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Kapitel 1 Dieser Story konnte einfach kein Reporter widerstehen. Eine Stalkerin, die in der Wahnvorstellung lebte, sie wäre mit dem berühmten Schauspieler Dayne Matthews verheiratet. Die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen diese geisteskranke Frau, die urplötzlich in der romantischen Bucht von Paradise Cove aus der Dunkelheit aufgetaucht war und versucht hatte, eine Mitarbeiterin von Dayne zu ermorden. Dayne Matthews’ heldenhafte Rettung seiner Mitarbeiterin. Dazu die Fotos, auf denen er einige Zeit vorher in der Nähe dieses Strandes eine unbekannte Frau geküsst hatte, und der Umstand, dass es bis jetzt niemandem gelungen war herauszufinden, wer diese Frau war. Es spielte keine Rolle, dass es sich heute nur um die Aufnahme von Zeugenaussagen im Vorfeld des Prozesses handelte. Ein großes Aufgebot an Übertragungswagen, Reportern und Fotografen umschwärmte an diesem Januarmorgen in der Hoffnung, einen Blick auf den Star zu erhaschen, und gierig nach neuen Details den Eingang zum Gerichtsgebäude von Los Angeles. Dayne Matthews saß auf dem Rücksitz eines schwarzen Mietwagens. Sein Anwalt, Joe Morris, saß am Steuer. Sie standen an einer roten Ampel vor dem Gerichtsgebäude und konnten alles gut beobachten. Fernsehleute, Zeitungsreporter und Fotografen der Boulevardpresse drängten sich auf dem Gehweg, suchten den besten Blickwinkel, den geringsten Schatten, steckten Kabel zusammen und stellten ihre Linsen scharf, während sie darauf warteten, dass er endlich auftauchte. „Sie sind mit ihrer vollen Ausrüstung gekommen.“ Joe lenkte den Wagen auf den Parkplatz. „Sie lieben eine gute Story.“ Die heutige Zeitung lag auf dem Sitz neben Dayne. Er nahm sie in die Hand. Sein Pressesprecher hatte eine Mitteilung herausgegeben und die Informationen bewusst knapp gehalten. In dem Artikel stand: Dayne Matthews und seine Mitarbeiterin, deren Name nicht genannt wurde, erscheinen heute Morgen vor Gericht, um im Fall gegen die Stalkerin Margie Madden ihre Zeugenaussagen zu machen. Dayne schmunzelte. Katy würde erst eine halbe Stunde nach ihm 5


ins Gerichtsgebäude kommen, und sie war viel mehr als nur eine Mitarbeiterin, auch wenn die Medien und die Polizei sie von Anfang an nur als solche gesehen hatten. Eine „Mitarbeiterin“, die ihm angeblich geholfen hatte, eine geeignete Stelle für die Dreharbeiten des nächsten Films zu suchen. Da Katy unbekannt war und ihren Namen bis zur Verhandlung nicht preisgeben musste, brauchte niemand zu wissen, dass sie selbst eine Schauspielerin war und die weibliche Hauptrolle in Dream On abgelehnt hatte oder dass sie in Bloomington, Indiana, lebte. Die Boulevardblätter hatten ein Foto, auf dem er an jenem Abend einige Zeit vorher eine Frau geküsst hatte; er hatte erklärt, dass sie eine Schauspielerin sei, die anonym bleiben wolle. Die Medien hatten die zwei Geschichten nie zusammengebracht. „Gehen wir.“ Sein Anwalt atmete laut hörbar aus und stellte den Motor aus. „Es wird eine Weile dauern, bis wir uns einen Weg durch diesen Pulk gebahnt haben.“ Dayne öffnete die Wagentür. Die Erklärung, die er der Presse und der Polizei gegeben hatte, hatte so große Lücken, dass ein Zug durchpassen würde, aber nichts davon war gelogen. Nicht wirklich. Katy war in einem gewissen Sinn für kurze Zeit seine Mitarbeiterin gewesen. Und die Polizei interessierte sich nicht für die Fotos in den Boulevardblättern, auf denen er irgendeine Frau am Strand küsste. Schließlich stand nicht er als Angeklagter vor Gericht. Sondern Margie Madden. Mit dieser Erklärung gewannen sie Zeit. Auf diese Weise konnten sie Katy so lange wie möglich vor den Blitzlichtgewittern fernhalten. Wenn die Presse dann irgendwann ihre Zeugenaussage hören und ihren Namen erfahren und herausfinden würde, dass sie daran gedacht hatte, die Rolle in Dream On zu übernehmen, wäre der Film schon in den Kinos und Katy wäre nur ein kleiner Aspekt der Geschichte. Dayne und Joe marschierten mit schnellen Schritten dicht nebeneinander her. Joe war eigens aus New York City nach Los Angeles geflogen, obwohl seine Anwesenheit nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre. Die Staatsanwaltschaft führte die Zeugenvernehmung durch, und normalerweise brauchten Zeugen keinen Anwalt. Aber bei Dayne war das anders. Sein öffentliches Erscheinungsbild stand jedes Mal, wenn er etwas sagte oder tat, das mit der Polizei oder dem Gericht zu tun hatte, auf dem Prüfstein. Sein Anwalt plante sogar, jemanden aus 6


seinem New Yorker Büro nach Los Angeles zu schicken, der während des Prozesses im Mai ständig an Daynes Seite bleiben sollte. Sie waren noch dreißig Meter vom Gerichtsgebäude entfernt, als der Reporterschwarm von Daynes Ankunft Wind bekam. Eilig drehten sie sich herum und richteten ihre Kameras auf ihn. Einige adrett gekleidete Nachrichtensprecher schoben sich mit großen Mikrofonen in den Händen vor die anderen Reporter. Je größer der Nachrichtensender war, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn mit seinem Nachnamen ansprachen. „Mr Matthews.“ Eine stark geschminkte Blondine stellte sich ihm in den Weg. „Stimmt es, dass Sie den Richter dazu bringen wollen, dass er an Margie Madden ein Exempel statuiert, und stimmt es, dass ...?“ „Kein Kommentar.“ Joe nahm Dayne am Ellbogen und bahnte sich mit seinem anderen Arm einen Weg durch die Menge. „Entschuldigen Sie uns.“ „Dayne“, rief ein Fotograf, der einige Reihen weiter hinten in der Menge stand. „Erzähl uns etwas über diese Mitarbeiterin. Wo ist sie? Sollte sie nicht ...?“ „Sie ist schon hier.“ Joes Antwort war so laut, dass jeder sie hören konnte. Das war Teil des Plans, da er die Presse davon abbringen wollte, noch länger hier zu bleiben und auf Katy zu warten. Der Fotograf hob die Hand und rief wieder: „Arbeitet sie immer noch mit Dayne zusammen? Und in welcher Funktion, da wir ihren Namen nicht kennen und ...?“ „Kein Kommentar.“ Joe behielt sein Tempo bei. Er zog Dayne mit sich und ließ ihm keinen Raum für Antworten. Dayne war dankbar über Joes energische Hilfe. Wenn er seinen Anwalt öfter an seiner Seite hätte, würden die Paparazzi ihn vielleicht in Ruhe lassen. Bei diesem Gedanken konnte er sich nur mühsam ein Grinsen verkneifen. Man machte ihnen einen schmalen Weg frei, und Dayne bemühte sich, mit ernster Miene geradeaus zu schauen. Die Presse hatte ihre gewünschten Fotos und ihr Filmmaterial: Dayne Matthews, Hollywoodstar, kommt zum Gericht, um gegen die geisteskranke Stalkerin auszusagen, die versucht hatte, seine Mitarbeiterin zu töten. Abgesehen von neugierigen Blicken und geflüsterten Bemerkungen wurden Dayne und Joe nicht mehr behelligt, bis sie das Gebäude betraten und mit dem Aufzug in den achten Stock fuhren. Dayne blieb 7


eine Minute am Fenster stehen und ließ seinen Blick über das dunstige Los Angeles schweifen. Irgendwo da draußen war Katy Hart. Sie war wieder in seiner Stadt und in dieser Minute zum Gerichtsgebäude unterwegs. Seit Weihnachten konnte er kaum an etwas anderes denken als an ihren Besuch. „Hier entlang.“ Joe ging voraus und steuerte auf ein Zimmer am Ende des Ganges zu. Sie wurden von einer streng aussehenden Frau Mitte fünfzig begrüßt. Sie stellte sich als die für den Fall zuständige Staatsanwältin vor. „Wir haben ein Zimmer für Sie reserviert.“ Sie bedachte die beiden Männer mit einem geschäftsmäßigen Lächeln. „Folgen Sie mir.“ Während sie durch einen langen Flur schritten, erklärte die Staatsanwältin die Vorgehensweise, aber Dayne nickte nur hin und wieder. Um die Details würde sich Joe kümmern. Er musste nur erzählen, was damals am Strand passiert war, während die Staatsanwältin seine Aussage auf Band aufnahm. Im Moment konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen und an Katy denken. Er hatte seit der Premiere von Annie nichts mehr von ihr gehört, aber sie war da, wenn er aufwachte und wenn er sich schlafen legte. Die letzten Monate waren die einsamsten seines Lebens gewesen. Es war nicht so, dass er keine Angebote haben würde. Er steckte mitten in den Dreharbeiten für einen Romantik-Thriller mit Angie Carr, einer dunkelhaarigen Schönheit mit exotischem Aussehen und einer Vorliebe für ihre männlichen Co-Stars. Sie hatten sich schon bei mehreren Anlässen getroffen, aber bis jetzt noch nie einen Film miteinander gedreht. Am ersten Tag der Dreharbeiten hatte sie den Kopf aus ihrem Wohnwagen gesteckt und ihn gerufen. „Dayne, kommst du bitte mal?“ Ihre Augen funkelten und ihre Lippen bildeten den Schmollmund, für den sie berühmt war. „Ich habe eine Frage.“ Er steckte gerade mitten in einem wichtigen Gespräch mit seinem Agenten. Aber Angie hatte Vorrang, da es für den Film wichtig war, dass die Chemie zwischen ihnen stimmte. Er ging rasch zu ihrem Wohnwagen, trat ein und schloss die Tür hinter sich. Sie stand in einem durchsichtigen Negligee vor ihm. „Hi.“ Sie trat einen Schritt näher. „Ich wollte dich nach deiner Meinung fragen.“ Noch ein Schritt. „Passt das für die Schlafzimmerszene am Anfang des Films?“ 8


