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Kapitel 1 In blauen und grünen Streifen zog die Landschaft am Zugfenster vorbei. Ich hatte den Kopf an das kühle Glas gelehnt und starrte angestrengt nach draußen, als könnte ich in den vorbeifliegenden Farbstreifen etwas Interessantes entdecken. Es war unerträglich heiß in dem kleinen Abteil. Die Luft war schwer und roch abgestanden, und wenn ich tief einatmete, hatte ich einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Selbst für einen Augusttag war es ungewöhnlich warm. Meine Kehle brannte vor Durst, aber meine Wasserflasche war längst leer. Obwohl meine unfreiwillige Reise mich bisher nur wenig interessiert hatte, wurde ich langsam unruhig. An den Fersen spürte ich meinen Koffer, der unter dem Sitz lag und in dem sich mehr als das Gepäck für eine Ferienreise befand. Die Dauer meines Aufenthalts war ungewiss. „Guten Tag, junge Frau.“ Ein Schaffner mit buschigem Schnurrbart stand in der Tür und schenkte mir ein unechtes Berufslächeln. „Dürfte ich wohl Ihre Fahrkarte sehen?“ Ich nickte und kramte das Ticket aus meiner Hosentasche. Der Schaffner sah mir in die Augen, als ich ihm 5


das zerknitterte Papier reichte. Vielleicht wartete er darauf, dass ich etwas sagte. Situationen wie diese waren vermutlich der einzige Grund, warum meine Eltern mich nicht mit dem Auto zu Tante Nora brachten. Ich fühlte, dass ihr Plan beinahe aufgegangen wäre. Aber meine Kehle war wie zugeschnürt. Eigentlich war es ein mieser Trick, um mich zum Sprechen zu bringen. Ich hätte ihn sofort durchschauen können, hätte ich vorher darüber nachgedacht. Meinen Eltern war mittlerweile jedes Mittel recht, um mein Schweigen zu beenden. Immerhin dauerte es nun schon mehrere Wochen an. Aber solange es nichts zu sagen gab, würde ich diesen Selbstschutz auch nicht aufgeben. Für mich war es eine ganz rationale Überlegung. Man redet, um anderen etwas mitzuteilen. Und es gab niemanden, dem ich wirklich etwas mitteilen wollte, das von Bedeutung war. Also schwieg ich. Meine Eltern hatten einen anderen Namen für dieses Verhalten: posttraumatische Belastungsstörung. Diese Bezeichnung hatten sie von einem Psychologen. Der Schaffner gab mir die Fahrkarte zurück und setzte seinen Kontrollgang fort. Ich ließ mich wieder gegen die Fensterscheibe sinken und schloss die Augen, um in Ruhe über alles nachdenken zu können. Die letzten Tage hatten mich sehr erschöpft. Dabei stand mir das wirkliche Abenteuer erst noch bevor. Das alles gehörte natürlich zum Plan meiner Eltern. Mich aus meinem vertrauten Umfeld, das mein Schneckenhaus geworden war, herauszureißen, war der erste Punkt. Mich zu zwingen, wieder zu sprechen, war der zweite. Nachdem meine Eltern beschlossen hatten, mich für eine Weile zu Tante Nora zu schicken, war alles sehr schnell gegangen. Zu schnell, als dass ich mich hätte 6


