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Kapitel 1 Die Antworten befanden sich in der braunen Papiertüte. Wenigstens sagten das alle. Dayne Matthews trug die Tüte in sein Haus am Strand von Malibu, legte sie auf die Arbeitsplatte in seiner Küche und holte tief Luft. Kelly war bis zum nächsten Tag fort. Sie war bei ihrem Agenten in Manhattan. Dayne hatte den ganzen Abend Zeit, um seine Fragen zu klären, einen ganzen Abend, um wenigstens eine kleine Ahnung von dem Frieden zu bekommen, der ihm fehlte. Er öffnete die Tüte und zog ein dickes, schweres Buch heraus: Kabbala – Dein eigener Gott werden. Dayne fuhr mit den Fingern über die Schrift. Er war ein paar Mal ins Kabbala-Zentrum in Los Angeles gegangen, und heute war er dort gewesen und hatte dieses Buch gekauft. Die Kabbala-Bibel. Er fing an, die Sache ein wenig zu verstehen, jetzt, da er seine Schuldgefühle abgelegt hatte. Die innere Stimme war endlich verstummt, die ihm vorwarf, er wende sich vom Glauben seiner Eltern ab. Er war bereit, sich eingehender mit der Lehre der Kabbala zu befassen. Ein Mann in weißem Hemd und weißer Hose hatte hinter der Theke gearbeitet. Er schien Dayne nicht zu erkennen, aber das hatte nichts zu bedeuten. Zahlreiche Prominente besuchten dieses Zentrum. Berühmte Schauspieler beeindruckten diesen Mann wahrscheinlich nicht. Warum sollten sie das auch, wenn Erleuchtung bedeutete, weltliche Werte über Bord zu werfen und sie gegen eine höhere Bewusstseinsebene einzutauschen? Dayne hatte das Buch auf die Verkaufstheke gelegt. „Das ist es, nicht wahr? Das große Buch?“ Der Mann lächelte. Es war ein Lächeln, das nicht von dieser Welt war. „Die Antworten auf die Fragen des Lebens befinden sich in diesem Buch.“ Das war alles, was Dayne hören wollte. Er war an einem Punkt in seinem Leben angekommen, an dem er nur Fragen und keine Antworten hatte. Überhaupt keine Antworten. Er wohnte mit Kelly Parker, der Hauptdarstellerin in seinem aktuellen Film, zusammen, aber er 5


liebte sie nicht. Trotzdem wollte er nicht mit ihr Schluss machen. Die Dreharbeiten für den Film begannen in zwei Wochen. Wenn er jetzt mit Kelly Schluss machte, könnte es passieren, dass vor der Kamera die Chemie zwischen ihnen nicht stimmte. Dayne drehte das Buch um und las den Einbandtext. Ein kursiv gedruckter Absatz oben auf der Seite fragte: „Fehlt Ihnen Frieden? Können die traditionellen Religionen Ihre Leere nicht füllen? Sind Sie auf der Suche? Kommen Sie zu den ältesten Wahrheiten der Welt, den Wahrheiten, die Sie wirklich frei machen werden.“ Das war es, was ihm fehlte. Freiheit. Er war in seinem Leben gefangen, er war eingesperrt, und er konnte nicht daraus ausbrechen. Nicht aus der Situation mit Kelly und auch nicht aus der Situation mit seiner leiblichen Familie, den Baxters. Sie wussten nichts von ihm, weil er ihnen nichts verraten durfte. Sonst würden die Paparazzi seiner Familie die Freiheit genauso rauben, wie sie sie ihm geraubt hatten. Und was war mit seiner Wut? Dayne war früher ein ziemlich gelassener Mensch gewesen, den nicht viel aus der Ruhe hatte bringen können, doch jetzt spürte er die ganze Zeit bohrende Wut in sich. Er war wütend auf seine Adoptiveltern, weil sie ihn in ein Internat geschickt hatten, damit sie durch den indonesischen Dschungel ziehen und den Menschen von Jesus erzählen konnten. Wütend, dass sie bei einem Flugzeugabsturz gestorben waren, als er erst achtzehn gewesen war, und wütend, dass er seitdem ohne Familie leben musste, obwohl er die ganze Zeit leibliche Eltern und Geschwister in Bloomington, Indiana, gehabt hatte. Das war das Nächste: Dayne war wütend, weil seine Eltern ihm die Sache mit der Adoption nicht erklärt hatten. Es genügte nicht, einem kleinen Kind zu sagen, dass eine andere Frau es auf die Welt gebracht hatte. Wie hätte er das begreifen sollen? Wenn er vor über einem Jahr nicht zufällig Luke Baxter in der Kanzlei seines Anwalts begegnet wäre, hätte er niemals erfahren, wer seine leibliche Mutter war. Aber jetzt wusste er es, und nur wegen der Paparazzi – diesen Parasiten, die ihn ständig auf Schritt und Tritt verfolgten – war es unmöglich, dass die Baxters Teil seines Lebens wurden. Und auch das machte ihn wütend. Aber nichts konnte ihn so wütend machen wie die Stalkerin, die Katy Hart und ihn im letzten Monat überfallen hatte, diese geis6


tesgestörte Frau, die so krank war, dass sie tatsächlich glaubte, sie wäre mit ihm verheiratet. Der Fall dieser Frau würde im Mai vor Gericht verhandelt werden, und er würde sie dort wiedersehen. Er würde ihr gegenübersitzen und als Zeuge gegen sie aussagen. Die Geschworenen verurteilten sie hoffentlich zu einer langen Gefängnisstrafe. Dayne sah sie vor sich, wie sie aus dem Gebüsch sprang, Katy packte und ihr das Messer an die Kehle hielt. Damit war jede Hoffnung, dass Katy die Hauptrolle in dem Film mit Dayne annehmen würde, endgültig zunichtegemacht worden. Katy hatte es nicht erwarten können, nach Bloomington zurückzukommen, wo er sie entdeckt hatte. Aber sein Herz, sein Denken und seine Seele kamen von dieser Frau nicht los. Er seufzte und schaute aus dem Fenster auf das Meer hinter seinem Haus hinaus. Katy Hart. Selbst jetzt konnte er sie nicht vergessen. Vor einer Woche war etwas passiert, was ihn daran erinnert hatte, wie sehr die Erinnerung an sie ein Teil seines Seins geworden war. Seine Haushälterin war drei Tage krank gewesen, und Dayne hatte versucht, Wäsche zu waschen. In einem Korb voll weißer T-Shirts war eine rote Shorts versteckt gewesen. Als Dayne zur Waschmaschine zurückkam, waren alle seine T-Shirts rosa verfärbt. Um das Problem zu beheben, hatte er schnell ein T-Shirt genommen und es unter fließendes Wasser gehalten. Er hatte mit den Händen gerubbelt und dann mit einem Waschlappen und schließlich mit einer Bürste geschrubbt. Er könnte das Rosa wegbringen und das TShirt wieder weiß machen, hatte er gedacht, wenn er nur kräftig genug schrubbte, wenn er sich anstrengte, wenn er es wirklich wollte. Aber es war unmöglich. Das Rot war ein Teil des Weißen geworden und war mit jeder Faser verhaftet. Genauso war es mit Katy. Sie war da, wenn er aufwachte, und wartete auf ihn, wenn er sich abends schlafen legte. Natürlich gab es auch Stunden, in denen er nicht an sie denken musste, aber dann war sie unweigerlich wieder da. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie auf keinen seiner Anrufe reagiert und sich nicht mehr bei ihm gemeldet hatte, seit sie nach Bloomington zurückgefahren war. Es spielte auch keine Rolle, dass er sie wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Sie war immer da. Dagegen konnte er nichts machen. Dayne schaute wieder den Text in dem Kabbala-Buch an. Wahrhei7


