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1 April 1852 Mazy Bacon genoss ihr Leben. Doch ohne Vorwarnung würde diese Phase der Ruhe zu Ende sein. Die warme Sonne schien ihr auf den Nacken, als sie sich über die Sämlinge beugte, die sie während des Winters in Walnussschalen und Kürbishälften gezogen hatte. Ein deutsches Lied vor sich hinsummend, das ihre Mutter ihr beigebracht hatte, feierte sie das Überleben der Pflanzen und den Duft süßer Erde unter ihren Füßen. Pig, ihr Hund, lag neben ihr, den schwarzen Kopf auf die Pfoten gelegt. Mit seinen braunen Augen beobachtete er, wie die Rotkehlchen in der frisch umgegrabenen Gartenerde nach Würmern suchten. Mazy genoss ihr Leben. Alles roch nach Verheißung. Der Wind zerrte an den roten Pumphosen, die ihre Mutter ihr im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. „Rot? Mutter!“, hatte sie sich beim Auspacken beschwert. „Kaum jemand trägt noch so etwas, geschweige denn in Radieschenrot.“ „Du brauchtest mal etwas Modernes“, hatte ihre Mutter erwidert. „Ein wenig Pepp dann und wann kann nicht schaden. Du bist jung. Du kannst so etwas tragen.“ Heute war Mazy zum ersten Mal froh über die weite Hose, die sich über ihren Hüften bauschte und fest an ihren stämmigen Knöcheln anlag. Die Jacke hatte sie nicht dazu angezogen, sondern stattdessen eine cremefarbene Bluse gewählt. Ihre muskulösen Arme, ohne Schutz der Sonne ausgeliefert, zeigten bereits die ersten Sommersprossen. Und ihre Haare, erdfarben und un5


bändig wie der Wind, waren nicht wie üblich zu einem Zopf geflochten. Mit ihrem Holzspaten grub sie den Boden um. Mazy dachte an die dicken Schlangen, die sich träge in der Sommersonne bewegten, und war froh, dass sie vermutlich noch auf den Kalksteinfelsen schliefen und ihr keinen Schrecken einjagen würden. Sie mochte keine Überraschungen. Sie kniete nieder, setzte die Pflanzen ein und drückte die Erde um ihre kostbaren Liebesäpfel fest. Tomaten wurden so jetzt von einigen genannt. Früher als die anderen Pflanzen würden sie dick und rund sein. Als Mazy fertig war, erhob sie sich und klopfte sich die Erde von den Knien. Seit sie mit zwölf Jahren ihren ein Meter neunzig großen Vater eingeholt hatte, betrachtete sie sich als groß. Mit siebzehn, als sie Jeremy Bacon heiratete, einen Mann, der doppelt so alt war wie sie und genau ihre Größe hatte, saß dieses Bild, zu groß geraten zu sein, in ihr so fest, wie ein Wagenrad im Frühlingsschlamm Wisconsins feststeckte. Jeremy, mit dem sie jetzt zwei Jahre verheiratet war, behauptete, sie sei wie eine schöne Tanne, aus einem guten Material geformt. Mazy liebte ihn dafür. Auch wegen seines betörenden Lächelns und seiner Feinfühligkeit, mit der er sie wie zartes Porzellan behandelte. Er war für zwei Wochen weggefahren und müsste bald zurückkommen. Hoffentlich noch heute. Heute war ihr zweiter Hochzeitstag. Mazy sehnte sich nach der zarten Berührung seines weichen Fingers, wenn er sie an der Schläfe streichelte, der Liebkosung seiner bartlosen Wange. Sie seufzte. Sie hatte ein wundervolles Geschenk für ihn – ein neu gepflanzter Garten, der reiche Ernte versprach. Sein Geschenk an sie würde der Ayrshire-Bulle sein, der „Zuchtbulle“ Marvel, wie Jeremy ihn nannte, und bedeutete damit eine Erweiterung ihrer Herde und ihres Heimes. 6


„Ich bin reich gesegnet, Pig“, seufzte Mazy. Der große Hund machte ein Auge auf und wedelte mit dem Schwanz, dann gähnte er. Pig war ein Neufundländer mit einem riesengroßen Kopf. Seine kleinen Ohren hatten ihm diesen Namen eingetragen, als Jeremy den Fellball seiner Frau eines Tages nach Hause gebracht hatte. Mazy gefiel das Wort „Pig“. Nicht das Bild eines rauborstigen Schweins, aber der Klang des Wortes: Es war ein kurzes und luftiges Wort, das ihr leicht von der Zunge ging. „Pig“, sagte sie laut, „man hätte Luftblasen ,Pigs‘ nennen sollen. Wir würden dann sagen: ,Sieh nur, das Baby macht Pigs! Pig, Pig, Pig‘.“ Mazy lachte und der Hund legte den Kopf zur Seite, als er seinen Namen immer wieder hörte. Mazy streckte sich, die Finger an die Hüften gelegt. Ihre bloßen Zehen gruben sich in die warme Erde ein. Eine leichte Brise trocknete die Schweißtropfen an ihren Schläfen. Sie hob ihre Haube an, die ihr lose im Nacken hing, um sich Kühlung zu verschaffen. Die Amseln zwitscherten laut, während sie zu Boden stießen. „Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land“, sagte sie laut. „Der Herr erhält mir mein Erbteil.“ Diesen Psalm hatte sie an dem Tag gelesen, als sie an diesem Ort nicht weit vom Mississippi in der Nähe von Cassville in Wisconsin angekommen war. An diesem Morgen war sie erneut darauf gestoßen. Ein Erbteil war eine abgesteckte Fläche mit Grenzen, die Sicherheit eines Ortes, der durch die Zäune des Glaubens gesichert war. „Erst nachdem Jeremy die Vogelscheuchen aufgestellt hat, werde ich ihn bitten, einen Zaun um den Garten zu ziehen“, sagte Mazy zu Pig. Sie klatschte in die Hände, um die Vögel zu verscheuchen, die ihren frisch gesäten Samen stehlen wollten. Pig fuhr zusammen und stürzte sich auf die Eindringlinge, die sich eilig in die Luft erhoben und davonstoben. „Gute Arbeit, Pig!“, rief sie, während sie dem Hund nachsah. 7


Ein ungewohntes Geräusch ließ sie zusammenfahren. Sie drehte sich zu dem Pfad um. War das die Stimme einer Frau? Ein Ruf oder ein Grunzen? Sie konnte niemanden sehen und niemand rief sie beim Namen. Sie bekam eine Gänsehaut. In ihrer roten Pumphose fühlte sie sich groß und jeder Gefahr ausgeliefert. „Jeremy?“ Eine Brise ging durch die Kiefern hindurch, gab keine Antwort. Plötzlich brach etwas durch die Bäume, laut und ungebärdig. Sie erhaschte einen Blick auf etwas Weißes und Braunes im Schatten der Birken, Pappeln und Kiefern. Ihre Augen folgten dem Geräusch, das schließlich im dichten Wald verklang. Sie gab sich die größte Mühe, zu erkennen, was das Geräusch verursacht hatte. Sie sah nichts. „Jeremy? Bist du das?“ Mit der Hand schirmte sie die Augen gegen die Sonne ab. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Schweiß lief ihr über die Brust, ihre Hände wurden feucht. Ihr Körper reagierte auf die Gefahr, bevor ihr Verstand sie erfassen konnte. Ein Geräusch hinter ihr passte nicht zu dem Geklapper im Holz. Sie drehte sich um. Spinnen der Angst krochen ihr über das Rückgrat, als ihr klar wurde, was die Geräusche verursachte. DD Jeremy Bacon verfluchte die Zweige, die ihm ins Gesicht schlugen. Wie hatte ihm das Tier nur entwischen können? Aber der Zuchtbulle war mit seiner Weide noch nicht vertraut, er würde also nicht von allein nach Hause kommen. Er würde im Wald herumirren und für immer verloren sein. Seine ganze Investition wäre verschleudert, wenn er die Kühe nicht einfangen würde. Mit einem Riesenlärm waren sie durchgegangen. 8


Die Hanfseile flatterten hinter ihnen her und drohten sich in den Zweigen und im Gebüsch zu verfangen. Wenn nur Mazy mitgekommen wäre! Sie hätte jetzt helfen können. Stattdessen stand er allein da mit all den verängstigten Tieren. Er musste sie zurück auf die Weide bringen. Sein Blick fiel plötzlich auf einen roten Fleck in der Nähe der Wiese, und er blieb stehen. Was tat Mazy da in dieser verflixten Hose? Er rief nach ihr, aber sie hörte ihn nicht. Da sah er, was passierte. Sein Herz begann zu rasen. DD Der Bulle schüttelte seinen breiten mahagonifarbenen Kopf. Seine Hörner ragten in die Höhe wie zwei Pfeile. Seine Nüstern und sein Maul sprühten Speichel und Schaum in die Luft. Die gepflügte Erde flog über seinen Rücken, während er auf dem Boden scharrte, den sie gerade bepflanzt hatte. Sein Blick bohrte sich in Mazys. Mazys Hände und Füße wurden schwer, sie konnte sich nicht rühren. Eine Kälte, ähnlich der damals im Fluss, machte sich in ihr breit. Ihr Verstand schrie ihr zu davonzurennen. Stattdessen wich sie zurück, so vorsichtig, wie sich ein Reiher in die Luft erhebt. Sie hielt den Blick jetzt auf die Erde gesenkt, ihren geliebten Boden, in dem zart und zerbrechlich die Sämlinge steckten. Der Bulle schnaubte und machte einen Satz. Mazy sank wie tot zu Boden. Hatte sie das irgendwo gelesen? Hatte Jeremy ihr das einmal geraten? War es ein Rat von einem verletzten Patienten, den ihr Vater einmal behandelt hatte? Sie wusste es nicht. Mit dem Gesicht voran fiel sie in die Stecklinge, ihre Wange streifte über die Erde in dem Augenblick, als der Bulle vorstürmte. 9


