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Prolog

D

ie größte Angst mancher Frauen ist, dass ihr Mann eines Tages zur Haustür hinausgehen und nie wiederkommen könnte. Andere hingegen verfallen in Panik, wenn ihr Blick auf das kleine Schwarze ganz hinten im Kleiderschrank fällt und ihnen bewusst wird, dass sie nie wieder hineinpassen werden. Mich versetzt gerade ein Pariser Fluss in Panik, der so ruhig dahinfließt, als könnte er ein Baby in den Schlaf wiegen. Und trotzdem sind meine Hände so feucht, dass ich mich kaum an der Reling des Bootes festhalten kann. Mein Herz klopft wild in meiner Brust und nicht ein Wort, das während der letzten Stunde gesagt wurde, ist wirklich zu mir durchgedrungen. „Da sind wir. Steigen Sie jetzt bitte ganz vorsichtig ans Ufer.“ Pierre, unser Reiseführer, hilft dem Kapitän beim Anlegen, springt auf den Steg und bindet das kleine Schiff fest. Die Mitglieder des Drehteams von Passport to the World klettern nacheinander aus dem Boot. Ich muss erst einen Moment warten, bis mir nicht mehr schwarz vor Augen ist und sich meine wackligen Knie wieder beruhigt haben. „Gut gemacht, Maggie.“ Carley, meine Freundin und die Produzentin in unserem Team, klopft mir anerkennend auf die Schulter, während ich krampfhaft versuche, das Wasser zu ignorieren. Sie weiß, dass ich mich immer dann in ein psychisches Wrack verwandle, wenn ich eine Szene drehen muss, bei der Wasser im Spiel ist. Manchmal kann ich einen Praktikanten oder einen anderen Kameramann dazu bewegen, den Job für mich zu übernehmen, aber irgendwann muss ich schließlich dieser Schwäche den Kampf ansagen. Es ist geradezu lächerlich, beim Anblick der ruhigen Seine in Paris so in Panik zu verfallen. „Du brauchst eine Therapie“, sagt Carley. „Was ich jetzt brauche, ist ein Schokoladeneclair.“ Carley hält sich die Hand vor das Gesicht, um ihre Augen vor der Mittagssonne zu schützen. Sie reicht mir eine Flasche Wasser aus ihrer Tasche. „Komm, lass uns noch einige Sequenzen in diesem Café an 5


der Champs-Élysées drehen. Vielleicht sollte ich meine Hochzeitsreise nach Paris machen. Was meinst du?“ Mein Job als Kamerafrau für eine Reisesendung hat viele Facetten: Er kann so bezaubernd sein wie der Eiffelturm bei Sonnenuntergang oder aber so reizlos wie eine Nacht in einer halb zerfallenen Urwaldhütte. Im letzten Jahr war unsere Sendung die Nummer eins des Reisekanals. Wir konnten einige Preise abräumen und werden nun zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Ich sollte eigentlich der glücklichste Mensch auf der Welt sein – begeistert vom Leben. Aber irgendwie bin ich gerade das in letzter Zeit nicht. In meiner Tasche vibriert es und ich fische mein Handy heraus. Mein Dad. Er ruft schon wieder an. Und John, mein Freund, hat mir bereits zwei Nachrichten hinterlassen. Wissen Männer eigentlich instinktiv, wie sie einen am besten nerven können? Ich könnte bis ans Ende der Welt reisen und dennoch würde irgendein Mann mich aufspüren und ein großes Opfer von mir verlangen. Dass ich eine SMS schreibe, zum Beispiel. Oder mit ihm ausgehe. Oder zurückrufe. Aber ich bin schwer beschäftigt! Ich habe viele Dinge zu erledigen. Die Metropolen der Welt warten darauf, von mir gefilmt zu werden. Ich möchte endlich meine Promizeitschrift lesen, die bereits seit einer Woche in meiner Handtasche verkümmert. Und da ist auch noch ein Schokoriegel, der schon seit zwei Stunden meinen Namen ruft. Ich steige aus dem Mietwagen, strecke mich und greife dann nach der Kamera. „Ich würde gern mit dem Besitzer des Cafés sprechen“, sagt Carley. „Kannst du wieder für mich übersetzen?“ „Klar.“ Wir überqueren die belebte Straße und betreten das malerische Restaurant. „Könnte ich bitte den Chef sprechen?“, frage ich einen Kellner auf Französisch und erkläre, wer wir sind und was wir wollen. Er deutet mit seinem Kopf nach hinten. „Er macht gerade eine Raucherpause.“ Der schlanke Mann wirft nervöse Blicke auf die voll besetzten Tische um ihn herum und zieht die Augenbrauen hoch, als einer der Gäste nach ihm ruft, um ein Getränk zu bestellen. „Wenn das für Sie in Ordnung ist, suche ich ihn einfach.“ Ich gebe dem Kellner mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich ruhig wieder um seine Gäste kümmern kann. „Wir kommen schon zurecht.“ 6


Ich schlängle mich durch das Restaurant und betrete die geschäftige Küche, ab und zu hebe ich die Hand, um die Mitarbeiter zu grüßen. „Bonjour!“ Meine Augen fallen auf eine halb geöffnete Hintertür, ich schlüpfe nach draußen und blinzle in die Sonne. Neben mir rumpelt es in einem Müllcontainer und ich schnappe erschrocken nach Luft, als ich die dünnen Beinchen eines Kindes daraus hervorschauen sehe, das angestrengt kopfüber im Müll herumstochert. „Hallo“, sage ich und verbessere mich dann schnell: „Salut!“ Ich gehe zur Mülltonne und ziehe an einem schmutzigen Schuh. Ein Kopf taucht auf und ich sehe in das mit Dreck beschmierte Gesicht eines kleinen Jungen, dessen Augen vor Furcht ganz weit werden. Wie ein Profiturner schwingt er sich vom Müllcontainer und landet mit beiden Füßen auf dem Boden. Ich strecke meine Hand aus. „Attends!“ „Warte doch!“ Doch er sprintet los und rennt, so schnell ihn seine kurzen Beine tragen können. Dabei lässt er Essensreste hinter sich fallen wie eine Spur aus Brotkrumen. Ich werfe mir die Kamera über die Schulter und renne schnell zur Straßenecke, während ich das Objektiv auf den Jungen richte, der aber nur noch als schemenhafte kleine Gestalt in der Ferne zu erkennen ist. „Warte doch bitte!“, rufe ich ihm in zwei verschiedenen Sprachen zu, doch er rennt einfach weiter. „Bettler!“ Ich fahre herum und sehe den Besitzer des Cafés vor mir stehen. „Wissen Sie, wer das war?“ Er zeigt in die Richtung, in die der Junge verschwunden ist. „Was gibt es schon über so einen zu wissen? Er ist ein Dieb und ein öffentliches Ärgernis.“ Das versetzt mir einen Stich ins Herz. „Aber er war noch so jung. Und so dünn.“ Ich gehe zum Restaurant zurück. „Er war sicher hungrig.“ Der Besitzer lacht, sodass sein runder Bauch auf und nieder wippt. „Ich habe ein Geschäft zu führen. Ich kann nicht jeden streunenden Hund füttern, der hier vorbeikommt.“ Mir stockt der Atem bei einer solch herzlosen Beleidigung, aber ich beiße mir auf die Zunge. Denn ich weiß, dass Carley sich meiner wie eines trockenen Croissants entledigen würde, falls ich es wagen sollte, 7


den Besitzer wütend zu machen und damit ihr Interview zu ruinieren. „Wohnt er in der Nähe?“ „Und wenn schon, wen kümmert es?“ Er knallt den Deckel des Müllcontainers zu und stößt die Tür zum Café auf. Er geht wieder hinein und zurück bleibt nur der Gestank von Zigarettenqualm. Wen kümmert es? Manchmal stelle ich mir genau dieselbe Frage. Hätte ich dem kleinen Jungen helfen können, wenn er nicht weggerannt wäre? Einen Augenblick lang stehe ich einfach nur da, obwohl die grelle Sonne brennend heiß auf meine roten Haare scheint. Wer bin ich schon, dass ich überhaupt irgendjemandem helfen könnte? Ich bin nur das Mädchen mit der Kamera und dem Koffer. Viel mehr habe ich nicht zu bieten. Ich habe zwar die Welt gesehen. Aber manchmal frage ich mich … hat sie mich jemals gesehen?

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Kapitel 1

I

ch sitze an meinem Esszimmertisch und drehe die Linguini auf meine Gabel. Spätestens als John zum wiederholten Male versucht, eine widerspenstige Kerze anzuzünden, fühle ich mich hochgradig unwohl. „Wann willst du es dir hier eigentlich endlich etwas schön machen?“ Er legt das Feuerzeug beiseite und blickt mich mit dem gewinnenden Lächeln eines Mannes an, der sich seiner Attraktivität sicher ist. „Wir hätten zu mir gehen sollen.“ „Aber ich war seit Wochen nicht zu Hause.“ Mein Blick wandert über den Ess- und Wohnzimmerbereich. Okay, eigentlich wollte ich schon lange das eine oder andere Bild an die Wand hängen. Und ich habe auch ab und zu nach diversen Gemälden geschaut, aber irgendwie sind seitdem wieder ein paar Jahre ins Land gezogen und die Wände sind immer noch genauso kahl wie der Holzfußboden. „Ich bin ja nun nicht gerade ständig hier“, werfe ich zwischen zwei Bissen Brot ein. „Aber danke, dass du für mich gekocht hast.“ Während ich mir mit der Serviette den Mund abwische, frage ich mich, was wohl das seltsame Glänzen in Johns Augen zu bedeuten hat. „Maggie, weißt du, welcher Tag heute ist?“ Er nimmt meine Hand und ich beobachte, wie seine langen Finger die meinen umschließen, sodass meine Hand völlig in seiner verschwindet. Ich muss den Schal um meinen Hals lockern, einen Schatz, den ich von meiner letzten Reise nach Ecuador mitgebracht habe. Ein Straßenverkäufer, der kaum älter als acht oder neun Jahre alt gewesen sein kann, hatte ihn mir verkauft. Ich greife nach meinem Glas Eiswasser und stürze es hinunter. „Heute sind wir seit genau fünf Monaten zusammen.“ John redet und redet. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich als meinen Freund bezeichnen sollte. Er ist eher derjenige, mit dem ich ab und zu ausgehe, wenn ich denn mal zu Hause bin. John streichelt meine Hand und es kribbelt in meinem Bauch. Allerdings ist es nicht die Art von Kribbeln, bei der man vor Freude laut lossingen möchte. Eher dieses nervöse Flattern im Magen, das man 9


bekommt, wenn man ein bisschen zu viel Sushi gegessen hat und sich fragt, ob es überhaupt noch gut war. Ich versuche mich wieder auf die romantische Szene zu konzentrieren, die sich vor mir entfaltet, und zwinge mir ein Lächeln auf die Lippen. Das Kerzenlicht bescheint Johns dunkle geweitete Pupillen. „Ich möchte, dass du weißt, wie wichtig du mir geworden bist“, sagt er. Plötzlich liegt eine Stimmung in der Luft, die mir Angst macht. Mein Gefühl sagt mir: Die Situation gerät außer Kontrolle. Mit Chaos kann ich leben. Dafür muss man nur einen Blick in meine Handtasche werfen. Aber diese Beziehungskisten? Drücken wir es einmal so aus, ich bin eine gute Kamerafrau, aber definitiv keine gute Partnerin. Ich räuspere mich kurz und schaffe es gerade noch, ihn davon abzuhalten, ein Gedicht für mich aufzusagen. „John, ähm, wie war eigentlich dein Tag?“ Er blinzelt. „Hast du mir überhaupt zugehört?“ Ich zwinkere erschöpft mit schweren Augenlidern. „Ich bin supermüde. Wir haben bis tief in die Nacht hinein gedreht und dann habe ich noch einen Zwölf-Stunden-Flug hinter mir.“ Oh, dieser mitfühlende Blick. Er verspricht mir, immer für mich da zu sein, egal, ob ich gerade unter Jetlag, Schlafentzug oder PMS leide. Man könnte meinen, ich müsste überaus dankbar sein, jemanden wie ihn gefunden zu haben. Wahrscheinlich sollte ich das auch. „Wir müssen über unsere Beziehung reden, Maggie. Darüber, wie es mit uns weitergehen soll.“ „Ich habe ein Vorstellungsgespräch beim National Geographic Channel.“ Sein Blick erstarrt. „Wie bitte?“ „Selbst Carley weiß noch nichts davon. Es hat sich alles ganz kurzfristig ergeben.“ Ich blicke nach unten und beschäftige mich mit den restlichen Eiswürfeln in meinem Getränk. „Es findet in ein paar Wochen statt. Sie haben erst heute angerufen.“ „Heißt das, du müsstest noch mehr reisen?“ John hat in letzter Zeit immer mal wieder angedeutet, dass ich versuchen sollte, mehr zu Hause zu sein. Doch jedes Mal, wenn er davon anfängt, bekomme ich diese kleinen juckenden Pusteln am Hals. „Das ist die Chance meines Lebens. Ich könnte eine ihrer Fern10