ten, die ihn frei machen würden? Ja. Er brauchte Freiheit. Sehr viel Freiheit sogar. Freiheit von seiner Wut und seinen Schuldgefühlen und von der Tatsache, dass er von Katy Hart nicht loskam. Und vielleicht auch Freiheit von Kelly Parker. Mit ihr zu leben war, als lebe er eine Lüge. Er wachte jeden Morgen neben ihr auf und wiederholte abends wie ein Papagei: „Ich liebe dich.“ Wenn der Film abgedreht war, würde er mit ihr Schluss machen. Sie käme darüber hinweg. Ihr nächster Schauspielerkollege war nur einen Film weit entfernt. Es war nur so, dass er eigentlich nicht warten wollte, bis der Film abgedreht war. Besonders da sie die ersten zwei Wochen Außenszenen in der Stadt drehen würden, die er vorgeschlagen hatte, weil er meinte, sie gebe eine Kleinstadt am besten wieder. Die Stadt, in der er auf keinen Fall eine Freundin an seinem Arm hängen haben wollte: Bloomington, Indiana. *** Ashley Baxter Blake musste es ihrem Mann sagen. Nur Landon konnte wirklich begreifen, wie wichtig die Information war, die sie in der Hand hielt. Es war eine Information, die ihr Leben verändern würde. Aber sie musste ihn erst finden. Denn an diesem Herbsttag waren Landon und ihr Sohn Cole am Lake Monroe und genossen einen dieser herrlichen Spätsommertage, für die Bloomington so berühmt war. Mit dieser Nachricht konnte sie nicht warten, bis die beiden nach Hause kamen – egal, ob es ein guter Tag war oder nicht. Natürlich brauchte Cole es nicht zu wissen – wenigstens noch nicht. Aber Landon? Er musste es sobald wie möglich wissen. Ashley starrte die Information an und versuchte zu erfassen, was das für sie alle bedeutete. Aber besonders, was es für ihren Mann bedeutete. Er hatte zu ihr gehalten, solange sie zurückdenken konnte, auch in den dunkelsten Stunden, als sie allein und mit Cole schwanger gewesen war, an den Tagen nach dem 11. September, als alles in ihrer Welt auf den Kopf gestellt worden war, und sogar in der Zeit, als sie so sehr um ihre Gesundheit gebangt hatte. Landon war immer bei ihr gewesen. Ashley traf ihre Entscheidung schnell – so wie sie ihre meisten Ent8


scheidungen traf. Ohne die Küche aufzuräumen oder in den Spiegel zu schauen oder zu kontrollieren, ob alle Türen verschlossen waren, nahm sie ihre Schlüssel vom Tisch in der Küche, griff nach ihrer Handtasche und eilte zu ihrem Auto. Die Information war immer noch in ihrer Hand, wo sie auch bleiben würde, bis sie den See erreichte. Während der Fahrt dorthin kämpfte sie mit den Tränen, aber sie wollte nicht weinend zu ihm kommen. Sie könnten später miteinander weinen. Als sie endlich auf den Schotterplatz am See bog, stellte sie das Auto ab und lief eilig den Weg hinab zum Ufer. Sie entdeckte Landon und Cole sofort. Sie saßen auf der alten roten Eiskiste, der Kiste mit den Plastikscharnieren und dem Sprung auf der rechten Seite. Sie verlangsamte ihre Schritte, und als sie fast hinter ihnen stand, blieb sie stehen und betrachtete die beiden: Landon, groß mit muskulösen Schultern, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, die Angelrute vor sich; und Cole, dessen blonde Haare unter seiner Baseballkappe hervorschauten. Die beiden gaben ein wunderschönes Bild ab. Ashley wurde es nie müde zu beobachten, wie sehr Cole unter Landons Liebe aufblühte. Sie schloss die Augen und genoss für einen Moment den leichten Seewind auf ihrem Gesicht. Sie holte tief Luft und schaute die Information in ihrer Hand noch einmal an. Sie war wirklich da und verkündete ihr laut, dass sich alles ändern würde, selbst das Bild von Cole und Landon. Als Ashley einen Schritt näher ging, raschelten ein paar Blätter unter ihren Füßen. Landon drehte sich um. „Ashley…“ Ein erfreutes Lächeln zog über sein Gesicht. „Du bist gekommen!“ Sie versteckte die Hand hinter ihrem Rücken. „Ich, äh…“ Lass dir was einfallen, Ashley, du musst etwas sagen. „Es war zu schön, um zu Hause zu bleiben.“ Cole drehte sich um und ließ vor Überraschung seine Angelrute fallen. „Mami!“ Er kletterte von der Eiskiste, lief auf sie zu und umarmte sie stürmisch. „Ich habe einen Fisch gefangen! Es war nicht der größte Fisch im See, aber Papa sagt, wir können ihn behalten und heute Abend essen!“ Er zerrte an ihrem Arm und führte sie näher zum Wasser. Dann deutete er auf eine Schnur mit Fischen, die am Ufer hing. „Siehst du ihn? Es ist der erste, der mit den kleinen Regenbogen.“ 9


