Prolog Edens Hände zitterten, als sie den Kartondeckel anhob. Zehn Jahre hatte sie verstreichen lassen, weil sie die Bedingungen nicht zu erfüllen glaubte, die auf dem daraufgeklebten Zettel standen: Erst öffnen, wenn du weißt, wer du bist, ohne den Inhalt zu kennen. Jedes Jahr hatte Eden sich anlässlich ihres Geburtstages gefragt, ob jetzt wohl endlich der richtige Zeitpunkt gekommen sei ... und jedes Mal war sie im letzten Moment wieder unsicher geworden. In diesem Jahr aber, dem Jahr ihres 21. Geburtstages, hätte sie die Kiste beinahe vergessen. Schließlich überschlugen sich die Ereignisse geradezu: Mit dem Collegeabschluss, ihrer Bewerbung bei der Polizeiakademie und den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest war sie vollkommen ausgelastet. Es war ihre Mutter gewesen, die sie an die Kiste erinnert und sie dabei mit einem seltsam herausfordernden Lächeln angesehen hatte. Da hatte Eden gewusst: Diesmal war es an der Zeit! Sie legte den Deckel beiseite und schlug vorsichtig das Seidenpapier zurück, das obenauf lag. Als sie sah, was sich in der Kiste befand, konnte sie sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Wie wenig der Inhalt ihren Erwartungen entsprach! Vor ihr lag ein dicker, großformatiger Zeichenblock mit Spiralbindung. Unzählige Schnipsel und andere aufgeklebte Dinge lugten zwischen den sich wellenden Seiten hervor. Es war ein Zeichenblock voller Leben. Ein Zeichenblock, der nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr mit den unberührten und neutralen Blöcken gemein hatte, wie sie im Laden verkauft wurden. Auf dem Deckblatt befand sich eine Collage. Sie zeigte eine Landstraße, die sich in einem Waldstück verlor. Babybilder. Einen Eisberg. Eden legte den Daumen an die Kante des Blocks und ließ die Seiten an ihm vorbeigleiten. Sie sah Zeichnungen, Aquarellminiaturen, handschriftliche Notizen und aus Illustrierten ausgeschnittene Bilder, dazu zahlreiche maschinengeschriebene Seiten. Doch was hatte das alles zu bedeuten? Der Sinn und Zweck des Ganzen wollte sich Eden nicht erschließen, bis sie den Briefumschlag entdeckte, der zwischen dem Deckblatt und der ersten Seite steckte. Ihr Name stand darauf! Edens Herz schlug schneller. Sie öffnete den Umschlag und zog vorsichtig einen Bogen feines Briefpapier hervor. Liebste Eden, las sie. 22
heute hast Du Geburtstag. Ich weiß nicht, ob ich Dich zu diesem Anlass sehen werde oder ob ich überhaupt noch ein Teil Deines Lebens bin, aber Du sollst wissen, dass Du in meinem Herzen wohnst – so, wie Du es immer getan hast. Jeden Tag meines Lebens denke ich an Dich und jeden Tag schließe ich Dich in meine Gebete ein. Ich bitte Gott um ein glückliches und gesegnetes Leben für Dich ... und ich bete, dass ich damals die richtige Entscheidung getroffen habe. Ein Freund von mir hat einmal gesagt, die glücklichsten Menschen seien die, die nicht davonliefen. Seitdem lassen mich seine Worte nicht mehr los. Immer wieder muss ich über sie nachdenken. Den größten Teil meines Lebens bin ich sprunghaft und unzuverlässig gewesen – auch wenn das auf keinen Fall meine Absicht war. Ich bin im Laufe der Zeit einfach so geworden, bin vor allem und jedem davongelaufen. Wenn sich etwas nicht so entwickelte, wie ich es mir vorgestellt hatte, erschien es mir immer gleich verdorben und verlor seine Bedeutung für mich. Ich war genau die Art Mensch, die mein Freund als unglücklich und unzufrieden bezeichnete – war wie der Flaum einer Pusteblume, der sich bei der leichtesten Brise auf- und davonmacht. Oft war mir mein unstetes Verhalten gar nicht bewusst. Ich