Seine Hörner gruben sich neben sie in den Boden, Erdklumpen landeten auf ihrem Rücken, prasselten wie Schneebälle auf ihre Oberschenkel, ihre Haube, ihren Kopf. Speichel troff ihm aus dem Maul, spritzte auf ihren Arm. Sie konnte ihn dicht neben sich erkennen, wutschnaubend und vor Erregung zitternd, und sie fragte sich, ob das das Letzte sei, was sie in diesem Leben sehen würde. Ihre Augenlider schlossen sich wie von selbst. Sie hörte und roch und fühlte alles ganz deutlich. Der zornige Bulle ließ den Boden unter ihr erbeben. Er atmete mühsam und rau. Dann brüllte er. Mazy wusste, wenn sie die Augen öffnete, würde sie seine breite, nasse Nase nur wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt sehen. Noch mehr Erde wurde aufgestoben, sein Schweißgeruch kam ihr in die Nase, und sie hörte, wie ihre dünne Bluse an der Seite aufriss vom Scharren seiner Hufe. Hilf mir, hilf mir, hilf mir. Gib, dass ich ruhig bleiben kann, ihn nicht noch wütender mache. Und dann ging ihr Geist auf Reisen, suchte nach schönen Orten, dachte an Dinge, die sie liebte: ihren Herrn, ihren Mann, ihre Mutter, das Land. Sie wanderte in Gedanken hoch über den Wald bis zu den entlegensten Ecken des Bacon-Besitzes zu dem Land, das an die Steilküste angrenzte, durch die ein Fluss seinen Weg gegraben hatte. Im heißen Sommer Wisconsins wand er sich durch die Wiese, und im Winter fror er zu. Die Wiese war von einem Kiefernwald umgeben, dessen Bäume so hoch in den Himmel ragten, dass unter ihnen auf dem Waldboden nichts mehr wuchs: Schutz für das Rotwild, ein hoher Sitz für Adler. Die Wiese lieferte Heu, die Winternahrung für das Vieh der Bacons. Am Rand der einhundertsechzig Morgen erhob sich das Holzhaus, das Jeremys Onkel gebaut und nach seinem Tod zusammen mit der Farm seinem Neffen hinterlassen hatte. Mazy liebte diesen Ort. Sie genoss das Landleben, 10


den wundervollen Ausblick. Sie hoffte, ihr Leben hier zu verbringen, hier zu arbeiten, zu pflügen, zu pflanzen und in ihrem Heim und der Liebe ihres Mannes Sicherheit zu finden. Das Schnauben des Bullen riss sie aus ihren Gedanken. Als Nächstes würde er sie aufspießen, sie mit seinen gebogenen Hörnern durchbohren, sie in die Luft werfen und dann schließlich über sie hinwegtrampeln. Sie würde durch die Hufe den Tod finden. Ihr Ableben würde ihrem Mann wehtun, ihre Mutter trauern lassen. Das waren die beiden Menschen, die sie in diesem Leben am meisten liebte. Jeremy würde sich die Schuld geben; das tat ihr leid, denn eigentlich hatte sie Schuld. Sie hätte diese Hose nicht tragen sollen, sie hätte ihn begleiten sollen, sie hätte, sie hätte ... Der Bulle drehte sich. Sie merkte das an dem Sprühen des Speichels von seinen Nüstern. Er scharrte und brüllte. Sie roch Schmutz und Dung. Dann übermannte ihn die Wut, und seine Hörner bohrten sich in ihre Seite, hoben sie an, schoben sie und rollten sie herum. Sie lag jetzt auf dem Rücken. Das blaue Band ihrer Haube verfing sich an ihrem Hals. Ihre Arme waren wie die Arme einer Puppe, steif und ausgeliefert. Eine Stelle an ihrer Seite brannte wie der Schlag mit einem Feuerhaken. Sie hörte ein Knacken in dem Augenblick, als der Stier vorsprang. Der Knochen ihres Armes brach, während ihr Ellbogen tief in die Erde sank. Ein Schrei stieg in ihr hoch, doch sie hielt ihn zurück und blieb stumm wie ein neu gepflanzter Samen; verblüfft, aber dem Leben ergeben. Das Blut rauschte ihr in den Ohren wie das Rauschen des Windes, ihr Herz klopfte. Ihr Verstand zwang die Geräusche zur Stille. In diesem Augenblick bellte Pig. Ein Klappern aus dem Wald riss sie in die Gegenwart zurück. Sie hörte 11


das Splittern von Holz und etwas, das wie die Stimme einer Frau klang und dann Schüsse. Eine Kugel landete unmittelbar neben ihr in der Erde. Ein Heulen, der Bulle schnaubte und Pig bellte. Er stand jetzt zwischen ihr und dem Bullen. Erde rieselte auf sie herab wie die Tropfen eines sanften Regens. Sie hörte einen weiteren Schuss und erkannte ihn als einen Schuss aus Jeremys Revolver. Sie hörte den Bullen brüllen, aber jetzt weiter von ihr entfernt, näher an der Koppel. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie, Mazy Bacon, am Leben bleiben würde. Sie hörte, wie ihr Mann dem Hund Befehle zurief, dann ihr. „Mazy! Rühr dich nicht, kein Geräusch! Wir werden ihn einfangen, halt durch.“ Pig bellte in der Ferne. Mazy riskierte es, die Augen zu öffnen. Weiße, duftige Wolken zogen über sie hinweg. Sie legte ihre linke Hand auf den Bauch und stopfte ein Stück der Hose in die blutende Wunde. Ihr Arm pochte und brannte. Als sie versuchte, ihn zu bewegen, hatte sie das Gefühl, tausend Bienenstiche auf einmal zu bekommen. Sie keuchte. Der Bulle brüllte in der Ferne. Jetzt versank alles wie im Nebel. Sie konnte nicht mehr klar sehen. Jemand rannte auf sie zu. Erleichterung und Schmerz berührten ihren Magen. Ein Dankgebet stieg in ihr auf. „Es tut mir so leid, so schrecklich leid“, sagte Jeremy. Er nahm sie bei den Schultern und zog sie an sich. Sie schrie auf, als er sie wiegte. Seine Hand hielt ihren Kopf, während sie sich übergab. „Oh Mazy! Der Bulle ... er hat sich losgerissen. Die Kühe haben sich in den Seilen verfangen und wir –“ „Kühe?“ „Mazy, Mazy.“ Er fuhr ihr mit seinen weichen Fingern über die Stirn und drückte ihr Gesicht an sich. Sein Hemd roch nach Schweiß, Furcht und Erleichterung. Der Hund kam angesprungen und versuchte, 12


sie zu lecken. „Nein, Pig“, verbot er. Vorsichtig fuhr er mit den Fingern über ihre Seite. „Du bist verletzt. Hast einen üblen Kratzer abbekommen. Und der Arm ...“ Er nahm ihren Arm. Sie schrie vor Schmerzen auf. „Wir wollen sehen, dass wir dich hineinschaffen“, sagte er. „Du beginnst zu zittern.“ Er kauerte sich hin, als wollte er sie hochheben. Der Schmerz der Bewegung und der Gedanke, dass er versuchen wollte, sie zu tragen, und die Erleichterung, die sie darüber empfand, noch am Leben zu sein, und der Hund, der ihre Zehen leckte, alle diese Emotionen zwangen einen unterdrückten Laut von ihren Lippen. Sie empfand Freude, wenn auch durchzogen von bohrendem Schmerz. „Ich bin zu groß“, wandte sie ein. „Versuch nicht, mich zu tragen. Hilf mir aufzustehen.“ Sie hörte Schritte näher kommen. Der Bulle brüllte. Sie verspannte sich. „Er ist auf der Koppel“, beruhigte ihr Mann sie. „Es ist alles in Ordnung.“ „Wer ist da?“ Spitze Schuhe blieben neben dem Hund stehen. „Mutter?“ „Wenn ich in Eile bin, watschele ich wie eine Ente“, keuchte Elizabeth Mueller atemlos. „Hier, ich stütze sie auf dieser Seite, Jeremy. Ich werde ihren Arm halten. Ist er gebrochen? Wir haben uns solche Sorgen gemacht, Schatz“, sagte sie und gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn. An Jeremy gewandt sagte sie: „Hast du auch die Kühe?“ „Kühe?“ Nicht nur ein Bulle? Was ihre Mutter sagte, machte keinen Sinn. Mazys Zähne klapperten. Sie humpelte auf Jeremy und Elizabeth gestützt zum Haus, während sich ihre Sinne wieder vernebelten. DD 13


Sie richteten ihren Arm. Das Reiben von Knochen auf Knochen bereitete ihr Übelkeit. Der Arm wurde geschient und durch eine Schlinge fest an ihre Brust gebunden. Mazys geschwollene Finger lagen auf einem Paar von Jeremys grauen gestrickten Socken, etwas Weichem, um ihnen Halt zu geben. Sie verabreichten ihr dunkles Laudanum. Es machte sie schläfrig. „Kannst du eine Breipackung aus frischen Königskerzenblättern um meinen Arm machen? Das lässt die Schwellung zurückgehen“, fragte Mazy mit schwerer Zunge, als sie erwachte. „Morgen“, erklärte ihre Mutter ihr. Beruhigend strich sie ihrer Tochter über die Hand. „Wir werden eine Paste aus Gelbwurz und Wasser zubereiten, um die Heilung zu fördern. Genau wie dein Papa es gemacht hätte.“ Jeremy richtete die Schlinge neu. „Wir haben jetzt einen guten Milchvorrat“, erklärte er. Er tätschelte ihren Arm. „Das hilft den Knochen zu heilen.“ „Ich mag keine Milch“, maulte Mazy. „Ist aber wichtig für die Knochen. Trink sie als Medizin.“ „Ein wenig Kamillentee hilft dir zu schlafen“, fügte ihre Mutter hinzu. Sie zupfte die kleinen Halme und Schmutzklumpen aus Mazys Haaren. „In deinen Locken hängt ein richtiger kleiner Wald. Auch deine Nase scheint einen Kratzer abbekommen zu haben. Aber sie sieht nicht gebrochen aus. Zum Glück, Kind.“ „Glück ist nicht das Wort, das ich gewählt hätte“, wandte Mazy ein. Jeder Teil ihres Körpers tat ihr weh. Sie schlief immer wieder ein. „Schock“, hörte Mazy ihre Mutter später sagen, als sie erwachte. Im Raum brannten Kerzen. Gedämpftes Licht von einem an der Wand befestigten Halter erhellte den Raum. „Der Schock kommt erst später. Die Leute erleben die Situation noch einmal neu und sterben am Überleben. Das hat ihr Papa immer gesagt.“ 14