„Wow, Cole!“ Sie beugte sich vor, achtete aber darauf, ihre Hand vor den beiden zu verstecken. „Er ist perfekt für das Abendessen.“ Cole schob stolz seine Brust heraus. „Das hat Papa auch gesagt.“ Ashley drehte sich zu Landon um. Sie konnte nicht mehr warten. Landon musste es unbedingt wissen, und sie konnte nicht ungezwungen mit den beiden plaudern, wenn sie an nichts anderes denken konnte als an ihre Neuigkeit. Sie zuckte die Achseln und deutete den Hang hinauf zum Parkplatz und zum Kinderspielplatz, der sich daneben befand. „Was haltet ihr zwei Angler von einer Pause, damit Cole ein wenig schaukeln kann?“ Landon sah ihr an, dass sie ihm dringend etwas sagen wollte, denn sein Lächeln verschwand. Er schaute sie an, als wollte er sagen: Was ist, Ashley? Was ist passiert? Aber nichts davon kam über seine Lippen. Stattdessen nickte er nur langsam und schaute Cole an. „Wir lassen unsere Sachen ein paar Minuten hier liegen, Cole. Okay?“ Coles Begeisterung hielt sich in Grenzen. „Wir könnten doch später spielen gehen, oder?“ Landon war liebevoll, aber bestimmt. „Mami und ich müssen über etwas sprechen. Deshalb machen wir eine kleine Pause. Nur ganz kurz.“ „Okay.“ Cole nickte resigniert. „Aber die Fische bleiben hier, oder, Papa? Hier an dieser Stelle?“ „Ja.“ Landon legte seine Angelrute auf den Boden. Er zwinkerte Cole zu. „Aber soll ich dir ein Geheimnis verraten? Die Fische sind immer hier.“ Cole lächelte wieder, als sie den Hang hinaufgingen. „Vielleicht fangen wir danach einen größeren Fisch, weil die Fische jetzt alle glauben, wir würden gehen.“ „Genau.“ Landon legte den Arm um seinen Sohn und verlangsamte sein Tempo, damit Cole mithalten konnte. Ashleys Herz schlug genauso schnell, wie ihre Füße sich bewegten, und setzte ihren ganzen Körper unter Strom. Während der ganzen Zeit hielt sie die Hand mit der Neuigkeit hinter ihrem Rücken. Als sie das langsame Tempo keine Minute länger aushalten konnte, beugte sie sich vor und grinste Cole an. „Wer eher oben ist!“ Cole sprang in die Luft, raste davon und kam wenige Sekunden vor Ashley oben an. „Du bist für ein Mädchen ziemlich schnell, Mami.“ Er war außer Atem und grinste sie an. „Vielleicht schaffst du es nächstes Mal.“ 10


In genau diesem Moment kam auch Landon bei ihnen an. „Ich würde sagen, sie ist ziemlich schnell. Punkt.“ Er schmunzelte. Nachdem sie noch ein paar Minuten darüber gesprochen hatten, ob die größeren Fische zurückkämen, während sie fort waren, lief Cole davon und fand einen Jungen in seinem Alter, der mit ihm schaukelte. Sobald er fort war, schaute Ashley Landon an. Sie war völlig außer Atem und sah aus, als könnte sie weder sprechen noch tief Luft holen. „Ashley …“ Landon schaute sie fragend an. „Was ist los?“ Besorgnis und Überraschung traten in die kleinen Falten auf seiner Stirn. „Was hast du?“ Sie lachte, aber es klang mehr wie ein Keuchen. „Ich musste kommen.“ Ihre Arme zitterten, obwohl die Sonne direkt über ihnen stand. Sie spielte mit dem kleinen Gegenstand in ihrer Hand, dann hielt sie ihn Landon in einer schnellen Bewegung hin. Er schaute ihn an und dann schaute er sie an. Dann schaute er wieder nach unten und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. „Was ist das?“ „Nimm es.“ Sie bekam keine Luft. „Lies, was da steht, Landon.“ „Das versuche ich ja.“ Er nahm es ihr aus der Hand und kniff die Augen zusammen. Und sofort erkannte er, was Ashley ihm sagen wollte. Das wusste sie aus einem einfachen Grund: Landon weinte.

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Kapitel 2 Katy Hart ging eilig durch den Mittelgang der Bloomingtoner Kirche und überflog die Liste mit den Kindern, die darauf warteten, für das Musical Annie vorzusprechen. Einhundertachtunddreißig Namen, mehr als sie bei irgendeinem anderen Stück bis jetzt gehabt hatten. Im ganzen Gebäude herrschte Lärm und Hektik, aber Katy spürte eine unerklärliche Ruhe. Sie würden etwas Besonderes erleben. Das konnte sie fühlen. Vor zwei Monaten war sie kurz davor gewesen, eine Hauptrolle im nächsten Dayne-Matthews-Film, Dream On, zu spielen. Sie war bereit gewesen, dem christlichen Kindertheater den Rücken zu kehren und ein neues Leben zu beginnen. Aber Gott hatte ihr gezeigt, wo ihr Platz war, und seine Anweisung war unmissverständlich gewesen. Katy blieb vor ihrem Tisch vor den Sitzreihen der Kirche stehen und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Ihr Platz war hier. Daran bestand für sie kein Zweifel. Auch aus diesem Grund hatte sie das Gefühl, dass sich dieses Stück von den früheren Aufführungen unterscheiden würde, dass sich ihr Weg als Regisseurin des christlichen Kindertheaters in Bloomington deutlich herauskristallisieren würde. „Hallo, Katy!“ Drei Mädchen hüpften untergehakt an ihr vorbei. Sie waren vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und kicherten aufgeregt. „Hallo, Mädchen.“ Katy legte ihre Unterlagen weg. „Seid ihr bereit?“ „Oh, meine Güte.“ Das Mädchen mit den roten Haaren fächerte sich Luft zu, ihre Worte waren schnell und atemlos. „Ich habe eine Todesangst. Ich hasse Vorsingen.“ „Tust du nicht.“ Die Blondine neben ihr versetzte ihr einen leichten Stoß. „Du hast mir gerade erzählt, dass du dein Lied liebst.“ „Ja, ich liebe das Lied, aber …“ Sie gab einen verzweifelten Ton von sich und gestikulierte wild durch die Luft. „Ich habe trotzdem eine Todesangst.“ Das dritte Mädchen hatte kurz geschnittene, braune Haare. Sie grinste. „Habt ihr den neuen Jungen gesehen?“ Sie tat, als würden ihre Knie ganz weich. „Er ist aus der staatlichen Schule in der Innenstadt.“ 12


Ihre Stimme wurde ein wenig leiser. „Er ist umwerfend, und alle sagen, dass er singt wie ein Traum.“ „Er ist aber nicht so süß wie Tim Reed.“ Die Blondine stemmte die Hände in die Hüften. „An ihn kommt keiner heran.“ Das brünette Mädchen sah beleidigt aus. „Ich spreche hier nicht nur vom Aussehen. Der neue Junge kann singen. So gut wie kein anderer.“ Katy liebte es, dass die Kinder und Jugendlichen sie ins Vertrauen zogen. Sie zog eine Braue in die Höhe. „Da bin ich aber gespannt.“ Die Mädchen kicherten, und im nächsten Moment waren sie wieder fort. Katy schaute in den hinteren Teil des Gottesdienstraums, wo die Kinder immer noch durch die Türen hereinströmten. Jedes hatte eine Nummer an seinen Pullover gesteckt. Sie sprang auf ihren Stuhl und klatschte in die Hände. Dieses Klatschen war den Kindern vom christlichen Kindertheater bereits bestens bekannt. Als sie fertig war, drehten sich alle um und wiederholten das Klatschen, bis im ganzen Raum Stille eingekehrt war. „Okay.“ Katy lächelte und schaute alle im Raum an. Ihr Blick fiel auf die Flanigans und die Reeds und eine Reihe anderer Familien, die sie gut kannte. „Herzlich willkommen, alle miteinander. Die meisten von euch kennen den Ablauf. In ein paar Minuten hole ich die erste Gruppe herein.“ Plötzlich spürte sie starke Gefühle in ihrer Brust, und sie konnte kaum weitersprechen. Diese unerwartete Gefühlsregung war das deutliche Gefühl, zu Hause zu sein. Katy hustete und fand ihre Stimme wieder. „Wir wollen miteinander beten.“ Alle beugten den Kopf, und die Kinder, die im ganzen Raum verteilt waren und in Gruppen beieinanderstanden oder -saßen, hielten sich an den Händen oder legten die Arme umeinander. Katy schloss die Augen. „Gott, danke für alle, die heute hier sind. Ich bitte dich, dass du bei den Kindern bist, die heute vorsprechen, und dass du ihnen hilfst, ihr Bestes zu geben. Für dich und zu deiner Ehre, in Jesu Namen. Amen.“ Der Geräuschpegel stieg sofort wieder an, aber das störte Katy nicht. Es waren angenehme Geräusche, eine Mischung aus Kinderlachen und Singen und die Vorfreude auf das Abenteuer, miteinander ein Musical aufzuführen. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, an der of13


