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1 Wenn die Welt wüsste, wie verrückt mich, Wesley Williams genannt Wes, das alles macht, würde sich nicht einmal die Sonne trauen, auf diesen hässlichen Ort zu scheinen. Ich blinzle hinauf zu dem feurigen heißen Ball, der mich so ins Schwitzen bringt. Ich kann nur schnell über den kochend heißen Bürgersteig rennen, dann immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmen. Und schon gehe ich unter dem Schild durch, das ich schon hunderte Male vor mir gesehen habe. Doch es regt mich immer noch auf. In schwarzen Buchstaben steht dort: Tierheim Nice. Na toll. Nice – schön. Dieser Ort ist bestimmt kein Heim. Für niemanden. Und vor allem ist es hier nicht schön. Kein Tier fühlt sich hier wohl. Das Problem ist, dass die ganze Stadt Nice heißt. Ein schöner Ort, wenn man auf Gemeindeversammlungen und Familienpicknicks steht. Doch das tue ich nicht. Und ich bleibe auch nicht für immer in Nice. Bald verschwinde ich hier. Das ist sicher. Sobald meine Mutter aus der Entzugsklinik entlassen wird, ziehe ich nach Chicago zurück, suche mir da einen Job und eine kleine Wohnung mit Garten für Rex, meinen Hund. Und ich werde einen Hund für meine Mutter trainieren, damit auch sie einen Beschützer hat. Nice in Illinois ist der letzte Ort, wo meine alte Clique aus Chicago mich vermuten würde. So viel ist schon mal sicher. In diesem verschlafenen Städtchen 5


liegt wirklich der Hund begraben, nichts los hier. Alles ist langweilig und gewöhnlich, alles außer mir. Wieder blicke ich nach oben auf das Schild des Nicer Tierheimes. Das ist echt ein Witz. Ich habe mit meinen 14 Jahren schon viel Hässliches gesehen, doch nichts übertrifft diesen Hundezwinger. Und nichts anderes ist dieses Tierheim, egal was es sich für einen tollen Namen gibt. Es ist nur ein Hundezwinger. Zwinger sind wie Todeszellen für die Unschuldigen, die ohne Gerichtsverhandlung verurteilt wurden. Ich atme tief ein, zerre die Tür auf und gehe hinein. Obwohl es draußen heiß ist, schlägt mir kalte Luft entgegen. Die armen Tiere im Zwinger hinter dem Haus haben bestimmt keine Klimaanlage. Sogar hier im Eingangsbereich riecht es nach altem Katzenfutter und Ammoniak. „Kann ich dir helfen?“, fragt mich eine junge blonde Frau, die ich hier noch nie zuvor gesehen habe. Sie lächelt. Ihre Haut ist so weiß, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie jemals in der Sonne war. Ich habe schon Schnee gesehen, der nicht so weiß war, wie dieses Mädchen. Ich vermute, dass sie neu ist, wahrscheinlich nur eine Aushilfe. Jeder, der kann, verlässt die Stadt im August, wenn es so schrecklich heiß hier wird. Meine Mutter hat immer darüber gesprochen, irgendwann einmal Urlaub in Florida zu machen. Das war, als ich noch klein war und Disney World cool fand und Mickey Maus für echt hielt. „Ist der Aufseher für die Hunde da?“, frage ich, während ich auf den großen Schreibtisch in der Mitte der Eingangshalle zugehe. „Er ist die ganze Woche im Urlaub“, antwortet sie. „Willst du vielleicht ein Antragsformular ausfüllen, um einen Hund zu adoptieren?“ Sie hält ein Blatt 6


