Prolog: Lydia Mama ist vor einer Woche in Gottes himmlischen Frieden heimgegangen. Die Amisch haben sie in einem einfachen Sarg aus Pappelholz auf dem Glendorn Hill unter einer Gruppe Ahornbäume neben Papa zu ihrer letzten Ruhe gelegt. Der Januarhimmel hing wie ein Seufzen aus der Ewigkeit grau und schwer über uns. Wenn auch nur ein kleines Fleckchen Blau am Himmel zu sehen gewesen wäre, hätte ich vielleicht gedacht, der Herr wolle uns damit ein Hoffnungszeichen geben. Ich stand starr und schweigend neben meinen vier jüngeren Geschwistern: Caleb, Anna Mae, Josiah und Hannah, die zwischen vierzehn und sechs Jahre alt sind. Wir schauten zu, wie die Männer aus unserem Gemeindebezirk die harte, kalte Erde in das dunkle Loch schaufelten. Meine Kehle war wie zugeschnürt, aber ich vergoss keine einzige Träne. Die kleine Hannah hingegen schluchzte herzzerreißend während des Gottesdienstes am offenen Grab. Nach der Beerdigung blieb ich auch während des gemeinsamen Leichenschmauses im Haus von Noah und Susie Lapp, die zu unseren engsten Freunden unter den Amisch gehören, stumm. Susies rundliches Gesicht verriet ihre große Besorgnis, als sie in ihrer Küche, in der sich viele Frauen drängten, einen Blick auf mich warf. Aber ich hatte meine Gefühle unter Kontrolle und zeigte nicht, wie es in meinem Inneren aussah. Erst viel später, als es dunkel und still im Haus war, ließ ich meiner Trauer freien Lauf. Allein und in der Stille meines Zimmers zitterte ich am ganzen Leib, so traurig war ich, weil wir unsere geliebte Mutter verloren hatten. Meine jüngeren Geschwister und ich. 7
Mama hatte mich vor ihrem Tod beschworen: „Sei stark und mutig. Halte die Familie zusammen, Lyddie. Versprichst du mir das?“ Das waren die letzten Worte gewesen, die über Mamas Lippen kamen. Ich hatte ihr mein Wort gegeben. Ich war verpflichtet und fest entschlossen, es auch zu halten. Um unserer geliebten Mama willen. Am nächsten Morgen versammelten die Kinder und ich uns im Wohnzimmer, um miteinander in der Bibel zu lesen und zu beten. „Vergesst nicht: Gemeinsam sind wir stark“, erinnerte ich sie. Der große blonde Caleb hatte vor drei Jahren, als Papa starb, die Rolle des männlichen Oberhauptes in der Familie übernommen. Gefasst trug er Mamas alte Bibel zu einem der Schaukelstühle. Er wirkte schmächtig in dem breiten Hickoryschaukelstuhl. Doch er saß aufrecht und entschlossen darin. Er blätterte in dem Buch und fand die Stelle, die wir alle gut kannten. Mit klarer, kräftiger Stimme, wie sie Papa auch immer gehabt hatte, las er aus dem dreiundzwanzigsten Psalm vor: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.“ Anna Mae mit ihren roten Haaren und ihrer rundlichen Figur hielt die zierliche sechsjährige Hannah an der Hand. Sie saßen nebeneinander auf dem großen Flickenteppich und schauten Caleb wie gebannt an. Josiah, mein stämmiger achtjähriger Bruder, rutschte neben mich auf das Sofa, ein bisschen näher als üblich. Sein flachsblondes Haar war zerzaust und struppig wie immer. „Er lagert mich auf grünen Auen. Er führet mich zu frischen Wassern“, las Caleb weiter. Meine Gedanken wanderten zu manch einem Frühlingstag zurück, an dem uns Mama Picknickkörbe gepackt hatte. Natürlich erst, nachdem wir unsere 8
Arbeiten im Haus, die wir jeden Morgen zu verrichten haben, erledigt hatten. Dann durften wir auf den saftigen Wiesen hinter der Scheune herumlaufen. Rotkehlchen und schreiende Ziegenmelker flogen über unseren Köpfen und zwitscherten sich persönliche Botschaften zu, während das kühle Gras meine nackten Füße erfrischte. Einmal, als niemand in meine Richtung schaute, drückte ich mein Gesicht in die Farnwedel, hielt den Atem ganz lange an und wollte diesen wunderbaren Augenblick am liebsten für immer festhalten. „Ich fürchte kein Unglück: denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“ Calebs knabenhafte Stimme holte mich aus meinen Erinnerungen an unbeschwerte, sorglose Zeiten und versicherte mir erneut, dass der Herr bei uns ist. Der allmächtige Gott hatte versprochen, uns nie zu verlassen oder allein zu lassen. Im Laufe der Jahre hatte ich von Mama gelernt, mich mit aller Kraft an diese Verheißung zu klammern. Doch wenn ich ehrlich war: Ich hatte Angst. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich mich vor einem Unglück gefürchtet hätte, wie es in den Worten des Psalms hieß. Aber ich machte mir Sorgen. Ich fragte mich, was jetzt, da Mama im Himmel war, aus uns werden sollte. Außerdem machte ich mir Sorgen, ob mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen würde: den nettesten, liebsten und am besten aussehenden amischen jungen Mann in ganz Lancaster County zu heiraten. Ja, alle meine Hoffnungen und Träume kreisten um Levi King. Am schönsten war, dass er mich auch liebte. Das hat er vor einem Jahr gesagt, als ich das erste Mal am Sonntagabend zum Singen ging. Ich bin schon fast siebzehn und somit kein Kind mehr. Schon gar nicht in einer Gemeinde, in der junge Leute ab sechzehn anfangen, sich nach einem Partner 9
umzusehen. Viele Mädchen hoffen, in meinem Alter zu heiraten und neun Monate später ihr erstes Kind zu bekommen. Das hätte bei mir auch so kommen können, wenn Papa nicht diesen Unfall gehabt hätte, der ihn das Leben kostete. Und jetzt ist Mama auch tot. „Barmherzigkeit und Gutes werden mir folgen mein Leben lang: und ich werde bleiben im Hause des Herrn für immer.“ Caleb klappte die Bibel zu. Als wir alle zum Gebet niederknieten, fragte ich mich, was je Gutes dabei herauskommen sollte, dass wir fünf Waisen waren. Gottes souveränen Willen durfte ich nicht in Frage stellen, das wusste ich. Trotzdem war ich sicher, dass er vom Himmel auf uns herabblickte und die frischen und blutenden Wunden in unseren Herzen sah. Der Gott des Himmels und der Erde weinte bestimmt mit uns. *** Fast jeden Tag gehe ich zum Friedhof und stehe ganz ruhig zwischen den zwei Gräbern hoch oben auf dem Hügel über Grasshopper Level. Er ist frisch mit Schnee überzogen. Viele Hektar reiches Ackerland erstrecken sich ins Tal hinab. Ein wunderschöner Anblick, soweit das Auge reicht. Und ein verheißungsvolles Panorama. Wenn ich sehr ruhig bin, meine ich fast, die sanften Sonnenstrahlen flüsterten mir durch die kahlen Bäume etwas zu. Meine Augen wandern über den winterlich verschneiten Höhenzug und erhaschen einen Blick auf die Lichter der Ewigkeit, die sich auf den schlafenden Feldern unter mir widerspiegeln. Vor meinem geistigen Auge lasse ich die langen, schwülen Tage des letzten Sommers Revue passieren, als ich das erste Mal den Verdacht hegte, mit Mamas 10
