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Kapitel 1 November 1892 Gooding, Texas „Bald werden Wunder geschehen, Karl Van der Vort. Das spüre ich in meinen Knochen.“ Das Labyrinth aus tausend kleinen Fältchen auf Mrs Whitsleys Gesicht unterstützte noch die fast mystische Art ihrer Aussage. Mit lebhaften blauen Augen zwinkerte sie. „Wunder!“ Mit einem Knall schloss Karl die Tür ihrer jetzt vollständig gefüllten Kohlekiste. Neckend fragte er die liebenswürdige alte Dame: „Zum Beispiel?“ „Du wirst mit Jesus ins Reine kommen.“ Sie nickte überzeugt. Dann stützte sie sich auf ihren Gehstock und streckte ihm ein Glas entgegen. Im Stillen stimmte Karl ihr zu, dass das wirklich einem Wunder gleichkäme. Schweigend griff er nach dem Glas, doch zu seiner Überraschung fuhr die alte Witwe fort: „Und du wirst endlich eine Ehefrau finden.“ „Eine Ehefrau!“ Der Gedanke erschütterte ihn so sehr, dass er froh darüber war, dass die Witwe das Limonadenglas noch in der Hand hielt. Er hätte es vor Schreck sicher fallen lassen. Ihr Lächeln wurde breiter und die Fältchen in ihrem Gesicht ordneten sich zu einem vergnügten Strahlen. „Ja, Karl, eine Ehefrau. Die Bibel sagt uns: Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstell und tut, was er verlangt, dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen. Ein Hufschmied, der seinen eigenen Schmiedeofen und sein eigenes Geschäft hat, hat ein sicheres Einkommen. Und du hast ein Zuhause und einen Hund. Alles, was dir noch fehlt, sind Gottes Frieden und eine Ehefrau. So sicher wie wir hier stehen, wirst du beides finden. Du hast wieder angefangen in die Kirche zu gehen und das hat dich auf den rechten Pfad gebracht.“ 5


Unfähig zu antworten, trank Karl in großen Schlucken seine Limonade. Er hatte schon die Hälfte hinuntergestürzt, da bemerke er mit Schaudern, wie bitter das Getränk war. „Was ist?“ Mrs Whitsley nahm ihm das Glas ab und probierte einen kleinen Schluck. „Ich habe den Zucker vergessen! Entschuldigung, Karl. Das ist schrecklich. Einfach schrecklich. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.“ Karl beugte sich zu der alten Dame hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „So.“ Er streckte sich wieder. „Das war Zucker genug für mich.“ Er schnappte sich die Griffe der überdimensionierten Schubkarre, mit der er seine Kohlelieferungen ausfuhr, und ging davon. Nach ein paar Schritten musste Karl über sich selbst den Kopf schütteln. Ihm kam der Gedanke, dass er die arme alte Dame vielleicht durch seine gewagte Aktion schockiert hatte. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Er hatte noch nie gut mit Frauen umgehen können. Der beste Beweis dafür war, dass er mit achtundzwanzig Jahren immer noch nicht verheiratet war. Nach einem Tanzabend oder einem Spaziergang im Anschluss an den Gottesdienst mit einer der wenigen annehmbaren jungen Damen der Gegend hatte er es immer wieder geschafft, sie abzuschrecken. Und wenn er schon nicht mit Frauen in seinem Alter umgehen konnte, woher sollte er dann wissen, wie man Frauen behandelte, die dreimal so alt waren? Er lenkte die Schubkarre um einen zerklüfteten Felsen herum und auf den großen Kohlehaufen zu, der sich neben den Bahnschienen auftürmte. Der Text eines Kirchenliedes kam ihm in den Sinn. „Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt …“ Das wäre schön. In meinem Herzen hätte ich diesen Frieden gerne. Mrs Whitsley sagte, ich müsste meinen Frieden mit Gott machen, bevor ich eine Frau finden kann. Meine Seele ist seit fünfzehn Jahren in Aufruhr. Warum sollte ich mich ausgerechnet jetzt darum kümmern, eine Frau zu finden? Karl schüttelte diese Gedanken ab und der Rest des Morgens verging wie im Flug, während er seinen Nachbarn die Kohle auslieferte und die riesige Kiste hinter der Schmiede auffüllte. Als er gerade die letzte Fuhre abgeladen hatte, rief sein Bruder laut: „Komm rein! Wir haben Kekse!“ Karl brauchte keine Erklärung. Der leicht nervöse Unterton in Piets Stimme sagte ihm, dass Linette Richardson die Kekse gebracht hatte 6


und ihm jetzt wahrscheinlich ziemlich auf die Nerven ging. Er und Piet retteten sich regelmäßig gegenseitig vor Linettes Heiratsplänen. „Kekse!“ Karl stellte die Schubkarre ab und ging in die Schmiede. „Butterkekse und Karamellgebäck.“ Linette schnappte sich Karls Arm. „Ihre Lieblingskekse.“ Warum um alles in der Welt habe ich ihr jemals gesagt, was mir schmeckt? Seit Linette bei Mrs Orien arbeitete, die die Pension und die Bäckerei im Ort führte, kam sie oft hier vorbei – zu oft. Sogar Skyler, Piets und sein treuer Collie, lag still in einer Ecke, anstatt sich wie sonst schwanzwedelnd in den Vordergrund zu drängen. Schlauer Hund. Karl blickte stirnrunzelnd auf seinen Arm, auf den Linette besitzergreifend ihre Hand gelegt hatte. „Ich bin über und über mit Kohlestaub bedeckt, Miss Richardson. Ich wasche mich besser erst. Sonst müssten Sie sich auch noch säubern, bevor Sie jetzt gleich wieder zu Mrs Orien in die Pension gehen.“ „Sie sind ein wirklich hart arbeitender Mann. Das sind Sie beide.“ Linettes grünes Haarband verrutschte, als sie sich im Laden umsah. Wegen eines Fiebers hatte sie sich die Haare kurz schneiden müssen und trug deshalb ein Haarband, um nicht männlich zu wirken. Sie ließ Karl los und richtete das Haarband. „Diese Schmiede ist der Beweis Ihres Fleißes.“ „Ja, und sie ruft uns jetzt auch wieder an die Arbeit.“ Piet ging zurück an den Amboss. Einen Augenblick später erfüllten die lauten Schläge seines Hammers den Raum. Karl stimmte seine Worte so ab, dass sie zwischen den Schlägen zu hören waren. „Vielen herzlichen Dank für die Kekse. Jetzt müssen Sie doch bestimmt auch wieder an die Arbeit.“ Er wandte sich ab und steckte seine Hände in den Wassertrog – ein nicht gerade höfliches Verhalten, aber er wollte dem Mädchen auch keine falschen Hoffnungen machen. Das eisige Wasser im Gesicht und auf den Armen zu spüren war belebend. Sogar in der Kälte des Winters strahlte das Schmiedefeuer eine so große Hitze aus, dass es eine Erleichterung war, sich im kalten Wasser zu erfrischen. Und eine noch größere Erleichterung war es, dass Linette gegangen war, als er sich wieder umwandte. Direkt neben ihm stand ein Teller mit Keksen. Die Karamellkekse waren knusprig und nicht zu süß. Aber das Allerbeste waren nun einmal Butterkekse. Warum hatte er ihr nur gesagt, dass das seine Lieb7


lingskekse waren? Immer wieder stellte er sich diese Frage. Das arme Mädchen. Er bedauerte sie. Sie war die älteste der Richardsongeschwister und hatte noch keinen Mann, obwohl ihre beiden jüngeren Schwestern schon ihre Hochzeiten planten. Wenn es nach Linette ging, würde es eine Dreierhochzeit geben. Doch weder er noch Piet würden ihr in die Falle gehen. Egal, wie oft sie noch mit ihren köstlichen Keksen hier auftauchte, keiner von ihnen würde sich zu einer gefährlichen Frage hinreißen lassen. Obwohl Linette für ihre Schmeicheleien bekannt war, hatte sie doch die Wahrheit gesagt. Ihr Geschäft blühte. Die Arbeit eines Hufschmiedes erforderte sehr viel Kraft. Dadurch, dass die Brüder zusammenarbeiteten, war es möglich, ungewöhnlich schwere und große Gegenstände herzustellen. Sie hatten nie zu wenig Aufträge. Sie hatten sogar schon Aufträge an einen anderen Schmied abgegeben, der vor ein paar Monaten neu in die Stadt gekommen war. Doch sie hatten schnell festgestellt, dass Baumgartner schlechte Arbeit lieferte. Als seine Faulheit sich herumgesprochen hatte, konnten Karl und Piet ihn bei ihren Kunden nicht mehr empfehlen. Und eines Tages hatte der Mann schließlich seine Sachen packen und weiterziehen müssen. Piet machte einen Moment Pause. „Du hast ja Stunden gebraucht. Bestimmt warst du bei Mrs Orien und hast dir den Bauch vollgeschlagen. Das nächste Mal liefere ich die Kohle aus.“ Karl zog eine Braue hoch. „Nur, wenn der Hammer es so entscheidet.“ Ihr Vater hatte ihnen ihr Handwerk beigebracht und auch, wie man einen Streit schlichtete. Man musste einen Hammer in die Luft werfen und die Richtung, in die der Griff zeigte, würde die Entscheidung bringen. Piet wischte sich den Schweiß von der Stirn und hinterließ dabei einen rußigen Streifen. „Gut, dann werfe ich den Hammer. Meinen Hammer.“ „Abgemacht.“ Nach ein paar weiteren Bissen von den Keksen bedeckte Karl den Teller wieder mit der Serviette. Piet hatte recht gehabt: Am Morgen war er bei Mrs Orien gewesen und hatte dort ausgiebig gefrühstückt, nachdem er die Kohle abgeliefert hatte. Karl nahm seine dicke Arbeitsschürze vom Haken. Er liebte das Gefühl des Leders, das schon seit Jahren in Gebrauch war. Zerfurcht und 8


abgewetzt wie sie war, zeugte sie von den vielen Jahren, in denen sie ihn vor den Risiken seiner Arbeit geschützt hatte. Der Riemen strich ihm durch das Haar und legte sich dann um seinen Nacken. Dann zog er den Gürtel gerade so straff, dass noch ein bisschen Luft unter die Schürze dringen konnte. Er nahm seinen Hammer auf und war bereit. „An“, peng, „was“, peng, „arbeitest“, peng, „du“, peng, „gerade?“ Piet sprach seine Worte zwischen jedem seiner Schläge. „Haken für die Witwe O’Toole. Damit sie ihr Fahrrad aufhängen kann.“ Piet schnaubte. „Eine Frau, die Hosen trägt und Fahrrad fährt!“ „Sie ist eine einsame alte Frau.“ „So alt nun auch wieder nicht. Und sie wäre nicht so einsam, wenn sie damit aufhören würde, jeden Mann zu verdammen, der einen Drink zu sich nimmt.“ Piet schwang seinen Hammer. „Aber seit du wieder zur Kirche gehst, wirst du auch immer moralisierender. Beurteilst jeden. Heilige –“, er zeigte mit seinem Hammer in eine Richtung, dann in die entgegengesetzte, „– und Sünder.“ „Ich beurteile niemanden!“ „Du streitest mit mir und nimmst sie in Schutz. Das sagt doch schon alles.“ Piet ließ seinen Hammer laut auf das Metall fallen, um die Diskussion so zu beenden. Karl wollte das jedoch nicht zulassen. „Du bist ein erwachsener Mann. Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen. Ich bin auch erwachsen. Und ich habe mich dazu entschieden, in die Kirche zu gehen, Piet. Das macht mich aber nicht zu einem Heiligen. Ich sitze da und merke, wie weit ich mich von Gott entfernt habe.“ Seit er sich dazu entschieden hatte, ohne seinen Bruder in die Kirche zu gehen, hatte er einen hohen Preis dafür bezahlt. Piet wurde langsam so bitter und ungenießbar wie Mrs Whitsleys Limonade. Wie alle Brüder hatten sie früher den einen oder anderen Tag gehabt, an dem sie sich gestritten hatten – aber dieser Streit dauerte nun schon Wochen an und Piet machte nicht den Eindruck, als würde er ihn so schnell beilegen. Verglichen mit Piet wäre ihm die Witwe O’Toole jetzt ganz recht. So in Gedanken versunken, schnappte Karl sich ein längliches Stück Metall aus der Esse und fing an, den rotglühenden Teil zu bearbeiten. Wieder ging ihm der Text des Kirchenliedes durch den Kopf und passte sich dem Rhythmus seiner Schläge an. „Wenn Friede mit Gott meine 9