sehshows produzieren.“ Ich sehe, wie seine Augen bei dem Gedanken aufleuchten. Warum freue ich mich eigentlich gar nicht so sehr darüber? Ich sollte in Begeisterungsstürme ausbrechen. Mir scheint es, als hätte sich viel verändert, seit ich letztes Jahr zum Glauben an Jesus gekommen bin. Unter anderem die Einstellung zu meiner beruflichen Karriere. Und ich habe keine Ahnung, was es mit dieser Langeweile auf sich hat, die mich nun regelmäßig beim Aufwachen überfällt. „Ich könnte endlich die richtigen Leute treffen, um meinen Dokumentarfilm zu produzieren.“ John lehnt sich zurück und lässt seine Ellenbogen auf die Stuhllehne sinken. „Dein Dokumentarfilm wurde bereits fünfmal abgelehnt. Vergiss es einfach.“ „Ja, wahrscheinlich sollte ich mir die Sache aus dem Kopf schlagen.“ Voilà, noch ein Bereich, über den wir uns nie einig sein werden – genauso wenig wie über ausländische Sportwagen und über den Sinn von Sportsendungen, die rund um die Uhr laufen. Ich habe bereits einige Sender wegen dieser Doku-Serie angeschrieben. Alle haben abgelehnt. Selbst John findet die Idee blöd. „Es gibt einfach schon zu viele Filme über benachteiligte Kinder.“ John ergreift wieder meine Hand. „Du weißt, ich bin davon überzeugt, dass du eine sehr gute Arbeit machst, aber die finanziellen Mittel in der Branche sind knapp.“ Ich will mit aller Macht glauben, dass John mit seiner Einschätzung falschliegt. Wahrscheinlich hat er jedoch recht. Er lächelt mich voller Wärme und Fürsorge an. „Du musst lernen, Beruf und Hobby auseinanderzuhalten.“ Ich umfasse mein Wasserglas fester. „Du tust es schon wieder.“ „Was?“ „Du redest mit mir, als wäre ich ein kleines Kind.“ „Aber ich möchte doch nur das Beste für dich.“ John arbeitet als Anwalt für unseren Sender. Manchmal habe ich den Eindruck, er findet, es sei ein bisschen unter meiner Würde, einfach nur hinter der Kamera zu stehen. Oder unter seiner Würde. „Maggie, heute Abend ist ein ganz besonderer Abend.“ Oh-oh. Da sind sie wieder, diese verträumten Augen. „Du bedeutest mir sehr viel. Und in letzter Zeit habe ich gemerkt, dass meine Gefühle für dich stärker geworden sind. Ich bin verrückt 11


nach deinem Humor, deinem Lachen, nach deiner Abenteuerlust. Ich wollte dir sagen, dass ich –“ „Oh Mann, bin ich müde.“ Ich schätze die Unverbindlichkeit unserer Beziehung – wir sind ein Paar, wenn ich gerade mal da bin. Wir reden, wir schreiben uns SMS und E-Mails. Wir gehen auch mal zum Thailänder oder ins Kino. Aber wir sagen nicht „Ich liebe dich“. „Vielleicht sollten wir das Dessert weglassen und den Abend hier beenden.“ Er beugt sich über den schmalen Tisch so weit nach vorne, dass sein Gesicht dem meinem viel zu nahe kommt. Er fährt mit seinem Finger zärtlich über meine Wange. „Maggie, ich liebe –“ Klingeling! „Oh, sorry.“ Rettung in letzter Minute! „Ich muss da schnell rangehen.“ John ist sichtlich frustriert, als ich ans Telefon gehe, ohne auch nur auf die Nummer zu schauen. Wer auch immer das ist, ich bin ihm zu größtem Dank verpflichtet. „Hallo?“ „Maggie?“ Mein Herz rutscht in die Hose wie ein Fahrstuhl, der ungebremst mehrere Stockwerke in die Tiefe stürzt. „Dad?“ „Ich versuche seit Wochen, dich zu erreichen. Hast du denn keine meiner Nachrichten bekommen?“ „Ich war im Ausland.“ Ich erschrecke über meinen Tonfall, aber immerhin habe ich gerade meinen Dad am Telefon. Der Mann, der mich vielleicht zweimal im Jahr anruft und dann auch nur, um mich darüber zu informieren, dass wieder irgendein alter entfernter Verwandter das Zeitliche gesegnet hat. Sicher ist er jetzt nicht so verrückt geworden, dass er anruft, weil er mich sehen will oder fragen möchte, wie es mir geht. Oder weil er an meinen Geburtstag gedacht hat. „Was ist los?“, flüstert John. Ich bitte ihn mit einer Handbewegung, ruhig zu sein. „Maggie, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, also werde ich nicht lange um den heißen Brei herumreden. Du … du musst nach Hause kommen.“ Ich schnaube ins Telefon. „Ganz bestimmt.“ Vielleicht, wenn die Erde anfängt, sich rückwärts zu drehen. „Ich war doch erst an Weihnachten zu Hause.“ „Das ist fünf Jahre her.“ 12


„Oh.“ Mir scheint es, als sei es erst gestern gewesen. „Deine Schwester ist letzten Monat hier aufgetaucht … Wir brauchen Hilfe.“ „Es tut mir leid. Ich kann euch jetzt nicht besuchen. Wir stecken mitten in der Endphase für diese Staffel und mein nächster Flug geht in vier Tagen.“ „Hör zu, du weißt, dass ich nicht fragen würde, wenn es irgendeine andere Möglichkeit gäbe. Seit letzter Woche muss ich wieder in der Fabrik arbeiten.“ „Warum hast du wieder angefangen zu arbeiten?“ Dad hat sich vor fünf Jahren zur Ruhe gesetzt, nachdem er praktisch sein ganzes Leben der Reifenfabrik am Ort gewidmet hatte. Die Firma hat mehr von ihm gesehen als seine Familie. „Ich kann das jetzt nicht so einfach erklären.“ „Wo ist Allison? Ist sie in Schwierigkeiten?“ Meine Macken sind immerhin noch einigermaßen gesellschaftsfähig, aber die meiner jüngeren Schwester? Nicht wirklich. Ich will nicht wissen, was sie diesmal wieder angestellt hat. „Sie ist weg. Sie ist einfach verschwunden, okay? Kannst … kannst du nicht einfach für ein paar Tage vorbeikommen?“ Die Stimme meines Vaters klingt abgehackt und unsicher. Mir dämmert, dass dies wohl die längste Konversation ist, die ich jemals mit meinem Vater geführt habe. Ich meine, immerhin redet er in ganzen Sätzen! „Dad, wenn einer von euch Geld braucht, bin ich gerne bereit, euch etwas zu geben. Ich kann die Überweisung morgen fertig machen. Aber ich kann hier nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Ich muss nächste Woche zu Dreharbeiten nach Taiwan fliegen!“ „Ich brauche kein Geld von dir“, knurrt er. „Ich brauche … Hilfe.“ Auf einmal ist es so still, dass man sogar das Knistern der Telefonleitung hören kann. „Hilf mir, Maggie. Bitte.“ Ich ignoriere seinen wehleidigen Tonfall. So kenne ich meinen Dad gar nicht. Das macht mir beinahe so viel Angst wie der Gedanke, zurück nach Texas, nach Ivy zu fahren. Ich schulde diesem Mann nichts. Und doch überkommen mich die altbekannten Gewissensbisse. Ich muss an meine Schwester denken, die drei Jahre jünger ist als ich und mit ihren siebenundzwanzig Jahren noch immer nicht erwachsen. 13


Seit ich mein Zuhause kurz nach meinem Highschoolabschluss verlassen habe, habe ich nie mehr zurückgeschaut. Ich bereue nur, dass ich Allison damals bei einem herzlosen Griesgram zurückgelassen habe, der kaum zu Hause war und immer über irgendetwas zu meckern hatte. Immerhin hatte ich Mom, bis ich sechzehn war. Doch seit Allisons dreizehntem Geburtstag hatte sie nur mich und Dad … und dann bin ich weggegangen. Ich bin einfach losgezogen, mit einem Koffer in der Hand und den Schuldgefühlen, meine kleine Schwester allein zurückzulassen, im Gepäck. „Es geht einfach nicht, Dad. Ich habe im Moment zu viel um die Ohren. Es tut mir leid.“ „Tu es wenigstens für Allison.“ Meine Schwester – meine Achillesferse. „Du kannst über mich denken, was du willst, Maggie, aber sie hat dich noch nie so sehr gebraucht wie jetzt. Ich glaube, du bist die Einzige, die sie dieses Mal noch retten kann. Tu es für deine Schwester.“ Ich schließe meine Augen und wappne mich gegen das Unausweichliche. „Ich nehme den ersten Flug morgen früh.“ Eine Stunde später bringe ich John zur Tür und rede mich damit heraus, müde zu sein und noch packen zu müssen. „Wie lange wirst du weg sein?“ Sein Gesicht drückt so viel Fürsorge aus und er zieht mich in seine Arme. „Drei Tage. Danach fliege ich direkt weiter zu den Dreharbeiten.“ „Ich werde dich vermissen.“ Ich muss über diese vorhersehbare Bemerkung schmunzeln. Natürlich wird er mich vermissen. Er tritt zurück und nimmt mein Gesicht in beide Hände. „Ich wollte, dass dieser Abend perfekt wird. Ich wollte dir sagen, dass ich –“ „John, vielleicht sollten wir die Zeit, in der wir uns nicht sehen, dazu nutzen, über unsere Beziehung nachzudenken.“ „Aber ich denke doch die ganze Zeit darüber nach.“ Und das ist ein weiteres Problem zwischen uns: Ich tue das nämlich nicht. „Ich glaube, wir haben einfach unterschiedliche Vorstellungen. Mir geht das alles ein bisschen zu schnell.“ Er nimmt meine Hand und küsst sie. „Du bist müde. Ich lass dich jetzt packen.“ „Nein, ich meine das ernst.“ 14


„Ruf mich an, wenn du mich brauchst.“ Er drückt sanft seine Lippen auf meine Stirn. „Ich melde mich bei dir.“ Ich schließe die Tür ab. Das Geräusch des Schlüssels im Schloss vermittelt mir ein Gefühl von Geborgenheit … und ich lasse mich langsam zu Boden fallen. Angst, ich? Ich habe Schlangen auf den Reisfeldern Kambodschas gezählt. In Botswana habe ich Sachen gegessen, die meine Kehle heruntergekrabbelt sind. Im Amazonas bin ich Moskitos ausgewichen, die so groß wie Vögel waren. Aber ich, Maggie Montgomery, die die ganze Welt gesehen hat, war noch nie an einem Ort, der auch nur im Entferntesten so furchteinflößend ist wie zu Hause.

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Kapitel 2

U

nd wenn Sie jetzt bitte noch hier, hier und hier unterschreiben könnten, bekommen Sie sofort die Schlüssel für Ihren Mietwagen ausgehändigt.“ Ich setze meinen Namen unter den Vertrag mit der Leihwagenfirma und warte, während die Frau noch etwas in ihren Computer eingibt. Sie dürfte jetzt so ziemlich alles über mich wissen, außer meiner BHGröße. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch unser Spezialangebot für eine ganze Woche haben möchten? Das macht preislich einiges aus.“ Gute Frau, selbst wenn ich Geld rausbekommen würde, wäre das Angebot immer noch nicht gut genug, um mich für eine Woche in Ivy zu halten. „Danke, aber ich brauche das Auto wirklich nur für drei Tage.“ Ich nehme den Schlüssel für den Ford Focus entgegen, wobei mir der abgeblätterte Nagellack auf ihren Fingernägeln auffällt. Nachdem ich das höfliche Angebot eines netten Mannes auf dem Parkplatz ausgeschlagen habe, hieve ich meinen schweren Koffer allein in den Ford, wobei ich mir nur zweimal das Knie anschlage. Mir kam die geniale Idee, direkt von Dallas aus nach Taiwan zu fliegen, also habe ich gleich für drei Wochen gepackt. Während ich in Dallas auf den Highway fahre, schalte ich einen Radiosender mit Countrymusik ein und lasse mich von Carrie Underwood mit einem Lied über ihren untreuen Mann berieseln. Ivy hat nicht wirklich viele Spuren bei mir hinterlassen, außer dass ich nie über meine Vorliebe für gute Countrymusik hinweggekommen bin. Gott, ich weiß, dass wir in letzter Zeit nicht so wahnsinnig viel miteinander geredet haben. Ich hatte echt viel zu tun während der letzten Wochen. Aber du hast wahrscheinlich noch irgendetwas in deiner heiligen Hinterhand, sonst wäre ich jetzt wohl kaum mitten auf dem Highway, auf direktem Weg in meine ganz persönliche Hölle. Warum tue ich mir das eigentlich an? Warum muss Dad meine Schwester Allison nur kurz erwähnen und schon tue ich alles, was er befiehlt, egal, wie schlimm es für mich ist? Ich werde kurz vorbeischauen, erledigen, was es zu erledigen gibt, und dann die Geister der Vergangenheit für immer in Ivy zurücklassen.