Er schluckte und legte die Hand auf den Türgriff. „Ich dachte, im Skript ist von einem Nachthemd die Rede.“ Sie formte die Lippen zu einem Schmollmund, den die meisten Männer unwiderstehlich gefunden hätten. Sie spielte mit einer Haarsträhne, senkte das Kinn und sah absolut verführerisch aus. „Gefällt es dir nicht?“ „Ja, also ...“ Er lachte kurz und rieb sich den Nacken. „Der Film soll ab 12 Jahren freigegeben werden. Ich denke also, ein bisschen weniger durchsichtig wäre besser.“ Sie grinste. „Wenn du meinst.“ Sie kam noch einen Schritt näher und strich mit dem Finger über seinen Arm. „Für jetzt ist es aber perfekt.“ Sie deutete mit dem Kopf zur Filmcrew draußen am Set. „Sie sind noch mindestens eine Stunde beschäftigt, bevor sie uns brauchen.“ Ihr Gesicht war so nahe, dass er den Pfefferminzgeruch in ihrem Atem riechen konnte. Ihre Stimme sank zu einem Flüstern. „Weißt du, wie lange ich schon eine Liebesszene mit dir einüben will, Dayne Matthews?“ Er biss die Zähne zusammen. „Angie, hör zu ...“ Sie war atemberaubend, na und? Wollte sie, dass er hier auf dem Fußboden im Wohnwagen mit ihr schlief? Und selbst wenn er das täte, was dann? Sie würden einige Wochen so tun, als wären sie leidenschaftlich ineinander verliebt, und danach wäre er einsamer als je zuvor. Und noch etwas anderes: Er würde den Frieden verlieren, den er in Bloomington gefunden hatte, verlieren, wenn er in seine alten Verhaltensmuster zurückfiele. Er legte die Hände leicht um ihr Gesicht und zog es an sich heran. Dann küsste er sie auf die Stirn. „Der Film verlangt ein paar Küsse. Mehr nicht.“ Er schaute ihr in die Augen. „Wir haben später noch Zeit zu üben, okay?“ Angie hätte wütend werden können, aber das wurde sie nicht. Stattdessen trat sie ein paar Schritte zurück und sorgte dafür, dass er einen ungehinderten Blick auf ihren ganzen Körper hatte. „Ich freue mich darauf.“ Sie bedachte ihn mit einem zuversichtlichen Lächeln, als wollte sie ihm signalisieren, dass sie nicht so leicht aufgeben würde. „Essen wir heute Abend miteinander?“ Angies Versuche waren seitdem unermüdlich und hartnäckig, aber es war ihm gelungen, Abstand zu halten. Die Zusammenarbeit mit ihr hatte ihre Vorteile. Sie war ein Profi, brillant vor der Kamera und 9


witzig, wenn die Kameras aus waren. Aber sie gab ihm das Gefühl, leer und künstlich zu sein. Dieses Gefühl vermittelte ihm in letzter Zeit ganz Hollywood. Er war dankbar, dass er heute einen Tag frei hatte, und es störte ihn auch nicht, dass er den größten Teil dieses Tages in einem Gerichtsgebäude verbrachte. Er hätte sich sogar auf einen Tag im Gefängnis gefreut, wenn das bedeuten würde, dass er Katy Hart wiedersehen würde. Die Anwälte unterhielten sich immer noch, als sie eine Tür am Ende des Flurs erreichten. Dayne warf einen Blick auf seine Armbanduhr und dann zum Aufzug. Katy würde in einer Viertelstunde da sein. „Das ist perfekt.“ Joe öffnete die Tür und betrat den kleinen Raum. Er schaute Dayne an. „Sind Sie bereit?“ „Absolut.“ Plötzlich war Dayne ganz bei der Sache. Die Stalkerin hatte ihn einen hohen Preis gekostet. Jetzt endlich hatte er Gelegenheit, es ihr heimzuzahlen. Die Staatsanwältin folgte ihnen in den Raum. „Die Zeugenvernehmung beginnt erst in zwanzig Minuten.“ Sie warf einen Blick auf die Wanduhr. „Ich hole mir einen Kaffee. Ich bin gleich wieder da.“ „Ich komme mit.“ Joe stellte seine Aktentasche auf den Schreibtisch und nickte Dayne zu. „Möchten Sie auch etwas?“ „Nein, danke.“ Die Anwälte verließen den Raum, und Dayne setzte sich auf einen der Stühle. In der Stille konnte er fast sein Herz schlagen hören. Hatte Katy immer noch Gefühle für ihn? Waren die Gefühle, die zwischen ihnen gewesen waren, immer noch da, obwohl sie sich so lange nicht gesehen hatten? Er trommelte mit den Fingern nervös auf die Tischplatte. Die Minuten vergingen viel zu langsam. Er hätte seine Bibel, die Katy ihm geschenkt hatte, mitbringen sollen. Damit hätte er sich die Zeit vertreiben können. Er las in letzter Zeit häufig darin und ließ jeden Abend ein wenig mehr von der frohen Botschaft der Bibel auf sich wirken. Es war nicht so, dass er sofort in die nächste Kirche rennen wollte, oder sich als wiedergeboren bezeichnete, wie einige Freunde von ihm, allesamt Sportler, es taten. Aber der Gott der Bibel war derselbe Gott, an den seine Eltern, die Baxters und Katy Hart glaubten. Deshalb dachte auch Dayne in letzter Zeit immer öfter über ihn nach. Er wollte schon hinausgehen und nach Katy schauen, als er ein Klop10


fen hörte. Die Anwälte wären, ohne zu klopfen, eingetreten. Vielleicht war es also ... Er stand auf und öffnete die Tür. Noch bevor er den nächsten Atemzug machen konnte, schaute er ihr in die Augen. In dieselben blauen Augen, in die er im November von der Galerie des Bloomingtoner Theaters geschaut hatte. „Hallo.“ Katy war außer Atem. Sie schaute sich nervös um. „Ich habe noch nie so viele Kameras gesehen.“ „Sie wussten aber nicht, wer du bist, oder?“ „Nein.“ Sie atmete aus und wurde wieder ein wenig ruhiger. „Ich bin an ihnen vorbeigeschlüpft, ohne dass sie sich für mich interessiert hätten.“ Dayne ließ sie ins Zimmer, schloss die Tür, und plötzlich waren sie allein und standen sich gegenüber, als wäre seit ihrer letzten Begegnung keine Zeit vergangen. „Katy.“ Er ergriff ihre Hände. „Du siehst wunderbar aus.“ Sie errötete leicht und senkte den Blick. Als sie ihn wieder anschaute, fand er in ihren Augen die Antwort, die er suchte. Die Gefühle waren immer noch da. Das sah er in ihren Augen und das spürte er daran, wie sie mit den Daumen über seine Hände fuhr. „Ich dachte nicht, dass wir heute irgendwann allein sein würden.“ „Wir werden auch nicht lang allein sein.“ Ihr Lächeln verriet ihm, was sie fühlte. Aber gleichzeitig sprach daraus eine schmerzliche Resignation. Denn sie waren wieder zusammen und ihre Gefühle füreinander waren unverändert, aber ihre Zeit würde nach den Geschehnissen um sie herum, nach den Vorgaben seiner Welt gezählt und gemessen werden. „Wie geht es dir, Dayne?“ Katy wandte keine Sekunde den Blick von ihm ab, als wollte sie von den wenigen Minuten, die sie miteinander hatten, keine Sekunde verlieren. „Mir geht es gut.“ Er grinste und wünschte sich nichts mehr, als dass ihre Begegnung locker und fröhlich bliebe. Es war einfach nicht fair, dass dieser Besuch am Ende wieder nur zu einem traurigen Abschied führen würde. „Woran arbeitest du zurzeit?“ „An Robin Hood.“ Sie lachte kurz. „Es ist anstrengend, aber gut.“ „Und die Kinder?“ Er wollte es wissen, er wollte alles über sie wissen. „Geht es ihnen gut?“ 11


„Ja. Die älteren Kinder kommen immer noch zu dem Bibelgesprächskreis, den es seit Sarah Jo Strykers Unfall gibt.“ Sie verzog das Gesicht zu einer komischen Miene. „Aber wahrscheinlich sollten wir einen Tag mehr in der Woche mit Proben verbringen, denn es läuft gerade sehr schleppend.“ „Das Arrangement, meinst du?“ „Nein.“ Sie lachte. „Wir kämpfen damit, dass alle auf der Bühne bleiben. Darüber wäre ich schon sehr froh.“ Katy gestikulierte immer mit den Händen, wenn sie aufgeregt war. Jetzt ließ sie seine Hände los und begann, ihm plastisch darzustellen, was passiert war. „Da ist also die Szene, in der Robin sich an einem Seil auf die Bühne schwingt, ja?“ „Um Marian zu retten?“ „Genau.“ Sie holte schnell Luft. „Marian steht mit gefesselten Händen auf einem künstlichen Baumstumpf, und er soll sich auf die Bühne schwingen, neben ihr landen und sie retten.“ Dayne schmunzelte. Er ahnte, was gleich kommen würde. „Stattdessen ...“ – Katy demonstrierte die schwingende Bewegung. – „... segelt er herein und wirft sie mit voller Wucht um, und sie landet auf dem Boden.“ „Oh.“ Dayne verzog das Gesicht. „Wurde sie verletzt?“ „Ihr Stolz. Und ihre Chemie mit Robin.“ Katy schaute ihn grinsend an. „Daraufhin haben wir beschlossen, dass er in Zukunft einfach angelaufen kommt.“ „Das klingt gut.“ Dayne sah viel mehr als nur Katys körperliche Schönheit. Er sah ihre Begeisterung, ihre Freude und ihre Aufregung über die kleinen Dinge des Lebens. Das alles war für ihn, als würde er frische Luft atmen, nachdem er viel zu lange unter Wasser gewesen war. „Aber genug davon.“ Ihr Tonfall wurde weicher. „Wie geht es dir ... wirklich?“ „Na ja ...“ Er schaute ihr in die Augen und wandte den Blick nicht von ihr ab. „Ich interessiere mich nicht mehr für Kabbala.“ Ihre Augen wurden groß, und ihr Blick schaute in die Tiefen seiner Seele, an die einsamsten Stellen seines Herzens. „Wirklich?“ „Ich habe alles weggeworfen.“ Er merkte, dass seine Augen anfingen zu tanzen. „Eine schöne Frau hat mir gesagt, dass das wahrscheinlich nichts für mich ist. Sie hat mir gesagt, dass ich die Wahrheit finden muss.“ 12