Seele durchdringt.“ Das Eisen fühlte sich nicht richtig an. Während er es zurück ins Feuer stieß, rief er über den Lärm hinweg: „Hat Clicky schon das Telegramm abgeschickt, dass wir mehr Eisen brauchen?“ „Ja.“ Dampf und Zischen erfüllte die Schmiede, als Piet seine Arbeit zum Abkühlen in den Wassertrog tauchte. „Morgen soll es ankommen.“ Mit dem Gedanken an den vorherigen Winter und den beträchtlichen Schneefall drehte Karl sein Eisen im Feuer. „Das Wetter wird allmählich schlechter. Wir sollten unsere Bestellung das nächste Mal verdoppeln.“ „Ich habe sie verdreifacht.“ Piet holte sein Werkstück aus dem Wasser, sah aber daran vorbei zu Karl. „Obwohl ich langsam glaube, dass ich das nicht hätte tun müssen. Du bist immer unterwegs, während ich der Einzige bin, der arbeitet.“ Wut kochte in Karl hoch. „Die Schmiede ist am Sonntag doch sowieso nicht auf! Wenn ich also in die Kirche gehe, macht das keinen Unterschied für unser Arbeitspensum. Wenn ich aus der Kirche komme, stehst du doch sowieso gerade erst auf.“ „Aus der Kirche?“, spottete Piet. „Du kommst mit einem vollen Magen nach Hause.“ Darum geht es also! „Die gleichen Leute, die mich zum Mittagessen einladen, wären froh, dich auch bei sich zu haben.“ „Aber ich bin nicht gut genug, weil ich nicht in die Kirche gehe.“ „Darum geht es nicht.“ Karl ließ das Eisen los und sah seinen Bruder empört an. „Samstagabends trinkst du so viel, dass es dir den ganzen Sonntag über schlecht geht. Deshalb muss ich den Leuten sagen, dass du leider nicht kommen kannst. Außerdem brauchst du dich gar nicht zu beschweren. Es gibt genug Frauen, die dir etwas zu essen schicken, um sich mit dir gut zu stellen.“ Piet wurde böse. „Ich bin ein Mann. Ich beschwere mich nicht.“ „Du hast dich doch gerade beschwert, dass ich mein Arbeitspensum nicht erfülle, weil ich am Sonntag in den Gottesdienst gehe, wo unsere Schmiede sowieso geschlossen ist.“ Piets Gesicht wurde immer zorniger, doch Karl bot ihm die Stirn. „Habe ich mich jemals darüber beschwert, dass du es so sehr liebst, Bier zu trinken? Dass du einmal so betrunken warst, dass ich deinen Dreck wegmachen musste und am nächsten Tag alleine in der Schmiede stand? Nein. Nicht einmal habe 10


ich mich beschwert.“ Karl wollte nicht zulassen, dass sein Bruder das Problem wieder herunterspielte. „Früher kam es nur selten vor – aber jetzt lässt du dich einmal in der Woche volllaufen. Manchmal sogar zweimal.“ „Das ist nicht deine Sache.“ „Das ist sehr wohl meine Sache.“ Jetzt, wo er das Thema auf den Tisch gebracht hatte, wollte Karl keinen Rückzieher mehr machen. „Ich räume hinter dir auf und arbeite ohne dich, also verdienen wir weniger.“ „Geh endlich wieder an die Arbeit. Du stehst hier herum und schwingst Reden. Darum verdienen wir weniger.“ „Früher haben wir unsere Finanzen immer zusammen verwaltet, aber du versäufst unseren Verdienst und unser Erspartes. Es wird Zeit, dass jeder sein eigenes Geld verdient. Dann ist das hier eher so was wie eine Partnerschaft. So kannst du trinken, wenn du willst, und ich kann mein Geld sparen.“ Jetzt herrschte Stille in der Schmiede, nur das Prasseln des Feuers war zu hören. „Hallo! Hallo, da in der Schmiede! Kann mir bitte jemand helfen?“ Karl ging auf das Scheunentor zu. Plötzlich stürzte er auf den Boden. Mein eigener Bruder hat mir die Beine weggetreten. Mein eigener Bruder. Piet sprang nach draußen. „Was kann ich für Sie tun, Mrs Creighton?“ Das war’s. Mehr konnte er von seinem Bruder nicht ertragen. Karl schnappte sich seinen Hammer und das Eisen, das er gerade bearbeitet hatte. Bis Piet zurückkam, würde er seine Wut an der Arbeit auslassen. Zwei feste, befriedigende Schläge, dann bog er das Metall. Aber beim nächsten Schlag brach ein Stück Eisen ab und schoss davon. Karl ließ seinen Hammer fallen, stieß das glühende Metall ins Wasser und schnappte sich einen Eimer Sand, um die Funken zu löschen. Wasser in die Asche zu schütten, hätte nur zu unnötiger Dampfentwicklung geführt, aber mit Sand konnte man der Glut den Sauerstoff rauben. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er jede Brandgefahr ausgelöscht hatte, bemerkte Karl einen stechenden Schmerz in seinem Oberschenkel. Er brauchte einen Moment, um seine großen schweren Lederhandschuhe auszuziehen. Als er das getan hatte, ging er an die Werkbank, 11


lehnte sich nach vorne und ergriff das Metallstück, das in seiner Schürze steckte. Es war mindestens so lang wie ein Nagel und doppelt so dick. Die rauen Kanten schnitten in seine Handflächen. Karl biss die Zähne zusammen und zog. „Ach, arbeitest du jetzt doch?“, sagte Piet, als er wieder zu Tür hereinkam. Das Metallstück hatte sich kaum bewegt – aber sein Oberschenkel schien sich zu verkrampfen. Das Metall steckte nicht nur in der Schürze. Karl brach kalter Schweiß aus. Skyler schien zu bemerken, dass sein Herrchen Hilfe brauchte, und winselte leise. Piet rannte plötzlich auf ihn zu. „Karl!“ Er ergriff Karls Hände. „Hör auf damit. Wir brauchen eine Zange, um das herauszuziehen. Wenn du stehst, spannst du den Muskel an. Setz dich. Hier. Ja. Goed.“ Während er seinen Oberschenkel mit beiden Händen umklammert hielt, brachte Karl hervor: „Hol einfach die Zange.“ „Nein. Erst muss ich die Schürze wegschneiden. Sonst bricht das Metall ab und verletzt dich noch mehr.“ Trotz des Streites, den sie vor ein paar Minuten gehabt hatten, war die Liebe seines Bruders nicht zu übersehen. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Piet den unteren Teil der Schürze abgeschnitten hatte. Dann erhob er sich und nahm die Zange. „Jetzt ist es so weit.“ „Mach schon.“ Und Gott, wenn du mich hörst, hilf ihm bitte. Mit zusammengebissenen Zähnen stählte sich Karl gegen den Schmerz. Selbst der Kontakt mit der Zange schmerzte schon, und als Piet zog, rutschte die Zange ab. Piet stöhnte. Karl knirschte mit den Zähnen. „Gummiband.“ Mit der Hilfe des Gummis blieb die Zange an ihrem Platz, als Piet mit einem Ruck das Metall aus dem Oberschenkel seines Bruders zog. Er ließ sich wieder auf die Knie fallen. „Ich weiß nicht, ob noch was drinsteckt.“ „Ich mache mir einen Verband. Gib mir einfach eine saubere Bandage.“ „Nee. Ich hole Velma.“ Karl hielt seinen Bruder, der schon aufgesprungen war, am Arm fest. „Das geht schon. Morgen kommt der neue Arzt. Wenn ich Hilfe brauche, gehe ich zu ihm.“ 12


„Aber das ist wichtig.“ Karl stand mit Hilfe seines Bruders auf. Wieder brach ihm kalter Schweiß aus, als ein Feuer in seinem Bein zu explodieren schien. „Es ist wirklich kein Problem für mich, Velma zu holen“, wiederholte Piet. „Sie kann dir helfen.“ „Hol sie nicht, Piet. Ich weigere mich, meine Hosen vor einer Frau herunterzulassen.“ *** Mit einem asthmatischen Schnaufen verließ der Zug den letzten Bahnhof vor Gooding. Tierarzt Enoch Bestman warf einen Blick auf das Bett ihres Abteils. Erschöpft von einem schwierigen ärztlichen Notfall schlief sein Zwilling, Taylor, jetzt den gleichen tiefen Schlaf, den schon sein Vater und Großvater nach langen durchwachten Nächten am Krankenbett von Patienten gehabt hatten. Als Enoch noch in Chicago gewesen war, hatte er förmlich mit den Hufen gescharrt. Er hatte sich seine Rastlosigkeit nicht erklären können, denn trotz einer florierenden Tierarztpraxis hatte er das Gefühl, dass er nicht am richtigen Ort war. Das alles lag jetzt hinter ihm. „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen!“, zitierte Enoch aus dem dreiundvierzigsten Kapitel des Buches Jesaja. Dieser Vers war ihm sofort in den Sinn gekommen, als er die Stellenanzeige aus Gooding, Texas, für einen Arzt und einen Tierarzt gelesen hatte. Es hätte nicht klarer sein können, was Gott von ihm und Taylor erwartete. Ein paar wenige Schritte brachten ihn zum Fenster. Das Land erstreckte sich anscheinend endlos vor ihm, frei und offen anstatt gedrängt und überfüllt. Jede Meile, die der Zug zurücklegte, brachte ihn näher zu seinem neuen Leben. Herr, danke, dass du alles so gut geführt hast, dass auch Taylor mitgekommen ist. Ich lobe dich für die Möglichkeiten, die uns in den nächsten Tagen und Jahren offenstehen. Schließlich tauchte Taylor auf und blieb am Tisch stehen, um sich etwas zu essen zu nehmen. „Warum hast du mich nicht geweckt?“ „Du hast den Schlaf gebraucht.“ 13


„Wenn diese Stadt wirklich so ländlich ist, wie wir vermuten, werde ich in den nächsten vier Jahren wohl genug Schlaf bekommen.“ Enoch zuckte mit der Schulter. „Aber wenn die Gegend wirklich so ländlich ist und es keinen Arzt gibt, wird es bestimmt ein paar dringende Fälle für dich geben.“ „Ja, aber auch du wirst wahrscheinlich von den Leuten überrannt, sobald du aus dem Zug steigst. Eine Stadt ohne Tierarzt in einer Gegend, wo Landwirtschaft so wichtig ist, schreit förmlich nach dir.“ Mit einem leichten Lächeln fügte Taylor hinzu: „Es gibt dort bestimmt tausendmal mehr Tiere als Menschen. Vielleicht solltest du lieber noch ein bisschen schlafen.“ Enoch schnappte Taylor ein Stück Kuchen weg und schob es sich schnell in den Mund. „Das war das letzte!“ „Sie werden in Gooding bestimmt etwas zu essen für uns haben. Außerdem –“, er grinste breit, „– bin ich älter und größer.“ „Einen Zentimeter größer, und älter nur, weil du es eilig hattest.“ „Hey!“ Er sah Taylor übertrieben böse an. „Ich wollte dir einen Gefallen tun. Jeder weiß, dass der erste Zwilling mit viel kälterem Wasser abgerieben wird.“ Taylor lachte. „Ärzte reiben Babys nicht mit kaltem Wasser ab.“ „Nein?“ „Enoch“, sagte Taylor geduldig wie zu einem begriffsstutzigen Kind, „menschlicher Nachwuchs ist ein bisschen anders als deine Tiere, die –“ „Stimmt. Der Nachwuchs meiner Patienten ist viel talentierter. Nur wenige Sekunden nach der Geburt stehen die Kleinen schon. Und nach ein paar Minuten machen sie die ersten Schritte.“ Er nickte und verkündete voller Überzeugung: „Tiere sind da viel unkomplizierter.“ „Wie ich schon sagte, menschlicher Nachwuchs ist anders. Die Nackenmuskulatur ist noch viel zu schwach. Auch wenn sie nicht so schnell aus dem Nest fliegen – was ein beängstigender Gedanke wäre –“ „Beängstigend? Doch wohl eher lustig. Man müsste nur jemanden an die richtige Stelle schicken, um das Kind aufzufangen.“ Taylor gluckste. „Für einen Moment hattest du mich davon überzeugt, dass du nicht die leiseste Ahnung von der Materie hast, aber jetzt …“ Enoch zuckte mit den Schultern. „Hab ich auch nicht. In der Stadt wirst du dir eine Frau suchen müssen, die dir bei Geburten hilft.“ 14