Elizabeth Muellers Gestalt verdeckte Jeremy, bis sie zur Seite trat, und Mazy ihren Mann am Tisch sitzen sah. Mit ihren achtundvierzig Jahren war Elizabeth Mueller kaum zehn Jahre älter als Jeremy Bacon, und manchmal fragte sich Mazy, ob er mit seiner Schwiegermutter nicht mehr Gemeinsamkeiten hatte als mit seiner Frau. Sie beobachtete beide jetzt vom Bett aus. Das gedämpfte Licht fiel auf ihre Gesichter. Jeremy beschäftigte sich mit einer Art Zeichnung, die vor ihm lag. Elizabeth Mueller beugte sich darüber, sprach mit leiser Stimme und kehrte dann zu dem Schaukelstuhl aus Hickoryholz zurück, der ächzte, als sie sich hineinsinken ließ. Mazy schwitzte und fragte sich, ob sie wohl Fieber bekommen hatte. „Nach all den Jahren seiner Tätigkeit als Arzt hat ihr Papa viel Leid gesehen“, erklärte ihre Mutter. „Wir müssen alle irgendwann sterben“, sagte Jeremy. „Einige Leute sind jedoch niemals darauf vorbereitet. Wenn sie sehen, wie nah sie dem Tode gekommen sind, dann fangen sie an zu zittern.“ Mazy hustete. Jeremy und ihre Mutter drehten sich um. „Hungrig?“, fragte ihre Mutter. „Ich hole die Brühe“, erbot sich Jeremy und erhob sich. Er füllte eine Holzschale aus dem Kessel über der Feuerstelle und kniete neben Mazy nieder. Mit einem Löffel flößte er ihr dünne Rindfleischbrühe mit Kartoffeln ein. Sie lag auf der Decke aus Gänsedaunen im Wohnzimmer, ließ sich von ihm pflegen und genoss die Wärme des Feuers. „Die Kühe waren ... nun, sie gehörten eigentlich nicht zum Plan, weißt du“, begann Jeremy erklärend. „Ich habe mich schon gefragt, ob ich da etwas nicht mitbekommen habe“, erwiderte Mazy. „Vermutlich haben sie das Geräusch im Wald verursacht, das ich zuerst gehört habe. Den Bullen hinter mir habe ich erst 15


bemerkt, als es bereits zu spät war. Wenn nur Pig in der Nähe gewesen wäre. Oder wenn ich früher gemerkt hätte, was los war.“ „Allerdings“, sagte Jeremy. Mit einem Halstuch tupfte er ihr einen Tropfen Suppe vom Kinn. „Also, die Kühe. Wie kamen sie nach Grant County?“ Er wandte den Blick von ihr ab und spielte mit dem Gürtel seiner Wollhose. „Zum Glück für uns, würde ich sagen.“ „Wieder dieses interessante Wort“, erwiderte Mazy. „Sieh mal, die eigentlichen Käufer sind nicht gekommen. Jemand sagte, sie hätten alles verkauft. Sind vermutlich nach Westen aufgebrochen.“ Er blinzelte und räusperte sich. „Ich hielt es für eine gute Idee, sie alle zu nehmen. Das sind reinrassige Kühe. Eines Tages wollte ich sowieso welche haben, aber eigentlich erst später.“ Er hielt inne und hustete. „Natürlich hätte ich mir lieber ihre Abstammung angesehen.“ „Und wie hast du sie bezahlt?“ Bevor er antwortete, warf er Mazys Mutter einen Blick zu. Elizabeth hielt den Blick auf die cremefarbene Bluse gesenkt, die sie gerade flickte. „Hast du ihre geraden Rücken gesehen?“, fragte er wieder an Mazy gewandt. „Schöne Euter. Das wird bestimmt eine gute Herde. Gute Farbe, an ihrem Hinterteil wie weiße Pilze.“ „Die Farbe meinte ich nicht“, erwiderte Mazy. Jeremy kratzte mit dem Löffel die Holzschale aus und stellte die Schale auf den Tisch. Er setzte sich neben sie auf den Boden und sah sie an. Langsam wickelte er sich eine ihrer Haarsträhnen um den Finger und senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Du wirkst jetzt ausgeruhter.“ „Eine kostbare Herde mit einem übergeschnappten Bullen an ihrer Spitze“, bemerkte sie. „Er war nur aufgeregt.“ Jeremy zog den Finger aus ihrem Haar und strich eine Falte in der Schlinge glatt. 16


„All das Neue. Eine lange Reise. Das sind starke Tiere, Mazy. Jetzt sind sie wieder ruhig. Alle.“ „Und schlafen friedlich, ja?“ „Ziemlich.“ Er atmete tief durch und erhob sich. „Kein schöner Hochzeitstag für dich, nicht? Die Verwüstung deines Gartens tut mir leid.“ „Wir haben gerettet, was wir konnten“, bemerkte ihre Mutter. Sie sah von ihrer auf dem Schoß ausgebreiteten Näharbeit auf. Mazy staunte über das feine Gehör ihrer Mutter. Sie konnte selbst Gespräche mithören, die eigentlich nicht für sie bestimmt waren. „Ich fürchte, die Liebesäpfel sehen am schlimmsten aus. Ich weiß nicht, ob man sie noch essen kann. Ich habe gerettet, was zu retten war, für den Fall, dass es friert.“ „Sagst du mir nicht immer, ich solle mich auf Abenteuer einlassen, Mutter? Mit diesen Tomaten habe ich etwas Neues gepflanzt. So werden sie übrigens genannt.“ „Mein Rat traf immer auf taube Ohren“, hielt ihre Mutter dagegen. Dann lächelte sie. „Natürlich mit Ausnahme dieser Pumphose.“ „Möglicherweise ein Zeichen, dass du dieses Jahr keinen Garten haben wirst“, sagte Jeremy. „Nach all der Arbeit im Winter soll ich gezwungen sein, mich auf den Erfolg unserer Nachbarn zu verlassen? Hungern? Nein. Ein Garten ist das Zeichen dafür, dass das Leben weitergeht, Jeremy, dass Menschen zu Hause und glücklich dort sind. Dieses Jahr werde ich das ganz besonders feiern. Ich werde neu pflanzen, sobald ich dazu in der Lage bin.“ „Beinahe hätte ich dich verloren“, stöhnte Jeremy. Er schob die Mullschlinge zurück und küsste ihre geschwollenen Finger, die auf seinen Socken ruhten. „Das Schlimmste“, sagte Mazy und griff nach der Hand ihres Mannes, „war die Sorge um dich. Ich habe mich gefragt, wo du steckst und ob es dir gut geht.“ 17


Er hustete. „Es war klug, dich einfach fallen zu lassen. Woher wusstest du das?“ „Irgendein Instinkt hat mich dazu gebracht.“ „Und wenigstens dieses Mal hast du nicht widersprochen“, erwiderte er. DD Es war gegen Mitternacht, als Jeremy neben ihr ins Bett schlüpfte. „Soll ich auf dem Boden schlafen, damit ich dich nicht störe?“, fragte er. „Ich möchte dich am Jahrestag unseres Ehegelübdes neben mir haben“, erwiderte Mazy. „Aber rutsch dicht an die Wand. Und denk an meinen Arm.“ Ganz vorsichtig legte er sich neben sie, schlüpfte unter die Decke und legte seinen Arm über ihren Kopf. Mit den Fingern streichelte er ihre Stirn. Er roch nach Schweiß und Tabak. „Maze“, begann er flüsternd. „Ich will dir etwas sagen.“ Was war das für ein Tonfall in seiner Stimme? Vorsicht? „Wegen der Kühe?“, fragte sie. „Ja. Und ...“ Nein, noch etwas anderes, etwas Kaltes, ein drohender Faden, der sich von seinen Worten zu ihrem Herzen wand. „Du hattest sie bestellt, die Kühe. Stimmt das?“ Sie spürte, wie er sich entspannte. „Du hast es also gewusst.“ Er schniefte, griff unter das Kissen, um sich ein Taschentuch zu holen, und putzte sich die Nase. Er legte seine Hand auf ihre Hüfte, die Finger um das feuchte Tuch geschlossen. „Ich wollte es nicht vor Mama sagen.“ Sie flüsterte, und es tat ihr nicht leid, dass es wie ein Zischen klang. „Ich denke, unsere Angelegenheiten sollten auch nur 18


uns etwas angehen und nicht zu ihren werden.“ Sie blickte hinüber und sah, dass ihre Mutter noch immer im Schaukelstuhl schlief. „Ich war erstaunt, dass du Mama mitgebracht hast. Sie geht doch gar nicht so gern auf Reisen.“ Er antwortete nicht, und sie wartete so lange, dass sie schon dachte, er sei eingeschlafen, aber seine Atmung wurde nicht langsamer. „Deine Mutter wünschte sich eine Veränderung“, erklärte er. Wieder dieser Tonfall, mit einer verräterischen Vorsicht unter der Oberfläche. „Cassville ist tatsächlich eine Veränderung gegenüber Milwaukee, das stimmt.“ „Und jetzt kann sie ihren Enkeln später eine Geschichte erzählen“, meinte Jeremy. „Wie ihre Mutter den gefährlichen Bullen mit Namen Marvel überlebt hat und wie ihre Großmutter die Kühe gejagt hat?“ „So ungefähr.“ Er spielte mit ihren Haaren, wickelte sich eine Strähne um den Finger. „Sie wollte nicht zurückbleiben“, sagte er, „wenn wir ...“ Er murmelte etwas, das wie „neues Heim“ klang. „Sie hat ein neues Heim gefunden?“ Mazy wandte sich in der Dunkelheit zu ihm um. Er hustete und räusperte sich, putzte sich die Nase. „Unser neues Heim, Maze“, sagte er. „Sie möchte unser neues Heim sehen.“ Mazy blieb reglos liegen, starrte an die Lehmdecke. Seine Worte verwirrten sie. Sie klammerte sich fest an das Bekannte. „Aber sie hat uns hier doch schon besucht.“ Ihr Mann atmete tief durch. Noch bevor er zu sprechen ansetzte, hatte sie das Gefühl, einen Schlag in den Magen bekommen zu haben, als ob alle Luft entwichen sei. Ihr Herz klopfte ihr laut in den Ohren. 19


„Ich schätze, es ist an der Zeit, es dir zu sagen“, erklärte er. „Ich habe die Farm verkauft.“ Jedes einzelne Haar schmerzte. Ihre Kehle brannte. Ihre Seele schrie auf, als sei sie erneut von den Hörnern des Bullen durchbohrt worden. „Ein neues Heim?“ Ihre Stimme klang schwach, ganz weit entfernt. Sie versuchte, sich auf den Ellbogen aufzustützen, schaffte es jedoch nicht und legte sich wieder zurück. Etwas Schweres lastete auf ihrer Seele, hielt sie davon ab, erneut durchzuatmen. „Und das hast du nicht mit mir besprochen?“ „Du magst keine Veränderung, kannst nicht gut damit umgehen“, erwiderte er. Seine Worte klangen einstudiert. „Ich wollte dich nicht beunruhigen, bis alles klar war. Und jetzt ist es so weit.“ Jeremys Worte kamen nun schneller. „Ich war nie der geborene Farmer, das weißt du. Wenn mein Onkel uns die Farm nicht hinterlassen hätte, wäre ich nie hierher gekommen. Der Mist verursacht mir Ausschlag an den Händen, und der Schmutz“, er rieb sich die Nase, „verschlimmert meinen Kopf. Aber die Ayrshires – sie sind eine Herausforderung.“ „Kühe machen auch viel Mist und Dreck.“ „Für die Schmutzarbeit kann ich Leute einstellen. Ich kümmere mich um das Zuchtprogramm, sorge dafür, dass Menschen und Tiere zusammenpassen, baue die Herde auf. Dazu bin ich geschaffen.“ „Bisher bist du doch ganz gut zurecht gekommen“, wandte sie ein. „Du warst ziellos wie ein Strohhalm, bis dein Onkel dir diese Farm hinterlassen hat. Du hast dich treiben lassen als Hafenarbeiter, hattest keinen Penny gespart oder dir eine Zukunft geschaffen. Das hast du gesagt, als wir uns kennenlernten, erinnerst du dich?“ „Ich habe es versucht. Fast zwei Jahre lang.“ „Liebst du die Erde nicht? Empfindest du keine Loyalität deinem Heim gegenüber?“ 20


