1 Ich wünschte, Tiere könnten reden. Das denke ich, während ich beobachte, wie Hank und Dakota acht Pferde abladen, die sie vom Ponyhof „Glückliches Pferdchen“ gerettet haben. Glückliches Pferdchen? Diese Pferde sind bestimmt nicht glücklich. Sie sind abgemagert, narbig, zottelig und haben Angst. Wenn sie reden könnten, würden ihre Geschichten wahrscheinlich mein Herz zerreißen. „Hank! Kann ich euch helfen?“, rufe ich. Er versucht gerade, eine gefleckte Stute von der Rampe des Anhängers zu locken. Sie stemmt ihre Hufe aber fest in den Boden. Ihre Flanke ist so verschorft, dass sie aussieht wie Leder. Endlich schafft Hank es, die Stute bis zur Hälfte der Rampe zu locken. Ich will ihn gerade noch einmal fragen, ob ich helfen kann, als er mir zuruft: „Kat, bleib wo du bist! Das ist zu gefährlich!“ Normalerweise helfe ich gar nicht bei den Pferden. Ich kümmere mich um die Katzen. Aber ich hatte gehofft, dass Hank diesmal eine Ausnahme machen würde. Ich würde diesen armen Tieren so gerne helfen. Die Stute versucht schon wieder, in den Anhänger zurückzukommen. Hank redet sanft auf sie ein. „Komm schon, Mädchen“, lockt er sie. Mein Bruder – na ja, offiziell ist er erst mein Bruder, wenn das mit meiner Adoption geklappt hat – ist sechzehn. Wenn dieses sture Pferd ein Highschool-Mädchen wäre, würde es sofort auf Hank hören. Jedes Mädchen aus Nice, Illinois, ist in ihn verknallt. Auf dem knochigen Hinterteil des armen Pferdes ist ein großes GP eingebrannt. Glückliches Pferdchen. Eine fransige Narbe zieht sich unter der Brandmar3
kung über die Haut, als hätte ein böses Gespenst die Buchstaben unterstrichen. Ich versuche gar nicht erst darüber nachzudenken, wie diese Narbe wohl entstanden ist. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um zu helfen. „Bleib zurück, ja?“, ruft Hank wieder. „Du wirst dich noch verletzen.“ Er und die gefleckte Stute gehen nun Schritt für Schritt von der Rampe und erreichen endlich den Boden. Dann rennt Hank mit ihr in Richtung Weide davon und lässt mich in einer Staubwolke zurück. Ich gehe in den Stall. Es ist ein großartiger Stall, mit Pferdeboxen im hinteren Teil und einer runden Umzäunung, die den halben vorderen Teil einnimmt. Überall liegt Sägemehl und es riecht immer angenehm nach frischem Holz. Wenn ich ein Pferd wäre, würde es mir hier gefallen. In diesem Stall habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Pferd angefasst, zum ersten Mal eine Katze geküsst, und hier bin ich auch zum ersten Mal von einem Hund gebissen worden. Meine Katze, Kätzchen, klettert an meinem Bein und Rücken hoch und setzt sich auf meine Schulter, wo sie sich um meinen Nacken legt. Ich habe geschwitzt, deshalb klebt ihr weißes Fell an mir. Das macht mir nichts aus. Kätzchen und ich kennen uns schon lange. Ich habe sie halbtot in einem Loch gefunden. Sie war die erste Katze, die ich gerettet habe. Kätzchen reibt ihr Gesicht an meinem Ohr. Sie schnurrt, was sich wie ein Heuschreckenschwarm anhört. Dann gräbt sie ihre Krallen in meine Schulter und springt auf den Boden. „Kätzchen!“, schimpfe ich. Aber sie ist schon auf und davon. Dakota zieht mich immer wieder damit auf, dass Kätzchen ein ziemlich langweiliger Name für eine Kat4