Taylors grüne Augen funkelten. „Du hast mich mit dem Argument aus Chicago weggelockt, dass du mir helfen wirst, wenn ich deine Hilfe brauche. Deine medizinische Ausbildung wird ja wohl ausreichen, um ein paar Anweisungen zu befolgen.“ Der Zug wurde langsamer. „Ich werde dir assistieren … bei allem anderen außer Geburten.“ Um abzulenken, zeigte Enoch zum Fenster. „Schau mal. Das sind bestimmt dreißig Leute, die am Bahnsteig stehen, um uns zu begrüßen. Ich bin sicher, du wirst eine Frau finden, die dir mit den Geburten hilft. Und es gibt sogar ein Spruchband. ‚Willkommen Doktoren Bestman‘.“ „Schön, dass sie als Plural wenigstens nicht ‚Bestmen‘ geschrieben haben. Sieh dir mal die Wolken da hinten an. Gut, dass so viele Leute gekommen sind, um uns mit dem Gepäck zu helfen, bevor der Sturm losbricht.“ „Genau.“ Der Zug hielt an und sie stiegen aus. Ein rundlicher Mann mit einer Frau im Schlepptau kam auf sie zu. „Willkommen in Gooding! Ich bin Gustav Cutter, der Bürgermeister.“ Mit ausgestreckter Hand sagte Enoch: „Enoch –“ „Der Tierarzt!“, rief der Bürgermeister laut den Umstehenden zu. „Der hier ist für eure Viecher zuständig. Und es sieht so aus, als hätte er sich selbst schon eine hübsche junge Stute geangelt!“ Erstaunen und Ärger zeigte sich in Taylors Augen, als sie ihrem Bruder einen Seitenblick zuwarf. Er hatte sich alleine um ihre Verträge und den Umzug nach Gooding gekümmert. Enoch raunte Taylor zu: „Sie müssten es eigentlich wissen, Schwesterherz. Dr. Glendales Empfehlungsbrief war eindeutig. Er hat geschrieben, dass du eine Frau bist.“ Erleichterung machte sich in Taylor breit, bevor sie anfing zu lachen. „Mein Bruder? Verheiratet? Also, Mr Cutter, nach dieser langen Reise tut es gut, einen Witz zu hören.“ „Danke für das herzliche Willkommen!“, sagte Enoch jetzt so laut, dass alle Anwesenden ihn hören konnten. „Darf ich Ihnen Taylor vorstellen. Sie ist –“ „Sagen Sie bitte, dass sie Ihre Schwester ist!“, rief einer der Männer im Begrüßungskomitee. „Und dass sie noch nicht vergeben ist!“, fügte ein anderer hinzu. Die Männer hinter dem Bürgermeister wurden unruhig. Einer zwirbelte 15


seinen Bart, während zwei andere versuchten ihre wilde Haarmähne ein wenig zu ordnen. Ein paar der Männer richteten sich merklich auf. Ich werde einige Mühe haben, die alle von meiner Schwester fernzuhalten. „Ah, sie hat wunderschöne Grübchen“, rief einer, dessen Gesicht Taylor sich merken wollte, um ihm niemals mehr als kühle Zurückhaltung entgegenzubringen. Die Frau des Bürgermeisters wandte sich jetzt erbost um. „Wenn ihr schon so dumm seid, dass ihr nicht nachdenken könnt, dann versucht wenigstens, ein bisschen höflicher zu sein. Ihr habt Dr. Enoch Bestman unterbrochen, als er uns die junge Dame vorstellen wollte. Natürlich ist sie seine Schwester. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar. Und denkt doch mal nach. Wenn sie verheiratet wäre, wäre sie nicht mit ihren Brüdern hierhergekommen.“ „Yipiiie!“ Einer der Cowboys ergriff Mrs Cutter und wirbelte sie umher. Der Bürgermeister kam seiner Frau zur Hilfe. Taylor lächelte mit zusammengebissenen Zähnen und flüsterte Enoch zu: „Wo hast du uns da nur hereingeritten? Sie hat Brüder gesagt. Plural.“ Das war Enoch auch aufgefallen. Aber jetzt mussten sie da hindurch. Sich bei Taylor zu entschuldigen, würde im Moment nichts bringen, das war ihm klar. Leise flüsterte er zurück: „Du hast nicht zufällig ein Wundermittelchen, das dir einen Bart wachsen lässt?“ Taylors Augen wurden groß und sie musste ein Lachen unterdrücken. „Jedes Mal, wenn ich eine Hose von dir anziehen wollte, hast du mir gesagt, ich solle stolz darauf sein, dass ich eine Frau bin. Und jetzt willst du auf einmal, dass ich ein Mann in einem Kleid werde?“ Temperament. Grips. Humor. Enoch war so stolz auf seine Schwester. „Vergiss es. Du bist stärker als jeder Mann, den ich kenne. Was auch immer geschieht, wir werden es zusammen durchstehen.“ „Wie gut, dass wenigstens Gott auf unserer Seite steht.“ Der Bürgermeister wischte sich nach der Rettung seiner Frau erschöpft den Schweiß aus dem Gesicht und kam wieder zu ihnen herüber. „Es tut mir leid, Dr. Bestman. Sie wollten uns gerade Ihre Schwester und Ihren … Zwilling vorstellen.“ Der Bürgermeister reckte den Hals, als suche er hinter ihnen noch nach jemandem. „Wo ist er denn überhaupt?“ 16


Enoch ergriff Taylors Ellenbogen. „Mr Cutter, darf ich Ihnen meine Zwillingsschwester vorstellen, Miss Taylor MacLay Bestman, Ärztin aus Chicago.“

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Kapitel 2 „Zwillingsschwester!“ Die Augen des Bürgermeisters traten aus ihren Höhlen und seine Gesichtsfarbe nahm ein bedenkliches Rot an. „Der Arzt ist eine Frau!“, rief eine junge Frau freudig aus. Taylor nickte ihr zu. „In der Tat bin ich das.“ Einige Männer begannen aufgeregt miteinander zu diskutieren. Sie warfen ihr immer wieder feindselige Blicke zu. Taylor brauchte nicht viel Fantasie, um zu erraten, worüber sie redeten. „Sie sind Dr. Taylor Bestman!“ Bürgermeister Cutter wirkte, als brauche er dringend ein Mittel gegen Verdauungsstörungen. Taylor warf dem Mann einen kühlen, professionellen Blick zu und tat so, als habe er sie willkommen geheißen. „Es ist eine Freude, von Ihnen nach Gooding eingeladen worden zu sein. Wenn es keine dringenden medizinischen oder veterinärmedizinischen Fälle gibt, wären mein Bruder und ich dankbar, wenn uns einige unserer neuen Nachbarn beim Transport unseres Gepäcks zur Klinik helfen könnten. Sie alle sind sehr beschäftigte und hart arbeitende Bürger, und deshalb ist es für uns eine Ehre, dass Sie uns hier empfangen haben. Nicht wahr, Enoch?“ „Ja.“ Enoch nickte Mrs Cutter höflich zu. „Obwohl ich nicht verheiratet bin, Mr Cutter, lassen Sie mich Ihnen meinerseits gratulieren, dass Sie so eine hübsche junge Stute gefunden haben.“ Nach ein paar weiteren Worten dünnte sich die Versammlung sehr schnell aus. Mehr als ein Dutzend Männer ging wortlos davon, jedoch nicht, bevor sie Taylor noch einen finsteren Blick zugeworfen hatten. Enoch legte seine Hand auf Taylors Schulter und sagte zu den Übrigen: „Wir haben noch eine Menge Gepäck im Zug.“ 18


„Ich würde Ihnen sehr gerne meine Hilfe anbieten und Ihre Sachen zur Klinik bringen.“ Ein Mann trat vor. „Daniel Clark. Mir gehört der Kaufladen.“ „Und ich bin Millicent – Millie, seine Frau.“ Eine Frau mit zerzausten Locken hob ein blauäugiges Kleinkind auf ihre Hüfte. „Und während die Männer sich um das Gepäck kümmern, führe ich die Frau Doktor schon mal zur Praxis hinüber.“ Die Verspannungen in Taylors Schultern lockerten sich ein bisschen. Trotz des misslungenen Anfangs hier werden wir das Kind schon schaukeln. „Wie reizend von Ihnen.“ Taylor folgte Millie, und zwei andere Damen begleiteten sie, ließen sie aber als Erste das Gebäude betreten. Weit geöffnete Flügeltüren zu ihrer Linken präsentierten ihr einen atemberaubenden Behandlungsraum. Taylor hastete hinein und machte eine kurze Bestandsaufnahme der medizinische Geräte und Instrumente. „Das ist einfach großartig!“ „Sie müssen Velma danken.“ Millie nickte einer älteren, untersetzten Frau zu. „Sie hat hier alles sortiert, organisiert und geputzt. Bis jetzt waren wir bei medizinischen Bedürfnissen auf sie angewiesen.“ Velma ergriff die Gelegenheit und warf ein: „Millie, nimm den Doc mit nach oben und zeig ihr alles. Doc, nach meinen Berechnungen haben Sie noch etwa vier Minuten, bevor die Männer mit Ihrem ganzen Zeug hier hereinplatzen.“ „Weniger, Velma“, sagte eine schwangere Frau an der Tür und nahm Millie das Kleinkind ab. „Ich habe Tim gesagt, dass niemand etwas zu essen bekommt, bevor nicht alle Habseligkeiten der Bestmans hier sind.“ „Das war sehr schlau von Ihnen, Mrs …?“ „Creighton. Aber nennen Sie mich einfach Sydney.“ „Syd, wenn du Millies kleinen Arthur unbedingt halten willst, setz dich wenigstens hin“, befahl die ältere Frau. Diese Überleitung nutzte Taylor. „Wann können wir Ihr Baby willkommen heißen?“ Velma schob sich kampfeslustig zwischen Taylor und Sydney. „Ich bin wirklich froh, dass Sie hier sind, Doc. Ich habe mein Bestes gegeben, aber es gab viel zu viele Gelegenheiten, wo mein Bestes einfach nicht ausgereicht hat. Dann musste ich die Patienten in den Zug setzen und zu einem richtigen Arzt schicken. Aber Geburtshilfe – darum müssen Sie sich wirklich nicht kümmern.“ 19


Taylor schaffte es, ein Lächeln aufzusetzen und einen freundlichen Tonfall beizubehalten. „Die werdenden Mütter haben natürlich das Recht selbst zu entscheiden, wer sich um sie kümmert. Millie, Sie können mir jetzt die obere Etage zeigen.“ Taylor ging hinter Millie die Treppe hinauf. Im ersten Zimmer stand ein Bett mit einem Fußteil aus Kirschholz mit geschnitzten Blumen. Taylor ließ entzückt ihre Hand darüber gleiten. „So ein außergewöhnliches Bett!“ „Ist es nicht schön?“ Während Millie sie beobachtete, ging Taylor zu den dunkelblauen Vorhängen hinüber. „Es könnte nicht besser sein. Wenn ich einen nächtlichen Notfall versorge, muss ich die Möglichkeit haben, tagsüber ein wenig zu schlafen. Dafür sind diese Vorhänge perfekt“ „Natürlich! Das ist richtig.“ Millie wirbelte herum. „Hier drüben ist das Zimmer Ihres Bruders.“ „Enoch steht früh auf. Er wird das Fenster nach Osten sehr schätzen.“ Die Frau ging den Flur entlang. „Wir dachten, Sie könnten dieses letzte Zimmer als Patientenzimmer nutzen, wenn Sie es brauchen.“ „Wie wunderbar!“ Taylor warf einen Blick in den dritten Raum, ein großes Zimmer mit mehreren Betten für Patienten. „Sie alle haben sich wirklich selbst übertroffen mit Ihren Vorbereitungen auf unsere Ankunft. Ich schätze das sehr.“ Ein lauter Schlag erklang in der unteren Etage. „Das, was die Männer am meisten schätzen werden, ist, dass alle etwas zu essen bekommen, wenn sie Ihr Gepäck eingeräumt haben. Wir haben drüben bei der alten Mrs Whitsley schon alles vorbereitet. Dort wird nachher ein gemeinsames Essen stattfinden.“ „Dann sollte ich schnell helfen alles zu verstauen.“ Sydney hatte das Essen auch schon erwähnt. Da sie in den letzten Stunden nicht mehr als einen halben Keks gegessen hatte, ließ sich Taylor nicht zweimal sagen, dass man sich besser beeilen sollte. Als sie schnell die Treppe hinunterlief, sah sie Daniel Clark, der gerade eine zweite Kiste in den Behandlungsraum wuchtete. „Dr. Bestman, Ihr Bruder hat gesagt, dass diese Kisten die wichtigsten sind.“ Er nahm eine Brechstange von seiner Frau entgegen und wollte sich daranmachen, die Deckel abzuhebeln. „Ich danke Ihnen, meine Herren. Könnten Sie das bitte ins erste 20


