strahlender denn je. Mama saß neben Tante Bernice und Onkel Willy. Die beiden waren im letzten Jahr aus Phoenix weggezogen, um sich in unserer Nähe anzusiedeln, sodass ihre quirlige Kinderschar den ohnehin schon mit vielen Kindern gesegneten Haushalt meiner Großeltern um vier weitere Mäuler, die gestopft werden mussten, zusätzlich belastete. Als Mama damals nach Phoenix aufbrach, um Tante und Onkel beim Umzug zu helfen, ließ sie zwei verschüchterte Mädchen bei den Großeltern zurück, die inständig hofften, dass ein schrecklicher Monat schnell vorübergehen möge. Papa lag damals im Krankenhaus, weil er bei der Arbeit von einer Brüstung gefallen war. Er hat sich davon nie mehr richtig erholt, war fortan zu krank, um zu leben, und zu gesund, um zu sterben. Als Mama dann nach einigen Wochen heimkehrte, war ich tausend Tode gestorben. Die älteren Cousins und Cousinen konnten richtige Ekel sein, und eins der Mädchen, Freda, tat sich dabei besonders hervor. Sie dachte sich alle möglichen Neckereien aus, um Eden und mich auf die Palme zu bringen. Am liebsten spielte sie fesseln. Eine von uns hatte sie meist schnell beim Wickel. Dann fesselte sie Eden oder mich, schob uns unters Bett und lief der anderen hinterher, bis sie sie meist irgendwo draußen im Galla Creek einholte. Das 6
alles geschah, während Großmama und unsere Tanten Tagesausflüge machten, ohne uns zu sagen, wohin sie fuhren. Damals habe ich erfahren, was es heißt, ausgeliefert zu sein. Ich fühlte mich wie der Nachtfalter im Marmeladenglas – der Willkür eines anderen ausgesetzt. Papa hatte als Milchmann gearbeitet, und das war eine Arbeit, bei der man zwar nicht viel Geld verdiente, die ihm aber dennoch viel Freude gemacht hatte. Eines Tages war er in der Molkerei von einer Plattform gefallen, worauf er einen Monat lang im Krankenhaus von Little Rock das Bett hüten musste. Mama fuhr also lediglich aus reiner Pflichterfüllung nach Phoenix, bedrängt von den restlichen Hurleys, um Onkel Willy und die Seinen abzuholen. Noch lange hat sie es ihnen allen übel genommen. Einen ganzen Monat hatte Papa im Krankenhaus verbracht. Ich erfuhr erst später, dass er beinahe gestorben wäre. Doch damals ahnte ich nichts von der Gefahr. Niemand redete mit uns Kindern, wenn die Erwachsenen ihre Geheimnisse hatten. Kein Sterbenswörtchen kam über ihre Lippen. „Alles in Ordnung?“, fragte Tante Pippa mich, während Papa sich um Mama kümmerte. Sie hielt meine Hand und gab mir das Gefühl, mich zu mögen. Die anderen Tanten waren zumeist grobschlächtige alte Frauen, die sich barsch und irgendwie männlich gaben. Vielleicht ist mir Tante Pippa deshalb so im Gedächtnis haften geblieben, weil sie anders war. Wenn sie zu uns Kindern ins Zimmer trat, verstummte jeder Zank, und jede Rauferei kam zum Erliegen. An ihrer stillen Würde brachen sich die Wogen, die darauf nur noch sanft – Welle auf Welle – ans Ufer rollten. Sie bewegte sich anmutig, und diese Grazie spiegelte sich auch in ihren Zügen wider. Pippa war der Schwan inmitten eines Schwarms krächzender Raben. Es war unver7
kennbar, dass sie in die Hurley-Sippe nur eingeheiratet hatte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, eine so vornehme Dame könne den Lenden eines Hurleys entsprungen sein. Noch heute sehe ich ihre weißen Spitzenhandschuhe vor mir und spüre den sanften Druck ihrer freundlichen Hände, die meine umfassten. Ich bemerkte, dass diese Hände zitterten und dass das Beben von Minute zu Minute zunahm. „Alles in Ordnung?“, wiederholte Pippa. „Mir geht es gut“, sagte ich. „Alles wird wieder gut.“ Tränen füllten meine Augen, bis die Lider sie nicht mehr fassen konnten. Sie rollten über die Wangen und tropften auf mein gestärktes Festtagskleid. Wie gebannt starrte ich auf Großpapas Sarg und wünschte so sehr, ich könnte den Mann aus seinem mit Satin ausgeschlagenen Gefängnis befreien. Ich stellte mir alles ganz bildhaft vor: Die Hand Gottes würde vom Himmel herabfahren, die Stirn meines Großvaters berühren und den göttlichen Zauber in die leblose Hülle hineinströmen lassen. Großpapa würde sich aufsetzen und all dieses ungläubige Volk ringsum in helle Aufregung versetzen. Ich wäre die Einzige, die es vorausgesehen hätte. Ich würde völlig gefasst zu ihm gehen und etwa Folgendes sagen: „Ätsch, er ist gar nicht tot! Jesus hat ihn mir wiedergegeben!“ Er würde meine Hand nehmen, die Hand seines Lieblingsenkels, und wir würden diesen Haufen Verrückter einfach hinter uns lassen. Und sie lebten glücklich und zufrieden ... So fremd kamen mir die Worte im Gesangbuch vor. Höchst selten ließen wir uns herab, eine Kirche zu besuchen – außer zu Ostern. Mama meinte immer, selbst bei Regen dürften wir keinen Ostergottesdienst verpassen. Ich erinnere mich noch gut an die Melodie, die wir damals auf der Beerdigung nach dem Eröffnungsgebet 8
anstimmten. Das Lied handelte vom Himmel. Zu viele von uns sangen zu selten, die Stimmen eingerostet ohne Gefühl für Harmonien, und jeder dritte Ton ein hässlicher Schluchzer. Mit den letzten Akkorden hörte auch das Wimmern und Schluchzen auf – bei allen, außer bei Tante Velda, die immer das Nesthäkchen der Geschwister gewesen war. Sie verstummte nicht wie die anderen nach dem Lied, sondern warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein Schlosshund, als würde sie jemand mit glühenden Kohlen martern. So wie die Hurleys benahm sich wohl niemand auf einer Beerdigung. Ginge es jedoch immer so zu wie bei uns, dann hätten die Pfarrer die Wände ihrer Kirchen ein paar Steine dicker mauern müssen. „Halt meine Hand, Katrina.“ Tante Pippas Arme umschlangen meine schmalen Schultern und bargen mich wie ein Zelt, während sich ihre langen, weiblich schlanken Finger mit meinen verzahnten. Ihre Berührung war Trost und Geborgenheit zugleich. Meine eigene Mutter berührte mich nur selten, wo Zärtlichkeit doch ein so kostbares Gut ist. Und ich frage mich manchmal, ob alle, die regelmäßig die Wärme eines anderen spüren dürfen, diese Gnade überhaupt zu schätzen wissen. Stumm saß ich da und spürte die hölzerne Lehne der Bank in meinem Rücken. Gleichzeitig behielt ich meine Mutter ängstlich im Auge, im Falle, dass sie meiner bedurfte. Nachdem der Pfarrer mit dem Segen die Feierstunde abgeschlossen hatte, beobachtete ich, wie Vater, auf seinen Gehstock gestützt, zum Sarg meines Großvaters schlurfte. Papa weinte nicht. Von Zeit zu Zeit hielt er sich die Hand vors Gesicht, aber er vergoss keine einzige Träne. Vor dem Sarg blieb er stehen und verweilte dort, Mama an seiner Seite. Nola, Vaters Schwester, gesellte sich zu ihnen, dann auch Lillibelle – beide Frauen begleitet von ihren unscheinbaren Ehemännern. Die 9
Schwestern fielen sich weinend in die Arme. Sie hatten den verloren, der ihnen bislang Halt im Leben gegeben hatte. Velda aber fiel über den Sarg und stieß einen gequälten Schrei aus. „Mein Papa, mein Papa, verlass mich noch nicht!“, flehte sie meinen toten Großvater mit überschnappender Stimme an. Tante Ruby war dieser Gefühlsausbruch sichtlich peinlich. Sie flüsterte ihrer Schwester Worte ins Ohr, die sie wohl trösten sollten. Drei Träger mussten kommen, um Tante Velda vom Sargdeckel zu lösen und die von Weinkrämpfen Geschüttelte aus der Kapelle zu schleifen. „Is’ immer spannend, wenn Tante Velda in Ohnmacht fällt“, flüsterte ich Eden ins Ohr. „Nur so hält sie mal ’ne Weile die Klappe.“ Ich wusste, dass die Welt für immer eine andere sein würde, wenn ich gleich zum letzten Mal am Sarg meines Großvaters stünde. Aber ich war nicht begierig, diese neue Welt kennen zu lernen, und so hatte ich es nicht eilig. Aber Tante Pippa sorgte schon mit sanftem Druck dafür, dass auch ich mich auf den Weg machte. Noch einmal streichelte ich mit meinen Blicken sein Gesicht, das von der Schminke des Bestatters künstlich rosig schien. So, wie man Großpapa heute angezogen hatte, war er niemals herumgelaufen. Statt mit seinem ausgewaschenen grauen Overall, der nach Tabak und Wagenschmiere roch, lag er dort in einem dunkelblauen Anzug, das silbrige Haar fein säuberlich gescheitelt und gekämmt. Er sah heute würdig aus wie ein König und nicht so abgerissen, wie wir alle den alte Haudegen kannten. „Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen, Katrina“, hörte ich Tante Pippa raunen, und ich spürte einen tiefen Groll in der Magengrube. Niemand war auf den Gedanken gekommen, mich einzuweihen und mir zu sagen, wie 10
krank der Großvater war. Damals hatten Kinder noch keinen Zutritt zu Krankenhäusern. Und so kam es, dass Bitterkeit diese letzte Begegnung mit meinem geliebten Großvater beschwerte. Ich konnte all jenen nicht verzeihen, die uns so rabiat getrennt hatten – monatelang, wie es mir damals mit sechs vorkam. Nie wieder würde ich auf seinen Schoß krabbeln und all jenen siegesbewusste Blicke zuwerfen können, die kamen, um über mich zu bestimmen. Von heute auf morgen gehörte ich wieder zur Schar der ganz gewöhnlichen Hurley-Kinder, und niemand würde mich mehr respektieren. Mein geliebter Großpapa hatte sich einfach aus meinem Leben geschlichen, ohne sich von mir zu verabschieden. Ich drehte mich um und lief davon, wortlos und trotzig, was meine hilflose Art war, mich bei den anderen für das zu rächen, was sie mir angetan hatten. Die friedlichen Tage vor Großpapas Krankheit waren die Ruhe vor dem Sturm, der über die Hurleys hereinbrechen sollte. Die schönen Erinnerungen an fröhliche Samstagnachmittage, an denen wir zum Mount Nebo aufbrachen, um draußen in der Natur Picknick zu halten, und sich die Männer auf die Motorhauben setzten, ihr Bier aus der Flasche tranken und spätabends im Licht der Scheinwerfer Gespenstergeschichten erzählten – all diese Erinnerungen fallen, wenn ich mein Leben an mir vorüberziehen lasse, jäh in ein tiefes schwarzes Loch, aus dem die Stimmen der mir vertrauten Menschen hohl und kläglich heraufklingen. *** Papa musste fortan nicht mehr ins Krankenhaus. Man hatte ihn entlassen, weil man nichts mehr für ihn tun konnte. Jeden Morgen saß er an dem kleinen Tisch in unserer Küche. Wenn ich etwas von ihm wollte, wusste ich jedenfalls, wo ich ihn finden würde. Seine allererste 11