ze ist. Aber ich finde, es ist einfach der perfekte Name für sie. „Achtung!“, ruft Dakota. Ich drehe mich um und stehe Nase an Nase mit einem dürren braunen Pony. Eine Narbe zieht sich durch sein Gesicht. Seine Lider hängen müde herunter und es ist bis auf die Knochen abgemagert. „Geh aus dem Weg, Kat! Ich meine es ernst!“ Dakota zieht am Zügel des Ponys. Aber sie führt auch noch ein anderes Pferd, eine graue Stute, die schnellstens zurück in den Anhänger will. Schnell weiche ich einige Schritte zurück. „Tut mir leid. Ich wollte nur helfen.“ „Im Moment hilfst du uns am besten, wenn du aus dem Weg bleibst“, sagt Dakota. „Du könntest verletzt werden.“ Dakota ist auch sechzehn. Sie könnte als Indianerin durchgehen, so exotisch, wie sie aussieht. Ich mag Dakota wie eine Schwester, aber sie macht sich immer zu viele Sorgen um mich. Sie flippt schon aus, wenn ich mir nur einen Fingernagel abbreche. Immer wenn Menschen erfahren, dass ich Krebs habe, behandeln sie mich, als wäre ich aus Glas. Ich sehe ihr dabei zu, wie sie die beiden Tiere durch den Stall führt. „Das Pony humpelt!“, rufe ich ihr zu. „Was?“ Sie dreht sich um. Die graue Stute geht einen Schritt zur Seite und zieht Dakota mit sich. Das arme Pony wird fast von seinen Füßen gerissen. Hufen. Nicht Füßen. Okay. Ich bin keine Pferdefachfrau. Aber das war Dakota auch nicht, als Ms Bean, die Sozialarbeiterin, sie hier nach Last Hope gebracht hat. Das ist erst ein paar Monate her. Mittlerweile sagt Hank schon, dass er ohne Dakota nicht mehr klarkommen würde. Ich frage mich, wie das wohl wäre, wenn es Leute gäbe, die ohne mich nicht mehr klarkommen würden. 5
Die gesamte Familie Coolidge ist etwas ganz Besonderes. Eine Ärztin, ein Feuerwehrmann, ein Hundeexperte, zwei Pferdeflüsterer … und ich. „Ihr werdet mit den ganzen Pferden bestimmt Hilfe brauchen!“ Ich muss schon ziemlich laut rufen, damit Dakota mich überhaupt versteht. Mittlerweile ist sie fast bei den Boxen angelangt. Ich folge ihr. „Dieses Pony schont seinen rechten Vorderhuf, Dakota“, versuche ich es noch einmal. „Ich weiß. Wir denken, es ist eine verkürzte Sehne. Der Tierarzt hat alle Pferde angeschaut, bevor wir sie hierher gebracht haben. Der Kleine hier wird besonders viel Pflege brauchen.“ Dakota hat die Pferde wieder unter Kontrolle. „Geh lieber nicht so nah ran, Kat.“ Ich versuche, einen genauen Blick auf das Vorderbein des Ponys zu werfen. „Man kann aber nicht erkennen, ob die Sehne wirklich verkürzt ist. Bist du dir sicher –“ „Nicht jetzt, in Ordnung?“, bittet Dakota. „Du weißt aber“, sage ich und muss mich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten, „dass es das erste Mal ist, dass ihr gleich so viele Pferde auf einmal aufgenommen habt.“ „Du und deine ersten Male“, sagt Dakota kopfschüttelnd. Es stimmt, dass ich es mag, wenn etwas zum ersten Mal geschieht. Den ersten Schnee des Jahres. Das erste Blatt, das sich im Herbst verfärbt. (Noch ist es nicht so weit.) Den ersten Spatz im Frühling. Das erste Mal, als Hank mich „kleine Schwester“ genannt hat. Das erste Mal, als Kätzchen für mich geschnurrt hat. Gestern habe ich gehört, wie drei Katzen zur gleichen Zeit schnurrten. Ich hab sofort Catman, Hanks Cousin, der sich super mit Katzen auskennt, geschrieben. Catman weiß mehr über Katzen, als sonst jemand auf der Welt. Er macht sogar einen Film über Katzen, 6