Schlafzimmer auf der rechten Seite bringen?“ Während die Männer den schweren Schrankkoffer nach oben trugen, murmelte Taylor Velma zu: „Gehört das Brecheisen zur Einrichtung?“ „Keine Ahnung. Ich habe nur die Instrumente und anderen Materialien bestellt. Seitdem der Quacksalber hier war, den wir jetzt endlich losgeworden sind, überrascht mich nichts mehr.“ Während sie redete, griff Velma in die erste Kiste und zog Tupfer und Objektträger daraus hervor. „Stellen Sie das da rüber zu dem anderen Zeug.“ Taylor gefiel es nicht, dass sie in ihrer eigenen Praxis herumkommandiert wurde – auch wenn sie die Materialien genau an der gleichen Stelle untergebracht hätte. Aber Velma ist diejenige, der ich dafür danken muss, dass hier alles so gut ausgestattet ist. „Eigentlich ist es Quatsch, wenn ich meine Sachen auspacke, wo doch noch so viel anderes zu tun ist. Danke, Velma, dass Sie den Operationsraum so gut ausgestattet haben!“ Velmas Gesicht hellte sich auf. „Es ist schön, dass Sie verstehen, was es bedeutet hat, das alles hier vorzubereiten. Der Arzt, den wir vorher hatten, konnte nicht einmal die Hälfte der Geräte würdigen, und von der anderen Hälfte hatte er keine Ahnung. Dieser Schwachkopf.“ Sydney ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. „Zum ersten Mal in ihrem Leben ist Velma nicht schonungslos offen. Dieses Haus war ein medizinischer Schweinestall. Dr. Wicky hat alle möglichen Flaschen, Instrumente, Medikamente und Bandagen in Boxen gestopft und sie da drüben in die Ecke geworfen.“ „Und das, nachdem ich mir so eine Mühe gegeben hatte, hier alles für ihn vorzubereiten! Pfff! Und der Mist, den er mitgebracht hat! ,Dr. Meldons Magnetischen Gürtel‘.“ „Zur Behandlung von Glatzen.“ Sydney kicherte. „Ich konnte es nicht glauben, als Orville hierherkam und den ganzen wertlosen Plunder mitgenommen hat.“ „Ich schon. Merk dir meine Worte. Dieser Sonderling wird die Geräte von dem Quacksalber an unseren Leuten hier in der Gegend ausprobieren und auch noch Geld dafür verlangen. Ich hätte Big Tim sagen müssen, dass er den ganzen Mist verbrennen soll. Wie auch immer, ich habe hier alles neu organisiert, während die anderen sauber gemacht haben.“ Velma trat zur Seite. Ehrfürchtig öffnete sie einen Schrank und zeigte von weißem Stoff bedeckte Instrumente. „Vor allem habe 21


ich alles sterilisiert, damit es für den Notfall bereit ist. Abgekocht und doppelt eingewickelt.“ „Genau so hätte ich es auch vorbereitet.“ Taylor lächelte. „Mir ist klar, dass es Sie lange Zeit gekostet hat, und ich möchte Ihnen noch einmal danken, dass –“ „Ach was“, unterbrach Velma, als sie den Schrank wieder zumachte. „Wenn Sie Hilfe mit einem schwierigen Fall brauchen, melden Sie sich einfach bei mir.“ „Das werde ich auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.“ Behutsam drehte Taylor den Spieß um. „Genauso stehe ich Ihnen natürlich auch bei schwierigen Fällen zur Verfügung.“ „Zwischen uns wird es gut laufen, Doc. Clicky! Stell das doch nicht hier ab. Bring es nach oben.“ Taylor hob ihren schwarzen Rock und drängte sich durch die Kisten. Erstaunt hob sie beim Anblick des großen, schlaksigen Mannes ihre Augenbrauen. „Sie heißen Clicky?“ „Ja, Ma’m. Oder Miss. Ich meine Doktor. Eigentlich heiß ich Clive Keys, aber seit ich hier telegraphiere, nennen mich alle nur noch Clicky.“ „Also, Mr Keys, ich würde mich freuen, wenn Sie die Sachen nach oben in eines der Schlafzimmer bringen könnten. Ich sortiere sie später.“ „Das hat Ihr Bruder auch gesagt. Und er wollte, dass ich Ihnen sage, dass er sein Zeug erst mal rüber in einen Mietstall bringt. Hey!“ Er drehte sich zur Seite und bellte ein paar Schuljungen an. „Ozzie und Lloyd, stellt die Kiste gefälligst ab, bevor sie euch auf den Boden kracht!“ Koffer, Kisten und Fässer wurden in der nächsten halben Stunde ins Haus geräumt. Als Enoch endlich auftauchte, strich Taylor ihr Haar glatt und wandte sich an Sydney, die glücklich damit beschäftigt war, das Familienporzellan in einer Vitrine aufzubauen. „Ich glaube, wir sollten jetzt all diese fleißigen Männer sammeln und endlich rüber zum Abendessen gehen.“ Die Worte hatten kaum ihren Mund verlassen, als die Männer auch schon aus dem Haus stürmten. Ihre Eile war jedoch vergebens. Als sie bei Mrs Whitsleys Haus ankamen, rief Velma laut: „Ihr geht erst alle zur Pumpe und wascht euch. Außerdem wisst ihr doch, dass die Eh22


rengäste zuerst essen dürfen. Pastor Bradle wird vorher noch ein Gebet sprechen.“ Als alle drinnen versammelt waren, sprach der Pastor ein sehr kurzes Gebet, das dem Hunger der Männer und dem fernen Donner angemessen war. Die Worte waren klar und kamen von Herzen. Der Pastor beendete sein Gebet mit einem Amen. Millie drückte Taylor einen Teller in die Hand und forderte sie auf: „Fangen Sie an! Alle warten nur darauf, nach Ihnen zu nehmen.“ „Das sieht alles köstlich aus.“ Und ich bin halb verhungert. Außerdem wird das die letzte vernünftige Mahlzeit, bevor wir eine Haushälterin finden. „Ich weiß nicht, was ich zuerst probieren soll. Ich bin sicher, meine Damen, dass Sie alle hervorragende Köchinnen sind.“ „Nehmen Sie sich einfach von allem etwas und seien Sie vor allen Dingen schnell.“ Velma sah ihr streng in die Augen. „Sie sind nicht in der Stadt, wo Frauen wie die Vögelchen essen.“ Mrs Whitsley tätschelte ihren Arm. „Die Frauen werden beleidigt sein, wenn Sie nicht von allem etwas probieren.“ Enoch schmeichelte der alten Mrs Whitsley sofort, bestand darauf, ihren Teller zu tragen, und zog sie damit auf, dass sie sich selbst nicht so viel genommen hatte. „Nun, wo würden Sie denn gerne sitzen? Wo darf ich Ihren Teller mit diesen winzigen Portionen hintragen?“ Mrs Whitsley ignorierte sein Geschwätz. „Ich werde hier direkt am Fenster sitzen. Doktor, Sie setzen sich zu mir. Ihr Bruder kann sich woanders einen Platz suchen, aber ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten.“ Taylor setzte sich neben die alte Frau, stellte ihren Teller ab und nahm ein Schultertuch von der Armlehne. Dass die alte Dame am Fenster sitzen wollte, sollte nicht dazu führen, dass sie arthritische Schmerzen in ihren Knochen bekam. Während sie Mrs Whitsley das warme, wollene Tuch um die Schultern legte, sagte sie: „Sie haben ein wunderschönes Heim.“ Nach ein paar Minuten höflichen Smalltalks tippte die Gastgeberin Taylor auf das Handgelenk. „Velma hat uns alle so lange behandelt und sie hat sich um den neuen Arzt viele Gedanken gemacht. Ich weiß nicht, wie Sie es geschafft haben, aber sie scheint Sie sehr zu mögen.“ „Irgendwann werde ich froh sein, ein zusätzliches Paar fähige Hände zu haben.“ Taylor konnte natürlich nicht sagen, wie fähig Velma wirk23


lich war, wenn es um medizinische Notfälle ging. Doch einen bereitwilligen Menschen konnte man unterrichten … es sei denn, er meinte, er wüsste schon alles. Dann konnten manche selbst ernannten Experten zum Alptraum eines jeden Arztes werden. Nun gesellten sich andere zu ihnen. Wie ein Kind, das nicht bis zum Nachtisch warten konnte, nahm Clicky einen großen Bissen Nusskuchen. „Es wird für uns sehr verwirrend werden, zwei Doktoren Bestman zu haben.“ „Anfangsbuchstaben –“, fing Taylor an. „ – wären viel zu langweilig“, mischte sich Enoch ein und griff damit wieder die Diskussion auf, die sie schon im Zug gehabt hatten. Er zwinkerte. Ich gewinne. „Meine Schwester ist Dr. Bestman und ich bin Doc Enoch.“ Bei dem Spiel können aber zwei mitmachen. „Dann nennen wir aber deine Tierarztscheune auch ,Klinik‘ und den Ort, wo Menschen behandelt werden, nennen wir ,Praxis‘.“ „Wir werden die Klinik von Doc Enoch am Samstag errichten“, sagte der Bürgermeister. „Es ist aber schlechtes Wetter angekündigt“, sagte ein Farmer. „Wie wäre es mit Montag? Dann könnte auch Pastor Bradle im Gottesdienst daran erinnern, dass alle helfen sollen.“ „Dann am Montag“, stimmte der Bürgermeister zu. „Bleibt stehen, ihr Schmarotzer!“ Velmas laute Stimme ließ alle vor Erstaunen verstummen. „Bitte, nehmen Sie das und geben Sie mir meinen Stock!“ Die alte Mrs Whitsley schob Taylor ihren Teller hin und bewegte sich plötzlich wie eine Frau, die um Jahrzehnte jünger ist. Eine Gruppe von Männern blieb auf den Verandastufen stehen. Taylor ging in die Eingangshalle, von wo aus sie die Männer durchs Fenster beobachten konnte. „Dieses Abendessen ist ein Willkommen für die Ärzte!“ Velma stand drohend in der Türöffnung und hatte ihre Arme in die Hüften gestemmt, als schimpfe sie mit einer Horde kleiner Kinder. „Das ist nicht dein Haus, du herrische, alte Frau, und wir werden hier nicht verschwinden.“ „Ihr habt wirklich Nerven, euch erst aus dem Staub zu machen, wenn es Arbeit gibt, und jetzt hier aufzutauchen und mitessen zu wollen.“ 24