gab Jobs auf, ließ Menschen zurück und vergaß, was ich versprochen hatte. Vom nächstbesten Windstoß ließ ich mich forttragen – irgendwohin. Aber ich bin schon wieder zu schnell und greife vor – sicher eine weitere meiner Schwächen. Bis Du am Ende angelangt bist, wirst Du noch mehrere von ihnen kennenlernen, denn ich will Dir offen und ehrlich alles von mir erzählen. Was Du in den Händen hältst, ist nicht die Hochglanzversion meines Lebens. „Schreib alles in ein Buch – das, was bereits lange zurückliegt und die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, die Dinge, auf die du stolz bist und die, die dir peinlich sind. Das wird dein ganz besonderes Geschenk für sie sein.“ So hat es mir ein Freund geraten und ich bin seinem Rat gefolgt. Ich habe alles ganz und gar ungeschönt aufgeschrieben – so, wie es mir im Gedächtnis geblieben ist und wie andere es mir berichtet haben. Ich denke, diese Ehrlichkeit ist eine meiner guten Eigenschaften, aber entscheide selbst. Ich werde Dir alles berichten, was geschah, und dann liegt es bei Dir, darüber zu befinden, ob ich richtig oder falsch gehandelt habe. Du bist die Einzige, der überhaupt ein Urteil darüber zusteht. Mein Herz hofft 23
auf Deine Nachsichtigkeit und Milde, aber egal was kommt, bleibe ich doch für immer Deine Miranda Eden holte tief Luft und musste lächeln. Das Herz wollte ihr fast zerspringen vor Freude. Sie hatte es schon immer geahnt, hatte es so sehr gehofft. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und zum Telefon gerannt oder noch besser direkt ins Auto gestiegen und losgefahren, doch dann besann sie sich und las den Brief noch einmal, diesmal mit Bedacht und mit Tränen in den Augen. Und schließlich, als ihr Inneres zur Ruhe gekommen war und sie sich bereit für das fühlte, was ihr endlich Klarheit über das Warum und Weshalb verschaffen würde, schlug sie die erste Seite um und vertiefte sich in die Geschichte.
Kapitel 1 14. Dezember 1995, Nashville, Tennessee Wanda unterdrückte ein Gähnen. Seit das Krankenhaus die Zehnstundenschicht eingeführt hatte, spürte sie plötzlich ihr Alter. An einem langen Tag kroch es in Form von Müdigkeit langsam von ihren Beinen hinauf bis in den Rücken, um sich dort dauerhaft einzunisten. Heute war ein besonders anstrengender Tag gewesen. Das Schicksal einer Patientin hatte Wanda schwer mitgenommen und auch jetzt ließen sie die Gedanken an ihre Schutzbefohlene nicht los. Erneut wurde sie von einer Woge des Mitgefühls überrollt. Die Kleine war kaum sechzehn, fast selbst noch ein Kind, und viel zu jung, um bereits ein eigenes Baby zu bekommen! Dennoch hatte das Mädchen heute entbunden, aber noch nicht einmal Wanda hatte genügend Zeit gehabt, um einen Blick auf den Säugling zu werfen, so schnell war das Kind der Mutter entrissen worden. Sie sollte es gar nicht erst im Arm halten, geschweige denn betrachten können. Verantwortlich für diese Härte waren Dr. Herbert und die Großmutter des Neugeborenen, die Wanda an die böse Stiefmutter aus zahlreichen Märchen erinnerte. Rein äußerlich war sie eine Frau, die mit ihren roten Haaren und dem herzförmigen Gesicht hübsch anzusehen war, aber ihr 24