Handlung am Morgen bestand darin, sich eine Zigarette anzuzünden, dann schlürfte er in aller Seelenruhe seinen Kaffee, und so schlug er die Zeit tot. Nach einer Weile erhob er sich gemächlich, goss den Rest Kaffee in eine Blechkanne und stellte diese auf den Herd, bis das Getränk zu einer teerartigen Masse verkocht war. „Hol mir noch ’ne Schachtel Salems, Kat“, rief er dann. Ich war für ihn der Botenjunge, und ich fragte mich oft, ob er wohl sehr enttäuscht gewesen war, als Mutter ihm eine Tochter präsentierte. Eden musste nie etwas holen und auch selten im Haushalt helfen. Sie besaß die Gabe, alles zu vermasseln, was immer man ihr auftrug. Eine beneidenswerte Gabe, wie ich bald erkannte, denn sie ersparte ihr so manch lästige Pflicht. Mama hatte eine Arbeit in der einzigen Fabrik am Ort bekommen – einer Schuhfabrik. Glücklicherweise musste sie nicht auch noch an den Wochenenden arbeiten. Aber was heißt schon glücklicherweise? Gerade an den freien Wochenenden flogen oft die Fetzen, wenn Mama und Papa sich wieder einmal nicht einigen konnten. An einen Samstag erinnere ich mich noch ganz deutlich. Diesmal ging der Schlagabtausch nicht wie gewöhnlich um die Haushaltskasse. Irgendetwas anderes – Rätselhaftes – brachte sie gegeneinander auf. „Das kannst du so nicht behaupten“, sagte Mama. „Die Farm gehört euch allen. Das hat Paps tausendmal gesagt.“ Die zierliche Frau stand im Rahmen der Küchentür, die nach draußen führte. Papa verbot aus Kostengründen den Einsatz einer Klimaanlage, und so standen die Türen bereits im Frühsommer meist sperrangelweit offen und ließen den Blütenduft aus Mutters Garten herein. An jenem Tag war es allerdings auch draußen schwül und stickig. „Velda hat Mutter aufgestachelt. Da gehe ich lieber 12
zum Rechtsanwalt“, erwiderte Papa, der im Unterhemd am Küchentisch saß – in einer Wolke von dichtem Qualm. „Wer soll das bezahlen, Hobart? Du hast Geschwister. Die sollen gefälligst genauso blechen.“ Mamas Gesichtsausdruck verriet mir: irgendetwas Entscheidendes hatte sich ereignet. Alles, was passierte, spiegelte sich in ihrer bewegten Mimik wider, und der Ausdruck, der gerade auf ihrem Gesicht lag, ließ nichts Gutes ahnen. Ich stand im angrenzenden Wohnzimmer mit dem Rücken an der Wand, wohl wissend, dass der spannende Wortwechsel augenblicklich zum Erliegen kommen würde, wenn ich mich bei ihnen blicken ließe. „Die haben alle kein Geld, Doreen. Da ist überall Ebbe. Aber niemand wird was gegen Velda unternehmen.“ „Velda ist total übergeschnappt“, meinte Mama. Und ich konnte ihr nur beipflichten. Man hatte Tante Velda schon so oft ins Sanatorium eingewiesen, dass ich die Male gar nicht mehr zählen konnte. „Ich werde Mutter noch heute zur Rede stellen“, sagte Papa und stand auf, worauf ich mich vorsichtig weiter in die Zimmerecke zurückzog, um ja nicht bemerkt zu werden. „Ruf lieber erst Ruby und Lillibelle an. Vielleicht wissen sie mehr darüber, was Velda vorhat.“ Papa schwieg eine Weile. „Was machst du hier?“, hörte ich Edens Stimme flüstern. „Nichts Besonderes“, zischte ich. „Du belauschst Mama und Papa, stimmt’s?“ „Nö, ich will sie nur nicht unterbrechen. Das ist alles.“ „Spielst du mit mir?“, fragte sie und blickte mich mit ihren großen blauen Augen an, die mich immer wieder mit Neid erfüllten. Sie blickte so treuherzig, wie es nur 13
Eden fertig brachte, und beinahe hätte sie mich verleitet. „Lass mich in Ruhe, Eden“, zischte ich. Das hörte der Vater in der Küche und rief: „Katrina, was soll das? Was lungerst du da rum?“ Papa kam und baute sich vor uns auf, dieser Bär von einem Mann – trotz seiner Krankheit. „Wir spielen“, log ich. „Spielt gefälligst draußen.“ Eden machte sich auf den Weg zur Tür und sah sich nach mir um, als ich nicht gleich folgte. „Mama, was ist ’n los?“, rief ich an meinem Vater vorbei. Aber statt einer Antwort grinste Mama nur verlegen. „Geht’s um Großpapa Hurleys Farm?“, fragte ich. „Katrina Louise, Papa hat dir gerade gesagt, dass ihr draußen spielen sollt. Macht jetzt, dass ihr rauskommt, sonst komme ich mit dem Besen und mache euch Beine!“ Ich war Schläge gewohnt, und so machte mir die Drohung nicht allzu viel Angst. Dadurch, dass wir so häufig und wie selbstverständlich auf der Hurley-Farm aus und ein gingen, hatte ich dieses Fleckchen Erde schon ganz für mich in Besitz genommen – die baufällige Scheune und die braun gescheckten, meist abgemagerten Kühe, die mich mit ihren schwarzen Kulleraugen beäugten, sobald ich mich der Weide näherte. Großpapa hatte sich schon jahrelang nicht mehr richtig um den Hof kümmern können, und er wohnte auch nicht mehr im Haupthaus, sondern war in ein kleines, weiß angestrichenes Holzhaus in der Clementine Avenue gezogen. Papa hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihm die Farm mehr bedeutete als irgendeinem anderen von den Hurleys. Er hatte im Koreakrieg gekämpft und fast jeden Dollar seines Soldes nach Hause geschickt, um 14
die Farm abzahlen zu helfen. Landbesitz bedeutete ihm alles, denn er verlieh ihm Ansehen in der Kleinstadt. Wenn man in Mockingbird Valley ein Stückchen Land besaß, so bedeutete dies, nicht mehr als armer Schlucker dazustehen. Ich glaube, er hasste nichts mehr im Leben, als bemitleidet zu werden, weil man mittellos war. Niemand hat es gern, die Verachtung der anderen zu spüren, aber für Papa bedeutete dies, sein Gesicht zu verlieren. Ich ließ die Eltern allein, überquerte den Hof und setzte mich unter einen Pfirsichbaum. Eden gesellte sich im Schneidersitz zu mir. Wahrscheinlich erwartete sie nun einen ausführlichen Bericht darüber, was ich aufgeschnappt hatte. Wir schwiegen eine Weile und ließen unsere Blicke schweifen. Plötzlich rief Eden: „Guck mal, da steckt ’ne Rose am Briefkasten, Katrina!“ „Hör auf, so dummes Zeug wie Tante Velda zu erzählen, sonst holen sie dich auch noch ab.“ „Das ist kein Blödsinn! Guck doch! Jemand hat eine Rose in den Deckel geklemmt. Es ist eine Rose – eine rote.“ Jetzt sah ich sie auch – eine blutrote Rose, deren Blütenblätter offensichtlich nach Wasser lechzten. Neugierig geworden, sprangen wir auf und liefen um die Wette. Ich erreichte den Briefkasten zuerst und schnappte mir die Rose. „Sie ist schon voll aufgeblüht, und sie riecht wie eine von Mamas Rosen.“ „Wahrscheinlich hat einer sie dort auch abgerissen und sich dann nicht getraut, damit aufzukreuzen“, meinte Eden, denn wir beiden kannten die drakonischen Strafen, die unsere Mutter verhängte, wenn sich jemand an ihren geliebten Rosen vergriff. „Ich war’s jedenfalls nicht! Deshalb will ich auch nicht, dass sie mich mit der hier erwischt.“ 15
„Ich auch nicht“, meinte Eden. „Komm, wir nehmen sie mit zu unseren Puppen, und damit wir keine Haue kriegen, sagen wir Mama nichts davon.“ „Aber wenn sie rauskriegt, dass wir was vor ihr verstecken?“ „Wenn du was sagst, spiele ich nie, nie wieder mit dir, Eden!“, drohte ich. „Ich sage doch nichts!“, flüsterte Eden entrüstet und trottete schmollend zurück zum Pfirsichbaum. Dort angekommen, fragte sie: „Was ist eigentlich mit Papa los?“ Das war wieder typisch Eden. Immer stellte sie mir genau die Fragen, die ich nicht beantworten konnte. „Weiß nicht. Lass uns Vater-Mutter-Kind spielen. Du bist die Mutter und ich der Vater“, sagte ich. Edens Wangen schimmerten so frisch und rosig wie manchmal der Himmel am Morgen. Wie sie so zwischen all ihren Puppen hockte, sah sie im Grunde genauso aus wie eine von ihnen. Sie schmollte noch immer und machte ihrem Ärger Luft, nahm eins ihrer Puppenkinder, legte es bäuchlings in ihren Schoß und begann, das nackte Hinterteil zu bearbeiten. „Böses Mädchen! Du sollst doch auf Mama hören!“ Es tat mir fast selber weh, als ich sah, wie sie das arme Puppenkind quälte. „Lass das, Eden. Du hast doch dein Kleines lieb!“ Und ich zeigte ihr, wie man sein Puppenkind im Arm wiegt, den kleinen Kopf in die Ellenbeuge geschmiegt. „Spiel du lieber die Mama“, sagte sie. „Ich weiß nicht, ob ich mal ’ne Mama werden will“, entgegnete ich. „Ich will mal Künstlerin werden. Paris angucken.“ Ich bemühte mich, diese kluge Bemerkung so oft wie möglich in Gespräche einfließen zu lassen. Auf diese Weise hob ich mich ein wenig ab von all jenen, denen der Horizont von Mockingbird Valley als Gesichtskreis genügte. 16
„Ich will auch Künstlerin werden.“ Ich seufzte wie so oft, wenn Eden den Mund auftat. Wäre ich ein anhänglicherer Typ gewesen, vielleicht hätte ich mich ja darüber gefreut, dass sie mir alles nachzuäffen pflegte, was ich tat und äußerte. Ich kenne Zwillinge, die stets einer Meinung sind und sich darüber freuen. Ich aber wäre ein Albtraum für eine Zwillingsschwester gewesen. Ich war viel eher die Einzelgängerin, die gern auf eigene Faust den Dingen auf den Grund ging und möglichst auf jede Frage eine Antwort finden wollte, die mir irgendwann durch den Kopf schoss. Und wenn es jetzt darum ging, herauszufinden, welche Katastrophe Papa so aus der Bahn geworfen hatte, dann wollte ich nicht, dass mir meine anhängliche Schwester dabei auf die Finger schaute. „Also, Eden, du ziehst die Kinder an, und ich hole inzwischen die Teetassen“, sagte ich, während ich zwischen all unseren Puppen stand. Hätten wir weiterhin so viele geschenkt bekommen, ich weiß nicht, wohin das geführt hätte. Aber wie mir später klar wurde, versuchte unsere Mutter, dadurch, dass sie uns so regelmäßig mit Nachschub versorgte, irgendetwas gutzumachen, was ihr in ihrer eigenen Kindheit widerfahren war. „Ich komm’ mit!“, rief Eden prompt. „Kommt nicht in Frage! Ich hole die Tassen allein, und du ziehst die Puppen an. Du bist vielleicht eine lästige Ziege!“ Jedes Mal, wenn ich meine Schwester so hässlich anfuhr, tat es mir hinterher weh, als würde mir jemand ein Messer ins Herz stechen. Es rutschte mir einfach so heraus. Diese lockere Zunge hatte ich von meiner Mutter geerbt, und es war gleichzeitig der Teil von mir, den ich am meisten verabscheute. Ich wollte mit Mama reden – von Frau zu Frau – und um jeden Preis verhindern, dass unser Gespräch durch 17
die blödsinnigen Einwürfe meiner Schwester an Niveau verlöre. „Ich komm aber doch mit, Katrina!“ „Na schön. Dann gehst du die Tassen holen.“ Ich versuchte es mit einer neuen Strategie. Eden ließ sich sofort zurück auf das Kissen fallen, das wir mitgebracht hatten, und streckte sich im Schatten der Eiche aus, die in unsrem Hof stand. „Nö, hol du sie mal. Ich bin die Mama.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich rannte los und betrat das Haus über die rückwärtige Veranda. Als ich die Vortür mit dem Fliegengitter öffnete, klimperten die leeren Fläschchen, die oben an einer Schnur hingen, um ungebetene Gäste anzukündigen. „Mama, bist du da?“ „Ja, hier. Ich versuche gerade, mein Pferdehaar zu bändigen.“ Sie saß vor der verschrammten Frisierkommode aus Walnussholz und bürstete ihr Haar. Sie hatte sich schon ihre geblümte Bluse angezogen, und sogar der Rock passte dazu. Es kam nicht allzu oft vor, dass sie sich hübsch machte. Auch hatte sie sich ausnahmsweise in ihrem eigenen Kleiderschrank bedient. Sonst sah man sie gebückt im Gemüsegarten jäten, und dabei trug sie für gewöhnlich Papas Hemden und seine alte Gartenhose. „Gehst du weg, Mama?“ „Wir fahren zu Großmama. Sag Eden Bescheid, und zieht euch Schuhe an.“ Ich begann jedes Mal vor Aufregung zu zittern, wenn es hieß, wir würden die Großeltern besuchen. Dort fühlte ich mich so wohl und geborgen, dass ich in regelmäßigen Abständen von zu Hause fortlief, um sie zu besuchen. Dann zog es mich in dieses gemütliche kleine Haus mit den Fransenteppichen und den Puppen in altmodischen Häkelkleidchen. Und trotz angedroh18