fenen Tür vorbei in den hinteren Teil des Raumes zu schauen. Rhonda Sanders, ihre Assistentin und beste Freundin, sollte eigentlich inzwischen hier sein. Rhonda war für die Choreografie des Stücks verantwortlich und würde mit Katy entscheiden, wer nach dem Vorsingen einen Rückruf erhielt. Wahrscheinlich war sie irgendwo im Foyer von Kindern umringt. Heath Hudson trat hinter Katy und legte den Arm um sie. „Die Tonmischung ist bereit.“ Er trat ein paar Zentimeter zurück, schaute sie aber weiter unverwandt an. „Wie geht es dir?“ „Gut.“ Katy lächelte ihn fröhlich an. Sie mochte Heath, es gefiel ihr, dass er in ihrem Alter und ein guter Freund war. Aber weiter gingen ihre Gefühle für ihn nicht. Ein Grund dafür war, dass Rhonda ihn sehr gern hatte, auch wenn er diese Gefühle nicht erwiderte. „Du bist es, Katy“, hatte Heath ihr im letzten Sommer gesagt. „Ich glaube, dass Gott uns aus einem bestimmten Grund in die gleiche Arbeit gestellt hat. Ich werde warten, bis du das Gleiche empfindest wie ich.“ Ja, Heath machte kein Hehl daraus, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte, seit sie sich vor einem Jahr kennengelernt hatten. Er war nett und lustig, ein erfolgreicher Geschäftsmann Ende zwanzig mit einem starken Glauben und einem ausgeprägten Familiensinn. Aber sie war einfach nicht in ihn verliebt. Sie hoffte, dass sie sein Interesse auf Rhonda lenken konnte. Katy berührte seinen Ellbogen. „Danke für deine Hilfe.“ „Gern geschehen.“ Er verlagerte sein Gewicht auf sein anderes Bein. „Ich bin da, falls du irgendwas brauchst.“ „Danke, Heath.“ Sie trat an ihren Tisch. Er verstand diesen Wink. „Bis später.“ Er winkte und begab sich zum Tonmischgerät. Sobald Heath fort war, tauchten Nancy und Al Helmes am Tisch auf. Sie sahen glücklich und fröhlich aus. „Los geht’s.“ Al zwinkerte. „Das Abenteuer kann beginnen.“ Al und Nancy, ein pensioniertes Ehepaar, hatten sich bereit erklärt, die musikalische Verantwortung für das Stück zu übernehmen, wie sie das in der Vergangenheit schon mehrmals getan hatten. Beide spielten Klavier und hatten die faszinierende Gabe, einen Kinderchor so zusammenzubringen, dass er schön und klar wie eine einzige Stimme 14


sang. Annie war aus mehreren Gründen eine große musikalische Herausforderung, unter anderem, weil das Lied „Easy Street“ von Miss Hannigan, Rooster und seiner Freundin dreistimmig gesungen werden musste. „Wo ist dein Kaffee, Nancy?“ Katy lehnte sich an den Tisch. „Erzähl mir nicht, dass du drei Stunden Vorsingen ohne deinen Kaffee durchhalten willst.“ Nancy deutete lächelnd zu einer Thermoskanne neben der Klavierbank. „Ich bin gerüstet.“ „Gut.“ Katy sah auf ihre Namensliste. „Bei so vielen Kindern brauche ich vielleicht auch einen Kaffee.“ Sie nahm ihren Eistee. „Heute besteht mein Tee zur Hälfte aus Zucker. Damit sollte ich durchhalten!“ Nancy trat einen Schritt näher. „Alice Stryker ist in der Lobby und erzählt ein paar Müttern, dass Sarah Jo die ideale Besetzung für Annie sei.“ „Oh nein!“ Katys Magen zog sich zusammen. Alice Stryker war die schlimmste Mutter, die sie in ihrer Zeit beim christlichen Kindertheater je erlebt hatte. Ihre Tochter war ein süßes, stilles Mädchen, unauffällig und schlicht, bis sie auf die Bühne trat und zu singen begann. Niemand im christlichen Kindertheater konnte so singen wie Sarah Jo, wenigstens bis jetzt nicht. Ihre unglaubliche Stimme hatte ihr bei der Sommeraufführung, Tom Sawyer, die Rolle der Becky Thatcher eingebracht. Aber Katy konnte es kaum ertragen, mit Sarah Jos Mutter zusammenzuarbeiten. Die Frau war überzeugt, dass ihre Tochter die nächste Broadwaysensation werden würde. Sie machte ihr so viel Druck, dass das Mädchen fast jede Freude, auf der Bühne zu sein, verlor. Katy umklammerte die Tischkante. „Sag mir, dass sie Sarah Jo keine rot gelockte Perücke aufgesetzt hat.“ Nancy lachte. „Nein, aber du weißt ja, wie viel Wert diese Frau auf Kostüme legt.“ „Oh, Mann.“ Katy hielt sich die Hände an die Stirn und massierte sich mit dem Daumen und Zeigefinger die Schläfen. „Lass mich raten. Sie hat Sarah Jo ein Annie-Kleid genäht.“ „Etwas in der Art. Mrs Stryker sprach mit den anderen Müttern, und dann sah sie Sarah Jo, wie sie mit ein paar Kindern lachte, und meine Güte …“ Nancy hob die Hand wie ein Polizist, der den Verkehr anhalten will. „Man hätte denken können, Sarah Jo hätte etwas gestohlen. 15