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Nach zwei langen nervtötenden Stunden im Auto halte ich an einer Tankstelle an und fülle Benzin nach. Die Anzeige steht zwar noch auf halb voll, aber ein gut gefüllter Tank kann nie schaden. Das Haus meines Vaters befindet sich zwar nur fünf Straßen weiter von hier, aber was, wenn genau jetzt auf der Strecke dorthin ein Unfall passiert und ich dann so lange warten muss, bis mir das Benzin ausgeht? Es ist Ende März und die Sonne scheint schon warm auf meine Haut. Ich werfe die Sommerjacke auf den Rücksitz. Das Zapfventil klickt und ich mache mich auf den Weg, um zu zahlen. Die wundersame Erfindung, direkt an der Zapfsäule bezahlen zu können, hat es immer noch nicht bis nach Ivy geschafft. Hier ist nichts wirklich einfach. Über mir bimmelt ein Glöckchen, als ich den Verkaufsraum betrete, und sofort steigt mir der Duft von Popcorn und Hotdogs in die Nase. Mein Instinkt führt mich direkt zu den Süßigkeiten. Mir scheint es, als habe ich die Gabe der Süßigkeitenprophetie. Der Herr zeigt mir einfach, wo all die guten Sachen sind. Während sich meine Hand umgehend um ein Snickers und einige süßsauere Bonbons schließt, kommt mir der Gedanke, auch noch die Getränkeauswahl zu inspizieren. Wenn ich mich nicht gerade in unmittelbarer Nähe meines Vaters oder anhänglicher Partner befinde, kann ich ganz gut von dem Zeug wegbleiben. Jetzt ist allerdings nicht die richtige Zeit, um sich in Selbstdisziplin zu üben. Während ich zur Kasse gehe, füge ich hier und da ein paar Kleinigkeiten zu meinen Einkäufen hinzu und schmeiße schließlich meine Beute auf den Ladentisch. Zwei Packungen Bonbons, vier Packungen Kekse, fünf Tüten Minidonuts mit Schokolade, eine Packung OreoKekse, Erdnussbuttercracker und ein paar Bonbons mit Erdbeergeschmack, damit mir niemand vorwerfen kann, ich würde kein Obst zu mir nehmen. „Hier ist wohl jemand von der ganz süßen Sorte. Oder machen Sie gerade eine Lebenskrise durch?“ Die Kassiererin zieht fragend eine ihrer nachgezogenen Augenbrauen in die Höhe. Die Kasse piept bei jedem Artikel, während Marge meine Beute einscannt. Ich lächle und ziehe meine Kreditkarte aus der Tasche. „Zapfsäule drei bitte.“ Als mein Blick über all das Futter für meine Seele schweift, 17


geht es mir gleich schon viel besser. Es gibt tatsächlich Dinge im Leben, auf die man sich verlassen kann. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.“ Eine leichte Röte steigt mir ins Gesicht. „Ich bin nur auf der Durchreise.“ Ich weiche ihrem Blick aus und fixiere stattdessen die Oreos. „Sind Sie etwa die Tochter von Constance Montgomery?“ Da wären wir wieder. „Ehm, ja.“ „Die verrückte Connie!“ Marge lacht, als sie eine Plastiktüte hervorholt. „Ich habe seit Jahren nicht mehr an sie gedacht, aber dieses lockige rote Haar ist unverkennbar. Sie sehen ihr sehr ähnlich.“ „Mmh. Danke.“ Meine Hand zittert, als ich den Kassenbon unterschreibe. Lass es gut sein, Marge. Schmeiß die Sachen in die Tüte und lass mich verschwinden. „Ich erinnere mich an Sie. Einmal sind Sie im Frühling mit einigen Ihrer Freunde nackt durch mein Tulpenbeet geflitzt.“ Ich schließe die Augen und unterdrücke ein Stöhnen. „Das muss eine halbe Ewigkeit her sein. Und sicher hat mein Dad dafür gesorgt, dass ich mich entschuldige.“ „Nein.“ Marge malträtiert lautstark ihren Kaugummi. „Mir ist nie eine Entschuldigung zu Ohren gekommen.“ „Oh. Also ... dann entschuldigen Sie bitte.“ Peinlich! „Wenn es Sie beruhigt: Solche Verhaltensweisen habe ich mittlerweile abgelegt und meine Kleider behalte ich meistens an. Die nackte Haut überlasse ich lieber den jungen Stars in Hollywood.“ Im Übrigen weiß ich seit meinem achtundzwanzigsten Geburtstag eine gute Haartönung zu schätzen und habe die Orangenhaut an meinen Oberschenkeln entdeckt. „Sie waren genau wie Ihre Mutter“, sagt die Frau und will einfach nicht aufhören. „Immer in Schwierigkeiten, immer dabei, irgendetwas Verrücktes zu tun.“ Ein zaghaftes Lächeln formt sich auf ihren aufgesprungenen Lippen. „Aber sie war ein lustige Frau, Ihre Mom. Sie kam ab und zu hier vorbei, nur um solches Zeug wie das hier zu holen.“ Sie reicht mir die Tüte. „Sie hatte meistens ein Lied auf den Lippen und so ein verschmitztes Funkeln in den Augen.“ Als ich diese unerwartete Beschreibung meiner Mutter höre, kann ich nur mühsam die Tränen zurückhalten. Sie starb, als ich in der elften Klasse war. Mit ihr haben meine Schwester und ich von einem Tag auf den anderen unseren Superstar verloren. Unsere Freude. So 18


wie sonnenverbrannte Haut auf jede Berührung empfindlich reagiert, schmerzt die Erinnerung an jene schlimme Zeit noch immer. Ohne Marge noch eines weiteren Blickes zu würdigen, greife ich nach meinem Geldbeutel und der Einkaufstüte. „Einen schönen Tag noch.“ Als ich zur Tür gehe, um endlich aus dem Laden zu fliehen, kommt mir eine andere Frau entgegen. „Maggie?“ Ihre Augen werden immer größer und sie kreischt entzückt. „Maggie, ich bin’s!“ Ich sehe die kleine mollige schwarze Frau an, die mit weit ausgestreckten Armen auf mich zukommt. „Beth?“ Sie schließt mich fest in ihre Arme. „Du siehst toll aus.“ Sie inspiziert meine Figur, meine Kleidung. „Ich habe auch mal Größe sechsunddreißig getragen.“ Beth lacht. „Das war allerdings vor den vier Babys in neun Jahren. Wie lange bleibst du?“ „Nur für ein paar Tage.“ Ich starre die Frau an, die einmal meine beste Freundin war. Ich wohnte quasi bei ihr, nachdem meine Mom gestorben war. Bei mir zu Hause habe ich es einfach nicht ausgehalten. Nicht bei meinem Vater. Und nicht bei all den Erinnerungen. „Ich bin hier, um Allison zu besuchen, und dann geht es auch schon wieder weiter.“ Ihr Mund formt sich zu einem wissenden Oh. „Ach, ich habe das von deiner Schwester gehört.“ „Was meinst du damit?“ „Nichts. Gar nichts. Sicher wird dein Dad dir alles erklären.“ „Das würde bedeuten, er müsste den Fernseher ausschalten und mit mir reden. Vielleicht kannst du mich darüber aufklären, was hier eigentlich los ist?“ Beth streckt ihre Hand aus und berührt meine Schulter. „Das geht mich wirklich nichts an.“ Und das aus dem Munde der Frau, die früher ständig Dinge, die sie nichts angingen, an die Klotür der Turnhalle geschrieben hat. „Ich sollte mich wohl besser wieder auf den Weg nach Hause machen. Mark passt auf die Kinder auf und wahrscheinlich haben sie ihn mittlerweile gefesselt und in den Schrank gesperrt.“ Ihr Blick verdunkelt sich. „Er hat gerade seinen Job in der Reifenfabrik verloren.“ „Oh, das tut mir leid. Aber Dad sagte mir, er habe gerade wieder an19


gefangen, dort zu arbeiten.“ Langsam kommt mir das alles ein bisschen komisch vor. „Ja, es gibt Gerüchte über eine mögliche Schließung der Fabrik. Einige der Manager haben sich schon anderweitig nach Jobs umgesehen. Sie können froh sein, dass sie deinen Dad als Ersatz bekommen haben. Letzten Monat wurden bei Reliant Tires einhundertfünfzig Mitarbeiter entlassen. Meinen Mark hat es getroffen, genauso wie die gesamte dritte Schicht.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Übrigens bin ich gerade gekommen, um eine Bewerbung abzugeben. Es wird Zeit, dass auch Mama wieder arbeiten geht.“ „Das tut mir so leid.“ Wie blöd muss das denn klingen? Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mich auch im wahren Leben einfach hinter der Sicherheit meiner Kamera verstecken. Wie jetzt zum Beispiel. „Komm doch mal vorbei und sag den Kindern Hallo. Lass uns was zusammen machen, bevor du wieder fährst.“ „Ich werde es versuchen, aber ich bleibe wohl nicht mal lange genug hier, um meine Koffer auszupacken.“ Ein bisschen zu schwindeln ist doch okay, wenn man höflich sein will, oder? „Es war schön, dich wiedergesehen zu haben.“ „Hey, am ersten Maiwochenende haben wir Klassentreffen. Komm doch nochmal vorbei.“ Damit man mich an all die verrückten, quasi illegalen Sachen erinnert, die ich in meiner Jugend getrieben habe? Sicher nicht. „Bis später, Beth.“ „Ich schick dir ’ne Freundschaftseinladung bei Facebook!“ Ich renne fast zurück zum Auto und halte dabei meine Einkaufstüte wie eine Kuscheldecke vor mich. Ich schnalle mich noch nicht mal an, bevor ich Bonbons wie Aspirin in mich hineinstopfe. Okay, ich schaffe das. Drei Tage. Mehr muss ich nicht für meinen Dad oder meine Schwester oder diese Stadt tun. Drei Tage. Ich starte den Motor und lenke das Auto zurück auf die Straße in Richtung der Heimat meiner Kindertage. Das Zuhause, wo mir die verrückte Connie den Tanz auf dem Vulkan beigebracht hat. Wo ich eine Schwester zurückgelassen habe. Und wo Erinnerungen begraben liegen, die niemals ans Tageslicht kommen dürfen.

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Kapitel 3

E

ine gute Heimkehr sollte nicht überstürzt werden. Ich entschließe mich also, einen kurzen Umweg in Kauf zu nehmen, und fahre erst einmal durch die Stadt. Es hat sich tatsächlich kaum etwas verändert. An der Highschool wurde angebaut, der Springbrunnen wurde gestrichen und die Footballmannschaft hat ein neues Stadion bekommen. Aber abgesehen davon ist alles beim Alten geblieben. Ohne es zu merken, finde ich mich auf einmal auf dem örtlichen Friedhof am Rande der Stadt wieder. Dort, wo meine Mutter ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Ich steige aus dem Auto und lasse die warme Brise durch meine langen Haare wehen. Der Kies knirscht unter meinen flachen Schuhen, als ich den Pfad entlanglaufe, vorbei an alten Gräbern, bis ich schließlich vor dem Grabstein von Constance Marie Montgomery stehe. Siebenunddreißig Jahre alt. Geliebte Tochter, Ehefrau und Mutter. Sie lebte furchtlos und liebte fröhlich. Ich lasse meine Finger über die Buchstaben und Zahlen auf dem Grabstein gleiten. „Ich vermisse dich so sehr.“ Meine Augen beginnen zu brennen und mir kommen die Tränen. Ich wische sie weg. Seit der Beerdigung habe ich nicht mehr geweint und ich werde jetzt ganz sicher nicht damit anfangen. Ich lasse mich ins Gras sinken, um es mir im Schneidersitz bequem zu machen. „Also … ehm, ich bin nach Hause zurückgekommen.“ Kommt es mir nur so vor oder ist das hier wirklich etwas seltsam? „Arbeitstechnisch ist alles in Ordnung, denke ich mal. Unsere Sendung hat letztes Jahr einen Emmy gewonnen. Na ja, fürs Kabelfernsehen, aber immerhin. Ich habe bald ein Vorstellungsgespräch für eine neue Stelle.“ Ich ziehe einen Grashalm aus der Erde und drehe ihn um meinen Finger. „Ich wäre dann noch mehr unterwegs, aber das macht mir nichts aus. Weißt du, ich habe diesen zigeunerhaften Charakter von 21