Herz sei etwas nicht in Ordnung. Dutzende von Vögeln flatterten mit ihren Flügeln und putzten sich im Vogelbad hinter dem Haus ihr Federkleid. Moos breitete sich über dem Vogelhaus aus und verwandelte es in ein saftiges Grün. Anna Mae, die kleine Hannah und ich gaben uns größte Mühe, um Mama bei den Hausarbeiten zu helfen. So hängten wir zum Beispiel am Montagmorgen allein die Wäsche hinaus. Die Frösche laichten im Teich, aber die Bäche trockneten fast aus, und die goldenen Getreidestängel ragten hoch in die Luft und strotzten mit den süßesten Getreideähren, die der Herr jemals gemacht hat. Die weißen Spitzen auf den Weizenfeldern der Nachbarn wiegten sich im leichten Wind und erinnerten mich an das Meer in der Bucht von Watch Hill im Bundesstaat Rhode Island. Der Strand war nur wenige Straßen von Opa Cains verwittertem Landhaus in Cape Code entfernt. Dort fühlten wir uns sehr wohl, als Mama, Papa und ich einmal im Sommer dort zu Besuch waren. Das war, bevor wir amisch wurden. Ich stützte mich jetzt auf Mamas einfaches Grabkreuz und ließ meinen Blick ein wenig weiter schweifen: am amischen Schulhaus in der Esbenshade Road vorbei, dann weiter östlich und weiter zur Rohrer’s Mill Road, wo eine Mühle, die von einem altmodischen Wasserrad angetrieben wird, für amische Freunde und Nachbarn Getreide mahlt. Auf der anderen Seite, im Nordwesten, lag das Dorf Strasburg mit seinen knapp dreitausend Einwohnern. Das einfache und freundliche Strasburg, wo alles begonnen hatte. Unser amisches Leben. Ich werde den ersten Tag, an dem wir aus dem geschäftigen Bridgeport im US-Bundesstaat Connecticut mit nur zwei Koffern in der Hand hierherkamen, nie vergessen. „Wenn man Unwichtiges über Bord wirft, be11
freit man sich damit von Eitelkeit“, hatte Papa gesagt, obwohl ich damals mit meinen fünf Jahren noch nicht verstand, was er damit meinte. Diese Worte wurden zum Wahlspruch meines Vaters, und ich spürte, dass sich unser Leben ändern würde. Meine Eltern wollten in einer engeren Beziehung zu Gott leben und suchten eine Gemeinschaft, in der ein solches Leben möglich wäre. Sie suchten Menschen, die nach Gottes Grundsätzen lebten. Natürlich hätte keiner unserer Freunde aus der Großstadt je gedacht, dass wir amisch werden würden, besonders da damals keiner von uns in die amische Kultur hineingeboren war. Aber wir lernten fast im Handumdrehen die Bräuche unserer anabaptistischen Nachbarn und Gemeindefamilie. Meine Eltern schlossen sich der Gemeinde an, sobald sie getauft werden konnten. Die Amisch nahmen uns mit einem freundlichen Lächeln und offenen Armen auf. Noah und Susie Lapp schlossen uns von Anfang an ins Herz, genauso wie ihre erwachsenen Kinder und ihre vielen Enkel: eine riesige Sippe mit ungefähr zweihundert Seelen, die fast einen eigenen Gemeindebezirk gründen könnte. Sie müssen genauso wie die Familien der Prediger und die Familie des Bischofs gespürt haben, dass wir es ehrlich meinten und dass man uns in der Amischgemeinde trauen konnte. Papa sagte oft, wenn wir abends um den Tisch saßen, mit einem breiten Lächeln im Gesicht: „Ich bin so froh, dass wir damals nach Lancaster County gekommen sind.“ Mamas Gesicht zeigte tiefe Grübchen, als sie antwortete: „Wir haben fast alles aufgegeben.“ Daraufhin wanderte Papas Blick durch die Küche und über das reichhaltige Essen. Seine Worte klingen mir immer noch in den Ohren: „Wir waren in unserem ganzen Leben nie glücklicher, nicht wahr?“ 12
Mamas liebevolle Antwort schenkte meiner Seele Gewissheit. „Gott hat uns hierhergeführt. Das weiß ich so sicher, wie ich Ivy Cottrell heiße.“ Nie glücklicher? Diese Frage beschäftigt mich. Wenn nur Papa und Mama nicht so furchtbar jung gestorben wären! Denn jetzt stehen wir zu fünft da und müssen uns ganz allein um unseren kleinen Hof kümmern. Das heißt, wenn nicht Tante Sarah kommt und uns von hier fortbringt. Hoffentlich können wir hierbleiben. Das ist meine Hoffnung, aber mein Wunsch zählt nicht viel. „Wir haben kein Versprechen für morgen“, sagte Papa immer, wobei seine blauen Augen voll Überzeugung funkelten. „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter ...“ Ich muss also lernen, Gott jeden Tag zu vertrauen, dass er für uns sorgt. Natürlich kümmern sich unsere amischen Freunde sehr um uns. Es ist sogar davon die Rede, dass einige Brüder und ihre Familien uns fünf aufteilen und uns als ihre Kinder annehmen wollen. Das geschah erst vor kurzem mit den sieben GlickBrüdern drüben in Northumberland County. Nur mit dem Unterschied, dass sie für eine Weile in englische, d. h. nichtamische Familien geschickt wurden. Das war bestimmt furchtbar für sie. Mama hätte nie gewollt, dass wir getrennt werden. Nicht einmal unter ihren engsten amischen Freunden. Sie hatte einen ganz anderen Plan im Sinn gehabt. Hannah, Josiah, Anna Mae, Caleb und ich versorgen uns im Moment selbst und warten darauf, dass die Schwester unserer Mama – ausgerechnet auch noch eine eitle Engländerin! – kommt und uns zu sich nimmt. Ans andere Ende des Kontinents! Heraus aus der engen Gemeinschaft der Amisch. Unserer Gemeinschaft. Ach, das schlichte amische Leben ist alles, was wir kennen und woran wir uns erinnern können. 13
Wie das Leben mit Tante Sarah aussehen wird, stelle ich mir lieber erst gar nicht vor. Sie lebt weit fort von hier, in Oregon. In einer ganz anderen Welt als wir. In mehrerlei Hinsicht. Sie war ein paar Jahre Lehrerin in Stonington in Connecticut gewesen, aber irgendetwas hat ihr die Schule vermiest. Ich weiß nicht genau, was es war. Wie dem auch sei, auf einmal hörten wir, dass Sarah Cain ziemlich schnell in Richtung Westen umgezogen und dort Immobilienmaklerin geworden sei. Nur Gott weiß, warum sie es aufgab, jungen Kindern Wissen zu vermitteln, und stattdessen lieber dem Geld hinterherjagt und ihr Talent zu unterrichten nicht nutzt. Immerhin war es Tante Sarah, die uns am schärfsten verurteilte, weil wir amisch wurden. Die arme, liebe Mama litt sehr darunter, als sie sich traurig verabschiedete und versuchte, ihren Freunden und ihrer einzigen Schwester ihre Entscheidung verständlich zu machen. Wahrscheinlich sollte ich mir keine Sorgen machen. Aber Sarahs Stimme klang so hohl, als sie hörte, dass Mama in den Himmel heimgegangen ist. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, sie sei sauer, weil Mama einfach zu Papa in den Himmel gegangen ist. Wenn man es sich andererseits genauer überlegt, ist es wahrscheinlich für jede alleinstehende Frau eine große Überraschung, wenn sie plötzlich zum Vormund für ein Haus voller Kinder bestimmt wird. Egal, ob sie eitel ist oder nicht. Ich bezweifle, dass Mama ihrer Schwester je von ihrem letzten Willen und dem Testament erzählt hat, das sie und ihr Anwalt vor mehreren Monaten aufgesetzt haben. Sie war wahrscheinlich klug genug, Tante Sarah nichts davon zu erzählen. Warum musste unsere Mama ausgerechnet ihre jüngere Schwester zu unserer zweiten Mutter bestimmen? 14
Ach, ob mit Sarah Cain oder ohne sie, ich fürchte, auf uns warten einige große Veränderungen. Sie kommen so sicher wie nach jeder Nacht ein neuer Tag.