Alice lief hinüber, packte sie am Arm und warf ihr vor, zu albern zu sein und die Sache nicht ernst genug zu nehmen. Ihre Gardinenpredigt dauerte drei Minuten, und alle im Foyer haben sie gehört.“ Katy stöhnte. „Das ist wirklich traurig. Diese Frau ist so unbeherrscht.“ „Das ist Sarah Jo gegenüber einfach nicht fair.“ „Nein, wirklich nicht.“ Katys innerer Frieden, den sie vor ein paar Minuten gehabt hatte, war verschwunden. Sie verschränkte die Arme vor sich. „Vielleicht brauche ich deinen Kaffee doch schon bald.“ „Die gute Nachricht ist ...“ Nancy bedachte sie mit einem mitfühlenden Lächeln. „... dass Alice Stryker eine Ausnahme ist.“ „Das stimmt.“ Katy brachte ein schwaches Lächeln zustande. „Dafür können wir alle dankbar sein.“ „Ich mache mich lieber fertig.“ Nancy winkte und setzte sich zu Al ans Klavier. Katy liebte dieses Ehepaar. Sie waren wie ehrenamtliche Großeltern des Kindertheaters und ein Schatz an geistlicher Stärke und Erfahrung. Das Kindertheater und Katy brauchten sie. Aber dass Alice Stryker wieder bei allen Proben und Aufführungen dabei sein würde, könnte sich als Problem erweisen. Katy wollte gerade ihre Liste mit den Namen noch einmal durchgehen, als sie eine bekannte Stimme hörte. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Rhonda neben einem großen Mann durch den Gang eilte. Der Mann sah nicht schlecht aus, aber sobald Katy Rhondas Miene sah, wusste sie, dass ihre Freundin kein Interesse an ihm hatte, wer auch immer er war. „Entschuldige, dass ich zu spät komme.“ Rhonda war außer Atem. Sie legte ihre Sachen ab, umarmte Katy und flüsterte dann: „Diesen Mann musst du kennenlernen!“ Sie trat zurück, und Katy schaute Rhondas Begleiter an. Er war Ende zwanzig, trug eine hautenge Jeans und ein eng sitzendes Muskelshirt. Seine Haare waren mit reichlich Gel zurückgestrichen. Trotz seiner übertriebenen Kleidung sahen seine Augen freundlich aus. Sie hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Katy Hart.“ „Katy, ah ja.“ Er ergriff ihre Hand, und sein Lächeln zeigte einen Mund voll schlechter Zähne. „Genau dich wollte ich kennenlernen.“ Rhonda stand jetzt hinter ihm und beugte sich so weit zur Seite, dass Katy sehen konnte, wie sie die Augen verdrehte. Dann sagte sie tonlos 16


die Worte Viel Glück und verschwand zum Klavier, wo sie sich zu Al und Nancy gesellte. „Bist du … ein Freund von Rhonda?“ Katy hatte nur wenige Minuten Zeit, aber sie wollte nicht unhöflich erscheinen. Außerdem musste sie wissen, was dieser Mann wollte und warum Rhonda nicht einmal geblieben war, um ihn Katy vorzustellen. Er deutete ein paar Bankreihen nach hinten. „Meine Schwester singt heute vor.“ Er nickte zuversichtlich. „Ich habe sie dazu überredet. Wir sind eine Familie, in der es viele weit gebracht haben.“ „Was du nicht sagst!“ Katy verschränkte die Arme vor sich. „Dann bist du also Schauspieler?“ „Nein, nein.“ Er gab einen Ton von sich, der verriet, dass Theaterspielen unter seiner Würde war. „Stanley Gaelic. Ich bin ein SSPler. Im nächsten Monat werde ich ganz oben stehen.“ Er schob die Brust heraus. „Wahrscheinlich einer der Weltbesten.“ Katy blinzelte. „SSPler?“ „Ach ja.“ Er berührte Katys Arm. „Das vergesse ich immer wieder. Nicht jeder ist auf dem aktuellsten SSP-Stand.“ Er hielt seine linke Hand mit der Handfläche nach oben vor sich und klopfte mit der rechten Faust kräftig darauf. „Du weißt schon, Schere-Stein-Papier.“ Aus der Ferne grinste Rhonda sie an und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Wirklich?“ Katy schaute wieder Stanley an. „Du sagst also …“ Jetzt streckte sie die Hand aus und schlug mit der Faust darauf. „Dass es Wettkämpfe für Schere-Stein-Papier gibt?“ „Wettkämpfe?“ Stanley verdrehte die Augen, als wäre Katy der unwissendste Mensch auf dem Planeten. „Das ist eine riesengroße Sache, Katy. ESPN hat über unseren letzten Wettkampf eine ausführliche Reportage gebracht, und …“ Wieder klopfte er mit der rechten Hand auf die linke. „Unter uns SSPlern gesagt: Du sprichst gerade mit jemandem, der ziemlich berühmt ist.“ Katy merkte, dass sie gleich laut loslachen würde. „Aber, Stanley …“ Sie biss sich innen auf die Lippe. „Ist das nicht einfach nur Glück?“ Sie schlug dreimal auf die offene Handfläche und machte das Scherensymbol. „Da steckt doch keine Strategie dahinter, oder?“ „Glück?“ Stanley verzog entsetzt das Gesicht und wich einen halben Schritt zurück. „Das ist der ultimative sportliche Wettkampf. Es ist 17


alles Strategie. Glück hat damit nichts zu tun.“ Er schob wieder seinen Brustkorb heraus. „Es geht um das richtige Timing und den perfekten Rhythmus und die Fähigkeit, die Gedanken des anderen zu lesen.“ Er trat wieder näher auf sie zu und schaute ihr ernst in die Augen. „Ich bin darin sehr gut. Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich der Begabteste in der Familie bin.“ Stolz zupfte er an seinem Shirt. „Ich will ja nicht prahlen oder so. Aber wir SSPler sind eine besondere Gruppe, weißt du.“ Er zwinkerte Katy zu. „Und nach allem, was ich höre, bist du eine besondere Frau.“ „Richtig.“ Sie brachte ein schwaches Schmunzeln zustande. Was war nur mit ihr und Männern? War das die ganze Auswahl, die sie hatte? Katy sah aus dem Augenwinkel Rhonda und Nancy, die die Köpfe zusammengesteckt hatten und kicherten. Sie warf Rhonda einen Blick zu, der ankündigte, dass sie ihr das heimzahlen würde. Stanley erzählte unaufhörlich weiter, er sagte etwas darüber, dass die Richter Teilnehmer mit ordentlichen Haaren bevorzugten. Katy hielt die Hand hoch. „Äh …“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Die Kinder wurden allmählich unruhig, und die Aufregung hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Sie sprach lauter, damit er sie verstehen konnte. „Ich würde gern mehr darüber hören, Stan, aber ich muss mit dem Vorsingen anfangen.“ „Niemals Stan, Katy.“ Er legte die Hand schwer auf ihre Schulter und beugte sich näher zu ihr vor. „Für uns SSPler gibt es nur einen einzigen Stan. ‚Stan, der Mann mit der Scherenhand‘ nennen wir ihn.“ Er machte eine unbeholfene Verbeugung, die in seiner engen Jeans ungewollt komisch aussah. „Ich bin Stanley.“ Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Habe ich erwähnt, dass ich der SSP-Meister von Indiana bin?“ Er legte den Kopf schief. „Du weißt, was man über SSPMeister sagt, nicht wahr?“ Katy wollte überhaupt nicht wissen, was man über SSP-Meister sagte. „Später, Stanley.“ Sie biss die Zähne zusammen, um nicht laut loszulachen. „Ich muss jetzt weitermachen.“ „Ja, natürlich.“ Er deutete mit beiden Zeigefingern auf sie und warf ihr einen Luftkuss zu. „Wir können uns ja danach weiter unterhalten. Ich habe einen engen Terminkalender, da ich mich für die nationalen Wettkämpfe vorbereiten muss, weißt du.“ Er hielt seine Handfläche hoch und schlug dreimal darauf und ließ am Ende seine Hand 18