Blick jagte Wanda jedes Mal ein Schaudern über den Rücken. „Das Kind wird zur Adoption freigegeben“, sagte Dr. Herbert so ungerührt, als sei eine derartige Entscheidung etwas vollkommen Alttägliches. „Es ist alles schon privat arrangiert.“ Wanda war eigentlich der Meinung gewesen, diese Art von Geheimniskrämerei gäbe es seit den fünfziger Jahren nicht mehr, aber Dr. Herbert wiedersprach man nicht. Nicht, wenn man seine Stelle behalten wollte. Wanda hing an ihrem Arbeitsplatz, also hielt sie den Mund. Stattdessen malte sie sich unwillkürlich aus, wie irgendein reicher Snob, irgendeine reiche Dame der feinen Gesellschaft dieser grässlichen Großmutter das kleine Bündel abkaufte. Wanda schüttelte den Kopf. Wo war die Mutter des Mädchens gewesen, als sich ihre Tochter während der Wehen die Seele aus dem Leib geschrieen hatte? Die Kleine hatte furchtbare Angst gehabt, doch kein Angehöriger hatte mit an ihrem Bett gesessen und ihr zur Unterstützung die Hand gehalten. Wanda war die einzige gewesen, die sich bemüht hatte, ihrer Patientin in dieser beängstigenden Situation ein wenig Trost zu spenden. Trotzdem war es ein schwerer Kampf für die Mutter gewesen. Dr. Herbert hatte sich schließlich für einen Kaiserschnitt entschieden, wodurch es auch gleichzeitig leichter wurde, der jungen Frau ihr Kind vorzuenthalten. Wenigstens war das Baby selbst vollkommen gesund. Es schrie aus Leibeskräften und bestand alle ersten Untersuchungen ohne Befund, doch sogar das durfte Wanda der Mutter nicht verraten – weder das Geburtsgewicht, noch die Größe, noch das Geschlecht. „Die Familie hat beschlossen, es sei das Beste für das Mädchen, nichts Genaueres zu wissen“, hatte Dr. Herbert gesagt. Die Familie? Damit meinte er wohl Frankensteins Braut. Wanda beobachtete die Großmutter des Neugeborenen heimlich vom Schwesternzimmer aus durch die Glasscheibe des Warteraums. Immer wieder sprang die Frau auf und ging vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Wenn sie wiederkam, lief sie nervös auf und ab oder rückte fahrig den Zeitschriftenstapel zurecht. Wanda seufzte, schüttelte erneut den Kopf und spürte eine tiefe Traurigkeit in ihrem Herzen. Müde sah sie auf die Uhr. Ihre Schicht war zu Ende, aber bevor sie ging, wollte sie doch noch einmal nach ihrer Patientin sehen. 25
Sie machte sich auf die Suche nach dem Zimmer der jungen Frau auf der Entbindungsstation. Wieso nur war sie hier bei den anderen Wöchnerinnen und deren Babys untergebracht worden? In den Augen der Krankenschwester war dieses Verhalten eine weitere unnötige Grausamkeit. Die 510. Wenigstens ein Einzelzimmer, dachte Wanda, die Gott schon für die kleinsten Wohltaten für ihre Schutzbefohlene dankbar war. Leise öffnete sie die Tür. Das Zimmer lag vollständig im Dunkeln. Es brannte kein Licht, und auch die Vorhänge waren zugezogen. Da drang aus dem Nichts ein Schluchzen an Wandas Ohr. Das Mädchen weinte! Wer würde das nicht in ihrer Lage, dachte Wanda und spürte, wie Wut und Zorn von Neuem in ihr aufstiegen. Da lag dieses halbe Kind und versuchte, mit ihm völlig unbekannten Gefühlen fertig zu werden – den Gefühlen einer jungen Frau, die gerade ihr erstes Baby bekommen hatte, ohne dass der Vater des Kindes, die eigene Mutter oder sonst irgendeine vertraute Person als Unterstützung dabei gewesen wäre. Hinzu kamen noch die Schmerzen durch die langen, fruchtlosen Wehen und die anschließende Operation. Die ausgestandene Angst und Qual musste tiefe Wunden in der Seele des Mädchens hinterlassen – ganz zu schweigen von der schmerzlichen Trennung von ihrem Baby. „Hallo“, sagte Wanda leise, schaltete eine kleine Lampe an und trat an das Bett. Sie beugte sich lächelnd über das Mädchen. Die Bewegung versetzte ihrem Rücken einen Stich, aber Wanda bemerkte es kaum. Das Mädchen blinzelte. Als sie Wanda erkannte, füllten sich ihre Augen erneut mit Tränen, dann wandte sie beschämt den Kopf ab. „Lass nur, Kind. Ist schon in Ordnung“, sagte Wanda sanft. Sie nahm die Hand der jungen Mutter und streichelte sie, doch das schien