wehren können. Außerdem wäre die Alternative dazu ein Aufenthalt in der Psychiatrie gewesen. Ein Besuch bei Tante Nora war nun auch nicht das schlechteste Los. Ich mochte meine immer ruhige, hagere alte Tante sehr gerne. Sie machte den Eindruck, immer alles vollkommen im Griff zu haben und nie die Kontrolle über etwas zu verlieren. In ihrem Leben hatte alles einen festen Platz. So ähnlich war das bei Kai auch immer gewesen. Um seine Beständigkeit hatte ich ihn manchmal beneidet. Kai hatte tyrannisch sein können, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Aber eigentlich hatte ich ihn für seine Entschlossenheit geliebt, weil sie etwas gewesen war, an dem es mir selbst gemangelt hatte. Kai hatte immer gewusst, was er wollte und wie die Welt zu sein hatte. Und ich hatte es nie gewusst. Ich war mir nur sicher gewesen, dass ich mich seinen Zukunftsplänen bedenkenlos anschließen konnte. Und nun wiederum war alles, was ich wusste, dass es unendlich wehtat, in der Vergangenheit von ihm zu denken. Ich presste die Handballen an meine Schläfen, um die Gedanken zurückzudrängen. So glasklar wie jetzt waren sie in den vergangenen vier Wochen nicht gewesen. Seinen Tod so rational zu begreifen, machte es nicht leichter. Es fühlte sich an, als würde etwas in mir beginnen, sich damit abzufinden. Ich wollte Kai nicht verraten, indem ich es einfach so hinnahm, dass er nicht mehr da war. Der Pfarrer, der bei der Beerdigung gesprochen hatte, hatte gesagt, Kai sei zwar nun nicht mehr bei uns, aber auch nicht einfach verschwunden. Von der Kirche und ihren leeren Versprechungen wollte ich nichts wissen. Solche Sprüche waren nur Trost für die Angehörigen. Kai war nicht einfach nur verreist, er war nicht weggezogen 7


und er versteckte sich nicht irgendwo. Er hatte aufgehört zu existieren. Ich hatte seinen toten Körper gesehen. Natürlich nicht während der Beerdigung. Der Sarg war fest verschlossen geblieben, um den Angehörigen diesen Anblick zu ersparen. Aber an der Unfallstelle war niemand gewesen, der mir irgendetwas davon erspart hätte. Das war auch ein weiterer guter Grund für mein Schweigen. Ich war die einzige Person, die dabei gewesen war. Das bedeutete, ich war die Einzige, die wusste, was wirklich passiert war. Dass Kai den Wagen gar nicht hätte fahren dürfen, weil er erst siebzehn gewesen war und keinen Führerschein gehabt hatte, das wussten sie natürlich alle. Aber dass er nicht nüchtern gewesen war, dass er nicht auf die Straße geachtet hatte, das wusste niemand außer mir. Sie hatten Kai aus dem Autowrack herausschneiden müssen. Zuerst ganz vorsichtig, und als sie dann eingesehen hatten, dass es keinen Sinn mehr hatte, grob und rücksichtslos. Sie hatten lange gebraucht, bis sie begriffen hatten, dass er tot war. Dabei hätten sie eigentlich nur mich fragen müssen, denn immerhin hatte ich noch Minuten zuvor neben ihm gesessen, ehe ich mich über den Rücksitz hatte befreien können. Ich hätte ihnen sagen können, dass ich verzweifelt nach seinem Puls gesucht, ihn aber nicht gefunden hatte. Nun musste ich mir die Handfläche gegen den Mund pressen, damit meinen Lippen kein lautes Schluchzen entwich. Die Erinnerungen, die in den ersten Tagen nur bruchstückhaft durch den Nebel hatten dringen können, waren mittlerweile gestochen scharf. Mit fest zugedrückten Augen ließ ich mich vom Ledersitz auf den Boden sinken und umschlang meine angewinkelten Beine mit den Armen. Und jetzt kamen auch die 8