eine Dokumentation. Er und Winnie, die Pferdezähmerin, haben im Internet eine Seite, wo sie alle möglichen Fragen über Tiere beantworten. Ich habe sie noch nie getroffen, obwohl sie nur ein paar Staaten entfernt, in Ohio, wohnen. Aber für Menschen mit Tieren ist es eben schwierig, längere Zeit zu verreisen. „Kat! Hast du mich gehört?“, ruft Dakota. Sie steht vor einer leeren Box und die Pferde rechts und links von ihr ziehen in unterschiedliche Richtungen. „Machst du jetzt die Tür auf, oder was?“ „Oh, ’tschuldigung.“ Ich schlüpfe an ihr vorbei und öffne die Tür. „Danke.“ Dakota führt die graue Stute in die Box. Das Pony will folgen. „Bleib hier!“, befiehlt Dakota. „Lass mich das Pony nehmen“, bitte ich. Sie zögert. „Ich weiß nicht. Es könnte dich verletzen.“ „Das Pony? Das arme Ding ist so abgemagert, ich würde es nicht mal merken, wenn es versucht, mich wegzudrängen“, scherze ich. „Ach, was soll mir denn passieren? Bitte, Dakota. Ich will euch doch einfach nur helfen.“ Ich strecke meine Hand aus, um das Pony zu streicheln. Sein Hals zuckt, als hätte sich eine Fliege daraufgesetzt. Es weicht einen Schritt zur Seite. Das reicht Dakota. „Vielleicht später. Du fragst vorher besser Popeye und Annie.“ Popeye ist mein Vater, Chester Coolidge, und Annie ist meine Mutter. Dakota und ich sind beide Pflegekinder, aber sie nennt unsere Eltern nicht Papa und Mama, wie ich das tue. Dakota enthakt die Zügel vom Geschirr der grauen Stute. Das Schnappen irritiert das Pony. Es zuckt zusammen und reißt sich los. Dabei gleiten ihr die Zügel aus der Hand. Ohne nachzudenken greife ich danach und halte sie mit beiden Händen fest. 7
Das Pony geht durch, aber meine Hände bleiben wie festgeklebt am Zügel und ich werde nach vorne gerissen. Ich kann mich nicht mehr auf den Beinen halten. Das Pony galoppiert den Boxengang entlang. „Kat!“, schreit Dakota. Ich schlage hart auf dem Boden auf und schlittere auf meinem Bauch durch das Sägemehl. Ich höre Dakota hinter mir schreien. „Kat! Lass das Seil los!“ Ich sehe, wie meine Hände das Seil festhalten. Aber sie gehorchen mir nicht. Sie wollen nicht loslassen. Der Schwanz des Ponys schlägt auf meinen Arm. Ich werde über etwas gezogen. Dreck spritzt mir ins Gesicht. Aber ich fühle es kaum, weil alles taub ist. Ich kann auch nichts mehr sehen. Ich schließe meine Augen und frage mich, ob ich jemals wieder sehen kann. Ich habe gehört, dass in solchen Augenblicken das ganze Leben an einem vorbeizieht. Aber ich habe doch noch gar nichts bewirkt in meinem Leben. Angst durchströmt mich. Ich fühle sie genauso, wie die kalte Flüssigkeit, die sie mir immer vor der Bestrahlung injizieren. Bestrahlung. Tests. Krebs. So sollte ich eigentlich sterben. Nicht durch ein Pony.