ter Prügel ließ ich mich nicht davon abhalten, hin und wieder dort Zuflucht zu suchen. Mama drehte den Lippenstift heraus und bestrich ihre Unterlippe. Dann presste sie den Mund zusammen, um auch die Oberlippe zu färben. Sie bevorzugte ein helles Orangerot, das so leuchtete wie einige der Rosen in unserem Garten beim Schein der Abendsonne. „Ich will auch Lippenstift draufhaben.“ „Dazu bist du noch zu klein.“ „Und wann bin ich alt genug dafür?“, fragte ich, während ich im Türrahmen zum Schlafzimmer stand und sie bei ihrem Schminkritual beobachtete. Sie toupierte das Haar, dass es ballonartig aufstand, und besprühte es dann mit Haarspray. „Ich habe gesagt, du sollst deine Schwester reinrufen. Bist du taub?“ Ich konnte es nicht ertragen, wenn Mama so aus der Haut fuhr. Alles in mir verkrampfte sich dann, und das Bild, das ich mir von ihr machte, bekam einen weiteren hässlichen Fleck. „Hat sich Papa wieder beruhigt?“ „Die anderen in seiner Familie haben sich mal wieder gegen ihn verschworen“, sagte sie und stieß einen Fluch aus. Wenn sie einen Groll auf Papas Familie hatte, nahm sie kein Blatt vor den Mund und stampfte gleich alle in Grund und Boden. „Es geht um Tante Velda, stimmt’s?“ „Da ist eine wie die andere. Aber ich möchte im Augenblick nicht darüber reden. Er ist sicher gleich zurück. Wollte noch den Chevy voll tanken.“ Ich stand noch immer im Türrahmen, ließ mich gedankenverloren zwischen den Pfosten hin- und herfallen und beobachtete unterdessen, wie Mama ihr Werk vollendete und sich dabei mehr und mehr verwandelte. „Du hast gestern Nacht im Schlaf geredet, Katrina. Hast du was Schlechtes geträumt?“ 19
„Ich habe von dir geträumt, Mama.“ „Und was?“ „War irgendwas Grausliches. Ein Festzug durch die Stadt, und du standst auf einem der Paradewagen, herausgeputzt wie die Schützenkönigin.“ Es stimmte, was ich ihr erzählte. Als ich sie in meinem Traum so erhaben und majestätisch vorüberziehen sah – fast wie eine Göttin –, fühlte ich mich ganz klein und schäbig. „Ein ziemlich dämlicher Traum“, murmelte sie und tupfte mit dem Lippenstift einmal auf jede Wange und verrieb die Farbe. Unter bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, war sie es gewohnt, mit wenig Aufwand viel zu erreichen. „Gerade als du an mir vorbeifuhrst, krachte dein Paradewagen zusammen, und du fielst aufs Pflaster. Da hast du dir ein Bein gebrochen.“ „Nun mach schon, hol endlich deine Schwester, bevor ich dir eine runterhaue!“ „Bin schon hier“, rief Eden. „Wohin gehst du, Mama?“ Eden hatte sich von hinten angeschlichen, nachdem sie gewiss die Puppen ein paar Mal an- und ausgezogen hatte und ihr dann ziemlich schnell langweilig geworden war. „Zieh dir Schuhe an, Eden. Wir fahren zu Großmama.“ Mama fischte ein paar Ohrringe aus der Schublade, legte sie dann aber wieder beiseite. Sie hatte sie seit Ostersonntag nicht mehr getragen und bewahrte sie immer für die besonderen Gelegenheiten auf, die dann doch meist gar nicht kamen. „Wir holen lieber unsere Puppen rein“, sagte ich, lief hinaus in den Garten, um unsere Babys in Sicherheit zu bringen, und suchte dann nach meinen abgetragenen Turnschuhen aus Leinen, grashüpfergrün mit rosa Aufschrift. Mein großer Zeh lugte schon ein wenig zwi20
schen Kappe und Sohle hervor. Viel zu schnell gaben die alten Schuhe dem Expansionsdrang meiner Füße nach. Gerade als mein Blick ins Schlafzimmer fiel, sah ich, wie Mama Eden mitten ins Gesicht schlug. Meine Schwester schrie auf. Blut begann aus der Nase über die Oberlippe zu sickern. Sie blickte mich an, das Gesicht schmerzverzerrt, und ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen. „Mama, Eden hat Nasenbluten“, sagte ich betreten. „Dann lauf und hol einen kalten Waschlappen“, rief Mama mürrisch. Ich spürte, dass sie sich schuldig fühlte. Eden bekam an sich sehr leicht Nasenbluten, ein Schnäuzer – und schon lief das Blut. Aber diesmal hatte Mama ordentlich zugelangt. Als ich mit dem feuchten Waschlappen zurückkehrte, riss Mama ihn mir aus der Hand. Eden stand noch immer da, den Kopf in den Nacken gelegt, und große Tränentropfen kullerten anklagend über ihre Wangen. „Hör endlich auf zu heulen!“ Mamas Stimme bebte. „So hart wollte ich nicht zuhauen.“ „Was hat sie denn angestellt?“, erkundigte ich mich. „Ich habe einfach ihre kesse Lippe satt, das ist alles.“ Mama nahm Edens Hand und drückte sie gegen den Lappen. „Halte das so fest“, sagte sie und verließ das Zimmer. Kurz darauf hörte ich die Verandatür ins Schloss fallen. „Is’ doch nur Nasenbluten, Eden“, sagte ich, und es sollte ein wenig tröstend klingen. „So was kriegst du doch andauernd.“ „Mama ... hat mir direkt auf die Nase gehauen“, schluchzte sie. „Und ich habe gar nichts gemacht. Rein gar nichts!“ „Setz dich da auf den Stuhl, und dann hör auf zu flennen. Ich hole inzwischen noch einen frischen Lappen.“ Der erste war bereits voller Blut. 21
Ich lief in die Küche, um einen sauberen Lappen aus dem Stapel frischer Wäsche zu ziehen, als mein Blick hinaus auf die Veranda fiel. Mama saß vornüber gebeugt auf den Stufen zum Garten und weinte, das Gesicht in den Händen vergraben. Von hinten trat ich an sie heran. „Weinst du, Mama?“, raunte ich. „Hau ab! Habe ich denn nicht einen Augenblick Ruhe vor euch Gören?“ Ich fuhr erschrocken zurück und spürte, wie der Zwiespalt mich innerlich zerriss. Sie taten mit beide so Leid – Mama und Eden. Die eine saß im Schlafzimmer auf der Bettkante, verletzt an Leib und Seele, während die andere voller Selbsthass und mit gebrochenem Herzen ihr Unglück beweinte. Und ich – damals noch hilflos und unerfahren – musste damit scheitern, eine Brücke zu schlagen zwischen den beiden, die sich so fremd waren. Das war mein Schicksal. Es war stiller als sonst im Auto, während wir zu Großmama fuhren. Die Mutter hatte Edens Gesicht gereinigt, ihr neue Sachen gebracht und zwei Rattenschwänze gebunden. Die ganze Fahrt über saß meine Schwester neben mir auf der Rückbank und schmollte. Mit noch immer rot verweinten Augen starrte sie vor sich auf einen Punkt und stieß zuweilen, allerdings immer seltener, einen Schluchzer aus. Papa sagte nicht viel während der ganzen Fahrt, und ich brannte noch immer darauf, endlich zu erfahren, was sich zwischen ihm und Tante Velda zugetragen hatte. Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte: „Bist du sauer auf Tante Velda oder Großmama?“ Mama warf Papa einen Blick zu und seufzte. „Tante Velda und Onkel Ned haben einfach Großpapas Farm 22
verkauft. Aber das stand ihnen gar nicht zu. Sie gehörte doch jetzt allen seinen Kindern.“ „Und warum haben sie das gemacht?“, wollte ich wissen. „Sie haben’s verkauft, um sich selber dafür ein Häuschen zu kaufen.“ „Nur über meine Leiche“, murmelte Papa. Wenn er mit etwas nicht einverstanden war und so richtig in Wut geriet, führte er oft Selbstgespräche. Statt aber denjenigen, über den er sich ärgerte, zur Rede zu stellen, fraß er seinen Groll lieber in sich hinein. Ich denke, bei dieser Art Problemlösung kommt es zwar nicht so häufig zu Zank und Streit, dafür wird der Groll immer nur unter den Teppich gekehrt, bis eines Tages kein Platz mehr darunter ist. „Aber sie können doch nicht einfach Großmama das Land wegnehmen, oder?“, fragte ich vollkommen entrüstet. Ich lehnte mich vor, um näher bei meinen Eltern zu sein, und versuchte mit meinem Kinderverstand die Welt der Großen zu durchschauen. „Sie nehmen Großmutter kurzerhand mit. Sie zieht bei ihnen ein.“ „Aber ...“ „Nichts aber!“, unterbrach mich die Mutter, „Papa ist sowieso schon auf 180. Gieß nicht noch Öl ins Feuer.“ Mamas Tonfall verriet, dass ihr Geduldsfaden zu reißen drohte, und so wagte ich nicht, noch länger daran zu zerren. Als wir auf der Farm ankamen, parkte Onkel Hanks klappriges Auto bereits vor dem Haus. Er war Papas Bruder und der Mann von Tante Pippa. Ihre Tochter Roxanne, die einige Jahre älter war als ich, gehörte zu den stillen Zeitgenossen. Während wir anderen von Hurleys Rasselbande normalerweise gleich nach Ankunft auf der Farm hinunter zum Bach strebten und 23
dort wie die Wilden herumtobten, wich die scheue Roxanne nicht von der Seite ihrer Mutter, ein Verhalten, das mich immer wieder in maßloses Erstaunen versetzte. Solche Sittsamkeit war mir völlig fremd, dennoch bewunderte ich sie manchmal insgeheim. Das Fremdartige hat eben doch eine geheimnisvolle Anziehungskraft. Eden und ich stürzten ins Haus in der Hoffnung, dass die anderen uns noch wenigstens einen Rest von Großmamas vorzüglichem Milchkakao übrig gelassen hatten. Ohne nach ihr zu sehen, wusste ich, wo Großmama saß, nämlich auf dem plüschigen braunen Sofa neben dem Fenster im Wohnzimmer. Hier hatte sie das beste Licht für ihre Handarbeiten. Ich musste allerdings aufpassen, die abgescheuerte Armlehne zu umrunden, denn gleich daneben stand ein wackeliges Beistelltischchen mit einer Kanne darauf, in die sie ihren Kautabak spuckte. Wer hier fehltrat, dem drohte Unheil. „Tag, Großmama“, rief ich mit Eden auf den Fersen. „Kann ich ’n Kakao haben?“ Nach Großvaters Tod wurde mir erst so recht bewusst, dass die gewohnte Gastlichkeit in diesem Haus hauptsächlich seiner Freigebigkeit zu verdanken war. „Heute gibt’s keinen Kakao“, sagte Großmutter barsch. Ich wollte mich selber überzeugen, lief zum Kühlschrank und spähte hinein. Hinter einigen Dosen und Tellern mit Resten entdeckte ich eine silbrige Dose. „Da is’ noch ’ne Brause, Großmama. Darf ich die haben?“ „Kat, ich habe dir doch gesagt, dass ich nix da habe.“ Man konnte ja verstehen, dass eine alte Frau, die ständig von einer Horde Enkel angebettelt wurde, über ihrer Speisekammer wachte. Aber ich war doch nicht irgendeins von ihren Enkeln! „Guck mal, was ich gefunden habe!“, rief ich und hielt ihr triumphierend die letzte Dose hin. 24
