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Prolog

S

ie sagen mir, es sei nie passiert. Sie sagen, es könne nicht wahr sein. Manche nennen es einen Traum. Andere sagen, ich sei eine Romantikerin. Aber ich weiß, was sie denken. Sie denken, ich sei verrückt. Überwältigt von Trauer. Erfände Geschichten, um den Schmerz zu stillen. Aber ich verspüre keinen Schmerz. Nicht mehr. Der Schmerz ist lediglich eine einzelne Note in der Sinfonie des Friedens, den ich empfinde, denn ich weiß, was wahr ist. Ich war dort an jenem Tag. Ich sah, wie ihre Hand sich nach ihm ausstreckte. Ich hörte seine Stimme in der Dunkelheit. Ich sah ihre Liebe. Pauls und Maddies. Also nennen Sie mich ruhig verrückt, wenn Sie nicht anders können. Aber ich weiß um die Macht der Liebe. Ich habe einen flüchtigen Blick auf ihr Mysterium werfen können. Ich bin Zeugin ihres hellen Scheins geworden. Wenn Sie Zweifel haben, dann kommen Sie mit. Durchqueren Sie mit mir die Schatten der Zeit und folgen Sie mir dorthin, wo alles begann. Eine kalte Nacht. Dunkel. Und jenseits der Nacht ... nun, kommen Sie und sehen Sie selbst.

HH Paul umklammerte das Lenkrad noch ein wenig fester, als der Ford Pinto sich die Serpentinen der Bergstraße hochkämpfte. Der Regen wurde immer stärker und prasselte mittlerweile erbarmungslos auf die Fahrbahn nieder. Die hektischen Schläge der Scheibenwischer bildeten einen irritierenden Gegenrhythmus zu dem Getrommel des Wassers auf der metallenen Motorhaube. Das ist verrückt. Wir sollten umkehren. Paul warf einen Blick auf seine Frau, die auf dem Beifahrersitz schlief. Maddies Atmung ging gleichmäßig, ihre Augen waren geschlossen. Ein tiefes Schnarchen entwich ihrem leicht geöffneten Mund. Paul lächelte. Maddie hasste es, wenn er ihr sagte, dass sie schnarchte. „Das ist kein Schnarchen“, sagte sie immer, „sondern nur ein lautes Atmen.“ Laut genug, um den Regen zu übertönen. Natürlich würde 5


sie ihm das niemals glauben. Eines Tages würde er es einmal mit dem Diktiergerät aufnehmen – wenn er sich traute. Sein Lächeln verwandelte sich in ein leises Lachen. Das würde sie ihm niemals vergeben. Zumindest nicht, bevor er ihr einen Schokoladenriegel mitbrachte – nicht irgendeinen Schokoriegel natürlich, sondern den von Hershey mit den Mandeln. Die Schokolade sei gar nichts, betonte sie immer, ohne die Mandeln. Der Regen wurde noch heftiger und prallte auf das Autodach wie nicht enden wollende Donnerschläge. Paul lehnte sich vor und spähte in die Dunkelheit. Die gelben Lichtkegel der Scheinwerfer reflektierten sich im Regen in unzähligen Farbvariationen. Hastig kniff Paul die Augen fest zusammen und riss sie dann wieder auf. Doch auch jetzt konnte er weder den Mittelstreifen noch die Seitenbegrenzung sehen. Geschweige denn die Straße, die hinter dem wie wild funkelnden Regenvorhang lag. Das Schnarchen brach ab. „Sind wir da?“ Maddies schläfrige Frage durchbrach das Dröhnen des Regens. „Noch nicht.“ Pauls Fingerknöchel auf dem Lenkrad wurden immer weißer. „Wir kommen vermutlich zu spät.“ „Sag bloß. Habe ich dir das nicht vorher gesagt?“ Der humorvolle Unterton in Maddies Stimme entspannte seinen Griff und er wagte einen kurzen Blick zu ihr hinüber. Einige Locken ihres kupferbraunen Haares schimmerten seidig im schwachen Licht. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, das sich langsam zu dem neckischen schiefen Grinsen verzog, das er so sehr liebte. Er streckte die Hand aus und strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Schlaf noch ein wenig, meine kleine Besserwisserin. Ich bringe uns schon hin ... früher oder später.“ „Es ist zu laut, um schlafen zu können.“ Maddie begann zu brüllen, als müsse sie eine enorme Geräuschkulisse übertönen. „Dieser Regen ist wie das Konzert einer wirklich schlechten Rockband.“ Paul schob eine Kassette in die Stereoanlage des Autos. „Du brauchst nur die richtige Musik, das ist alles.“ Maddie stöhnte. „Nicht schon wieder dieses alte Band.“ „Gibt es ein besseres?“ Das Geklimper einer Gitarre kämpfte gegen den Regen an. Eine Se6


kunde später stimmten Peter, Paul und Mary die Geschichte von Paff dem Zauberdrachen an, dessen bester Freund Jackie Paper erwachsen wird und niemals zurückkommt. Paul sang lauthals mit und bereicherte die Kakofonie der Geräusche um einen weiteren Missklang. Maddie griff nach dem Lautstärkeregler. „Du weißt, dass es in dem Lied um Marihuana geht, oder?“ „Das ist ein bösartiges Gerücht, dessen Wahrheitsgehalt nie bewiesen werden konnte.“ Paul klopfte den Rhythmus des Liedes auf dem Lenkrad mit. „Außerdem ist unsere Tochter diesbezüglich ganz meiner Meinung.“ „Mandy ist erst fünf.“ „Ganz genau. Niemand ist klüger als eine Fünfjährige.“ Maddie kicherte, als Paul noch begeisterter erneut in das Lied einstimmte. Er hatte bereits eine ganze Strophe mitgeschmettert, als sie sich plötzlich aufrichtete und ihre Hand gegen das Seitenfenster presste. „Mach das leiser, Paul.“ „Och, nur weil du Paff nicht magst.“ „Nein, im Ernst.“ Sie beugte sich zu ihm hinüber und drückte seinen Arm. „Hör mal auf den Regen. Er prasselt so heftig herunter, dass die Fenster vibrieren. Vielleicht sollten wir besser anhalten.“ Paul verhakte seine Daumen wieder hinter dem Lenkrad. „Die Straße führt ab jetzt fast ausschließlich geradeaus. Außerdem brauchen wir nur noch zehn Minuten, dann sind wir da.“ „Versprochen?“ Er schaltete einen Gang runter, als der Pinto sich einer Kurve näherte. „Nein. Es könnten auch fünfzehn sein.“ In der Kurve tauchten die Räder in einen riesigen See ein, der sich auf der Straße gebildet hatte. Eine Wagenladung Wasser spritzte über die Motorhaube und auf die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer schoben die Wassermengen energisch beiseite und eröffneten für den Bruchteil einer Sekunde den Blick auf ein Reh, das im Scheinwerferlicht stand. Das Tier war wie erstarrt. Stand vollkommen still in der Mitte der Fahrbahn. Mit weit aufgerissenen Augen. Paul schrie und trat heftig auf die Bremse. Ein lautes Quietschen ertönte. Als der Pinto nach rechts ausbrach, riss Paul das Lenkrad nach links. Bevor er überhaupt richtig realisiert hatte, was geschah, raste das Auto bereits über den Schotterstreifen neben der Straße ins Gebüsch. 7


Äste schlugen gegen die Seiten des Pinto, schrammten über die Scheiben und verschmierten sie mit einem Gemisch aus Wasser, Blättern und Glassplittern. Paul warf hastig seine Arme um Maddie. Entsetzt beobachtete er, wie ein riesiger Baumstamm immer näher kam. Das Auto prallte mit voller Wucht hinein. Sofort grub sich das Lenkrad in seine Brust. Das Armaturenbrett schob sich auf ihn zu, zusammen mit einem kleinen, rechteckigen Farbfleck. In nahezu unerträglicher Deutlichkeit nahmen die Farben Gestalt an und Paul erkannte, dass es sich um das Foto handelte, das er wenige Tage zuvor auf die Armatur geklebt hatte. Ein kleines Mädchen mit gelben Zopfgummis. Ein neckisches schiefes Grinsen. Und darunter einige Worte in einer Kleinmädchenschrift. Worte, die er nicht lesen musste, um sich an sie zu erinnern. Fahr vorsichtig, Papa.

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Kapitel 1

D

ie Dunkelheit drohte sie zu verschlingen. Eine Dunkelheit, die wie eine riesige, alles vernichtende Welle war. Sie überrollte sie, zog sie in die Tiefe und hielt sie dort gefangen, bis sie unter ihrem Gewicht keine Luft mehr bekam. Sie flutete ihren Verstand, rann ihr Rückgrat hinunter und versetzte ihre Glieder in einen Zustand eisiger Schwere. Sie kämpfte verzweifelt dagegen an ... und scheiterte. Es ging tiefer. Wurde dunkler. Bis ihre Welt nur noch ein schwarzer Fluss war, der aus Strömungen voller Schmerzen bestand. Helft mir ... Die Worte stiegen in ihr empor, unausgesprochen und doch real. Sie wurden ein stiller Schrei, wie Nebel über dem Wasser, schimmernd, dann verschwunden. Hatte sie jemand gehört? Wusste jemand Bescheid? War dort draußen jenseits der Dunkelheit irgendjemand, der ihr zuhörte? Helft mir ... Lasst mich nicht allein. Bitte ... Die Zeit verschwamm. Die bedrohliche Stille schien zu atmen. Ein. Aus. Dann tauchte eine Stimme in die Dunkelheit ein. Ein einzelnes Wort aus einer Welt außerhalb ihrer eigenen drang an ihr Ohr. Ein hauchzarter Lichtstrahl, der sich über den Wellen kräuselte. „Maddie ...“ Ich bin hier. „Maddie.“ Ein Wort. Und mit ihm, Hoffnung. Ich bin nicht allein. Das Wasser zog sich zurück. Ein wenig. „Wach auf. Ich bin hier, um dich nach Hause zu holen.“ Die Dunkelheit geriet ins Wanken, brach sich und wich einem bekannten Grau. Sie begann wieder zu atmen, gleichmäßig und irgendwie beruhigt. „Kannst du mich hören, Maddie?“ Die Stimme streichelte sie, umhüllte sie mit ihrer sanften Wärme. Ich höre dich. Die Antwort formte sich in ihrem Kopf, weigerte sich aber, laut ausgesprochen zu werden. Bleib bei mir. „Komm zu dir. Erinnere dich.“ Ich kann nicht. 9


Stille. Beängstigende, furchtbare Stille. Bitte ... verlass mich nicht ... du hast es versprochen ...