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1 Sarah hockte auf der Kante ihres übergroßen Himmelbettes und ging wie jeden Morgen in Gedanken den vor ihr liegenden Tag durch, bevor sie mit ihren pedikürten Füßen in weiche Hausschuhe schlüpfte und durch das große Schlafzimmer ihrer Stadtwohnung schritt. Immer noch nicht ganz wach, drehte sie ihren Radiowecker auf, der auf Portlands größten Klassiksender eingestellt war. Sie lauschte versonnen Schumanns Klavierkonzert in a-Moll. Dieses Stück konnte sie nicht oft genug hören. Besonders das Intermezzo mit seiner farbenfrohen, künstlerischen, harmonischen Sprache. Sie ließ das phantastische Werk auf sich wirken. Ihr Blick wanderte zu einem Messingbilderrahmen, der auf dem runden Tisch neben ihrem Bett stand. Ein Kind mit einem Engelsgesicht, großen blauen Augen und einem nie verlöschenden Lächeln schaute ihr daraus entgegen. Seufzend fuhr sie sich mit den Fingern durch ihre schulterlangen Haare und konnte den Blick nicht von dem Mädchengesicht abwenden. Auch wenn dieses Bild einen großen Schmerz in ihr auslöste, musste sie die Erinnerung an dieses Kind doch am Leben erhalten. Mit ihren achtundzwanzig Jahren führte Sarah ein bewegtes Leben. Nach diesem kurzen besinnlichen Augenblick an jedem Morgen kam sie den ganzen Tag kaum noch zur Ruhe. ***
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Der Tag war strahlend hell und für die Jahreszeit zu warm. Nur hier und da tauchte am westlichen Horizont eine Wolke auf. Der Wetterbericht im Lokalradio sagte für die Mittagszeit „frühlingshafte Temperaturen“ voraus. Ungewöhnlich für Oregon im Januar. Sarah war froh, dass sie unter ihrer maßgeschneiderten braunen Weste eine unauffällige, aber doch elegante goldfarbene Bluse trug, denn bis zum Nachmittag musste sie ihre Kostümjacke bestimmt ausziehen. Sie blätterte in einer Akte mit der Überschrift „Hughes“ und steckte sie in ihre lederne Schulteraktentasche. Sie wollte zu ihrem nächsten Termin – ein Treffen mit einem vermögenden Klienten – unbedingt pünktlich sein und winkte Heidi Norton, der Empfangsdame, flüchtig zu, als sie das Haus verließ. Die Türen zu Alexanders Immobilien waren noch ein paar Stunden geöffnet, aber sie, die Star-Immobilienmaklerin, war nicht mehr im Haus. Die Geschäftsfrau, die im letzten Jahr den höchsten Umsatz gemacht hatte, war in Richtung Washington Park unterwegs, wo sie einen neuen Klienten, Willard Hughes, treffen wollte. Es gehörte zu ihrem Beruf, Luxuswohnungen an der begehrten Westseite der Stadt zu verkaufen. Wenn sie heute das Geschäft unter Dach und Fach brächte, könnte Sarah den Eigentümer des Maklerbüros, in dem sie arbeitete, mit ihrem monatlichen Umsatz sogar noch übertreffen. Aber abgesehen von allem Konkurrenzdenken, wäre Bill Alexander mehr als begeistert. Er konnte über die Höhe ihrer Verkaufszahlen nur noch staunen. Und das auch noch Ende Januar. Die Fahrt durch die Stadt war relativ kurz, und der geringe Verkehr kam ihr ebenfalls zugute. Sie warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und betrachtete ihre naturblonden Haare, bevor sie den Zündschlüssel herumdrehte. Sie hatte sich bewusst entschieden, den 17
bevorstehenden Termin vor die Hauptverkehrszeit zu legen. Ausgezeichnete Planung. Die Sonne war am Himmel weitergezogen, unaufhaltsam, aber angenehm. Während sie fuhr, entspannte sie sich auf dem Fahrersitz und genoss den Luxus ihrer Ledersitze. Ihre Jugendjahre hatte sie in einer Familie der unteren Mittelklasse verbracht und unter ihren beschränkten finanziellen Mitteln gelitten. Deshalb war sie immer noch überrascht, dass sie sich einen solchen Luxus leisten konnte. Reine Extravaganz. Sie betrachtete das mit allen Schikanen ausgestattete Armaturenbrett und strich über das lederne Lenkrad ihres neuen BMW. Teuer, auch wenn sie wie immer einen guten Preis für sich ausgehandelt hatte. Sie drückte auf den Sendersuchlauf ihres Autoradios und blieb bei einem Sender mit eingängiger Jazzmusik hängen. Das sanfte Klagen eines Saxophons beruhigte sie. Entspannt und doch mit aufmerksamen Sinnen fuhr sie los. Obwohl sie es nie für möglich gehalten hätte, waren ihre Gefühle im letzten Jahr tatsächlich in ein ziemlich ausgeglichenes Fahrwasser gekommen. Gerade als sie von der Bundesstraße 26 am Capitol Highway abbog, klingelte ihr Handy. „Sarah Cain“, meldete sie sich. „Ein Ferngespräch für Sie.“ Sie erkannte die helle, melodiöse Stimme von Heidi, der Empfangsdame. „Können Sie es annehmen?“ Sie warf einen Blick auf die Digitaluhr ihres Armaturenbrettes. „Ich bin knapp dran. Wer ist es?“ „Eine junge Frau ... Sie sagt, ihr Name sei Lydia Cottrell. Ihre Nichte.“ Sarah runzelte unwillkürlich die Stirn. Zögernd sagte sie: „Gut, stellen Sie das Gespräch durch.“ 18
Während sie wartete, erinnerte sich Sarah an einen Brief von Ivy, Lydias Mutter, den sie vor einiger Zeit von ihr bekommen hatte. Ivy war sechs Jahre älter als Sarah. Sie und ihr verschrobener Mann hatten sich entgegen dem Rat ihrer Familie und ihrer Freunde für einen vollkommen fremden Lebensstil entschieden. Selbst Sarah, damals siebzehn Jahre alt, war befremdet gewesen, als ihre Schwester sich den Amisch anschloss. Aber das lag nun lange zurück, und „viel Wasser war seitdem den Bach hinuntergeflossen“, wie Ivy immer sagte. Aber zu Sarahs immer wiederkehrender Frustration schien Ivy keine Gelegenheit auszulassen, ihren impulsiven Schritt zu erklären. Vielleicht hoffte sie, Sarah ebenfalls zu bekehren. Ivys letzter Brief hatte jedoch einen ganz anderen Ton angeschlagen. Er war nicht mehr so moralisierend gewesen, sondern eher zart, ja sogar mitfühlend. „Hallo“, drang eine schwache, weibliche Stimme an ihr Ohr. „Ist da Tante Sarah?“ Sarah hatte Ivys Tochter seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen und wusste kaum, was sie sagen sollte. „Lydia, was kann ich für dich tun?“ „Entschuldige, dass ich dich störe. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich es dir sagen soll.“ Das Mädchen brach ab und sagte nichts mehr. „Was ist denn, Lydia?“ Fast atemlos sprach sie weiter. „Mama ist tot ... sie ist heute Morgen gestorben. Ihr Herz hat einfach aufgehört zu schlagen.“ Sarah zuckte zusammen. Ivy, meine Schwester ... tot? Ihre Hand verkrampfte sich um das Lenkrad. Sie hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Schließlich fand sie ihre Sprache wieder. „Es ... es tut mir furchtbar leid.“ Sarah konnte kaum einen klaren Gedanken fas19