„Katrina Louise, stell die sofort wieder zurück“, rief Mama streng. Sie hasste es, wenn wir Kinder bei anderen Leuten bettelten. Anderen lästig zu fallen war ihr zuwider, und Betteln fiel aus ihrer Sicht immer lästig. „Sie weiß nicht, was in der Dose ist“, murmelte Großmama. Mir war bis dahin noch gar nicht aufgefallen, dass die alte Frau von Zeit zu Zeit ein Bierchen trank. Ohne mir die Dose näher anzusehen, zog ich am Ring. Es knackte und zischte. Die Erwachsenen waren schon wieder so ins Gespräch vertieft, dass sie nichts mitbekamen. Ich setzte derweil die Dose an den Mund und ließ die Flüssigkeit in meinen Mund rinnen. Ich stutzte. Es roch irgendwie gärig. Bitter war es – wie Gift. Und während ich meinen ersten Schluck Bier im Mund behielt, hatte ich das Gefühl, Feuer geschluckt zu haben. Es brannte und prickelte im Mund. Und dann lief mir das Zeug auch noch die Kehle herunter. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies Bier sein sollte. Und so fürchtete ich, etwas getrunken zu haben, was mich von innen her verätzen würde. Gleich würde ich tot am Boden liegen wie die Ratte, die vom Köder genascht hat. „Stell’s wieder rein, und spiel mit deinen Cousinen“, sagte Mama, als sie mich noch immer mit der Dose in der Hand sah, ohne zu wissen, dass ich sie längst geöffnet hatte. Ich stellte die Dose ganz nach hinten neben die kaputte Lampe des Kühlschranks. Mein ganzes Leben lang habe ich mich nicht an den Geschmack von alkoholischen Getränken gewöhnt. Auf dem Stuhl in der Nähe des von der Decke hängenden Käfigs, in dem Großmamas neurotischer Wellensittich hockte, saß Tante Velda. Sie lächelte Eden und mir freundlich zu und sagte mit rasselnder Stimme: „Na, ihr beiden?“ Sie konnte ihre Nikotinsucht nicht mehr verbergen. 25
„Tag, Tante Velda“, flüsterte Eden schüchtern wie immer. Ich setzte mich neben Großmama aufs Sofa, während sich Eden im Schneidersitz vor dem Fernseher niederließ. „Ihr Kinder könnt hier bleiben und ein bisschen fernsehen“, sagte Mama und stellte eine passende Sendung ein. Ich sah Mama und Papa nach, die hinüber in die Küche gingen, gefolgt von Großmama. Tante Velda blieb noch einen Augenblick bei uns. Mit zittrigen Händen zog sie eine weitere Zigarette aus der Schachtel, steckte sie in den Mund und zündete sie mit dem noch glimmenden Stummel der vorigen an. Dann verschwand auch sie im angrenzenden Schlafzimmer. Endlich waren wir allein. „Wie geht’s deiner Nase“, fragte ich meine Schwester. „Brennt noch ’n bisschen.“ „Was hast du zu Mama gesagt, dass sie so ausgerastet ist?“ „Weiß nicht.“ Sie zuckte die Achseln, während sie wie gebannt auf die Mattscheibe starrte. Dort lief gerade Lassie. Draußen vor dem Fenster konnte ich Tante Veldas Kinder hören. Sie kicherten und kreischten und bespritzten sich mit dem Wasserschlauch. Ich überlegte schon, mich ihnen anzuschließen, als ich einen Schrei aus dem Schlafzimmer hörte. Wenn Erwachsene so schreien, ist meistens ein Unglück geschehen. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Eden blickte kurz auf, widmete sich aber sofort wieder Lassie auf dem Bildschirm. Sie besaß die Gabe, Dinge, die sie nicht unmittelbar interessierten, einfach auszublenden. „Du liebe Güte, Velda!“, hörte ich Großmutter rufen. Im selben Augenblick erschien Mama mit hochrotem 26
Kopf und winkte uns herbei. „Wir fahren ab“, rief sie. „Los, schnell zum Auto.“ „Aber Mama ...“ „Sofort!“ Papa folgte ihr hinkend, indem er sich auf seinen Stock stützte und mit dem Kopf schüttelte. Durch einen Türspalt hatte ich gerade noch Tante Velda gesehen, die zusammengekrümmt und bewegungslos auf dem Boden lag, während Großmutter ihr ein feuchtes Tuch auf die Stirn legte. Ich fürchtete das Schlimmste. „Papa, geht es ihr gleich wieder besser?“ „Katrina!“ Mama winkte uns mit dem Kopf herbei. Ich hatte bislang nicht mitbekommen, dass Onkel Leland im mittleren Schlafzimmer seinen Mittagsschlaf gehalten hatte. Wir nannten ihn Onkel Lee. Er war Fredas Vater. Auch er tauchte jetzt auf, rieb sich verschlafen die Augen und streckte seine Glieder. „Was is’n los?“, fragte er meinen Vater. „Es ist Velda. Schon wieder in Ohnmacht gefallen.“ Ich wurde von hinten geschoben – zur Tür hinaus und dann zum Chevy. Und niemand bemerkte, dass Eden nicht mitgekommen war. Es war immer spannend für uns Kinder, wenn Velda in Ohnmacht fiel. Und so war wahrscheinlich der Anblick der am Boden liegenden ausgezehrten alten Frau der Grund, warum Eden zurückgeblieben war – vielleicht hoffte sie aber auch, unter den Erwachsenen könne bei dem Durcheinander ganz schnell ein Zank ausbrechen, und das bereitete Eden immer großes Vergnügen. Wenn in der Schule irgendwelche Raufereien im Gange waren, stand Eden gewiss in der johlenden Menge der Zuschauer. Die Aussicht, Erstklässlerblut auf den Rasen unseres Pausenhofes spritzen zu sehen, zog sie unwiderstehlich an. Ich aber suchte jedes Mal das Weite. 27
„Mama, Eden ist nicht im Auto“, rief ich nach vorn zu meinen Eltern. „Ist sie denn nicht mit dir gekommen?“ „Nö.“ Ich blickte zurück durch die Heckscheibe und sah Veldas Silhouette im Wohnzimmerfenster zwischen den gefärbten Chiffongardinen. Die Glut einer Zigarette glimmte auf. Sie hatte sich also rasch wieder erholt und fand Trost bei ihrem so schädlichen Laster. „Lauf und hol sie, Katrina“, sagte Mama, die wie ich Velda durchs Fenster entdeckt zu haben schien, wobei für einen Augenblick tiefste Verachtung in ihren Augen funkelte. „Kannst du nicht einfach hupen, Papa?“ „Nun lauf schon, du dumme Göre!“ Papa brüllte selten, weil Mama ihm für gewöhnlich zuvorkam. Aber wenn er doch einmal laut wurde, war es klüger, jeden Anflug von Aufbegehren zu unterdrücken. Ich wand mich aus dem Fond, und jeder Stein, der mir auf dem Weg zum Haus vor die Füße kam, flog im hohen Bogen seitlich ins Gras. „E-den! E-den!“, rief ich ein paar Mal und wartete auf eine Antwort. Gerade als ich die Verandatür öffnen wollte, hörte ich einen Schrei von drinnen. Meine Finger froren an der Klinke fest. Ich wagte keinen Schritt weiter. Mir wurde wieder einmal so recht bewusst, was für ein Feigling ich war. Mama hatte mir immer wieder gepredigt, wie wichtig es im Leben sei, sich einer Herausforderung zu stellen, möglichst den ersten Streich zu führen und allen, die sich mir in den Weg stellen wollten, eine Lektion zu erteilen, die sie nicht vergessen würden. Aber richtig zu Herzen habe ich mir diese Lebensregel nie genommen. Ich blickte mich zum Chevy um. Die Mutter nickte aufmunternd mit dem Kopf. Ja, ich solle endlich meinen Auftrag erledigen und ins Haus gehen. Das wollte 28
sie mir signalisieren. Ihr Geduldsfaden schien zum Reißen gespannt zu sein. Ich drückte mit der Handfläche gegen das verwitterte Holz der Tür. Wieder heftiges Gezeter von drinnen. Unheimlich, wenn die Erwachsenen sich stritten. Velda und Onkel Lee schienen aneinander geraten zu sein. Aber von meiner Schwester keine Spur. Die Scharniere quiekten. Zigarettenqualm waberte mir entgegen, schien hinaus ins Freie entkommen zu wollen. „Das solltest du nicht tun, Velda! Das kannst du der Familie nicht antun – nicht deinem eigenen Fleisch und Blut!“ Onkel Lee hatte sich vor seiner zierlichen Schwester aufgebaut. „Sag du mir nicht, was ich zu tun und zu lassen habe!“, fauchte diese zurück und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie zog noch einmal nervös an ihrer Zigarette und schnippte den Stummel in ein Schüsselchen, das auf dem Küchentresen stand. „Ich sage dir das, weil kein anderer sich traut.“ „Misch dich da nicht ein, Lee!“ Endlich entdeckte ich den kleinen Blondschopf meiner Schwester, sie hockte unbeachtet direkt meinem Onkel zu Füßen. Meine Großmutter hatte sich aus dem Staub gemacht, um sich nicht auf die eine oder andere Seite schlagen zu müssen. So tat sie es immer, wenn die Geschwister sich zankten. „Eden!“, raunte ich, während ich am Boden zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch zu meiner Schwester kroch, in der Hoffnung, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ohne gleichzeitig vom Zorn meiner zänkischen Tante Velda etwas abzubekommen. Eden zwinkerte mir schelmisch zu und deutete mit ihrem dünnen Finger nach oben zu Onkel und Tante. Es war ihr eine Genugtuung, dass man sie noch immer nicht entdeckt hatte. „Wir fahren ab!“, flüsterte ich, aber das kümmerte 29
meine Schwester wenig. Sie ließ sich einfach nicht bewegen, ihren Horchposten aufzugeben. Es war, als verfolge sie einen spannenden Film, die aktuellste Episode einer langen Familienserie. Und ich war der Störenfried. Schnell verbannte sie mich aus ihrem Gesichtskreis und wandte sich wieder dem Drama zu, das spannender war als alles, was sie im Alltag erlebte. Inzwischen hatte Papa ein paar Mal draußen gehupt, und mir wurde klar, dass ich Keile bekäme, würde es mir nicht augenblicklich gelingen, den kleinen Ausreißer einzufangen. Vorsichtig robbte ich noch näher zu meiner Schwester, immer ein Auge auf meine unberechenbare Tante, die nicht abließ, meinen Onkel anzuschreien. Ich flüsterte: „Wir beide kriegen ’ne Tracht Prügel!“ „Lee, du lässt mich gefälligst in Ruhe“, zeterte über uns die Tante. „Nicht, bevor du versprichst, dass dein Mann dieses unselige Dokument zerreißt und ...“ „Kein Wort mehr! Ich will nichts mehr hören!“ Sie hob ihre Hand, als wolle sie zum Schlag ausholen, doch dann wankte sie, und ich rechnete damit, dass sie ihren nächsten Ohnmachtsanfall bekäme. „Eden! Komm!“, flehte ich und schlug mit den Händen auf die Oberschenkel. Velda suchte Halt am Küchentresen, ihre Hand glitt darüber und bekam das Fleischermesser zu fassen, das Großmutter benutzt hatte, um den Speck zu schneiden. Veldas knochige Finger krallten sich um den Griff. „Onkel Lee, Vorsicht!“, schrie ich. Velda, getrieben von dem unbändigen Verlangen, sich immer und überall zu rechtfertigen, ließ das Messer über ihrem Kopf kreisen. Eden beobachtete es mit weit aufgerissenen Augen, gespannt, aber dennoch als Zuschauerin, irgendwie unbeteiligt. 30