HH Die Trostlosigkeit des Krankenhauszimmers presste sich tiefer in Pauls Bewusstsein als der für Monterrey so typische Nebel gegen das Fenster. Klamm. Grau. Kalt und unfreundlich. Einen Moment, eine Lebensdauer zuvor hatte er noch gelacht und geliebt, gehofft und geträumt. Aber all das war diesem einen Bild gewichen – flackerndes Neonlicht, der Gestank von Desinfektionsmitteln und vor ihm in dem Krankenhausbett die Frau, die er liebte. Sein Blick verschleierte sich. „Maddie ...“ Das Wort drang heraus und verlor sich in dem Brummen der Neonröhre, dem gleichmäßigen Piepen des EKGs. Er saß schon so lange hier. Immer wieder waren Ärzte und Krankenschwestern ins Zimmer gekommen, hatten ihren Blutdruck gemessen, irgendetwas in ihre Krankenakte eingetragen. Jetzt, wo der Tag sich dem Ende neigte, hatte er beinah den Überblick über sie verloren. Der Schichtwechsel fand statt. Die Besuchszeit war vorbei. Aber niemand bat ihn zu gehen. Nicht heute. Denn um Maddie stand es sehr viel schlimmer, als sich irgendjemand anmerken lassen wollte. Es würde eine lange Nacht. Und er würde sie unter gar keinen Umständen allein lassen. Also saß er da, sah zu, wie die Flüssigkeit gleichmäßig durch den Tropf rann, beobachtete, wie Maddies Brust sich hob und senkte. Noch immer versperrte der Nebel jede Sicht auf den kalifornischen Himmel. So lange schon, doch bisher hatte sich nichts geändert. Vor dem Zimmer rollte jemand eine quietschende Krankentrage über den Gang, ein Arzt wurde ausgerufen und Schritte hasteten vorüber und verklangen in der Ferne. Draußen drehte sich die Welt weiter. Aber hier, in diesem kleinen Raum, taumelte das Leben gefährlich auf den Abgrund der Dunkelheit zu. Wie hatte es hierzu kommen können? Zu diesem Krankenhausbett, dem mitgenommenen Stuhl und diesem Ozean des Schweigens zwischen ihnen? All die Jahre. All seine Liebe. All die Erinnerungen an ein vergangenes Leben. Alles eingefangen in dieser einen Frau, die jetzt 10


blass und faltig vor ihm im Bett lag. Wie sehr unterschied sie sich von dem lebhaften, quirligen Mädchen, dem er einst sein Herz geschenkt hatte. Sie lag mit geschlossenen Augen da, atmete nur mit Mühe und sah unsagbar krank aus. Ihre schwarzen Wimpern hoben sich stark von den eingefallenen blassen Wangen ab. Eine einzelne Locke ihres Haares, das jetzt stumpf und glanzlos war, kräuselte sich über ihre Stirn. Unzählige Schläuche umgaben ihre Wangen, ihre Arme und ihre Brust, die sich weiterhin mühevoll hob und senkte. Verbrauchte Luft quetschte sich an rauen Lippen vorbei, die einst rot gewesen waren und nun die Farbe von Asche hatten. Warum nur musste es so sein? „Maddie.“ Hatte er ihren Namen laut ausgesprochen? Niemand hatte ihn gehört. Oder vielleicht doch? Hatte sie ihn gehört? Konnte sie ihn hören? Paul beugte sich vor und streckte den Arm nach ihr aus. Wenn er nur ihre Hand nehmen und sie von dem dunklen Ort, an den sie verschwunden war, zurückholen könnte. Aber er durfte sie nicht anfassen. Noch nicht. Sie war zu schwach, ihr Leben hing an einem zu dünnen Faden. „Wach auf. Ich bin hier, um dich nach Hause zu holen.“ Aber Maddie rührte sich nicht. „Kannst du mich hören, Maddie?“ War das ein Seufzen? Hatte ihr Finger gezuckt? Ein Schauer rann ihm über den Rücken. „Komm zu dir.“ Es ist Zeit. Komm aus der Dunkelheit heraus. „Erinnere dich.“ Er wartete. Eine Sekunde. Eine Ewigkeit. Fast. Fast hätte er sie erreicht. Ein Stift klickte. Schuhe quietschten. Paul richtete sich auf. Eine Krankenschwester eilte an Maddies Bett. „Blutdruckmessung.“ Paul stand auf und entfernte sich von seinem Stuhl. „Nicht schon wieder.“ Die Krankenschwester schürzte die Lippen und antwortete nicht. Geschäftig kontrollierte sie die Infusionsschläuche und legte die Klettverschlussmanschette um Maddies Arm. Dann schaute sie zu ihm. Paul seufzte. 11


Die Krankenschwester stach mit ihrem Stift in seine Richtung und legte konzentriert die Stirn in Falten. Paul sprang zur Seite. „Oh. Ups!“ Er hatte vor dem EKG-Gerät gestanden. „Der Blutdruck ist in Ordnung.“ In forscher Tüchtigkeit zog die Krankenschwester den Stift zurück und schrieb etwas in Maddies Akte. Dann beugte sie sich vor. Für einen kurzen Moment strich ihre Hand über Maddies. Ihre Stimme wurde sanfter, als wisse sie, als verstünde sie, wie hart diese Nacht würde. „Halten Sie durch. Jetzt dauert es nicht mehr lange.“ Die Worte hallten wie ein Echo in Pauls Kopf wider. Die Schwester klickte noch einmal mit ihrem Stift, schüttelte den Kopf und hastete dann aus dem Zimmer. Paul starrte auf die Stelle, an der die Finger der Krankenschwester Maddies Hand berührt hatten. Diese Hand, die sich so weiß von den Bettlaken abhob, obwohl diese immer noch weißer waren. Ihre Haut war so dünn, dass sie beinah transparent zu sein schien. Anfällig. Zerbrechlich. Doch die Sommersprosse auf ihrem linken Daumen war immer noch da und erinnerte ihn daran, dass manches sich nie änderte. Manches war für immer. Wärme durchflutete Paul. Vielleicht könnte er diese Sommersprosse jetzt küssen. Nur ein einziges Mal. So wie er es vor Jahren erstmals getan hatte. Ihre Hände waren damals stark gewesen, jung und sonnengebräunt. Aber die Sommersprosse war noch dieselbe. Er lächelte. Der Kuss damals war ein Scherz gewesen. Eine beiläufige, spontane Albernheit. Trotzdem erinnerte er sich noch daran. Denn es war diese einfache Geste gewesen, die alles verändert hatte. Zumindest für ihn. „Erinnerst du dich?“, fragte er, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören konnte, dass sie noch zu weit weg war, um ihn zu verstehen. „Es hatte an jenem Morgen heftig geregnet, doch dann kam die Sonne heraus.“ Nur das stetige Piepen des EKGs antwortete ihm. Seine Stimme wurde leiser. „Komm, Maddie, erinnere dich mit mir zusammen. Erinnere dich an den Tag, an dem ich mich in dich verliebt habe.“

HH

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Palo Alto, 1973 Paul schmetterte den kleinen blauen Gummiball mit einem kräftigen Schlag auf die vordere Wand. Der Ball traf mit einem lauten Wusch auf und prallte in die hintere Ecke des Squashcourts zurück. Maddie rannte nach links, den Schläger ausgestreckt. In letzter Sekunde bremste sie leicht ab, ging in Position und zog durch. Paul tänzelte von einem Bein aufs andere, bereit. Das pfeifende Geräusch von Luft, die in enormer Geschwindigkeit durch das Gitternetz des Squashschlägers gepresst wurde, ertönte. Maddie hatte den Ball um gute fünf Zentimeter verfehlt. Während Paul sich entspannte, prallte Maddie mit der Schulter gegen die Wand und der Ball hüpfte in die Ecke. „Alles in Ordnung?“ Er fuhr sich mit dem Schweißband über die Stirn. „Liegt dir deine Chemieklausur noch so schwer im Magen oder was?“ „Was weißt du schon über Klausuren?“ Er grinste. „Zum Glück nicht mehr besonders viel. Ist ja schon ein Weilchen her.“ Maddie schnitt eine Grimasse. „Tja, vielleicht würde ich auch Scherze über Klausuren machen, wenn ich einen tollen Job in der Forschungsabteilung eines riesigen Pharmakonzerns hätte.“ Paul hob den Ball auf und warf ihn mehrmals in die Luft. „Ich kann es dir nur immer wieder sagen. In die Forschung wird momentan richtig viel Geld gesteckt.“ Sie verdrehte die Augen. „Blah, blah, blah. Ich glaube, ich werde trotzdem lieber Ärztin ... eines Tages.“ Paul lachte in sich hinein. „Spiel einfach den Ball, ja?“ „Bist du dir sicher, dass du bereit bist?“ Erneut warf er den Ball in die Luft. „Nein.“ „Na dann los.“ Er zog den Schläger durch, woraufhin der Ball gegen die vordere Wand flog und dann auf Maddie zuzischte. Sie holte aus. Und schlug daneben. Schon wieder. „Dein Spiel.“ Maddie drehte ihren Schläger mehrmals schnell und ließ ihn dann hinabbaumeln. „Wie steht es jetzt? Vier Spiele für dich?“, fragte sie mit mürrischem Gesichtsausdruck. 13