Papier hoch, das ich schon dutzende Male ausgefüllt habe. „Ich habe hier schon eine Akte.“ Ich höre meine eigene Stimme, als gehöre sie jemand anderem. Die Worte kommen scharf wie Messerklingen und kalt wie Hagelkörner aus meinem Mund. Ich sage mir selber, dass ich nichts gegen das Mädchen persönlich habe. Ich bin nur sauer auf die Leute, die ihre Tiere an einen Ort wie diesen abschieben. Das Mädchen sieht mich ängstlich an. Ich bin nicht groß, aber ich bin farbig. Das ist in Nice definitiv etwas Besonderes. In meinem alten Viertel im Süden Chicagos wäre sie als Weiße etwas Besonderes gewesen. In meinem Gesichtsausdruck gibt es keinen Hinweis auf Freundlichkeit. Deshalb ist die Chance groß, dass dieses Mädchen sich sowieso vor mir fürchten würde. Egal, was ich für eine Hautfarbe habe. „Warum setzt du dich nicht dort drüben hin und füllst das Formular aus?“ Das Mädchen streckt mir wieder das Blatt entgegen. „Du brauchst sicher nur ein paar Minuten.“ Ihr Lächeln ist wieder zurückgekehrt. „Wir haben viele Tiere zur Auswahl.“ Irgendwie bringt mich der Gedanke daran, dass viele Tiere hier leiden müssen, gar nicht zum Lächeln. Bevor ich ihr das sagen kann, kommt schon die dürre Frau, die sich donnerstags immer um das Tierheim kümmert, durch die Schwingtür hinter dem Schreibtisch. Mit ihr kommt das Gebell und Gejaule eingesperrter Tiere, die auf ihr Schicksal warten. Morgen, am Freitag, werden hier alle Streuner umgebracht. Sie nennen es allerdings „Einschläfern“ oder einfach nur „sich darum kümmern“. Mich macht das rasend. Die dürre Frau trägt eine graue Uniform, in der sie aussieht wie ein Mann. Sie heißt Wanda. Zumindest 7


steht Wanda in gelben Buchstaben vorne auf der Brusttasche. „Du schon wieder!“ Sie sagt das, ohne zu lächeln. Ich finde das gut, denn sie ist wenigstens ehrlich. Wanda wendet sich an die Rezeptionistin. „Wes ist in Ordnung. Du kannst ihn immer durchlassen. Er arbeitet mit den Coolidges auf der Farm. Du weißt schon. Diese Tierrettungsstation ‚Last Hope‘.“ „Du arbeitest da?“, fragt das blonde Mädchen ungläubig. „Ja.“ Sie scheint von dieser Nachricht so überrascht zu sein, dass es mich reizt ihr zu sagen, dass ich nicht nur dort arbeite. Ich lebe dort. Aber vielleicht wäre das jetzt zu viel für sie. „Kennst du Hank Coolidge?“ Sie sieht mich mit großen runden Augen an. Hank ist mein 16-jähriger … was? Stiefbruder, denke ich. Er ist das einzige leibliche Kind der Leute, bei denen ich lebe – den Coolidges. Alle zusammen sind wir sechs – die Coolidges und ihr Sohn und drei Pflegekinder. Jedes Mädchen in Nice scheint auf Hank zu stehen. Ich verstehe das nicht, aber so ist es eben. „Ich kenne ihn“, gebe ich endlich zu. „Kannst du ihm ausrichten, dass Lissa ihn grüßen lässt?“, fragt sie. Sie erinnert mich sehr an einen Colliewelpen, für den ich vor ein paar Wochen ein Zuhause gefunden habe. Viel zu nett, aber die meisten Leute schätzen das. Anstatt zu bestätigen, dass ich ihr Laufbursche sein werde, wende ich mich an Wanda. Wanda versteht mich. Sie geht wieder auf die Tür zu und bedeutet mir mit einem Nicken, ihr zu folgen. Die Hunde hören uns kommen und fangen wieder an zu bellen. 8


„Also, Wes, wie geht’s?“, ruft Wanda über das Gebell hinweg. Diese Frau ist echt in Ordnung. Aber ich werde ihr nichts über mich erzählen. Das geht sie nichts an. Und auch sonst niemanden. Ein „Wie geht’s?“ beantworte ich grundsätzlich mit einem „Ganz ok.“ Trotzdem, für einen kurzen Moment überlege ich mir, ob ich nicht doch einmal sagen soll, wie ich mich wirklich fühle. Wie es mir geht? Also, meine Mutter ist in einer Entzugsklinik. Ich habe sie seit Februar nicht mehr gesehen und habe seit drei Monaten, zwei Wochen, und vier Tagen nicht einmal mehr mit ihr telefoniert – aber wen interessiert das? Ich weiß nicht, ob ich es aushalte, noch neun weitere Tage darauf zu warten, sie endlich wiederzusehen. Dann wird sie nämlich aus dieser Klinik entlassen. Ich musste das einzige Heim verlassen, das ich jemals gekannt habe, und jetzt lebe ich auf einer Farm bei einer Pflegefamilie. Mein Stiefbruder ist der Schwarm aller Mädchen und von meinen Stiefschwestern hat die eine Krebs und die andere ist eingebildet. Der einzige Ort, wo ich regelmäßig hingehe, ist dieser Zwinger, wo sie fast alle Tiere töten, die ich nicht retten kann. Also, wie fühle ich mich? Das kannst du dir bestimmt denken. „Ganz ok“, antworte ich. Der Gestank aus den Zwingern ist so stark, dass ich ihn fast auf meiner Haut fühlen kann. Am liebsten wäre mir jetzt eine lange, kalte Dusche. „Was ist mit dem?“, frage ich und zeige auf eine weiße Hündin mittlerer Größe, mit kurzem Fell und einem Rattenschwanz. Sie ist in ihrem Käfig zusammengerollt. Wanda ist einen Kopf größer als ich. Ich muss mich strecken, um die Hunde in den oberen Käfigen zu sehen. Die Hündin, auf die ich gezeigt habe, hat sich nicht bewegt, seit wir den Raum betreten haben. Doch 9