dir geerbt.“ Ich muss mich schnäuzen und die Tränen zurückhalten, als immer mehr Erinnerungen in mir hochkommen. „Mom, das hört sich so an, als hätte ich mein Leben im Griff, aber so ist es nicht. Ich wünsche mir so sehr, du wärst jetzt hier, damit ich mit dir reden kann. Es fühlt sich schon so echt an, selbst mit deinem Grabstein zu reden.“ Das tut es. Das tut es wirklich. „Aber mit Männern läuft alles schief. Und mein Job … ich weiß einfach nicht so richtig. Ich möchte etwas Bleibendes in dieser Welt hinterlassen. Ich möchte … jemand Besonderes sein.“ Da ich nichts anderes zur Verfügung habe, wische ich mir meine tropfende Nase am Jackenärmel ab. „Warum ist früher alles nur so schiefgegangen? Warum geht jetzt alles in meinem Leben schief?“ Ich will nicht an diesem Ort sein. Auf diesem Friedhof. In dieser Stadt. „Vorsicht!“ Ich drehe mich um, um nachzusehen, woher die Stimme kommt. Ich sehe ein braunes Fellbündel auf mich zustürmen. Ich rapple mich auf, werde aber durch die Wucht des Angreifers zu Boden geworfen. „Uff!“ Mir bleibt die Luft weg und ich muss meine ganze Kraft aufbringen, um die Bestie abzuwehren. „Runter da!“ Eine feuchte große Zunge leckt mir übers Gesicht. „Igitt! Blöder Hund, hau ab!“ „Aus, Gandalf! Bei Fuß! Hierher!“ Ich versuche der schlabbernden Hundezunge auszuweichen und sehe auf einmal zwei Beine neben mir auftauchen. „Könnten Sie mir vielleicht helfen?“ Nachdem jemand den Hund von mir weggeschoben hat, kann ich auch das Tageslicht wieder sehen. Der Besitzer nimmt den Hund an die Leine, während ich mir den Staub von der Kleidung klopfe. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Der Mann streckt seine Hand aus und ich sehe zu ihm auf. Oh Mann. Sieht der gut aus. Er könnte Patrick Dempsey von „Grey’s Anatomy“ Konkurrenz machen. Ich wische mir über das Gesicht und merke, dass es schmutzig ist. Na toll. „Warten Sie, ich helfe Ihnen auf.“ „Es geht schon, danke. Alles in Ordnung!“ Nichts, was saubere Klamotten und ein frisches Make-up nicht beheben könnten. „Sie sehen aber gar nicht so aus, als wäre alles in Ordnung“, sagt er, als ich endlich wieder auf meinen Beinen stehe. Bevor ich es verhindern kann, wischt er sanft über meine Wange. Die Augen hinter seiner 22


Sonnenbrille finden die meinen. „So ist es schon besser. Da waren nur ein paar Dreckspuren.“ „Ich habe nicht geweint.“ Oh nein. Habe ich das eben wirklich gesagt? „Ich meine, ich –“ Er wickelt die Hundeleine um seine Hand und lächelt. „Sie müssen mir nichts erklären. Aber, ehm, Sie haben geweint.“ „Ein Gentleman würde nie darauf herumpochen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht bin ich gar kein Gentleman.“ „Ihr Hund scheint jedenfalls auch keiner zu sein. Es gibt übrigens Einrichtungen, die sich ,Hundeschulen‘ nennen.“ „Das ist nicht mein Hund. Ich bilde ihn für einen Freund aus.“ Der Wind weht durch sein dunkles lockiges Haar. Er beugt sich etwas nach unten, um den braunen Labrador zu streicheln. „Wie nett von Ihnen.“ Ich klopfe noch mehr Gras von meiner Jeans. „Und mir geht es wirklich gut.“ Der geheimnisvolle Mann verzieht seinen Mund. „Oh, das sehe ich.“ Er schiebt sich die Sonnenbrille hoch auf die Haare, sodass ich nun einen ungetrübten Blick in seine blauen Augen werfen kann. Augen, die früher wahrscheinlich so manches Mädchen vergessen ließen, wann es zu Hause sein sollte. „Wissen Sie, manchmal kann es helfen, einem Fremden sein Herz auszuschütten.“ Sein Gesichtsausdruck hat etwas Herausforderndes an sich, einen verschmitzten Zug und etwas, was in meinem Kopf sämtliche Alarmsignale aufleuchten lässt. Ich räuspere mich und schaue zur Seite. „Ich habe schon seit Längerem nicht mehr mit meiner Mutter geredet. Ich habe sie nur auf den neusten Stand der Dinge gebracht.“ Ich trete mit meinem Fuß gegen einen kleinen Kieselstein. „Ich habe ihr von meinem Leben erzählt … als Britney-Spears-Imitator. Ich bin mir sicher, dass ich es diesmal schaffen werde, und sie wird so stolz auf mich sein. Und außerdem bin ich gerade aus dem Gefängnis entlassen worden und habe seit sage und schreibe drei Monaten keine Bank mehr überfallen.“ Meine Augen glänzen vor Sehnsucht. „Abgesehen von dem Victoria’s-Secret-Shop. Aber ich bin erst vor Kurzem entlassen worden und ein Mädchen braucht schließlich seine Dessous.“ Er reibt sich mit der Hand über sein stoppeliges Kinn. „Ist das Ihre Art, mir zu sagen, dass ich verschwinden soll?“ Er blickt auf das Grab 23


meiner Mutter. Und sieht dann vollkommen erstaunt nochmal genauer hin. „Maggie Montgomery?“ Plötzlich ist der freundliche Charme verschwunden. „Und Sie sind?“ „Connor.“ Er betrachtet mein Gesicht. „Connor Blake.“ Der Name sagt mir überhaupt nichts. Genauso wenig wie sein kühles, aber dennoch attraktives Gesicht. „Nett, Sie kennengelernt zu haben, aber ich sollte jetzt wohl besser gehen.“ „Bist du gerade zufällig in der Nähe oder bleibst du für eine Weile in Ivy?“ Seine Stimme klingt alles andere als entspannt und ich spüre, wie ich borstig werde. „Ich bleibe nur ein paar Tage.“ Sein Mund wird zu einer schmalen, harten Linie. „Du hast dich kein bisschen verändert, oder?“ „Wie bitte?“ Connor kommt langsam auf mich zu, sodass schließlich kaum mehr eine Handbreit zwischen uns ist. „Ich sagte, dass du dich kein bisschen verändert hast. Du weißt noch nicht mal, wer ich bin, oder?“ Ich werfe ihm den vernichtendsten Blick zu, zu dem ich fähig bin. „Sollte ich etwa?“ Ist er ein verflossener Liebhaber? Waren wir zusammen? Hatten wir ein Blind Date? Er lacht nur trocken auf. „Einen schönen Tag noch, Maggie Montgomery. Und einen schönen Kurzbesuch.“ Und weg ist er und zieht seinen unerzogenen Hund hinter sich her. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Meine Hände sind vor Zorn zu Fäusten geballt. Und ich habe noch nicht einmal die geringste Ahnung, warum.

HH Ich wünschte, in Ivy, Texas, gäbe es ein Holiday Inn, aber die Stadt ist so klein, dass es hier gerade mal eine einzige Ampel gibt. Es ist also reine Zeitverschwendung, darauf zu hoffen, anderswo als im Haus meines Vaters unterzukommen. Ich parke das kleine rote Auto und atme tief durch. Und dann noch weitere zehn Mal. Gott, hilf mir. Mein Puls beschleunigt sich, als sich die Haustür öffnet und mein Vater auf die brüchige Veranda tritt. Wie die alten, beschädigten Schin24


deln an seinem viktorianischen Haus ist auch Dad seit meinem letzten kurzen Besuch vor fünf Jahren gealtert. Mit seinem glatt rasierten Gesicht und dem mittlerweile vollständig ergrauten Haar steht er vor mir. Er hat abgenommen. Er ist nicht mehr der Mann mit dem Bierbauch, als den ich ihn in Erinnerung habe. Er geht die Eingangsstufen hinab und kommt auf mich zu. Ich klettere aus dem Auto und hebe meine Hand zur Begrüßung. „Hi.“ Sofort verschwinde ich aber wieder mit der Hälfte meine Körpers im hinteren Bereich des Autos, wo ich mich darauf konzentriere, den schweren Koffer vom Rücksitz zu hieven. Wahrscheinlich sehe ich aus wie ein Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckt. „Lass mich das machen.“ Dad steht hinter mir. „Ich krieg das schon hin. Ich hab’s gleich geschafft.“ Ich stoße gegen ihn und schlage dann meinen Kopf am Auto an. „Autsch.“ „Ich habe doch gleich gesagt, lass mich das machen.“ „Ich hab ihn schon.“ Ich blicke über die Schulter zurück und versuche, Dad mit einem kleinen Lächeln zu beschäftigen. Er schüttelt den Kopf. „Manche Dinge werden sich wohl nie ändern.“ Dad nimmt mich bei den Schultern und zieht mich vom Ford weg. „Geh doch schon mal rein. Ich bringe deine Sachen auf dein Zimmer.“ Für einen Moment stehe ich unbeholfen da. „Na gut. Ich, ehm … lass dich das dann mal machen.“ Die Fliegengittertür knarrt, als ich sie aufziehe und die kleine Diele betrete. Erinnerungen an eine vergeudete Jugend ziehen an mir vorbei, als der altbekannte Duft von Zuhause mein Herz erfüllt. Hier ist die Treppe, die Mom und ich auf einer Matratze wie mit einem Schlitten heruntergesaust sind. Und dort ist die Wohnzimmerwand, gegen die ich gekracht bin, als sie mir das Skateboardfahren beigebracht hat. Als ich in die Küche gehe, sehe ich den schwarzen runden Fleck auf der Anrichte, der von meinen Versuch stammt, mithilfe von Maiskeimöl, zwei Wunderkerzen und einer Friteuse Feuer zu machen. Ich schenke mir ein Glas Eistee ein und höre, wie Dad die Treppe zu meinem Zimmer hinaufgeht. Als ich letztes Mal hier war, sah es noch genauso aus, wie ich es verlassen hatte. Die gleiche violette Bettwäsche aus den Neunzigern. Und die Pinnwand, vollgestopft mit Kino- und Konzertkarten. An der Innenseite der Schrankwand gibt es immer noch die Liste mit all den Jungs, für die ich während meiner Jugend 25


geschwärmt habe, inklusive der Geburts- und Todestage jeder dieser flüchtigen Beziehungen. Dad betritt die Küche und deutet auf mein Glas. „Möchtest du Zucker in deinen Eistee?“ „Nein.“ Er konnte sich noch nie merken, dass ich keinen gesüßten Eistee mag. Was mich zu einer Rarität in dieser Gegend macht. „Also, was ist los?“ Kommen wir am besten gleich zum Punkt. Er öffnet den Kühlschrank und zum ersten Mal fällt mir auf, dass es nicht mehr das grünlich gelbe Modell ist, mit dem wir aufgewachsen sind. Die moderne Kühl-Gefrierkombination aus Edelstahl wirkt irgendwie fremd in der Küche. „Der alte Kühlschrank hat letztes Jahr seinen Geist aufgegeben. Musste einen neuen kaufen. Zeke, der beim Baumarkt arbeitet, hat mir dieses Ausstellungsstück verkauft.“ „Nicht schlecht.“ Ich stelle mich neben ihn und lasse ein paar Eiswürfel aus dem integrierten Eiswürfelbereiter in mein Glas fallen. „Ich wollte eigentlich auch einen neuen Herd anschaffen, aber dann ist mir etwas dazwischengekommen, sodass ich mich entschlossen habe, noch damit zu warten.“ „Ist dir Allison dazwischengekommen?“ Ich sehe, wie mein Dad nickt. „Seit wann ist sie wieder hier?“ Er lässt sich auf einen Stuhl sinken und nimmt eine Coladose in beide Hände. „Vor ungefähr zwei Jahren fingen ihre Probleme an. Es war … irgendwie merkwürdig.“ „Bei dir ist alles merkwürdig.“ Wie er jemals mit einer Frau wie meiner Mutter zusammenkommen konnte, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Sie waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. So wie Rockmusik und seichtes Gedudel. Sein Mund verengt sich. „Okay, es wurde verrückt. Im wahrsten Sinne des Wortes.“ Ich gehe zur Anrichte und lehne mich dagegen. „So wie während ihres letzten Highschooljahres?“ Allison hatte drei Monate vor dem Abschluss versucht, sich umzubringen. Dad sorgte für eine psychologische Betreuung und Medikamente, aber sie ist danach nicht mehr zur Schule gegangen. Sie hat ihren Abschluss nie nachgeholt oder wenigstens über den zweiten Bildungsweg versucht, ihre Hochschulreife zu erlangen. 26