„Das muss eine kluge Frau gewesen sein.“ „M-hmm.“ Er ergriff wieder ihre Hände, hielt aber weiterhin Abstand zu ihr. „Unbedingt. Sie hat mir sogar eine Bibel gegeben.“ „Eine Bibel? Wie interessant.“ Ihre Augen funkelten. „Wirklich eine gute Idee. Weißt du ... denn in ihr steht die Wahrheit. Wenn du die Wahrheit suchst, ist es nicht dumm, wenn du bei der Quelle beginnst.“ „Das habe ich mir auch gedacht.“ Er spürte, wie sein Lächeln verblasste. „Sie verändert mich, Katy. Das spüre ich.“ Ihre Miene wurde weicher, und was vorher verspielt gewesen war, wurde jetzt ernst. Sie legte die Arme um seinen Hals. „Dayne, dafür habe ich gebetet ... ich habe für dich gebetet.“ Er wäre nicht auf sie zugegangen, er hätte nicht wie bei ihrem letzten Beisammensein die Grenze überschritten. Aber als er sie jetzt in den Armen hielt, wollte er sie nie wieder loslassen. Langsam fuhr er mit den Fingern über ihren Rücken, dann weiter zu ihrem Nacken hinauf und in ihre Haare. Sie roch wunderbar, wie die Blumen in Bloomington. Viel zu bald trat Katy zurück und sah ihn erwartungsvoll an. „Hast du Jesus gefunden? Als du in der Bibel gelesen hast?“ Seine Hände lagen immer noch auf ihrem Rücken, aber nur locker. Dayne schaute an ihr vorbei. Das war eine gute Frage. Er verstand jetzt besser, was Vergebung und Frieden bedeuteten. „Ob ich Jesus gefunden habe?“ „M-hmm.“ Sie legte den Kopf schief. „Wenn du weiter schaust als zu den Verletzungen aus deiner Vergangenheit und der Traurigkeit, ist er dann da?“ Seine Freude wurde ein wenig getrübt. Die Antwort war nicht das, was sie gern hören wollte. „Noch nicht.“ Er ließ ihre Taille los und ergriff wieder ihre Hände. „Aber ich bin auf der Suche.“ Aus ihren Augen sprach nicht die geringste Enttäuschung. Sie bedachte ihn mit dem wunderbarsten Lächeln, das er je gesehen hatte. „Das ist gut.“ „Was?“ Es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, sie nicht zu küssen. „Dafür habe ich gebetet.“ Ihre Augen glänzten. „Dass du suchst.“ Die Tür ging auf. Sie ließen sich los und traten von der Tür weg. Joe Morris trat als Erster ein. Er blieb stehen und schaute zuerst Dayne und dann Katy an. „Hallo. Sie müssen Katy Hart sein.“ 13


„Das bin ich.“ Sie reichte ihm die Hand. Ihre Wangen waren gerötet, aber sie fing sich schnell wieder. „Habe ich Sie richtig verstanden, dass die Zeugenaussagen nicht lange dauern werden?“ „Ja, das stimmt.“ Die Staatsanwältin trat in den Raum. Sie begrüßte Katy und dann noch einmal kurz Dayne. „Wir brauchen Ihre Zeugenaussage auf Band, damit wir die Anklage vorbereiten können.“ Dayne spürte, wie die Vertrautheit, die noch vor einem Moment zwischen ihnen geherrscht hatte, sich wie ein Nebel im Juli auflöste. Es war jetzt kein fröhliches Wiedersehen mehr, keine Gelegenheit, sich erneut vor Augen zu führen, warum er Katy Hart nicht vergessen konnte. Jetzt herrschte nüchterne Geschäftsmäßigkeit, und die Atmosphäre blieb die ganze nächste Stunde ernst und sachlich. Als die Staatsanwältin fertig war, standen alle vier auf. Dayne wollte Katy gerade fragen, ob sie mit ihm irgendwohin fahren und ein wenig Zeit mit ihm verbringen wolle, bevor sie wieder zurückfliegen müsste. Aber bevor er etwas sagen konnte, klingelte sein Handy. Er schaute auf die Nummer des Anrufers. Kelly Parker. Er verdrängte seinen Ärger. Sie rief selten an. Er könnte sie wenigstens höflich auf später vertrösten. Sie hatten kaum gesprochen, seitdem sie aus seinem Haus ausgezogen war. Er hob entschuldigend die Hand und klappte sein Handy auf. „Hallo.“ „Dayne.“ Kellys Stimme klang, als hätte sie geweint. Eine Mischung aus Traurigkeit und Angst lagen darin. Sie wartete einen Moment. „Ich habe schlechte Nachrichten. Ich weiß es auch noch nicht lang.“ Sein Herz stockte, und er trat in eine Ecke des Raums. Im Hintergrund hörte er, wie sein Anwalt ein Gespräch mit Katy begann. Er drückte das Handy an sein Ohr. „Was ist?“ „Es gibt keine leichte Art, es zu sagen“, seufzte Kelly. Ihre nächsten Worte erschütterten ihn bis in die Tiefe seiner Seele. „Dayne, ich bin schwanger.“ *** John Baxter hatte nicht mehr viele Möglichkeiten. Er hatte alles Erdenkliche getan, um seinen ältesten Sohn zu finden. 14


Er hatte im Internet Informationen zusammengestellt, und er hatte Adoptionsstellen aufgesucht. Er hatte telefoniert und Kontakt zu Personen aufgenommen, die Eltern halfen, ihre leiblichen Kinder zu finden. Jetzt klammerte er sich an seine letzte Chance. Die Hoffnungen, seinen Sohn zu finden, lagen nun alle allein in den Händen eines Privatdetektivs. John hatte ihn vor einer Woche engagiert, und jetzt lag auf seinem Schreibtisch eine Nachricht von dem Mann mit der einfachen Aufforderung: Rufen Sie mich so bald wie möglich an. Er starrte auf den Zettel und griff nach dem Telefon. War es so weit? Hatte der Privatdetektiv seinen Sohn gefunden, für den er und Elizabeth so viele Jahre gebetet hatten? Hätte John in ein paar Minuten alle Informationen, die er schon immer hatte haben wollen? Die verschiedenen Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf und machten ihm das Atmen schwer. John schloss die Augen und atmete aus. Gott, sei in dieser Sache bei mir. Ich will ihn unbedingt finden, und das ist meine letzte Chance. Bitte schenke, dass es einen Anhaltspunkt gibt. Eine Spur, eine Telefonnummer, einen Namen. Irgendetwas. Als er die Augen wieder öffnete, fiel sein Blick auf einen gerahmten Bibelvers auf seinem Schreibtisch. Bei Gott ist alles möglich. Matthäus 19,26. Ein Lächeln stahl sich in Johns Gesicht, und er entspannte ein wenig. Danke, Gott. Du weißt immer, was ich brauche. Egal, was der Privatdetektiv ihm zu sagen hatte, er würde nicht aufgeben. Jetzt nicht und auch später nicht. Seine Handflächen waren feucht, als er den Telefonhörer berührte. Er atmete tief ein und gab die Nummer des Privatdetektivs ein. Eine Sekretärin meldete sich und stellte seinen Anruf durch. „Tim Brown.“ Der Mann redete schnell und war immer energiegeladen. „Was kann ich für Sie tun?“ „Äh ... hier ist John Baxter. Ich sollte Sie zurückrufen.“ Er schluckte schwer. „Haben Sie meinen Sohn gefunden?“ „Ach, Mr Baxter. Danke, dass Sie anrufen.“ Der Tonfall des Mannes wurde ernster und langsamer als vorher. „Ich habe bei meinen Nachforschungen etwas herausgefunden. Etwas sehr, sehr Wichtiges, über das ich nicht am Telefon sprechen kann. Das geht nur persönlich.“ Persönlich? John konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, solan15


ge er die Ergebnisse seiner Nachforschungen nicht wusste. „Sind Sie sicher? Können Sie es mir nicht jetzt sagen?“ „So etwas kann ich Ihnen nicht am Telefon sagen.“ Tim raschelte mit Papieren. „Können Sie morgen Vormittag hier sein? Um elf Uhr?“ Er seufzte schwer, und John spürte selbst am anderen Ende der Telefonleitung, dass er nervös war. „Es handelt sich um eine sehr sensible Sache. Das sollten Sie von vornherein wissen.“

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Kapitel 2 Er stand immer noch unter Schock. Dayne umklammerte sein Handy, und der Boden unter seinen Füßen wackelte genauso, als würde ein Erdbeben Los Angeles erschüttern. Er wollte hinter den Anwälten und Katy Hart in den Flur treten. Aber plötzlich schienen ihn eine Million Meilen von den anderen zu trennen, als wären alle anderen schon zu den Autos gegangen, die hinter dem Gerichtsgebäude warteten, und er würde von einem starken Sog zurückgehalten und in einen engen Tunnel gezerrt werden, aus dem es keinen Fluchtweg gab und in dem das Tageslicht rasend schnell verblasste. Katy drehte sich um und legte den Kopf schief. „Alles in Ordnung?“, fragte sie ihn tonlos. Unmittelbar hinter ihr unterhielten sich die Anwälte. Aber er konnte ihre Worte nicht verstehen. Kelly Parker war immer noch am anderen Ende der Leitung. Schweigend. Wartend. Sein Kopf dröhnte. Er schloss die Augen und flüsterte ins Telefon: „Bleib dran, okay?“ „Hör zu, Dayne ...“ Kelly atmete gereizt und ungeduldig aus. „Wir müssen reden.“ „Ich habe gesagt, warte kurz“, zischte er. Ärger schlich sich in seinen Ton. „Ich bin im Gericht.“ Dayne hielt die Hand über das Telefon und ließ die Hand nach unten hängen. Er schaute Katy an. „Dieses Telefongespräch ist wichtig.“ Falls sie enttäuscht war, zeigte sie es nicht. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Die Anwälte wollen in meinem Hotel in einem separaten Raum mit uns essen gehen.“ Sie zuckte die Achseln. Die Unschuld dieser Bewegung ließ sie unvergleichlich schön aussehen. „Kannst du mitkommen?“ Daynes Anwalt unterbrach sein Gespräch und steckte den Kopf über Katys Schulter. „Wir müssen verschiedene Ausgänge nehmen. Auf sie wartet ein Auto auf der Rückseite des Gebäudes, Dayne. Ein Polizist zeigt Ihnen den Weg.“ Joe legte eine Hand auf Katys Schulter. „Sie hat ihren eigenen Fahrer. Ich fahre allein. Wir treffen uns in Katys Hotel. Einverstanden?“ 17