„Nicht, Tante Velda!“ Ich hielt mir die Hände vor die Augen. Ich hasste es, eine Hurley zu sein. In diesem Augenblick wurde mir wieder einmal klar, dass ich im falschen Nest zur Welt gekommen war, in diesem groben Geflecht aus stachligen Zweigen. Gott hatte mich versehentlich am falschen Ort in diese Welt gesetzt, und irgendwie musste ich ihm diese Nachricht mal zukommen lassen. Hier jedenfalls gehörte ich nicht hin, und doch hielt mich eine unsichtbare Schicksalshand so fest, dass ich die Rolle spielen musste, die ich so sehr verabscheute. Etwas Metallenes schlug auf den billigen Linoleumboden. Ich nahm die Hände vom Gesicht. Eden saß vor mir und bog sich vor Lachen. Und während Onkel Lee die Tante aus dem Zimmer drängte, kroch ich zu meiner Schwester, die das Messer in der Hand hielt. „Was ist denn passiert?“, fragte ich sie. „Es ist abgerutscht, an Onkel Lees fetten Bauch einfach abgerutscht.“ Eden kugelte sich vor Lachen, und das machte mich wütend, denn mir war der Ernst der Lage durchaus bewusst. „Mensch, Eden, Tante Velda hat eben versucht, ihn umzubringen! Das ist doch nicht zum Lachen!“ Noch heute, wenn meine Schwester diese Episode zum Besten gibt, erzählt sie sie, als sei es die Szene aus einer Komödie mit Happyend. Ihr fehlte offenbar jedes Gespür für lauernde Gefahren, und das muss damals Gott dazu bewogen haben, ihr fortan ein ganzes Heer von Schutzengeln an die Seite zu stellen. Nach diesem Tag habe ich meine Großmutter nie wieder gesehen – jedenfalls nicht lebendig. Tante Velda und ihr Mann hatten es tatsächlich mit Hilfe eines gerissenen Winkeladvokaten geschafft, dass das Testa31
ment meines Großvaters ganz zu Gunsten meiner willenlosen Großmutter ausgelegt wurde, wodurch sie in den Besitz des gesamten Anwesens kam. Danach überredeten die beiden Großmama, die Farm zu veräußern, um sich dafür ein Häuschen in einer billigen Gegend zu kaufen – mit dem Versprechen, sie bis zum Ende zu pflegen. Als sie bald darauf starb, fiel das Erbe meines Großvaters schließlich ganz in die habgierigen Hände meines Onkels. Da die Farm zehnmal mehr wert war als das Haus, blieb es das Geheimnis von Onkel und Tante, was mit dem restlichen Vermögen geschah und warum die restlichen sechs Geschwister leer ausgegangen waren. Niederlagen wie der verlorene Erbstreit warfen meinen Vater völlig aus der Bahn. Ich habe mich oft gefragt, ob er seine Invalidität besser ertragen hätte, wenn es ihm gelungen wäre, weniger rückwärts gewandt zu leben, wenn ihn die Vergangenheit nicht immer wieder eingeholt hätte. Doch er verkniff sich beharrlich den Luxus, von einer besseren Zukunft zu träumen. Es gab bestimmte Menschentypen, die er zutiefst verachtete. Ganz oben auf dieser Liste standen die Träumer; danach folgten sogleich die Prediger und die Zigeuner. Ohne Perspektive arrangierte er sich mit der Erstarrung in seinem Leben – einem Leben ihm Lehnstuhl und versorgt durch eine winzige Invalidenrente. Jenseits der Bergrücken, die unser Mockingbird Valley umgaben, lauerte für ihn die Lebensangst, und Glück, das war für ihn, mit seinem abgetragenen Overall bekleidet ins Wirtshaus zum Stammtisch zu gehen, um dort die alten Kumpel von früher zu treffen. Ich aber wurde von mannigfachen Sehnsüchten geplagt. Ich glaubte nicht, dass draußen vor dem Tal die Katastrophe lauerte. Vielmehr stellte ich mir vor, jenseits meiner kleinen Kinderwelt könne es eigentlich nur paradiesisch sein. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, 32
dass ich mich damals wie ein Ungeborenes fühlte, ein Embryo im Bauch der Mutter, der darauf wartet, entbunden zu werden. Solange mein Vater lebte, war unser Haus ein Ort der Sehnsucht. Ich sehnte mich danach, seiner übertriebenen Besorgtheit zu entkommen, sehnte mich täglich nach der Rückkehr der Mutter von der schweren Arbeit in der Fabrik, und ich sehnte mich nach meinem Großvater, den ich erst nach einer Ewigkeit im Himmel wiedersehen würde. Als Mama dann in meiner Schwester Eden zunehmend das schwarze Schaf der Familie sah, das nur noch danach zu trachten schien, ihr das Leben zur Hölle zu machen, nahm sich Papa des vermeintlichen Opfers mütterlicher Willkür väterlich an und beschützte es vor jedem drohenden Übergriff. Ich als Großpapas Liebling hatte meine bevorzugte Stellung längst eingebüßt, und so musste ich mit ansehen, wie meine Schwester Eden – nach Strich und Faden gehätschelt und verwöhnt – zunehmend darin Übung bekam, andere für sich arbeiten zu lassen. Ein weiterer wichtiger Einschnitt in unserem Familienleben war die Nachricht, dass Papa auf Dauer Invalidenrente zugesprochen bekam. Mama kam fortan von der Arbeit nach Hause, zog die Hosen an und gebärdete sich als Haustyrann. Unseren Vater verbannte sie an den Rand des Geschehens, der von nun an nicht mehr wusste, was er mit der vielen Zeit anfangen sollte, die ihm im Überfluss zur Verfügung stand. Ich denke, dass dies der Augenblick war, da unsere Probleme erst richtig begannen. Irgendwann im November wachte ich morgens auf, und von draußen leuchtete es weiß und hell in mein Zimmer. Der Anblick, der sich mir bot, als ich aus dem Fenster sah, war einfach grandios. Es war einer der we33
nigen Tage, an denen morgens schon eine geschlossene Schneedecke lag. Ich dachte nicht lange nach und lief – so wie ich war – zur Tür, öffnete sie und trat hinaus. Der Wind hatte den weißen Puder bis auf die Veranda geweht, und ich spürte das Zwicken der eisigen Kälte an meinen Füßen. Trotzdem wagte ich mich weiter hinaus in der Hoffnung, kein einziges grünes Fleckchen Erde mehr zu entdecken. Als ich dann sah, dass nicht einmal mehr die Randsteine am Weg aus der Schneedecke ragten, wusste ich, dass es zum Rodeln reichen würde. In diesem Augenblick fiel mir die Fußspur auf. Ich dachte sofort an die Spuren im Schnee, die im letzten Winter die Mutter immer hinerlassen hatte, wenn sie schon in aller Frühe zur Schuhfabrik aufgebrochen war. Wenn die Straßen nicht geräumt waren, zahlte die Fabrik eine Prämie all den Arbeitern, die dennoch erschienen. Dann streifte Mama Gummistiefel über die Schuhe und machte sich auf den Weg, bevor die ersten Sonnenstrahlen auf die gefrorene Kruste fielen. Doch an jenem Morgen waren die Spuren fast doppelt so groß wie Mutters winzige Stapfen. Da hörte ich deutlich das Knirschen von Stiefeln im Schnee. Ich folgte der Spur und spähte um die Hausecke. In einiger Entfernung sah ich Papa, der sich davonstahl. „Papa, wohin gehst du?“, rief ich in die Schneestille hinein. Er legte seinen wulstigen Zeigefinger auf die Lippen und winkte abwehrend mit der anderen Hand. „Ich muss mal weg hier!“, raunte er. Wie oft hatten Eden und ich diesen Satz schon gesagt, immer dann, wenn uns alles zu Hause auf die Nerven ging und wir uns nach Abwechslung sehnten. Nun aber war Papa es offenbar endgültig leid, immer nur das Kindermädchen zu spielen. „Warte auf mich, Papa!“ 34
Er blickte erschrocken und grimmig zugleich, gestikulierte wild, um mich zum Rückzug zu bewegen. „Warum kann sie nicht mit?“, hörte ich meine Mutter hinter mir rufen. Papa wurde bleich wie der Schnee. Damals begriff ich noch nicht, zu welchem Werkzeug die Mutter mich machte. Erst später als Heranwachsende dämmerte es mir, welche Rolle ich gespielt hatte als Spionin meiner notorisch misstrauischen Mutter. „Sie hat keine Schuhe an, Doreen. Sie holt sich noch den Tod.“ „Los, Katrina, zieh dich schnell an. Den Augenblick kann Papa noch warten.“ Das Leben hatte sie gelehrt, niemandem mehr zu vertrauen. Zweimal zuvor war sie verheiratet gewesen, und nicht einer ihrer Männer war ihr treu geblieben. Ich spürte in diesem Augenblick die Spannung zwischen den beiden, wollte aber dennoch die Gelegenheit nutzen. Und so lief ich, um mich in Windeseile anzuziehen. „Komme schon, Papa!“, rief ich vergnügt und beeilte mich, ihn einzuholen. Es fiel nicht schwer, sein Ziel zu erraten. In Mockingbird Valley war ohnehin nicht viel los. Ich kann mich nicht an ein einziges Mal erinnern, als Familie in einem Restaurant gesessen zu haben. Aber in der Nähe war eine kleine Fabrik errichtet worden, und die Kantine für die Angestellten war für jedermann zugänglich. Der Duft nach Kaffee und heißen Pfannkuchen ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen, als wir das spartanisch eingerichtete Restaurant betraten. Sofort strebte ich jener gläsernen Vitrine zu, in der die köstlichen Schokoladen ausgelegt waren. „Darf ich die da haben, Papa?“, fragte ich und tippte auf die Scheibe. Ich liebte die weiße Schokolade mit der Schicht Puffreis, und es klang verlockend, als ich 35
die Münzen in Papas Hosentasche klimpern hörte. Es bedeutete, dass ich kurz vor der Erfüllung meiner Träume stand. „Morg’n“, murmelte die Bedienung, goss Kaffee in einen Becher und schob ihn Papa hin. Ihr toupiertes Haar hatte eine seltsam rötliche Tönung. Wahrscheinlich hatte sie etwas tief in den Farbtopf gegriffen. Jetzt erinnerte ihr Haarschopf an das Fell unseres Katers. „Morgen, Eveline.“ Papa tippte von unten an die Krempe seines Filzhutes, sodass er ihm noch weiter in den Nacken rutschte, und nahm auf einem der drehbaren Barhocker Platz. Ich setzte mich neben ihn und war ganz damit beschäftigt, das Stanniolpapier vom Objekt meiner Begierde zu wickeln. „Hast du’s schon mal so kalt hier erlebt?“, fragte Papa. „Seit Jahren nicht“, antwortete die Bedienung, während sie einen Fleck vom Tresen wischte, und nach einer Pause meinte Papa: „Faubus macht nur Mist. Der richtet noch ganz Arizona zugrunde.“ „Keine Ahnung. Die große Politik ist mir ziemlich schnuppe.“ Sie kicherte, wobei ihre knochigen Schultern auf und nieder wippten wie bei unserem Aufziehäffchen mit dem Lachsack im Bauch. „Dachte immer, du wärst Demokrat.“ „Nich’ mehr. Hab die Seiten gewechselt. Demokrat, das war ich mal. Hat sich vieles geändert inzwischen.“ „Ja?“ „Ich suche mir inzwischen aus, wer der richtige Mann für den Posten ist. Die Mitläufer, die wählen den letzten Affen, nur weil er ’n Demokrat ist und sie’s auch schon immer waren. Nee, nich’ mit mir.“ Sie kicherte etwas übertrieben. So komisch war es nun auch wieder nicht. Überhaupt störte es mich, wie vertraulich sie mit Papa redete, als würden sie sich bereits eine Ewigkeit kennen. 36
„Sind Sie Demokrat?“, mischte ich mich ein. „Huch!“, rief sie und sah mich an, als sei ich ein Gespenst. Offenbar hatte sie mich überhaupt noch nicht wahrgenommen. „Weil, wenn Sie Demokrat sind, will Papa sicher nichts mit Ihnen zu tun haben.“ „Katrina Louise!“ Papa konnte meinen Namen so barsch und herrisch klingen lassen, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken lief. Ich schämte mich augenblicklich in Grund und Boden, war mir doch sofort klar, dass er nun am liebsten jede Verwandtschaft mit mir geleugnet hätte. Von diesem Tag an ging Papa noch mehr auf Distanz zu mir. Er weihte mich nicht mehr in seine Vorhaben ein, und wenn er mich doch einmal mitnahm, musste ich draußen vor der Tür bleiben. Ich wusste dann nicht mehr, wo ich war und bei wem. Und wenn Mama nachher fragte, wo wir gewesen seien, konnte ich ihr keine Antwort geben.