flach darauf liegen. „Aber du hast Glück. Heute Abend habe ich noch Zeit.“ Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Rhonda sich auf den nächsten Stuhl fallen ließ. Sie krümmte sich vor Lachen. Katys Kinnlade fiel nach unten. „Also … äh, heute Abend lieber nicht.“ Sie trat drei Schritte zurück. „Aber irgendwann, okay?“ „Oh.“ Stanleys Hände sanken langsam nach unten, und seine Schultern sackten ein wenig nach vorne. „Mein Trainingsplan ist diese Woche sehr voll, aber ja, wir könnten einen Termin finden.“ „Sicher.“ Sie winkte ihm flüchtig zu, konzentrierte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Kinder und sagte mit lauter Stimme: „Okay, Leute, ihr müsst jetzt alle ruhig sein. Die ersten zehn stellen sich bitte hier vorne in einer Reihe auf. Los geht’s.“ Rhonda saß bereits am Tisch. Sie lachte immer noch. „Entschuldige.“ Sie rutschte näher an Katy heran und sagte mit leiser Stimme: „Das mit Stan, meine ich.“ „Nicht Stan“, flüsterte Katy. „Der einzig wahre Stanley.“ Sie trat Rhonda unter dem Tisch vors Schienbein. „Das zahle ich dir heim. Eine Nachbarin der Flanigans sucht ein nettes Mädchen für ihren Sohn. Er ist jetzt nicht mehr im Gefängnis, aber wenigstens darf er wieder fahren. Fahrrad.“ „Klingt richtig verlockend“, kicherte Rhonda. „Entschuldige, aber ich konnte einfach nicht widerstehen.“ Das erste Kind stieg auf die Bühne, ein netter Junge mit einem Babygesicht und großen blauen Augen. Ruhe senkte sich über den Raum, und der Junge trat an den Rand der Bühne. „Hallo.“ Er lächelte Katy so breit an, dass sie seine Zahnlücke sehen konnte. „Ich heiße Kyle Lanham. Ich bin acht Jahre alt und singe ‚Ich fliege‘ aus Peter Pan.“ Katy legte ihren gelben Notizblock vor sich und nickte Kyle zu. Eine der Mütter stand im hinteren Teil der Bühne. Sie drückte mehrere Tasten auf dem CD-Spieler, und die Musik setzte ein. Kinder unter acht Jahren konnten für Vorführungen des christlichen Kindertheaters nicht vorsprechen. Deshalb erwartete Katy von den Jüngeren nur selten etwas Besonderes. Es genügte schon, dass sie bereit waren, sich vor das Publikum zu stellen und zu singen. Nur selten ragte einer von ihnen heraus. Aber Kyle war eine solche Ausnahme. 19


Seine Stimme war süß und klar, seine Augen waren groß und ausdrucksstark. Als er die Stelle erreichte, an der er sang: „Ich kann fliegen, ich kann fliegen, ich kann fliegen!“, hörte Katy im Publikum hinter sich ein anerkennendes Raunen. Das Kind hatte das gewisse Etwas – eine Bühnenpräsenz, die man nicht künstlich schaffen konnte. Für Annie brauchten sie eigentlich eine Gruppe kleiner Mädchen. Aber dieser Junge verdiente eindeutig einen Rückruf. Als er fertig gesungen hatte, lächelte Katy ihn an und notierte dann auf ihrem Block: Kyle Lanham, kommt beim Publikum gut an. Auf jeden Fall zurückrufen. Sarah Jo Stryker gehörte zu den ersten zehn Kindern. Wie immer war ihr Auftritt fehlerlos. Sie sang ein fröhliches Lied: „Der Zauberer und ich“, eine lustige Melodie aus einem neuen Broadwaymusical. Während sie sang, fragte sich Katy die ganze Zeit: Wie kann eine Zwölfjährige so singen? Aber Sarah Jo war in letzter Zeit in die Höhe geschossen, und wenn Katy und Rhonda und das Ehepaar Helmes an ihren ursprünglichen Vorstellungen festhielten, war Sarah Jo zu groß, um Annie zu spielen. Katy ahnte schon, welche Tirade sie von Alice Stryker zu hören bekäme, wenn sie ihr das begreiflich machen müsste. Trotzdem verdiente Sarah Jo eindeutig einen Rückruf, und Katy machte die entsprechende Notiz auf ihrem Notizblock. In der nächsten Zehnergruppe sangen zwei Mädchen „In deiner Welt“ aus Arielle, die Meerjungfrau. Katy war ziemlich sicher, dass auch das letzte Mädchen in der Gruppe dieses Lied singen wollte. Das Mädchen stand auf und trippelte mit kleinen Schritten zur Bühne. Sie trug einen hautengen, knöchellangen Rock, der mit schuppenähnlichen Pailletten besetzt war. Sie sah mehr wie eine Meerjungfrau aus als Arielle selbst. Das Mädchen war groß und schlaksig und hatte eine Zahnspange. Als sie auf die Bühne hinaufsteigen wollte, hinderte der Rock sie daran, die letzte Stufe zu bezwingen. Sie schaffte es nicht, ihren Fuß bis ganz nach oben zu heben, fiel wie ein gefällter Baum der Länge nach hin und landete mit den Ellbogen auf der Bühne. Ein Keuchen ging durch die Zuschauer. Katy sprang schnell auf und lief zu dem Mädchen. Wegen des Rockes hatte das arme Kind keine Chance, würdevoll aufzustehen. Es gelang ihr kaum, sich halbwegs in eine sitzende Position zu bringen. 20