sen. Deshalb sagte sie nichts mehr. Die schockierende Nachricht wühlte sie zutiefst auf. „Mamas Beerdigungsfeier ist in Noah und Susie Lapps Haus. In drei Tagen ... am Freitagmorgen“, sprach Lydia weiter. „Beerdigt wird sie dann auf dem Glendorn Hill, neben dem Grab unseres Vaters.“ Die Worte ihrer Nichte berührten sie unangenehm. Sarah hatte keine Ahnung, wo sich der Glendorn Hill befand, da sie es vermieden hatte, an der Beerdigung ihres Schwagers teilzunehmen. Und jetzt, da ihre Gedanken wirr durcheinanderpurzelten, war sie unsicher, ob sie an Ivys Beerdigung teilnehmen würde. „Mamas Anwalt wird dich bald anrufen“, sagte Lydia leise und mit zitternder Stimme. Sarah fragte sich, was der Anwalt wohl von ihr wolle, hatte aber nicht die Absicht, ihre Nichte jetzt mit solchen Fragen zu belasten. Es war unüberhörbar, dass Ivys Tochter sehr unter dem Tod ihrer Mutter litt und trauerte. „Habt ihr jemanden, der euch bei den Beerdigungsangelegenheiten hilft?“, fragte sie. „Oh, ja“, antwortete Lydia. „Mach dir darüber keine Sorgen.“ Sie verabschiedeten sich. Vorher erkundigte sich Sarah noch höflich nach den anderen Kindern. Dann schaltete sie das Handy aus und fuhr noch ein paar Kilometer weiter, ehe sie mit ihrem BMW auf einen Parkplatz einbog. Sie brachte das Auto zum Stehen, lehnte den Kopf an die Kopfstütze zurück und atmete mühsam aus. „Mama ist tot ... sie ist heute Morgen gestorben.“ Lydias deprimierte Worte ließen Sarah nicht los. Sie gingen ihr immer wieder durch den Kopf. Andererseits sollte es sie nicht allzu sehr überraschen, denn sie wusste, dass auf beiden Seiten ihrer Familie Herzkrankheiten häufig vorgekommen waren. Dieser Gedanke 20
machte ihr plötzlich etwas ganz anderes bewusst: In ihrer unmittelbaren Familie waren jetzt alle tot. Sie war ganz allein auf der Welt. Sie klappte die Sonnenblende nach unten, um ihre Augen zu beschirmen, und dachte über Lydias Andeutung nach, dass Ivys Anwalt sie anrufen würde. Was könnte dieser Anwalt aus Lancaster – oder überhaupt irgendein Rechtsanwalt – nur von ihr wollen? Die restlichen Stunden dieses Tages liefen wie ein Film an ihr vorbei. Sarah konnte den erwünschten Geschäftsabschluss mit Hughes unter Dach und Fach bringen, aber die Einzelheiten des Geschäftes kamen ihr fast unwirklich vor. Jede Bewegung, jeder Gedanke, jedes Wort war gefärbt von der Nachricht, die sie an diesem Tag ereilt hatte. Ivy war tot. *** Sehr zu Sarahs Kummer rief Ivys Anwalt sie noch an diesem Abend zu Hause an, als sie gerade dabei war, die Papiere für den schriftlichen Teil des heutigen Geschäftsabschlusses zu aktualisieren. Er stellte sich als Charles Eberley aus Lancaster County vor. „Ich glaube nicht, dass wir uns schon begegnet sind, aber Ihre Schwester hat immer sehr lobend von Ihnen gesprochen.“ Ivy hat lobend von mir gesprochen? Seine Bemerkung überraschte sie. „Vielleicht haben wir bei der Beerdigung Gelegenheit, uns besser kennenzulernen.“ „Oh, nun ja, leider muss ich sagen ... ich weiß nicht, ob ich es schaffe, mir für die Beerdigung freizunehmen.“ Ihre Worte klangen hohl, selbst in ihren eigenen Ohren. „Es ist dringend notwendig, dass Sie nach Pennsyl21
vania kommen, Miss Cain. So bald wie möglich. Es ist wichtig, dass Sie hier sind, wenn Ivys letzter Wille und ihr Testament offiziell verlesen werden.“ „Wann ist die Verlesung?“, fragte sie. „Am Donnerstag, um vierzehn Uhr.“ Sarah konnte sich nicht vorstellen, die weite Fahrt zu unternehmen. Und schon gar nicht, um sich anzuhören, dass sie Erbin einer oder mehrerer von Ivys handgenähten amischen Quiltdecken oder eines gehäkelten Deckchens werden sollte. „Bitte, Mr. Eberley“, sprach sie weiter. „Alles, was Ivy gehörte, sollte ... muss jetzt ihren Kindern gehören.“ „Wollen Sie damit sagen, dass Sie nicht kommen?“ „So ist es.“ Er schwieg kurz. „Anscheinend steht Ihre Entscheidung schon fest.“ „Alles, was mir meine Schwester vermachen wollte, sollte an ihre Kinder gehen“, beharrte sie erneut und hoffte, damit das Gespräch beenden zu können. „Meine Schwester hätte es nicht anders gewollt.“ Eberley schwieg erneut. Dann begann er: „Hören Sie, Miss Cain: Ivy hat ausdrücklich verlangt, dass ich den Inhalt ihres letzten Willens erst enthülle, wenn Sie anwesend sind.“ Er sprach weiter: „Außerdem sind da noch Ivy Cottrells Kinder. Sind Sie nicht ihre einzige lebende Verwandte?“ „Ja.“ „Dann werden Sie also kommen, nicht wahr?“ Seine Hartnäckigkeit überraschte Sarah, aber sie weigerte sich, irgendetwas zu versprechen. Sie hatte fest die Absicht, ihn loszuwerden. Für wie lange, wusste sie nicht. Ein absurder Gedanke kam ihr in den Sinn. Was wäre, wenn Ivy sie zum gesetzlichen Vormund ihrer Kinder bestimmt hätte? 22
„Ich werde mich gegebenenfalls bei Ihnen melden, Mr. Eberley“, sagte sie steif. „Auf Wiederhören.“ Sie wartete nicht auf seine Antwort, sondern legte schnell auf. Ihr war plötzlich ganz heiß. Was für ein absurder, lächerlicher Gedanke. Sie würde doch nicht die Großfamilie ihrer Schwester übernehmen. Das war bestimmt nicht der Grund für Charles Eberleys Hartnäckigkeit. Wie dem auch sei, sie hatte nicht die Absicht, ihn zurückzurufen.