„Ähnlich … aber auch irgendwie anders“, sagt er und nimmt einen großen Schluck von seiner Cola. „Sie hatte wieder einen Rückfall. Ich habe keine Ahnung, ob sie ihre Medikamente nimmt, aber ich schätze, eher nicht.“ Ich weiß genug von Allisons Vergangenheit, um mir den Rest ausmalen zu können. „Aber du vermutest, dass sie irgendetwas nimmt.“ Er nickt leise. „Und was soll ich dagegen tun? Ich kann bei diversen Therapieeinrichtungen in Chicago anrufen, aber die werden sie nicht gegen ihren Willen einweisen.“ „Allison ist weg.“ Ich stelle mein Glas mit einem lauten Knall auf der Anrichte ab. „Dad, wenn sie wegläuft, kannst du nichts für sie tun. Sie muss wahrscheinlich erst mal ganz unten ankommen, damit sie von alleine merkt, dass sie Hilfe braucht.“ Seine müden Augen sehen mich an. „Das ist mir bewusst.“ „Ja, wo liegt denn dann das Problem?“ Die Eingangstür schlägt zu und Dad sieht auf seine Uhr. „Sie kommt wie gerufen.“ Füße stampfen durch das Wohnzimmer. Ein kleines Mädchen stürmt in den Raum. „Ich gehe da nie wieder hin!“ Ihre roten Locken sind zerzaust und ungebändigt. „Wer bist du denn?“ Ich schließe meine Augen, als der Groschen fällt. „Ich bin Maggie.“ Sie verschränkt ihre mit Sommersprossen übersäten Arme und schnaubt. „Welche Maggie?“ Ich lasse den Anblick des wilden, schmuddeligen Kindes auf mich wirken und wünsche mir sehnlichst die Süßigkeiten aus meinem Auto herbei. „Deine Tante Maggie.“

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Kapitel 4

D

u hast es also nicht für nötig gehalten zu erwähnen, dass Allison ihre Tochter Riley bei dir abgeladen hat?“ Ich gehe in der Küche auf und ab, während meine Nichte im Obergeschoss vor dem Fernseher sitzt. „Wäre es denn so schlimm gewesen, mir einfach ein paar mehr Infos zu geben? Nur im Fernsehen ist es cool, wenn man an der spannendsten Stelle abbricht, Dad.“ „Ich hatte Angst, dass du dann nicht kommen würdest.“ Er spielt nervös mit seiner Coladose. „Immerhin hast du Riley nicht mehr gesehen, seit sie drei war. Ich habe befürchtet, dass ihre Anwesenheit nicht gerade ein großer Anreiz für dich wäre, hierherzukommen.“ Wenn meine Schuldgefühle wie das Bier in Dads Kühlschrank wären, dann wäre ich wohl schon längst betrunken. „Ich weiß, dass ich keine besonders gute Schwester oder Tante war, aber ich glaube nicht, dass ich mich vor dir rechtfertigen muss.“ Meine Schwester wurde noch während ihrer Highschoolzeit schwanger, und als das passierte, war ich natürlich auch nicht anwesend. „Niemand verlangt das von dir“, blafft mein Dad. „Ich brauche Hilfe, Maggie.“ Er zuckt bei seinen eigenen Worten zusammen. Ich bin mir sicher, dass er lieber Nägel schlucken würde, als mich um irgendetwas zu bitten. „Ich kümmere mich jetzt seit einem Monat um Riley. Seitdem hat sie fünf verschiedene Babysitter in die Flucht geschlagen. Mrs Bittle von gegenüber ist bereit, im Notfall auszuhelfen, aber ich habe ihre Großzügigkeit bereits mehr als überstrapaziert.“ „Was ist denn los mit Riley?“ Ich schlucke meine Angst hinunter. „Hat sie das Gleiche wie Allison?“ Meine Schwester leidet unter einer ganzen Reihe von psychischen Problemen. Und sie ist einfach nur bösartig. „Nein, das Kind ist total klar im Kopf. Sie ist schlau wie ein Fuchs, aber ganz unerzogen. Niemand hat ihr je Grenzen aufgezeigt.“ Er hebt hilflos seine mit Schwielen übersäten Hände. „Ich sage dir schlicht und einfach, wie die Sache steht. Allison war ihr keine besonders gute Mutter, sie waren immer unterwegs und Riley hat nur sporadisch die Schule besucht.“

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Wir Montgomery-Frauen sind Nomaden. Es liegt uns einfach im Blut. Es ist das Einzige, was meine Schwester und ich gemeinsam haben. Ich lasse mich von meiner Arbeit treiben und Allison von jeder Stimmung, die sie gerade überkommt. Sie ist schon in zahllosen Städten dieser Welt gewesen. Ihre Sammlung ist fast genauso beeindruckend wie meine. „Dad, ich bleibe genau drei Tage hier. Wenn du denkst, ich könnte in dieser Zeit irgendwelche Wunder vollbringen, dann hast du dich leider getäuscht. Und übrigens ist das einzig und allein Allisons Problem. Warum suchst du sie nicht?“ „Das habe ich bereits versucht. Meinst du denn, ich würde nicht nach meiner eigenen Tochter suchen?“ Unsere Blicke treffen sich und mir ist klar, dass meine Gedanken offen vor ihm liegen wie ein aufgeschlagenes Buch. Nein, ich glaube nicht, dass du gesucht hast. Andererseits war Allison schon immer die Kleine, Papas Liebling, also ist es gut möglich, dass er sich ernsthaft Gedanken um sie macht. „Ich habe sämtliche Leute angerufen, die ich kenne. Ich habe Arlo von der örtlichen Polizeistation mit verdeckten Ermittlungen beauftragt.“ „Warum denn verdeckt? Ich denke, du willst sie finden? Riley braucht ihre Mutter.“ Dad inspiziert seine Hände. „Weil das Jugendamt schon mehrmals vor unserer Tür stand. Deine Schwester ist dort kein unbeschriebenes Blatt. Und jetzt, wo Riley hier bei mir ist, kontrollieren sie uns natürlich. Letzte Woche kamen sie, als sie gerade den Deckenventilator mit Kuchenteig beschmissen hat, während der Babysitter heulend auf dem Sofa saß.“ Ich muss lachen, obwohl es eigentlich nicht lustig ist … aber irgendwie doch. Mein distanzierter, ruhiger Vater soll auf so einen zehnjährigen Kobold aufpassen. „Und vor anderthalb Wochen ist sie aus der Schule abgehauen.“ „Das machen doch viele Kinder.“ „Es war das zehnte Mal in vier Wochen.“ „Oh.“ „Ich muss arbeiten, Maggie. Mir läuft einfach die Zeit davon. Wenn du auf sie aufpassen könntest, könnte ich zur Arbeit gehen und Allison finden.“ 29


Bitterkeit breitet sich in mir aus wie Gift. „Also hast du mich hier antanzen lassen, um dir zu helfen. Und deswegen hast du mir die Wahrheit vorenthalten.“ Weil du genau weißt, dass ich dir überhaupt nichts schuldig bin. „Ich werde nicht hierbleiben. In den nächsten Tage werde ich sehen, was ich tun kann, aber spätestens am Freitag sitze ich in meinem Flieger.“ Dad erhebt sich langsam. „Mir ist klar, dass ich dir nie ein guter Vater war und dass ich hier fast Unmögliches von dir verlange. Aber sind wir dir wirklich so egal, dass du es in Kauf nimmst, dass das Kind zu Pflegeeltern kommt? Willst du, dass deine Nichte immer, wenn deine Schwester austickt, von einer Familie zur nächsten gereicht wird? Ich habe kein Recht, dich um irgendeinen Gefallen zu bitten, aber ich habe gedacht, dass du als Christin vielleicht, nur vielleicht, Mitleid mit einem Kind hättest.“ Die Stille wird nur vom Summen des Kühlschranks unterbrochen. Im Obergeschoss plärrt irgendwo ein Fernseher. Dad schüttelt schließlich den Kopf und geht zur Terrassentür. „Schon gut. Vergiss einfach, dass ich gefragt habe.“ Er greift nach seiner Baseballkappe, die an einem Haken hängt, und setzt sie sich auf. „Ich muss nochmal für ein paar Stunden in der Firma vorbeischauen. Meinst du, du schaffst es, wenigstens so lange ihre Tante zu spielen?“ „Ja.“ Meine Stimme hört sich auf einmal wieder an wie die einer Sechzehnjährigen. „Das schaffe ich.“ Er stopft die Schlüssel in seine Hosentasche und öffnet die Tür. „Pass auf, dass sie dir nicht wegläuft.“ Ich verdrehe die Augen. „Ich habe bereits die zerklüfteten Berge Patagoniens erklommen. Da werde ich es wohl mit einer Zehnjährigen aufnehmen können.“

HH Sie ist mir weggelaufen. Gerade mal fünfundvierzig Minuten dauerte mein Auftritt als Babysitter und schon ist mir das Kind ausgebüchst. Mit einer Engelsmiene kam die kleine Schauspielerin die Treppe herunter und fragte mich mit süßer Stimme, ob wir vielleicht Verstecken spielen wollten. Natürlich habe ich Ja gesagt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie, noch bevor ich 30


bis siebenundvierzig gezählt habe, das Spiel auf ihre Weise beendet. Aber das rosafarbene Fahrrad, das an die große Eiche gelehnt war, ist weg. Und Riley ebenfalls. Deswegen halte ich mir Kieselsteine als Haustiere. Zunächst laufe ich die Straße vor unserem Haus entlang und rufe ihren Namen. Als nach zehn Minuten immer noch jegliche Spur von ihr fehlt, springe ich ins Auto und fahre quer durch die Stadt. Nach einer Stunde bin ich immer noch ohne Kind und gerate langsam in Panik. Was, wenn sie zu einem Fremden ins Auto gestiegen ist? Was, wenn sie entführt wurde? Was, wenn mein Dad mich für die größte Versagerin aller Zeiten hält? Zurück zu Hause stürze ich zur Tür hinein und rufe laut ihren Namen. „Riley! Riley!“ Keine Antwort. Im Haus ist alles still. Ich laufe nach oben, ein Stoßgebet auf den Lippen. Als in der Küche das Telefon klingelt, renne ich wie von der Tarantel gestochen die Treppe hinunter. „Hallo?“ „Maggie?“ „Ja?“ Ich lege vollkommen außer Atem meine Hand auf meinen bebenden Brustkorb. „Hier ist Beth.“ „Oh, hallo Beth. Ehm, bei mir ist es gerade ganz schlecht.“ Mir ist ein Kind weggelaufen und diese Frau ruft wahrscheinlich an, um mir vorzuschlagen, dass wir uns die Fußnägel lackieren und in alten Jahrbüchern aus Highschoolzeiten stöbern sollten. „Das kann ich mir vorstellen. Weißt du eigentlich, was deine Nichte gerade anstellt?“ Oh nein. „Du kennst Riley?“ „Mädchen, die ganze Stadt kennt Riley. Sie steht soeben auf dem Marktplatz von Ivy und füllt Spülmittel in den großen Springbrunnen.“ „Fantastisch.“ „Du solltest sie schleunigst da wegholen, bevor der Bürgermeister sie zu Gesicht bekommt. Es ist sicher nicht von Vorteil, ihm Beweise für die Untat zu liefern – ein mit Schaum übersätes Kind zum Beispiel.“ „Ich bin sofort da.“ Wie ein Rennfahrer schieße ich aus Dads Einfahrt. So hatte ich mir den Abend nicht vorgestellt. 31


Ich fahre die Hauptstraße entlang und komme dabei an der Drogerie, am Geschäft für Heimwerkerbedarf und an der kleinen Gaststätte der Stadt vorbei – keiner dieser Orte hat sich auch nur im Mindesten verändert, seit ich als Cheerleader die Ivy Lions angefeuert habe. Als ich schließlich auf dem Marktplatz ankomme, finde ich einen schattigen Parkplatz unter einem großen Birnbaum. Ich sehe mich nach dem Springbrunnen um, der zu Ehren von Buford Chapel und Delroy Jackson, den Gründern dieser Stadt, erbaut worden ist. Die zwei umherziehenden Trapper hatten einigen reichen Rinderzüchtern bei einem Pokerspiel ein stattliches Stück Land abgeknöpft, aus dem später der Städtchen Ivy hervorgehen sollte. Die zwei Männer konnten sich zuerst nicht auf einen Namen für ihren Ort einigen, benannten ihn aber schließlich nach einem Saloongirl, das sie beide toll fanden. Ich sehe, wie meine Nichte zappelnd im Springbrunnen umhertanzt wie ein Wassergeist, während das Wasser aus Bufords und Delroys Beton-Pistolen herausschießt. „Riley!“, schreie ich laut. „Komm sofort da raus!“ Sie ignoriert mich einfach und watet weiter durch das schultertiefe Wasser. Dabei schwappt das blubbernde Zeug über den Rand, als würde der Brunnen Schaum speien. Endlich komme ich nahe genug an sie heran, um nach ihrem Arm zu greifen. Doch er ist glitschig und Riley entgleitet mir. „Komm raus.“ Oh nein. Schaum. Überall. Er mutiert. Es wird mehr und mehr. Eines Tages wird meine Nichte sicher auch noch darauf kommen, wie toll Lebensmittelfarbe in so einem Brunnen aussieht. „Verschwinde!“ Das Luder hat die Nerven, sich einfach umzudrehen und mir auf dem Rücken davonzuschwimmen, wie es ihr eben gerade gefällt. Ich renne auf die andere Seite und versuche, ihr Bein zu fassen. „Wir haben noch nicht mal richtig Frühling. Das Wasser ist doch sicher eiskalt.“ „Das macht mir nichts aus.“ Um das zu beweisen, taucht sie unter. „Hey. Wo bist du?“ Meine Herzfrequenz stellt neue Rekorde auf. „Riley? Das ist nicht lustig!“ Ich kann sie nicht mehr sehen. Zu viel Schaum. „Hilfe!“ Wo sind all die neugierigen Stadtbewohner, wenn man sie denn mal braucht? „Riley, kannst du mich hören?“ 32