„Oh, Mann“, murmelte Katy bei sich. Sie war zu klein, um dem Mädchen zu helfen, deshalb winkte sie einem der Väter, der einige Reihen hinter ihr saß. Der Mann lief zu ihr, aber trotzdem gab es keine würdevolle Möglichkeit, das Mädchen wieder auf die Beine zu stellen. „Das ist so schrecklich.“ Tränen liefen dem Mädchen über die Wangen. „Ich habe meiner Mutter gesagt, dass das passieren würde.“ Ihre Stimme war leise und entsetzt. Sie schloss die Augen, als wünschte sie, dass alles nur ein schlimmer Traum wäre. „Liebes, ich glaube, am besten wäre es, wenn du die Beine hinter dich schiebst.“ Katy versuchte, die Füße des Mädchens nach hinten zu schieben, aber wegen des rutschigen Stoffes, aus dem ihr Rock bestand, landete das Mädchen bei dieser Bewegung platschend auf dem Bauch. „Oooh, entschuldige.“ Katy hob hilflos die Hände und schaute den Vater mit großen Augen fragend an. „Ich bin nicht sicher, wie …“ Inzwischen war es im Raum mucksmäuschenstill. Das betretene Schweigen machte das Drama auf der Bühne nur noch entsetzlicher. Nur ein paar Kinder hinten im Raum kicherten leise. „Schauen wir einmal.“ Der Vater kratzte sich am Kopf. „Sie muss ihre Füße vor sich haben. Rollen wir sie herum.“ Er half ihr, die Füße wieder herumzudrehen, so dass sie jetzt steif nach vorne abstanden. Das ermöglichte ihr, sich teilweise aufzusetzen, obwohl sie immer noch nach vorne rutschte. „Ich hebe sie jetzt hoch.“ Er schob die Hände unter ihre Arme und nickte Katy zu. „Passen Sie auf, dass ihre Füße nicht weiter nach vorne rutschen.“ Katy hielt die Füße des Mädchens fest, und in einer Bewegung, die Ähnlichkeit mit dem Aufrichten einer Scheunenwand hatte, schob er sie nach oben und auf die Füße. Sobald sie stand, dankte Katy dem Vater, der schnell zu seinem Sitz zurückging. Im Publikum war es immer noch ganz still. „Ich will nach Hause.“ Die Stimme des Mädchens war brüchig, ihre Wangen waren immer noch tränennass. „Jetzt warte bitte.“ Katy legte dem Mädchen die Hände auf die Schultern. „Du hast dir viel Mühe gegeben, dein Lied vorzubereiten, nicht wahr?“ Das Mädchen wischte sich mit beiden Handrücken über die Wangen. „Ja. Ich … ich wollte auch das richtige Kostüm haben, aber ich habe meiner Mutter gesagt, dass der Rock zu eng ist.“ 21


„Okay, hör mir zu.“ Katy sprach leise weiter. „Ich würde vorschlagen, du sorgst dafür, dass die anderen dich anders in Erinnerung behalten als so, wie sie dich gerade gesehen haben.“ Sie zwang sich, ruhig zu klingen. „Ich gehe jetzt zu meinem Tisch zurück, und du singst mir das beste Lied vor, das du je gesungen hast.“ „Wirklich?“ Das Mädchen schniefte. Sie schob ihren Rock zurecht und strich ihr Oberteil glatt. „Ja, wirklich“, lächelte Katy. „So etwas kommt vor.“ Sie deutete zu den Leuten. „Das wissen alle hier.“ Die Augen des Mädchens blieben nun trocken. Sie schaute Katy an und nickte langsam. „Okay. Du hast recht. Ich will, dass sie mein Lied in Erinnerung behalten.“ „Sehr gut.“ Katy drückte ermutigend die Schultern des Mädchens. Ihre Stimmen waren immer noch ein Flüstern, so leise, dass die anderen sie nicht hören konnten. „Gutes Mädchen. Ich bin stolz auf dich.“ Katy drehte sich um und nickte dem Publikum zu; dann kehrte sie zu ihrem Platz zurück. Rhonda starrte das Mädchen an und schüttelte langsam den Kopf. Leise sagte sie: „Das habe ich jetzt nicht wirklich gesehen.“ „Ich auch nicht“, flüsterte Katy. Ihr Herz raste immer noch. Am liebsten hätte sie das Mädchen von der Bühne geführt und ihr geholfen, einen Platz zu finden, an dem sie diesen albernen Rock ausziehen konnte. Stattdessen setzte sie sich und nickte dem Mädchen zu. „Fang bitte an.“ Einige schmerzliche Sekunden vergingen, in denen das Mädchen sich unsicher im Raum umschaute. Dann räusperte sie sich, konzentrierte ihren Blick auf Katy und begann: „Hallo. Ich bin Maria Pullman. Ich bin dreizehn Jahre alt und ich singe ‚In deiner Welt‘ aus Arielle, die Meerjungfrau.“ Die ersten paar Takte klangen zittrig, aber danach erfüllte Marias Lied den Raum. Sie sang sehr ausdrucksstark, und als sie fertig war, lag ein glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht. Sobald das Lied zu Ende war, standen die Kinder auf und applaudierten für ein Mädchen, das die meisten von ihnen wahrscheinlich gar nicht kannten. Zwei Väter liefen nach vorne, halfen Maria von der Bühne und stellten sie am Fuß der Stufen ab, wo sie ihrer Mutter in die Arme fiel und langsam durch den Mittelgang zum Ausgang trippelte. 22


Katy schaute Rhonda an. „Nachdem ich das gesehen habe, überrascht mich nichts mehr.“ „Sie bekommt einen Rückruf, nicht wahr?“ Rhonda hielt den Stift über das Blatt auf ihrem Klemmbrett. „Auf jeden Fall.“ Katy schaute über ihre Schulter nach hinten. Irgendwo in der Nähe des Ausgangs stand Stanley auf und winkte ihr zu. Sie lächelte schwach und schaute Rhonda an. „Der einzig wahre Stanley lässt mich nicht aus den Augen.“ Sie senkte das Kinn. „Was hast du gemacht? Hast du ihm erzählt, ich stünde auf SPSler?“ Rhonda kicherte. „SSPler. Und ich habe ihm erzählt, dass du Männer magst, die Talent haben.“ „Danke.“ Katy stieß ihre Freundin mit dem Ellbogen. „Der Kaffee geht heute Abend auf deine Rechnung.“ Der Erste in der nächsten Zehnergruppe war Tim Reed. Er legte einen fehlerlosen Auftritt hin. Nach vier weiteren Sängern kam der neue Junge an die Reihe, von dem die Mädchen so geschwärmt hatten. Er hatte braune Locken, die ihm knapp über die Ohren hingen, und war groß und kräftig wie ein College-Footballspieler. „Hallo.“ Er nickte Katy und Rhonda zu. Seine Stimme war beim Sprechen so angenehm, dass Katy keinen Zweifel hatte, dass der Junge singen konnte. Als er lächelte, bildeten sich zwei Grübchen unter seinen hellblauen Augen. „Ich heiße Bryan Smythe. Ich bin sechzehn, und ich singe ‚King of New York‘ aus Newsies.“ Hinter sich hörte Katy mehrere Mädchen leise kreischen. Rhonda stieß sie unter dem Tisch mit dem Fuß und murmelte: „Also, bitte.“ Katy beherrschte sich, um nicht die Augen zu verdrehen. Es war immer schwierig, wenn ein gut aussehender neuer Junge zum christlichen Kindertheater kam. Die Mädchen waren wochenlang abgelenkt, bevor sie sich auf das Stück konzentrieren konnten. Sie lehnte sich wieder auf ihrem Stuhl zurück und wartete. Als Bryan zu singen begann, wäre Katy fast die Kinnlade nach unten gefallen. Kein Wunder, dass die Mädchen nicht ruhig bleiben konnten! Der Junge hatte eine Stimme, die den Verkehr in New York City zum Erliegen bringen könnte. Als er fertig war, dankte Katy ihm, drehte sich zu den Mädchen um und fächerte sich breit grinsend Luft zu. Mehrere von ihnen brachen in lautes Gelächter aus. „Was?“ Sie versuchte, überrascht auszusehen. 23