Dayne konnte sich nicht konzentrieren. Kelly war schwanger? Wie hatte das passieren können? Er rieb sich über den Nasenrücken und versuchte, sich zu konzentrieren. Mittagessen im Hotel? „Äh ... natürlich. Könnten Sie meinem Fahrer sagen, dass ich noch fünf Minuten brauche?“ Er hielt sein Handy in die Höhe. „Es ist wichtig.“ „Verstehe.“ Joe trat einen Schritt zurück. „Der Fahrer weiß, welches Hotel.“ Er bedeutete Katy, ihm zu folgen, und klappte bereits sein Handy auf, während er sich umdrehte und durch den Gang marschierte. „Bis später.“ Katy winkte Dayne leicht zu und wandte sich zum Gehen. Etwas in ihren Augen war distanzierter als vorher. Vielleicht war es aber auch nur seine Einbildung, sein Gewissen. Sein Gewissen. Er lehnte sich an die Wand und hielt das Telefon an sein Ohr. Mit seiner anderen Hand stützte er sich ab, damit seine Knie nicht unter ihm nachgaben. „Kelly?“ „Dayne, ich habe nicht viel Zeit. Ich werde in fünf Minuten am Set erwartet.“ „Entschuldige.“ Sein Mund war trocken, sein Herz raste. Sie war schwanger? Er würde Vater werden? Er drückte die Augen zu. „Also was ... was passiert jetzt?“ „Na ja ...“, lachte sie, aber es klang eher wie ein Weinen. „Ich schätze, das liegt ganz bei mir.“ „Das heißt ...?“ Er schob einen Fuß hinter sich an der Wand hinauf, beugte sich vor und grub seinen Ellbogen in sein Knie. „Das heißt, dass die Entscheidung bei mir liegt. Ich bin im fünften Monat, aber das ließe sich an einem Nachmittag schnell erledigen.“ Abtreibung. Kelly sprach davon, dass sie das Baby abtreiben lassen wollte. In einem Ansturm von Erinnerungen hörte er, wie seine Adoptiveltern vor einer Gruppe Erwachsener sprachen. Seine Mutter sagte: „Von allen Geschenken, die wir von Gott bekommen haben, ist das Leben das kostbarste. Das Leben ist in jedem Stadium, in jedem Lebensalter, egal ob es sehr jung oder sehr alt ist, ob es gesund oder krank ist, wertvoll. Gott ist es, der das Leben gibt, und Gott ist es, der es nimmt.“ Sein Vater hatte ihn beiseitegenommen und ein Vater-Sohn-Gespräch mit ihm geführt: „Enthaltsamkeit vor der Ehe ist nicht nur Gottes Plan, sondern es ist auch verantwortungsbewusst, denn sobald 18


eine Frau schwanger ist, bist du Vater. Egal, was danach passiert, du bist Vater.“ „Dayne!“ Kelly war gereizt, ihre Worte waren kurz angebunden und klangen frustriert. „Hast du gehört, was ich gesagt habe?“ „Nein ... Kelly, das kannst du nicht machen.“ Ihm wurde übel, und das Zimmer drehte sich um ihn. Wäre das nicht die leichteste Lösung? Würden nicht viele in ihrer Situation genau das tun? Das Kind abtreiben lassen? Alle Spuren beseitigen? Aber es ging alles viel zu schnell. Er rieb sich mit den Fingern über die Stirn. „Ich brauche Zeit zum Nachdenken.“ „Du hörst mir nicht zu, Dayne.“ Kelly klang jetzt beherrschter. Im Hintergrund war Lärm zu hören, wahrscheinlich von den Dreharbeiten. Sie arbeitete an einem neuen Film, in dem noch zwei andere bekannte Schauspielerinnen mitspielten. Sie atmete tief ein. „Ich will das Baby behalten. Aber ich ziehe nicht allein ein Kind auf.“ Was sagte sie da? Er richtete sich auf und starrte zur Zimmerdecke hinauf. „Kelly, du lebst mit Hawk zusammen. Was sagt er dazu?“ „Ich wohne jetzt wieder in meinem Haus.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Er weiß von dem Baby. Wir haben gestern Abend darüber gesprochen.“ Sie zögerte. „Er findet, dass du und ich es noch einmal miteinander versuchen sollten.“ „Okay.“ Dayne schritt auf die andere Seite des kleinen Raums. Sprachen sie hier über sein Leben? Hatten Kelly und Hawk Entscheidungen getroffen, die den Lauf seiner Zukunft bestimmten? Aber wenn ein Baby im Spiel war und wenn Kelly bereit war, es zu behalten, bliebe ihm wahrscheinlich keine andere Wahl. Sein eigenes Tun war es, das jetzt seine Zukunft bestimmte. „Willst ... willst du das?“ „Dayne ...“, schluchzte sie. „Ich weiß nicht, was ich will. Du bist einer meiner besten Freunde, und eine Weile dachte ich ...“ Sie brauchte ihren Satz nicht zu beenden. Er hatte das auch gedacht. Er hatte gedacht, wenn er Katy Hart nicht haben konnte, dann könnte er es genauso gut mit Kelly versuchen. Sie war eine Schauspielerin, also jemand, der sein verrücktes Leben und alles, was damit zusammenhing, verstand, weil ihr Leben genauso verrückt war wie seines. Aber nachdem er im letzten Herbst ein paar Wochen in Bloomington verbracht hatte, nachdem er Katy gesehen und erlebt hatte, wie sein Herz jedes Mal reagierte, wenn sie in der Nähe war, hatte er die Wahrheit nicht länger leugnen können. 19


Er würde mit Kelly Parker nie glücklich werden. Denn er hatte in Bloomington das gefunden, was er wirklich wollte. Selbst wenn seine Welt und Katy Harts Welt so verschieden waren, dass sie nie einen Weg finden könnten, zusammen zu sein, könnte er sich nie mit weniger zufriedengeben als mit dem, was er in ihrer Nähe fühlte. Bis jetzt. Alles, was er als wahr und richtig erkannt hatte, stürmte jetzt von allen Seiten auf ihn ein. Die Worte seiner Adoptiveltern, der enge Zusammenhalt seiner leiblichen Familie, sogar die Gespräche mit Katy, die sie bei ihrem Spaziergang am Lake Monroe geführt hatten und die ihm jetzt wie aus einem anderen Leben vorkamen. Alle lauten und geflüsterten Worte waren wieder da, und plötzlich wusste Dayne, was er zu tun hatte. Es spielte keine Rolle, welche Gefühle er für Kelly empfand, wenn sie ein Kind erwartete. Er hatte sie früher geliebt, nicht wahr? Wenigstens das, was er für Liebe gehalten hatte. Um ihres gemeinsamen Kindes willen würde er sie wieder lieben. Er würde lernen, Kelly so zu lieben, wie sie es verdiente. Und Katy Hart wäre nicht mehr als ein wunderbarer Traum, der nie die Chance bekommen hatte, Wirklichkeit zu werden. „Dayne, sag endlich etwas.“ Kellys Stimme klang schwach und hoffnungslos. „Hör zu, wenn du nicht willst, kann ich die Sache in Ordnung bringen. Allein ziehe ich kein Kind auf, und ich lasse mich bestimmt nicht dabei ständig von den Paparazzi verfolgen und in allen Lebenslagen fotografieren. Wenn du aus der Sache heraus willst, dann mach dir keine Sorgen. Ich kann das schnell erledigen. Das dauert nur ...“ „Kelly!“ Seine Stimme wurde nicht lauter, aber sein Tonfall ließ sie verstummen. Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und ging auf und ab. „Ich würde von dir nie verlangen, ein Kind – unser Kind – allein aufzuziehen.“ Sein Atem kam jetzt schneller, sein Verstand suchte verzweifelt nach Lösungen. „Solltest du ... willst du wieder bei mir einziehen? Damit wir die Sache gemeinsam durchziehen können?“ „So leicht ist es nicht.“ Ein gewisser Trotz schwang in ihren Worten mit. „Ich will keine Almosen von dir. Wenn ich wieder zu dir zurückgehe, dann nur, weil du mich willst. Mich und keine andere.“ Der Raum drehte sich wieder um ihn. Draußen auf dem Flur konnte er neue Stimmen hören – zweifellos neue Anwälte, die diesen Raum 20


für die nächste Zeugenvernehmung oder das nächste Verhör benutzen wollten. Dayne versuchte, sich zu konzentrieren. „Okay ... du willst das also nicht allein durchziehen. Aber du willst auch nicht wieder bei mir wohnen?“ „Ich will damit nur sagen: Wir sollten es langsam angehen lassen. Fangen wir damit an, dass wir wieder Zeit miteinander verbringen, und warten wir ab, was dabei herauskommt.“ Ihr Tonfall wurde weicher. „Es gibt niemanden, den ich lieber als Vater für mein Kind hätte. Ich habe dich mit Kindern erlebt. Am Set und bei Außendreharbeiten. Ich denke, wir haben eine Chance. Wir sollten es wenigstens versuchen.“ „Okay.“ Dayne war immer noch verwirrt. Wenn Kelly schon im fünften Monat schwanger war, konnten sie es nicht bei einem Versuch belassen. Sie mussten sich entscheiden. Füreinander und für ihr gemeinsames ungeborenes Kind. Er blieb stehen und schaute auf den Boden. „Wann kann ich dich sehen?“ „Heute Abend passt es mir nicht.“ Dayne dachte an Katy, die im Hotel war und am nächsten Morgen nach Bloomington zurückfliegen würde. „Mir auch nicht.“ „Wie ist es mit morgen Abend? Wir könnten uns bei mir treffen. Um acht Uhr.“ „Gut.“ Dayne fuhr sich mit seiner freien Hand durch die Haare. Ein einziger Telefonanruf hatte sein Leben verändert. Seine ganze Zukunft war entschieden worden. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. „Kelly ... es tut mir leid.“ „So etwas kommt vor.“ Neue Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit. „Wer weiß? Vielleicht sollte es so kommen. Damit wir wieder zueinanderfinden.“ „Ja.“ Aber Katy Harts Gesicht erfüllte seine Gedanken, seine Seele. Er drückte die Augen zu und zwang sich, ihr Lächeln zu verdrängen. „Ja, vielleicht.“ Sie legten auf, und Dayne ließ den Kopf hängen. Was war gerade passiert? Er wurde Vater? Er hatte versprochen, dass er versuchen wollte, mit Kelly Parker eine gemeinsame Zukunft aufzubauen? Das alles kam ihm wie ein furchtbarer Albtraum, ein schrecklicher Scherz vor. Er war völlig ausgelaugt, ihm war übel. Er brauchte fast eine Minute, bevor er seine Beine zwingen konnte, ihn auf den Gang hinaus zu einem uniformierten Polizisten zu tragen, der vor der Tür auf ihn wartete. 21