„Das Zeug ist doch irgendwie ins Haus gekommen, oder nicht?“, murmelte einer der Männer. „Und das Essen wird auch irgendwie gegessen werden – ohne eure Hilfe.“ Velma verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber es regnet hier draußen – lass uns rein!“ „Du bist nicht aus Zucker, Orville. Und wenn du auch nur den Verstand einer Mücke hättest, würdest du dich nicht trauen hier aufzukreuzen.“ In diesem Moment kamen Tim Creighton und Daniel Clark, nahmen den Mann zwischen sich und brachten ihn zur Grundstücksgrenze. Mrs Whitsley tätschelte Taylors Hand. „Überall gibt es gute und schlechte Menschen. Orville hat versucht, mich und ein paar andere Witwen zu betrügen und unser Geld zu stehlen. Wenn er jemals einen Schritt in Ihre Praxis setzen sollte, sehen Sie zu, dass Ihr Bruder oder einer der Männer hier bei Ihnen ist.“ „In meinem Beruf ist Diskretion sehr wichtig – die Privatsphäre des Patienten muss geschützt werden. Aber ich danke Ihnen für Ihre weise Warnung.“ Mrs Whitsleys knorrige Finger spielten mit dem Gehstock. „Meine Weisheit hab ich vom Herrn. Ansonsten bin ich eine Närrin wie alle anderen.“ Sie hielt inne. „Wenn Sie ein Mittel gegen das Alter haben, lassen Sie es mich wissen.“ „Das werde ich, wenn Sie tatsächlich irgendwann so alt sein sollten, dass Sie so etwas brauchen.“ Die übrigen Männer auf der Veranda standen immer noch zusammengedrängt da. „Ihr habt Orville rausgeschmissen. Könnt ihr uns jetzt nicht reinlassen? Wir helfen auch beim Scheunenbau!“ „Besser später als nie“, rief Mrs Whitsley. „Lasst sie reinkommen.“ Kurz darauf setzte sich die Frau des Bürgermeisters neben Taylor. Ihre Augen funkelten, als sie etwas näher rückte – eine kleine Bewegung, die aber nichts Gutes bedeuten konnte. Taylor ging in die Offensive und schnappte sich wieder ihren Teller. „Das Essen ist köstlich. Wenn mein Bruder gewusst hätte, wie lecker es hier schmeckt, hätte er mich dazu angehalten, schon vor Thanksgiving hierherzukommen.“ „Das hier ist Nusskuchen – ein Rezept meiner Großmutter.“ Mrs Cutter stopfte Taylor ein Stück ihres eigenen Kuchens in den Mund. 25


„Mmm. Köstlich“, brachte Taylor erschrocken hervor. Mrs Cutter nickte überzeugt. „Wie wahr, wie wahr!“ „Ich hoffe, Ihre Großmutter hat dieses Rezept an alle ihre Enkelinnen weitergegeben und eine von Ihnen hat eine Bäckerei oder ein Restaurant hier im Ort eröffnet.“ „Ach, wie lieb. Aber Mercy Orien, der auch die Pension gehört, verkauft ihre Backwaren im Lebensmittelgeschäft. Könnte ein bisschen mehr Zimt verwenden, die Gute, aber eine Witwe mit einem kleinen Kind – sie muss eben Abstriche machen. Und wegen dem Restaurant … das musste vor einem Jahr geschlossen werden.“ „Oh nein“, stöhnte Taylor. Auf Mrs Cutters erstaunten Blick hin hatte Taylor das Gefühl, sich erklären zu müssen – zumindest ein wenig. „Da mein Bruder und ich oft ungewöhnliche Arbeitszeiten haben, bevorzugen wir es, in einem Restaurant zu essen.“ Taylor musste all ihren Willen zusammennehmen, um nicht sehsuchtsvoll zum Buffet zu schauen und sich zu überlegen, wie sie einen Großteil des Essens hier herausschmuggeln könnte. Ein letztes Abendessen, bevor wir dem Untergang geweiht sind. „Ja, gut, Sie sind aus Chicago. In großen Städten gibt es diese Annehmlichkeiten und so viele Möglichkeiten. Gooding war schon immer eine eher einfache, gottesfürchtige Stadt mit bodenständigen Menschen – von Orville einmal abgesehen.“ Ihr Mund verzog sich zu einem angedeuteten Lächeln. „Bis heute jedenfalls. Jetzt sind Sie, Doktor Bestman, das Ausgefallenste, was Gooding jemals zu bieten hatte.“

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Kapitel 3 „Edna Mae!“, stieß jemand erschrocken hervor. Clicky stellte seinen Teller ab. „Orville ist der schlimmste Lügner und betrügt jeden, den er kennt. Du kannst Doktor Bestman doch nicht mit ihm vergleichen!“ „Man kann die Wahrheit doch nicht verleugnen.“ Mrs Cutters Kiefer spannte sich an und ihre Stimme wurde härter. „Seit der Zug angekommen ist, werden meinem Gustav fast die Ohren abgerissen. Er kann nicht hier sein, weil immer noch drei Männer in seinem Büro stehen und ihn anschreien. Wenn sich erst einmal herumspricht, dass uns eine Ärztin an der Nase herumgeführt hat“, sie spuckte das Wort Ärztin förmlich aus, „wird hier eine Revolte ausbrechen und Gooding wird zum Gespött der ganzen Gegend werden.“ „Madam, es tut mir leid, dass Ihr Mann nicht hier sein kann.“ Enoch sah sich im plötzlich still gewordenen Raum um. „Ich persönlich habe den Brief mit unseren Empfehlungsschreiben und Zulassungen hierhergeschickt. Ich versichere Ihnen, dass ich kein Geheimnis aus dem Geschlecht meiner Schwester gemacht habe. Wenn es also eine Frage gibt –“ „Es kann keine Fragen geben“, mischte sich Pastor Bradles Frau ein. „Edna Mae, du und Gustav hattet die Grippe und ich habe euch Suppe gebracht. Dabei habe ich euch laut und deutlich den Brief vorgelesen. Bei den Unterlagen, die Doktor … Enoch geschickt hat, waren auch zwei Empfehlungsschreiben von Ärzten, die deutlich gesagt haben, dass Doktor Taylor Bestman eine Frau ist. Ich möchte betonen, dass beide Ärzte sie hochgelobt und ihr größte Fachkenntnisse bescheinigt haben.“ Sie warf ihrem Ehemann ein kurzes Lächeln zu. „Ich habe bisher 27


nicht darüber gesprochen, weil ich es während eines Krankenbesuches erfahren habe und meine Schweigepflicht es mir verboten hat.“ Pastor Bradle tätschelte die Hand seiner Frau. „Du hast das Richtige getan. Jetzt ist alles gesagt. Es gab keinen Betrug oder versteckte Mauscheleien.“ Taylor erhob sich. „Das ist ja nun geklärt. Ich verspreche Ihnen, dass ich meinen Beruf ehrenhaft und zum Lob Gottes ausführe. An diesen Werten halte ich unter allen Umständen –“ „Das kann ich bestätigen. Meine Schwester ist einer der starrköpfigsten Menschen, die ich kenne. Sie hält mit Sicherheit an ihren Grundsätzen fest.“ Das Lachen, das auf diese Aussage folgte, entspannte die Atmosphäre im Haus merklich. Taylor lächelte und stellte sich neben Enoch. „In der Tat, ich bin einer der stursten Menschen, die mein Bruder kennt. Nicht so starrköpfig allerdings wie der Mensch, den er jeden Morgen im Spiegel betrachtet.“ Enoch fasste sich mit gespieltem Schmerz an sein Herz. „Ich bin verwundet durch diese Wahrheit!“ Mrs Whitsley pochte mit ihrem Stock laut auf den Boden. „Dann ist es gut, dass sie unsere neue Ärztin ist.“ Ein paar Minuten später kam Edna Mae Cutter herüber und streckte Taylor die Hand entgegen. „Ich hatte Unrecht. Das tut mir leid und ich hoffe, dass Sie mir vergeben können.“ „Natürlich.“ Anstatt glücklich zu sein, schien Edna Mae noch bedrückter zu werden. „Bitte vergeben Sie auch meinem Mann. Gustav wird sich nie eingestehen, dass ihm etwas entgangen ist. Er plant, Ihnen Ärger zu machen, und niemand wird ihn aufhalten können.“ *** Karl trocknete sich den Schweiß von der Stirn und stützte sich auf die Werkbank. Durch die Feuchtigkeit des Regens und die Hitze der Esse verwandelte sich die Schmiede allmählich in ein Dampfbad. Wasserdampf lag in der Luft wie feiner Nebel. Doch auch nachdem Karl seine Augen gerieben hatte, sah er immer noch verschwommen. 28


Selbst wenn ich mein Bein nicht verletzt hätte, würde alles so aussehen. Es hat einfach mit dem ganzen Dampf zu tun. Trotzdem wischte sich Karl auch noch den Nacken ab und steckte das Taschentuch schnell wieder ein, bevor sein Bruder zurückkam. Es gab keinen Grund, Piet nervös zu machen. Sein älterer Bruder benahm sich sowieso schon wie eine Glucke bei ihrem ersten Ei. „Hier.“ Piet hielt ihm seinen Mantel hin. „Zieh den an. Der Zug ist schon wieder weg. Ich hole den Wagen.“ „Wofür?“ Wie eine besorgte, ungeduldige Mutter versuchte Piet, Karl seinen Mantel überzuziehen. „Obwohl du es versucht hast, kannst du nicht vor mir verbergen, dass du Fieber hast.“ „Es ist nichts“, sagte Karl. Piet brummte frustriert. „Du brauchst einen Arzt. Und das so bald wie möglich.“ „Es geht mir gut. Ich habe den Verband gewechselt.“ Piet sah ihn finster an. „Der Sturm wird schlimmer. In der Dunkelheit kann ich es nicht riskieren, die Pferde anzuspannen, deshalb müssen wir sofort los.“ „Skyler könnte mich durch den Matsch zum Arzt ziehen, wenn es so schlimm werden sollte.“ Piet nickte. „Ja, und wenn es so schlimm werden sollte, ist es dir bestimmt auch egal, dass der neue Arzt eine Frau ist.“ „Dein Verstand ist anscheinend schon so altersschwach wie der Zaun von Witwe O’Toole!“, knurrte Karl. „Du meinst, ich mache Witze? Nein. Es ist mir todernst damit. Sie sind heute mit dem Zug gekommen. Die Ärztin und ein anderer. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen.“ „Sie sind beide Ärzte.“ „Aber einer ist Tierarzt. Die Ärztin für Menschen ist eine Frau.“ Es kostete so viel Kraft, mit seinem Bruder darüber zu streiten. Allein zu sagen „die Ärztin ist eine Frau“ hätte Piet sonst einen sarkastischen Kommentar von Karl eingebracht. Aber Karl hatte einfach keine Kraft mehr. Piet denkt schon wieder, ich würde ihn verurteilen. Ich sage besser einfach gar nichts mehr. Karl wandte sich von seinem Bruder ab. „Hörst du mir überhaupt zu? Der neue Arzt für Menschen ist eine Frau. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.“ 29


„Kauf dir eine Brille. Dann kannst du deine Meinung noch mal überdenken.“ „Sei kein Narr, Karl.“ Er tat so, als schmerze sein Bein nicht, und ging zur Esse hinüber. Dort nahm er seinen Hammer und warf ihn auf den Boden. „Ich habe gewonnen. Lass mich jetzt in Ruhe.“ „Wir müssen beide zustimmen, bevor der Hammer geworfen wird. Ich habe nicht ja gesagt.“ Mit der Hand umklammerte Karl das glatte Holz des Hammerstieles und starrte seinen Bruder böse an. „Zu was willst du denn ja sagen? Ich will arbeiten, das wolltest du doch die ganze Zeit von mir. Du führst dich auf wie eine Glucke.“ „Wenn ich gewinne, bringe ich dich zum Arzt – entweder zu der Frau hier oder zu einem weiter weg. Wenn ich verliere, sage ich nichts mehr –“ „Goed!“ Karl fing an den Hammer zu schwingen. „Es sei denn, dir geht es bald noch schlechter –“ Karl hielt inne, aber es fiel ihm schwer. Er fühlte sich fiebrig und zu ungeduldig, um weiterhin mit seinem Bruder zu streiten. Als hätte er das Recht zu bestimmen, nickte Piet. „Gut, dann werfe ich jetzt den Hammer.“ Irritiert warf Karl den Hammer in die Luft. Er drehte sich und landete dann auf dem weichen Erdboden ihrer Scheune. Eine kleine Staubwolke wirbelte auf und Piet grinste selbstgefällig. „Er zeigt auf mich.“ „Tut er nicht. Er zeigt eher in meine Richtung.“ Karl und sein Bruder lehnten sich nach vorne und Piet starrte erst auf den Hammer, dann wieder zu Karl. „Ich habe gewonnen.“ „Und ich sage immer noch, dass er eher ein bisschen in meine Richtung zeigt. Vielleicht zeigt er auch genau in die Mitte. Mehr kann ich nicht zugestehen. Ich werfe ihn noch mal.“ Piet warf ihm einen bösen Blick zu und schnappte sich den Hammer. „Die gleiche Abmachung.“ Der Hammer flog in hohem Bogen in Richtung Decke, wo er anstieß. Normalerweise warfen sie den Hammer kontrollierter. Diese schwungvolle Aktion machte Piets Frustration deutlich. Wieder stieg Staub auf, als der Hammer auf dem Boden landete. Karl grunzte. „Siehst du, ich hab gewonnen.“ Wortlos stapfte Piet davon. 30