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2 „Ruhig! Ruhig, Junge!“ Ich bleibe nur wenige Zentimeter von den Hinterhufen des Ponys entfernt liegen. Meine Augen stechen, als ich sie öffne. Schnell schließe ich sie wieder. Die Welt dreht sich, während ich darauf warte, dass ich Schmerzen empfinde. „Guter Junge.“ Es ist Hanks Stimme, die ich wie aus weiter Ferne höre. „Kat, geht es dir gut? Lass das Seil los.“ Ich lasse langsam los und rolle mich auf die Seite. Wie ein Embryo liege ich da. Das Atmen tut mir schrecklich weh. Ich huste. Aber das macht es nur noch schlimmer. Alles tut mir weh. Dakota kniet sich neben mich. „Kat? Kannst du mich hören? Es tut mir leid! Ich wollte nicht … Geht es dir …?“ Sie weint. Ich will ihr sagen, dass alles in Ordnung ist. Aber stimmt das überhaupt? „Sie blutet, Hank!“, schreit Dakota. „Wo?“, will Hank wissen. Das würde ich auch gerne wissen. Am liebsten würde ich die Augen öffnen und selber nachschauen. Aber ich schaffe es nicht. „Ich glaube, es sind nur ihre Arme“, antwortet Dakota. „Oder ihre Hände.“ Sie niest. Ich rieche Sägemehl. In meinen Nasenlöchern spüre ich es. Bitte lass mich nicht niesen. Allein der Gedanke daran lässt meinen Körper schmerzen. Dakota niest noch einmal. „Gesundheit“, flüstere ich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt gesagt habe. „Kat!“ Dakota umarmt mich. Dann zieht sie sich 9
schnell wieder zurück, als wäre ich plötzlich wieder aus Glas. „Hank, sie hat ,Gesundheit‘ gesagt.“ Dakota bricht zusammen und fängt an zu schluchzen. Das ist das erste Mal, dass ich sie weinen sehe. „Beweg dich nicht.“ Hank rennt zu den Boxen und führt das Pony hinter sich. Nach wenigen Sekunden ist er wieder da. Ich öffne meine Augen so weit, dass ich seine staubigen Stiefel sehen kann. „Kat?“, fragt Hank. Er kniet sich neben mich. Meine Augen tränen so stark, dass ich Hank und Dakota nur verschwommen wahrnehme. „Ich glaube, es geht mir gut.“ „Bleib trotzdem liegen. Bis du dir ganz sicher bist“, warnt mich Hank. „Kannst du deine Beine spüren?“ Ich bewege eins, dann das andere. „Heißt das, dass sie sich nichts gebrochen hat?“, fragt Dakota. Sie wischt sich mit der Hand über die Augen. Dreck verteilt sich in ihrem Gesicht. Hank antwortet nicht. Er starrt mich immer noch an. „Du hast Glück, dass du Jeans anhast. Versuch mal, deine Arme zu bewegen.“ Ich tue es. Meine Ellbogen bringen mich fast um. Blut tropft auf den Boden und vermischt sich mit dem Sägemehl. Dakota berührt mich an der Schulter. Ich spüre, dass sie zittert. Hank schüttelt den Kopf. „Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen.“ „Tut mir leid“, erwidere ich. „Wir sollten dich ins Haus bringen.“ Fürsorglich legt er seine Arme um mich. Dakota springt auf. „Hank, bist du sicher, dass es gut ist, sie zu bewegen?“ Wieder ignoriert Hank sie und redet nur mit mir. „Wenn dir etwas zu wehtut, sagst du es, ja?“ 10