„Zu Ihrem Auto geht es in diese Richtung.“ Dayne nickte und folgte dem Mann. Auf halbem Weg zu Katys Hotel fasste er einen Plan. Die Informationen über Kelly und das Baby würden so lange wie möglich vor den Medien geheim gehalten werden. Die Presse und ihre Freunde würden vorerst nichts erfahren. Aber es gab einen Menschen, der es wissen musste, bevor dieser Tag zu Ende ging. Auch wenn dieser Mensch den Kontakt zu Dayne für immer abbrechen würde, sobald er erklärte, was geschehen war. Dieser Mensch war Katy Hart. *** Während des ganzen Mittagessens wusste Katy es. Etwas stimmte mit Dayne nicht. Etwas, das mit dem Prozess zu tun hatte, oder etwas, das mit seinem Film zu tun hatte, oder etwas, das mit ihr zu tun hatte. Eine andere Erklärung konnte es nicht geben. Er saß neben seinem Anwalt und aß mit ihnen. Wenn ihm jemand eine Frage stellte, antwortete er. Aber er wirkte distanziert und geistesabwesend. Fast mutlos. Vor allem fiel ihr auf, dass er sie nicht anschaute. Sie saßen in einem Besprechungszimmer in ihrem Hotel, das Daynes Anwalt gemietet hatte, und aßen ihren Salat, aber Dayne warf nur selten einen Blick in ihre Richtung. Sie hatten sich zwar seit der Premiere von Annie nicht mehr gesehen, aber der Blick, mit dem er sie an jenem Abend und auch heute Morgen angeschaut hatte, war jetzt völlig verschwunden. Katy versuchte, sich auf das vorzubereiten, was wahrscheinlich kommen würde. Vielleicht hatte er endlich begriffen, dass es zwischen ihnen nie mehr als eine lockere Freundschaft geben konnte. Sie sollte sich auf das Schlimmste einstellen. Schließlich waren Monate vergangen. Dayne war nicht mehr mit Kelly Parker zusammen, aber vielleicht hatte er eine neue Freundin. Die Boulevardblätter munkelten, dass er mit Angie Carr zusammen war, der Hauptdarstellerin seines aktuellen Films. Aber warum hatte er sich dann so gefreut, sie heute Morgen zu sehen? Daynes Anwalt sprach wild gestikulierend über die Presse. „Sie kaufen uns die Geschichte ab, Leute. Das kann ich euch sagen.“ Er trank einen Schluck von seinem Eistee und deutete auf Dayne. „Ihre Zeugenaussage allein macht den Fall zu einer todsicheren Angelegenheit.“ 22


„Gut.“ Dayne stocherte mit der Gabel in dem welken Salat auf seinem Teller. „Dann lassen wir Katy doch in Ruhe. Sie kann nach Hause fahren, und ich spiele den Medienzirkus mit.“ Sie starrte ihn an. Nach Hause fahren? Woher kam jetzt diese Einstellung? Als er in Bloomington gewesen war, hatte er ihr mehrere Male gesagt, dass das, was zwischen ihnen geschah, noch lange nicht zu Ende war. Und schon gar nicht, solange der Prozess noch bevorstand. Aber jetzt ... Joe Morris erklärte, dass jeder Zeuge eines Verbrechens zur Aussage verpflichtet sei und dass Katy natürlich nicht umhin käme, vor Gericht auszusagen. Aber Katy hörte ihn kaum. Sie hörte nur Daynes Worte: „Dann lassen wir Katy doch in Ruhe. Sie kann nach Hause fahren ... sie kann nach Hause fahren.“ Katy gab in den letzten zehn Minuten während des Essens nur knappe Antworten. Sie sprach nur, als Joe ihr eine direkte Frage zu ihrem Flug stellte und fragte, wie kurzfristig sie sich frei nehmen und nach Los Angeles kommen könne. Schließlich standen die Anwälte auf, und Joe nickte der Staatsanwältin zu. „Ich würde gerne noch kurz mit Ihnen sprechen.“ Die Staatsanwältin stand ebenfalls auf. Sie verließen das Besprechungszimmer, und Katy und Dayne waren allein. Er hob den Blick und schaute sie an, aber er sah müde aus, als wäre das, was ihn quälte, mehr, als er ertragen konnte. „Habe ich ... etwas getan?“ Sie schob ihren Teller weg und legte die Arme auf den Tisch. Sie hob ratlos die Hände. „Ich komme mir hier wie eine Fremde vor.“ „Entschuldige.“ Dayne stand auf, aber seine Bewegungen waren langsam und schwer. Er setzte sich neben sie und schaute sie an. „Wir müssen reden.“ Katy merkte, wie sie sich anspannte. Sie drückte den Rücken an die Stuhllehne zurück. Versteck deine Gefühle, Katy. Komm schon. „Worüber?“ Erst jetzt sah sie den Schmerz in Daynes Augen, die Gewissheit, dass etwas passiert sein musste. Der Blick in seinen Augen sah todtraurig aus. Als er sprach, berührten seine Worte die einsamsten Stellen in ihrem Herzen. „Später.“ Er blickte einen Moment auf, dann schaute er sie 23


wieder an. „Können wir uns heute Nachmittag treffen? Um fünf? Am Malibu Beach, hundert Meter südlich vom Pier?“ Sie dachte angestrengt nach, und ihr Puls ging schneller als vorher. „Ich bin nicht sicher, ob ich den Weg dorthin noch weiß.“ Er nahm einen Stift und eine Serviette und schrieb eine Wegbeschreibung auf. Dann schaute er ihr in die Augen. „Bitte, Katy ... bitte komm.“ Ihr Flug ging erst am nächsten Morgen. Aber was war mit den Paparazzi und den verrückten Fans? „Man wird uns aufspüren.“ „Vielleicht.“ Er biss sich auf die Lippe. Dann hatte er eine Idee: Sie sollte ihre Haare unter eine Baseballkappe stecken. Er würde hinter seinem Haus am Strand sitzen. „Wenn ich beobachtet werde, stehe ich auf, sobald ich dich kommen sehe, und gehe meine Treppe hinauf.“ „Okay.“ Das war verrückt. Wie hielt er dieses Leben aus, in dem er sich ständig bewusst war, dass man ihn fotografierte und jede seiner Bewegungen beobachtete? Katys Hände zitterten, als sie die Details auf der Serviette notierte. „Wenn ich hineingehe, bleibst du noch eine Viertelstunde am Strand und tust so, als würdest du den Sonnenuntergang betrachten. Dann huschst du durch die Tür hinein. Dahinter befindet sich eine Treppe.“ Er lächelte leicht. „Sobald du durch die Tür bist, können sie dich mit ihren Kameras nicht mehr einfangen.“ Sie schaute ihm fragend ins Gesicht. Aber noch bevor sie ihn fragen konnte, was so ernst sein konnte, kehrte Daynes Anwalt ins Zimmer zurück. Die Staatsanwältin folgte ihm. „Hören Sie ...“ Joe schaute auf seine Armbanduhr. „Ich muss vor meinem Flug noch in der Kanzlei anrufen.“ Er deutete auf Katy. „Wir sollten in den nächsten Monaten in Kontakt bleiben. Der Prozess dürfte in der ersten Maiwoche beginnen.“ Dayne stand auf und gab ihm die Hand. „Ich halte mir die ganze Woche frei.“ „Ich auch.“ Als Katy aufstand, stieß sie leicht an Daynes Schulter. Diese Berührung fühlte sich verboten und gleichzeitig wunderbar an und machte ihr bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Sie trat einen Schritt zur Seite. Ihre Wangen waren wärmer als vorher. Sie reichte dem Anwalt ebenfalls die Hand. „Dann warte ich, bis ich von Ihnen höre.“ 24


Die Staatsanwältin nickte. „Es könnte sein, dass ich Sie beide vorher noch brauche. Ich gebe Ihnen rechtzeitig Bescheid.“ „Rufen Sie zuerst mich an“, schmunzelte Joe. „Dieser Klient tut nichts, ohne dass jemand aus meiner Kanzlei an seiner Seite ist.“ „Kein Problem.“ Die Staatsanwältin nahm ihre Aktentasche. „Ich melde mich.“ Sie schob sich die Aktentasche unter den Arm und verließ das Zimmer. Als die Tür aufging, erhaschte Katy einen Blick auf eine große Menschenmenge in der Hotellobby. „Sie haben euch gefunden“, grinste Joe, als die Tür wieder zuging. „Mann, diese Leute geben einfach nie auf. Da draußen warten ungefähr fünfzig Leute auf Sie, Dayne. Jemand an der Rezeption muss Sie erkannt haben, als Sie ins Hotel kamen.“ „Fotografen?“ Dayne lehnte sich an die Tischkante. Er sah noch erschöpfter aus als vorher. „Fans, glaube ich. Wahrscheinlich beides. Wie dem auch sei, draußen wartet ein Wagen auf Sie.“ Joe trat zur Tür und drehte sich noch einmal zu Katy herum. „Warten Sie lieber, bis Dayne eine Weile weg ist, bevor Sie hinausgehen.“ Er deutete zu einer anderen Tür. „Diese Tür führt zu den Aufzügen.“ „Gut. Dann fahre ich direkt in mein Zimmer hinauf.“ „Warten Sie mindestens zehn Minuten.“ Joe schaute Dayne stirnrunzelnd an. „Was meinen Sie?“ Dayne schob die Hände in seine Hosentaschen. Er seufzte so laut, dass es im ganzen Raum zu hören war. „Natürlich.“ Joe klopfte Dayne auf die Schulter. „Ich rufe Sie an.“ „Danke.“ Dayne klang resigniert und völlig ausgelaugt. Als Joe die Tür hinter sich schloss, schaute Katy Dayne fragend an. Sie konnte fast seine Gedanken lesen. Was war das für ein Leben, wenn er keine Stunde mit Freunden verbringen und kein Besprechungszimmer in einem Hotel verlassen konnte, ohne vorher zu planen, wie er andere vor der Presse abschirmen konnte? Sie lehnte sich auch an die Tischkante und achtete genau darauf, dass ein gewisser Abstand zwischen ihnen bestand. „Verrückt.“ „Ja.“ Er zuckte die Achseln und hatte den Blick immer noch auf die Tür gerichtet. „Ich habe es dir ja gesagt.“ Er legte den Kopf schief, und seine Miene wurde weicher. „Das ist hier ganz normal.“ 25


Er hatte recht. Hollywood war voll mit Menschen, die von einem Leben träumten, das Dayne führte, die darauf hofften, siebenstellige Gagen für einen Film einzustreichen und auf der Liste der begehrtesten Schauspieler ganz oben zu stehen. Aber dieser Traum kostete seinen Preis. Sie verschränkte die Arme vor sich. „Ich glaube, du solltest lieber gehen.“ Sein Wasserglas stand noch auf dem Tisch. Er trank es leer. Dann richtete er sich auf und schaute sie an. „Es tut mir leid.“ „Das muss es nicht.“ Katy schluckte. Ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt, und sie hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden. „Du kannst nichts dafür.“ „Trotzdem ...“ Widerstreitende Gefühle zogen über sein Gesicht: Frust, Ärger, Resignation und schließlich eine nicht zu leugnende Sehnsucht. Er trat nahe zu ihr, und für einen Moment sah er aus, als wollte er sie küssen. Aber stattdessen zog er sie in seine Arme. „So hatte ich mir den heutigen Tag nicht vorgestellt.“ Als er das sagte, klang seine Stimme angespannt und war von einem tiefen Bedauern begleitet. „Mir auch.“ Sie lehnte sich an ihn. Diese Umarmung war falsch, nicht wahr? Dass sie ihm ihre Gefühle so deutlich zeigte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nicht zusammengehörten, dass sie völlig verschieden waren. Zu Hause in Bloomington hatte sie versucht, sich einzureden, dass sie ihre Gefühle für Dayne Matthews vergessen musste. Aber als sie sich jetzt in seine Arme lehnte, wollte sie ihn nie wieder loslassen. Dayne verbarg sein Gesicht in ihren Haaren. Er sah aus, als wollte er noch mehr sagen. Aber er trat zurück und ergriff zärtlich ihre Hände. „Heute Abend?“ Die tiefe Traurigkeit war wieder da. „Bitte, Katy.“ Sie atmete seinen Geruch ein, sein Rasierwasser und den schwachen Duft seiner Seife. Warum war er so traurig? Dayne war es doch gewohnt, dass Autogrammjäger und Paparazzi ihn umschwärmten. Steckte noch mehr dahinter? Gab es noch einen anderen Grund, warum er sich beim Essen so sonderbar verhalten hatte? Fühlte er genauso wie sie, dass ihre Gefühle füreinander zu nichts führen konnten? Sie wollte ihn fragen, aber er hatte sich klar ausgedrückt. Das, worüber er mit ihr sprechen wollte, musste bis heute Abend warten. Sie drückte sanft seine Hände und sagte das Einzige, das sie sagen konnte: „Ich werde da sein.“ 26