„Erde ist Erde“, erwiderte er. Tränen stiegen ihr hoch, schnürten ihr die Kehle zusammen. Jeremy hatte diese Farm gehasst, und sie hatte es nicht bemerkt? Wie konnte das sein? „Wir führen ein gutes Leben“, wandte Mazy ein. Ihr Herz klopfte, sogar in ihren geschwollenen Fingern. „Können wir das, was du willst, denn nicht hier haben? Ich liebe diese Farm, Jeremy. Die Klippen, die Adler ...“ Sie hörte das Jammern in ihrer Stimme, die unterdrückten Tränen. „Ich werde die Kühe melken.“ Ihre Stimme brach, doch sie sprach trotzdem weiter. „Wir können die Herde hier aufbauen. Ich werde die Schmutzarbeit übernehmen, Jeremy, du –“ „Was denkst du denn, woher ich das Geld für die Zuchttiere habe? Denkst du, es sei auf deinen Liebesäpfeln gewachsen?“ „Ich dachte, das Holz, ich ... weiß nicht. Ich glaube nicht, dass ich woanders leben kann. Ich möchte nirgendwo anders leben als hier.“ „Hier.“ Er spuckte das Wort beinahe aus. „Hier würde es Jahre dauern. Dennistons ,Big Brick‘, das Hotel, steht leer und hält wie eine Seuche die Leute fern. Cassville stagniert, Maze, ist fertig, beinahe am Ende. Die Preise sind so am Boden, dass viele nicht einmal verkaufen können, egal wie hart Dewey sich bemüht, sie oben zu halten. Wir können froh sein, von hier wegzukommen.“ „Aber die Fähre, das Eisenerz, die Knopffabrik – das sind doch Gründe, hierher zu kommen, zu bleiben.“ Er schüttelte den Kopf. „Das wird niemanden anlocken, weder Leute, die in Milchwirtschaft investieren, noch Leute, die sie brauchen.“ Sie sank in die Daunen, blieb liegen, enttäuscht, niedergeschlagen vom Verlust. Er atmete tief durch. „Du brauchst gar nicht einer Meinung mit mir zu sein, Mazy. Es ist bereits alles ab21


gemacht. Meine Pflicht ist es, für uns zu sorgen. Und das tue ich auf meine Weise.“ „Dann bleibe ich hier“, sagte sie nach einer Weile. „Du hörst mir nicht zu. Ich habe die Farm verkauft. Andere Leute werden hier leben. Es ist abgemacht, und ich werde gehen.“ Er hatte nicht wir gesagt, nur ich. „Wohin denn? Zurück nach Milwaukee? Oder nach Chicago, wo Menschen leben, die mit ... gelben Jacken Müll einsammeln? Warum hast du dann die Kühe gekauft? Und warum wusste meine Mutter Bescheid, bevor du es mir gesagt hast?“ „Ich wollte ja, dass du mitkommst, erinnerst du dich?“, sagte er. Er setzte sich im Bett auf, die Arme vor der Brust verschränkt. Er hatte den Kopf gereckt und das Kinn vorgeschoben. „Du hättest dich nicht verletzt zu fühlen brauchen, wenn du mitgekommen wärst.“ „Du bist gekränkt“, antwortete sie. „Ist es denn nicht eine Kränkung für einen Mann, wenn er für seine Frau sorgt, sein Geld in eine gemeinsame Zukunft investiert und es nicht verspielt und vertrinkt? Wirklich eine tolle Kränkung. Ich kenne ein Dutzend Frauen, die diese Gelegenheit mit beiden Händen ergreifen würden. Und sie würden nicht eine Sekunde lang darüber diskutieren. Ein Dutzend, die zu einem guten Leben in den Westen aufbrechen würden.“ „Mein Leben ist gut. Oder war es zumindest.“ Sie fühlte sich schläfrig, ihre Denkfähigkeit war durchgemischt wie das Futter des Hundes. Ihre Seite schmerzte. „Du hast die Klippen verkauft. Die Wiese. Meinen Garten, mein Leben.“ Sie hielt inne. Ihre Worte klangen gedämpft von unterdrückten Tränen. „Was der Bulle heute getan hat, war dagegen gar nichts.“ „Wenn du bei uns gewesen wärst ... drei Leute hätten die Tiere besser beaufsichtigen können. Du hättest den Wagen fahren können, aber so musste ich das tun. 22


Ich hätte die Tiere zusammenhalten können. Der Bulle wäre nie durchgegangen.“ „Du hast auch einen Wagen gekauft?“ Er schwieg einen Augenblick und sagte dann: „Wenn wir durch Iowa ziehen, werde ich einen robusteren Wagen brauchen. Nachdem ich bei Kanesville den Missouri überquert habe, werde ich mich vielleicht einem Treck anschließen, vielleicht aber auch allein nach Westen ziehen.“ Pig lag auf dem Boden und jaulte im Schlaf, zitterte und beruhigte sich dann wieder. Nach Westen. Diese Farm verlassen. „Du hast mich den Garten anlegen lassen“, sagte Mazy an die Decke starrend, „obwohl du wusstest, dass ich nicht hier sein werde, um zu ernten? Du hast da an diesem Tisch gesessen und dir Ayrshires angesehen, einen Bullen ausgesucht und hast keinen Ton gesagt von deinem Plan, mit ihm in den Westen zu ziehen?“ Er legte sich wieder neben sie, behielt seine Arme aber vor der Brust verschränkt. „Ich wollte dich nicht aufregen.“ Zorn überfiel sie. „Und dir ist nie in den Sinn gekommen, ich könnte wütend sein, weil du mich nicht in die Entscheidung mit einbezogen hast? Du hast nie gedacht, ich würde gern selbst über meine Zukunft entscheiden?“ „Ich habe das nicht sagen wollen, Maze, aber in vieler Hinsicht bist du noch ein Kind.“ Er hielt inne und wickelte sich eine ihrer Locken um den Finger. Sie konnte sein träges Grinsen beinahe bildhaft vor sich sehen, das versuchte, sich über ihre Leere zu legen. „Wie du da in dieser Pumphose herumgelaufen bist.“ „Und jetzt interessiert dich auf einmal, was ich anhabe?“ Sie riss an der Decke, entwand sie ihm, schlug nach seiner Hand in ihren Haaren. „Nichts, was ich tue, passt dir.“ 23


„Es hätte auch jemand anderes durch die Bäume kommen können“, belehrte er sie. „Da, wo wir hingehen, solltest du deine Knöchel besser nicht zeigen, Maze. Wenn du mit mir kommst ...“ „Und wenn ich nun mit Mama zurückgehe und in Milwaukee bleibe? Was dann?“ „Deine Mutter wird mitkommen, darum brauche ich dich. Du musst einen Wagen fahren. Pack zusammen, fahr und keine Diskussion.“ „Meine Mutter wird ...?“ Sie starrte die Frau im Schaukelstuhl an, die über den Betrug ihres Mannes Bescheid gewusst hatte. „Es war gedankenlos zu sagen, ich würde dich nur brauchen, damit du den Wagen fährst.“ „Es muss das Laudanum sein.“ Sie strich sich mit der Hand über die Haare. „Warum will Mutter ihr Heim verlassen? Sie ist –“ „Sie sucht das Abenteuer. Das hat sie mir gesagt.“ Er tupfte Mazys Augen mit seinem Taschentuch ab und erschütterte so ihre Ablehnung, zog sie auf seine Seite. „Wir werden einen anderen Ort für uns finden, mit Grenzen, in denen Berge, Flüsse, Wälder und Wiesen liegen. Du wirst schon sehen.“ Schatten vom Feuer tanzten an der Decke. Ihre Mutter schnarchte. Ihre zerknitterte Nachthaube umrahmte das runde Gesicht. Mit geöffnetem Mund ruhte ihr Kopf an der Lehne des Schaukelstuhls. „Und wenn ich nicht mitkomme?“ „Ich bin sechsunddreißig Jahre alt, Maze. Wenn ich es jetzt nicht tue, dann werde ich mein Leben lang zornig auf mich sein, weil ich diese Gelegenheit vertan habe.“ „Und mir bleibt nichts anderes übrig“, sagte sie, „als das Absurdeste zu tun, was ich mir vorstellen kann. Entweder ich sehe meinem Mann hinterher, der in die Ferne zieht, vielleicht sogar zusammen mit meiner 24


Mutter, oder ich wage mich hinaus auf eine Wolke des Unbekannten und hoffe, dass ich nicht hindurchfalle.“ „Deine Mutter wird doch bei dir sein.“ Sie schluckte ihr Schluchzen hinunter und drehte den Kopf. Jeremy wollte sie an sich ziehen, aber sie entwand sich ihm. „Ich verstehe nicht, warum sich alles verändern muss“, sagte sie. „Ich verstehe es nicht!“ Der Hund erhob sich und kam an ihre Seite des Bettes. Er stupste sie mit der Schnauze an. „Wirst du mitkommen, Maze?“ Sie konnte sich nicht überwinden zu antworten – ihre Gedanken waren zu schwer, zu erdrückend. Schweigend blieben sie nebeneinander liegen. „Jetzt weiß ich, wie sich ein Biber fühlt“, sagte Mazy, als die Nacht dem Morgen wich. „In einer Falle gefangen. Er hat nicht Angst vor dem Sterben. Angst hat er vor der Veränderung, die eintreten wird, ohne dass er die Wahl hat. Und ihn quält das Wissen, dass er sein Heim nie wiedersehen wird.“ Seine Lippen streiften über ihre Stirn. Sie versteifte sich und wandte sich ab.