erst recht alle Tränenschleusen zu öffnen. Wanda senkte das Seitengitter, setzte sich auf die Bettkante und breitete ihre Arme aus, worauf sich das Mädchen – soweit es die frische Bauchwunde zuließ – an Wanda schmiegte. Schluchzend lehnte sie an ihrer Schulter und weinte sich aus. Wandas Kittel wurde nass, aber das war ihr egal. Sie streichelte über die schmächtigen Schultern und küsste das dicke, glatte Haar, während sie beruhigend murmelte: „Na, na, wer wird denn ... ist ja schon gut, alles wird gut“, – so, wie sie es immer bei ihrer eigenen Tochter tat. Im Vergleich schienen deren Probleme allerdings verschwindend klein. 26
Nach einer ganzen Weile schien sich das Mädchen zu beruhigen. Wanda reichte ihr eine Schachtel Papiertaschentücher, dann stand sie auf und füllte den Plastikkrug mit Wasser. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Wie konnten sich die Schwestern draußen auf dem Gang nur so wenig um eine derart junge Patientin so kurz nach der Geburt kümmern? Fühlte sich denn niemand für sie verantwortlich? Aber nein, sie durfte auch nicht ungerecht sein. Das Mädchen wurde mit Sicherheit gründlich überwacht. Bestimmt erschien in Kürze eine der Schwestern, um ihren Gesundheitszustand zu überprüfen. Wanda wusste, dass ihre Verärgerung eigentlich nicht dem Pflegepersonal, sondern der Situation an sich galt. „Hier, trink das“, sagte Wanda und hielt ihrer Patientin einen Plastikbecher mit Wasser entgegen, wobei sie den Strohalm so bog, dass sich das Mädchen nicht aufzusetzen brauchte. Sie nahm einen Schluck. Dann noch einen. Schließlich hielt sie inne und sagte mit belegter Stimme: „Ich habe noch nicht einmal mein Baby gesehen! Sie wollen mir sogar verschweigen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.“ Wanda blickte in die fragenden Augen des Mädchens und fühlte sich hin und her gerissen zwischen Krankenhauspolitik und Mitgefühl. Gerade wollte sie zu einer Antwort ansetzen, als sie plötzlich Stimmen hörte. Es war die Mutter ihrer Patientin. Die Krankenschwester verstand nicht alles, was sie sagte, aber nach ihrem Tonfall zu schließen, war die Mutter sehr aufgebracht. Wanda vernahm die Worte „hat mich endlos draußen im Wartezimmer sitzen lassen“ und „wollte etwas zu essen holen und habe den falschen Fahrstuhl genommen“. Dann schlug die Tür auf und die Frau stürmte herein. „Da bist du ja!“, sagte sie. Ihre Anwesenheit erfüllte trotz ihrer zierlichen Statur den ganzen Raum, wobei ihr Tonfall eindeutig etwas Vorwurfsvolles an sich hatte. Ihre Aussage klang fast wie eine Schuldzuweisung. Vielleicht hatte das Mädchen ja wirklich etwas falsch gemacht, aber war dies wirklich der richtige Zeitpunkt, um Schuldgefühle zu wecken oder gar Reue zu verlangen? „Hallo Mama“, sagte das Mädchen leise. In ihrer Stimme lag so viel Kummer und Elend, dass Wanda es kaum ertragen konnte. Die Frau warf auch der Krankenschwester am Bett ihrer Tochter einen vorwurfsvollen Blick zu, obwohl sie nicht wissen konnte, dass diese 27
außerhalb ihrer offiziellen Dienstzeit hier war. Wanda tätschelte ihrer jungen Patientin noch einmal beruhigend die zitternden Hände und ging dann in das Dienstzimmer der anderen Krankenschwestern auf dem Gang. Scheinbar vollkommen gelassen beobachtete sie bei einem kleinen Plausch mit ihrer Kollegin, wie die Mutter das Zimmer bereits wenig später wieder verließ und sich offensichtlich auf den Heimweg machte. „Das ist vielleicht ein Weibsstück! Mit der ist nicht gut Kirschen essen“, sagte die diensthabende Schwester und deutete mit dem Kopf auf die rothaarige Frau, bevor sie einen weiteren Schluck aus ihrer Kaffeetasse nahm. Wanda nickte und wartete, ob ihre Kollegin noch mehr sagen würde. Sie wurde nicht enttäuscht. „Die Adoptiveltern sind bereits auf dem Weg. Sie nehmen das Baby heute schon mit nach Hause.