Fünf. Paul zuckte mit den Schultern. „Wer zählt das schon?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Du. Und tu jetzt bloß nicht so, als hättest du nicht mitgezählt.“ Paul grinste. Dann sprintete er los und hob den Squashball auf. Er legte ihn auf seinen Schläger und ließ ihn mit kleinen, wohldosierten Bewegungen auf und ab hüpfen. „Willst du noch eine Revanche?“ Er spielte ihr den Ball zu. Sie ließ ihn fallen. „Ich schulde dir schon eine Pizza, einen Kinobesuch, Popcorn und eine Cola. Wenn das so weitergeht, bin ich bald pleite.“ „Normalerweise würde ich ja sagen, du hast einfach eine Pechsträhne. Aber ...“ Maddie starrte ihn an. „Na los, sag es.“ „Nun, du musst zugeben, dass du heute eindeutig nicht in Form bist. Deine Leistung ist unter aller Kanone.“ Seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern. „Wirklich, wirklich unter aller Kanone. Das kannst du nicht auf deinen Sommerkurs schieben.“ „Danke.“ „Also, was ist los?“ „Ich weiß es nicht. Es ist, als würde der Ball einfach verschwinden, kurz bevor ich ihn treffe.“ Paul streckte den Arm aus und verwuschelte ihre Haare. Er liebte es, das zu tun. Ihre unbändigen, kurzen Locken standen fast senkrecht hoch, wenn er es richtig machte. „Hab ich dir das gar nicht gesagt? Das ist mein neuester Trick.“ Maddie kicherte und rammte ihm spielerisch die Faust in die Schulter. „Komm schon, lass uns einfach aufhören, auch wenn ich zurückliege.“ „Enorm zurückliege.“ „Würdest du bitte aufhören, darauf herumzureiten?“ Paul schlang einen Arm um ihre Schultern und drehte sie zu der hinter ihnen liegenden Glaswand um. Sein Blick fiel auf eine Blondine in roten, knallengen Hotpants, die gerade auf der anderen Seite der Fensterscheibe vorbeiging. Die Blondine war ganz anders als Maddie. Während dieses Mädchen groß und gertenschlank war, war Maddie eher, nun, mittel. Ein Meter siebenundsechzig groß, nicht mager, nicht stämmig. Irgendwo dazwischen. Athletisch und wie geschaffen für Squash. Zumindest normalerweise. Aber nicht heute. 14


Er hielt inne. „Sie ist neu.“ „Du meinst, du hast sie bisher noch nicht um eine Verabredung gebeten? Ich scheine nicht die Einzige zu sein, die heute nicht in Form ist.“ Paul fädelte den Squashball mit seinem Schläger vom Boden auf. „Der Tag ist noch jung, meine Liebe.“ Maddie schüttelte den Kopf. „Was ist aus dem Mädchen geworden, das immer hinter der Getränkebar steht?“ Paul öffnete die Tür des Squashcourts und hielt sie auf, bis Maddie hinausgeschlüpft war. „Ich glaube, sie fand mich zu charmant und zuvorkommend.“ „Oh ja, an deiner Zuvorkommenheit müsstest du wirklich dringend mal arbeiten.“ Maddie warf ihm ihr neckisches schiefes Grinsen zu. „Sie hat während des gesamten Abends nichts anderes getan als zu kichern und über die Bee Gees zu reden. Als wäre sie eine Vierzehnjährige.“ Er zog ein Handtuch aus seiner Sporttasche und wischte sich damit den Schweiß aus dem Nacken. „Sie ist neunzehn. Und jeder weiß, dass sie ein riesiger Bee-Gees-Fan ist.“ „Tja, du hättest mir und meinem Geldbeutel eine Menge erspart, wenn du mir das vorher gesagt hättest. Du weißt doch, dass ich in dieser Hinsicht auf dich zähle.“ Maddie schob ihren Schläger in die Hülle und wühlte in ihrer Tasche. „Du Ärmster. Hast du nicht gesagt, dass alle Mädchen sowieso nur Salat essen? Wie teuer kann das schon sein?“ „Wo wir gerade von Essen reden ... Ich nehme zuerst die Pizza und dann den Film. Der neue 007 ist draußen.“ Maddie stöhnte. „Nicht noch ein Bond-Streifen.“ „Wenn du gewinnst, darfst du wählen. Heute ist es ... Bond, James Bond.“ Paul imitierte einen steifen britischen Akzent. „Bond ist doch eigentlich Schotte.“ „Seit Moore nicht mehr.“ „Bist du etwa immer noch nicht darüber hinweg, dass sie Sean Connery ersetzt haben?“ „Das ist kein Ersatz, sondern eine eindeutige Verschlechterung.“ „Das werden wir ja sehen. Dein Date geht gerade.“ 15


„Wie bitte?“ „Die Blondine.“ Paul sah zu der Unbekannten hinüber. Sie saugte eine pinkfarbene Flüssigkeit durch einen Strohhalm nach oben und ging in Richtung Hintertür. Er hob die Hände und ließ seine Fingerknöchel knacken. „Nun gut, beobachte einen Meister bei der Arbeit.“ Maddie schnaubte und verdrehte die Augen. Paul schlenderte zu der Blondine hinüber. Sie war hübsch, fand er. Aber ein bisschen dünn. Und ihre Augen funkelten nicht. Sie sah, nun ja, gelangweilt aus. Und langweilig. Er könnte sich umdrehen und sein Vorhaben zu den Akten legen. Doch obwohl er am liebsten genau das getan hätte, schob er die Schultern zurück und ging weiter auf das Mädchen zu. Schließlich behielt Maddie ihn im Auge. Drei Minuten später kehrte er zu ihr zurück. „Freitag um sieben. So einfach ist das.“ „Ich hoffe, sie ist eine Salat-Esserin.“ „Das ist sie. Ich habe sie gefragt.“ Maddie lachte. „Ich weiß wirklich nicht, wie du das immer anstellst. Das nächste Mal könntest du mir eine Verabredung besorgen, ja? Ich bin schon seit sechs Monaten nicht mehr aus gewesen.“ Paul fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Such dir einfach einen aus.“ „Okay, wie wäre es mit dem da?“ Maddie warf einen vielsagenden Blick zu einem Mann hinüber, der gerade auf den Hantelbereich zuging. „Nee, der ist zu klein.“ „Der da?“ Sie zeigte auf einen Typen im Empfangsbereich. „Zu alt.“ „Der dort drüben?“ „Zu muskulös.“ „Wie bitte?“ „Er ist eindeutig besessen von seinem Körper. So einen willst du doch nicht, oder?“ „Na gut, was ist mit –?“ „Nein. Nein. Nein.“ Paul zeigte mit dem Zeigefinger auf die verbliebenen Männer im Raum. „Keiner von denen ist gut genug für dich.“ Er räusperte sich und versuchte die merkwürdige Trockenheit in seiner 16


Kehle zu überspielen. „Außerdem würdest du mit deiner üblen Rückhand sowieso jeden dieser Warmduscher verschrecken.“ Maddie zog ihre Augenbrauen in die Höhe. „Ja, meine Rückhand war heute wirklich beängstigend, nicht wahr?“ „Gib es zu, du wolltest nur den alten Moore in Aktion sehen.“ „Sei lieber still, sonst suche ich das nächste Mal die kitschigste Liebeskomödie aus, die zurzeit läuft, und du kannst dir sicher sein, dass ich dann gewinne.“ „Du hasst diese Filme.“ „Ja. Aber nicht so sehr wie du.“ Maddie grinste und zwinkerte ihm zu. Paul warf sein Handtuch nach ihr. Sie wollte es auffangen, griff aber daneben. „Ich gebe es auf. Wir sehen uns in einer Stunde bei mir. Du fährst.“ Seufzend hob sie ihre Tasche hoch und ging zum Ausgang. „Ich bestelle im Voraus. Salami.“ „Gut.“ An der Tür blieb sie kurz stehen und drehte sich zu ihm um. „Ich bin halb verhungert.“ Paul schwang sich seine Tasche über die Schulter. „Ich dachte, Mädchen essen nur Salat.“ Maddie stieß die Tür auf, doch diese Bemerkung konnte sie natürlich nicht unkommentiert stehen lassen. „Wie kannst du es wagen, mich ein Mädchen zu nennen!“ Sie trat durch die Tür. Paul lachte. Als sie aus seinem Blickfeld verschwand, bückte er sich nach seinem Handtuch, hob es auf und schob es in seine Tasche. Dabei erregte etwas Glitzerndes, das unter dem Handtuch auf dem Boden gelegen hatte, seine Aufmerksamkeit. Maddies Schlüsselbund. Er nahm ihn in die Hand und schlenderte in Richtung Tür. Maddie stand neben ihrem Auto und wühlte mit einer Hand in ihrer Sporttasche. Ihr kupferbraunes Haar funkelte in der Sommersonne und sah aus, als stünde es in Flammen. Vielleicht war es aber auch ihre Laune. Selbst aus dreißig Metern Entfernung konnte Paul ihr wütendes Gemurmel hören. Er schlich sich von hinten an sie heran und ließ die Schlüssel vor ihrer Nase baumeln. „Vermisst du etwas?“ Sie riss sie ihm aus der Hand. „Irgendwie verschwindet heute einfach alles. Erst der Ball, dann das Handtuch und jetzt auch noch die Schlüssel. Alles verschwindet direkt vor meinen Augen.“ 17