Jemand kommt hinter mir angerannt, aber ich kann meine Augen nicht vom Wasser abwenden. „Maggie? Um Himmels willen, was ist passiert?“ Ich renne immer wieder um den Brunnen herum, fische mit meiner Hand im Wasser, aber finde nichts. Kein Kind. „Maggie?“ Beth fasst mich an der Schulter. Ich zeige auf den immer größer werdenden Schaumberg. „Buford und Delroy haben meine Nichte verschluckt.“ „Dann steig doch einfach in den Brunnen und hol sie raus. Und beeil dich. Der Bürgermeister mag es ganz und gar nicht, wenn man sich an seinem Springbrunnen vergreift.“ Ich fahre wieder hilflos mit meiner Hand durchs Wasser. „Ich kann sie nicht finden. Bitte Beth. Bitte hilf mir.“ Ich kann mir schon lebhaft vorstellen, wie heute unser Abendessen verlaufen wird. Dad, Riley ist in einem Meer aus Schaum ertrunken … Ein leises Kichern dringt an mein Ohr und ich atme erleichtert auf. „Ich höre dich ganz genau, Riley. Komm raus.“ „Fang mich doch!“ Die bissige Antwort darauf erspare ich mir. Beth dreht sich um und sieht mich durchdringend an. „Maggie, du hast doch nicht etwa immer noch Angst vor Wasser, oder?“ Mein Kinn schnellt nach oben. „Natürlich nicht. Ich mag es nur nicht besonders. Und das ist etwas ganz anderes, als Angst davor zu haben. Außerdem – würdest du dich gerne in Seifenwasser stürzen?“ Ihr amüsierter Gesichtsausdruck geht mir genauso auf den Geist wie Rileys, die wie ein Hund im Wasser umherpaddelt. „Es ist doch nur ein Brunnen.“ „Aber schau doch, wie tief er ist. Sie kann darin schwimmen. Dieses Kind braucht Hilfe!“ „Was dieses Kind braucht, ist jemand, der sie aus meinem Springbrunnen holt!“ Beth und ich drehen uns erschrocken um. „Hallo, Herr Bürgermeister!“ Beth lächelt den Obersten der Stadt an, wobei sie mit ihrem Körper die zappelnden Beine meiner Nichte abschirmt. „Wissen Sie eigentlich, was es kostet, die ganze Seife da rauszukriegen? Haben Sie auch nur die geringste Ahnung davon, wie knapp das 33


Budget dieser Stadt ist? Erst gestern musste ich Maudine Richardson entlassen und –“ „Ich kümmere mich darum, James.“ Ich drehe mich um und sehe den Mann vom Friedhof hinter mir stehen, die Arme in die Hüften gestemmt. „Sie“, zische ich. Connor Blake legt seinen Kopf zur Seite. „So sieht man sich wieder.“ Seine blauen Augen sind auf Riley gerichtet. „Und diesmal hast du das unerzogene Biest dabei.“ „Sie wird sofort rauskommen.“ Sobald ich einen Zwanzigdollarschein aus meinem Portemonnaie hole und vor ihrem mit Sommersprossen übersäten Gesicht aufblitzen lasse. „Es wird sehr teuer für Sie werden, das alles wieder in Ordnung bringen zu lassen …“ Ich versuche, den Bürgermeister freundlich anzulächeln. „Schicken Sie mir einfach die Rechnung.“ Connor kann darüber nur lachen. „So einfach ist das also? Sag mal, konntest du dich eigentlich immer so leicht aller deiner Probleme entledigen?“ Hilfesuchend sehe ich mich nach Beth um, aber sie steht neben dem Brunnen und wedelt mit einem Kaugummi. „Was habe ich Ihnen eigentlich getan, dass Sie mich ständig so runtermachen?“ Ich gehe einen Schritt auf ihn zu und zwinge mich, ihm in die Augen zu sehen. „Warum sagen Sie mir nicht einfach, wer Sie sind, damit ich Sie auch auf die Liste von Leuten setzen kann, bei denen ich mich für meine wilde und rücksichtslose Jugend entschuldigen muss?“ „Hey, Connor“, ruft Beth. „Du könntest mir mal eben helfen, anstatt meine Freundin anzustarren.“ Er verschränkt die Arme vor seinem Oberkörper, der locker mit dem jedes Profisportlers mithalten könnte. „Also darf ich mich nun um die Sauerei hier kümmern. Mal wieder.“ Er zeigt auf Riley, die mittlerweile ein Lied aus Walt Disneys „Arielle, die Meerjungfrau“ singt. „Das ist jetzt das dritte Mal in drei Wochen.“ „Sie macht gerade einiges durch.“ „Dann sollte sich vielleicht mal ihre Tante um sie kümmern.“ Ich schnappe schockiert nach Luft. Was denkt sich dieser Kerl überhaupt? „Sehen Sie, Connor, es tut mir sehr leid, dass Sie das mit dem 34


Brunnen in Ordnung bringen müssen. Ich werde selbstverständlich für jeglichen Schaden aufkommen.“ „Hol doch wenigstens endlich das Kind dort raus.“ Ich drehe mich wieder zu dem schaumigen Springbrunnen um. „Ehm, ja. Was das angeht …“ Connor starrt mich an, als langweilte ich ihn zu Tode. „Du hast genau dreißig Sekunden, um in diesen Brunnen zu springen und deine Nichte dort rauszuholen, bevor der Bürgermeister mit Handschellen droht.“ Ich werfe einen kurzen Blick über meine Schulter. „Na ja …“ Seine Nasenflügel beben. „Bist du eigentlich immer von allen verhätschelt worden?“ Und bevor ich auch nur irgendetwas darauf erwidern kann, steigt er in voller Montur in den schäumenden Brunnen. Riley quiekt, als er auf sie zugeht. Connor hebt sie hoch und klettert mit ihr aus dem Brunnen. „Fass mich nicht an. Ich rufe die Polizei!“ Connor drückt mir das triefnasse Kind in die Arme, wodurch auch ich sofort völlig durchnässt werde. „Diesmal muss sie ihre Strafe abarbeiten.“ „Okay.“ Na dann viel Glück! Bin gespannt, ob sie da auch mitmacht. Ich habe die böse Vorahnung, dass dieses Unterfangen dem Versuch gleichkommt, eine Klapperschlange zu bändigen. Connor wendet sich dem vor Wut kochenden Bürgermeister zu. „Ich werde dafür sorgen, dass bis heute Abend alles beseitigt ist.“ Er wirft mir einen vernichtenden Blick zu. „Mal wieder.“ „Danke schön.“ Der Bürgermeister verschränkt die Arme vor der Brust. „Wenigstens gibt es noch ein paar Leute, denen das Wohl dieser Stadt am Herzen liegt.“ Er stürmt davon und hält nur an, um hier und da etwas Müll vom Bürgersteig aufzulesen. „Bring sie morgen nach der Schule zur Tierklinik“, sagt Connor und wischt sich über sein Hemd. „Sie kann die Hundezwinger säubern, um für ihre letzten drei Vergehen zu büßen.“ „Eins“, schnauzt Riley zurück. „Die anderen zwei kannst du mir nicht auch noch unterjubeln. Hast du Zeugen? Hast du Beweise? Ich kenne mich aus – ich sehe Gerichtsshows im Fernsehen.“ Connor Blake wirft mir einen eisigen Blick zu. „Bring sie zur Tier35


klinik am See. Wenn sie Viertel vor vier nicht dort ist, rufe ich deinen Vater an und sage ihm, wie erfolgreich euer kleiner Familienausflug war.“ Er geht davon, immer noch über und über mit Schaum bedeckt. „Was – wer … wie?“ Beth steht neben mir. „Connor weiß alles. Kennt jeden. So ist das halt, wenn man der Tierarzt am Ort ist.“ Sie wischt mit ihrer Hand über meine Stirn. „Als du mit ihm geredet hast, hattest du die ganze Zeit eine riesige Seifenblase auf der Stirn.“ Na toll. „Du erinnerst dich doch an ihn, oder?“ Da ich Riley nicht länger tragen kann, stelle ich sie auf den Boden und halte ihre Arme mit meinen Händen in einem eisernen Griff. „Du brauchst gar nicht erst auf die Idee zu kommen wegzurennen! Nein, Beth, ich habe keine Ahnung, wer er ist. Ich bin mir sicher, dass ich mich daran erinnern würde, wenn jemand, der so aussieht, mit uns zur Schule gegangen wäre.“ Oder der sich so verhält. Beth lächelt. „Natürlich kennst du ihn – Connor Blake. Er sah damals noch ein bisschen anders aus. Er hat die Mathe-AG, den Naturwissenschafts-Club und das Robotertechnik-Team geleitet. Ich glaube, er hat sich auch noch in diesem Verein für zukünftige Landwirte engagiert.“ „Ich habe immer noch keine Ahnung. Na ja, wir haben uns ja auch nicht gerade mit den ganzen Wissenschafts- und Technikfreaks abgegeben.“ Ich verstärke den Griff um Rileys Arme, die versucht, sich aus meiner Umklammerung zu befreien, und werfe ihr einen durchdringenden Blick zu. „Keine Bewegung.“ „Er ist dann zum Studium weggegangen. Und als er zurückkam, hat er sich mit deiner Schwester angefreundet. Ich nehme mal an, dass er alles, was er über dich weiß, von ihr hat.“ „Du stinkst!“, sagt Riley. Ich starre sie von oben herab an. „Und dir kommt der Schaum aus der Nase heraus.“ Sie rollt mit den Augen und schaut weg. „Wir waren damals nicht besonders nett zu den Freaks.“ Beth wühlt in ihrer Handtasche, um ihre Autoschlüssel zu finden. „Offensichtlich hat er dir verziehen.“ Beth zuckt mit den Schultern. „Ich habe ihn ja auch darum gebeten.“

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Kapitel 5

I

ch hatte sie dir nur für zwei Stunden anvertraut.“ Dad knallt drei Teller auf den kleinen Küchentisch. „Du hast gesagt, du hättest alles unter Kontrolle.“ „Da wusste ich ja noch nicht, dass ich es mit einer kleinen Terroristin zu tun habe. Beth und einige andere Leute hier vom Ort haben mich erst einmal auf den aktuellen Stand über Rileys neueste Eskapaden gebracht.“ Sie hat Mr Millers Esel freigelassen, die Bücher in der Stadtbibliothek neu sortiert und das Gebäck in der Konditorei in der Innenstadt angelutscht. Lächerlich! Okay, das mit dem Gebäck kann ich sogar noch einigermaßen nachvollziehen. Dad starrt auf den Tisch, während er einen Teller mit Hamburgern darauf abstellt. „Verstehst du jetzt, warum ich Hilfe brauche?“ „Was du brauchst, ist eine ganze Armee.“ „Sie ist das einzige Kind deiner Schwester.“ Dad stützt sich auf die Lehne eines abgewetzten braunen Stuhls und sieht mich an. „Willst du mir wirklich ernsthaft sagen, dass dich das alles hier nichts angeht? Wenn du uns nicht hilfst, Maggie, dann kommt sie ins Heim.“ „Was kümmert dich das überhaupt?“ Die Worte rutschen mir einfach so heraus. Ich kneife die Lippen zusammen, als könnte ich sie dadurch wieder zurücknehmen. Mein Vater stolziert zum Kühlschrank. „Vergiss es.“ „Es tut mir leid.“ Meine Stimme ist leise, zögernd. Hier im Hause von Benjamin Montgomery, wo sein Wort Gesetz ist, wurde noch nie so geredet. Wenn doch mal jemand anderes als er selbst das letzte Wort hatte, folgte daraufhin so viel Gebrüll und Beleidigungen, dass man sich wünschte, er hätte stattdessen seine Fäuste sprechen lassen. Blaue Flecken kann man anzeigen. Aber gemeine Worte? Niemand hat sich je dafür interessiert. Dad schenkt ein kleines Glas Milch ein und stellt es neben einen der Teller. „Nein, es tut dir nicht leid. Du hast doch dein ganzes Leben lang nur darauf gewartet, einmal so mit mir zu reden. Und vielleicht habe ich es sogar verdient – vielleicht aber auch nicht.“ Er blickt mir ins Gesicht. „Aber wir werden Riley nicht noch mehr aufregen, als sie