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2 Freitagmorgen, 21. Januar Es wühlt mich sehr auf, dass unser Leben so eng mit dem Leben unserer Mitmenschen verknüpft ist. Mamas Tod hat mich vollkommen aus dem Gleichgewicht geworfen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich weinen muss. Dann gibt es Augenblicke, in denen ich mich wieder stärker fühle. Diese Gefühle kommen jeden Tag wie Wellen auf mich zu. Aber eines wird sich nicht ändern: Ich werde das Versprechen, das ich Mama gab, nicht brechen. Ihre fünf Kinder, wir alle, werden zusammenbleiben. Ich werde alles dafür tun, oder ich sterbe. Susie, Mamas liebste Freundin, tadelt mich und meint, dass ich solche negativen Gedanken nie aussprechen dürfe. „Was man laut ausspricht, wirkt sich stärker auf einen Menschen aus, als wir wissen“, sagt sie. Natürlich will ich nichts Falsches sagen. Aber andererseits glaube ich, Gott sieht mein Herz. Er weiß, dass ich keine überstürzten Bemerkungen machen und nichts sagen will, was in seinen Augen nicht gut ist. Wahrscheinlich sollte ich vorsichtiger sein, aber ich werde, wenn nötig, Himmel und Erde in Bewegung setzen, um dafür zu sorgen, dass wir Cottrells alle zusammenbleiben. Oh, Vater im Himmel, ich fürchte kein Unglück ... *** Der Verkehr war relativ dicht, als Sarah in die Innenstadt von Portland fuhr. Geschickt wechselte sie die 24
Spur und fädelte rechtzeitig ein. Sie fuhr knapp unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Vor der letzten Kreuzung schaltete die Ampel auf Rot. Ein geistesabwesender Blick in den Rückspiegel zeigte ihr nicht ihr eigenes Spiegelbild, sondern ein verschwommenes Bild von einem schneebedeckten Schulhof. Ein dichter grauer Nebel hüllte die Schindelhäuser ein, die die ruhige Straße auf der anderen Seite des Schulgeländes säumten. Die Erinnerung wurde wieder lebendig. Sie hörte in der Ferne eine Kette an einem Fahnenmast klirren. Die Bilder und Geräusche vermischten sich mit den Schreien eines kleinen Kindes und dem Rufen anderer Kinder, die auf sie zuliefen. Mit einer Gänsehaut versuchte Sarah, diese schmerzliche Erinnerung zu verdrängen, sie in diesen nebligen Winkel der Vergangenheit zu verbannen. Achtunddreißig lange Monate waren seit jenem grausamen Tag gekommen und gegangen, aber die Trauer und ihre Schuld beherrschten sie immer noch. Hinter ihr drückte ein Fahrer auf die Hupe. Sie zuckte zusammen. Dann bemerkte sie die Ampel. Grün. Langsam beschleunigte Sarah und fuhr weiter. Sie erspähte einen freien Parkplatz zwei Häuserblocks von ihrem Lieblingscafé entfernt, in dem sie gern Doughnuts aß. Sie betrat eilig das Café und bestellte sich eine Tasse Kaffee. Sie sah einen kleinen freien Tisch am Fenster und nahm ihn für sich in Beschlag, indem sie ihren Aktenkoffer auf den Sitz in der Nische legte. Einen Augenblick später war eine Kellnerin bei ihr. „Möchten Sie Ihren Kaffee mit Sahne oder Zucker?“ „Weder Sahne noch Zucker. Danke. Ich mag meinen Kaffee schwarz und bitter.“ Die zierliche Kellnerin legte den Kopf schief. „Ganz wie Sie wünschen.“ 25
Sarah musste lächeln. Sie lebte seit einiger Zeit schon ganz, wie sie wünschte. Eigentlich schon viel länger. Die friedlichen Jahre, in denen sie als Lehrerin gearbeitet hatte, bevor sie nach Oregon gekommen war, gehörten zu den besten Jahren ihres Lebens. Nach dem tragischen Unfall auf dem Schulhof hatte sich jedoch alles geändert. Der Puls ihres Leben hatte aufgehört zu schlagen. Die Farbe des Lebens war grau wie Asche geworden. Abrupt hatte sie ihre Laufbahn als Lehrerin beendet, um einen Aufruhr in der Kleinstadt zu besänftigen, in der übereifrige Bewohner lieber mit Steinen warfen, als vernünftigen Argumenten zuzuhören. Und das alles in ihrer eigenen Heimatstadt, in der jeder jeden kannte. Sarah nahm einen Schluck von ihrem heißen, bitteren Kaffee. Dann öffnete sie ihren Aktenkoffer und überflog den Terminplan dieses Tages. Sie würde sich nicht von Gedanken an die Vergangenheit aus dem Gleichgewicht werfen lassen. Heute nicht. Die Kellnerin ging erneut zwischen den Tischen durch. „Kann ich noch irgendetwas für Sie tun?“ Sarah vermutete, die junge Frau wolle ihr zu verstehen geben, dass sie zahlen solle. „Nein, danke. Der Kaffee genügt“, erwiderte sie und bemerkte den Anflug von Erleichterung im Blick dieser Frau. Sie ist froh, wenn ich wieder fort bin, dachte sie. Sarah musste an eine frühere Zeit und einen anderen Ort denken, als man ihr auch mit Blicken zu verstehen gab, dass sie unerwünscht war. An einen Augenblick, der sie noch heute schmerzte ... ***
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„Ich werde einmal ein Dutzend Kinder bekommen“, hatte Ivy versonnen geprahlt. Sie war damals achtzehn gewesen. Ein halbes Jahr später heiratete sie ihren Freund, den sie von der Schule kannte. „Warte lieber ab, was dein Mann zu diesem Thema sagt“, erwiderte die junge Sarah. „Falls er überhaupt zur Hochzeit erscheint!“ Ivy überging diese Bemerkung und warf ihrer Schwester einen fragenden, aber gleichzeitig sarkastischen Blick zu. „Wie viele Kinder willst du denn?“ Mit ihren damals zwölf Jahren hatte Sarah noch keinen einzigen Gedanken auf diese Frage verschwendet. Sie hatte sich insgeheim gefragt, welchen Jungen aus der siebten Klasse sie wohl eines Tages heiraten würde. In Biologie saß ein sehr gut aussehender Junge drei Tische von ihr entfernt ... „Ach, vergiss es“, fuhr Ivy sie gereizt an. „Mit dir kann man kein vernünftiges Gespräch führen. Du bist zu sehr in dich gekehrt, Sarah. Außerdem kann doch jeder sehen, dass du nie ein mütterlicher Typ sein wirst.“ Sarah zuckte bei Ivys abfälliger Bemerkung nur die Achseln. Wen interessierte das schon? Ihre Schwester konnte nicht in sie hineinschauen. Das konnte niemand! Ihre Mutter unternahm kaum einen Versuch, das scheinbar angeborene Gezänk der beiden Schwestern zu unterbinden. Zu auffällig war der Unterschied zwischen den Geschwistern. Jeder mögliche Ansatz einer guten Beziehung, der vielleicht bestanden hatte, war seit langem ständigen Streitigkeiten gewichen. Sarah und ihre Schwester waren Konkurrentinnen, solange sie zurückdenken konnte. Sie glaubte manchmal, es liege daran, dass sie Ivy ihre Stellung als Einzelkind verdorben hatte, eine Position, die Ivy bis zu Sarahs 27
Geburt sechs Jahre lang innegehabt hatte. Aber der Konflikt der Schwestern hatte mehr mit einem Aufeinanderprallen verschiedener Temperamente als mit der Geschwisterfolge zu tun. Solange sie zurückdenken konnte, hatten ihre Persönlichkeiten nie miteinander harmoniert. Ivy hatte während ihrer Zeit an der High School immer im Rampenlicht gestanden und war in ihrem letzten Jahr sogar zur „sympathischsten Schülerin“ gewählt worden. Man sah sie gewöhnlich immer am Arm des einen oder anderen gut aussehenden Jungen. Sarah dagegen musste sich in der Öffentlichkeit immer zu einem freundlichen Lächeln zwingen, obwohl alle sagten, sie sei sehr schön. Sie spielte viel lieber klassische Musik auf dem Klavier oder unternahm mit ihren Freundinnen einen Einkaufsbummel, als mit Jungen auszugehen. Zu der Zeit an der High School machte Sarah der Gedanke an Jungen und an Verabredungen mit ihnen nervös. Erst während ihrer Studienzeit am College änderte es sich allmählich, und sie fühlte sich im Umgang mit dem anderen Geschlecht wohler. Und als sie dann später in ihrem Beruf als Lehrerin arbeitete, befreite sie sich vorsichtig aus ihrem Schneckenhaus und trat allmählich aus dem Schatten heraus, den ihre Schwester Ivy auf ihre Welt geworfen hatte. Als sie einige Monate unterrichtet hatte, sprach der Schulleiter sie auf dem Flur an. „Ich glaube, Sie haben Ihre Berufung im Leben entdeckt, Miss Cain.“ Sie war überrascht, freute sich aber aufrichtig über seine Worte. Offenbar überzeugt, fügte er hinzu: „Nicht viele Menschen besitzen heutzutage ein echtes Herz für Kinder. Es ist wirklich erfrischend, Sie zu sehen.“ Diese Bemerkung verlieh Sarahs Schritten neuen 28