Paul breitete die Arme aus. „Alles außer mir.“ „Na, da habe ich ja noch mal Glück gehabt, was?“ Der trockene Humor in ihrer Stimme zauberte ihm ein Lächeln auf die Lippen. Maddie schüttelte den Kopf und versuchte den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Er glitt ab. Kurzentschlossen pflückte Paul den Schlüsselbund aus ihrer Hand und schob den Autoschlüssel zielsicher ins Schlüsselloch. „Nur gut, dass ich heute Abend fahre.“ Er öffnete die Tür, ergriff ihre Hand und half ihr ins Auto. „Ihr Wagen, gnädige Frau.“ „Vielen Dank, mein Herr.“ „Es wäre doch zu blöd gewesen, wenn du dich neben den Sitz gesetzt hättest.“ Er grinste, hob ihre Hand an seine Lippen und küsste sie. Direkt auf die kleine Sommersprosse. Einen Moment lang bewegte sich keiner von ihnen. Ein eigenartiges, ganz und gar neues Gefühl durchflutete Paul wie eine Schockwelle. Ihre Blicke trafen sich. Und er bemerkte in ihren Augen goldene Flecken, die sich von dem Braun abhoben; Flecken, die er noch niemals zuvor bemerkt hatte. Er ließ ihre Hand fallen. Und das war es. Ein ganz gewöhnlicher Augenblick in einem Leben voller gewöhnlicher Augenblicke. Ein gewöhnlicher Augenblick, der dennoch den Rand der Ewigkeit streifte. Maddies Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und sie wandte den Blick ab. „Sehr zuvorkommend. Wirklich sehr zuvorkommend. Und dabei bin ich noch nicht einmal blond.“

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Kapitel 2

I

ch erinnere mich … Die Worte huschten durch Maddies Kopf und hallten dort mit sanfter Hartnäckigkeit wider. Sie folgte ihrem Klang durch den dunklen Nebel nach oben, weg von dem schwarzen Wasser. Ja, ich erinnere mich. Bilder formten sich in der Dunkelheit und liefen wie ein altmodischer schwarz-weiß Film vor dem flackernden Grau ab. Die weißen Wände eines Squashcourts, ein sich drehender Schläger, ein blauer Ball und Paul. Ja, Paul. Jung, mit Augen, die vor Siegesgewissheit funkelten. Sie hatte seine blaugrünen Augen immer geliebt. Die Bilder verschwanden. Paul … Paul, komm zurück. Eine Berührung. Haut, die über ihre strich. Nur einen kurzen Moment lang, dann war sie wieder fort. Hatte jemand ihre Hand berührt? War irgendjemand da? Maddie versuchte sich nach diesem Jemand auszustrecken, versuchte ihren Arm zu bewegen, ihre Hände oder auch nur ihre Finger. Aber die Dunkelheit drückte sie wieder nach unten. Und mit ihr kam ein bohrender, stechender Schmerz. Er schoss durch ihren ganzen Körper – ihre Brust hinauf, ihre Schultern und wirbelte durch ihren Kopf. Schmerz, und noch schlimmer, Angst. Sie schmeckte ihre Bitterkeit. Die Hilflosigkeit. Den Schrecken. Nein … Hörte jemand ihren Hilfeschrei? Sie lauschte. Die einzige Antwort war Stille. Wo bin ich? Warum kann ich mich nicht bewegen? Was ist das für ein Schmerz? Am Rande ihres Bewusstseins nahm sie ein Geräusch wahr. Piep. Piep. Piep. Gleichmäßig, unablässig. Und unmenschlich. Das Geräusch beschleunigte sich. Gott, hilf mir! Das Wasser stieg. 19


Nein! Ihre Weigerung schwoll zu einem stillen Schrei an. Ich erinnere mich … Das kann mir niemand nehmen. Ich erinnere mich noch … Oder nicht? Eisfinger umklammerten Maddies Brustkorb. Was war wirklich eine Erinnerung? Was war nur ein Traum? „Maddie, komm zurück.“ Diese Stimme. War sie real? Sie erklang erneut. „Erinnere dich, Maddie.“ Wärme. „Ich hätte dich in jener Nacht beinah geküsst – nur um sicherzugehen, dass das, was ich gespürt hatte, Wirklichkeit war.“ Paul? „Ich hatte es vor. In der Dunkelheit des Kinosaals. Alles, was ich tun musste, war, mich zu dir rüberzulehnen, dein Kinn zu berühren, deine Lippen mit den meinen zu suchen. Ich war mir damals nicht sicher, weder deiner Gefühle noch meiner eigenen. Ich hätte es an jenem Abend leicht herausfinden können.“ Wo bist du? „Aber die Gelegenheit bot sich mir nicht.“ Nein. „Du musst dich erinnern.“ Immer noch rief die Stimme nach ihr, winkte sie vom Wasser fort und zog sie zu jenem Tag hin. Warum? Warum sollte sie sich jetzt an damals erinnern? Doch dann wusste sie es plötzlich. Das hier war kein Traum. Sie hatte das schon einmal durchgemacht. Sie war schon einmal mit einer solchen Angst konfrontiert gewesen. Hatte ihr ins Auge geblickt und überlebt. Sie konnte das noch einmal schaffen. Sie musste es. Dieses eine, dieses letzte Mal. Ihre Atmung wurde ruhiger. Sie musste sich erinnern. Sie musste zurückgehen. Nein, Herr, ich habe Angst. „Erinnere dich … du bist nicht allein …“

HH Wasser, klar, warm und weich, umspülte Maddies Körper und schob die hartnäckige Dunkelheit fort. Es sprühte wie heilender Balsam aus 20


dem silbernen Duschkopf heraus und rann ihr über Kinn und Brust. Sie presste ihre Hand gegen die gesprungenen weißen Fliesen und atmete tief den Duft der Lavendelseife und ihres Erdbeershampoos ein. Nach einer Weile drehte sie sich um und ließ das Wasser so lange über ihre Haare laufen, bis nur noch der Geruch von Lavendel zurückblieb. Mit langsamen Bewegungen rieb sie sich dann den dicken Seifenschaum von den Armen. Vom Flur her ertönte die Stimme ihrer Mitbewohnerin. „Hey, Mad, bist du immer noch da drin? Lass mir auch noch was von dem warmen Wasser übrig.“ Maddie zog den Duschvorhang zurück und steckte den Kopf heraus. „Gib mir noch eine Minute.“ Der Wasserdampf hatte den Spiegel beschlagen lassen und bildete an der Decke dicke Tropfen. Einer dieser Tropfen fiel herab und zerplatzte auf dem grünen Linoleum. Maddie trat aus der Dusche und schnappte sich ein pinkfarbenes Handtuch. Pink war Kellis Wahl gewesen. Maddie hatte pink immer gehasst, aber jetzt war sie irgendwie froh, es zu sehen. Sie war froh, alles zu sehen, von dem haarfeinen Riss in der unteren rechten Ecke des Spiegels zu den Stellen im Fußboden, wo sich das Linoleum ablöste, bis hin zu dem Gesicht von Mac Davis, das ihr von dem Poster über der Toilette aus entgegengrinste. Sie wickelte sich in das Handtuch und öffnete die Tür. Sofort entwich der Wasserdampf in den Flur. „Du kannst jetzt.“ Ihr Rufen hallte von den Wänden ihres kleinen Apartments wider. Maddie hastete in ihr Zimmer, öffnete ihren Kleiderschrank und zog das obere Paar Jeans heraus. Eine Schlaghose. Sie schlüpfte hinein und streifte sich ihr Lieblings-T-Shirt über. Ihre Finger zogen das verblichene Gänseblümchenbild auf der Vorderseite des Shirts nach, während sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ. Ihr eigenes Reich war vollkommen frei von all den knalligen Farbakzenten, auf die Kelli im restlichen Apartment bestanden hatte. Hier gab es keine von der Decke baumelnden Glasperlenspiele, keine orangefarbenen Sitzsäcke, keinen roten Zottelteppich, auf dem überall riesige Pelzkissen verteilt lagen. Hier gab es lediglich einen schlichten braunen Läufer, der auf einem erbsengrünen Fußboden lag, ihre alte karierte Tagesdecke und an der Wand ein paar Fotos. Eines war eine schwarz-weiß Aufnahme von einem der Wasserfälle im Yosemite-Nationalpark. Dem Vernal Fall. Sie 21