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2 „Du wirst dich besser fühlen, wenn dir nicht mehr alles wehtut“, sagte Elizabeth am Morgen zu ihrem einzigen Kind. Sie tätschelte Mazys noch immer geschwollene Finger. „Sie sehen aus wie kleine dicke Würstchen. Vielleicht sitzt der Verband zu fest.“ „Ich habe zu große Schmerzen, um zu denken“, erwiderte Mazy. Sie saß auf der Bettkante. Ihr war schwindelig. Der Hund kam herübergeschlichen, knurrte und schmatzte, als er nach Mazys gesunder Hand stieß. „Er klingt wie ein Schwein“, bemerkte Elizabeth. „Hast du ihm deshalb diesen Namen gegeben?“ Sie beugte sich vor und streichelte den Kopf des Hundes. „Mir gefällt eben der Klang des Wortes.“ „Worte, Worte. So viel Lesen und Schreiben, dass du gar keine Zeit für Enkel hast.“ Elizabeth lachte. Mazy nicht. Elizabeth runzelte die Stirn. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie mit ihrer Tochter scherzte, obwohl diese viel lieber mit ihr über ernste Dinge gesprochen hätte. „Ich weiß, dass du traurig bist“, sagte Elizabeth, während sie sich an dem Verband zu schaffen machte. „Aber Veränderung gehört zum Leben dazu. Du kannst sie nicht aufhalten, wie sehr du dich auch bemühst. Ich erinnere mich noch, wie dein Papa mich aus Virginia geholt hat, damit ich sein großes Haus in Milwaukee übernehme.“ Elizabeth erhob sich, hielt ein in der Sonne getrocknetes Laken mit dem Kinn fest und begann es zu falten. „Die Hektik dieser Stadt, all die Gerüche von Leuten, die kochten und werkelten, weckten mich auf.“ Sie drückte das Flanelltuch an die Brust und schwelgte in der Erinnerung. „Du meine Güte, ich hätte diese Augen26


blicke nie erlebt, wenn ich geblieben wäre, wo ich war. Schlimmer noch, dein Papa hätte sich bestimmt in eine andere Frau verliebt und sie geheiratet. Du wärst vielleicht als Kind eines Metzgers auf die Welt gekommen und nicht als Tochter eines liebevollen Arztes.“ Sie blickte ihre Tochter an und sagte leise: „Du kannst das, was Jeremy getan hat, entweder als Chance betrachten oder deine Nase rümpfen, als wäre er ein Stinktier. Irgendwann wird es dir über sein, die Nase zu rümpfen, aber du hast die Wahl, Mazy.“ Die Wahl, welche Wahl hatte sie denn? Eine Anstellung als Gesellschafterin anzunehmen oder Muschelschalen für die Knopffabrik zu sammeln, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten? Durch das Fenster beobachtete sie, wie ihre Mutter die Lumpen von den Tomaten entfernte, die die Pflanzen vor möglichem Nachtfrost schützen sollten. Elizabeth sang trotz des verwüsteten Gartens, sang angesichts der bevorstehenden Veränderung. Mazy legte sich wieder aufs Bett. Was würden die Leute denken, wenn sie ihren Mann und ihre Mutter gehen ließ und ihnen in ihrer Pumphose nachwinken würde? War sie stark genug, zurückzubleiben? Und was dann? Ihr Blick fiel auf den ausgehöhlten Flaschenkürbis, den sie mit einem Muster aus Beerensaft verziert hatte und der nun an einem Hanfseil über dem Eichenspiegel hing. Die ganze Arbeit mit dem Pflanzen. Sie wollte Rache, das wollte sie. Eine Strafe dafür, dass er ihr all die Monate nichts von seinen Gedanken erzählt hatte, dass er sie von der wichtigsten Entscheidung in ihrer Ehe ausgeschlossen hatte. Alle diese Abende, an denen sie sein ausgeprägtes Profil im Kerzenlicht betrachtet hatte und dachte, er würde sie verstehen, wenn sie ihm erzählte, was sie pflanzen wollte, dass bestimmte Blumen die Erdhörnchen abhalten würden und dass sie Tomaten trocknen und im Winter 27


später in Eintöpfen verarbeiten würde. Aber alle diese zärtlichen Augenblicke waren Betrug gewesen. Ein großer Vertrauensbruch. Wann immer er den Blick gehoben, seine runde Nickelbrille zurechtgerückt und sie mit seinen feuchten Lippen angelächelt hatte, wenn sie von dem Flug des Adlers sprach oder von der Stelle, wo die wilden Stiefmütterchen wuchsen, hatte er nicht an das gedacht, von dem sie sprach oder was sie sich erhoffte, sondern an einen weit entfernten Ort. Sie hätte von Pumphosen oder Zehen sprechen können, es hätte nichts ausgemacht. Er hatte nicht so viel Vertrauen zu ihr gehabt, von seiner Sehnsucht zu erzählen, sie an seinem Traum teilhaben zu lassen. Sie würde diesen Spiegel mitnehmen, beschloss sie, und die Bank und den Tisch und den Schaukelstuhl, der so schwer war wie ein Pferd. Sie würde alles mitnehmen, sich mit vertrauten Dingen umgeben. Jeremy betrachtete die Möbelstücke, die Mazy mitnehmen wollte. Den runden Eichentisch, die Salzkiste, ihre Holzschüsseln, die Teigschüssel mit den Mehlrückständen, die dauerhaft in das Eichenholz geknetet worden waren. „Der Spiegel bleibt. Auch die Kommode, der Schrank für die Hauben, der Tisch und die Stühle – ich werde neue machen. Ich will nicht die Maultiere umbringen, nur weil sie Möbelstücke schleppen müssen, die ersetzbar sind. Und Möbel aus Eiche nehmen wir schon gar nicht mit. Viel zu schwer. Such nur das Wesentliche aus“, entgegnete er ihr. Sie standen wie zwei Hunde voreinander, die sich um ein Revier stritten. „Wir sollten das mit dem Wesentlichen am besten sofort klären“, widersprach Mazy. „Falls ich mitkomme, werde ich Dinge mitnehmen, die mir etwas bedeuten, auch wenn sie dir nichts bedeuten.“ Die Festigkeit in ihrer Stimme erstaunte sie. „Stimmst 28


du mir nicht zu, Mutter? Großmutters Stühle sollten doch mitkommen, nicht?“ „Oh, das macht ihr beide am besten unter euch aus.“ Elizabeth wandte sich wieder dem zu sortierenden Leinen zu. „Wir werden uns bestimmt gut niederlassen.“ „Vögel in Käfigen lassen sich nur selten nieder, vor allem nicht, wenn sie keine Sitzstange haben“, erwiderte Mazy. Ihre Seite tat weh, und sie ließ sich auf den Stuhl ihrer Großmutter sinken. „Ich nehme den Haubenschrank und die Kommode mit, selbst wenn wir sie an der Seite festbinden müssen.“ Sie legte ihren gesunden Arm über die Brust. „Das Porzellan kommt mit und auch der Esszimmertisch. Wenn es sein muss, kannst du ihn ja auseinander nehmen und mit den Brettern den Boden des Wagens verstärken. Auf keinen Fall will ich ohne vertraute Dinge in ein fremdes Land kommen.“ „Du bist so hübsch, wenn du Befehle erteilst“, sagte Jeremy. Er wollte sie an sich ziehen und seine Hände gruben sich in ihre braune Haarpracht. „Niemand versteht mich“, beschwerte sie sich. Sie spürte, wie sie errötete. Er küsste sie und trat schnell aus ihrer Reichweite. „Du kannst den Schaukelstuhl nicht mitnehmen. Auch die Stühle, den Tisch und die Kommode nicht. Aber das Bett, das schon.“ Er grinste. „Nur das Wesentliche.“ DD „Wir riskieren unser Leben, um dorthin zu kommen. In den Westen“, sagte Mazy voller Abscheu. Sie und ihre Mutter gingen durch die Überreste ihres Gartens. Die Kühe muhten von der Weide. Der Schmerz in Mazys Arm und Seite zwang sie, stehen zu bleiben. „Du übertreibst mal wieder, Madison. Und ich dachte, das würde sich im Laufe der Zeit verlieren.“ 29


„Horace Greeley sagt, wegen des Indianeraufstandes und aller Gefahren sei es ein Verbrechen, wenn ein Mann mit Frau und Kindern durch die Prärie zieht.“ „Die Fox- und Sauk-Indianer verhalten sich ruhig, wie ich höre“, erwiderte Elizabeth. „Außerdem weiß jeder, was man tun kann oder besser lassen sollte. Die meisten heuern nicht einmal einen Führer an, weil die Wege so gut gekennzeichnet sind. Es ist ein gutes Jahr für Familien, dorthin zu ziehen. Es ist ein gutes Jahr für ein Abenteuer. Das wird nicht mehr Mühe machen, als von Milwaukee hierher zu kommen.“ „Und steckt diese Reise nicht voller Überraschungen?“ Elizabeth entdeckte die Kränkung in den grünen Augen ihrer Tochter. „Wir können das genauso gut jetzt klären wie später.“ Mazys Herz klopfte zum Zerspringen. Manchmal erreichte sie mit ihrem Spott Dinge, die sie gar nicht wirklich erreichen wollte. Sie stach mit Worten zu, vermied es aber, zu nahe zu kommen. Ein ernstes Gespräch mit ihrer Mutter war nicht das, wonach ihr der Sinn stand. „Als Jeremy nach Milwaukee kam, erzählte er mir, dass er vorhabe, in den Westen zu ziehen“, erklärte ihre Mutter. Sie führte sie zu einem Baumstumpf und half ihr, sich hinzusetzen. „Ich habe gelacht. Es schien ihm überhaupt nicht ähnlich zu sehen, ein Mann, der seine Hände immerzu mit Öl einreibt, damit sie weich wie ein Babypopo bleiben. Aber er meinte es ernst. Als ich darüber nachdachte, wurde ich selbstsüchtig. Ich würde meine Enkelkinder vielleicht nie sehen – falls du jemals Kinder bekommst. Und so fand ich einen Weg mitzukommen.“ Sie nahm Mazys gesunde Hand in ihre. Mazy spürte die Schwielen an den Fingern ihrer Mutter, ihren festen Griff. „Und so sagte ich, ich würde mitkommen, wenn du auch mitgehst. Jeremy lachte und sagte, es wäre leichter, ein Wiesel im Schlaf zu erwischen, als so schnell 30


mein Haus zu verkaufen.“ Elizabeth beugte sich zu Mazy herüber. Der Duft von Lavendel streifte ihre Nase. „Nun, als ich verlauten ließ, ich wolle mein Haus verkaufen, tauchte urplötzlich ein Käufer auf. ,Ich wünschte, Maze wäre auch so kurz entschlossen‘, sagte Jeremy zu mir, als ich ihm erzählte, ich hätte das Haus verkauft, was übrigens ein paar Überraschungen mit sich brachte, nachdem alles geregelt war.“ Sie ging nicht weiter darauf ein. „Aber ich sagte ihm, du wärst nach deinem Papa geschlagen – gelehrt und loyal. Er meinte, deine loyale Seite würde er brauchen, da er dir noch nichts erzählt hätte.“ Tränen traten in Elizabeths blaue Augen. „Dass er das nicht mit dir besprochen hatte, hat mich traurig gemacht. Aber dann habe ich nachgedacht, nun, ich kann es nicht ändern. Aber niemals hätte ich so etwas für mich behalten.“ Mazy seufzte. „Ich hätte es nicht ertragen, wenn du es getan hättest.“ „Oh Schatz, weißt du denn nicht? Wenn ein Körper etwas nicht ertragen kann, dann verliert er das Bewusstsein.“ Sie lachte, und ihr breites, fleischiges Gesicht wurde rot, ihre blauen Augen schimmerten. „Ich habe nach dem Guten darin gesucht, als ich davon erfuhr.“ Elizabeth fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Abgesehen von den Feiertagen und einem kurzen Besuch hier im vergangenen Jahr haben wir keine Zeit miteinander verbringen können. Das wird sich jetzt ändern.“ Mazy nickte und berührte mit dem Finger die runzelige Wange ihrer Mutter. Sie war erstaunt über die weiche Haut. „Ich habe nur ... Angst“, gestand Mazy. „Ich weiß.“ Sie tätschelte Mazys Hand. „Meine Mama sagte immer, Angst sei nur die Mahnung daran, sich gut anzuziehen, wenn man in neue Lebensumstände kommt.“ „Aber“, erwiderte Mazy, „Grandma hatte noch nichts von Pumphosen gehört.“ 31