Schwung. Sie hatte – wenigstens für eine Weile – das Gefühl, dass sie ihren Weg gefunden hatte. Das Lob des Schulleiters hatte ihr etwas gegeben, was Ivy – die giftige Ivy – ihr nie schenken konnte. Zuversicht für ihre Zukunft als Grundschullehrerin. Und Glauben an sich selbst. Einmal Lehrerin, immer Lehrerin, hatte Ivy in einem Brief geschrieben, nachdem sie und ihr Mann religiös geworden waren und sich und ihre kleinen Kinder entwurzelt und in Pennsylvania neu eingepflanzt hatten, um ein vollkommen neues Leben zu beginnen. Du kannst gut mit Kindern umgehen, Sarah, wenn du es nur willst. Wenn du es nur willst ... Ivys Ton erinnerte Sarah an die ständig herablassende Haltung ihrer Schwester. Wenn man gesagt bekam, man solle „sich zusammenreißen und anstrengen“, hieß das für Sarah, dass sie auf die Nase fallen und sich den Kopf aufschlagen könnte. Und wenn sie nicht aufpasste, auch das Herz. Sie hatte es versucht. Oh, wie sehr sie versucht hatte, sich nach diesem vereisten, schneeglatten Tag, an dem sie Aufsichtspflicht im Schulhof gehabt hatte, zusammenzureißen und sich anzustrengen. Aber ohne Erfolg. Die große Tragödie ihres Lebens und das grausame Nachspiel erfüllten sie mit zentnerschweren Schuldgefühlen und laugten sie aus. Dazu kam die wachsende Spannung zwischen ihr und ihrer Schwester. Die anhaltende Bewunderung und Unterstützung des Schulleiters inmitten des großen Traumas – sogar die Aussicht auf eine feste Anstellung – konnte Sarah nicht dazu bewegen zu bleiben. Am Ende des Schuljahres reichte sie ihre Kündigung ein und beendete ihre Schullaufbahn nach nur vier Jahren. Ihre eigenen, immer wiederkehrenden, wenn auch irrationalen Ängste 29
raubten ihr schließlich immer mehr die Hoffnung. Sie verließ Connecticut und zog so weit von ihrer Heimatstadt fort, wie sie nur konnte. Die Familienbande zwischen der verlorenen Schwester und der „erlösten“ Schwester wurden immer dünner. Als Sarah die Ostküste verließ, hatte sie ihre Beziehung zu Ivy als unversöhnlich abgeschrieben. Mit der Zeit hatte sie sich zu einer tüchtigen Geschäftsfrau entwickelt, manchmal hart, ja sogar sehr direkt in ihrer Art, aber überaus erfolgreich in ihrem neuen Beruf. Im Laufe der Monate hatte sie Ivy, ja alle Menschen aus ihrer Vergangenheit, aus ihrem Leben verbannt und gestand sich nicht zu, für irgendjemanden sonderlich viel zu empfinden. Sie löste sich von ihrer Familie und hatte nur sich selbst. Sie wählte den Weg des geringsten Widerstands. *** Sarah nahm ihre Aktentasche und bezahlte den Kaffee mit einem Fünf-Dollar-Schein. Die Kellnerin konnte trotz ihres unverhohlenen Wunsches, Sarah möge bald wieder gehen, das Trinkgeld behalten. In diesem Augenblick fiel ihr Blick auf die Kellnerin, die zufällig über ihre dünne Schulter schaute. „Ich gehe ja schon. Ich gehe ja schon“, murmelte Sarah. *** Einige Tage später vereinbarte Sarah einen Termin mit einem jungen Paar, das von einem wohlhabenden Klienten an sie verwiesen worden war. Höchstwahrscheinlich waren die beiden nicht verheiratet, auch wenn sie Sarah während der Stunde, die sie mit ihnen verbrachte, nicht darüber aufklärten. Diskret ließ sie 30
ihre Blicke über die Ringfinger der beiden wandern. Kein Ehering. Trotzdem schienen sie es eilig zu haben, bald zusammenzuwohnen. „Eine Eigentumswohnung wäre super“, sagte der junge Mann. Sarah ging einen Schritt weiter als sonst und erläuterte ihnen die finanzielle Seite eines Wohnungskaufes, was dabei zu berücksichtigen sei und welche Kriterien eine Wohnung für die jeweils individuelle Situation erfüllen müsse. In diesem Fall jedoch war ein eigenes Zuhause höchstwahrscheinlich nicht mehr als ein Wunsch. Keine Notwendigkeit. Sie vermutete, diese beiden jungen Leute wollten einfach unabhängig sein und sich von ihren dominanten, strengen Eltern befreien. Wie viele junge Menschen in der heutigen Gesellschaft. Heiratet denn niemand mehr? Sie tat ihre vorübergehende Abneigung mit einem Achselzucken ab und freute sich auf die nächsten Termine an diesem Nachmittag. Jetzt war sie unterwegs zu einem Gespräch mit einem Klienten aus der oberen Mittelschicht und seiner Frau. Sie interessierten sich dafür, in ein teureres Haus „aufzusteigen“. „Ein Haus, das nicht älter als fünf Jahre ist, wäre perfekt“, hatte der neue Klient am Telefon geäußert und erklärt, dass sie vier „Schlafzimmer mit angemessener Größe“, drei Badezimmer, ein getrenntes, elegantes Esszimmer und so weiter und so weiter bräuchten. Ein solches Haus würde ihn gesellschaftlich aufwerten und Sarah würde es für die gleiche Vermittlungsarbeit mehr Geld einbringen. Sie konnte sich die modische neue Kleidung und die dazugehörigen Accessoires schon ausmalen, die sie sich von einem Teil ihrer Verkaufsprovision leisten würde. Vielleicht war es auch 31
Zeit für einen neueren Computer. Und warum sollte sie sich nicht auch gleich den neuesten Farbdrucker kaufen, wenn sie schon dabei war? Ein Ferienhäuschen irgendwo wäre ebenfalls ganz nett. So viel Geld und zu wenig Zeit, es auszugeben. Der Himmel war bewölkt, als sie zu dem Verkaufsbüro gleich im Süden der Innenstadt von Portland fuhr. Ihre Stimmung sank, je näher sie zu dem vereinbarten Treffpunkt kam, auch wenn ihr das niemand ansehen konnte. Sie hatte sich an diesem Morgen besondere Mühe gegeben, ihr Make-up aufzutragen, und ein gut sitzendes Kostüm aus türkisfarbener Wolle mit einer cremefarbenen Bluse ausgewählt. Sie strich mit den Fingern über die Perlenkette an ihrem Hals und genoss das glatte Gefühl und den Luxus, den diese Kette ausstrahlte. Ihre Ohrringe waren passend zu ihrer Halskette. Sie spielte zuerst mit dem rechten und dann mit dem linken Ohrring, während sie im Inneren des Gebäudes auf ihre Klienten wartete. Mit einem Blick zum Himmel hinauf dachte sie an Ivy und ihren letzten Willen. Es war mehr als lächerlich, ihrer verstorbenen Schwester solche verrückten Gedanken zuzutrauen, wie Sarah sie gestern hatte. Außerdem hatte Sarah keine Beweise dafür, dass ein solches Testament überhaupt existierte. Ivy war nie der Typ Frau gewesen, die weit in die Zukunft geplant hatte, außer natürlich, wenn es darum ging, für ein Jahr frisch eingemachtes Gemüse, getrocknetes Fleisch und Obst zu lagern, wie sie oft schrieb. Nein, Ivy Cottrell, aufgrund ihrer eigenen freien Entscheidung eine gestandene amische Frau, vertraute viel zu sehr auf Gottes Fürsorge, als dass sie zu weit in die Zukunft plante. Aber die nagenden Gedanken ließen Sarah trotzdem nicht los. Sie versuchte vergeblich, sie aus ihrem Kopf zu vertreiben. 32
Sie erblickte das gut gekleidete Ehepaar, das Arm in Arm die Stufen zum Verkaufsbüro hinaufstieg. Im Laufe der nächsten zwei Stunden zeigte sie ihnen vier verschiedene Häuser. Während der ganzen Zeit drehten sich ihre Gedanken jedoch um Fragen, auf die sie keine Antwort fand. Fragen, die mit den Kindern ihrer Schwester und der Möglichkeit zu tun hatten, dass Ivy sie zum Erben von etwas ... oder jemand gemacht haben könnte. Abends arbeitete sie an ihrem Schreibtisch. Um den Schock zu verdrängen, den die Nachricht vom Vortag bei ihr ausgelöst hatte, und um sich nicht schlaflos im Bett hin und her zu wälzen, konzentrierte sie sich auf ihre Finanzen. Sie überprüfte die Ausgaben, die sie mit ihrer Kreditkarte getätigt hatte, und übertrug die Zahlen auf den Kontoauszügen des letzten Monats in ihr Scheckbuch. Wie immer erfüllte sie die Verwaltung ihrer Finanzen mit großer Befriedigung.