Ich nicke. Dabei fällt mein Haar – meine Perücke – auf den Boden. Dakota nimmt sie und setzt sie mir wieder auf. Sie sieht mich dabei nicht an. Sie haben mich beide schon ohne Perücke gesehen, aber wir alle fühlen uns bei dem Gedanken daran immer sehr seltsam. Hank tut so, als habe er nichts gesehen. Chemotherapie bewirkt nicht bei jedem, dass ihm die Haare ausfallen, aber bei mir war das so. Hank hebt mich hoch, als wäre ich eine Feder. „Ich kann selber gehen, Hank.“ Meine Stimme ist nur ein Flüstern. Nicht sehr überzeugend. „Trage ich dich?“, fragt Hank und geht mit mir aus dem Stall. „Du bist so leicht, dass ich mir da gar nicht so sicher bin.“ Hank macht Witze, aber so weit ist er von der Wahrheit nicht entfernt. Meine Art Krebs sorgt dafür, dass ich Probleme mit dem Magen und kaum Appetit habe. Nächste Woche komme ich in die Junior Highschool, aber ich kann meine Klamotten immer noch in der Kinderabteilung einkaufen. Über die Schulter ruft Hank: „Dakota, kannst du das letzte Pferd auf die Weide bringen? Gib ihnen Hafer. Und Heu für die in den Boxen.“ „Kein Problem“, sagt Dakota und läuft zurück zum Hänger. Ich wollte eigentlich bei den Pferden helfen. Stattdessen habe ich – wie immer – alles komplizierter gemacht. „Kat!“ Papa stürmt aus dem Haus und rennt auf uns zu. So schnell habe ich ihn noch nie laufen sehen. „Kat! Kat!“, schreit er. „Sag ihm, dass ich in Ordnung bin.“ Ich weiß, dass meine Stimme nicht laut genug ist, um es ihm selbst zu sagen. „Dad, es geht ihr gut!“, ruft Hank. „Sie ist nicht ohnmächtig geworden. Sie ist nur im Stall hingefal11
len.“ Flüsternd fügt er hinzu: „Und ist ein paar Meter mitgeschleift worden.“ Ich stoße ihn mit dem Ellbogen an. Aber es tut weh. Mir, nicht ihm. Papa kommt auf uns zugerannt. Er atmet so schnell, dass ich Angst habe, er könnte einen Herzinfarkt bekommen. Papa ist einen Kopf kleiner als Hank und wiegt bestimmt 25 Kilo mehr. „Was ist passiert? Wie ist sie gefallen? Ich hätte da sein sollen.“ Er blickt zum Himmel und murmelt: „Vater, danke, dass du da warst.“ Dann schaut er mich an und seine Augen werden noch größer. „Dein Arm!“ Vielleicht sehe ich schlimmer aus, als ich dachte. So habe ich Papa noch nie erlebt. Nicht einmal, als ich diese schlimme allergische Reaktion auf ein neues Medikament hatte. Nicht einmal, als ich mich mitten in einem Geschäft auf seine Hose übergeben habe, weil mir von der Chemo so schlecht war. „Papa, es geht mir gut. Wirklich.“ „Sie kann ihre Arme und Beine bewegen“, bestätigt Hank. Er geht weiter in Richtung Haus. „Aber was ist denn passiert? Wie bist du gefallen? Und warum? Tut dir der Kopf weh?“ Papa streckt seine Arme aus, als wollte er mich selbst ins Haus tragen. „Dad, ich hab sie“, sagt Hank und bleibt vor dem Haus stehen. „Kannst du bitte die Tür aufmachen?“ „Natürlich. Sofort. Die Tür.“ Papa kämpft mit dem Riegel der Fliegengittertür. Er braucht drei Versuche, um sie endlich zu öffnen. „Es sieht schlimmer aus, als es ist“, erkläre ich ihm. „Meine Ellbogen sind aufgekratzt.“ Zwei von Wes’ geretteten Hunden stürmen an uns vorbei ins Freie, als wir ins Haus kommen. Senf und Ketchup, zwei von meinen geretteten Katzen, drängeln sich mit uns ins Haus. 12