DD Die Nachbarn der Bacons planten ein Fest für sie in der kleinen Holzkirche in Cassville, um die Veränderungen zu feiern, auf die die Bacons sich einließen. „Es wäre Balsam für meine Seele, wenn wir heute einen Prediger hätten“, sagte Mazy, als sie in die Stadt fuhren, „aber es ist noch zu früh im Jahr.“ Sie hoffte, bei dieser Zusammenkunft Nahrung zu bekommen, etwas, mit dem sie die Leere in sich füllen, die Unsicherheit beruhigen könnte. DD Jeremy Bacon stand in der Mitte einer Gruppe von Männern im Schatten der Pappeln, die sich über das Holzgebäude erhoben. Tabakrauch hüllte das Gesicht von Hathaway Wilson ein, der an seiner Pfeife zog und dann mit ihr in der Hand gestikulierte. Alle sahen zu ihm hin. Seine rechte Hand steckte in seiner Weste, als würde er sein Herz festhalten. Jeremy war größer als Hathaway, selbst ohne Hut, den er am Sattelgriff hängen gelassen hatte. Mazy konnte ihre Worte nicht verstehen, doch die Gruppe brach in Gelächter aus, dann waren leisere Geräusche zu vernehmen. Die Männer nickten eifrig mit den Köpfen und schlugen sich gegenseitig auf den Rücken. Bei vielen Männern sah man an der Sonnenbräune, dass sie Hüte trugen – die Stirn war heller als die Wangen. Bewundernde Blicke wurden ihrem Mann zugeworfen, vielleicht sogar sehnsüchtige Blicke. Ihr schien es unverständlich, dass so viele Männer den Wunsch hatten, ihre Familien in eine gefährliche und ungewisse Zukunft zu führen und sie dafür bewunderten. Das zeigte ihr nur wieder einmal, wie unterschiedlich Männer und Frauen waren. 32


„Diese Sache mit dem Westen ist verrückt, jawohl, verrückt“, sagte Adora Wilson. Die gut aussehende Frau mit den breiten Schultern und der schmalen Taille stand jetzt neben Mazy. Sie trug eine rosa Haube mit einem steifen Rand, der ihr Gesicht, das gerade die ersten Fältchen zeigte, vor der Sonne schützte. „Man könnte sie für Lausbuben halten, die gerade ein neues Fischloch entdeckt haben und nicht sicher sind, ob sie die Neuigkeit mitteilen oder lieber für sich behalten sollen. Und mein eigener Mann gehört auch dazu.“ Sie richtete ihre Haube und nahm sie dann ab. „Ich weiß nicht, wie du das machst, Mazy. Ich könnte es einfach nicht.“ Die letzten Worte kamen wie Hammerschläge. „Hathaway denkt bestimmt nicht daran, ebenfalls zu gehen.“ „Oh, das Thema wurde schon angeschnitten, aber ich habe meinen Fuß darauf gestellt. Auch Charles hat protestiert.“ Adora deutete mit dem Kopf zu ihrem Sohn hinüber, einem gut aussehenden jungen Mann, der gegen einen Baumstamm gelehnt seine Fingernägel mit einem Messer säuberte. Er trug ein weißes, kragenloses Hemd und eine geknöpfte Hose. An dem Rand des einen Ohres war trotz des Schattens seines grauen Hutes eine kleine Einkerbung zu erkennen. Mazy mochte es nicht, wenn er sie im Geschäft der Wilsons bediente: Charles kam immer um die Theke herum und stellte sich neben sie. Er berührte sie gern mit den Fingern, wenn sie ihm einen Tuchballen reichte. „Aber das West-Fieber hat schon seine Spuren hinterlassen ...“, fuhr Adora fort. „Tipton hat sich in diesen Tyrell Jenkins verliebt.“ Mazys Blick wanderte zu dem Mann mit den langen Unterarmen und den kurzen, aber stämmigen Beinen. Er hatte einen fabelhaften Ruf. Man erzählte sich, er sei ein fähiger Schmied, und sie hatte gehört, er würde in seinem Hinterzimmer verwaiste Kätzchen mit einem Handschuh füttern. 33


„Ich denke, ein Hufschmied wäre bei einem Treck nach Westen recht willkommen“, warf Mazys Mutter ein, die sich zu den beiden stellte und während des Sprechens die Fliegen vom Tisch wedelte. Elizabeth hatte Adora im vergangenen Jahr kennengelernt, wobei sie sich nur kurz unterhalten hatten, aber Mazys Mutter kannte keine Fremden. Sie konnte mit jedem so reden, als wäre er schon lebenslang mit ihr befreundet. „Man könnte sich Schlimmeres für seine Tochter wünschen.“ „Aber Tipton ist erst fünfzehn“, wandte Adora ein und hob ihr Kinn. „Und sehr eigensinnig.“ „Ich überlege, woher sie das wohl hat“, erwiderte Elizabeth. Adora runzelte die Stirn. „Sie verdreht vielen Männern den Kopf, aber nicht wegen ihrer Klugheit, fürchte ich. Sie bestürmt ihren Vater wegen einer Heirat und will dann in den Westen. Mit Tyrell. Bisher ist er hart geblieben, was auch gut ist. Wir haben damals sieben Jahre mit der Heirat gewartet.“ Sie richtete sich auf und spielte mit den Rüschen über ihrem üppigen Busen. „Bis das Geschäft richtig lief. Ich sehe keinen Grund, warum sie nicht warten sollten, bis Tyrell sich niedergelassen hat. Dann kann er doch zurückkommen und sie holen. Hathaway hat ihm gesagt, dass es genauso gut Trecks in den Osten wie in den Westen gibt.“ Sie fächelte sich mit den Händen Luft zu, dann senkte sie ihre Stimme zu einem Flüstern. „Ich denke, sie ist viel besser dran, wenn Tyrell von der Bildfläche verschwunden ist.“ Sie beugte sich vor. „Arme Leute haben einfach armselige Verhaltensweisen. Haben Sie Gewürze in diesen Kuchen getan, Elizabeth? Elizabeth ist doch richtig, nicht? Ich habe eigentlich keinen guten Geruchssinn, aber manchmal denke ich, ich kann Gewürze riechen.“ Elizabeth gab ihr mit einem Nicken Antwort auf ihre Frage. „Es schadet nicht, unseren Nachkommen Gutes 34


zu wünschen, denke ich“, meinte Elizabeth. „Das Beste, was eine Mutter tun kann.“ Damit verschwand Mazys Mutter, um die Tassen auf den Tisch zu stellen. Sie unterhielt sich mit Kay Krall und Janie Switzler, zwei Frauen, die auf ihre im Gras spielenden Kleinkinder aufpassten. Mazy hörte die jungen Frauen lachen und bemerkte, dass ihre Mutter mit einstimmte. Ihre Mutter passte wie ein handgearbeiteter Schuh in diese Gemeinschaft, als hätte sie schon immer in Cassville gelebt. Mazy schätzte, dass es an Elizabeths provinzieller Erziehung lag. Ein Dutzend Cousins und Cousinen wohnten ganz in ihrer Nähe, und so wurde für sie fast jeder zum Familienmitglied. Dies war eine Eigenschaft, die Mazy sich selbst auch wünschte. „Bricht Tyrell bald auf?“, fragte Mazy Adora. „Nicht bald genug.“ Sie spielte mit dem Verschluss ihrer Tasche. „Die Wahrheit ist, ich befürchte, dass Tipton einfach davonlaufen könnte. Ich weiß, ich werde sie an dem Tag, an dem er aufbricht, genau beobachten und auch die folgenden zwei Wochen. Er hätte sich schon früher einem Treck anschließen können. Ich wünschte, er hätte es getan. Tipton hält ihn hier, umgarnt ihn mit ihrem Flirten. Sieh sie dir nur an“, seufzte Adora. Aber Mazy hörte auch den Stolz in ihrer Stimme. Tipton Wilson lachte. Die hohen Wangen des Mädchens überzogen sich mit einem Hauch von Rosa. Mazy schätzte, dass sie sich in die Wangen gekniffen hatte, um diese Farbe hervorzuzaubern, als sie ihren Sonnenschirm öffnete. Das Mädchen war zierlich und blond, ganz in Blau gekleidet – sogar die Ohrringe waren blau. Sie war die einzige Tochter der Wilsons. Das Mädchen stand nicht nur zwischen ihrem Vater und Tyrell, sie bildete den Mittelpunkt des Kreises. Sie strahlte ihren Auserwählten an, indem sie ihre weißen Zähne zeigte, als stände sie Modell für ein Porträt. Tipton klimperte 35


mit ihren langen Wimpern und legte ihren behandschuhten Finger an die Wange. Sie sprach, und die Männer lachten. Tyrell Jenkins Wangen wurden an den Stellen rot, wo sein rhabarberfarbener Bart freie Haut sehen ließ. „Ein Mann wird ganz schön Mühe mit ihr haben“, seufzte Adora. „Die Süßspeisen werden verderben“, unterbrach Mazys Mutter. „Und mein Magen knurrt.“ Die Frauen winkten ihre Männer herbei, und alle strömten zu den Tischen. Tipton und Tyrell liefen ins Gespräch vertieft nebeneinander her. Mazy bemerkte, wie Tiptons Bruder zurückblieb, fest mit dem Arm an den Baum gelehnt. Die seltsame Einkerbung in seinem Ohr hob sich gegen das Licht ab. Er warf etwas Glänzendes in die Luft, Münzen, wie es schien. Doch sein funkelnder Blick hing an Tipton, bis er bemerkte, dass Mazy ihn beobachtete. Ein halbherziges Lächeln stahl sich auf seine gekräuselten Lippen. Daraufhin setzte er sich in Bewegung, um sich den anderen anzuschließen. DD Hathaway sprach das Dankgebet für den braunen Pudding, den Cobbler, die Kekse und Kuchen. Elizabeth hatte Mazys Lieblingsrosinenkuchen gebacken. Die prallen Früchte hatte sie in Quellwasser eingeweicht in einem Tonkrug extra aus Milwaukee mitgebracht. Das Gespräch plätscherte dahin, während die Leute sich über die Köstlichkeiten hermachten, nach den lästigen Fliegen schlugen und sanft die Kinder ermahnten. Die Kinder tollten unter den Fliederbüschen herum, die Bänder der Kleider der Mädchen hingen unordentlich herab, und die Knie der Jungen waren voller Grasflecken. Ein halbes Dutzend Hunde lag unter den Wagen. Pig hechel36


te im Schatten eines Wagens, während das Essen und die guten Wünsche mit Sonnentee heruntergespült wurden. Mazy dachte, wie schön dieser Ort sei, wie nett die Menschen, und kämpfte gegen ihre Tränen an. Nachdem alle satt geworden waren, verabschiedeten sie sich voneinander, umarmten sich, schlugen sich auf den Rücken. Die Frauen gaben ihr mit einem Gefühl der Erleichterung, wie Mazy dachte, viele gute Wünsche mit auf den Weg, Erleichterung deswegen, weil sie es war, die fortging, und nicht eine von ihnen. Sie sah sich um. Dies waren gute Menschen, aber in den vergangenen beiden Jahren hatte sie sich mit keinem von ihnen näher angefreundet. Vielleicht war das jetzt ein Segen. DD „Ich habe eine Entscheidung zu treffen“, verkündete Jeremy. Die drei fuhren durch den Wald nach Hause. Die Hufe der Maultiere klapperten wie die Uhr eines Großvaters auf dem festgetretenen Weg. Das Knarren des Leders und das Zischen der Maultierschwänze verschafften Jeremy einen Augenblick Zeit zum Überlegen, wie er Mazy diese Sache ein wenig schonender beibringen könnte als seine letzte Ankündigung. Er putzte sich mit dem Taschentuch, auf das Mazy ein J gestickt hatte, die Nase, steckte es wieder unter seinen Hutrand und räusperte sich. „Muss ich mich auf eine Überraschung gefasst machen?“, fragte Mazy. „Ich spreche lieber vorher darüber. Tyrell Jenkins möchte ebenfalls in den Westen ziehen“, verkündete Jeremy. „Noch ein Mann mit einer wilden Idee.“ „Hathaway hat Angst, seine Tochter könnte hinter ihm herrennen, wenn er aufbricht“, erklärte Jeremy. „Sie hat gedroht, dass –“ 37