Dayne zögerte und ließ dann ihre Finger los. Er nahm seine Unterlagen vom Tisch und trat zur Tür, ohne sie jedoch aus den Augen zu lassen. „Danke.“ „Bis später.“ Katy lächelte und wartete, bis er die Tür schloss. Erst dann wurde ihr bewusst, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie atmete aus und sank auf den nächsten Stuhl. Auf der anderen Seite der Tür konnte sie ein lautes Kreischen und begeisterte Rufe hören, die seinen Namen immer wieder schrien. „Dayne ... Dayne ... hierher, Dayne!“ Sie ließ den Kopf hängen. Was war nur mit ihr los? Es war reine Zeitvergeudung, ihn heute Abend am Strand zu treffen. Sie könnte ihn anrufen und ihm das klarmachen. Wenn er trotzdem mit ihr sprechen wollte, könnte er das am Telefon tun. Auf diese Weise wäre sie nicht so sehr versucht, die vielen Gründe, aus denen sie ihre Gefühle für ihn vergessen sollte, über Bord zu werfen. Aber noch während sie daran dachte, Dayne anzurufen statt sich mit ihm zu treffen, und noch während der Lärm draußen vor der Tür anhielt, und obwohl sie ihren gesunden Menschenverstand infrage stellte, wusste Katy ohne jeden Zweifel, dass sie heute um fünf Uhr nur an einem Ort sein konnte. An der Stelle, wo er auf sie warten würde. Am Malibu Beach.

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Kapitel 3 Die Sonne neigte sich schnell dem Horizont entgegen, und bis jetzt hatte Dayne keine Spur von Fotografen gesehen. Er trug eine Shorts, ein altes Michigan-Sweatshirt, seine ausgeblichene blaue Baseballkappe und eine Sonnenbrille. Nur die regelmäßigen Paparazzi hätten erkannt, dass er nicht irgendein unbekannter Jogger war. Ein kühler Wind kam vom Pazifik, aber auch er konnte Daynes tiefen Schmerz nicht lindern. Kelly war schwanger. Er wurde Vater. Papa. Diese Erkenntnis ließ ihm seit seinem Gespräch mit Kelly keine Ruhe mehr. Was sonst sollte er zu Katy sagen, wenn sie kam? Das Gespräch würde mit dieser unverrückbaren Tatsache beginnen und damit enden. Dayne schaute mit zusammengekniffenen Augen über den Strand. Er war fast leer, wie meistens im Januar. Ein paar einsame Angler hielten ihre Angelruten von der Pierkante ins Wasser. Der Sandstreifen zwischen ihm und dem Parkplatz, der ungefähr einen halben Kilometer entfernt war, wurde nur von einer Handvoll Menschen bevölkert. Noch war von Katy nichts zu sehen. Zwei kreischende Seemöwen segelten tief über den Wellen, flogen einen Bogen und landeten auf dem nassen Sand. Dayne zog ein Knie an und stützte seinen Ellbogen darauf. Der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein. Er las in seiner Bibel und versuchte zu begreifen, warum Gott für alle, die in seinem Leben je eine Rolle gespielt hatten, so wichtig war. Aber wenn Gott ihn liebte, wenn Gott einen Plan für sein Leben hatte, wie Katy immer sagte, warum passierte dann das jetzt? Warum bekam er ein Kind mit einer Frau, für die er nie mehr als freundschaftliche Gefühle empfunden hatte? War das eine Lektion, dass er den Rest seines Lebens lernen sollte, Kelly um ihres gemeinsamen Kindes willen aus Pflichtgefühl zu lieben? Dayne schaute auf das Wasser hinaus. Der Himmel war den ganzen Tag strahlend blau gewesen, und jetzt warf der Sonnenuntergang einen rosa Schein über das Meer. Auch wenn Gott ihn durch diese Situation vielleicht etwas lehren wollte, hatte Dayne das starke Gefühl, dass die Beziehung zwischen ihm und Kelly nicht von Dauer wäre. Er würde 28


natürlich alles versuchen. Und er wäre der beste Vater, den es je geben konnte. Er würde von Anfang an aktiv am Leben seines Kindes teilhaben. Eine der zwei Seemöwen hüpfte auf ihn zu, blieb stehen und drehte den Kopf erst in die eine und dann in die andere Richtung. „Hier gibt es nichts zu fressen, Kumpel.“ Die Seemöwe pickte im Sand und flog über das Wasser davon. Falls Kelly ihn heiraten wollte, wäre er dazu auch bereit. Im Grunde wäre das für alle das Beste. Er und Kelly verstanden das verrückte Hollywoodleben, das sie beide führten. Und auf diese Weise hätte das Kind beide Eltern unter einem Dach. Wenn Kelly einverstanden wäre, mit ihm zusammenzuleben, würde er das tun. Kelly und er waren Freunde, und er würde lernen, sie zu lieben. Wenn er nur Katy Hart loslassen könnte! Deshalb musste er heute Abend mit ihr sprechen. Er musste dieses wunderbare, geheimnisvolle Kapitel seines Lebens beenden. Er musste sich für immer von der Frau verabschieden, die ihn in nur wenigen Minuten auf einer Kleinstadtbühne in Bloomington, Indiana, so fasziniert hatte, dass er sie nicht vergessen konnte. Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit, und er schaute nach rechts. Zuerst war er nicht sicher, ob sie es war, aber dann wusste er es. Ihre langen, blonden Haare waren unter eine Baseballkappe gesteckt, aber die Art, wie sie ging, ihre Schritte, als sie durch den Sand stapfte, konnte sie nicht verstecken. Obwohl sie noch ein gutes Stück von ihm entfernt war, spürte er, dass sie ihn anschaute. Er blickte sich um, ob vielleicht irgendwo ein einsamer Fotograf, den er übersehen hatte, lauerte. Er kannte ihre Plätze – neben ein paar Büschen, an einer der drei Treppen, auf dem Hang unter einem der Häuser. Ihre üblichen Verstecke waren alle leer. Dayne lehnte sich zurück und schaute in die untergehende Sonne. Er hätte dieses Gespräch gern am Strand geführt. Vielleicht würden der Wind und die Wellen den grausamen Schmerz dieses Moments ein wenig abmildern. Aber er konnte kein Risiko eingehen. Besonders im immer schwächer werdenden Tageslicht. Vielleicht lauerte im Moment kein Fotojäger in seiner Nähe, aber sie kamen garantiert wieder. Und wenn sie ihn und Katy zusammen erwischten, war nicht abzusehen, welchen Schaden sie Katys gutem Ruf zufügen würden. 29


Dayne stand auf und streckte sich. Sie konnte ihn sehen; sie wusste, wohin er ging. Er joggte den sandigen Hang hinauf zum Tor, das zu seiner privaten Treppe führte. Sobald er das Tor passiert hatte, stieg er die ersten sechs Stufen hinauf, drehte sich um, setzte sich auf die Treppe und wartete. Nach einer Viertelstunde hörte er schnelle Schritte und ihren hastigen Atem. Sie öffnete das Tor und trat ein, ohne zu zögern, genau, wie er ihr geraten hatte. Sie schloss das Tor hinter sich und lehnte sich an den Zaun. Ihr Atem ging schnell, ihre Augen waren weit aufgerissen. „Ich ... ich habe dich hereinkommen sehen.“ Sie beugte sich vornüber und stützte die Hände auf ihre Knie. „Ich bin ... den Rest des Weges gelaufen. Nur für alle Fälle.“ Er wollte zu ihr gehen, er wollte sie in die Arme nehmen und sie küssen, bevor einer von ihnen die Gelegenheit hätte, über den Grund zu sprechen, aus dem sie hier war. Aber er zwang sich, sich zu beherrschen. Katy hatte etwas Besseres verdient. Er stand auf und hielt ihr die Hand hin. „Komm. Gehen wir auf die Terrasse.“ Sie schaute ihn zögernd an, aber sie ergriff seine Hand. Als er ihre Berührung fühlte, änderte er fast seine Meinung. In Bezug auf das Gespräch, in Bezug auf den Kuss. Selbst in Bezug auf seine Verpflichtung Kelly gegenüber. Beherrsche dich, Matthews, schalt er sich. Du hast keine Wahl. Er drückte ihre Finger und ging die Treppe hinauf. Er führte sie durch die Hintertür ins Haus und um eine Trennwand herum zur Schiebetür, durch die man auf die Terrasse gelangte. Die Terrasse hatte eine getönte Glaswand, die ihm einen Blick über den Strand erlaubte, es aber Passanten und Paparazzi erschwerte, ein scharfes Foto von ihm zu schießen. Er ließ ihre Hand los. „Willst du etwas trinken?“ Katy atmete wieder normal, aber sie sah nervös aus. Sie nahm die Baseballkappe ab, und ihre blonden Haare fielen über ihre Schultern. „Wasser, danke.“ „Okay.“ Mit jeder Faser seines Seins wollte Dayne so tun, als ginge es ihm gut, als wäre ihr Besuch einfach die Erfüllung dessen, was er sich in diesem Stadium des Gerichtsverfahrens erhofft hatte. Als würden sie einen gemeinsamen Abend verbringen, an dem sie sich erzählten, was sie in den letzten Wochen erlebt hatten, und als könnten sie gemein30