Tränen, die ich schon den ganzen Tag zurückgehalten hatte. „Kann ich Ihnen helfen?“ Die fremde Stimme lichtete den Nebel, der sich um mich geschlossen und mich in der schrecklichen Erinnerung festgehalten hatte. Plötzlich befand ich mich wieder in einem stickigen Zugabteil und kauerte mit tränenüberströmtem Gesicht auf dem schmutzigen Boden. Die Stimme gehörte zu einem jungen Mann, den man vielleicht auch noch als Jungen bezeichnen konnte. Er stand in der Abteiltür und sah ziemlich erschrocken aus. Ich schüttelte stumm den Kopf und wischte mir hastig die Tränen aus dem Gesicht. „Bist du sicher?“, fragte er beharrlich und ging ganz beiläufig dazu über, mich zu duzen. Mit einer einzigen schnellen Bewegung war er neben mir und wollte mir aufhelfen. „Nicht anfassen!“ Meine Stimme war rau und brüchig und für einen Moment fragte ich mich selbst, warum sie so fremd klang. Dann entwand ich meinen Arm dem Griff des Jungen und schlug die Hand vor den Mund. „Keine Angst.“ Er trat einen Schritt zurück und betrachtete mit einer Mischung aus Verwirrung und Schrecken, wie ich mich aufrappelte und auf den Ledersitz sinken ließ. Langsam beruhigte sich mein Atem und das Brennen in den Augen ließ nach. Der Junge setzte sich unaufgefordert neben mich, wahrte aber diesmal einen gehörigen Sicherheitsabstand. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er sich eine der schulterlangen verfilzten Dreadlocks aus dem Gesicht strich und mich eingehend musterte. „Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?“ Ich nickte und wischte mir noch einmal über die Augen. Ich wollte ihm sagen, dass er weggehen solle, aber 9


meine Kehle war wieder wie zugeschnürt. Fest presste ich die Lippen aufeinander und mied den Blick meiner unerwünschten Gesellschaft. „Der Zug kommt jeden Moment in Gunzenhausen an“, redete der Junge weiter. „Musst du dort aussteigen?“ Und weil ich nicht reagierte, fuhr er fort: „Oder hast du deine Haltestelle verpasst?“ Ich schüttelte starr den Kopf. „Nein, du hast sie nicht verpasst, oder nein, du musst dort nicht aussteigen?“ Ich hörte seiner Stimme an, dass er lächelte. Mir war ganz und gar nicht zum Lächeln zumute. „Hör mal, ich wollte dich nicht erschrecken.“ Er wirkte jetzt ein bisschen hilflos, aber ich achtete nicht weiter auf ihn, sondern sah aus dem Fenster, vor dem nun die ersten Häuser der Stadt sichtbar wurden. Gunzenhausen war klein. Das sah ich auf einen Blick und wusste es ohnehin von vergangenen Besuchen bei Tante Nora. Kein Vergleich zu München. Ratternd fuhr der Zug in den Bahnhof ein und ich sprang auf, um meinem lästigen Begleiter zu entkommen, der Anstalten machte, mir den großen Koffer abzunehmen. Achselzuckend ließ er die Hände sinken, als ich mein Gepäck nur fest umklammerte und mich an ihm vorbei nach draußen schob.

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Kapitel 2 Der Bahnsteig war wie leergefegt, obwohl mit uns ein paar weitere Leute ausstiegen. Neben einem großen Blumenkasten stand Tante Nora und winkte lächelnd in meine Richtung. So schnell, wie man es einer Frau in ihrem Alter gar nicht zutraute, stand sie auch schon neben mir und entriss mir den Koffer. „Leona“, sagte sie nur und zog mich in eine ungeschickte Umarmung. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Tante Nora mich in den letzten Jahren jemals umarmt hätte. Beim Gedanken an die zahllosen tröstenden Umarmungen der letzten Wochen brannten wieder Tränen in meinen Augen. „Wie ich sehe, hast du Raphael schon kennengelernt“, sagte sie dann mit fester Stimme und ich sah, dass der Junge aus dem Zug sich zu uns gesellt hatte. Er bedachte mich mit einem skeptischen Blick und wandte sich dann lächelnd an Tante Nora: „Deine Nichte, nicht wahr?“ Tante Nora nickte und lächelte Raphael dankbar an, als er ihr meinen Koffer abnahm und ihn zur Treppe schleppte. Vollkommen perplex folgte ich den beiden und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Es war am Einfachsten, an gar nichts zu denken. Das minderte 11