Karl bückte sich, um den Hammer aufzuheben, hatte aber sofort stechende Schmerzen im Bein. Da Piet nicht mehr in der Schmiede war, richtete sich Karl wieder auf. „Skyler, bring.“ Der Collie zögerte nicht, obwohl ihm dieser Bereich normalerweise verboten war. Der Funkenregen der Esse war zu gefährlich für ihn. Skyler hatte seinen Platz normalerweise neben der Tür. Doch nun apportierte Skyler den Hammer und Karl ergriff ihn. „Goed hond, Skyler.“ Karl kraulte den Hund zwischen den Ohren. Das Tier kehrte an seinen Platz zurück und Karl arbeitete weiter an ein paar Teilen, die sie für die Errichtung der Tierarztscheune brauchen würden. Der Regen draußen hätte zu keiner besseren Zeit kommen können. Karl stellte sich so hin, dass er etwas in der Zugluft stand. Kalte Luft strömte nun an ihm vorbei und nahm etwas von der Hitze des Fiebers. Wenn er sich auch nur einen Schritt aus dem Luftzug entfernte, fühlte sich die Esse so heiß an wie das Innere eines Vulkans. Er rollte normalerweise immer seine Ärmel hoch und knöpfte die oberen Knöpfe seines Hemdes auf, wenn er arbeitete. Viele Schmiede trugen bei der Arbeit gar kein Hemd. Ein verlockender Gedanke. Doch stattdessen knöpfte Karl jetzt einfach sein Hemd ganz auf. „Du hast Fieber!“, sagte Piet herausfordernd. „Ja.“ Warum lügen? „Ich habe ein wenig Fieber, aber die Esse und der Regen machen es hier drinnen so feucht und stickig.“ Er streckte sich. „Hast du die Bohnen umgerührt?“ „Mist!“ Piet ging auf die andere Seite der Esse. Sie waren schlechte Köche, doch sie hatten einen Trick von einem anderen Schmied gelernt. Ein Topf Bohnen stand den ganzen Tag direkt bei der Esse – man musste nur ab und zu umrühren. Oft hatten sie das jedoch schon vergessen und dann verbrannte Bohnen essen müssen. Und so wie Piet reagiert hatte, würde es heute Abend auch wieder verbrannte Bohnen geben. Karl sah sich noch einmal die Liste mit Dingen an, die der Tierarzt wahrscheinlich brauchen würde. Er würde noch ein paar Haken machen, an die man Tiere anbinden konnte. Er bearbeitete das heiße Metall mit seinem Hammer – jeder Schlag spiegelte seinen pochenden Kopfschmerz wider. Komisch, mein Hammer ist viel schwerer als sonst. Das Wasser im Trog zischte und blubberte, als er den sechsten Haken 31


hineinhielt. Ich würde am liebsten selbst ins Wasser tauchen. Nachdem das Metall etwas abgekühlt war, konnte Karl den Haken fertig bearbeiten. Als Lohn für die beendete Arbeit gestattet sich Karl, zum Waschtrog neben der Tür zu gehen und seine Arme bis zu den Ellenbogen in das kühle Nass zu tauchen. Dann senkte er den Kopf und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Skyler bellte freundlich. „Piet. Karl.“ Creighton kam in die Schmiede. „Tim“, sagte Piet. Karl nickte, doch sofort wünschte er sich, er hätte es nicht getan. Ihm wurde schwindelig. Ich zittere. Obwohl er vor ein paar Augenblicken noch geschwitzt hatte, fror er jetzt am ganzen Körper. Er war froh, dass er sich heute Morgen ein altes baumwollenes Unterhemd seines Vaters mitgebracht hatte, das er jetzt anziehen konnte. „Wegen des Regens habe ich Sydney und Velma bei Mrs Whitsley gelassen. Sie wollten aber, dass ich euch etwas zu essen bringe, damit ihr ein vernünftiges Abendessen habt.“ Tim reichte Piet eine abgedeckte Platte. „Ich habe dich kurz bei dem Willkommen für die Doktoren gesehen. Die Van der Vort-Schmiede hat sich vertraglich gebunden, die Doktoren mit Pferden und einem Einspänner zu versorgen. Ich gehe davon aus, dass ihr euer Wort haltet. Ein paar Leute proben den Aufstand, weil der neue Arzt eine Frau ist, und ich gebe zu, dass auch ich zuerst überrascht war. Sie hat eine bessere Ausbildung als viele Männer ihrer Zunft.“ „Wir stehen zu unserem Wort.“ Piet klang offiziell. „Wir werden den Vertrag einhalten.“ „Ihr hättet bleiben und die Ärzte kennenlernen sollen“, fuhr Tim fort. Karl ignorierte, dass sein Bruder eigentlich der Angesprochene war. „Wir waren den ganzen Tag hier und haben die Teile gefertigt, die für den Scheunenbau gebraucht werden.“ Tim betrachtete die lange Reihe der Werkstücke und nickte anerkennend. Nachdem er wieder gegangen war, nahm Piet das Essen in Augenschein. „Er glaubt, alles ist gut.“ „Keiner von uns hat das Gegenteil gesagt. Manchmal ist es besser für einen Mann, wenn er seine Meinung für sich behält.“ 32


„Alles, was ich jetzt halten will, ist eine Gabel.“ Das Essen war köstlich, aber Karl schaffte es nicht, mehr als nur einen halben Teller zu essen. Jedes Mal, wenn er sein Bein bewegte, schoss ein stechender Schmerz hindurch. Ich bin müde, das ist alles. Er stand auf und murmelte: „Ich geh ins Bett.“ „Du solltest mehr essen.“ „Nein, danke.“ Karl versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Wenn Piet auch nur eine Ahnung hätte, wie sehr sein Bein schmerzte, würde er ihn wieder zum Arzt bringen wollen. „Diese Ärztin würde es dir auch raten.“ Piets Augen wurden schmal. „Sie wüsste, wie es deinem Bein bald wieder besser ginge. Ich hätte dich zu ihr bringen sollen.“ „Ich bin noch auf den Beinen. Das beweist, dass ich keinen Arzt brauche.“ Karl wusste, dass er nicht mehr lange stehen konnte, deshalb ging er zu seinem Bett. Hosenträger und Hemd auszuziehen war einfach, aber er kam nicht aus seiner Jeans und seinen Stiefeln. Was soll’s? Karl legte sich so aufs Bett und ließ die Füße über den Rand hängen. Es wurde ihm heißer und heißer, dann wieder fror er, dann wurde ihm noch heißer. Seltsame, zusammenhangslose Träume quälten ihn. Irgendwann schüttelte Piet seine Schulter und sagte etwas zu ihm. Sicher war es immer noch ein Traum. Karl schloss wieder die Augen. „Uit bed met u!“, rief Piet und zog an seinem Arm, um ihn aus dem Bett zu bekommen. Kopfschüttelnd ließ Karl sich wieder auf das Kissen zurückfallen. Piet zog ihn hoch. „Kom met me.“ Der Raum drehte sich. Das laute Trampeln von Piets Schritten war das einzige Geräusch in ihrem kleinen Zimmer. Komm mit mir? Wie konnte Piet sagen, dass er mitkommen sollte und ihn dann liegen lassen? Einen Augenblick später war Karl plötzlich in der Kälte und spürte eisiges Metall unter sich. Piet hatte ihn in eine Schubkarre gelegt. Karl stieß einen Schrei aus. *** „Mmm.“ Enoch lächelte. „Dieser Kuchen ist lecker.“ Sie waren in ihr neues Haus zurückgekehrt und schon seit Stunden mit dem Auspacken beschäftigt. Taylor suchte nach einem Ort, wo sie ihre beiden silbernen Kerzen33


halter unterbringen konnte. „Ich weiß nicht, warum du plötzlich mit allem so sentimental bist.“ „Es gibt keinen Grund, das Hochzeitskleid nicht aufzuheben – nur für den Fall, dass Gott dich überrascht.“ „Mich überrascht? Das wäre eher ein Schock, und ein schrecklicher noch dazu!“ Sie gab auf und stellte die Kerzenhalter auf den Tisch. „Ich habe noch nie von einer Frau gehört, die erfolgreiche Ärztin und gleichzeitig Ehefrau und Mutter sein konnte. Als ich den Hippokratischen Eid geschworen habe, habe ich damit gleichzeitig auf ein Ehegelübde verzichtet. Ich habe das Kleid nur mitgebracht, weil ich es schön fände, wenn deine Braut es zur eurer Hochzeit tragen würde.“ „Wenn es dir nichts ausmacht, danke. Aber du musst das Geschirr und die Kerzenhalter behalten.“ Taylor stieß ein erschöpftes Lachen aus. „Es wäre unvorstellbar, meine misslungenen Kochversuche auf dem Porzellan anzurichten, auf dem unsere Ur-Ur-Urgroßmutter –“ Enoch klinkte sich ein. „– der Queen serviert hat.“ Mit dem Zeigefinger auf sie gerichtet, fuhr er fort: „Nur deswegen mussten wir doch das Geschirr mitnehmen! Eines Tages werden wir mit deinen Nichten und Neffen beim Essen sitzen und du kannst ihnen dann diese Geschichte erzählen.“ „Um was willst du wetten, dass einer von ihnen fragt, wie die Queen geschmeckt hat?“ Taylor zog eine Augenbraue hoch. „Jedes deiner Kinder wird höchstwahrscheinlich ein kleiner Naseweis.“ „Ich möchte bitte daran erinnern, dass wir beide als Kinder diese Frage gleichzeitig gestellt haben. Und das auch nur, weil wir noch keine Ahnung von Grammatik hatten. ‚Der Queen serviert‘ oder ‚die Queen serviert‘. Wo ist da für ein kleines Kind schon der Unterschied, liebe Schwester?“ Achselzuckend ignorierte Taylor den Einwand ihres Bruders. „Mr Burke hat ein paar Stunden vorher noch versucht, uns diese Satzkonstruktion beizubringen. Leider ohne Erfolg.“ „Solange ich lebe, werde ich nie vergessen, wie Mutter lachte, während Vater verzweifelt versuchte, Großmutter wieder zu beruhigen. Die Erinnerung daran wäre vielleicht verloren gegangen, wenn wir das Porzellan nicht mitgenommen hätten.“ „Und diese Kerzenhalter?“ Taylor sah Enoch erschöpft an. „Lass mich 34


raten. Sie erinnern dich an die nicht enden wollenden allmorgendlichen Klavierstunden.“ „Nein. Sie sind praktische Hilfsmittel, die in jeder Lebenslage von Nutzen sind. Man kann sie als Briefbeschwerer benutzen. Oder damit einen Einbrecher niederschlagen …“ Ihre Grübchen vertieften sich, als Taylor lauthals zu lachen anfing. „Enoch, wenn du es jemals müde wirst, Tierarzt zu sein, denk über eine Karriere als Autor nach. Deine Vorstellungskraft ist unerschöpflich.“ Er schüttelte den Kopf. „Niemals. Ich habe schon von verhungernden Künstlern gehört.“ Er stellte seinen Teller beiseite. Nachdem er ein paar leere Kisten ineinandergestellt hatte, trug er sie hinters Haus. Endlich erlaubte sich Taylor, ihr Behandlungszimmer weiter einzurichten. Da manche ihrer Instrumente mit denen identisch waren, die Velma schon besorgt hatte, packte Taylor einige Kisten, die gleich auf den Dachboden kommen sollten. Velma hatte schon die Patientenhemden, chirurgischen Unterlagen und andere Tücher ausgepackt und in einen Schrank gelegt. Jetzt endlich konnte Taylor sich mit der Ausstattung der Praxis vertraut machen und Dinge ändern, die ihr nicht gefielen. Enoch kam mit noch mehr Essen zurück. An den Türrahmen gelehnt, murmelte er mit vollem Mund: „Köstlich.“ Taylor stellte eine Jodtinktur in ein Regal und wandte sich um. „Heb mir auch noch was auf.“ „Auf keinen Fall.“ Enoch nahm einen weiteren Bissen. „Aha, wenn das so ist, werde ich keine weiteren Ansprüche auf das Essen erheben.“ Taylor sortierte noch einige andere medizinische Flüssigkeiten ein, raffte ihren Rock und wandte sich dann einem weiteren Regalfach mit Tabletten in Gläsern zu. Sie konnte Enochs Spiegelbild in den frisch geputzten Glastüren des Medizinschranks sehen. „Ich will nicht, dass jemand sagt, ich hätte mich nicht an meinen Teil unserer Abmachung gehalten.“ Er schluckte das letzte Stück Kuchen hinunter und warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Was meinst du?“ „Oh, sieh mich nicht so entgeistert an, Enoch. Du weiß, dass es diesmal deine Sache ist, eine Haushälterin zu finden.“ Jetzt sah er aus, als hätte man ihm eine lebensbedrohliche Diagnose gestellt. „Die Männer haben von einem Mädchen geredet – Linda?“ „Linette. Sie arbeitet schon in der Pension. Aber wegen des Mangels 35