ihre Augen sind scharf. Sie hat meine Bewegungen genau beobachtet. „Der ruhige da hinten? Ich bin mir nicht sicher“, antwortet Wanda. „Wir dachten, sie sei krank, als wir sie bekommen haben. Ich hatte sie für 48 Stunden in Quarantäne. Aber körperlich scheint mit ihr alles in Ordnung zu sein. Sie wurde nördlich der Stadt gefunden.“ „Terrier Mischling“, vermute ich. Ich schätze, dass der Hund klug und ungefähr vier Jahre alt ist. Wanda seufzt und ich merke, dass sie sich um die Hunde, die hierher gebracht werden, wirklich Sorgen macht. „Ich hatte gehofft, der Besitzer würde sich melden“, sagte sie. „Sie ist so mitleiderregend. Ich habe sie vier Leuten gezeigt, die sich für einen Hund interessiert haben, aber die wollten alle etwas Aufgeweckteres.“ „Welpen lassen sich bestimmt besser vermitteln oder?“, frage ich. Das ist nämlich genau das, was die meisten wollen. Jeder denkt, er könnte einen Hund besser erziehen, als ein anderer es schon getan hat. Niemand denkt daran, was das Beste für den Hund ist. Jeder denkt nur an sich. „Genau“, antwortet Wanda. Ich gehe die Reihe der Käfige entlang, weil ich es muss. Ich muss mich bewegen. Wenn ich es nicht tue, muss ich irgendwo gegen treten. Es macht mich verrückt, dass es Menschen gibt, die Tieren so etwas antun. Tieren, die ihnen nie etwas getan haben. Ich wünschte, ich könnte sie alle mitnehmen. Jeden Hund befreien. Aber ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass das Leben sich nicht nach meinen Wünschen richtet.

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2 Da ich aus diesem Zwinger nicht alle Hunde retten kann, muss ich so vielen helfen wie möglich. Ich muss die aussuchen, von denen ich mir sicher bin, dass ich sie trainieren und dann weitervermitteln kann. Hank macht das Gleiche mit Pferden und Dakota, meine neue Pflegeschwester, hilft ihm neuerdings dabei. Kat, meine jüngere Pflegeschwester, zähmt Katzen. Einmal hat sie einen Sack mit Kätzchen aus dem Teich gezogen, weil sie sie hat wimmern hören. Niemand sonst hat sie gehört. Nur Kat. Irgendjemand muss die Kätzchen ins Wasser geschmissen haben, um sie zu ertränken, kurz bevor Kat dort vorbeigekommen ist. Sie hat sich um alle Kätzchen gekümmert und sie gesund gepflegt. Dann hat sie sie an Familien vermittelt. Genauso machen wir das auf „Last Hope“. Wir kümmern uns um Tiere. Und die Coolidges kümmern sich um uns. Ich muss zugeben, dass man es eigentlich nicht besser treffen kann, wenn man ein Pflegekind ist. Ich brauche also Familienhunde, die auch mit Kindern zurechtkommen. Es ist nicht schwer herauszufinden, dass manche von diesen Streunern es nie zu einem guten Familienhund bringen werden. Ein brauner Hund, fast so groß wie ein Kalb, knurrt mich so böse an, als wolle er mich fressen. Und er könnte es, wenn das Gitter nicht zwischen uns wäre. Auch andere Hunde drehen fast durch, wenn ich mich ihrem Käfig nähere, knurren und fletschen ihre Zähne. Ein Hund jedoch scheint freundlich zu sein. Er wedelt jedes Mal mit dem Schwanz, wenn ich an seinem Käfig vorbeilaufe. Aber er ist hässlich. Er sieht aus wie ein Boxer, den man zu lange in den Trockner gesteckt 11