die Gefahr, durch irgendetwas an Kai erinnert zu werden. „Steig doch schon mal ein“, forderte Tante Nora mich auf, als wir den Parkplatz erreichten, auf dem ihr klappriger Golf stand. Der einst weiße Lack hatte einen fleckigen Beigeton angenommen und blätterte an manchen Stellen ab wie bröckeliger Putz. Ich ließ mich auf den Beifahrersitz sinken und kurbelte das Fenster ein Stück herunter, obwohl die Luft außerhalb des Wagens nicht viel erfrischender war als die im stickigen Innenraum. „Soll ich dich mitnehmen?“, wandte Tante Nora sich draußen an Raphael, der mein Gepäck in den Kofferraum gewuchtet hatte. „Nein danke.“ Ich hörte seiner Stimme schon wieder das Lächeln an und es versetzte mir einen schmerzhaften Stich. „Ich muss noch ein paar Dinge erledigen. Ich nehme den Bus.“ Die Kofferraumklappe knallte zu und die Stimmen wurden leiser. Ich beobachtete eine Fliege, die immer wieder gegen die Windschutzscheibe surrte und panisch nach draußen zu gelangen versuchte. „Wird sie länger bei dir bleiben?“, fragte Raphael meine Tante und ich wusste, dass er von mir sprach. „Raphael“, seufzte Tante Nora mit gesenkter Stimme. „Mach dir keine Mühe.“ Die Fliege knallte im Flug gegen das Glas und taumelte durch die Luft. „Sie spricht mit niemandem.“ Ich lauschte angestrengt der darauf folgenden Stille und wartete darauf, dass Raphael das Gegenteil behauptete. Aber er schwieg oder sprach zumindest so leise, dass ich ihn nicht hören konnte. Wenige Sekunden später kletterte Tante Nora neben mir auf den Fahrersitz und startete den Motor. 12


Im Rückspiegel sah ich noch, wie Raphael uns nachwinkte. „Ein netter Junge“, sagte Tante Nora mehr zu sich selbst als zu mir. „Soll ich deine Mutter anrufen, dass du gut angekommen bist?“ Ich zuckte gleichgültig die Schultern. Solange sie mir nicht das Telefon in die Hand drückte, war es mir herzlich egal. Aber wenn ich die Stimme meiner Mutter hören würde, würde ich vermutlich wieder die Beherrschung verlieren und in Tränen ausbrechen. Von meiner Familie wollte ich nicht so schnell oder am liebsten überhaupt nichts mehr hören. Von meinen Eltern fühlte ich mich verraten, weil sie mich zu Tante Nora nach Gunzenhausen geschickt hatten, und zu meinem Bruder hatte ich seit Jahren kein allzu gutes Verhältnis mehr. Timo und ich waren sehr verschieden. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen meinem drei Jahre älteren Bruder und mir war unser Starrsinn. Dass Timo stur war, das konnte man ertragen. Das Problem war nur, dass er seine Meinung nie für sich behalten konnte. Timo hatte Kai nicht besonders gut leiden können. Ich glaube nicht, dass es an Kais Verhalten oder seinem Charakter lag. Es war schlicht und einfach die Tatsache gewesen, dass Kai sich für mich interessiert hatte. Kai war der erste Junge gewesen, mit dem ich ausgegangen war, und Timo war von Anfang an skeptisch gewesen, ob diese Beziehung gut für mich war. Und er hatte Kai spüren lassen, dass er ihm nicht traute. „Da wären wir.“ Tante Nora bugsierte den Wagen in die schmale Einfahrt und stieg aus. Bis auch ich mich überwunden hatte, das Auto zu verlassen, hatte sie schon den Koffer aus dem Kofferraum gezerrt. Ich nahm ihn ihr schweigend ab und folgte ihr durch das knarrende Gartentor zur Haustür. 13