an Frauen im heiratsfähigen Alter solltest du lieber über eine Dame gesetzteren Alters nachdenken.“ Taylor packte ein Behandlungsbuch aus und fuhr fort: „Schade, dass Velma schon vergeben ist. Sie kann kochen und putzen, mit rauen Kerlen umgehen und Babys entbinden. Dazu kommt noch, dass sie selbst in ihrem Alter und bei ihrer Körpergröße in der Lage ist, auf ein Pferd zu steigen und aus der Stadt zu verschwinden.“ „Du hättest sie an die Leine legen sollen.“ Taylor warf ihrem Bruder einen trockenen Blick zu. „Velma oder das Pferd?“ „Velma. Es hört sich an, als sei sie Gottes Geschenk an Gooding. Sie hat wahrscheinlich keine Schwester?“ Enochs Lächeln verschwand, als Taylor den Kopf schüttelte. Ein Rütteln an der Tür ließ ihn aufspringen. Mein erster Patient! Schnell warf sie ein Handtuch über den Teller mit den Kuchenkrümeln. „Willst du nicht, dass jemand denkt, du seist Marie Antoinette?“, stichelte Enoch, während er zur Haustür ging. Taylor trat hinter ihm in den Flur. „Du hast den Kuchen gegessen. Wenn jemand geköpft wird, dann du.“ „Du würdest mir meinen Kopf wieder annähen.“ „Natürlich würde ich das.“ Sie lächelte. „Aber verkehrt herum.“ Sie nickte ihrem Bruder zu, die Tür zu öffnen. „Ja?“ Enoch hörte sich ein wenig verwirrt an. „Wir haben Licht gesehen, deshalb sind wir herübergekommen.“ Millicent und Daniel Clark kamen herein, jeder mit einem abgedeckten Teller. „Wir wollen Sie nicht lange aufhalten“, fügte Daniel hinzu, „aber wenn Sie bei irgendetwas Hilfe brauchen, können Sie auf uns zählen.“ Millie lächelte ihren Ehemann an. „Gott weiß, wie lange Sie heute aufbleiben müssen – Daniel hat die erste Nacht, die er hier war, auch durchgearbeitet. Ich dachte, Sie könnten etwas zu essen gebrauchen.“ „Das ist sehr nett von Ihnen beiden.“ Enoch schloss die Tür und entriss ihnen förmlich die Teller mit dem Essen. „Die Kisten und Koffer sind heute Nachmittag alle schon in den richtigen Zimmern abgestellt worden – eine großartige Hilfe.“ 36


„Die Damen haben auch mit Feuereifer gearbeitet. All unser Geschirr, alle meine Kleider und alle medizinischen Dinge wurden ausgepackt und eingeräumt, bevor wir zum Abendessen gegangen sind.“ „Daniel, sie hatte jede Kiste beschriftet.“ Millicent lächelte ihren Mann an und musste ein Gähnen unterdrücken. Daniel legte seinen Arm um Millicents schmale Taille. „Liebes, wir sollten gehen.“ Als Enoch ihnen die Tür aufhielt, warf er einen Blick nach draußen. „Diese Gaslampen erhellen die Straße wirklich hervorragend.“ „Im Haus des Bürgermeisters gibt es sogar Gasleitungen. Da die Stadt ihm nicht viel Gehalt bezahlt, war das ein Extra für ihn.“ Daniel schwieg kurz, dann fuhr er fort: „Ich muss Ihnen gestehen, dass unser Lebensmittelgeschäft einmal ein Preisausschreiben hatte. Der Hauptgewinn war ein Fahrrad. Ihre Nachbarin, eine Witwe, hat es gewonnen, und sie fährt sehr …“ Seine Stimme erstarb, doch es gab keinen Zweifel, dass er sie warnen wollte. „Witwe O’Tooles gefährlicher Fahrstil war es allerdings auch, der mich eines Tages in Daniels Arme trieb, also kann ich mich nicht beschweren“, sagte Millicent und lehnte sich an ihren Ehemann. In diesem Moment konnte Taylor etwas auf der Straße erkennen. Sie trat auf die Veranda und sah, wie jemand in einer Schubkarre von einem verzweifelten Mann hektisch in ihre Richtung geschoben wurde. Mit gerafften Röcken lief sie die Treppe hinunter und rief ihrem Bruder zu: „Enoch, ich brauche deine Hilfe!“ „Mein Bruder, sein Bein – das Eisen ist da drin.“ Der Mann mit der Schubkarre kam direkt vor ihr zum Stehen. „Wo?“ Taylor hatte im Bruchteil einer Sekunde die Symptome analysiert – schneller, flacher Atem, glühende Haut – und wusste sofort, dass der Unfall schon vor ein oder zwei Tagen passiert sein musste. „Links.“ Taylor suchte das linke Bein ab. Selbst durch die Jeans hindurch war die Schwellung gut sichtbar. Ihr sank das Herz. Wenn die Verletzung nah beim Knie oder darunter gewesen wäre, hätte sie im Notfall amputieren können. Aber so weit oben, so nahe am Lymphsystem und den Arterien, sah die Sache nicht gut aus. Zu dritt mussten Enoch, Daniel und der Bruder des Patienten den Verletzten ins Behandlungszimmer tragen. Millicent drückte Taylors 37


Hand. „Wir beten für Karl und Sie. Ich habe Wasser auf den Herd gestellt. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.“ „Das war genau das Richtige. Vielen Dank.“ Taylor band sich eine weiße Schürze um. Sie wusste, dass Enoch währenddessen die Hose des Patienten aufschneiden würde. Obwohl ihre Hände sauber aussahen, wusch sie sie noch einmal gründlich. Ein ersticktes Stöhnen kam aus dem Behandlungszimmer. „Schneiden Sie es ab!“ Der Bruder war aufgeregt und wurde immer lauter. „Das Bein – schneiden Sie es ab! Karl ist mein einziger Bruder. Sie müssen das tun, um ihn zu retten!“ *** Piets Schreie rissen Karl aus seiner Umnachtung. Wellen von Schmerz schlugen über ihm zusammen, dennoch hörte er immer wieder Piets Stimme. „Schneiden Sie es ab!“ „Wir tun, was getan werden muss“, sagte eine tiefe Stimme beruhigend. Trotz seines Fiebers wurde Karl plötzlich eiskalt. Das Bein seines Großvaters hatte amputiert werden müssen. Er hatte zeitlebens schreckliche Schmerzen gehabt und niemals eine Prothese gefunden, die vernünftig gepasst hatte. Ohne sein Bein war das Leben nicht mehr lebenswert. „Ich habe die Instrumente bereit.“ Die Stimme einer Frau erklang ruhig und freundlich. „Mr Clark, bitte –“ „Komm schon, Piet.“ Furchtbare Schmerzen und brennende Hitze durchfuhren Karl. Der seltsame Mann sagte etwas über Lederriemen zum Festbinden und eine Säge. Karl wollte dem Fieber widerstehen. Er hatte die Augen offen, aber er erkannte nicht, wo er war. Kühle, sichere Hände tasteten seine Stirn ab, dann fühlten sie den Puls an seinem Handgelenk. Karl erkannte seine Chance und ergriff die Hand der Frau. Für einen Moment stand sie still, dann sagte sie ruhig. „Sie sind beim Arzt. Ihr Bein ist verwundet.“ „Keine Amputation.“ Trotz seiner Schwäche klang seine Stimme befehlend. „Lassen Sie ihn das nicht tun.“ In ihren Augen regte sich etwas. Mitleid? Hilfsbereitschaft? 38


„Ihr Leben ist wichtiger als Ihr Bein.“ „Nein!“ Er musste rebellieren oder sie würden ihm sein Bein nehmen. Karl wand sich und schaffte es, sich aufzurichten. Als sich sein verletztes Bein bewegte, stockte ihm vor Schmerz der Atem. Trotzdem ließ er sich nichts anmerken. Er musste die Frau überzeugen, ihm zu helfen. Sie drückte ihn wieder zurück auf den Operationstisch. „Legen Sie sich hin und dann erzählen Sie mir, warum Sie gegen diesen chirurgischen Eingriff sind.“ „Opa. Bein. Verloren.“ Jedes Wort war eine große Anstrengung für Karl. Er wollte sich nicht hinlegen. Der Arzt mit der tiefen Stimme würde gleich wieder hier sein. Wenn er doch nur von hier verschwinden könnte. Ein Pferd. Ich kann nicht gehen, aber wenn sie mir ein Pferd bringen würde … Karl versuchte, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, und kippte dabei fast um. „Hier.“ Die Frau tupfte ihm die Stirn ab. „Lassen Sie mich helfen.“ Sie war ein Engel. Sie strahlte Mitgefühl und Barmherzigkeit aus. „Versprechen Sie mir zu helfen?“ „Ich verspreche es.“ In ihren grünen Augen erkannte er den Mut, der in ihr steckte. Karl beschloss, ihr zu vertrauen, und warf einen Blick über ihre Schulter. Er musste sich beeilen. „Ich habe einen Plan“, sagte er verwaschen. „Was auch immer das ist, Sie müssen sich erst unter dieses Laken legen.“ „Nein, holen Sie mir mein Pferd.“ Sie starrte verlegen an die Decke. „Sie sind halbnackt. Decken Sie sich wieder zu.“ Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Arzt ihm seine Hose genommen hatte. Doch darum konnte er sich im Moment nicht kümmern. Er musste hier weg. „Tut mir leid, Engel.“ Mit schmerzverzerrten Lippen atmete Karl ein, dann stieß er einen gellenden ohrenbetäubenden Pfiff aus.