hatte ihn schon immer mal in natura sehen wollen. Ein anderes zeigte einen Elefanten, der einen Schimpansen abschnüffelte. Dieses Bild hatte sie mit zwölf Jahren bei einem Zirkusbesuch geschenkt bekommen. Rund um den Spiegel hingen ein gutes Dutzend Schnappschüsse von Freunden. Kelli, Paul, ein paar Schulfreundinnen. Mit voller Absicht kein Mac Davis. Maddie nahm eine Bürste in die Hand und fuhr sich damit durch die Haare. Voluminöse Locken umrahmten ihr Gesicht. Sie starrte auf ihre runden Wangen, die gewöhnlichen braunen Augen, das kurze brünette Haar, das niemals auch nur die geringste Ähnlichkeit mit Chers glatten, schwarzen Flechten haben würde. Maddie fuhr sich mit den Fingern durch das Haar und zog die Locken lang. Sie sprangen in dem Moment zurück, in dem sie sie losließ. Ihr entwich ein Seufzer. Langes, glattes Haar wirkte raffiniert, sinnlich. Sie hingegen war nichts davon und würde es auch niemals sein. Selbst ihr Haar wusste das. Warum also sollte sie sich Mühe geben? Sie schnitt ihrem eigenen Spiegelbild eine Grimasse und lachte dann laut auf. Kelli steckte neugierig ihren Kopf durch die Tür. „Was ist so lustig?“ „Ich.“ Kelli stiefelte ins Zimmer und warf sich auf Maddies Bett. „Du gehst also heute Abend aus?“ Maddie schüttelte den Kopf. „Nicht aus – nur ins Kino und Pizzaessen.“ Kellis Augenbrauen hoben sich bis zum Haaransatz. „Lass mich raten. Schon wieder eine KV mit Paul?“ „Wann wirst du endlich aufhören, es so zu nennen?“ „Wenn du die Wahrheit gestehst.“ Maddie schlang sich ein gelbes Tuch um den Hals und starrte dann mit missmutigem Blick auf ihr Spiegelbild. „Es ist KEINE VERABREDUNG.“ Sie riss sich das Tuch vom Hals und stopfte es zurück in die Kommode. „Ganz genau.“ Kelli rollte sich auf den Bauch, die Füße in die Luft gestreckt und an den Knöcheln gekreuzt. Sie griff nach einem der braunen Kissen und schob es sich unter ihr Kinn. „Obwohl ich niemals verstehen werde, wo genau der Unterschied zu einer Verabredung liegt.“ Maddie drehte sich um und starrte ihre Freundin an. Vor ihrem 22


inneren Auge erschien mit einem Mal ein Bild von Paul. Ein Meter neunzig groß. Schlank. Sogar ein wenig schlaksig, aber stark. Sandfarbenes Haar, das sich über seinen Ohren ganz leicht kräuselte. In ihrer Fantasie roch er nach Seife. Einfach nur Seife. Sie seufzte. „Du weißt, inwiefern das etwas anderes ist. Ich habe es dir schon hunderttausend Mal erklärt.“ Kelli schob sich eine Strähne ihres perfekt glatten und glänzenden Haares hinters Ohr. „Bitte, nicht schon wieder die Parfüm-Theorie.“ „Nicht Parfüm. Duftwasser. Eau de Toilette. Bei einer richtigen Verabredung legt der Mann ein Duftwasser auf. Jeder weiß das. Kein Duftwasser – keine Verabredung.“ Sie klatschte in bezeichnender ‚So ist das nun einmal‘-Manier in die Hände. Kelli setzte sich auf und warf das Kissen mehrfach hintereinander in die Luft. „KV. Keine Verabredung. Ich hab’s geschnallt.“ „Außerdem ist Paul einfach nur ein guter Freund.“ „Das sehe ich.“ Maddie runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“ Kelli quetschte das Kissen zwischen ihren Handflächen zusammen und warf es dann zurück auf seinen Platz. „Niemand würde dieses TShirt zu einer richtigen Verabredung anziehen.“ Maddie sah an sich herunter und strich erneut über die Gänseblümchen. „Was stimmt denn nicht mit dem Shirt?“ „Es ist so was von langweilig.“ Kelli schüttelte sich übertrieben. „Ich habe mir neulich ein total süßes orange-braunes Oberteil gekauft. Mit ganz weiten Ärmeln. Dazu eine passende Glasperlenkette. Und lange Ohrringe.“ Sie rieb ihre Ohrläppchen. „Sehr sexy.“ Nach einem verschämten Räuspern schob sie schnell hinterher: „Aber natürlich nicht zu sexy.“ Maddie warf ihr einen finsteren Blick zu. „Orange, mit diesen Haaren? Damit würde ich wie ein Fuchs aussehen – wie einer von denen, die die Leute schießen und dann daheim über den Kamin hängen.“ „Iiih.“ Kelli zog die Nase kraus. „Na gut, aber was ist mit den Ohrringen?“ „Du weißt doch, was ich von langen Hängeohrringen halte.“ „Sag nicht, ich hätte es nicht versucht.“ Ihre Mitbewohnerin schüttelte den Kopf. „Wie wäre es mit der dunkelgrünen Bluse, die du dir letzten Monat gekauft hast?“ 23


„Das ist keine Verabredung.“ „Natürlich nicht. Aber du willst doch in der Öffentlichkeit trotzdem nicht so gesehen werden, oder?“ „Na gut, wenn es dich glücklich macht.“ Maddie nahm die grüne Bluse aus dem Schrank und fuhr mit der flachen Hand mehrmals kräftig darüber, um sie zu entknittern. Dann zog sie ihr altes T-Shirt aus, legte es zusammen und zurück in den Schrank. Einen Moment lang starrte sie es nachdenklich an. War es wirklich so schlimm? Klar, es war am Hals etwas dünn geworden und ein wenig ausgeblichen. Aber war ausgeblichen nicht gerade in Mode? Sie wusste es nicht genau. Wer konnte schon den Überblick über diese ständig wechselnden Modeerscheinungen behalten? Sie seufzte, schlug die Kleiderschranktüren zu und schlüpfte in die grüne Bluse. „Das ist eindeutig besser. Was hältst du davon, wenn ich dir jetzt die Haare mache?“ „Neiiiiin!“ Kelli hob kapitulierend ihre Arme in die Höhe. „Okay, okay. Ich vermute, ich sollte besser nicht versuchen, dich zum Auftragen eines Parfums zu überreden.“ „Wag es ja nicht!“ Die Türklingel ertönte und schob allen weiteren Vorschlägen, die Kelli im Sinn gehabt haben mochte, einen Riegel vor. Sie sprang vom Bett und eilte zur Tür. „Ich geh schon. Mach du dich in Ruhe fertig.“ Im Türrahmen blieb sie kurz stehen, wandte sich zu Maddie um und schnitt eine Grimasse. „Ich sage Paul, dass du in drei Sekunden rauskommst.“ Maddie schnappte sich ein Kissen und feuerte es in Richtung Tür. Kelli konnte ihm gerade noch ausweichen. Ihr Gelächter erfüllte die Wohnung. „Das Angebot mit den Ohrringen steht immer noch.“ „Vergiss es!“ Es klingelte erneut. Maddie strich mit der Hand über ihre Bluse und warf einen nachdenklichen Blick auf die Parfumflasche, die auf ihrem Nachttisch stand. Vielleicht. Nur ein Spritzer. Nur so zum Spaß. Sie griff nach dem Flakon und sprühte einen Hauch von Parfum auf das Innere ihres Handgelenks und in ihren Nacken. Schließlich würde es sowieso niemand bemerken. 24


Sie hastete gerade noch rechtzeitig aus ihrem Zimmer, um zu sehen, wie Kelli aus der geöffneten Tür trat, damit Paul hereinkommen konnte. Er trug eine Jeans und ein enges, glänzendes Diskohemd. Als er die Türschwelle überquerte, hob Kelli die Hand. „Warte kurz. Ich muss eine Sache überprüfen.“ Kurzerhand stellte sie sich auf die Zehenspitzen und schnüffelte an Pauls Kragen. Sie schnalzte mit der Zunge. „Du hast recht, Mad. Nichts. Ihr zwei seid wirklich ein hoffnungsloser Fall.“ Resigniert warf sie die Arme in die Luft und verabschiedete sich in Richtung Küche. Einige Sekunden hörte man ihr leises Gemurmel, dann das Zuschlagen einer Tür. Paul sah fragend zu Maddie hinüber. „Worum ging es denn da gerade?“ „Frag nicht.“ Er streckte die Hand aus und verwuschelte ihr Haar. „Hey, du riechst gut.“ Ihre Augen weiteten sich. „Oh, danke.“ „Habe ich etwas Falsches gesagt?“ Maddie rieb mit dem Daumen über ihr Handgelenk. „Nein. Es ist nichts. Kelli ist einfach nur ... nun, Kelli eben, das ist alles.“ Paul schob das Kinn vor. „Dann bekommt sie heute auch keine Pizzareste. Wir bringen ihr erst wieder etwas mit, wenn sie gelernt hat, sich zu benehmen.“ Er deutete in Richtung Tür. „Sollen wir dann?“