hat. Ich weiß aus Erfahrung, dass es schwierig wird, ihn zu vermitteln. Im Käfig an der Ecke in der untersten Reihe sehe ich einen hellbraun schwarz gescheckten Mischling, der mit einem Papierball spielt. Das erinnert mich an die Zeit, als ich mit meiner Mutter über einer Kneipe gelebt habe. Mein Lieblingsspielzeug waren Kronkorken. Jedes Mal brachte meine Mutter mir welche mit, wenn sie wieder einmal mit ihren Freunden einen getrunken hatte. Ich habe Burgen daraus gebaut. „Ein Beaglemischling, vielleicht“, vermute ich. Der Hund ist sehr abgemagert, ich schätze ihn auf etwa sechs Monate. Wanda zuckt die Schultern. „Der Tierfänger hat erzählt, dass der Mann, bei dem sie die vier Welpen und sechs Kätzchen gefunden haben, sich nicht erklären konnte, wie die armen Tiere in seinen Keller kamen.“ So etwas passiert immer wieder und keiner interessiert sich wirklich dafür. Das sind ja nur Tiere, denken sich die meisten. „Haben sie den Mann festgenommen?“ Wanda hob ihre Augenbrauen. „Kann ich mir nicht vorstellen.“ „War ja klar.“ Der Gedanke an diese Tierquälerei macht mich wütend. Langsam macht sich ein Kopfschmerz breit und ich nehme meine Baseballkappe ab, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Hier gibt es definitiv keine Klimaanlage. Ein langhaariger Zwerg, der ein reinrassiger Spitz sein könnte, hechelt in einem der mittleren Käfige. Seine Zunge ist genauso lang wie seine Ohren. Er wirft mir einige seitliche Blicke zu, starrt mich aber nicht direkt an. Sein Schwanz hat nicht aufgehört zu wackeln, seit ich hereingekommen bin. Er ist aufmerksam, seine Ohren zucken hin und her. Sein Grinsen lädt mich 12


ein, näher zu kommen. Alles an diesem Hund sagt mir, dass er freundlich ist. „Wie lange ist er schon hier?“ Ich kann mir nicht vorstellen, warum noch niemand diesen Hund mitgenommen hat. „Er ist letzten Donnerstag reingekommen.“ „Wie kommt es, dass er noch da ist?“ Aber genau in diesem Moment schwankt der Hund leicht hin und her und hat Probleme, stehen zu bleiben. Jetzt habe ich meine Antwort. Er hat nur drei Beine. Das vierte Bein, hinten links, fehlt. Es ist nicht einmal richtig amputiert worden. Ein kleiner Teil hängt noch herunter. „Zwei Familien haben sich tatsächlich dafür interessiert, den Hund zu nehmen, aber das hängende Bein hat sie dann doch abgeschreckt“, erklärt Wanda. Mir wird schlecht. Das passiert mir immer, wenn ich in den Zwinger komme. Ich sage mir, was ich mir immer sage: So ist das Leben eben, Wes. Lass es nicht zu nah an dich heran. Während ich die Reihe der Käfige noch einmal abschreite, komme ich wieder an dem kleinen Beagle vorbei. Er rollt sich auf den Rücken, streckt seine vier kleinen Pfoten in die Luft und hat mich überzeugt. „Ich nehme den Beagle.“ Wanda greift nach dem Schlüsselbund, der an ihrem Gürtel befestigt ist. Ich habe schon so viele Hunde von ihr in Empfang genommen, dass wir den Papierkram übergehen. Obwohl der Antrag, den die Leute hier stellen müssen, um ein Tier zu sich zu nehmen, nichts ist im Vergleich zu dem, den sie ausfüllen müssen, wenn sie einen Hund von mir bekommen wollen. „Nur den einen heute?“, fragt Wanda. „Nein.“ Ich ziehe drei Leinen aus meiner Tasche. 13