“ Wanda hörte das eilige Klappern der Absätze auf dem Flur. Die Mutter ihrer Patientin eilte zielstrebig zur Fahrstuhltür und drückte mehrere Male ungeduldig auf den Knopf. Endlich kam der Aufzug. Die Frau verschwand in seinem Inneren und die Türen schlossen sich hinter ihr. Nicht einen Blick hatte sie auf ihr neugeborenes Enkelkind werfen wollen. Wanda schüttelte den Kopf und warf ihrer Kollegin einen fragenden Blick zu. Die Stationsschwester zuckte die Achseln, nahm das Klemmbrett mit der Stationskurve und machte sich auf den Weg zum anderen Ende des Flures. Wanda blieb allein zurück. Sie zögerte nur einen Augenblick, dann ging sie auf direktem Weg zum Säuglingszimmer. Sie versuchte, möglichst nicht darüber nachzudenken, was sie gleich zu tun beabsichtigte. Versuchte, nicht daran zu denken, dass durch ihr Verhalten ihr Arbeitsplatz auf dem Spiel stand, sondern einfach nur das zu tun, was sie sich selbst in der gleichen Notlage von anderen gewünscht hätte. Die diensthabende Krankenschwester bei den Neugeborenen war Martha Green, die ebenfalls kurz vor der Rente stand. Vor ewigen Zeiten hatten sie sogar gemeinsam die Schwesternschule besucht. Momentan war ihre Kollegin damit beschäftigt, einen ihrer winzigen Schutzbefohlenen zu baden und zu wiegen. Der frischgebackene Vater stand wissbegierig, aber noch etwas unbeholfen daneben. Martha sah lediglich kurz auf, nickte lächelnd zu Wanda herüber und wandte anschließend ihre Aufmerksamkeit wieder dem Neugeborenen zu. Wandas Blick wanderte über die Reihe der Kinderbettchen, bis sie fand, wonach sie suchte. Du meine Güte. Was für ein süßes, wunderschönes 28
Baby! Rosige Wangen, dunkles Haar und ein winzigkleiner Schmollmund! Aber letztlich waren sie alle so unglaublich kostbar. Der friedlich schlafende Säugling war in eine neutrale, weiße Decke gewickelt und sie erinnerte sich unwillkürlich an die Worte ihrer Kollegin: Die Adoptiveltern sind schon auf dem Weg! Es ging also um Minuten. Sie hob das kleine Bündel aus dem Bettchen, verließ den Raum und eilte mit ihrer federleichten Last über den Gang. Sie ging möglichst rasch und mit erhobenem Haupt, ohne sich auch nur im Geringsten anmerken zu lassen, dass sie gerade gegen die Krankenhausregeln und vielleicht sogar gegen das Gesetz verstieß. Jeder, der sie sah, würde sie nur für eine äußerst fleißige und engagierte Krankenschwester halten. Das Zimmer der jungen Patientin war schnell erreicht. Wanda öffnete die Tür und zog sie gleich wieder hinter sich zu. Das Mädchen blickte auf und starrte sie dann mit offenem Mund an. „Oh!“, sagte sie, bevor ihr erneut die Tränen in die Augen traten. „Oh, danke!“ Wanda half ihr, sich aufzusetzen, legte ihr das Baby in den Arm und ging dann zur Tür, um sie einen Spaltbreit zu öffnen. So weit, so gut. Ihr Blick wanderte immerzu zwischen dem Anblick der zwei Menschen im Bett und dem Flur draußen hin und her. Vorsichtig hielt das Mädchen ihr Kind im Arm und berührte sachte die kleinen Hände. Dann strich sie mit ihren Lippen behutsam über die zarten Babywangen und flüsterte ihrem Kind leise Worte ins Ohr, die Wanda nicht verstand. Wie ungern störte sie diese innige Zweisamkeit, aber ein Blick auf die Uhr mahnte zur Eile. Nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatte, dass niemand draußen auf dem Gang war, trat Wanda an das Bett und legte eine Hand auf den Kopf der jungen Mutter und die andere auf den des Neugeborenen. „Herr Jesus“, betete sie laut, „dein Herz ist voller Liebe und Vergebung. Und du hast gesagt, so wie eine Mutter ihr Kind nicht vergisst, so wirst auch du uns niemals vergessen, denn du hast uns in deine Handflächen gezeichnet. Deshalb bitte ich dich jetzt für diese beiden, dass deine Liebe sie eines Tages irgendwie wieder zusammenführt und du bis dahin über ihnen wachst und sie beschützt. Amen!