Haus und Garten hatten sich kaum verändert. Halbvertrocknete Sonnenblumen überragten den schäbigen Jägerzaun, Efeu kletterte an der ehemals weißen Fassade empor und die Äste des alten Apfelbaums neigten sich unter dem Gewicht der reifenden Früchte gen Boden. Ich versuchte mich zu erinnern, wann Tante Nora in dieses Haus gezogen war. Früher hatte sie am östlichen Stadtrand in einem großen Haus gelebt, gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern. Aber nach dem Tod von Onkel Wolfgang waren sie und ihr jüngster Sohn Daniel hierher gezogen. Mittlerweile lebte Daniel in den Vereinigten Staaten und Tante Nora wohnte ganz allein in diesem Haus. Bis zum heutigen Tag war mir noch nie die Idee gekommen, dass sie einsam sein könnte. „Ich habe dir das Zimmer im Dachgeschoss hergerichtet“, erklärte Tante Nora, während sie die Tür aufschloss und mich in den Flur schob. Der vertraute Geruch von Pfefferminztee und altem Holz empfing mich. Unschlüssig stand ich im schmalen Flur, der durch die rosafarbene Blumentapete irgendwie beengend wirkte, und wartete darauf, dass das seltsame Gefühl des Fremdseins verschwand und der schwachen Vertrautheit wich, die nur langsam in mir aufkam. Benno rettete den Moment. Benno war Tante Noras betagter Schäferhund mit dem Dackelblick und dem Verhalten eines verspielten Welpen. Soweit ich zurückdenken konnte, hatte Benno zu Tante Nora gehört. Und Benno schien sich auch an mich zu erinnern, denn er begrüßte mich mit freudigem Kläffen und sprang an mir hoch, um mir das Gesicht abzulecken. „Brav“, beruhigte Tante Nora Benno und zog ihn 14


am Halsband von mir, als befürchtete sie, ich könne Angst vor ihm haben. Dabei hatte ich schon als kleines Mädchen mit Benno gespielt und niemals Angst vor Hunden gehabt. „Soll ich deinen Koffer nach oben bringen?“, fragte Tante Nora unbehaglich und hielt weiterhin Benno zurück. Nun wirkte sie unsicher. Hastig schüttelte ich den Kopf, tastete nach dem Griff meines Koffers und machte mich daran, ihn die schmale Holztreppe nach oben zu schleppen. Das Obergeschoss bestand nur aus einem einzigen Zimmer, das durch eine Tür von dem winzigen Stück Flur am Treppenabsatz getrennt war. Früher einmal war es Daniels Zimmer gewesen. Wenn meine Mutter und ich Tante Nora besucht hatten, hatte es uns als Gästezimmer gedient. Das Zimmer hatte sich verändert. Ein wuchtiger Schreibtisch war neben das fast leere Bücherregal gequetscht worden und das einzelne Bett schien den halben Raum auszufüllen. Mit dem unteren Ende stieß es fast an die alte Kommode neben der Tür. Auch die blütenweißen Vorhänge waren neu. Neben den eher grauen Wänden mit der hässlichen Blumenbordüre stachen sie richtig ins Auge. Offenbar hatte Tante Nora versucht, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Weil die Untätigkeit meine Hände zittern ließ, hob ich den schweren Koffer auf das frisch bezogene Bett und klappte ihn auf. Zuoberst lag ein in ein Handtuch eingewickelter Bilderrahmen, den ich eigentlich hatte zu Hause lassen wollen. Aber ich hatte es nicht übers Herz gebracht, mich von ihm zu trennen. Vorsichtig nahm ich das Erinnerungsstück heraus und stellte es, ohne einen Blick darauf zu werfen, auf den winzigen Nachttisch zwischen Bett und Regal. Ich 15