HH Eine Stunde später betraten Maddie und Paul mit gut gefüllten Bäuchen den Kinosaal. Sofort hüllte sie der vertraute Geruch von Popcorn und verschütteten Erfrischungsgetränken ein. Maddie blinzelte in den dämmrigen Saal. „Die Lichter sind heute aber extrem gedimmt.“ Paul zuckte mit den Schultern. „Loge oder Parkett?“ „Entscheide du.“ Paul drehte sich um und ging los. „Loge.“ Maddie folgte ihm. Ihre Zehen blieben an der Kante der ersten Stufe hängen. Sie taumelte vorwärts. Hastig ergriff Paul ihren Ellbogen. „Hey, pass auf. Du bist heute schlimmer als eine alte Oma.“ „Tut mir leid.“ Paul führte sie zu zwei Plätzen in der ersten Logenreihe. Als sie saßen, 25


zog er eine Tüte Datteln aus seiner Tasche. „Deine Lieblingsknabberei.“ „Wo hast du die denn her?“ „Ich habe sie von zu Hause mitgebracht. Aber pst! Sag es nicht weiter.“ Er hob einen Finger an seine Lippen und lächelte. Der Saal wurde dunkel. Maddie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Leinwand. Das Bild war verschwommen. Sie rieb sich die Augen, doch das half nicht. „Können die das Bild nicht scharf stellen?“ Pauls Sitz knarrte. „Es ist doch scharf. Lehn dich zurück, entspann dich.“ Er berührte ihren Arm. „Der Film fängt gleich an.“ „Ich muss etwas im Auge haben.“ „Hier.“ Paul reichte ihr ein Taschentuch. Seine Hand streifte die ihre. „Ruhe da vorne.“ Das Zischen kam aus der Reihe hinter ihnen. Maddie kniff die Augen zusammen, als die typische James-BondAnfangsszene mit dem Blick durch den Pistolenlauf auf der Leinwand erschien. Der Lauf der Waffe irrte über die Leinwand, bis er den unbesiegbaren Bond im Visier hatte. Er folgte dem Agenten, der mit langen, selbstbewussten Schritten weiterging. Dann, ganz unvermittelt, drehte Bond sich um und schoss in Richtung Kamera. Die Musik wurde lauter. Rote Farbe rann wie Blut über die Leinwand. Aber irgendetwas war nicht in Ordnung. Ein kleiner schwarzer Kreis beeinträchtigte den Blick auf die Mitte der Leinwand. Maddie sah nach links. Der Kreis folgte ihr. Sie sah nach rechts. Der Kreis bewegte sich erneut. Ihr Mund wurde trocken. Ihre Hände zitterten. Sie sah auf sie hinunter, auf das schwarze Loch, das sich zwischen ihnen gebildet hatte. Ihre Welt verengte sich schlagartig. Auf der Leinwand begannen Frauensilhouetten ihren verführerischen Tanz. Die Musik schwoll an. Live and let die ... bum ... bum. Aber Maddie nahm sie kaum wahr. Stattdessen richtete sie ihre volle Aufmerksamkeit auf diesen schwarzen, leeren Fleck im Zentrum ihres Gesichtsfeldes. Sie streckte die Hand aus und umklammerte Pauls Arm. Ihre Finger gruben sich in sein Fleisch. Sie schaute zu ihm auf. „Ich kann die Mitte der Leinwand nicht sehen. Sie ist verschwunden.“ „Komm schon, Maddie, das hier ist kein Squashspiel. Hör auf, solche Scherze zu machen.“ „Ich scherze nicht.“ Ein Schauer rann ihr über den Rücken. Panik, gehüllt in Schwärze. Das ist kein Scherz ... 26


Kapitel 3

D

as Piepen des EKG-Geräts beschleunigte sich und wurde unregelmäßig. Paul stand auf, streckte die Hand aus. Maddies Kopf zuckte auf dem Kissen unruhig hin und her. Ihre Augen blieben geschlossen. „Schhh, Maddie. Es ist alles in Ordnung.“ Er sehnte sich danach, sie in seine Arme zu schließen, sie fest an sich zu drücken, ihr beruhigende Worte ins Ohr zu flüstern, bis sie ihre Augen aufschlug und wusste, dass er bei ihr war. Aber die Infusion, die Schläuche, die Seitenteile des Bettes, die sie vor dem Herausfallen schützen sollten, und ihre stockende Atmung trennten sie voneinander. Alles, was ihm blieb, waren seine Worte, seine Erinnerungen und eine Liebe, die so stark war, dass sie sie einfach hören musste, selbst jetzt, in ihrem momentanen Zustand. „Nichts kann dir mehr wehtun, Maddie. Die Angst hat ein Ende. Selbst die Dunkelheit kann nicht für immer bestehen. Kämpf, Maddie. Gib nicht auf. Bitte ...“ Ihr Kopf hielt inne. Ihre Augenlider flatterten. Von der Decke schien Licht auf sie hinunter. Krankenhauslicht – kalt und steril. Es ähnelte nicht im Geringsten dem warmen, willkommen heißenden Licht eines Zuhauses. Ihr Herzschlag beschleunigte sich wieder, wurde schnell, unregelmäßig. Und der Moment war verloren. Schritte näherten sich, schnell und effizient. Und das bekannte Quietschen der weißen Schuhe. Paul drehte sich um. Der Vorhang flog beiseite. Die Aufhängung klapperte und rasselte, als die weiß gekleidete Krankenschwester wieder an Maddies Seite hastete. Paul lehnte sich vor. „Sie hat gerade angefangen zu zucken.“ Die Krankenschwester warf einen Blick auf die Aufzeichnungen des EKG-Geräts und verzog das Gesicht. „Es wird alles gut werden. Das wird nicht passieren. Nicht unter meiner Aufsicht.“ Paul wartete bewegungslos, still, und lauschte dem unregelmäßigen 27


Geräusch von Maddies Atmung und dem beständigen Schnalzen der Zunge der Krankenschwester. Die Hand der Frau legte sich auf Maddies Handgelenk. Zwei Finger pressten sich in die empfindliche Haut. Sekunden dehnten sich zu Minuten. Und während dieser ganzen Zeit ging das brutale, furchtbare Piepen weiter, zu schnell, zu abgehackt, und die leuchtende Linie schlug in spitzen Zacken aus. Die Krankenschwester steckte eine Nadel in den dafür vorgesehenen Zugang des Infusionsschlauchs. „Das hier wird helfen. Es wird alles gut werden.“ Das haben Sie schon gesagt. Aber es ist nicht gut, oder? Nicht einmal annähernd. Paul schluckte die Worte hinunter und blieb still. Es hatte keinen Sinn, sie auszusprechen. Überhaupt keinen Sinn. Die Schwester drückte auf den Spritzenkolben, woraufhin eine klare Flüssigkeit in den Schlauch und auf die Vene in Maddies Arm zulief. „Bitte sehr, meine Liebe.“ Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern. „Halten Sie durch.“ Paul erschauderte. Die Krankenschwester drückte sanft Maddies Hand. Dann schniefte sie und drehte sich zur Tür um. „Mehr kann ich nicht tun.“ In zwei kurzen Schritten hatte sie den Vorhang erreicht, doch sie zog ihn nicht wieder vor. Stattdessen hielt sie inne und schaute zurück. Ihr Blick ruhte auf Maddies Gesicht. „Das Leben ist nicht fair, Liebes, nicht wahr?“ Sie seufzte. „Als wüsste ich das nicht selbst nur zu gut.“ Das Piepen des EKGs wurde langsamer. Und für den Bruchteil einer Sekunde hatte Paul den Eindruck, dass die Krankenschwester gleich in Tränen ausbrechen würde. Aber das tat sie nicht. Stattdessen schüttelte sie den Kopf und zog den Vorhang wieder an Ort und Stelle. Ihre Schritte entfernten sich in Richtung Tür. Er lauschte ihrem Klang, bis er mit dem Stimmengemurmel außerhalb des Zimmers verschmolz. Eine gedämpfte Frage von der Schwesternstation. Eine kurze Antwort. Das Rattern eines Rollwagens. Ein lautes Husten. Dann verklangen die Geräusche und es machte sich wieder Stille breit, die nur von dem langsamen und beständigen Piepen des EKGs durchbrochen wurde. Paul lehnte sich vor und betrachtete Maddies Gesicht. Sein Blick 28


folgte den winzigen Linien in ihren Augenwinkeln, glitt über ihre blassen Wangen, ihren Mund. Beinah konnte er diese Lippen wieder lebendig sehen, pink und voll und leicht geöffnet – so leicht – wartend ... Ihre Haare umwehten ihr Gesicht, tanzten im Wind. Eine Strähne blieb an ihrem Mundwinkel kleben. Er streckte die Hand aus und strich sie ihr mit einem tiefen Blick in die Augen aus dem Gesicht. Und einen Moment lang, nur für einen kurzen Atemzug, glaubte er, dass sie ihn sah. Aber das war später gewesen, viel später. Erst war die Dunkelheit gekommen. Und die Angst. Und die Sehnsucht. Genau wie jetzt. Maddie stöhnte im Schlaf. Ihre Augenlider flatterten, öffneten sich aber nicht. Sie entglitt ihm wieder. Trieb davon in eine Schwärze, in der er sie nicht erreichen konnte. Eine Schwärze, hervorgerufen von ihrer Angst. „Hab keine Angst.“ Hörte sie ihn? Glaubte sie ihm? Immerhin hatte er schon einmal recht gehabt. Er erinnerte sich noch gut an diesen Tag. Er war vor ihrem Apartment auf- und abgelaufen, während die Abenddämmerung lange Schatten auf den Betonboden des Außenaufgangs zur zweiten Etage geworfen hatte. Er hatte immer wieder gegen die Tür gehämmert, dagegen geschlagen, bis seine Faust schmerzte. Sie hatte nicht reagiert. An diesem Morgen hatte sie ihren Arzttermin gehabt. Nach über zwei Monaten voller Ausflüchte, Verleugnung und Verweigerung hatte sie sich endlich dazu bereiterklärt, einen Arzt aufzusuchen. Aber das bedeutete keinesfalls, dass sie es gerne tat. Sie hatte ihn hinterher anrufen sollen. Dass sie es nicht getan hatte, konnte kein gutes Zeichen sein. Er schlug mit der geöffneten Handfläche erneut gegen die Tür. „Maddie, bist du da drin?“ Ein dumpfer Aufprall ertönte von der anderen Seite der Tür. „Maddie? Ich bin es.“ Stille. Wieder lief er auf und ab, dann hielt er irgendwann inne und schlug zum wiederholten Mal gegen das Holz. Licht fiel unter der Tür durch. Er trat zurück. Die Tür öffnete sich. Vor ihm stand Kelli, ein pinkfarbenes Hand29