“ Die junge Mutter weinte und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, das Baby mit dem anderen Arm eng an sich gedrückt. Ein 29
Geräusch auf dem Flur ließ Wanda erschrocken auffahren. Sie ging zur Tür und blickte vorsichtig hinaus. Jemand verließ gerade den Fahrstuhl. Es war Dr. Herbert, begleitet von einem Paar, dem die Aufregung deutlich anzusehen war. Das konnten nur die Adoptiveltern sein. Ach du meine Güte! „Es tut mir leid“, sagte Wanda, „aber ich muss das Baby wieder zurückbringen. Jetzt gleich.“ Das Mädchen wehrte sich nicht, reichte ihr den Säugling aber auch nicht freiwillig herüber. Vorsichtig löste Wanda das Kind aus den Armen seiner Mutter, die daraufhin wieder zu weinen begann. Mit schwerem Herzen, aber ohne zurückzublicken eilte Wanda aus dem Zimmer. Sie nahm die Abkürzung durch die Stationsapotheke und erreichte eben noch das Säuglingszimmer, bevor Dr. Herbert und das Paar um die Ecke bogen. Hastig legte Wanda das Baby in sein Bettchen und ging direkt danach, ganz konfus vor lauter Panik, zum Waschbecken hinüber und begann sich die Hände zu waschen. Sie zitterten wie Espenlaub. Das war knapp. Beinahe im gleichen Moment trat Dr. Herbert mit den freudig erregten Adoptiveltern ins Zimmer. Das Neugeborene stand augenblicklich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, so dass niemand weiter von Wanda Notiz nahm und sie unbemerkt aus dem Zimmer schlüpfen konnte. Im Aufenthaltsraum für die Schwestern ließ sie sich mit einem Seufzer auf einen Stuhl sinken, während sie darauf wartete, dass sich ihr wild pochendes Herz wieder beruhigte. Erst jetzt wurde ihr wirklich bewusst, welche Folgen ihr Handeln hätte haben können. Auf dem Weg zum Ausgang traf Wanda noch einmal auf die frischgebackene Familie, die anscheinend mit Formalitäten aufgehalten wurde. Die Adoptivmutter war eine hübsche blonde Frau, die ebenso wie die leibliche Mutter Tränen in den Augen hatte – nur diesmal vermutlich vor Rührung und Glück. Sie hielt das Baby so fest an sich gedrückt, als fürchte sie, jemand wolle es ihr wegnehmen. Der Vater strahlte vor Freude und hatte seinen Arm schützend um Mutter und Kind gelegt. Was für ein freundlich aussehender Mann er doch war! Er hatte glatte, leicht gebräunte Haut, sanfte Augen und einen weichen dunklen Bart. Er erinnerte sie ein wenig an typische Jesus-Darstellungen und ihr anfänglicher Groll gegenüber dem Paar verflüchtigte sich ein wenig. Vielleicht würde ja doch alles gut werden. Offensichtlich bekam das Baby ein gutes Zuhause. Das 30
war doch bei allem das Wichtigste. Dennoch blutete ihr das Herz, als sie auf ihrem Weg nach draußen an Zimmer 510 vorbeikam. Sie verlangsamte kurz ihre Schritte, ging aber dieses Mal nicht hinein. Sie fühlte sich wie ein Feigling und schämte sich für ihr Verhalten, aber letztlich wusste sie tief in ihrem Inneren, dass sie den Anblick einfach nicht ertragen hätte. Auch wenn sie gerade gesehen hatte, dass des einen Schmerz und Verlust für einen anderen Menschen Segen und Glück bedeuteten, tat gerade diese Erkenntnis viel zu weh. Es war alles so traurig.
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