37
1 Kindheit in Mockingbird Valley, das war – auch wenn wir Kinder zuweilen ausgelassen spielen konnten – ein einziger Dämmerzustand. Richtig erwacht bin ich eigentlich erst heute. Aber vielleicht war das sogar gut so. Gott hatte mich offensichtlich in einen gnädigen Schlummer fallen lassen. Jetzt aber bin ich erwacht. Die Vergangenheit kann mir nichts mehr anhaben. Ich bin ein Kind der Gegenwart geworden. Und wenn ich einmal ins Land meiner Erinnerungen zurückkehren muss, so ziehe ich den Mantel meiner gewonnenen Erkenntnisse an, um dort im Schatten der Vergangenheit nicht mehr zu frieren. Ein wenig erfreuliches Jahr lag hinter uns. Die Wirren um Watergate prägten das politische Klima im Land, und die Pubertät begann sich meiner zu bemächtigen. Meine Beine wuchsen lang und länger und drohten sich wegen ihrer grazilen Form immer wieder zu verheddern. Mit sechzehn, ich war den Jungen meines Alters längst über den Kopf gewachsen, verabscheute ich das fremde Pickelgesicht, das mich jeden Morgen missmutig im Spiegel anglotzte. Wie schon früher wurde ich das Gefühl nicht los, dass alles, was das Leben schöner macht, an mir vorübereilte, ohne dass ich irgendetwas davon erhaschen konnte. Die Mädchen meines Alters begannen weibliche Formen zu entwickeln. Ich bewunderte sie, wenn sie durch die Pausenhalle der Mockingbird-Highschool schlenderten, ihre noch formbaren Füße in Plateauschuhe gezwängt, während ich mich selber lieber oben auf die Galerie zurückzog, wo es ruhiger war und nicht so viele mitbekamen, dass ich selbst geschneiderte Blusen und Röcke trug, ausgetretene Halbschuhe anhatte 38
und noch immer keine weiblichen Kurven vorweisen konnte – und damit zwangsläufig nicht zu denen da unten gehörte. Dabei glaube ich gar nicht, dass mich meine Mutter unter allen Umständen daran hindern wollte, erwachsen zu werden, und dass sie womöglich Tag und Nacht darüber nachdachte, wie sie meine immer länger werdenden Extremitäten daran hindern könne, so weit aus allen Säumen herauszuragen. Sie hatte schlicht und einfach noch nicht mitbekommen, dass ich meine Kindheit längst hinter mir gelassen hatte. Wie sehnte ich mich danach, endlich einmal in einen Laden zu gehen und die Jeans zu erwerben, mit der ich unweigerlich in den Kreis der Teenager unserer Schule aufgenommen worden wäre. Jeden Morgen weckte mich das Gezeter meiner Mutter: „Katrina Louise, wenn du nicht endlich aufstehst, verpasst du den Schulbus!“ Sie ermahnte mich mit so viel Nachdruck, dass man meinen konnte, die Welt ginge unter, wenn ich ihn tatsächlich einmal nicht mehr erwischen würde. Deshalb nahm ich mir eines Tages vor, es einmal auszuprobieren. Ich wollte wissen, ob sie tatsächlich die gute Prophetin war, für die sie sich hielt. „Bin schon auf!“, rief ich, als ich Stimmen unten in der Küche hörte. Sie drangen durch den ziemlich breiten Schlitz unter meiner Zimmertür hindurch. Es waren Papa und seine Tante Mosie, die sich in der Küche unterhielten. Die alte Frau ernährte sich angeblich nur von dem, was ihr etwas beschränkter Sohn Elvin erlegen, häuten und ausnehmen konnte. Da aber die Besiedlung des ländlichen Raumes nach und nach auch ihre kerosinbeheizte Klause erreicht hatte, machte er kaum noch Beute auf seinen Jagdzügen. Waschbär, Opossum und Eichhörnchen gehörten zum Speiseplan bei Großtante Mosie. Angeblich nahm sie nichts ande39
res als das Fleisch dieser Tiere zu sich – und sie trank Bier in Mengen. Verstehen konnte ich nicht, was geredet wurde, denn Mama fegte gerade ihr Schlafzimmer, und das Wischen und Klacken des Besens übertönte die Unterhaltung. Danach würde sie hinüber in Papas Schlafzimmer gehen, um auch dort sauber zu machen. Mama weigerte sich, mit Papa in einem Zimmer zu schlafen. Erst als ich zum ersten Mal bei einer Freundin übernachten durfte, begriff ich, dass es bei uns etwas anders zuging als bei anderen Familien. Als sie auf eine Tür deutete und erklärte, dies sei das Schlafzimmer ihrer Eltern, wollte ich es erst nicht glauben. Ich war schockiert. Das arme Ding musste unter einem Dach mit Eltern wohnen, die ohne Scham in Sünde lebten. Ich kämmte mein langes glattes Haar und verfluchte die Dauerwelle in den Spitzen. Bis vor einiger Zeit hatte Mama darauf bestanden, Eden und mir regelmäßig eine gleiche Dauerwelle ins Haar zu machen. Selbst die Kleidung musste identisch sein, sodass uns die Leute auf den ersten Blick für Zwillinge hielten. Und überall erzählte sie, unsere Locken seien ein Geschenk vom lieben Gott. Das war eine der vielen Lügen, mit denen ich zu leben lernte. Und wenn eine Lüge so oft wiederholt wird, glaubt man irgendwann selber daran. Das Lügengeflecht, das uns umgab, war inzwischen so dicht, dass es uns von der realen Welt da draußen fast ganz abschirmte. Ich trug ein wenig Lidschatten auf. „Glitzerndes Wasser“ stand auf der Flasche. Von Natur aus habe ich hellblonde Wimpern, dünn wie Mückenbeine, die dem Auge kaum Kontur geben. Und was die Sache noch verschlimmert, ist die Brille, die ich gezwungenermaßen trage. Geerbt habe ich auch die undefinierbare Augenfarbe meiner Mutter – nicht richtig braun, nicht blau und nicht grün. Bei so viel Undefinierbarkeit ver40
gaß ich manchmal selber, wie ich aussah. Der Geruch von Wäschestärke stieg mir in die Nase, als ich mich über die frisch gebügelten Kleider beugte, die Mutter für mich zurechtgelegt hatte. Dort lag wieder eine meiner selbst geschneiderten Blusen und ein Rock, den Mutter an zwei Abenden in aller Eile aus Stoffresten zusammengefügt hatte. Ich hielt die lavendelfarbene Bluse hoch. Bauerntrampel, dachte ich und zog das Ding mürrisch an. Viel zu weit! Meine ohnehin nur angedeuteten Formen blieben nun ganz dem Auge des Betrachters verborgen. „Mama, guck dir das doch mal an“, rief ich. „Ich koche gerade Kaffee, Katrina. Was willst du?“, rief die Mutter aus der Küche. „Die Bluse ist viel zu weit.“ „Ach was! Eben großzügig geschnitten.“ Sie trat in mein Zimmer, und mein Blick fiel auf ihre viel zu lange Hose. Es war ihr einfach zu lästig, jedes Mal die Beine um zehn Zentimeter zu kürzen, wenn sie sich eine neue im Laden kaufte. Die Regale seien voll mit Sachen, die für nicht existierende Leute gemacht seien, so klagte sie dann. Das Gefühl, nie als individuelles Wesen wahrgenommen zu werden, drückte sich in dieser oft wiederholten Klage aus. Ich wusste eigentlich so wenig über diese Frau, die da vor mir in ihren viel zu langen Hosen stand. In einer der Schreibtischschubladen hatte sie alle ihre Familienfotos gesammelt, aber diese Bilder offenbarten so wenig über ihr Leben wie die Fußstapfen im Sand etwas über einen Spaziergänger verraten. Auf vielen Fotos waren schäbig gekleidete Menschen zu sehen. Das waren meist Hurleys. Dann gab es allerdings auch Bilder, auf denen die Abgelichteten sich in Positur stellten und vorzeigten, was sie besaßen. Das einzige Kinderfoto von meiner Mutter faszinierte mich. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie aus dem Foto, den 41
Mund breit gezogen – wie jemand, der es satt hat, noch weiter begafft zu werden. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Mama als Kind gewesen sein mochte. Aber es gelang mir nicht. Die alten Fotos mit dem Braunstich und den gezackten Rändern ließen nur einen allzu flüchtigen Blick in ihre verwundete Kinderseele zu. Manche Menschen überstanden die Jahre der Weltwirtschaftskrise ohne nennenswerte Blessuren, während andere den Boden unter den Füßen verloren. Ich habe Menschen erzählen hören, dass sie damals gelernt hätten, mit immer weniger zurechtzukommen, dass gleichzeitig aber die Familien menschlich zusammengewachsen seien. Die Geschichten, die Mama zu erzählen hatte, gaben mir jedoch wenig Einblick in ihre Gefühlswelt von damals. Von einer Babypuppe wusste sie zu berichten, eine Geschichte, die mich jedes Mal traurig machte. Sie hatte sich eine vom Weihnachtsmann gewünscht, obwohl sie als Älteres von neun Kindern längst über die wahre Natur dieses alten Wundertäters aufgeklärt worden war. Als eines Tages kurz vor Weihnachten der Nachbarsjunge in die Hütte ihres Vaters gestürmt kam und aufgeregt berichtete, dass die Frauen von der Wohlfahrt auf dem Weg seien, beladen mit Säcken voll Spielzeug, da gerieten alle im Haus in helle Aufregung. Meine Mutter zog die Schuhe mit den klaffenden Löchern an, die bereits ihre Mutter getragen hatte, und lief hinaus ins Freie, obgleich es ein kalter Morgen war. Voller Erwartung stand sie mit all den anderen Kindern der Armen in einer Reihe, während der Frost ihre Zehen betäubte. Die Frauen von der Wohlfahrt kamen und überreichten ihre Geschenke mit gönnerhafter Miene. Es sei ihr schon sehr schwer gefallen, sich unter die Ärmsten der Armen zu mischen, allerdings habe sie sich auch nicht am Ende der Reihe aufstellen müssen, wo die Schwarzen standen. 42
Eins, so ließ die Mutter durchblicken, wann immer sie die Geschichte erzählte, war ihr am meisten zuwider, nämlich die herablassende Art, mit der die Wohltäterinnen auf die armen Kleinen herabsahen. Ich finde, dass alle, die den Ausgestoßenen der Gesellschaft ein paar Krumen hinwerfen, nur um ihr Gewissen zu erleichtern, keinen Lohn mehr im Himmel bekommen dürfen; und wenn es doch so sein sollte, dann werde ich mich einst dafür stark machen, dass die Regel geändert wird. Meine Mutter bekam dann eine Puppe gereicht, eine alte, zerfledderte, mit vielen feinen Sprüngen im Gesicht. Doch die Enttäuschung war riesengroß – es war nämlich kein Baby zum Wiegen. Sie warf sie zu Boden und bekam sogleich eine Ohrfeige dafür. Wie könne sie nur so undankbar sein! Und so schickte ihre Mutter sie nach Hause – ganz ohne Geschenk. Dieses Ereignis war gewiss der eigentliche Beweggrund dafür, dass Eden und ich bis ins Erwachsenenalter Weihnacht für Weihnacht eine neue Babypuppe bekamen. Irgendwann konnten wir gemeinsam fast dreißig niedliche Püppchen unser Eigen nennen. „Der Bus wartet nicht, wenn du nicht an der Straße stehst!“ „Trotzdem – die Bluse ziehe ich nicht an. Sieht aus wie billige Unterwäsche.“ „Ich habe einen Haufen Geld dafür ausgegeben. Entweder du ziehst das Ding jetzt an, oder ich mach dir nie wieder was.“ Wie gern hätte ich ihr das Versprechen abgenommen, zu diesem Wort zu stehen! Aber mein Mitleid war stärker. Ich wusste, dass sich Mama und Papa oft wegen unserer Kleidung stritten. Das Geld war knapp und die Geschmäcker so verschieden. Mir war klar, dass dieser feine Stoff schwer zu bekommen war, aber als sie ihn nach Hause mitbrachte, zusammengelegt und mit ei43