tuch um ihre Haare gewickelt, wodurch ihr Kopf aussah wie ein riesiger Berg Zuckerwatte. Sie zog einen Lutscher aus ihrem Mund und zeigte damit auf Paul. „Schalt mal einen Gang runter, Mann. Drehst du jetzt völlig durch?“ „Ja, ich drehe durch. Ich drehe durch, weil ich Maddie heute fünf Mal angerufen habe, und niemand ans Telefon gegangen ist. Langsam aber sicher drehe ich echt durch.“ „Das ist ja auch wirklich der Hammer, Mann.“ Paul erspähte Maddies Handtasche auf einem der Küchenstühle. „Wo ist sie? Was ist beim Arzt passiert?“ Von einer Sekunde auf die andere zerbröckelte Kellis Schnippigkeit. „Oh.“ Sie atmete tief ein. „Das hatte ich ganz vergessen. Sie war nicht zu Hause, als ich zurückkam. Und ich habe nicht daran gedacht ...“ Paul schnappte sich Maddies Handtasche und durchwühlte sie. Als er die Hand wieder herauszog, hielt er einen Schlüsselbund umfasst, den er vor Kellis Gesicht baumeln ließ. „Sie kann nicht weit weg sein.“ Er hastete zur Tür. „Ihre Rollerskates sind nicht da.“ Er hielt inne. „Mem Chu.“ Die Kirche auf dem Campus der Stanford Universität war ihr Lieblingsort, an den sie sich oft zurückzog, wenn sie schlechte Nachrichten erhalten hatte. Als sie letztes Jahr in einem ihrer Chemiekurse durch die Abschlussprüfung gefallen war, hatte er sie dort gefunden. Und als sie erfahren hatte, dass ihre Großmutter an Krebs erkrankt war, war er in der ersten Reihe fündig geworden. Auch als sie am Ende ihres ersten Jahres an der Universität gedacht hatte, sie müsse Stanford verlassen, hatte sie sich dorthin geflüchtet. Sie hatte im Chorgestühl gesessen, die Hände zusammengepresst, und mit weit aufgerissenen Augen auf das Glasfenster gestarrt, das Jesus zeigte, wie er in den Himmel aufstieg. „Bestimmt ist sie dort.“ Zehn Minuten später hatte er sie gefunden. Sie saß zusammengekauert im Seitenschiff, den Kopf in den Armen vergraben, die Rollerskates neben sich. Er schlüpfte neben sie und wartete. Die Septembersonne warf ihre Strahlen durch das Kirchenfenster im Altarraum. Es zeigte Jesus, der ein Lamm hielt, den Garten Gethsemane und eine Frau, die zu Jesu Füßen saß. Paul legte den Kopf zurück und starrte hinauf in die Kuppel. Was nun, Gott? „Ich wusste, dass du kommen würdest.“ Maddie sah nicht auf. 30


Er rutschte näher. „Woher wusstest du, dass ich es bin?“ „Ich wusste es einfach.“ „Schlechte Neuigkeiten vom Arzt?“ Endlich hob Maddie den Kopf. „Nein.“ Paul runzelte die Stirn. „Aber warum ... warum dann das hier?“ Er deutete auf den Altarraum. Auf dem Steinfußboden hinter ihnen wurden Schritte laut. „Er konnte mir lediglich sagen, dass ich ein Loch in der Mitte meines Gesichtsfeldes habe. Soviel wusste ich schon.“ „Und?“ „Er will, dass ich einen Spezialisten aufsuche.“ Paul legte seinen Arm um ihre Schultern. „Vielleicht ist es ja etwas ganz Einfaches. Eine Infektion oder so etwas in der Art. Ein paar Augentropfen und bum, schon siehst du wieder wie ein Adler.“ „Ich glaube, meine Tage als Adlerauge sind vorüber.“ Er drückte ihre Schulter und grinste. „Keine Sorge, ich werde dich nie wieder dazu zwingen, dir einen Bond-Film anzusehen. Versprochen!“ Maddie schniefte. „Ich mag Bond.“ „Ja klar. Genauso wie Rüschen und Schleifen und hängende Ohrringe.“ Sie lächelte und lehnte sich gegen seine Schulter. „Danke, dass du gekommen bist.“ „Als ich dich hier entdeckt habe, dachte ich, der Arzt hätte dir etwas Furchtbares gesagt.“ Maddie setzte sich auf und drehte sich zu ihm um. Das Lächeln wich aus ihrem Gesicht. „Er hat gar nichts gesagt.“ Sie zögerte. „Aber das brauchte er auch nicht. Ich weiß, was mit mir los ist.“ Ein Schauer rann Paul über den Rücken. „Woher willst du das wissen?“ Als sie den Kopf wegdrehte, streckte er die Hand aus, umfasste ihr Kinn und drehte es wieder zu sich hin. „Maddie?“ Sie blinzelte. „Es ist schon einmal passiert. Nur nicht mir.“ Mühsam schluckte er den Knoten hinunter, der sich urplötzlich in seiner Kehle gebildet hatte. „Wie meinst du das?“ Ihr Mund öffnete sich. Eine Hand fiel auf Pauls Schulter und er wandte sich um. 31


Ein Mann mit einem breiten schwarzen Schnurrbart stand hinter ihm. „Es tut mir leid, Leute, aber hier findet gleich eine Hochzeit statt. Ich muss euch leider rausschmeißen.“ Maddie griff nach ihren Rollerskates und hastete in den Mittelgang. Paul folgte ihr. Sie hatte den Weg zum Ausgang schon halb hinter sich gebracht, als er sie endlich einholte. Hastig schnappte er sich ihren Arm. „Warte, Maddie. Was passiert? Und wem ist es schon passiert?“ Sie riss sich von ihm los. „Das willst du nicht wissen.“ „Doch, das will ich.“ Sie blieb stehen und wandte sich um. „Mein Bruder ist erblindet. Es hat genauso angefangen. Schwierigkeiten beim Sehen, ein Loch in seinem Gesichtsfeld und binnen Kurzem die Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit.“ Ihre Stimme brach ab. Blind? Das Wort durchfuhr ihn wie ein Messer und machte ihn sprachlos. Blind. Nein. Nicht Maddie! Das war ... es war ... unvorstellbar. Wie? Was? Wann? ... Warum? Tausende Fragen wirbelten ihm durch den Kopf und verknoteten sich schließlich in seinem Magen zu einem harten, dicken Klumpen. Mit einem Mal fühlte er sich krank. Maddie sah ihn einen Moment lang an, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich habe dir doch gesagt, du willst es nicht wissen.“ „Ich wusste gar nicht, dass du einen Bruder hast.“ Blöde Bemerkung. Blöd. Aber sie kam ihm trotzdem über die Lippen. „Hab ich auch nicht.“ Sie drehte sich um und rannte den Gang hinunter.

HH Sie war fort. Geflohen. Verschwunden ohne einen Blick zurück oder eine Berührung oder irgendeine Erklärung. Einfach fort. Ihre Worte dröhnten ihm immer noch in den Ohren. Blind. Paul glitt in die Reihe neben sich und legte den Kopf in die Hände. Wie eng seine Kehle geworden war. Wie sehr seine Hände glühten. Blind. Was konnte man zu einer Neuigkeit wie dieser sagen? Und woher wusste sie, dass es wahr war? War es das tatsächlich? Oder sprach aus 32


ihr nur die Angst? Er hob den Kopf. Sonnenlicht funkelte durch das Glasfenster über ihm. Jesus. Freundlich. Zuversichtlich. Mit sich im Reinen. Aufsteigend in den Himmel. Blind. Nein. Aus Maddie hatte nicht nur die Angst gesprochen. Er kannte sie jetzt seit drei Jahren, und in dieser ganzen Zeit hatte sie niemals Angst gezeigt. Besorgnis, ja. Manchmal auch Bestürzung. Aber niemals Angst. Nicht so wie jetzt. Er schloss die Augen. Maddie wird blind. Er drehte und wendete die Worte in seinem Kopf hin und her. Furchtbare Worte. Bitter und brutal. Was würde das für sie bedeuten? Für ihn? Für sie beide? Keine Squashspiele mehr. Keine Kinobesuche. Überhaupt nichts mehr, was sie gerne gemeinsam unternahmen. Konnte er ein blindes Mädchen lieben? Sie wirklich lieben, nicht nur heute, sondern auch morgen und übermorgen und den Tag danach? Gott, was tust du mir an? Was tust du ihr an? Wie konnte das passieren? Und warum ausgerechnet jetzt, gerade wo ich dachte ... ich dachte ... Paul fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er die Bilder wegwischen, die vor seinem inneren Auge abliefen. Eine Frau, die nicht sehen konnte. Eine Frau, die an seinem Arm hing, sich immer an ihm festklammerte, immer bedürftig war. Ein lebenslanges Führen, Helfen, ein Leben in Dunkelheit. Gab es keine Hoffnung auf etwas anderes? Keine Hoffnung auf das Glück, das er sich gerade erst begonnen hatte auszumalen? Blind. Er atmete tief ein. Er konnte das nicht noch einmal durchstehen. Das konnte Gott unmöglich von ihm verlangen. Es ist nicht dasselbe wie bei Samantha. Es ist überhaupt nicht dasselbe ... Hinter ihm ertönte ein Hüsteln. Paul drehte sich um und sah eine junge Frau den Gang hinunterlaufen. Im Arm hielt sie weiße Rosen und unzählige Schleifen. Sie sah zu ihm hinüber und lächelte. Er nickte und drehte sich weg. Maddie verabscheute Schleifen. Zu mädchenhaft, sagte sie immer. Er schniefte. Wenn sie erblindet, sind Schleifen nicht mehr wichtig. Sie kann sie dann nicht mehr sehen. Seine Stirn legte sich in Falten. Oder waren sie vielleicht trotzdem noch wichtig? Egal, ob sie sie sehen konnte oder nicht, Maddie würde Schleifen 33