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es ohnehin schon ist. Behalte deine klugen Sprüche einfach für dich, solange sie in der Nähe ist.“ Irgendwie verstehe ich diesen Mann nicht. Es scheint, als wäre er ernsthaft besorgt um Riley. Wahrscheinlich würde er sein Ansehen hier in der Stadt verlieren, wenn seine eigene Enkeltochter ihm entgleitet. „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten in Bezug auf Allison?“ „Ich glaube, dass sie sich vielleicht irgendwo in der Gegend von Houston herumtreibt. Einer ihrer Ex-Freunde lebt dort. Ich weiß, dass sie in dem Monat, bevor sie verschwunden ist, recht häufig mit ihm telefoniert hat. Vielleicht ist sie aber auch ganz in der Nähe. Sie hat immer noch eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Freunden hier.“ „Woher hast du all diese Informationen?“ „Von den Verbindungsnachweisen ihrer Telefonate.“ Dad klatscht etwas Besteck auf den Tisch. „Ich habe ein Handy für Allison besorgt. Also habe ich mir mal die Rechnungen angeschaut.“ Wow, ich hätte nicht gedacht, dass er überhaupt weiß, wie Handys funktionieren. Fragt sich nur, warum er mich dann nie anruft. „Essen wir noch in diesem Jahrtausend, oder was?“, ertönt eine freche Stimme. Dad wirft mir einen warnenden Blick zu, als Riley in den Raum stapft. „Ich bin halb verhungert.“ Ich wuschle ihr durch ihre roten Locken. „Das Schwimmen hat dich wohl hungrig gemacht.“ Genauso wie dein neuster Gesetzesverstoß. „Und wenn schon.“ Sie schnappt sich eine Handvoll Pommes und klatscht sie auf ihren Teller. Sie lümmelt sich in ihren Stuhl, greift sich drei Pommes auf einmal und schiebt sie sich in den Mund. Entzückend. Gott, hilf mir, dieses Kind zu lieben. „Ehm, ich habe gesehen, dass Dad dich in meinem alten Zimmer einquartiert hat. Ich dachte, vielleicht könnten wir morgen nach der Schule – und nachdem du deine gemeinnützige Arbeit erledigt hast – ein bisschen einkaufen gehen.“ „Ich hasse einkaufen.“ Ich setze mich hin und lege mir die Serviette auf den Schoß. „Jeder geht gerne einkaufen.“ „Einkaufen ist doof.“ Als sie quer über den Tisch langt, um an das Ketchup zu kommen, weicht sie mir aus, damit ich ja nicht ihren Arm berühre. Kurz bevor sie sich die Flasche schnappt, komme ich ihr jedoch zuvor und reiche sie ihr mit einem Lächeln. 38


„Was machst du denn sonst noch gern, Riley? Treibst du Sport? Spielst du mit Puppen?“ Als ich das erwähne, lacht sie lauthals los. „Wie sieht es mit Videospielen aus?“ „Nee.“ Endlich setzt sich auch Dad hin und ich kann anfangen zu essen. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen: Bevor Dad sich hingesetzt hat, rührt niemand sein Essen an. Wenn ich mir Riley allerdings so anschaue, den vorlauten Mund mit Ketchup beschmiert, vermute ich, dass diese Regel wohl nicht mehr gilt. Ich überlege, ob ich ein Tischgebet sprechen soll, aber in unserer Familie wurde nie gebetet. Mein Dad hatte mit der Kirche nichts am Hut, Punkt. Mein Dad hatte mit vielem nichts am Hut. Ich werfe dem Kind meiner Schwester, dieser kleinen Fremden, einen verstohlenen Blick zu. Allison hat immer dafür gesorgt, dass ich über ihre jeweilige Adresse informiert war, schon allein wegen der Geschenke und der finanziellen Unterstützung. Die war durchaus erwünscht, aber Besuche waren nie erlaubt. Sie hatte tausend Ausreden parat. Und das Traurige daran ist, dass ich es zugelassen habe. „Hast du in der Schule schon Freunde gefunden?“, frage ich. Riley nimmt einen stattlichen Bissen von ihrem Hamburger und antwortet mit vollem Mund. „Wahnsinnig viele. Jeder möchte mein Freund sein. Während der Pause stehen sie Schlange, um mit mir spielen zu dürfen“, erwidert sie mit monotoner Stimme, so trocken wie die Wüste in Arizona. „Erzähl doch mal, was du heute in der Schule gelernt hast“, schlägt Dad vor. „Nichts.“ Riley zuckt mit den Schultern. „Ich weiß doch schon alles.“ „Das ist ja praktisch.“ Ich nehme einen Schluck Eistee, um meinem Mund etwas zu tun zu geben. „Da kenne ich noch eine, die immer dachte, sie wisse schon alles.“ Dad sieht erst Riley und dann mich bedeutungsvoll an. Riley würdigt mich eines kurzen Blickes, dann verdreht sie ihre Augen. „Hast du ein Lieblingsfach?“, frage ich. „Mittagspause.“ Riley tunkt eine Pommes in das Ketchup. „Ich hasse Schule. Und morgen werde ich da auch nicht mehr hingehen.“ „Und ob du da hingehst“, sagt Dad. „Dann haue ich eben ab.“ 39


„Und ich werde dich finden und wieder zurückschicken. Genauso wie letzte Woche. Und vorletzte Woche.“ Ich starre die wüsten Haare meiner Nichte an und ihre Hosen, die ihr längst zu klein geworden sind. Mit welchem Leben hat meine Schwester sie wohl konfrontiert? „Was gefällt dir denn nicht an der Grundschule in Ivy?“ Sie stützt den Kopf in die Hand und seufzt. „Von dem Essen in der Cafeteria bekomme ich Blähungen.“

HH Drei Stunden später werfe ich mich auf Allisons altes Bett. Es ist so anstrengend, sich auf den Fernseher zu konzentrieren, wenn einem all die Dinge im Kopf herumgehen, die man nicht sagen darf. Dad saß einfach nur ruhig in seinem Sessel, während sich Riley ununterbrochen über die Sendung aufgeregt hat. Wenn ich noch einmal das Wort doof höre, garantiere ich für nichts mehr. Und ich möchte noch nicht mal über das Telefonat mit John nachdenken. Dieser Mann ist so lieb. Gott, warum kann ich mich nicht einfach rettungslos in ihn verlieben? Er ist so ganz anders als mein Vater. Ich kuschle mich mit einem Reisemagazin ins Bett und lese, bis die Zeilen vor meinen Augen verschwimmen. Als ich gerade die Seite mit einem spannenden Artikel über Fluggebühren aufschlage, höre ich ein Geräusch im Flur. Es ist Rileys Tür. Ich bin mucksmäuschenstill und spitze meine Ohren. Vielleicht muss sie nur mal zur Toilette. Als ich jedoch höre, wie sich die Tür zum Garten öffnet, schlüpfe ich schnell in meine Flip-Flops und springe die Treppe hinunter. „Riley!“, zische ich, als ich im Garten angekommen bin. Die Nachtluft ist kühl und ich verschränke fröstelnd die Arme vor der Brust. „Riley!“ Ich bemerke einen schwachen Lichtstrahl und folge ihm mit den Augen nach oben. Mein altes Baumhaus. Ich gehe zu der Rieseneiche und setze meinen Fuß vorsichtig auf das erste wacklige Brett, das in den Baum gehauen wurde. Diese Leiter ist mit der Zeit bestimmt nicht besser geworden. Ich murmle ein leises Gebet vor mich hin und bitte Gott, dass ich im Dunkel der Nacht nicht auch noch auf meinen Allerwertesten falle. Denn ich weiß, dass dieses Kind mich sicher einfach liegen lassen würde. 40


„Ich weiß, dass du dort oben bist!“ Vorsichtig klettere ich die Leiter hoch, nur um festzustellen, dass die Tür über mir verschlossen ist. „Geh weg.“ „Ich möchte mit dir reden.“ „Dann lass dir von meiner Sekretärin einen Termin geben.“ Im Kopf rechne ich zurück, in welchem Jahr Allison ihr Kind bekommen hat. Wie kann dieses Kind erst zehn sein? „Lass mich rein, Riley.“ „Da würde ich lieber Rinderhirn essen.“ Ich schlage dreimal in der Mitte gegen die Tür und drücke einmal kräftig dagegen. Sie gibt sofort nach. „Hey.“ Riley blendet mich mit der Taschenlampe. Ich stoße die Tür auf und ziehe meinen Körper auf den Boden des Baumhauses. „Das hat mal mir gehört. Meinst du, ich wüsste nicht, wie ich das Schloss knacken kann?“ „Lass mich in Ruhe.“ Ich schlinge mir die Arme um die Beine und betrachte die alten Wände, soweit das bei dem spärlichen Licht überhaupt möglich ist. „Ich habe echt viel Zeit hier oben verbracht.“ Sie zupft an dem Flaum auf ihren Hausschuhen, die mit Hasen bestickt sind. „Ja, und meine Mom hast du ausgesperrt.“ Ihr barscher Ton erschreckt mich und ich schnappe nach Luft. „Stimmt, das habe ich getan.“ Auch wenn es natürlich oft andersherum war. „Große Schwestern machen das halt so.“ „Du hast sie aus allem ausgesperrt.“ Ich hebe ein Blatt vom Boden auf und betrachte es. „Hat sie dir das so erzählt?“ „Sie hat gesagt, dass du die schlimmste Schwester warst, die man sich hätte vorstellen konnte.“ Ein Schwert wird mir ins Herz gestoßen. Und einmal umgedreht. „Ja … sicher war ich für sie nicht die beste Schwester der Welt. Deine Mom und ich waren, ehm, sind sehr verschieden.“ Wie soll ich einer Zehnjährigen erklären, dass ihre Mutter mich schon seit ihrer Geburt gehasst hat? Ich dachte, meine Mom würde dieses kleine süße Baby nach Hause bringen, das ich lieb haben könnte – und das mich zurücklieben würde. Das mir überallhin folgen und mich anhimmeln würde. Das haben nämlich die kleinen Brüder und Schwestern meiner 41


Freunde mit ihren großen Geschwistern getan. Aber sie nicht. Sie hat das nie gemacht. „Riley, ich weiß, dass du Angst hast. Und ich verstehe, wie weh das tut und –“ „Du verstehst rein gar nichts, Tante.“ Sie lässt die Taschenlampe in ihren Schoß sinken, sodass ihr Schein verzerrte Schatten auf ihr Gesicht wirft. „Deine Mutter ist nicht weggelaufen, weil sie dich nicht lieb hat. Ich hoffe, dass du das weißt. Sie ist weggelaufen, weil sie krank ist. Sie braucht ihre Medizin, damit ihr Gehirn das tut, was unseres automatisch macht. Und ich glaube nicht, dass sie –“ „Lass stecken. Das hab ich alles schon hundertmal gehört.“ Langsam fange ich an zu schleimen. „Sie liebt dich wirklich, Riley. Und wahrscheinlich vermisst du sie ganz schrecklich.“ „Sie vermissen?“ Riley lacht voller Bitterkeit auf. „Ich will meine Mom nie wiedersehen.“

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Kapitel 6

I

ch will zurück nach Chicago. Ich habe bereits unzählige Nächte an quasi unerträglichen Orten verbracht, die meinen Rücken überstrapaziert haben, aber nichts davon kam auch nur im Entferntesten an letzte Nacht und das unbequeme Bett im Haus meines Vaters heran. Den Großteil der Nacht habe ich damit verbracht, einfach nur die Decke anzustarren, während mir tausend Gedanken durch den Kopf gingen und mir den Schlaf raubten – besonders das Gespräch mit Riley im Baumhaus. Zwischen diesen langen Phasen, in denen mich meine Gedanken gequält haben, bin ich immer mal wieder für kurze Zeit in einen unruhigen Schlaf gefallen. Es können höchstens Minuten gewesen sein. Und ich habe von meiner Mutter geträumt. Sogar jetzt, wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie vor mir, wie sie auf einer Wasserfläche geht und ihre Hand nach mir ausstreckt. „Komm her zu mir“, sagte sie. „Nimm meine Hand.“ Aber ich konnte einfach nicht. Ich stand auf dem Pier. Allein. Unfähig, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ich wollte loslaufen, aber ich wusste, dass ich sinken würde, sobald meine Füße den festen Boden unter sich verlieren. Als ich aufgewacht bin, war da immer noch dieses Gefühl des Bedauerns. Ich konnte es quasi schmecken. Und heute Morgen am Frühstückstisch hat mich Dad dazu bringen wollen, noch eine Woche länger zu bleiben. Aber wie soll das bitte gehen? Ich habe wahnsinnig viel zu tun! „Ich kann dich auch bezahlen“, hatte Dad gesagt. „wie viel willst du haben?“ „Ich brauche dein Geld nicht. Darum geht es doch gar nicht.“ „Die Schule hat gestern mit dem Jugendamt gesprochen. Rileys Direktorin hat mich angerufen. Weißt du, sie erlauben mir nicht, sie hierzubehalten, wenn ich arbeiten gehe und niemanden habe, der auf sie aufpasst.“ „Also willst du, dass ich mich jetzt dazu bereit erkläre, wieder hierherzuziehen?“ 43