sam davon träumen, was die Zukunft für sie bereithielt. Aber das war nicht der Fall. Sein Lächeln erstarb, bevor es seine Lippen erreichte. Er ging in die Küche, holte zwei kalte Wasserflaschen und brachte sie auf die Terrasse. Dayne hatte zwei bequeme Polstersessel und ein kleines Sofa auf der Terrasse stehen. Katy saß bereits auf einem Ende des Sofas und hatte ihre Kappe auf den Glastisch neben sich gelegt. Er stellte die Wasserflasche neben Katys Kappe und setzte sich neben sie. Die Sonne war schon zur Hälfte am Horizont versunken. Rosa- und Orangetöne zogen über den tiefblauen Himmel. Katy bedachte ihn mit einem sanften Lächeln. „Ein atemberaubender Blick.“ Dayne betrachtete sie und beobachtete, wie die untergehende Sonne sich in ihren Augen widerspiegelte. „Ja.“ Er blinzelte und drehte sich zum Strand herum. „Ich ... ich bekomme nie genug von diesem Blick.“ Der Wind hatte sich gelegt, aber man hörte noch das gelegentliche Kreischen einer Seemöwe. Dayne lehnte sich in das Sofakissen zurück und streckte die Beine vor sich aus. Katy roch wunderbar, ihr Duft war zart und unschuldig, genauso wie sie. Er hatte es nicht eilig. Wenn die Szene, die sie gerade erlebten, im Fernsehen gezeigt würde, würde er jetzt auf „Pause“ drücken und die Fernbedienung nie wieder anrühren. Sie zog die Beine an und drehte sich zu ihm herum. „Also, hier bin ich.“ „Ja.“ Er wandte sich so, dass er sie besser sehen konnte. „Danke, dass du gekommen bist.“ Er nickte zum Strand. „Die Paparazzi sind noch nicht da. Niemand hat dich kommen sehen.“ „Warum sind wir dann ...?“ „Ich wollte kein Risiko eingehen.“ Er setzte sich ein wenig aufrechter hin. „Hier sind wir ungestört.“ „Oh.“ Sie nickte nervös. „Okay.“ Ihre Miene verriet, dass sie mehr sagen wollte, dass sie wissen wollte, warum er sie gebeten hatte, sich mit ihm zu treffen. Aber sie schwieg. Dayne beugte sich vor und nahm seine Wasserflasche. Dabei strich sein Arm über ihren. Diese Berührung brachte ihn vor Sehnsucht nach ihr fast um den Verstand. Wie konnte er Kelly bitten, bei ihm einzuziehen, wenn seine Gefühle für Katy so stark waren? Wenn er ab dem 31


ersten Tag gewusst hatte, dass niemand in ihm die Gefühle auslösen konnte, die diese Frau in ihm weckte? Er öffnete die Wasserflasche, ließ den Plastikverschluss auf den Tisch fallen und trank einen Schluck. Er achtete darauf, Abstand zu ihr zu halten. Die Meeresluft roch feucht und salzig und war mit einem leichten Geruch nach Algen und Tang durchsetzt. „Weißt du, was ich am Meer so liebe?“ Katy schaute auf das Wasser hinaus. „Was?“ „Dass es immer gleich ist.“ Er legte den Kopf an sein Kissen zurück. Es tat gut, das eigentliche Gespräch hinauszuzögern. Das Meer gab ihm etwas, worauf er seinen Blick richten konnte, obwohl er am liebsten nur Katy angeschaut hätte. Er konzentrierte sich auf eine Welle weit am Horizont und schaute zu, wie das Wasser in Wellen zum Strand rollte, sich hob und aufbaute, eine Wand bildete und sich dann in weiße Gischt auflöste. „Egal, was in unserem Leben passiert, das Meer bleibt immer gleich. Jede Stunde, jede Minute hat es seinen festen Rhythmus.“ „M-hm.“ Katys Blick blieb einen Moment aufs Meer gerichtet. Dann drehte sie sich wieder zu ihm herum. „Deshalb hast du mich aber nicht gebeten, hierherzukommen.“ Ihre Stimme war leise und vermischte sich mit der sanften Brise. „Nein.“ Dayne drehte sich zu ihr um und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Es gab keinen. „Nein, das war nicht der Grund.“ Sie wartete und blickte ihn fragend an. Wie konnte er es ihr sagen? Wie konnte er ihr die Wahrheit sagen, wenn er damit für immer alles verändern würde? Er sehnte sich danach, ihr näher zu sein, sie in die Arme zu nehmen und sie so zu umarmen, wie er das früher getan hatte. Aber nicht einmal das konnte er tun. Das wäre einfach nicht fair. Trotzdem konnte ihn nichts daran hindern, den Abstand zwischen ihnen aufzuheben und ihre Hand in die seine zu nehmen. „Dayne ...“ Sie schob die Finger zwischen seine, aber die Besorgnis um ihre Augenwinkel wurde stärker. „Tu mir das nicht an.“ Sie begann zu zittern. „Was es auch ist, sag es einfach.“ Er atmete tief ein. „Kelly Parker hat mich heute angerufen, als wir den Gerichtssaal verlassen wollten.“ „Als wir noch in dem Besprechungszimmer waren?“ 32


„Ja.“ Er fuhr mit dem Daumen über ihre Finger. Katy schien diese Information einen Moment zu verarbeiten. „Du hast dich während des ganzen Mittagessens anders verhalten als sonst.“ „Das glaube ich gern.“ Ihm war übel. „Weil sie mir etwas gesagt hat.“ Er fühlte, wie sie etwas von ihm abrückte, aber sie zog die Hand nicht fort. Die Dämmerung wurde dunkler. Dayne wartete nicht länger. Die Wahrheit musste gesagt werden, egal, was danach passieren würde. „Katy ... sie ist schwanger. Im fünften Monat.“ Er rutschte ein bisschen näher, hielt den Atem an und wartete auf ihre Reaktion. „Sie sagt ... es ist mein Kind.“ Es dauerte drei Herzschläge, bis Katy begriff, was er sagte. Dann entzog sie ihm abrupt ihre Hand und stand auf. Sie starrte ihn mit offenem Mund an, dann trat sie zum Rand der Terrasse und umklammerte das Geländer. Sie hielt sich krampfhaft daran fest, als würde sie sonst hinunterfallen. Er wollte sie warnen, dass sie von Fotografen, die sich inzwischen angeschlichen haben könnten, hier leicht zu sehen wäre. Aber das konnte er nicht. Er musste zuerst ihre Reaktion sehen, er musste wissen, was sie dachte, was sie fühlte. Nach einigen Sekunden drehte sie sich um und schaute ihn an. „Und das wusstest du nicht?“ Ihre Worte waren wie Dolche, und der Schmerz in seinem Herzen verstärkte sich. Katy verdiente die Wahrheit, sie verdiente es, von dem Chaos, zu dem sich sein Leben entwickelt hatte, frei zu werden. Das Chaos, das sein Leben schon immer gewesen war. „Ich hatte keine Ahnung.“ „Das erklärt alles.“ Ihr Tonfall war resigniert. „Das erklärt, warum du beim Mittagessen so anders warst.“ „Ich konnte es dir dort nicht sagen.“ Er wollte zu ihr gehen, aber er konnte nicht. Sie brauchte erst Zeit, um diese Nachricht zu verarbeiten. „Es tut mir leid.“ Sie schluckte schwer und hob leicht das Kinn. „Wie geht es jetzt weiter? Ich meine, mit dir und Kelly?“ Er stützte die Unterarme auf seine Knie und starrte auf den Terrassenboden. Er wollte schreien oder gegen etwas treten. Wie hatte er nur so dumm und so unvorsichtig sein können? „Sie und ich reden morgen 33


miteinander.“ Er hob den Kopf und schaute sie an, aber ihre Miene war undurchdringlich. Das tat ihm weh. „Ich werde für sie da sein. Ich werde kein Vater sein wie ...“ Er hätte es fast gesagt, er hätte sich fast mit John Baxter verglichen, dem Mann, der ihn weggegeben hatte. Aber der Vergleich war selbst in einem solchen Moment nicht fair. John hatte keine Wahl gehabt. Dayne rang die Hände. „Mein Kind wird mich kennen.“ Katy verschränkte die Arme vor sich. Selbst im Schatten der Nacht war ihr Gesicht kreidebleich. „Also ... heiratest du sie?“ In Hollywood war das nicht so leicht, Entscheidungen waren nie so einfach. Aber er verstand, was sie mit dieser Frage meinte. Würde er wenigstens jetzt, da ein Baby unterwegs war, das Richtige tun? Er schob die Finger ineinander und schaute sie an, er schaute an der Schutzmauer und dem Stacheldraht vorbei, die sie um sich hochgezogen hatte. „Ja.“ Das fiel ihm noch schwerer als der erste Teil des Gesprächs. „Wenn Kelly das will.“ Katy seufzte, aber es klang fast wie ein Weinen. Sie drehte sich wieder um und schaute stumm aufs Meer hinaus. Nach einer Minute sah er, dass ihre Schultern zitterten. Erst jetzt begriff er, was los war. Katy Hart stand auf seiner Terrasse und weinte. Weil die Fragen, die sie beide in Bezug auf ihre Beziehung und auf eine gemeinsame Zukunft gehabt hatten, gerade alle beantwortet worden waren. Dayne schloss die Augen. Vor einer Woche hatte er im Fernsehen ziellos verschiedene Programme durchgeschaltet und war dabei auf einen Wettbewerb gestoßen, in dem muskelbepackte Männer darum wetteiferten, wer der Stärkste war. Ein Mann, dessen Beine vor Muskeln fast breiter als lang waren, war vor einen Bus gespannt gewesen und hatte Schritt für Schritt gekämpft und ihn hinter sich hergezogen. Als Dayne jetzt aufstand und zu Katy trat, fühlte er sich auch so. Das Gewicht seiner Vergangenheit war so schwer, dass er es kaum ertragen konnte. Er trat neben sie und lehnte sich ans Geländer. Sie schluchzte nicht, sie war nicht hysterisch. Stille Tränen liefen über ihr Gesicht, und ihr Gesichtsausdruck ließ sie unerreichbar erscheinen. Er berührte ihre Schulter. „Katy ...“ Sie drehte sich zu ihm herum, und etwas in ihrem Gesicht veränderte sich. Zum ersten Mal, seit er ihr von dem Baby erzählt hatte, lag ihr 34