immer verabscheuen. Die Blindheit würde ihr das nicht nehmen. Und sie würde auch sie nicht nehmen. Nicht wie bei Samantha. Maddie würde trotzdem noch am Leben sein. Paul schob die Schultern zurück und starrte zu dem Glasfenster hinauf. Sie ist dann immer noch Maddie. Meine Maddie. Dieselbe, die ihm bei ihrer ersten Begegnung den Zeigefinger in die Brust gerammt und ihn ein Schwein genannt hatte. Dieselbe, die ihm prophezeit hatte, dass sie ihn bei einem Squashspiel ungespitzt in den Boden rammen würde und das dann auch getan hatte. Dieselbe, die in der Nacht vor seiner letzten Biologieprüfung mit ihm wach geblieben und mit ihm gelernt hatte, die vor jedem Bewerbungsgespräch mit ihm gebetet hatte, die immer gewusst hatte, dass er es mit der Wahrheit nicht so ganz genau nahm, wenn er besorgt oder müde war. Dieselbe Maddie, die ihm in den letzten drei Jahren die beste Freundin gewesen war, die sich ein Mann wünschen konnte. Sehend oder blind – sie wäre immer noch dieselbe ... irgendwie ... Die junge Frau mit den Schleifen hatte die vorderen Reihen mit dickem, seidig glänzenden Satin abgetrennt und eilte jetzt wieder den Gang hinauf, in ihren Händen Unmengen schmaler weißer Schleifen. Sie blieb neben Pauls Sitzbank stehen und deutete mit einem langen, pinkfarbenen Fingernagel auf ihn. „Du trägst das doch nicht bei der Hochzeit, oder?“ Er sah auf seine Jeans und sein Polyesterhemd hinunter. „Oh, ich bin kein –“ „Das ist jetzt egal. Du musst die Enden von denen hier kringeln.“ Sie warf die weißen Schleifen in seine Richtung. Langsam flatterten sie auf die Bank und den Kirchenfußboden. Dann kramte das Mädchen in seiner Handtasche und zog eine glänzende Schere heraus, die sie neben ihn legte. „Das mit dem Umziehen kannst du danach erledigen.“ „Ich bin kein –“ „Beeil dich. Die Trauung beginnt in“ – sie warf einen Blick auf ihre schmale, diamantenbesetzte Uhr – „zwölf Minuten. Und ich muss mich noch um den Rest der Dekoration kümmern.“ Paul nahm die Schere in die eine und ein paar der Schleifen in die andere Hand. Hilflos hielt er sie hoch. „Ich weiß nicht wie ...“ Sie stieß einen Seufzer aus. „Ganz ruhig, Mann. Es ist total einfach.“ Die Unbekannte nahm ihm die Schere und eine der Schleifen aus der 34


Hand. „Du musst das so machen.“ Sie zog eine der Klingen über das eine Schleifenende, das sich daraufhin kringelte. „Das bekommst du doch hin, oder?“ Paul zuckte mit den Schultern. „Klar.“ Er nahm die Schere wieder entgegen und kräuselte das zweite Ende. Das Mädchen lächelte. „Danke. Ich schulde dir was.“ Sie hastete in den vorderen Bereich der Kirche und verteilte die Rosen auf den Stufen, die zum Altarraum führten. Paul nahm eine weitere Schleife in die Hand. Ziehen, Kräuseln, Beiseitelegen. Er schloss seine Augen und versuchte es erneut. „Autsch!“ Er hatte sich die Schere in den Daumen gerammt. Seine Augen flogen auf. „Ist bei dir da hinten alles in Ordnung?“ „Alles prima.“ Er schnitt eine Grimasse und betrachtete den winzigen Blutstropfen auf seinem Daumen. Blind. Das würde nicht einfach. Nicht für sie. Und auch nicht für ihn. Er kräuselte eine weitere Schleife. Eine Hochzeit. Seine Kehle verengte sich. In Kürze würde dort vorne am Altar ein Mann stehen und eine Frau würde den Gang hinunter auf ihn zuschreiten. Sie würden sich anblicken und lächeln. Und sie würden einander geloben, ihr künftiges Leben gemeinsam zu verbringen. Zwei Menschen, die in ein ganz normales Leben starteten. Zwei Menschen, über denen keine Gewitterwolke wie eine drohende Erblindung schwebte. Zwei Menschen, die sehen konnten, die lieben konnten. „Maddie.“ Ihr Name entwich ihm wie ein leises Stöhnen. Das hätten sie sein können – eines Tages. Das hätten sie sein sollen. Maddie. Vielleicht war es immer noch möglich. Er musste das nur in Ordnung bringen. Irgendwie. Er musste irgendetwas tun, damit sie nicht blind wurde. Sie hatte so sicher geklungen, so ohne Hoffnung. Aber vielleicht lag sie falsch. Vielleicht konnte es gestoppt werden. Falls Gott das nicht in Ordnung bringen würde, könnte er es vielleicht tun. Oder vielleicht könnte er sie zumindest davon überzeugen, dass nicht alles zu Ende sein musste. Jedenfalls jetzt noch nicht. Keinesfalls schon jetzt. Wenn er ihr nur gegenübertreten und sie davon überzeugen könnte. Seine Zweifel begraben. Aber das Problem war, dass er niemals etwas 35


vor ihr hatte verbergen können. Sie würde merken, wie unsicher er war. Sie würde es sehen, trotz des Loches in ihrem Gesichtsfeld. Es sehen und ihn dafür verachten. Und das zu Recht. Er zog so brutal an der Schleife in seiner Hand, dass diese riss. Die Schere flog ihm aus den Fingern und fiel klirrend neben ihm zu Boden. Das Mädchen im Altarraum blickte auf. Paul stopfte den gerissenen Stoffstreifen in seine Hosentasche, hob die Schere auf und kringelte sechs weitere Schleifenenden. Nein. Er könnte das. Alles in Ordnung bringen. Zumindest für den Moment. Und irgendwann, zwischen jetzt und Maddies Studienabschluss im Juni, würde ihm etwas einfallen, wie es weitergehen konnte. Er würde wissen, wie er mit dieser Sache umgehen sollte. Und falls er ihr seine Liebe nicht gestehen könnte, könnte er ihr zumindest ein Freund sein. Ein wirklicher Freund. Das war das Mindeste, was sie verdiente. Er senkte den Blick und kräuselte weiter die Schleifenenden. Ein paar Monate. Und in der Zwischenzeit würde er alles über ihre Erkrankung in Erfahrung bringen – was auch immer es für eine war. Er würde lernen ihr dabei zu helfen, mit dem Verlust ihres Sehvermögens zurechtzukommen, falls es dafür tatsächlich keine Heilung gab. Er würde in ihrer Nähe bleiben und so herausfinden, was Wirklichkeit und was einfach nur Angst war. „Hey, danke, Mann.“ Paul sprang vor Schreck beinah in die Höhe, als das Mädchen plötzlich neben ihm stand. Sie streckte die Hand aus und er gab ihr die gekräuselten Schleifen. Sie war blond und schlank. Merkwürdig, dass ihm das nicht schon vorhin aufgefallen war. Und jetzt, wo er es bemerkt hatte, war es ihm egal. Sie ließ die Schere wieder in ihre Handtasche gleiten und strich sich mit einer schwungvollen Handbewegung das Haar hinter die Schulter. Diese Geste erinnerte ihn an die Blondine aus der Finanzabteilung seines Unternehmens. Die Blondine, mit der er heute Abend eigentlich eine Verabredung hatte. Er stand auf und warf einen Blick auf seine Uhr. „Ich muss gehen.“ Das Mädchen warf ihm einen einladenden Blick zu. „Wir sehen uns später.“ Paul beachtete sie nicht weiter, sondern schlüpfte auf der anderen Seite aus der Bank und eilte aus der Kirche. Vor der Tür blieb er ei36


nen Moment lang stehen und blickte in die Richtung, in der Maddies Apartment lag. Er könnte in zehn Minuten dort sein. Er könnte mit ihr reden. Ihr sagen, dass alles gut würde. Aber das würde es nicht. Nicht, solange er keinen Plan hatte. So würde er einfach nur dastehen, ohne zu wissen, was er sagen sollte, ohne zu wissen, wie er helfen konnte. Er könnte sich aber auch einfach für die Verabredung mit der Blondine von der Arbeit fertig machen. Er könnte Essen gehen, sich amüsieren und vergessen, was Maddie ihm gesagt hatte. Vergessen, dass die Frau, die er liebte, möglicherweise ihr Augenlicht verlor.

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