„Drei?“ Wanda weiß, dass mein Limit eigentlich bei zwei Hunden liegt. Es nimmt schon sehr viel Zeit in Anspruch, nur zwei Hunde gleichzeitig zu trainieren. Aber heute hole ich die Hunde für einen besonderen Zweck. „Kennen Sie die alte Mrs Coolidge?“ „Jeder hier kennt Georgette Coolidge“, erwidert Wanda. Das ist wahr. Diese Frau ist schon ein Original. Ihr Sohn, Chester Coolidge, ist mein Pflegevater. Auch er ist etwas Besonderes. Mrs Coolidge mag Tiere nicht besonders, aber trotzdem sammelt sie misshandelte Tiere auf und schickt sie nach „Last Hope“. Sie schickt uns auch Leute – zukünftige Tierbesitzer. Die alte Dame macht mich manchmal ein bisschen verrückt, aber es ist gut, jemanden wie sie auf seiner Seite zu wissen. „Also, was ist jetzt mit der Frau?“, will Wanda wissen. Sie öffnet den Käfig des kleinen Beagles und er springt hinaus. Aber er rennt nicht weg. Wanda klippt die Leine an das Halsband und reicht sie mir. Ich beuge mich nach unten und kraule dem Hund den Rücken, dann seine Ohren. Zuerst werde ich ihn ordentlich füttern müssen. „Mrs Coolidge hat sich mit ihrer Idee durchgesetzt, dass hier im Pflegeheim ein Programm gestartet wird, bei dem die Bewohner sich um ein Haustier kümmern“, erkläre ich. „Damit sie Beschäftigung haben, noch einmal Verantwortung übernehmen oder so. Ich weiß nicht sehr viel darüber, aber ich will einige Hunde trainieren, falls das wirklich etwas wird mit dem Projekt.“ „Wenn diese Frau sich dafür einsetzt, wird das Programm ein Erfolg, glaub mir“, sagt Wanda überzeugt. „Also gibst du die Hunde an die Bewohner im Pflegeheim weiter?“ „Nein.“ Ich gebe Hunde nicht einfach an irgendjemanden weiter. Nicht einmal an Mrs Coolidge. „Ich 14


will die Hunde erst trainieren. Dann zeige ich den alten Leuten, wie sie mit ihnen umgehen müssen. Danach entscheide ich, ob ich ihnen die Hunde gebe. Mrs Coolidge glaubt, dass das alles super laufen wird.“ Der Beagle schüttelt den Kopf und knabbert an der Leine, was mich vermuten lässt, dass er vorher noch nie an der Leine war. Wanda hilft mir, seine Leine zu entwirren. „Wie willst du das mit dem Training machen?“ „Ich will nicht, dass die Hunde nur auf mich hören, sondern auch auf die Senioren. Deshalb will ich, dass sie auch Befehle von den alten Leuten in Empfang nehmen. Wenn ich die Hunde trainiere, sollen die Senioren dabei sein und auch Befehle geben. So gewöhnen sich die Hunde gleich an sie.“ „Ich glaube, das wird den Senioren gefallen“, stimmt Wanda zu. „Meine Großtante ist in einem Pflegeheim in Cleveland. Sie sollte auch einen Hund bekommen. Dann würde sie vielleicht über etwas anderes als ihre Schmerzen und Wehwehchen reden.“ „Wenn alles so klappt, wie ich das will und die Hunde auf die Senioren hören, kann ich sie weiter trainieren und auch den Senioren zeigen, wie sie mit ihnen üben können. Das hat Mrs Coolidge versprochen.“ Wanda verzieht ihr Gesicht. „Jetzt erzähl mir nicht, Mrs Coolidge plant, dass die Senioren mit ihren Hunden auf Hundeshows auftreten.“ „Nein. So etwas doch nicht. Ich will den Hunden beibringen, wie sie nützliche Dinge tun können. Wenn jemand taub ist, kann man dem Hund beibringen, ihn mit der Schnauze anzustupsen, wenn es an der Tür klopft. Ich könnte den Hunden auch beibringen, den Senioren Sachen zu bringen. Zum Beispiel die Zeitung oder ihre Brille, wenn sie nicht mehr gut laufen können oder im Rollstuhl sitzen.“ 15