„Und vermutlich werden sich seine Worte als wahr erweisen.“ „Vermutlich.“ Er sprach weiter. „Da dein Arm noch längst nicht wieder gesund ist, könnten wir jemanden gebrauchen, der den Wagen deiner Mutter fährt. Und die Fertigkeiten eines Schmieds könnten ebenfalls von Wert sein.“ „Dann können wir das Mädchen auch gleich mitnehmen“, meinte Mazy. „Genau das denke ich auch“, erwiderte Jeremy. Für jemanden, der so jung und unerfahren war, konnte Mazy ihn mit ihren schnellen Schlussfolgerungen überraschen. Wenn sie wollte, erkannte sie, wonach andere Menschen sich sehnten. Für ihn war es daher unverständlich, dass sie seinen Wunsch zu gehen, etwas Neues auszuprobieren, nicht gespürt hatte. „Du willst also, dass wir dieses Mädchen unter unsere Fittiche nehmen?“, fragte Elizabeth. „Das wird nicht leicht sein.“ „Sie könnte dir helfen, Mazy, vor allem, da du deinen Arm noch nicht gebrauchen kannst“, erklärte Jeremy. „Hath ist bereit, für ihre Reise zu bezahlen, womit wir Tyrells Lohn als Wagenfahrer sichergestellt hätten. Aber das würde bedeuten, dass noch jemand dabei ist, der eigentlich nicht zu uns gehört.“ „Vielleicht sollten wir mit dem Aufbruch warten, bis ich wieder gesund bin. Wir könnten es dann ganz allein schaffen.“ „Nein“, widersprach Jeremy. „Jetzt ist die perfekte Zeit. Gute Weiden, bevor die großen Herden durchkommen. Wir werden die Berge lange hinter uns gelassen haben, bis der Winter einsetzt. Nein, April ist die beste Zeit, dann müssten wir im Oktober ankommen. Tyrells starke Arme und seine Fähigkeiten sind ein Geschenk, falls wir beschließen, es anzunehmen.“ „Das wahre Geschenk ist, dass du mich tatsächlich 38


fragst“, erwiderte Mazy, „bevor du eine Zusage machst. Oder hast du das bereits?“ „Nein, noch nicht.“ Eine Amsel zwitscherte in einer Eiche, als sie an einem wie ein Vogel geformten Grashügel vorbeifuhren. „Ein altes Indianergrab, Mutter“, erklärte Mazy und deutete auf den Hügel. „Dort im Wald gibt es einige davon.“ „Ich habe Hathaway gesagt, ich müsste mit dir darüber sprechen“, erwiderte Jeremy. „Das hat dich doch bestimmt große Überwindung gekostet“, erwiderte Mazy spitz. „Hath sagte, eine Frau dazu zu bringen, den Weg zu gehen, den man will, sei schwieriger, als Katzen zusammenzutreiben, das wüsste er.“ „Ach tatsächlich?“ „Ich wollte dich damit nicht verletzen, Maze.“ Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Finger, in denen die Zügel lagen. Er spürte ihre kühlen Finger. „Ich wollte, dass wir die Reise zusammen machen. Ich wusste nur nicht, wie ich ... wie ich das Thema anschneiden sollte, ohne dass du dich aufregst. Und außerdem warst du so borniert, wie deine Mutter sagen würde.“ „Würde ich das sagen?“, fragte Elizabeth. „Das hat mir bestätigt, dass es richtig war, zu warten und zunächst alles ganz allein zu regeln.“ Mazy wollte ihre Hand wegziehen. Er hielt sie fest. „Ich will doch nur ein Wort mitzureden haben in meinem Leben“, beharrte Mazy. „Das möchte ich auch. Wirklich. Dass wir Dinge gemeinsam entscheiden. Wenn es geht.“ „Ich verstehe nur noch immer nicht, warum wir überhaupt gehen müssen, warum du eine solche Veränderung brauchst.“ „So ist das Leben eben. Man muss sich daran gewöhnen.“ Das Maultier drehte den Kopf, um nach einer Flie39


ge zu schnappen. „Adora weiß nichts von Hathaways Plan?“, fragte Mazy. „Hathaway wird heute Abend seinen Preis bezahlen müssen, wenn er ihr gesteht, was er mir ... uns angeboten hat. Wenn Tipton siebzehn ist, gibt er seine Einwilligung zur Heirat, aber bis dahin sind wir gebeten, sie in unsere Familie aufzunehmen, sie als unsere Tochter zu betrachten.“ „Sie ist nur wenig jünger als du“, bemerkte Elizabeth. „Sie könnte dir eine Freundin sein, Maze“, sagte Jeremy. „Mir scheint, du hast nicht viele.“ „Mit gutem Grund, wenn ich sie jetzt so unerwartet zurücklassen muss.“ Sie seufzte. „Also gut, sprechen wir mit Tipton und hören, was sie meint.“ Jeremy ließ seinen angehaltenen Atem entweichen. „Danke, Maze. Ich habe Hathaway gesagt, wenn er nichts von mir hört, soll er morgen zu uns herauskommen. Ich denke, das wird gut werden. Ich fühle es in den Knochen.“ „Ich bin diejenige, die ihre Knochen spürt“, erwiderte Mazy und hob ihre Schlinge. „Und gut ist nicht das Wort, das ich wählen würde.“ DD Die Leute, die die Bacon-Farm gekauft hatten, trafen früh am folgenden Tag ein, noch vor Tyrell, Tipton und ihrer Familie. Mazy hielt sich von der Frau, einer Mrs Malarky, fern. Ihre Mutter konnte besser mit Menschen umgehen als sie. Sie zeigte der Frau das Haus und die Möbelstücke, die sie zurücklassen würden, während Jeremy und der neue Besitzer mit den Maultieren über die Bacon-Farm ritten. Mazy beobachtete die beiden Jungen der Malarkys, etwa drei und fünf Jahre alt. Sie stolperten wie kleine Hündchen aus dem Wagen und erkundeten ihre 40


Umgebung. Natürlich machten sie sofort Jagd auf die Hühner. Pig hatte sie und ihren Hund, einen gelben Hirtenhund mit einem langen Schwanz, sofort angebellt. Die Hunde markierten ihr Territorium und beschnüffelten sich dann gegenseitig. Sie kamen zu dem Schluss, dass beide bleiben könnten. „Und dies ist Mazys Garten, oder was davon noch übrig ist“, erzählte ihre Mutter Mrs Malarky. Die beiden kamen zu Mazy, die ziellos Unkraut zupfte. „Schön gepflügt“, bemerkte Mrs Malarky. „Ein wenig durcheinander vielleicht, aber es ist ja noch früh genug, um die Sämlinge in den Boden zu bringen.“ „Der Bulle“, erklärte Mazy. Sie erhob sich und klopfte die Erde von ihrer Schürze. „Er hat viel kaputt getrampelt. Ich denke, die Bohnen sind noch in Ordnung. Sie haben nicht viel abbekommen. Aber die Tomaten, ich bezweifle, ob sie es schaffen werden. Ich habe sie ins Haus gebracht. Eine oder zwei Pflanzen könnten sich erholen und dann wieder hinausgesetzt werden.“ „Es muss doch schwer sein, all dies zu verlassen.“ „Das ist es.“ Schweigend standen sie nebeneinander und ließen ihren Blick über die Landschaft gleiten. „Haben Sie Flaschenkürbissamen?“, fragte Mrs Malarky. „Warum soll ich meinen Samen behalten, wenn Sie Ihren bereits gepflanzt haben. Ich habe auch einige Pappelstecklinge. Und bestimmt nehmen Sie auch einen Fliedersteckling mit, nicht?“ „Den Samen würde ich gern mitnehmen“, erwiderte Mazy. „Und jetzt, da Sie davon sprechen, denke ich, ich werde auch einen Eimer mit Wisconsin-Erde mitnehmen.“ „Das ist ganz wichtig“, meinte ihre Mutter, und Mazy lachte. DD 41


Das Wilson-Mädchen ließ keinen Zweifel daran, wem ihr Herz gehörte. Sie machte ihrem Angebeteten schöne Augen. Jeremy hatte gesagt, sie könnte beim Kochen helfen. Elizabeth lächelte in sich hinein. Männer. Irgendetwas an dem Mädchen sagte ihr, dass sie sich vielleicht für das Kochen interessierte, in Ordnung, aber bestimmt nicht über einem offenen Feuer. Ihre schlanke, behandschuhte Hand ruhte auf dem muskulösen Unterarm von Tyrell Jenkins, während die beiden zum Haus schlenderten, aus dem schon fast alle Habseligkeiten der Bacons entfernt worden waren und das sich nun langsam mit den Besitztümern der Malarkys füllte. Letztere hatten beschlossen, mit ihren Kindern zum Ententeich zu wandern, als die Besucher eintrafen. Adora und Hathaway gingen hinter ihrer Tochter her. Adora sah aus wie ein Boot, das über seichtes Wasser gezogen wurde. Sie lächelte nicht beim Näherkommen, ihr Kinn war vorgeschoben. Sogar Charles hatte sich ihnen für dieses Familiengespräch angeschlossen. Er trug eine cremefarbene Reithose, und auf seinem Gesicht lag das für ihn typische halbherzige Grinsen. „Ich werde euch bestimmt keine Last sein“, begann Tipton, als sie in dem großen Zimmer auf den Stühlen der Malarkys und den Stühlen, die Mazy zurücklassen musste, Platz nahmen. „Papa hat mir die Regeln klargemacht, und ich werde mich selbstverständlich daran halten.“ Sie lächelte und zeigte dabei ihre weißen Zähnen. Es sah aus, als würde sie ein Stück Fleisch abbeißen, ohne dass es ihre Lippen berührte. Hoch aufgerichtet und mit geradem Rücken saß sie auf ihrem Stuhl. „Selbst wenn dir nicht gefällt, was du tun sollst“, sagte Hathaway, „wirst du es tun.“ „Oh Papa, habe ich das nicht immer getan?“ Adora tupfte sich die Nase mit einem weißen Spitzentaschentuch ab. Ihre grauen Augen waren geschwollen und ihr Gesicht vom Weinen gerötet. 42