„Bring sie nach oben“, sagt Papa. „Ich rufe meine Annie an.“ „Nein, nicht Mama“, bitte ich über Hanks Schulter, während der zwei Stufen auf einmal nimmt, um mich in mein Zimmer zu bringen. „Bis sie aus dem Krankenhaus zu Hause ist, geht es mir schon wieder besser.“ Aber Papa ist schon in der Küche verschwunden, um sie anzurufen. Meine Mutter ist Onkologin, Krebsärztin im Krankenhaus in Nice. Dort bin ich ihr zum ersten Mal begegnet. Ich war erst sieben, aber ich musste schon in Behandlung. Die Sozialarbeiterin brachte mich zu meiner ersten Strahlenbehandlung und sagte: „Das ist Dr. Annie Coolidge.“ Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich noch nie jemanden mit so vielen Locken gesehen hatte. Dr. Coolidge war klein und rundlich und sie verlor immer ihren Stift. Sie sah nicht im Geringsten wie eine Ärztin aus, aber ich habe ihr von der ersten Sekunde an vertraut. Hank schubst meine Zimmertür auf und legt mich auf mein Bett mit der Katzenbettwäsche. „Was soll ich dir holen? Wasser? Soll ich den Ventilator anstellen?“ Ich denke darüber nach, ihn darum zu bitten, mich wieder vom Bett zu heben, damit es nicht schmutzig wird. Aber das ist sowieso schon zu spät. „Ist schon in Ordnung. Mir geht es gut, Hank.“ Kätzchen springt auf mein Bett und rollt sich neben mir zusammen. Sofort fängt sie an zu schnurren. Papas Stimme wird mit jedem seiner schweren Schritte auf der Treppe lauter. „Ja. Ja, meine Annie. Wir machen es Kat bequem, bis … Natürlich … Ich verspreche es … Liebling, ich hab doch gesagt, ich verspreche es.“ Mit dem Hörer am Ohr taumelt er in mein Zimmer. „Ich bin jetzt bei ihr. Hank kümmert sich gut um sie 13
und … Ja, wenn du das willst, aber …“ Er wirft mir einen Blick zu. „Deine Mutter will mit dir reden.“ „Sicher.“ Ich greife nach dem Telefonhörer. „Autsch!“ Mein Ellbogen sticht. Papa hält den Hörer an mein Ohr. „Kat? Geht es dir gut? Dein Kopf. Hast du dir den Kopf angeschlagen?“ Mama hört sich panisch an. „Was tut dir weh?“ „Mama, wirklich, es ist alles in Ordnung. Ich habe meine Ellbogen aufgeschrammt. Es war ein dummer Unfall.“ „Ich komme sofort nach Hause. Bin schon am Auto.“ Ich höre, wie eine Tür geöffnet wird. Der Alarm wird ausgelöst. „Oh, Mist. Was habe ich denn falsch gemacht?“ Ich wende mich an Papa. „Mama hat schon wieder den Alarm im Auto ausgelöst. Am besten übernimmst du.“ Er hält sich den Hörer wieder selbst ans Ohr und versucht, Mama ganz ruhig Anweisungen zu geben, wie sie den Alarm wieder ausschalten kann. Sie sind wirklich wie füreinander geschaffen. Ich war dabei, als Papa sie angerufen hat, damit sie ihm bei genau der gleichen Sache helfen konnte. Papa und Hank geben sich große Mühe, mein Gesicht und meine Arme zu säubern. Aber sie haben so eine Angst, mich zu verletzen, dass sie sofort aufhören, als Dakota endlich kommt. „Die Pferde sind alle auf der Weide, im Stall und bestens versorgt“, verkündet sie. „Danke, Dakota. Hier“, sagt Hank und reicht ihr den Waschlappen. „Du übernimmst.“ „Ich?“ Dakota nimmt den Lappen und betrachtet ihn, als wäre er giftig. „Gute Idee“, stimmt Papa zu. Er setzt die Wasser14