„Ich will nur, dass du erst einmal auf unbestimmte Zeit hierbleibst.“ „Freitagmorgen geht mein Flieger nach Taiwan. Das heißt für mich definitiv nicht ‚auf unbestimmte Zeit‘.“ „Du bist genauso egoistisch wie deine Mutter.“ Das war zu viel. Ich habe mir meinen iPod und meine Sonnenbrille geschnappt und bin erst einmal eine Runde joggen gegangen, um meinen Frust am Straßenbelag auszulassen. Als ich zurückkam, war mein Vater weg. Aber meine miese Stimmung war noch da. Den Rest des Tages habe ich dann vor meinem Laptop verbracht und Videomaterial angeschaut, das ich noch schnell vor meiner Abreise heruntergeladen hatte. Nichts für Passport to the World, sondern Material, das ich für mich selbst gesammelt habe. Stundenlange Aufnahmen von Kindern aus all den Ländern, in denen ich im letzten Jahr gewesen bin. Es war, als hätte Gott mir auf einmal die Augen für das geöffnet, was sonst noch alles um uns herum passiert, während wir unsere Reisesendung produzierten. Überall dort, wo wir filmten, fielen mir plötzlich all diese Kinder auf, die in lebensunwürdigen Verhältnissen aufwachsen müssen – sei es Armut oder Prostitution. Und trotzdem kann ich nichts dagegen tun. Außer meine Kamera zu nehmen und einige flüchtige Eindrücke ihres Lebens einzufangen. Am Anfang hatte ich keine Ahnung, warum ich diese Kinder überhaupt gefilmt oder das ganze Videomaterial aufgehoben habe. Aber bald wurde es zu einem inneren Bedürfnis für mich. So, als müssten ihre Geschichten erzählt werden. Doch wo sind ihre Stimmen geblieben? Manchmal liege ich nachts wach und frage mich, ob ich vielleicht ihre Stimme sein soll. Und das erschreckt mich zu Tode. Wer bin ich denn schon? Mit der Anweisung, Riley um drei Uhr nachmittags abzuholen, verlasse ich das Haus und reihe mich mit meinem Ford in die Schlange von wartenden Autos vor der Grundschule ein. Und ich muss eine halbe Ewigkeit warten. Wer auch immer gesagt hat, Geduld sei eine Tugend, musste offensichtlich noch nie ein Kind von der Schule abholen. Ich bin etwas erleichtert, als ich Riley bei einigen anderen Schülern stehen sehe. „Hey.“ Ich nehme meine Handtasche vom Beifahrersitz, damit sie sich hinsetzen kann. „Wie war’s?“ Sie sieht mich wieder einmal an, als wäre ich verrückt geworden. 44


„Ganz toll. Übrigens war ich so gut, dass mir vorgeschlagen wurde, doch gleich ein paar Klassen zu überspringen.“ Wahrscheinlich wollen sie dich eher in eine Gummizelle stecken. „Dad hat mir gestern mal ein paar deiner Noten gezeigt. Ich denke, dass du mit der vierten Klasse erst einmal genug zu tun haben wirst.“ „Ich bin nicht dumm.“ „Das habe ich auch gar nicht gesagt.“ Ich lege den Gang ein, fahre langsam aus der Parklücke und winke dem genervten Schülerlotsen mit der orangenen Weste zu. „Du bist sehr klug, Riley. Um das festzustellen, musste ich nur zehn Minuten mit dir verbringen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass du dich nicht besonders anstrengst.“ „Du hast doch überhaupt keine Ahnung.“ „Stimmt, von manchen Sachen. Aber in dieser Sache habe ich recht.“ „Bring mich einfach nach Hause.“ Sie starrt aus dem Fenster, während wir durch die Stadt fahren. „Ich will Kekse.“ „Wir müssen noch bei der Tierklinik vorbeischauen, damit du deiner gemeinnützigen Arbeit nachkommen kannst, nicht zu vergessen die Rechnung, die du bei Buford und Delroy noch offen hast.“ „Die sind wieder sauber, oder?“ „Von Delroy soll ich dir ausrichten, dass er von der vielen Seife Ausschlag bekommen hat.“ Ich sehe ein leichtes Zucken um ihre Mundwinkel. Es war nur eine klitzekleine Bewegung. Aber ich habe es genau gesehen. „Eine gute Tante wüsste, dass ich nach der Schule etwas zu essen brauche. Weißt du eigentlich überhaupt etwas? Und du willst erwachsen sein!“ Mir bleibt die Spucke weg. Sie hat recht. Die meisten Menschen würden so etwas wissen. Warum sind Kinder eigentlich so benutzerunfreundlich? Im Umgang mit Kindern verhalte ich mich echt wie ein Idiot. „Da sind wir.“ Ich parke vor der Tierklinik am See. Neben uns steht eine Frau an ihrem Auto und redet auf ihren würstchengroßen Hund ein. Ich öffne die Tür und steige aus. „Los, Riley.“ „So, Mr Pickles“, sagt die Frau. „Du steigst jetzt sofort in dieses Auto. Wir bleiben nicht hier. Du bekommst von mir kein weiteres Leckerli mehr. Und mir ist es völlig egal, ob da drinnen eine süße Schnauzerdame auf dich wartet, wir fahren nach Hause. Ins Auto mit dir!“ 45


Ich lege meine Hand auf Rileys Schulter. „Wenn es Mr Pickles hier so gut gefällt, kann es doch nicht ganz so schlecht sein.“ Sie zuckt mit der Schulter und schüttelt meine Hand ab. „Hi, ich bin Maggie Montgomery“, erkläre ich der Frau an der Anmeldung. „Dr. Blake hat meine Nichte Riley eingeladen, damit sie einige besondere Aufträge für ihn erledigen kann.“ Verwirrt runzelt sie die Stirn. „Welcher Dr. Blake?“ „Wie viele davon gibt es denn?“ Mir reicht schon einer. „Dr. William Blake arbeitet nur noch halbtags hier. Sein Sohn Connor ist der leitende Tierarzt.“ „Connor.“ „Und was ist der Grund für Ihren Besuch?“ „Ich soll Hundekacke wegschaufeln“, erwidert Riley schnippisch. „Sie wissen schon, Sklavenarbeit. Verletzung der Kinderarbeitsschutzverordnung.“ „Sandy, ich kümmere mich darum.“ Ich drehe mich langsam um und sehe Dr. Gutaussehend direkt hinter mir stehen. Ich sage: „Hallo“, und versuche vor den Augen des Kindes ein Vorbild an Höflichkeit zu sein. Der unausgesprochene Sarkasmus springt ihm förmlich aus den Augen, die kurz über mein Gesicht wandern, bevor er sich dann Riley zuwendet. „Schön, dass du heute gekommen bist, Riley.“ Sie sieht in meine Richtung und scheint mich mit ihren Blicken aufspießen zu wollen. „Als hätte ich eine Wahl gehabt.“ Connors Stimme ist bestimmt, aber freundlich. „Erstens ist es richtig so und zweitens hilfst du mit deiner Arbeit heute auch ein paar Tieren.“ „Indem ich Kacke –“ „Indem du Käfige sauber machst und danach mit einigen herrenlosen Katzen und Hunden spielst, die wir gerade hierhaben.“ „Niemand will sie?“ Es ist das erste Mal, dass ich merke, wie meine Nichte wenigstens an irgendetwas Interesse zeigt. Connor schüttelt seinen dunkelhaarigen Kopf. „Wir haben meistens ein paar Tiere hier, die die Leute vorbeibringen. Wir versuchen, ein gutes Zuhause für sie zu finden. Du machst ihnen eine große Freude, wenn du etwas Zeit mit ihnen verbringst.“ Ein bisschen scheint die Feindseligkeit aus Rileys Gesicht zu weichen und ich starre den Mann mit großen Augen an. Wie kann er mich 46


so unfreundlich behandeln und gleichzeitig zu Riley so nett sein? Als wüsste er genau, wie er mit ihr reden und was sie hören muss. Er greift in seine Tasche und holt einen Müsliriegel hervor. „Ich dachte, vielleicht magst du nach dem langen Schultag einen kleinen Snack.“ Mit einem selbstgefälligen Grinsen in Richtung ihrer Tante, die von solchen Dingen keine Ahnung hat, nimmt sie das Geschenk an und folgt dem Doktor in sein Büro. „Hol sie in einer Stunde wieder ab“, sagt Connor, ohne sich auch nur umzudrehen. „Und sei pünktlich.“ Auf dem Weg zurück zum Auto brumme ich die ganze Zeit vor mich hin. Als ich wegfahre, zeigt sich Mr Pickles noch immer von seiner dickköpfigen Seite. Es muss in der Tierklinik offensichtlich einige besonders gute Leckerlis geben. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand freiwillig bei diesem Tierarzt bleiben will.

HH Fünfundfünfzig Minuten später finde ich mich auf dem gleichen Parkplatz wieder. Da ich den Tierarzt nebenan im Pferdestall erspäht habe, laufe ich dorthin. Er streicht mit seinen großen Händen über die Flanken einer Fuchsstute. „Joe, Daisy muss geröntgt werden, damit wir sichergehen können, ob es tatsächlich eine Kolik ist.“ Connor tritt näher an das Pferd heran und redet der Stute beruhigend zu, während er ihren Kopf krault. „Dr. Blake?“ Seine Augen werden auf einmal hart wie Stahl. Er gibt seinem Assistenten noch einige Anweisungen und kommt dann ein paar Schritte auf mich zu. „Du bist pünktlich.“ Ich runzle die Stirn. „Sie kennen mich doch überhaupt nicht. Meinen Sie nicht, dass es in Anbetracht dessen etwas komisch ist, dass Sie sich ein Urteil über meine Pünktlichkeit erlauben wollen?“ „Und ob ich dich kenne, Maggie Montgomery.“ „Wir sind zusammen zur Schule gegangen, aber genauso wie Sie bin auch ich heute ein völlig anderer Mensch als damals.“ Connors direkter Blick jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich ziehe die Träger meiner Handtasche zurecht. „Ist Riley hier irgendwo in der Nähe?“ 47


„Nein.“ „Was? Ist sie ausgebüchst?“ Mein Herz pocht wild in meiner Brust. „Ich habe mir gleich gedacht, dass das passieren würde. Und ich nehme an, Sie haben ihr nicht vorsichtshalber einen Mikrochip eingepflanzt, bevor sie weggelaufen ist, oder?“ Sein Gesichtsausdruck verrät nichts über seinen Gemütszustand. „Sie ist in der Klinik und hilft Sandy mit einem kleinen Kätzchen, das wir mit der Flasche aufziehen müssen.“ „Oh.“ Ich zupfe einen Fussel von meinem T-Shirt. Dann noch einen. „Können wir die Mikrochipsache vielleicht einfach vergessen?“ „Du hast keine Ahnung, was du mit Riley machen sollst, oder?“ Ich atme tief ein, wobei mir der Geruch von warmem Heu und Tieren in die Nase steigt. „Das ist alles etwas kompliziert.“ Er legt seinen Kopf zur Seite. „Muss es das denn sein?“ „Ja.“ Und halte dich jetzt gefällig da raus. „Riley braucht Stabilität.“ Er zieht eine Augenbraue hoch. „Sie braucht jemanden, der sie lieb hat.“ „Ich bin ihre Tante, Connor. Nicht ihr Vormund.“ „Du hast dich nie um sie gekümmert.“ Ich weiche einen Schritt zurück. „Was wird das hier? Sie haben keine Ahnung, was mit mir und meiner Familie los ist. Also denken Sie nicht, Sie könnten mir Erziehungsratschläge geben, Tierarzt Doktor Blake. Ich weiß nicht, was ich Ihnen vielleicht vor langer Zeit getan habe, aber es ist mehr als überfällig, dass Sie darüber hinwegkommen.“ Ich gehe wieder einen Schritt auf ihn zu und tippe mit meinem Finger auf seine Brust. „Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein, Connor. Als Teenager war ich schrecklich rücksichtslos und gemein. Und ich habe vielen Leuten wehgetan, die anders aussahen und sich anders verhielten als ich. Also wenn Sie einer von ihnen waren, tut es mir sehr leid. Aber ein Mensch kann in seinem Leben nur eine bestimmte Anzahl an Schuldscheinen mit sich herumtragen und Ihr Name steht auf keinem davon.“ Er schiebt meinen Zeigefinger weg und streicht dabei mit seinem Daumen über meine Hand. „Okay, vorsichtshalber nehme ich die Entschuldigung im Namen all derer an, denen von der wilden Maggie Montgomery Unrecht getan wurde.“ Ich atme so hastig ein und aus, als hätte ich gerade einen Marathon 48


gelaufen. Wir starren einander sekundenlang in die Augen. „Ich muss jetzt ganz dringend meine Nichte abholen.“ Er nickt bedächtig, erst einmal, dann noch einmal. „Ich würde sagen, ihr Leben hängt davon ab.“

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