„Hier drinnen ist es heiß!“ Die Mädchen lachten wieder, und Katy lachte mit. Sie liebte es, mit den Kindern herumzualbern. Im Laufe der nächsten Stunde kamen die nächsten drei Gruppen nach und nach auf die Bühne. Bailey und Connor Flanigan, die Kinder, bei deren Familie Katy wohnte, lieferten beide ihre beste Leistung ab, die sie beim Vorsingen je gezeigt hatten. Es erleichterte die Rückrufe erheblich, wenn die Kinder es eindeutig verdienten, zum zweiten Vorsingen eingeladen zu werden. Niemand könnte Katy vorwerfen, sie würde jemanden bevorzugen. Bei den nächsten zehn Kindern sangen vier weitere Mädchen „In deiner Welt“. Als auch das letzte Mädchen ankündigte, dass es dieses Lied singen wollte, nickte Katy resigniert. „Was haben sie nur alle mit den Meerjungfrauliedern?“, flüsterte sie Rhonda zu. „Ich habe das Gefühl, mir wachsen bald Schwimmhäute.“ „Falls das passiert …“ Katy hielt sich den Mund zu, um nicht laut loszuprusten. „… solltest du nicht auf die Bühne gehen.“ Rhonda lächelte, und sie konzentrierten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne. Einer der älteren Jungen, der bei mehreren Stücken wichtige Rollen gespielt hatte, kam als Nächster an die Reihe. Dieses Mal kam er jedoch mit seinem Lied überhaupt nicht zurecht. Zweimal fragte er, ob er noch einmal von vorne anfangen könne, und beide Male stimmte Katy zu. Das Lied war „Die Musik der Nacht“ aus Phantom der Oper, und als der Junge endlich seinen Anfang gefunden hatte, sang er fünf Wörter und brach dann wieder ab. Er warf Katy einen hilflosen Blick zu. „Ich habe den Text vergessen.“ Er zuckte die Achseln. „Kann ich noch einmal anfangen?“ „Ähm …“ Die Situation war schwierig. Katy konnte unmöglich jedem der über hundertdreißig Kinder erlauben, zwei, drei oder vier Versuche bei ihrem Lied zu haben. Aber da er normalerweise gut singen konnte, nickte sie. „Noch einmal, okay?“ „Okay.“ Der Junge rieb die Handflächen nervös an seiner Jeans. Dieses Mal begann die Musik und er fand den richtigen Anfang. Aber mitten in der ersten Zeile blieb er wieder stecken. Er schaute das Publikum mit zusammengekniffenen Augen an. „Weiß jemand die nächste Zeile?“ Katy schüttelte den Kopf. Das Publikum um Hilfe zu bitten war eindeutig nicht erlaubt. „Okay, danke.“ Sie nickte dem Jungen zu. Ihr 24


Herz litt mit ihm, aber sie konnte ihm nicht noch mehr Versuche einräumen. „Fünf Minuten Pause für alle.“ Sie schaute zu, wie der Junge seine CD nahm und niedergeschlagen von der Bühne stieg. Und dann geschah etwas, das Katy tief im Herzen berührte: Am Fuß der Treppe wurde der Junge von sechs Freunden in Empfang genommen, Kinder, die schon von Anfang an beim Kindertheater waren. Gemeinsam kamen sie von den Plätzen, wo sie saßen, auf ihn zu und bildeten einen Kreis um ihn, umarmten ihn und ließen ihn wissen, dass er zwar ein Vorsingen verpatzt hatte, aber dass sie ihn trotzdem liebten und seine Freunde waren. Bei dieser Szene traten Katy Tränen in die Augen. Gott, du zeigst mir immer wieder, warum ich hier und nicht in Hollywood bin. Aber was ist mit meiner Annie? Bitte lass hier irgendwo eine Annie dabei sein. Sorge dich um nichts, meine Tochter. Die Antwort kam so prompt und so deutlich, dass Katy von ihrem Stuhl hochfuhr. Die Worte waren Teil eines Verses aus dem Philipperbrief, Worte, an die sich Katy oft in ihrem Leben geklammert hatte. Aber jetzt hatten sie eine stärkere Wirkung auf sie als je zuvor. Es war, als hätte der Geist Gottes direkt in ihre Seele gesprochen. „Geht es dir gut?“ Rhonda beugte sich zu ihr vor. „Ich könnte Stanley holen, falls du einen starken Mann brauchst.“ „Verschone mich.“ Katy tippte mit ihrem Bleistift auf den Tisch. „Ist dir aufgefallen, dass wir unsere Annie noch nicht haben?“ Rhonda verzog das Gesicht. „Mehr oder weniger.“ Katy hob eine Hand. „Wir haben Mädchen, die die Rolle spielen und singen könnten, aber sie sind zu alt oder zu groß.“ Jetzt streckte sie die andere Hand aus. „Die kleinen Mädchen haben die perfekte Größe, aber keine von ihnen kann eine Hauptrolle spielen.“ „Machst du dir deshalb Sorgen?“ „Ich habe Gott gebeten, uns eine Annie zu schicken.“ Die Kinder unterhielten sich lautstark. Katy musste sich weiter vorbeugen, damit Rhonda sie hören konnte. „Ich kann nicht irgendjemanden diese Rolle spielen lassen.“ „Und wir können sie nicht Bryan Smythe geben.“ Rhondas Augen funkelten. „Obwohl …“ Katy strich sich über das Gesicht. „… mit einer gelockten, roten Perücke könnte er vielleicht …“ 25


Das Vorsingen ging weiter, und schließlich hüpfte in der letzten Gruppe ein kleines Mädchen mit hüftlangen Haaren auf die Bühne und grinste Katy und Rhonda an. „Hallo, ich heiße Kelsy Bouchey. Ich bin zehn Jahre alt und ich singe ‚Little Girls‘ aus Annie.“ Katy setzte sich belustigt zurück. Die Kinder wussten, dass sie beim Vorsingen kein Lied von der Figur singen sollten, die sie gern spielen wollten. Katy hatte sie immer wieder gewarnt, dass sie damit ihre Chancen verringern würden. Es wäre falsch von Kelsy gewesen, „Tomorrow“ zu singen. Aber „Little Girls“ war etwas anderes. In dem Stück wurde dieses Lied von Miss Hannigan gesungen, was Kelsy jetzt die Möglichkeit gab, ihre Interpretation des Liedes vorzutragen. Genau das tat sie. Mit einer Stimme, die kräftig und süß war, sang sie das Lied ohne Fehler und zeigte mehr Selbstsicherheit als alle anderen kleinen Mädchen. Als sie fertig war, hatte Katy keine Zweifel mehr. Sie hatte mit ihrer Einschätzung vor dem Beginn des Vorsingens recht gehabt: Heute Abend war wirklich etwas Besonderes passiert. Sie hatten ihre Annie gefunden.

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