schüssel ab und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Dakota kann dir auch dabei helfen, diese schmutzige Jeans loszuwerden. Deine Mutter wird gleich da sein. Sie weiß, was zu tun ist. Bist du dir ganz sicher, dass du keine Schmerzen hast? Sagst du uns auch alles? Denn du –“ „Meine Arme tun weh. Meine Hände brennen. Meine Knie fühlen sich auch nicht so gut an. Aber ich bin in Ordnung, Papa.“ Hank und Papa schließen hinter sich die Tür und Dakota holt eins meiner Nachthemden aus dem Schrank. Wir brauchen elf Minuten, bis wir es endlich geschafft haben, mich hineinzubugsieren. Das kann ich an der Katzenuhr beobachten, die neben meinem Katzenkalender hängt. Als wir endlich fertig sind, lege ich mich ins Bett und Dakota setzt sich neben mich. Sie hebt meine Perücke vom Boden auf, die mir während des Kampfes mit dem Nachthemd hingefallen ist. „Leg sie einfach unten auf die Bettkante“, sage ich ihr. Ich konnte noch nie mit so einem Ding auf dem Kopf schlafen. Dakota legt die Perücke ans Fußende meines Bettes und streicht die langen blonden Haare glatt. Sie sieht aus, als wäre sie diejenige gewesen, die hinter einem Pony hergeschleift wurde. Ihr Gesicht ist dreckverschmiert und ihre schwarzen Haare stehen in alle Richtungen ab. „Ich kann kaum glauben, dass dir nicht mehr passiert ist“, sagt sie. „Dein Knie wird blau. Das wird bestimmt wehtun. Aber es hätte viel schlimmer kommen können.“ Sie berührt mein Knie. „Au!“ Ein Stich durchzuckt mein Bein. „Es tut mir leid!“, ruft Dakota erschrocken und springt auf. 15
„Geht schon wieder.“ „Du hättest sterben können!“ Meine Gedanken gehen zurück zu dem Moment im Stall, als ich dachte, jetzt hätte meine letzte Stunde geschlagen. Ich war nicht bereit. Ich wollte nicht sterben. Nicht, weil ich Angst vor dem Sterben habe. Das glaube ich nicht. Wie könnte ich Angst davor haben, an einem Ort zu sein, wo ich nie wieder Schmerzen haben werde und endlich von Angesicht zu Angesicht mit Gott reden kann? Egal, wie es im Himmel sein wird, ich bin jedenfalls sicher, dass es dort besser ist als hier. Und hier ist es schon großartig. Aber ich weiß, dass ich noch nicht bereit zum Sterben bin, weil ich in meinem Leben noch nichts erreicht habe. Das habe ich heute im Stall gespürt. Ich muss in meinem Leben etwas erreichen. So, wie Mama, Papa und Hank es die ganze Zeit tun. Und ich muss es jetzt sofort tun. Ein Pochen erklingt an der Tür. „Kat, kann ich reinkommen?“, fragt Papa. „Ja, komm rein!“, rufe ich zurück. Er stürmt in mein Zimmer und schwenkt einen Briefumschlag. Senf und Ketchup schleichen hinter ihm in den Raum. Aber sie springen nicht auf mein Bett. Nicht, wenn Kätzchen da ist. „Sieh nur, was gerade gekommen ist –“ Er hält inne, als sein Blick auf meine Knie fällt. „Dein Knie ist blau.“ Er kommt näher. „Ich kann mir vorstellen, wie sehr dir das wehtun muss.“ Seine Augen füllen sich mit Tränen. „Es ist nicht so schlimm“, sage ich schnell. „Du weißt doch, dass ich leicht blaue Flecken bekomme.“ Das stimmt wirklich. Ich glaube, es ist wegen einem der Medikamente, die ich nehmen muss. Draußen ertönt laut eine Hupe. Bremsen quietschen. „Hört sich an, als wäre Mama da“, sage ich. 16
Papa rennt nach draußen, um sie zu begrüßen. Nach wenigen Sekunden stürmen sie die Treppe hinauf. Dakota geht einen Schritt zur Seite. Mama stürmt an mein Bett. „Kat, Kat, Kat“, murmelt sie und küsst mich auf die Stirn und die Wangen. „Es geht mir gut“, bringe ich hervor. „Das will ich erst einmal untersuchen.“ Sie wendet sich an Papa und Dakota. „Alle raus hier.