drehte den Rahmen so, dass ich das Bild nicht sehen konnte, aber ich hatte es dennoch sofort vor Augen. Ein sehr glücklicher Kai mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Konzentriert nahm ich einen Kleidungsstapel nach dem anderen aus dem Koffer und legte sie in die freie Schublade der Kommode. Ich konnte mich nicht erinnern, so viele Dinge eingepackt zu haben. Außer Kleidung hatte ich nicht viel dabei. Die wenigen Bücher fanden leicht Platz in den leeren Reihen des Regals. Es hatte etwas fast Selbstverständliches, sich so häuslich einzurichten. Vielleicht war es die tiefe Resignation in meinem Inneren. Es war mir egal, ob ich hier oder zu Hause in München war. In den letzten zwei Jahren war ich nur mit Widerwillen verreist. Jeder Tag außerhalb von München war ein Tag ohne Kai gewesen. Und jeder Tag ohne Kai war mir sinnlos erschienen. An manchen Tagen hatten wir uns nur kurz gesehen, andere hatten wir von früh bis spät miteinander verbracht. Aber Kai in meiner Nähe zu wissen, hatte mir eine tiefe Sicherheit gegeben. Seit Kai tot war, hatte ich nirgendwo mehr dieses Gefühl der Geborgenheit. Ich war heimatlos geworden. Dabei war Kai nicht meine einzige Zuflucht gewesen. Ich hatte bei meiner Familie gelebt. Aber selbst diese schien mir verändert seit seinem Tod. War es die übertriebene Rücksicht im Umgang mit mir, war es das plötzliche Verstummen aller Gespräche, wenn ich den Raum betrat, oder war es nichts als meine eigene Paranoia? Ich konnte es nicht sagen. „Kommst du zurecht?“, rief Tante Nora von unten. Ich ahnte, dass sie mich in den nächsten Tagen keinen Augenblick länger als nötig aus den Augen lassen würde. Vielleicht hatten meine Eltern sie sogar gewarnt, ich könne mir etwas antun. Dabei hatte ich nie ernst16


haft darüber nachgedacht. Kai hatte immer gesagt, Selbstmord sei feige. Und ich fand, er hatte recht. Außerdem hatte ich viel zu große Angst vor dem Sterben. Ich verließ nur widerwillig die angenehme Stille des Dachzimmers und begab mich nach unten, wo Benno mich schwanzwedelnd empfing. Ich streichelte ihm das weiche Fell und ließ mich dann unschlüssig, was ich tun sollte, auf einen der beiden Küchenstühle sinken. Tante Noras Küche war gleichzeitig ihr Wohnzimmer. Auf einer Seite befand sich die Kochnische und der Esstisch, auf der anderen ein historisch anmutendes Sofa und Bennos Hundekörbchen. Einen Fernseher gab es nicht, nur ein übergroßes Radio mit schiefer Antenne. „Möchtest du einen Tee?“ Tante Nora hatte bereits zwei große Tassen und eine Zuckerdose auf den winzigen Tisch gestellt und holte nun eine Kanne mit kochendem Wasser vom Herd. Ich antwortete nicht, sondern nahm nur mit einem Nicken die Tasse entgegen, die sie mir zuschob. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten versuchte Tante Nora nicht, mein Schweigen durch sinnloses Geplapper auszugleichen. Meine beste Freundin – es war seltsam, sie noch als solche zu bezeichnen – Jana hatte das getan. Meine Eltern hatten es auch manchmal versucht, nur in den vergangenen Tagen waren sie zunehmend stiller geworden. Vielleicht war meine Tante die Stille einfach schon zu sehr gewohnt. Jedenfalls trank sie schweigend ihren Tee und ließ mich meinen Gedanken nachhängen. Erst als die Tassen schon fast leer waren, ergriff sie das Wort. Man merkte ihr an, dass sie lange mit sich selbst gerungen und sich die Sätze sorgfältig zurechtgelegt hatte. 17