nem roten Geschenkband darum, da konnte ich nicht ahnen, wie durchsichtig er war. Wahrscheinlich hatte nicht einmal sie selber es bemerkt. „Mama, mein BH scheint ja durch!“ Ich stand vor dem Spiegel und starrte auf meine Bluse mit dem durchschimmernden Blau meines Büstenhaltes. Mama hatte ihn bei Fred gekauft, einem kleinen Laden mit Schaufenstern, in denen die Auslagen vergilbten. Regelrecht aufgeschwatzt hatte sie mir das Ding in dem Ramschladen. Wie konnte man nur dort kaufen, wo die BHs neben Wasserkesseln und Mausefallen auslagen! „Was nützt dir ’n farbiger Büstenhalter, wenn ihn niemand sieht?“, rief Mama entrüstet. Sie musterte die blauen Körbchen unter der Bluse. Ich fühlte mich nackt, als wäre die ganze Landjugend herbeigeeilt, um einen Blick auf meinen Busen zu werfen. „Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich das Ding zur Schule anziehe!“ „Der Bus kommt gleich. Vergiss nicht den Pullover. Ist noch kühl draußen.“ „Ganz bestimmt nicht. Ich werde ihn über den Kopf ziehen, damit niemand mich erkennt.“ „Wenn du den Bus verpasst, läufst du zur Schule!“ „Nee, ich bleibe heute zu Hause.“ „Das wirst du nicht!“ Sie gab mir einen Klaps aufs Hinterteil. Selbst große Mädchen bekommen noch Keile für freche Antworten, es sei denn, sie wohnen im vornehmen Viertel der Stadt. Richtige Prügel bekamen wir zwar nicht mehr, aber einen leichten Schlag aufs Hinterteil von Zeit zu Zeit. Das zeigte uns, so glaubte die Mutter, wer schließlich noch immer das Sagen hatte. Der Bus kam. Ich hörte ihn zwei Blocks entfernt und spürte das leichte Vibrieren im Boden. 44
Während ich mir den Rock anzog, fragte ich: „Du denkst dran, dass ich heute Hauswirtschaftslehre habe? Wir kochen für euch.“ „Ich weiß. Ich habe deshalb noch einen Friseurtermin bei Evelyn“, antwortete Mama und lächelte säuerlich. Sie hasste es, von der Schule vereinnahmt zu werden, und ich fragte mich, ob sie tatsächlich erscheinen würde, um unsere selbst gekochten Sachen zu probieren. „Ihr sollt um zwölf kommen. Es ist wichtig für meine Abschlussnote. Nicht vergessen!“ „Das vergesse ich schon nicht. Nun mach aber, dass du rauskommst, sonst ist der Bus doch noch weg.“ „Tschüss, Papa, Tante Mosie.“ Eden war schon draußen. Sie wirkte müder und mürrischer als sonst. Sie hatte sich schon vor einiger Zeit geweigert, Mamas geschneiderte Sachen anzuziehen, und so trug sie immer wieder dieselben Jeans und dasselbe T-Shirt aus dem Ramschladen. Ihre ganze Körperhaltung verriet, wie sehr sie sich heute wieder zur Schule quälte. Ich verstand sie wohl besser als irgendjemand. Gelernt habe ich von ihr, dass sich Bildung nicht mit Gewalt aufdrängt. Man kann sich ihr erfolgreich verweigern. Kaum etwas gab in unserem Haus mehr Anlass zu Zank und Gezeter als Papas Versuche, Eden Nachhilfeunterricht in Mathe zu geben. Aber Eden begriff absolut nichts, und selbst wenn sie zuweilen eins der elementarsten Gesetze der Mathematik verinnerlichte, so interessierte sie das alles kein bisschen. „Möchtest du Lidschatten von mir?“, fragte ich. „Nee, und hör auf, mich dauernd zu bemuttern.“ Sie war streitlustig geworden in den letzten paar Monaten. Je mehr ich versuchte, ihr Gutes zu tun, desto gereizter reagierte sie. „Mama kommt heute zur Schule“, sagte ich. „Mrs Crawford will, dass wir eine ganze Mahlzeit für unsere 45
Mütter kochen. Ich bin ganz schön aufgeregt deswegen.“ Eden zuckte stumm die Achseln. Bei einem vertiefenden Gespräch wäre sie womöglich Gefahr gelaufen, aus Versehen die fest verschlossene Tür ihres Herzens einen Spaltbreit zu öffnen. Deshalb redeten wir kein einziges Wort mehr miteinander. Sie setzte sich im Bus in die letzte Bank und ich eine Reihe davor. Ich ahnte, dass die Kluft zwischen uns meinem Verhalten zuzuschreiben war. Einmal hatte ich zu ihr gesagt: „Wann hörst du endlich auf, mich nachzuäffen? Finde selber raus, was du willst und was nicht. Du musst mal du selbst werden.“ Trotz dieser Ermahnung war es Eden bislang nicht gelungen, herauszufinden, was sie liebte und hasste. Und da sie mir nicht lästig fallen wollte, beobachtete sie mich nur noch von fern. Wenn ich mich für links entschied, ging sie nach rechts. Wählte ich rot, wollte sie blau. Und wenn sie irgendwo ins Fettnäpfen trat, fühlte ich mich schuldig, weil ich’s vorher richtig gemacht hatte. Von all meinen Lehrern und Lehrerinnen beachtete mich Mrs Crawford am wenigsten. Ich konnte ihr Liebling gar nicht werden, denn ich hatte zwei linke Hände beim Nähen. Wozu sollte ich auch nähen lernen? Und wie alle Hurleys gehörte ich zu jenen Köchinnen, die immer alles anbrennen oder überkochen lassen. Die Frauen der Hurleys konnten nicht kochen, und ich sah nicht ein, warum ich diese Tradition brechen sollte. Mrs Crawford hatte mich ausgerechnet mit ein paar Mädchen eingeteilt, die sich in der Küche so sehr zu Hause fühlten wie Papa am Komposthaufen. Gezwungen, mich neben diese allseits beliebten jungen Damen zu stellen, kam ich mir noch dürrer und schlaksiger vor. Und ich musste so tun, als sei es mir recht. „Katrina, du und Carol Anne, ihr macht den Schokoladenkuchen“, sagte Mrs Crawford. 46
Ich lächelte Carol Anne gequält an. „Klar, Mrs Crawford“, sagte sie, nahm die Rezeptkarte vom Tisch und machte sich auf den Weg zur Küche. Ich folgte ihr und scherte mich nicht um die Blicke. Ich wog gerade das Mehl ab, als ich bemerkte, dass Carol Anne mich grinsend von Kopf bis Fuß musterte. „Dein BH scheint ja durch, Katrina.“ „Halt den Mund“, grunzte ich und drehte mich weg. Ohne viel mehr zu reden, gelang es uns, etwas aus dem Ofen zu ziehen, was halbwegs an einen Schokoladenkuchen erinnerte. Gerade in diesem Augenblick trafen die ersten Mütter ein. Suchend blickte ich mich um. Würde Mama dabei sein? Ich wusste, wie unangenehm ihr solche Situationen waren. Wenn sie sich unter viele Menschen begeben sollte, war dies jedes Mal eine Höllenqual für sie. Mrs Crawford forderte uns auf, die Mütter zu Tisch zu bitten. Carol Anne begrüßte ihre Mutter, eine der attraktivsten Frauen, die ich je gesehen hatte – außer Tante Pippa natürlich. Ihr Hüftschwung war unvergleichlich, und es lagen Welten zwischen ihrem feinen Kostüm vom Schneider und dem billigen Polyester, in das die anderen Frauen sich hüllten. „Es sieht so aus, als wären alle eingetroffen“, sagte Mrs Crawford. „Fast alle.“ Drei meiner Freundinnen wussten, dass ihre Mütter nicht kommen würden. Ich zwang mich, nicht dauernd zur Tür zu starren. Noch immer hoffte ich, meine Mutter würde noch auftauchen. Aber wir aßen ohne sie. Nach dem Hauptgericht forderte die Lehrerin Carol Anne und mich auf, unseren Kuchen zu servieren. Carol schnitt ihn an, während ich die Pappteller verteilte. „Lecker, Liebes“, sagte Carol Anns Mutter, aber ich sah, wie sie sich mühte, die staubige Masse hinunterzuwürgen. Sie war einfach zu höflich, alles in die Serviette 47
zu befördern. Doch die meisten Mütter machten eifrig Gebrauch von den aufgestellten Abfalleimern – wenn auch verstohlen. „Hallo?“ Trotz des Geschnatters im Raum erkannte ich die Stimme meiner Mutter. Die meisten Mütter hatten sich bereits vor der Tür versammelt, um sich zu verabschieden. Und so starrten die Frauen die Nachzüglerin an. Sie musterten sie abfällig und wandten sich dann wieder der jeweiligen Gesprächspartnerin zu. Die Friseurin hatte Mutters Haar ganz unnatürlich hochtoupiert. Da sie vor der hellen Glastür stand, schien das Sonnenlicht durch das dünne Geflecht ihres Haarberges. Verlegen stand sie am Eingang mit hängenden Schultern, die alte, für die Mode viel zu große Handtasche vor dem Bauch. Die aufdringlichen Blüten ihres Kleides umkränzten ihre Hüften und machten sie um Jahre älter. „Deine Mutter ist da“, flüsterte eine Freundin. „Sehe ich.“ Ich ging auf sie zu und hoffte, sie würde die Schamröte auf meinen Wangen nicht sehen. „Evelyn hat diesmal länger als sonst gebraucht“, sagte Mama entschuldigend, während sie ihren Blick schweifen ließ, ob nicht irgendein vertrautes Gesicht ihr Trost spenden würde. Und als sie keins fand, fixierte sie mich. „Wir haben schon gegessen, Mama.“ „Hätte ich Evelyn gedrängt, hätte sie vielleicht nicht gut gearbeitet, und außerdem ...“ Sie verstummte, denn sie hatte Mrs Crawford gesehen, und der abschätzige Blick meiner Lehrerin sprach Bände. Wir waren die Hurleys, die Asozialen am unteren Ende der Rangordnung in Mockingbird Valley. „Macht nichts“, tröstete ich sie, „ich habe so oder so meine Note bekommen.“ Am liebsten wäre ich herumgegangen und hätte jeden Einzelnen dieser arroganten Schafsköpfe wachge48
rüttelt. Da war ein Mensch, der Einlass begehrte! Und niemand überwand sich, ihn hereinzubitten. „Ich gehe dann wohl lieber“, sagte Mama. Mrs Crawford bekam zwar mit, dass meine Mutter sich anschickte, uns wieder zu verlassen, aber sie ließ es wortlos geschehen. Ich habe mich immer gefragt, ob diese besser gestellten Frauen es genossen, wenn jemand wie meine Mutter sich hin und wieder blicken ließ, weil sie sich dann so schön überlegen fühlen konnten. Diese Menschen glaubten am Ende gar, Gott habe die Armen nur geschaffen, damit die Reichen dankbar für ihren Wohlstand sein können. Aber haben sich jene wohl schon gefragt, warum der Herr viel lieber mit den Geringen speiste? Die Vorstellung machte mir schwer zu schaffen, dass meine Mutter den ganzen Vormittag Ängste ausgestanden hatte, es könne ihr am Ende nicht gelingen mitzuhalten. Sie wollte doch nur eins: mir das Gefühl geben, wir seien eine ganz normale Familie wie all die anderen auch. Ich stellte mir vor, wie sie vor dem Kleiderschrank stand, hilflos in ihrer Garderobe wühlte und sich dabei die Sätze zurechtlegte, die sie sagen würde. Und was würde ihr armseliges Schmuckkästchen hergeben? Ich vermutete, dass sie es nicht darauf angelegt hatte, zu spät zu kommen. Aber tief im Innern war gewiss ein Zaudern und Zagen und das Hoffen auf ein Wunder, dass Evelyn doch noch etwas aus ihr machen könne. Ich liebte den Kunstunterricht in der Schule, und ich malte auch zu Hause, sooft ich Gelegenheit dazu fand. Doch häufig überkam mich die blanke Wut, wenn ich sah, was Strich um Strich auf dem Papier Gestalt annahm. Zu selten nahm das vollbrachte Werk genau jene Form an, die ich mir in meiner Fantasie vorgestellt hatte. In den Abendstunden skizzierte ich gern mit Blei49