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Kapitel 4 Sofort flog die Tür zu ihrem Behandlungszimmer auf und der Bruder ihres Patienten kam hereingestürmt. „Was haben Sie getan?“ „Noch habe ich gar nichts getan.“ Sie kämpfte darum, dass der Verletzte ihr nicht zusammenbrach. „Helfen Sie mir, bitte.“ Gemeinsam schaffen sie es, Karl wieder zurück auf den Operationstisch zu legen. Enoch erschien in der Tür und legte etwas in Piets Hand. „Die Lederriemen habe ich gefunden, aber ich brauche ein anderes Sägeblatt.“ Ihr Patient zog eine Grimasse und Taylor erkannte, dass er wieder pfeifen wollte. Oh nein. „Nicht pf-“ Schnell legte sie ihre Hand über Karls Mund, was ihr einen funkelnden Blick aus seinen eisblauen Augen einbrachte. Er hatte schon mehr Kampfkraft gezeigt, als Taylor erwartet hätte, doch er durfte seine Kräfte nicht unnötig vergeuden. Wenn sie ihn bloß beruhigen könnte, bis sie ein Betäubungsmittel fertig hatte … „Schhh.“ Sie löste ihre Hand aus seiner Umklammerung und beugte sich zu ihm. Er starrte sie finster an. „Mein Plan.“ „Unser Plan! Erinnern Sie sich? Ich habe versprochen Ihnen zu helfen.“ Ein kaum merkliches Nicken, dann verlor er das Bewusstsein. Piet sog erschrocken die Luft ein. „Er ist doch nicht – Ist er –“ „Ohnmächtig.“ Enoch warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und machte sich wieder auf die Suche nach der Säge. Einen Moment später ertönte lautes Getöse auf der Veranda und Enoch rief: „Ich hab sie.“ Egal, was auf der Veranda los war, Taylor konnte sich jetzt nicht da40


mit beschäftigen. Enoch würde sich darum kümmern müssen. Die Operation konnte nicht länger warten. Wenn sie alleine operierte, würde sie einen Schwamm mit Betäubungsmittel benutzen müssen, da Enoch nicht da war, um das Chloroform in den kleinen Trichter zu träufeln, den sie bereitgestellt hatte. Aber der Tumult draußen zwang Taylor schließlich doch dazu, ihren Kopf zu heben und nachzusehen. Ungläubig erstarrte sie. „Enoch, bring dieses Pferd hier heraus.“ „Ich … würde … es … gerne.“ Beide Füße in den Boden gestemmt und die Hände in der Mähne vergraben, konnte Enoch das Pferd doch nicht davon abhalten, sie durch den Türbogen zu zwängen und vom Eingangsbereich in das Behandlungszimmer zu kommen. „Taylor“, sagte Enoch mit ruhiger, tiefer Stimme, „raus hier!“ Piet und Daniel kämpften gemeinsam darum, das größte Pferd zurückzuhalten, das sie jemals gesehen hatte. Aber ohne Halfter oder Zügel hatten sie keine Chance. „Mein Bruder – er hat gepfiffen.“ Piet pflanzte sich direkt vor dem Pferd auf. Der Holzfußboden bot den schweren Hufeisen des Pferdes kaum Halt, aber das bloße Gewicht der Stute gab ihr einen eindeutigen Vorteil. „Schwester, raus hier! Sie ist gefährlich.“ Mit ruhigem Tonfall, um das Pferd nicht noch nervöser zu machen, erwiderte Taylor: „Hör auf, dir Sorgen um mich zu machen.“ Sie ging zu dem Teller mit den Kuchenresten, den sie – wie es ihr schien – vor einer halben Ewigkeit abgedeckt hatte. „Schau mal hier, Mädchen. Zucker.“ Sie imitierte den Tonfall, den Enoch anwandte, wenn er wollte, dass ein Pferd seine Medizin nahm. Das Riesentier hielt inne, blickte über seine Schulter und vollführte eine Drehung, die einer Ballerina würdig gewesen wäre. Enoch nickte ihr zu. „Jetzt geh damit in den Flur, Taylor.“ „Ich werde meinen Patienten nicht alleine lassen. Daniel?“ Daniel nahm den Teller und führte das Pferd hinaus. Sobald der Schweif durch den Türrahmen verschwunden war, ging Taylor ans Werk. Sie schloss die Türen und verschaffte sich einen kurzen Überblick der Lage. Ihr war nie klar gewesen, wie viel Staub und Schmutz im Fell eines Pferdes steckten. Der Boden, die Instrumente und sogar sie und ihr Patient waren mit einer dünnen Staubschicht überzogen. 41


Velma würde bei diesem Anblick einen Herzinfarkt bekommen. Taylor deckte alles, sogar den Boden, mit ihren restlichen sterilen Laken ab. Dann zog sie eine neue Schürze an, reinigte die Hände und nahm sich frische Instrumente. Enoch kam wieder. „Piet bringt das Pferd zurück. Ein schöner Trakehner.“ „Sie war groß wie ein Zug. Unglaublich.“ Enoch gluckste und wusch seine Hände. „Das war eine super Idee mit dem Zucker – Daniel und Piet sind beeindruckt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Die Leute hier sind einfach verrückt. Und wir sitzen hier für vier Jahre fest!“ „Nimm’s nicht so schwer. Entweder gewöhnen wir uns daran oder wir verhungern vorher.“ *** Von allen Operationen, die Taylor jemals durchgeführt hatte, war die von Mr Van der Vort die herausforderndste. Sogar mit Enochs Hilfe fehlten ihnen mindestens zwei Paar erfahrener Hände. Tief im Muskel des Patienten steckten drei Metallsplitter. Zwei waren gefährlich nahe an Nerven, deren Verletzung eine Lähmung hervorrufen würde, der dritte war direkt neben einer Arterie eingedrungen. Alle drei Splitter hatten das umgebende Gewebe infiziert. Der Schmied war nahe dran gewesen, einen vorzeitigen Tod zu finden. Nach der Operation wütete Mr Van der Vorts Fieber die ganze Nacht hindurch und er stand in der Gefahr, einen Blutsturz zu erleiden. Taylor wachte an seinem Bett und betete. Erst als die Sonne aufging und die letzten Reste des Chloroforms aus seinem Körper gewichen waren, fiel er in einen ruhelosen Schlaf. Taylor warf einen Blick über ihre Schulter, als sie Enoch plötzlich ein Lied pfeifen hörte. „Enoch, hör auf damit!“ „Mach dir keine Sorgen, Schwesterherz. Das Pferd interessiert sich bestimmt nicht für meine Volkslieder.“ „Das ist nicht lustig.“ „Mein Kommentar oder Van der Vorts Kunststückchen?“ „Beides. Es ist ein Wunder, dass ich durch seinen Pfiff nicht taub geworden bin.“ „Ich frage mich, ob er noch hören können wird, wenn du ihm deine 42


Gardinenpredigt hältst, sobald er wieder aufwacht. Obwohl“, er tat so, als grüble er, dann fuhr er grinsend fort, „ich glaube, ihr seid Komplizen, denn du hast ja versprochen, ihm zu helfen.“ Taylor hob trotzig ihr Kinn. „Ich habe nicht gesagt, welche Art von Hilfe ich ihm biete.“ Enoch nahm sich einen Apfel aus dem Früchtekorb und rieb ihn an seinem Ärmel ab. „Ich habe dich belauscht, als ich mit den Lederriemen zurückgekommen bin.“ Ihr Zwilling zwinkerte ihr belustigt zu. „Du hattest Anteil an seinem Plan.“ „Ich habe zugestimmt, ihm zu helfen. Fieberwahn ist die einzige Erklärung dafür, dass er sein Pferd gerufen hat – oder einfach nur Leichtsinnigkeit.“ „Pferde sind intelligente Wesen. Ich würde mir das Tier gerne noch mal anschauen. Die Stute ist wunderschön.“ Mit verschränkten Armen sah Taylor ihren Bruder fassungslos an. „Das mag wohl so sein. Aber nicht in meinem Operationsraum.“ „Es war dumm und gefährlich von dir, zu bleiben, als ich dich gewarnt habe, den Raum zu verlassen.“ „In Zukunft weiß ich Bescheid, wenn du wieder mal ein Pferd zu uns einlädst.“ Obwohl sie müde war, musste sie nun auch grinsen. Enoch untersuchte den roten Apfel. Er war sehr wählerisch, wenn es um Äpfel ging – sie mussten perfekt glänzen, bevor er sie aß. Doch Taylor ließ sich nichts vormachen. Sie wusste, dass Enoch nur seinerseits ein Lächeln kaschieren wollte. „Piet hat erzählt, dass Karl für jedes Pferd einen anderen Pfiff hat. Du kannst froh sein. Er hätte eine ganze Herde rufen können.“ „Ich bin sicher, dass er sogar Schweine rufen kann. Aber das heißt nicht, dass sie in meine Praxis gehören.“ „Aha, wusste ich es doch! Du willst auch so umgängliche Patienten, wie ich sie habe. Du bist eifersüchtig!“ „Nur auf deinen Apfel.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, damit er ihn ihr zuwarf. „Es ist nur ein Apfel.“ Schweren Herzens warf er ihr den schön polierten Apfel zu und schnappte sich einen neuen. Dann ging er pfeifend davon. Taylor schüttelte lächelnd den Kopf, doch dann kamen ihr wieder die mögliche Blutvergiftung und die Gefahr eines Blutsturzes in den 43


Sinn. Sie musste schleunigst zurück zu ihrem Patienten. Schnell aß sie den Apfel, trank einen Schluck kalten Kaffee vom Vorabend und eilte ins Krankenzimmer. Wieder an Mr Van der Vorts Seite, nahm sie ihr Stethoskop und horchte das Herz und die Lungen des Schmiedes ab. Nach der Verabreichung von Chloroform war es wichtig, die gleichmäßige Lungentätigkeit zu überprüfen. Das hölzerne Hörrohr, das ihr Vater und Großvater noch benutzt hatten, übertrug die Geräusche bei Weitem nicht so gut wie ihr neues Stethoskop. Erst war ihr Vater beleidigt gewesen, dass sie sein Gerät nicht benutzte, doch sobald er die Vorteile der besseren Lautübertragung erkannt hatte, hatte er sie verstanden. Alles in allem waren die Ergebnisse gut. Mr Van der Vorts Herz und Lunge hörten sich wunderbar an. Der Verband um sein Bein zeigte keine Blutflecken. Wenn er nur nicht dieses Fieber hätte … Ein Essigwassertuch auf seiner Stirn und eines auf seinem muskulösen Oberkörper würden ihm Kühlung bringen. Als Mr Van der Vort die Augen öffnete, fiel Taylor auf, dass sie die gleiche Melodie summte wie ihr Bruder vorhin. *** Karl tauchte langsam aus dem Nebel auf, der ihn umhüllte, und spürte eine seltsame Feuchtigkeit auf seiner Brust. Irgendetwas Kaltes, Nasses lag dort. Und es roch auch seltsam. War das Essig? Nichts ergab einen Sinn. Und hörte er nicht auch etwas? „Beautiful Dreamer“ summte jemand. Er riss seine Augen auf. Eine dunkelhaarige, grünäugige Verführerin war über ihn gebeugt. Er erkannte weder sie noch den Ort, an dem er war, aber es gab nur eine Art von Frauen, die Scharlachrot trugen – und das auch nur in bestimmten Etablissements. Selbst als er mehrmals blinzelte, änderte sich die Farbe ihres Kleides nicht. Keine anständige Frau würde sich so nahe über das Bett eines fremden Mannes beugen und ein Liebeslied summen. Die Frau räusperte sich. „Ihr Fieber sinkt langsam. Ich hole Ihnen etwas zu trinken.“ „Nee. Nein. Ich gehe nach Hause und trinke Wasser.“ Was er für Essig gehalten hatte, musste ein Gemisch aus Bier und Whiskey sein. Sein 44


Kopf pochte, als würde ihn ein gigantischer Hammer bearbeiten. Das Letzte, was er jetzt wollte, war, noch mehr Alkohol zu trinken. „Ich habe Wasser hier.“ Sie legte das Tuch, das sie gerade ausgewrungen hatte, zur Seite und erhob sich. Karl würde nicht warten, bis sie zurückkam. Der Versuch eines Hechtsprungs ließ ihn jedoch mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück auf sein Bett sinken. Zähneknirschend kämpfte er gegen den Schmerz an. „Mr Van der Vort, solche unüberlegten Aktionen können dazu führen, dass Ihre Wunde sich wieder öffnet.“ Mit einem Gesicht wie eine gestrenge Schullehrerin kam das leichte Mädchen wieder zurück. „Stützen Sie sich auf Ihren Ellenbogen.“ „Auch noch herrisch“, murmelte er. Brennender Durst kam in ihm auf und er fragte sich, wann er das letzte Mal etwas getrunken hatte. „Nippen Sie daran. Wenn Sie es gut machen, bekommen Sie als Nächstes Brühe.“ „Brühe?“ Noch ein Grund, warum er hier verschwinden musste. Diese Frau plante ihn auszuhungern. „Ja. Und jetzt halten Sie sich bitte an das, was ich Ihnen sagte. Sie haben eine schlimme Verletzung an Ihrem Oberschenkelmuskel. Die kraftvollsten Muskeln des Menschen befinden sich in den unteren Extremitäten, und von denen ist der Quadrizeps der Stärkste. Mit den …“ Sie sagte noch ein paar Worte, die für ihn absolut keinen Sinn ergaben. Dann plötzlich wurde Karl alles klar. Er erstickte fast an seinem letzten Schluck Wasser, dann brüllte er entsetzt: „Sie sind dieser weibliche Arzt!“

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