„Leona, ich will ganz ehrlich zu dir sein. Der Gedanke, die Verantwortung für dich übernommen zu haben, behagt mir nicht.“ Sie holte tief Luft. „Aber deine Eltern wussten nicht mehr weiter und ich habe immer noch die Hoffnung, ihnen und dir helfen zu können.“ Kurz sah sie mich an, als erwarte sie eine Reaktion, aber dann fuhr sie fort. „Ich bin kein Psychiater und mein Haus ist keine geschlossene Anstalt. Du kannst also gehen, wohin du willst. Ich möchte mich nur darauf verlassen können, dass du heil und nicht zu spät zurückkommst.“ Sie zögerte. „Und ich möchte wissen, wohin du gehst.“ Wir tauschten einen Blick und ich fragte mich, wie sie sich die Verständigung vorstellte. Ich hatte nicht vor, mit ihr zu sprechen. Ich wusste, würde ich erst nachgeben, würde ich auch wieder verletzlich werden. Tante Nora würde mir Fragen stellen über Kai und über den Unfall. „Wir werden uns schon verstehen“, seufzte sie und trank ihre Tasse leer. Ich war nicht sicher, ob sie damit die Verständigungsprobleme oder die Allgemeinsituation meinte, aber ich erkannte wohl, dass sie das Gespräch damit beendet hatte. Hastig trank auch ich den letzten Schluck Tee und flüchtete aus der Küche. Ich wollte allein sein, einen Moment über alles nachdenken und meine Gefühle sortieren. Im Dachzimmer warf ich mich auf das Bett und vergrub das Gesicht in dem nach Waschmittel riechenden Kissen. Fest umschlang ich es mit den Armen, als wollte ich mich daran festhalten. Aber das Gefühl, aus großer Höhe in einen schwarzen Abgrund zu fallen, konnte ich nicht abschütteln. Ich löste mich vom Stoff des Kissens, um nach dem Bild auf dem Nachttisch zu greifen. Ich wusste genau, 18


dass der Anblick wehtun würde, aber er war wie eine Droge. Ich wollte Kai sehen, ich wollte den Schmerz fühlen. Auf dem Glas waren Fingerabdrücke zu sehen. In den vergangenen Wochen hatte ich es oft stundenlang in Händen gehalten und auf das bewegungslose Abbild meines Freundes gestarrt, das so leblos und doch so viel lebendiger war als er. Ich hätte alles darum gegeben, ihn so in Erinnerung zu behalten wie auf dem Foto; lächelnd und glücklich, gesund und wohlauf. Aber wenn ich an Kai dachte, sah ich zuallererst das Blut, die Scherben und seine unnatürlich verdrehte Haltung, in der er zwischen Autositz und Karosserie eingequetscht worden war. Hinter den matten Abdrücken auf dem Glas strahlte Kai mir entgegen. Das blonde Haar wehte ihm um das Gesicht. Meine Mutter hatte ihn immer dazu drängen wollen, zum Friseur zu gehen und sich die Haare schneiden zu lassen. Aber wenn Kai mit etwas an sich wirklich zufrieden gewesen war, dann mit seinem langen Haar. Ich hatte schon immer gefunden, dass es zu ihm passte. Es hatte seine markanten Gesichtszüge ein bisschen weicher wirken lassen und er hatte die niedliche Angewohnheit gehabt, sich immer wieder imaginäre Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen, wenn er nervös war. Ich presste die Lippen an das kalte Glas und schloss die Augen. In Gedanken durchdrang mein schwereloser Körper das Glas und auch das festgefrorene Bild, welches das Foto eingefangen hatte. „Keine Fotos“, sagte Kai und musste vor Lachen nach Luft schnappen. „Nicht während ich ersticke.“ Er hielt sich den Bauch und ließ sich auf das Sofa sinken. Ich riss die Augen auf und legte den Bilderrahmen 19


schnell mit dem Foto nach unten auf den Nachttisch zurück. Mein rasender Herzschlag pochte schmerzhaft gegen meine Rippen. Ich dachte angestrengt nach, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, über was Kai damals so sehr gelacht hatte. Ich hatte schon begonnen, ihn zu vergessen. Die Erinnerung war bereits dabei zu verblassen und irgendwann würde mir nichts mehr von Kai bleiben. Zum zweiten Mal an diesem Tag gab ich den Tränen nach. Im Laufe der vergangenen Woche hatte ich geglaubt, einfach keine Tränen mehr übrig zu haben. Vier Wochen waren seit Kais Tod vergangen, aber die Tränen hatten immer neue Quellen entdeckt, aus denen sie hervorbrechen konnten.

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