„Das ist echt super, Wes, dass du so etwas kannst“, sagt Wanda anerkennend. „Und hast du dich schon für die beiden anderen Hunde entschieden?“ Wir starren beide auf die Käfige. Diese Entscheidung ist schrecklich. Es ist so, als müsste ich entscheiden, welcher Hund leben darf und welcher nicht. Ich hasse das. „Am besten nehme ich Weibchen.“ Wir beide wissen, dass Hündinnen leichter zu erziehen sind. Wanda nickt, dann wirft sie einen Blick auf die Uhr. „Was ist mit dem Chihuahua, den du vor einiger Zeit hier geholt hast? Wäre das nicht ein guter Hund für das Pflegeheim?“ „Ich habe Taco letzten Monat abgegeben. Ich vermisse ihn, aber der Mann, der Taco abgeholt hat, passt wirklich perfekt zu ihm. Ein Rentner, der es immer schön warm und gemütlich hat. Das wird meinen kleinen Freund glücklich machen.“ Der Terrier liegt immer noch ruhig in seinem Käfig. „Kann ich den Terrier mal sehen?“ Wanda öffnet den Käfig und hebt den Hund heraus. Sie gibt mir das zitternde Tier. Sobald ich die Hündin habe, versteckt sie ihren Kopf in meinem Ellbogen. Sie hat Angst, aber nicht vor mir. Vielleicht sind es die Geräusche um sie herum. Ich sollte sie nicht nehmen. Die Hündin ist zu schüchtern. Sie wird die Geräusche im Pflegeheim nicht mögen. Außerdem ist sie so alt, dass sie schlechte Eigenschaften haben könnte. Die Hündin vergräbt sich tiefer in meiner Armbeuge. Ich weiß es eigentlich besser, doch ich finde sie süß. Dieser Hund ist definitiv der falsche für ein lautes Pflegeheim und Menschen, die oft nach ihm greifen, um ihn zu streicheln. 16


Ich streichle ihren Rücken und die Hündin wedelt mit dem Schwanz. „Ich nehme sie“ sage ich und bereue es gleich wieder. „Das hab ich mir gedacht“, sagt Wanda. „Und diese hässliche Hündin da hinten.“ Es ist nicht die Schuld des Boxers, dass er so hässlich ist. „Diese hier?“, fragt Wanda und geht direkt auf den Hund zu. Es gibt keinen Zweifel daran, welchen Hund ich gemeint habe. „Ich vermute, diese Hündin wird dann für einen Blinden sein?“ Sie lacht und öffnet den Käfig. „Keine schlechte Idee“, gebe ich zu. Wanda hilft mir, die anderen Hunde an die Leine zu legen. Es ist ein guter Anfang. Leicht wird es nicht, drei Hunde auf einmal zu trainieren. Aber sie alle haben einen guten Charakter. Die Tür schwingt auf und Schritte nähern sich. Die blonde Rezeptionistin erscheint. Sie kommt zu uns herüber, bleibt aber stehen, bevor sie die Käfige erreicht. „Hank ist hier!“, ruft sie, als verkünde sie, dass morgen Weihnachten sei. „Er ist draußen und hupt nach dir.“ „Okay.“ Ich will gehen, aber ich höre Hundekrallen auf dem Käfigboden schrappen. Ich sollte nicht zu den Hunden zurückschauen, die ich zurücklasse, aber ich kann nicht anders. Der Spitz veranstaltet dieses Theater. Mit seinen drei Beinen kratzt er über den Käfigboden und bellt. Nur ein einziges Mal. Aber es fühlt sich an, als rede er mit mir. Ich hätte meine Kopfschmerzen fast vergessen, doch nun kehren sie zurück. Der Boxer und der Beagle zerren an ihren Leinen und ziehen mich in verschiedene Richtungen. Der arme Terrier versucht, sich hinzulegen und sich zwischen meinen Schuhen zu verstecken. Und der Spitz bellt wieder. 17


„Hank wartet!“, ruft die Blonde noch einmal von vorne. Ich habe mit diesen drei Hunden schon mehr Arbeit, als ich auf „Last Hope“ gebrauchen kann. Ich habe ja auch noch meinen eigenen Hund und muss noch einen Hund für meine Mutter trainieren. „Ja, ich komme.“ Ich schaffe es bis zu der Schwingtür. Dann bellt der Spitz noch einmal. Ich bleibe stehen. Der ängstliche Terrier verkriecht sich wieder zwischen meinen Schuhen. Der halb verhungerte Beagle kaut enthusiastisch auf seiner Leine herum, und der hässliche, zerknitterte Boxer hat sich in der Leine des Terriers verheddert. Aber ich kann den dreibeinigen Hund nicht zurücklassen. Ich seufze tief und schwer. Ich muss das nicht tun. Drei Hunde sind mehr als genug. Außerdem, was kann ein dreibeiniger Hund schon lernen? Wanda geht an mir vorbei und hält mir die Tür auf. Ich höre Hank draußen hupen. „Warten Sie!“, sage ich endlich zu Wanda. „Ich nehme den Dreibeinigen auch noch mit.“

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