Herz offen vor ihm. Und in diesem Augenblick wusste Dayne es. Er wusste, dass er sich jedes Mal, wenn er an Katys Gefühlen für ihn gezweifelt hatte, geirrt hatte. Sie war in ihn verliebt, genauso wie er in sie. Solange nur ihre verschiedenen Lebensstile sie voneinander getrennt hatten, hatte sie genauso wie er Hoffnung gehabt. Aber jetzt ... Sie zitterte noch stärker. „Ich ... ich sollte gehen.“ „Das wollte ich nicht ... ich hatte nie vor ...“ „Ich weiß.“ Sie trat einen Schritt zurück. Ihre Augen waren jetzt trocken, und sie fuhr sich mit den Daumen über die Tränen, die noch auf ihren Wangen standen. „Sag nichts, Dayne.“ Am Hang unter ihnen raschelte etwas, und das unmissverständliche Klicken einer Kamera, auf der schnell hintereinander auf den Auslöser gedrückt wurde, war zu hören. Dayne zögerte nicht. Er packte Katy am Arm und zog sie vom Geländer weg. „Was machst du ...?“ „Paparazzi.“ Dayne reichte Katy ihre Baseballkappe und führte sie schnell ins Haus. Als er die Schiebetür hinter sich zugezogen hatte, lehnte er sich an die Wand und stöhnte. „Warum ausgerechnet heute Abend?“ „Es ist zu dunkel, um etwas zu sehen.“ „Hoffentlich.“ Er wollte nicht über Fotografen sprechen oder darüber, dass sie ihnen aufgelauert hatten. Katy würde aus seinem Leben verschwinden. Er warf einen Blick hinter sich auf die Terrasse. „Auf diesem Weg kannst du nicht aus dem Haus gehen.“ In seinem Haus war es wärmer als draußen, aber sie zitterte trotzdem. „Ich muss gehen.“ Er wollte nicht, dass sie fror. Sein Sweatshirt wäre ihr zu groß, aber es war besser, als sie zittern zu sehen. Er zog es aus und reichte es ihr. „Zieh das hier an.“ Katy wollte schon den Kopf schütteln, überlegte es sich dann aber anders. Sie zog es über den Kopf und legte die Arme um sich. „Danke.“ Sie brauchten einen Plan, wenn sie aus seinem Haus kommen sollte, ohne dass jedes Detail ihres Abschieds in den Zeitungen stehen würde. „Komm mit.“ Er nahm seine Schlüssel von der Arbeitsplatte in der Küche und ging vor zu seiner Garage. „Ich fahre dich zu deinem Auto. 35


Wenn wir ihnen zuvorkommen, kannst du fort sein, bevor sie merken, was passiert ist.“ Sie sah wieder ängstlich aus, aber sie folgte ihm zu seinem Auto. Dayne schaute immer wieder in den Rückspiegel. Sobald er auf die Schnellstraße fuhr, entspannte er sich. „Es war anscheinend nur ein einzelner Fotograf. Niemand folgt uns.“ Katy schwieg und hielt die Augen starr auf die Straße gerichtet. Eine halbe Minute später erreichten sie den Parkplatz. Sie deutete zu ihrem Mietwagen. „Da drüben.“ Dayne fuhr auf die andere Seite des Wagens und stellte den Motor ab. Plötzlich waren die Paparazzi vergessen. Sie mussten sich jetzt verabschieden. Sie wären wahrscheinlich nie wieder so allein. Nicht einmal beim Prozess im Mai. „Hör nicht auf, Jesus zu suchen, Dayne.“ Katy legte die Arme fest um sich. Sie sah in seinem Sweatshirt, das weit und ausgebeult an ihr hing, wie ein Kind aus. „Besonders jetzt nicht.“ Die Luft in seinem Escalade fühlte sich an, als würde der Sauerstoff entzogen. Sie konnte das nicht tun, sie konnte nicht einfach aus seinem Leben verschwinden. „Wir können trotzdem miteinander sprechen ... Es ist nicht so, als könnten wir nicht ...“ Sie hob die Hand. „Bitte. Es ist zu spät.“ Sie lächelte, aber in ihren Augen glänzten Tränen. „Aber ich will, dass du eines weißt.“ Sie massierte einen Moment ihre Kehle. „Ich werde immer für dich beten.“ Damit stieg sie aus und schloss die Tür hinter sich. „Nein.“ Das Wort sagte er nur zu sich. Sie eilte bereits zu ihrem Auto. Dayne tastete nach dem Türgriff. Er konnte Katy nicht gehen lassen, ohne ihr zu sagen, was er für sie empfand. Ja, sie würden sich beim Prozess im Mai sehen, aber dann wären es nur noch ein paar Wochen, bis er Vater wurde. Vielleicht war er bis dahin sogar schon mit Kelly verheiratet. Er sprang aus seinem Auto und holte sie an der Fahrerseite ihres Autos ein. Katy blieb stehen, als sie ihn sah, und schaute ihn mit einem Gesichtsausdruck an, der ihn zwang, Abstand zu ihr zu halten, um alles nicht noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon war. „Ich muss fahren, Dayne.“ Er verlangsamte seine Schritte. Sie sah auch in seinem ausgebeulten Sweatshirt atemberaubend schön im Mondschein aus. Er trat näher, 36


bis sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. „Ich muss dir etwas sagen.“ Sie drückte den Rücken an ihr Auto und schaute ihm fragend ins Gesicht. „Es war ein Fehler, Katy.“ Er griff nach ihren Händen. Er war glücklich, dass sie ihm ihre Hände nicht entzog. Sie konnten nicht getrennte Wege gehen, ohne dass er ihr die Wahrheit sagte. „Ich hätte nie mit Kelly zusammen sein sollen.“ „Warum?“ Katy legte den Kopf schief. Das Glänzen in ihren Augen verwandelte sich in Tränen, und ihr Kinn zitterte. „Sie ist ein Teil deiner Welt. Sie war immer besser für dich als ich.“ „Nein.“ Er verstärkte seinen Griff um ihre Finger und tat das, wonach er sich sehnte, seit sie durch sein Gartentor getreten war. Er zog sie in seine Arme und hielt sie fest. Es war nicht die Umarmung von zwei Liebenden, aber er hoffte, dass ihr diese Umarmung sagte, wie sehr er sie liebte, wie sehr er sie immer lieben würde. Als er sprach, flüsterte er die Worte in ihre Haare. „Es gibt etwas, das du wissen musst ... bevor du gehst.“ Sie zog den Kopf nur so weit zurück, dass sie sein Gesicht sehen konnte. Ihre Wangen waren nass, und der Schmerz in ihren Augen brach ihm fast das Herz. „Sag es mir.“ Er strich mit seiner Wange über ihre Wange und trocknete ihre Tränen. Er erlaubte sich, in ihren Augen zu versinken. Selbst wenn es zum letzten Mal war. „Katy Hart, ich liebe dich seit dem ersten Tag, an dem ich dich sah.“ Auch er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Er atmete tief ein und sah zum Himmel hinauf. Als er wieder mehr Kontrolle über sich hatte, schaute er sie an. „Wenn es einen Ausweg gäbe, würde ich meine Welt sofort verlassen, um bei dir zu sein.“ Er wollte sie küssen, wagte es aber nicht. „Vergiss das bitte nicht, okay?“ Sein Geständnis machte sie nur noch trauriger. Ihre Tränen kamen schneller. Sie berührte ihre Lippen mit ihren Fingern. „Leb wohl, Dayne.“ Er hörte das Geräusch, als sie sich vorbeugen wollte, um ihn noch einmal zu umarmen. Das Trappeln von Füßen auf dem Asphalt, das Klicken einer Kamera. „Katy, schnell ... du musst fahren.“ Er schirmte sie mit seinem Körper ab und versuchte, dem Fotografen die Sicht zu versperren, aber es war zu spät. Sie waren jetzt zu zweit, und sie waren 37


nur noch höchstens zehn Meter von Katys Auto entfernt. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht errieten, wer sie war. Er drückte zärtlich ihre Schulter. „Ich habe das, was ich gesagt habe, ernst gemeint.“ So schnell sie konnte, öffnete sie ihre Tür und rutschte auf den Fahrersitz. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie den Motor angelassen und fuhr rückwärts aus der Parklücke. Dabei schaute sie ihm noch einmal in die Augen, und wieder war er absolut sicher, was sie fühlte. Denn der Blick, mit dem sie ihn anschaute, verriet ihm alles, was ihre Worte nicht gesagt hatten. Nicht dass sie Gefühle für ihn hatte oder dass sie sich überlegt hatte, ob sie eine gemeinsame Zukunft haben könnten. Es war viel mehr. Selbst wenn ihre Beziehung endete, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte, liebte sie ihn. Sie liebte ihn genauso sehr, wie er sie liebte. Er saugte ihren Blick in sich auf. Dann blinzelte er seine Tränen zurück, drehte sich zu den Paparazzi herum und setzte sein berühmtes Lächeln auf. „Hey, Leute, es reicht.“ Er hob die Hände und schaute mit unbewegter Miene in die Kameras. „Ich gehöre euch.“ „Wer war sie, Dayne?“ Es war ein großer, bärtiger Mann, einer der Fotografen, die ihn regelmäßig verfolgten. Er war außer Atem, weil er über den Parkplatz gerannt war, aber trotzdem schoss er unentwegt Bilder. „Wir werden es am Ende doch herausfinden. Komm schon, sag es uns.“ „Ja, Dayne.“ Der andere Fotograf war ein drahtiger Mann um die zwanzig. Er war neu in diesem zwielichtigen Geschäft, in dem man um die Hintertüren von berühmten Leuten herumschlich, um sie heimlich zu fotografieren. „Erleichtere uns die Sache. Verrate uns ihren Namen.“ „Okay.“ Er zuckte die Achseln und schenkte ihnen sein Schauspielergrinsen. In der Ferne hörte er, wie Katy mit ihrem Auto auf die Straße bog und davonfuhr. „Ihr habt mich erwischt. Ein neuer Tag, eine neue Schauspielerin. Was soll ich sagen?“ „War es Kelly Parker? Sie sah aus wie Kelly.“ Dem Bärtigen lief eine Schweißspur über die Schläfen. „Sag uns, dass es Kelly war, und wir verschwinden.“ Dayne ging zu seinem Escalade, ohne sie aus den Augen zu lassen und ohne sein Lächeln einzustellen. Niemand ahnte, dass ihm gerade das Herz brach. „Na, na ...“ Seine Stimme blieb fröhlich und so laut, 38


dass sie ihn hören konnten. „Schauspielerinnen werden unangenehm, wenn man ihre Geheimnisse verrät.“ „Dann ist es Kelly.“ Der Jüngere reckte die Faust in die Luft. „Ich wusste es!“ „Ihr Leute seid einfach zu schlau für mich.“ Bevor Dayne in sein Auto stieg, winkte er noch einmal. „Tschüss.“ Sein Lächeln erstarb, sobald er hinter seiner getönten Glasscheibe saß. Sie war fort. Katy war fort, und sie hätten vielleicht nie wieder einen solchen Moment zusammen. Nie wieder. Er ließ den Motor an, fuhr rückwärts aus der Parklücke und ließ die Fotografen stehen. Sollten sie ruhig denken, es wäre Kelly gewesen. Sie wäre bald an seiner Seite zu sehen. Wichtig war nur, dass sie nichts von Katy wussten. Und dass sie seine Tränen nicht gesehen, seinen Schmerz nicht bemerkt hatten. Als Dayne davonraste, stellte er fest, dass auch er außer Atem war. Nicht weil er über den Strand gelaufen war wie die Paparazzi. Sondern weil er die größte schauspielerische Leistung seines Lebens vollbracht und für die Kameras gelächelt und für sie eine Rolle gespielt hatte. Obwohl er die ganze Zeit nichts anderes hatte tun wollen, als auf dem Asphalt zusammenzubrechen und zu weinen.

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