“ Mama schmeißt sie aus dem Zimmer und verwandelt sich dann von meiner Mutter in die Ärztin Dr. Coolidge. Sie öffnet ihren Arztkoffer und untersucht mich in den nächsten 17 Minuten – das sehe ich an meiner Katzenuhr – von Kopf bis Fuß. Als sie fertig ist, setzt sie sich an mein Bettende und stützt ihren Kopf in die Hände. Ich weiß, dass sie betet. Als sie mich ansieht, sind ihre Augen rot. „Gott hatte seine Hand über dir, Kat“, sagt sie leise. Ich grinse und muss an den Psalm denken, wo es heißt, dass wir nicht fallen, weil Gott unsere Hand hält. „Du weißt, ich war noch nie besonders begeistert von Pferden“, sagt Mama. Mama liebt alle Tiere, genau wie auch wir anderen. Sie kann es nicht ertragen, ein Tier leiden zu sehen. Sie nimmt Hunde, Katzen und Pferde hier auf und hat sogar schon einmal einen Vogel mit einem gebrochenen Flügel mit hierher gebracht und gesund gepflegt. „Wenn ich daran denke, was dir hätte passieren können …“ Die Stimme versagt ihr. Ich lege meine Hand auf ihren Arm. Meine rechte Hand hat sie einbandagiert, sodass ich aussehe wie ein Boxer mit einem Handschuh. „Mir geht es gut, stimmt’s?“ Sie seufzt. „Nichts gebrochen“, gibt sie zu. Schritte poltern die Treppe herauf. 17
„Komm rein!“, ruft Mama. Papa öffnet die Tür und ich sehe die Blicke, die die beiden sich zuwerfen. Papa fragt still, ob es mir wirklich gut geht, und Mama bejaht es genauso ohne Worte, gibt ihm aber zu verstehen, dass sie sich schlimme Sorgen gemacht hat und jetzt Gott dankt. Doch keiner von beiden sagt ein Wort und die Blicke dauern auch nur ein paar Sekunden lang – das sehe ich an meiner Katzenuhr. Dann schwenkt Papa wieder den Briefumschlag. „Er ist gekommen!“ „Er ist gekommen?“ Mama springt auf und greift nach dem Brief. Sie öffnet ihn und sieht hinein. „Wo ist der Brief?“ „Ist er nicht da?“ Papa sieht selbst hinein. „Ich muss ihn unten vergessen haben.“ „Wieso unten vergessen?“, will ich wissen. „Ich gehe und hole ihn.“ Papa will verschwinden. „Wag es nicht!“, sagt Mama. „Chester Coolidge, du kommst sofort zurück und verrätst mir, was in dem Brief steht.“ „Samstag in zwei Wochen“, ruft er. Mama schnappt sich Papa und sie tanzen durch mein Zimmer. Sie benehmen sich noch viel seltsamer als sonst. Dabei sind sie doch gar nicht diejenigen, die von einem Pferd durch den Stall gezerrt worden sind! Dakota und Hank erscheinen im Türrahmen. „Was ist denn hier los?“, will Dakota wissen. „Zwei Wochen!“, ruft Papa begeistert. „Zwei Wochen?“ Hank wirft mir einen fragenden Blick zu, aber ich zucke nur mit den Schultern. „Kats Adoption …“, fängt Mama an. „… geht in zwei Wochen endlich offiziell über die Bühne!“, beendet Papa ihren Satz. 18
Hank stößt einen Freudenschrei aus. Papa schnappt sich Mama für einen weiteren Tanz durchs Zimmer. Dakota stürmt auf mich zu und will mich umarmen, bleibt dann aber stehen, als sie sich wieder an meinen Zustand erinnert. Seit ich als Pflegekind zu Annie und Chester Coolidge gekommen bin, habe ich davon geträumt, von ihnen adoptiert zu werden. Ich habe mir noch nie etwas sehnlicher gewünscht. Sie sind so gut. Sie helfen jedem. Mama rettet Leben im Krankenhaus. Papa rettet Leben bei der Freiwilligen Feuerwehr. Und jetzt bin ich auch bald eine Coolidge. Aber bis jetzt habe ich doch noch gar nichts wirklich Wichtiges getan.
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