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3 Lydia starrte die Holzlampe auf dem Tisch auf der anderen Seite des Zimmers an. Ihre Augen waren wie gebannt von dem Licht. Eine ganze Reihe ihrer amischen Freundinnen, die damals mit ihr das Schulhaus mit einem einzigen Klassenzimmer besucht hatten, gehörten der Alten Ordnung an. Jeden Abend brachten ihre Väter die Gaslampen von draußen ins Haus. Die jüngeren Geschwister saßen wie Bienen um eine Honigwabe unter dem goldenen Schein, um zu lesen, zu nähen oder zu malen, während sich die Erwachsenen in der Nähe des Lichtscheins über die Ereignisse des vergangenen Tages unterhielten. Sie hatte manch einen Abend im Haus ihrer Freundin verbracht, die ein Stück die Straße hinab wohnte. Fannie Flaud, eine von Noah und Susie Lapps zahllosen Enkelinnen und Enkeln, war ihre beste Freundin. Fannie hatte vor knapp einem Jahr Lydia bei ihrem ersten Singen begleitet. Beide waren damals sechzehn gewesen und hatten sich nebeneinander auf einen Heuballen gesetzt und beobachtet, wie die Jungen in die Scheune stolziert kamen. Levi King und all die anderen Jungen trugen ihre guten schwarzen Hosen mit braunen Hosenträgern und langärmelige weiße Hemden. Natürlich hatten Lydia und Fannie so getan, als zeigten sie nicht das geringste Interesse an den Jungen. So war es beim Singen und auch bei allen anderen Gelegenheiten üblich. Von Mädchen wurde erwartet, dass sie mit keiner Miene zeigten, wenn sie einen bestimmten Jungen mochten. „Levi hat ein Auge auf dich geworfen.“ Fannie hat34
te es bemerkt. Sie hatte es Lydia zugeflüstert, als die schnellen Lieder gerade angestimmt worden waren. „Nein ...“ „Doch, warte nur ab. Du wirst schon sehen.“ Lydias Herz schlug viel zu schnell. „Glaubst du das wirklich?“ „Ich weiß es, Lyddie.“ Wie sich herausstellte, hatte Fanny recht. Blitzschnell hatte Levi Lydia angeboten, sie in seinem neuen Einspänner nach Hause zu bringen. So viele Monate waren seitdem vergangen, und jetzt war sie tatsächlich Levis Mädchen, seine Freundin. Ob sie jedoch irgendwann auch Levis Frau sein würde, war eine ganz andere Frage. *** Sarah blätterte gerade in einer Zeitschrift mit neuen Wohnideen, als das Telefon klingelte. Da es spät am Abend war, ließ sie den Anrufbeantworter drangehen. Bryan Fords vertraute Stimme klang aus dem Apparat. Schnell nahm sie den Hörer ab. „Hallo, Fremder.“ „Schön, deine Stimme zu hören, Sarah.“ Er machte eine kurze Pause. „Habe ich Chancen, dich morgen Abend zu einem gemeinsamen Essen zu überreden?“ Der immer spontane Bryan. „Wenn du mich vor zwei Wochen angerufen hättest, vielleicht schon. Ich habe einen Termin nach dem anderen.“ Und meine Schwester ist gerade gestorben, dachte sie. „Musst du immer so viel arbeiten?“ Auf diese Frage ging sie nicht ein. „Und ... was führt dich in diese Stadt?“ „Arbeit.“ Sie drang nicht weiter in ihn. Bryan genoss es an35
scheinend, trotz seines ausgefüllten Lebens als Computerspezialist für eine Firma in Boston zu den unerwartetsten Augenblicken in ihrem Leben aufzutauchen. „Ich bin zwei Tage hier. Dann wirst du nie wieder von mir hören.“ „Ist das ein Versprechen?“ Er schmunzelte. „Mutige Frauen faszinieren mich nun einmal. Deshalb bin ich wahrscheinlich auch hier.“ Seine Stimme hatte einen ernsteren Tonfall angenommen, aber ein Anflug von Humor war nicht zu überhören. „Du bist unmöglich.“ „Das musst ausgerechnet du sagen.“ Ihr verspieltes Wortgeplänkel versetzte sie in ihre Tage am College zurück. Der dunkelhaarige, witzige und gut aussehende Bryan Ford hatte ihr erklärt, sie sei seine einzige Seelenvertraute, die Frau, die dazu bestimmt sei, ihn zu vervollständigen. Damals hatte sie abfällig reagiert. „Du bist ein Träumer“, hatte sie ihn getadelt und diese Schelte vollkommen ernst gemeint. Aber er hatte nicht lockergelassen und die feste Absicht verfolgt, mit ihr eine Beziehung aufzubauen. Sie hatten eine stürmische Kameradschaft voller Zuneigung erlebt. Diese Freundschaft hatte fast zwei Jahre lang gehalten. „Vergiss nie, wer dich am meisten liebt“, hatte er immer gesagt, wenn er sie die Stufen zu ihrem Wohnheim hinaufführte. Sie hatte ihm geglaubt. Ohne den geringsten Zweifel. Trotzdem hatten sich ihre Wege nach dem Ende des Studiums getrennt. Ihre Entscheidung. Teilweise wegen Bryans verbissener Beharrlichkeit. Wegen seiner Besessenheit, dass er, der selbst als Einzelkind aufgewachsen war, eine Frau suchte, die genauso wie er viele Kinder haben wollte. Sarah hatte sich damals von diesem Wunsch erdrückt 36
gefühlt. Dieses Gefühl hatte sie auch jetzt noch, wenn sie an dieses Thema dachte. „Wir könnten uns am Sonntagvormittag irgendwo treffen. Eine Viertelstunde bei einer Tasse Kaffee“, schlug Bryan vor. „Wie wäre es damit?“ Er hatte sie trotz der Jahre, die inzwischen vergangen waren, nicht aufgegeben. Offenbar ließ er sich auch jetzt nicht abwimmeln. „Der Sonntagvormittag und auch jeder andere Vormittag ist so gut wie unmöglich. Das Gleiche gilt für ein Abendessen morgen.“ Sie wusste, wie herzlos es wäre, ihm falsche Hoffnungen zu machen. Andererseits genoss sie seine Gesellschaft mehr, als sie zugeben wollte. Wenn sie mit Bryan zusammen war, hatte sie nie das Gefühl, etwas Wesentliches im Leben zu verpassen. Ihre gegenseitige Achtung hatte nicht gelitten unter der riesigen Kluft, die zwischen ihnen stand, die zwei Freunde voneinander trennte und einen ganzen Kontinent zwischen sie legte: Sie lebte an der Westküste in Oregon, Bryan wohnte an der Ostküste der USA in Massachusetts. „Ich habe gehört, du frühstückst manchmal“, stichelte er. „Ziemlich selten.“ „Nimmst du dann am Sonntagmorgen ein seltenes Frühstück mit mir ein?“ Er war sehr höflich, ganz und gar nicht so ungestüm, wie er vor Jahren gewesen war. Heute bat er sie nur um die Erlaubnis, mit ihr frühstücken zu können. Es war wirklich Monate her, seit seine Arbeit ihn das letzte Mal so weit in den Westen geführt hatte. Die Dringlichkeit in seiner Stimme stachelte ihre Neugier an. Sie seufzte und musste aufpassen, dass er es nicht hören konnte. „Oh, Bryan. Ich weiß nicht recht ...“ 37