stift und Feder. Doch bevor ich ins Bett ging, landete das abscheuliche Produkt meiner Bemühungen meist im Papierkorb, und ich brach den Bleistift in Stücke, der sich meiner um schöne Formen bemühten Hand widersetzt hatte. Ich verachtete mich dann selber, weil es mir wieder nicht gelungen war, meine Kunstfertigkeit zur Perfektion zu zwingen. Mrs Riley, unsere Kunstlehrerin, hob sich wohltuend ab von all den Krähen, die uns den lieben langen Tag über das Leben schwer machten. Ihr langes schwarzes Haar schimmerte dort besonders schön, wo es sich in weichen Wellen auf die zierlichen Schultern schmiegte. Besonders aber hatte es mir ihr Vorname angetan: Lillith. Niemals habe ich beobachtet, dass sie während der Pausen bei den anderen Lehrerinnen saß, und sie kleidete sich so farbenfroh wie sie malte. Einige Kinder meinten zwar, sie sei ein bisschen plemplem. Ich aber hielt mich gern in ihrer Nähe auf, weil ich hoffte, ein wenig von ihrer Extravaganz könne so auf mich abfärben. „Was soll das denn werden?“ Ich stand hinter meiner Freundin Carla, die gerade an der Töpferscheibe saß, ihre Daumen in eine unförmige Masse von feuchtem Ton trieb und dabei nichts zustande brachte, was das Auge erfreut hätte. „Wird ’ne Vase für meine Großmutter. Mach dich nicht lustig, Katrina. Ich weiß, dass ich dein Talent nicht habe.“ „Greif nicht so fest zu. Guck mal, so!“ Ich legte meine Hände um den Klumpen und drückte ein wenig zu, bis sich eine ansehnliche Form zwischen meinen Fingern bildete. „Du töpferst, und ich glasiere nachher“, schlug Carla vor. „Nee, du. Versuch mal erst selber. Irgendwann kriegst du schon den Bogen raus.“ Ich brachte es einfach nicht 50
fertig, die Lehrerin zu beschummeln – nicht für ein Taschengeld! „Katrina?“ Ich hörte Mrs Rileys Stimme hinter mir. „Ja?“ „Wenn du nichts dagegen hast, möchte ich gern dein Ölbild Frau mit Kind für den Wettbewerb einreichen.“ „Meins?“ „Es sei denn, du hättest was dagegen.“ „Was denn für ein Wettbewerb?“ „Für Oberschüler. Und ein Stipendium winkt auch für den Besten. Ich denke, du hast das Zeug dazu.“ Ich war stumm vor Staunen. Nie hätte ich gedacht, das Zeug zum Fliegen zu haben, zum Abheben von unserer Rollbahn in Mockingbird Valley. Geträumt hatte ich wohl davon. Aber Träume und berechtigte Hoffnung – das waren zwei ganz unterschiedliche Dinge, wenn man in der Erie Lane bei Mama und Papa wohnte. „Hier hast du das Anmeldeformular. Du brauchst noch die Unterschrift deiner Eltern.“ Die Glocke läutete, und ich hielt das Formular so behutsam, als sei es aus zerbrechlichem Glas. Mama hatte in schlauen Büchern gelesen, dass man es den Mädchen überlassen solle, sich ihre männlichen Begleiter selber auszusuchen. Sie hätte also vorbereitet sein müssen, als sich eines Tages Edens erster Verehrer bei uns blicken ließ. Sie war gerade vierzehn, und das Alter dieses Kerls war schwer abzuschätzen. Eines Tages stand er auf der Veranda und spähte durch die Glastür. Ich fuhr erschrocken zusammen, denn ich glaubte ein Landstreicher sei von unten aus dem Tal gekommen. „Wer sind Sie?“, rief ich und ließ den Bleistift fallen. „Is’ Eden zu Hause?“ „In ihrem Zimmer. Was wollen Sie?“ Er grunzte und blickte verlegen zur Seite. 51
„Da ist jemand an der Tür.“ Ich lief schnell in Mamas Schlafzimmer, die gerade auf dem Bett lag und einen Groschenroman verschlang. „Was ist los, Katrina?“ „Da ist ’n Mann an der Tür und will was von Eden. Er hat einen Vollbart bis zum Gürtel, und seine Haare sind länger als meine.“ Ich ließ meine Mutter vorbei, die hinab in die Küche eilte. „Lass sie bloß nicht mit dem allein, Mama“, rief ich ihr nach. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Mama durch die Tür mit dem Fliegengitter, aber dann blieb sie wie angewurzelt stehen und sagte kein Wort mehr. „Ich wollte ihre Tochter, die Eden, abholen“, murmelte er fast unverständlich. Die Hände vergrub er tief in den Taschen seiner schlecht sitzenden Hose. Er erinnerte mich an einen Kobold, wie er in einem meiner Bilderbücher gemalt war. Wenn er sprach, hielt er sich immer eine Hand vor den Mund und ab und zu rückte er seine geflickte Hornbrille zurecht. Mama musterte ihn von Kopf bis Fuß. Irgend so ein Hippie. Diesen Kerl wollte sie nicht ins Haus lassen. „Papa“, raunte ich, „der Mann sagt, er will mit Eden ausgehen.“ Mein Vater saß seelenruhig am Tisch und rührte in seinem Kaffee. Von dort konnte er den Mann nicht sehen. „Bitte ihn doch herein, Doreen“, sagte Papa unwillig und schüttelte den Kopf. Er warf uns oft vor, nicht gastfreundlich genug zu sein. Mama bekam kein Wort mehr heraus. Sie starrte den jungen Mann an, der verlegen zu Boden blickte. Endlich erhob sich Papa, und wir ließen ihn vorbei, damit er sich um den Fremden kümmere. Plötzlich meldete sich Eden von oben: „Katrina, will mich jemand sprechen?“ Ich sah Papa von hinten. Er stand im Türrahmen zur 52
Küche, und ich ahnte, dass er erbleichte. Das Linoleum dellte sich ein, wo seine Krücke ihm Halt gab. „Was haben Sie hier zu schaffen, mein Herr?“, fragte Papa mit belegter Stimme. Jetzt trug der Abendwind von der Einfahrt her Gekicher über die Schwelle des Hauses. „Ich bin hier, um Eden abzuholen“, sagte der Hippie und blickte sich unwillig nach den Insassen eines Autos um, die, ungeduldig geworden, mit zwei Fingern im Mund gellende Pfiffe ausstießen und immer wieder hupten. Ich lief schnell zum Fenster, um nachzusehen, wer sich dort so lautstark bemerkbar machte. Das letzte Abendrot beschien einen alten Chevy-Cabrio mit seinen Insassen. Vorn saß eine junge Frau mit einem freizügigen Oberteil, die sich gerade eine Zigarette anzündete und den Rauch des ersten Zuges genüsslich dem Hallodri neben ihr auf dem Fahrersitz ins Gesicht blies. Die Rückbank war leer und gewiss für den Mann und meine Schwester reserviert. Eden kam aufgeregt in die Küche gerannt. Sie hatte sich frische Jeans angezogen und einen engen Pulli. Sie machte einen viel adretteren Eindruck als der Kerl draußen auf der Veranda. Eden tat, als sei Mama Luft für sie. Sie machte auch keine Anstalten, uns den Mann vorzustellen. Man sah es dem Fremden an, wie froh er war, Eden ausgehfertig zu sehen. Offenbar fühlt er sich nicht besonders wohl in seiner Haut. „Eden, willst du uns nicht wenigstens den Namen deines Bekannten verraten“, rief Mama und gestikulierte in Papas Richtung. Nun tu endlich was!, schien sie ihn wortlos auffordern zu wollen. „Mama, Papa – das ist Dub“, sagte Eden flüchtig, bevor sie hinausstob und mit dem Troll im Halbdunkel verschwand. 53
„Ich verstehe nicht, dass du sie einfach so laufen lässt!“, rief ich außer mir, rannte ins Wohnzimmer und warf mich schmollend auf die Couch. Papa mischte sich ein: „Du hättest wirklich mit ihr reden sollen, Doreen.“ „Wer ist denn ihr Vater, hä? Warum hast du sie nicht aufgehalten?“, fragte Mama, ging zur Verandatür und blickte den Rücklichtern nach bis sie irgendwo in jenem Viertel der Stadt verschwanden, das für seinen schlechten Ruf bekannt war. „Und was ist, wenn ihr was zustößt?“, jammerte ich. „Sie ist doch noch viel zu jung, um sich mit Kerlen zu treffen! Der da war außerdem viel zu ausgeflippt für sie.“ „Du redest zu wenig mit den Mädchen, Doreen“, sagte Papa müde und setzte sich erneut zu seinem Kaffee. „Sie lässt sich einfach nichts mehr sagen.“ „Mag ja sein.“ „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du mir beistehen sollst, wenn es um sie geht! Ich kann sie so wenig aufhalten wie den Nachtzug in Gordon Creek.“ „Du brauchst ihr doch nur zu verbieten, dass sie ausgeht, Mama. Warum geht das bei Eden nicht, wenn es bei mir funktioniert?“ Das war zu viel – Papas Schuldzuweisungen und dazu noch meine Nörgelei. „Haltet beide den Mund, verdammt noch mal“, schrie sie. „Lasst mich bloß in Ruhe!“ Dann stapfte sie in ihr Zimmer und warf die Tür ins Schloss. Papa zog sich in die halbdunkle Küche zurück, und ich überließ ihn sich selbst und seinem Tabak. Stundenlang lag ich wach und starrte in die Mondlichtpfützen am Fußboden, die langsam durchs Zimmer wanderten. Ein paar Mal stand ich auf, um mir ein Glas Wasser zu holen. Durch die Küchentür sah ich Pa54
pas Zigarette im Dunklen glühen. Aber das war nichts Besonderes. Viele Nächte verbrachte er wachend, und so wusste ich nicht, ob er sich gerade heute Sorgen um Eden machte oder wie gewöhnlich kein Auge zutat. „Katrina, geh ins Bett“, hörte ich Mama grollen. „Das Herumgelaufe macht mich ganz verrückt.“ Ich seufzte und zog mich in mein Zimmer zurück. Edens zerwühltes Bett war immer noch leer. Oben auf meinen Schulbüchern lag das Anmeldeformular von Mrs Riley. Ich füllte es zwar aus, wusste aber, dass es nicht klug wäre, Mama und Papa damit zu belästigen, solange sie noch wie tätige Vulkane fauchend Feuer spien. Außerdem hatte Papa ganz eigene Vorstellungen von der Berufswahl eines Mädchens. Künstler waren für ihn Hungerleider, weil sie in unserem Tal ganz gewiss keine Arbeit fanden. Und dass ich einmal ganz woanders wohnen würde, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Ich wollte die beiden morgen früh darauf ansprechen, wenn all ihre Probleme im Schein der Morgensonne für einen Augenblick nicht mehr ganz so bedrohlich wirkten. Die Hurleys lebten in einem Tal, umgeben von Bergen, die all die Widrigkeiten des Lebens symbolisierten. Und ich war wohl die Einzige, die sich danach sehnte, diese Berge zu erklimmen und einen Blick jenseits in die weite Ebene zu werfen.
55