„Wir werden gut für sie sorgen, Adora“, versprach Mazy, „obwohl das natürlich niemand so gut kann wie eine Mutter.“ „Sie wird dir eine Hilfe sein“, sagt Hath, „mit deinem verletzten Arm.“ Adora drückte das Taschentuch gegen die Nase. „Ich werde meinen Kummer überwinden. Hath meinte, ich würde auch ohne mein Baby zurechtkommen.“ „Du hast ja noch mich, Mutter“, sagte Charles von seinem Platz neben der Tür. „Oh ja, sicher.“ Mazy tätschelte Adoras geballte Faust. „Wir werden Ihre Hilfe zu schätzen wissen, Mr Jenkins“, sagte sie an Tyrell gewandt. „Um die Räder braucht man sich keine Gedanken zu machen, wenn ein Schmied mit einem unterwegs ist.“ Elizabeth grinste. „Sie könnten das auf Ihre Visitenkarte schreiben.“ Tyrell errötete. „Wenn ich so etwas hätte.“ Er drehte seinen Hut in den Händen. Elizabeth schätzte ihn auf Mitte zwanzig, aber er könnte auch gut noch etwas älter sein. Seine freundlichen Augen schienen viel Erfahrung zu haben. Er war ein sympathischer junger Mann, der Weisheit ausstrahlte, Mitgefühl und Fürsorge. Sie beobachtete, wie er seinen Hut auf sein Knie legte und mit seiner großen Hand Tiptons umschloss, während das Mädchen mit den rötlichen Haaren an seinem Handgelenk spielte. „Du wirst uns schreiben“, sagte Adora zu ihrer Tochter. Sie sah Mazy an. „Bitte sorge du dafür. Man sagt, die Post würde bei den Forts zurückbleiben, und Reiter, die nach Osten kommen, bringen sie mit. Es wäre so hilfreich zu erfahren, was los ist ... Ich könnte es einfach nicht ertragen, wenn etwas ... und ich wüsste nichts davon.“ „Ihr fahrt also durch Iowa“, fragte Hathaway. „Und dann südlich über Land? Ihr nehmt nicht den St. Louis?“ 43


„Nur durch flaches Land geradewegs bis zum Fluss und dann mit der Fähre“, erklärte Jeremy ihm. „Und woher weißt du das?“, fragte Mazy. „Ich habe davon gelesen. Von den Neunundvierzigern, die vom Fort zurückgekommen sind. Ich weiß, was ich tue, Maze“, erwiderte Jeremy. „Mama sorgt sich zu sehr“, meinte Tipton. „Sag es ihr, Papa. Sie braucht sich keine Sorgen zu machen.“ „Vielleicht nicht, aber vorsichtig sollte man schon sein. Bei allem“, erklärte ihr Vater bedeutungsvoll. „Ihr Baby wird also in Oregon verheiratet werden“, meinte Elizabeth. Adora seufzte. Hathaway legte den Arm um seine Frau und tätschelte ihr die Schulter. Elizabeth hatte den Eindruck, dass sie sich dabei versteifte. „An dem Tag, an dem ich siebzehn werde. Wir werden eine Daguerreotypie machen lassen und dir schicken, Mama. Ach, das ist ein solches Abenteuer, nicht, Tyrellie?“ Sie spielte erneut mit den Haaren an seinem Handgelenk, und der stattliche Mann begutachtete vor Verlegenheit einen Kratzer im Leder seiner Stiefel. DD Mazy und Jeremy lagen auf der schmalen, mit Maishülsen ausgestopften Matratze, die auf die Ladefläche des Wagens gezwängt worden war. Diese Nacht war nur ein Versuch, um zu sehen, ob sie hatten, was sie brauchten, bevor sie am Morgen endgültig aufbrachen. Mazy blickte zum Kopfteil des alten Bettes ihrer Großmutter hinüber, aber es hielt nicht die Seitenteile. Sie lagen auf dem Boden des Wagens. Der Raum unter der Plane des Wagens engte sie ein wie ein Korsett, so voll gestopft wie er war mit Regalen, Fässern und Koffern. Und doch fühlte sie sich innerlich ganz leer. Draußen zirpten die Grillen, und Mazy fragte sich, 44


ob es da, wo sie hingingen, wohl auch Grillen geben würde. Oder Muscheln für ihre Knöpfe? Enten mit einem Dutzend Namen? Morchelpilze – würden sie dort wachsen? Oder hundert andere Dinge der Natur, die sie ernährten und ihre Seele erfreuten. Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land; mir ist ein schönes Erbteil geworden. Sie würde sich diesen Satz aufsagen zusammen mit dem Hilferuf: „Hilf mir, hilf mir, hilf mir.“ Mehr konnte sie nicht tun. Sie lauschte auf Tyrells Schnarchen von seiner Schlafdecke draußen auf dem Boden. Tipton und Mazys Mutter teilten sich eine Strohmatratze in Elizabeths Wagen. Mazy kroch aus dem Wagen und sprang leise auf den taufeuchten Boden. Im ersten Morgengrauen ging sie zum Garten, um einen letzten sehnsuchtsvollen Blick darauf zu werfen. Mazy beobachtete die Silhouette von Rotwild in der Ferne. Der Morgennebel legte sich vom Fluss her über den Wald. Sie fuhr sich mit dem Schal über das Gesicht und spürte die kühle Morgenluft an ihrem geschwollenen Arm. Sie sehnte sich danach, davonzulaufen, sich in einer Kalksteinhöhle zu verbergen, bis alles vorbei wäre. Aber Jeremy war ihr Mann. Vor Gott hatte sie geschworen, bis zum Tod bei ihm zu bleiben. Kein Ort der Welt war es wert, seine Ehe aufzugeben. Sie hörte Jeremy hinter sich, der leise nieste. „Mit dieser verflixten Nase kann ich dich nicht überraschen“, sagte er. Sie spürte, wie er nach einem Taschentuch suchte, um sich erneut die Nase zu putzen. „Ich weiß deine Herzensänderung zu schätzen, Maze.“ Er legte den Arm um sie und wiegte sie sanft, wie ihre Mutter sie als Baby gewiegt hatte. „Vielleicht wirst du mir eines Tages vergeben für das, was ich getan habe“, meinte er vorsichtig. „Bei dem Wilson-Mädchen habe ich es besser gemacht, nicht?“ „Das hast du. Obwohl ich fürchte, dass wir uns noch 45


vor Ende der Reise fragen werden, was uns geritten hat, als wir uns bereit erklärten, sie mitzunehmen.“ „Sie wird schon zurechtkommen. Das ist doch, was sie wollte.“ „Männer können so begriffsstutzig sein wie ein Baumstamm“, erklärte Mazy. „Ach, tatsächlich?“ Er drehte sie zu sich um und ließ seine Hände auf ihren Hüften liegen. Was er ihr ins Ohr flüsterte, ließ ihren Ärger abklingen. „Du bist eine gute Frau, Maze“, sagte er, „und tust, was richtig ist. Es ist die Aufgabe eines Mannes, für seine Familie zu sorgen. Und genau das tue ich.“ Er beugte sich vor, um sie zu küssen. Mazy entwand sich ihm. Die Verwirrung in seinen Augen bemerkte sie durchaus. „Ich werde mein Gelübde halten, Jeremy“, sagte sie. „Ich werde mit dir durch dick und dünn gehen. Darum komme ich mit. Aber ich habe vor, zurückzukommen. Wisconsin ist meine Heimat, und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderes Land dem gleichkommt.“ „Der Westen mit seinen Bergen und Tälern und der herrlichen Aussicht wird dir bestimmt gefallen. Er wird dich verführen, so wie ich das jetzt gern würde“, sagte er und zog sie an sich, „bevor die Kühe gemolken werden müssen.“ Sie schlug nach seinen Händen. „Mutter wird uns hören.“ Sie wandte sich um und stapfte zum Wagen zurück. DD „Ich mag keinen Abschied“, sagte Mazy. „Manchmal, wenn wir klug sind, können wir den Abschied in ein Hallo verwandeln“, erwiderte Elizabeth. „Das liegt dicht beieinander.“ Elizabeth zwängte sich zwischen Tipton und Tyrell hindurch und ließ sich auf 46


der Bank nieder. Sie lächelte und winkte ihre Tochter zu sich auf den ersten Wagen, als sie sich zum Aufbruch bereitmachten. Mazy sah noch einmal zurück. Sie sah Mrs Malarky, rund wie ein Kürbis, aus der Tür winken, zwei Jungen wie kurze Halme an jeder Seite. In der Ferne ging Mr Malarky bereits hinter einem Maultier her und pflügte den Boden. Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Sie empfand einen so tiefen Neid, dass es wehtat. So sog sie diesen letzten Blick auf ihre Farm ein und schwor sich, jedes Detail, jede Nuance, jeden Geruch, jede Berührung und jeden Geschmack des Ortes in Erinnerung zu behalten, an dem sie so viel Zufriedenheit, Unabhängigkeit und Frieden empfunden hatte. „Was ist das? Du nimmst Unkraut mit?“, fragte Jeremy und blickte auf den Eimer mit Erde an dem Schutzbrett zu ihren Füßen. Das Brett sollte sie vor dem Dreck schützen, den die Maultiere aufwarfen. „Wisconsin-Erde und eine Tomatenpflanze“, erklärte sie kampfbereit. „Ich habe vor, sie in unserem neuen Heim in die Erde zu setzen. Wer weiß, vielleicht werde ich sogar hierher zurückkommen und es hier tun.“ Jeremy schwieg und schlug mit den Zügeln. Pig vor ihnen jagte Hasen nach, kam aber von Zeit zu Zeit immer wieder zurück, und Mazy sah seinen himmelwärts gerichteten schwarzen Schwanz. Kleine weiße Blumen hatten ihren Kopf durch den Waldboden gesteckt auf der Suche nach Licht. Das Land war zu neuem Leben erwacht, üppig und grün. Die Luft war mild, nur eine leichte Brise strich durch die Blätter der Bäume. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich die Morcheln neben blauen Kolumbinen im Schatten von Ulmen zeigen würden. Der Frühling war dieses Jahr sehr früh. Mazy biss sich auf die Lippen. Ihr Garten hätte bestimmt eine große Ernte gebracht. 47


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