„Es ist doch nur ein Frühstück.“ Höchstwahrscheinlich hatte er den ganzen Weg zurückgelegt, nur um sie zu sehen, obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass auch irgendwo ein Kunde auf ihn wartete. Es wäre nicht recht gewesen, seine Einladung auszuschlagen. „Einverstanden. Aber ein kurzes Frühstück.“ „Und ein schönes?“ „Wie du willst.“ Sie lachte. „Hey, zügle deine Begeisterung!“ Sie fragte sich: Kann ihn denn nichts verletzen? Warum kam Bryan immer wieder zu ihr? Nicht, dass er ihr nicht gefallen hätte. Ganz im Gegenteil: Bryan Ford war einer der sympathischsten Männer, mit denen sie je ausgegangen war. Und er war mehr als nur gut gelaunt und fröhlich. Er empfand viel für sie, aus einem Grund, den sie nicht ganz begreifen konnte. „Ist halb acht zu früh?“, fragte sie. „Sag, in welchem Restaurant.“ Sie tat es. Er versprach, pünktlich zu sein. „Bis dann“, verabschiedete sie sich und legte auf. Sie widmete sich wieder ihrer Zeitschrift und verbannte alle Gedanken an Bryan aus ihrem Kopf. Jetzt war nicht die Zeit zu analysieren, welche Beziehung sie und Bryan zueinander hatten oder nicht hatten. Sie nahm sich vor, die Zeitschrift zu lesen, aber schon nach wenigen Minuten, in denen sie vergeblich versuchte, ihre abschweifenden Gedanken auf die Worte zu konzentrieren, die sie las, verlor der Artikel seinen Reiz. Sarah legte die Zeitschrift unter die Glasplatte des Beistelltisches und beschloss, zu Bett zu gehen. Dabei ignorierte sie die nagenden Gedanken an Ivy ... und Charles Eberley. Sarah war immer noch zu keinem klaren Schluss gelangt, was sie auf die Aufforderung des Anwalts hin 38
unternehmen wollte und ob sie in dieser Angelegenheit überhaupt etwas unternehmen wollte. Eines stand fest: Sie wollte bestimmt keine kostbare Zeit in ihrem engen Terminkalender verplempern, um nach Pennsylvania zu fliegen und sich die belanglosen Einzelheiten von Ivys letztem Willen und ihrem Testament anzuhören. Hier wartete viel zu viel Arbeit, die sie zu erledigen hatte. Viel zu viel Leben, das sie nicht verpassen wollte. Sarah dachte an die Kinder ihrer verstorbenen Schwester. Was würde aus ihnen werden? „Sie sind nicht mein Problem“, entschied Sarah. Sie putzte sich die Zähne, reinigte sie mit Zahnseide und kuschelte sich dann in ihr Bett. *** Freitagabend, 21. Januar Ich fühle mich mehr denn je gezwungen, meine Gedanken aufzuschreiben. Wenigstens eine Weile will ich das tun. Vielleicht nur, bis sich in meinem Inneren alles wieder ein wenig beruhigt und geordnet hat. Fannie sagt, es sei eine gute Idee, meine Gefühle zu Papier zu bringen. „Das hilft dir, wieder einen klareren Kopf zu bekommen“, sagte sie, als sie und ihre Mama heute Vormittag zu einem heißen Kakao und süßen Hörnchen vorbeikamen. Bestimmt hat der Herr im Himmel diese lieben Freundinnen heute zu mir geschickt, während meine Geschwister in der Schule waren. Ich fühlte mich so einsam, bevor sie kamen. Hin und wieder sehe ich ganz plötzlich Mamas Gesicht deutlich vor mir. Ich werde nie vergessen, wie schön sie war, innerlich und äußerlich. Ihr herzförmiges Gesicht, ihre rehbraunen Augen, die hellen, rotblonden Haare, die sie zu einem dicken Knoten unter 39
ihre Gebetshaube gesteckt hatte. Und ihr Lächeln, ach, allein schon die Erinnerung daran raubt mir den Atem. Ich vermisse sie so sehr! Manchmal, wenn es im Haus dunkel ist und meine Geschwister tief eingeschlafen sind, bin ich versucht, in die Familientruhe in Mamas Zimmer zu schauen. Die tiefen Schubladen reizen mich sehr. Ich vermute, dass darin Briefe liegen, viele Briefe, die in der großen unteren Schublade versteckt sind. Bestimmt einige Briefe von früheren Freunden aus Connecticut. Und auch welche von Oma Cain. Gewiss auch Briefe von Tante Sarah. Irgendwo sind bestimmt auch Mamas Tagebücher versteckt. Wenn ich ehrlich bin, fürchte ich, ich könnte an einem der nächsten Tage der Versuchung nachgeben und diese persönlichen Dinge lesen. Der allmächtige Gott weiß, dass mehr als bloße Willenskraft nötig ist, um mich von dem leeren Zimmer meiner Mutter fernzuhalten. Trotzdem wurmt es mich, dass unsere weltliche Tante kommen und in Mamas privaten Sachen wühlen wird. Ich finde einfach, das gehört sich nicht. Was wird wohl aus uns werden? Ich liege wach und mache mir Sorgen. Dieselbe quälende Frage geht mir unablässig im Kopf um. Ich stehe oft am Fenster und bete, während ich über die verschlafenen Felder von Grasshopper Level schaue, die weiß und silbrig im Mondschein daliegen. Gott muss etwas tun, und zwar schnell. Denn es erübrigt sich, darüber nachzudenken, ob Tante Sarah hier bei den Amisch leben will. Falls sie es trotzdem vorhaben sollte, käme sie mit unserer Lebensweise wohl nie zurecht: Pferd und Einspänner und drei Stunden lange Predigtgottesdienste an den Sonntagen. Nur gut, dass wir zu den Amisch gehören, die Strom und Telefon benutzen dürfen, sogar fließendes Wasser. Sonst könnte ich mir gar nicht vorstellen, 40
was Tante Sarah von uns denken würde. Hinterwäldler wird sie uns wahrscheinlich nennen. Dabei sind wir nichts anderes als gottesfürchtige Amisch. Nach allem, was unsere Eltern durchgemacht haben, um sich den Amisch anzuschließen und ein einfaches Leben vor Gott und der Gemeinde zu leben, graut mir bei dem Gedanken, dass wir Lancaster County vielleicht verlassen müssen. Es ist gut, dass meine Geschwister das Leben in der modernen Welt nicht kennen. Sie bekämen sonst wahrscheinlich furchtbare Angst.
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