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Kapitel 1

Die Wende

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ls am 9. November 1989 die Mauer fiel, war ich in England und unterrichtete wissbegierige kleine Internatsschüler mit rutschenden Kniestrümpfen in der deutschen Sprache und dem Blockflötenspiel. Noch heute sehe ich sie vor mir, wie sie in ihren kurzen grauen Hosen und Einheitspullundern vor mir saßen und dem Unterricht lauschten. Nichts hatte mich auf den Anruf vorbereitet, der mich an jenem Novemberabend zu später Stunde erreichte. Ich hatte sogar überlegt, ob ich überhaupt noch einmal aufstehen und ans Telefon gehen sollte. „Daisy, mach sofort den Fernseher an!“, schallte mir die merkwürdig aufgeregt klingende Stimme einer Freundin ans Ohr. „Die Grenze ist offen.“ Es dauerte einige Sekunden, bis mir klar wurde, was sie da sagte. Mit zitternden Knien ging ich zum Fernseher und schaltete so lange durch die Programme, bis ich einen Nachrichtensender fand, der die „Breaking News“ verkündete. Vor meinen Augen spielten sich herzzer-

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reißende Szenen ab. Menschen, die durch das Brandenburger Tor strömten und die mit einer Freude, die aus ihrem tiefsten Inneren hervorzubrechen schien, auf der Mauer tanzten, ließen Sektkorken knallen und gaben stammelnd Interviews, die von Ungläubigkeit, tiefster Erschütterung und überbordender Euphorie zeugten. Tränen rannen unablässig über meine Wangen, Tränen, die mir auch in den darauf folgenden Tagen immer wieder in die Augen traten. Ich musste nur an einem Zeitungskiosk vorbeilaufen und einen Blick auf die Schlagzeilen der Times, der London Daily News oder des Telegraph werfen und schon ging es wieder los. Es war mir unbegreiflich, wie die Engländer diesem unfassbaren Ereignis beinah gleichmütig gegenüberstehen konnten. Was für mich ein monumentales, alles veränderndes, die Welt auf den Kopf stellendes Geschehen war, wie man es in seinem Leben wohl nur einmal miterlebt, war für den Großteil der Engländer, mit denen ich damals zusammentraf, lediglich irgendein ‚historical moment‘, der kaum etwas mit ihrem Leben zu tun hatte. Die Wende war für sie keine Wende. Für mich hingegen war sie genau das. Dabei war ich zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade einmal 29 Jahre alt, hatte ein vereinigtes Deutschland also niemals miterlebt. Doch in meinem Elternhaus war die Erinnerung an früher immer ein wesentliches, oft sogar das einzig beherrschende Thema gewesen. Ich war in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass die Mauer etwas trennte, was eigentlich zusammengehörte, dass sie uns von Gütern, Landstrichen und vor allem Menschen fern hielt, die zu unserem Leben hätten gehören sollen. Mein Vater, Franz Josef von Löbbecke, stammte aus Garbendorf bei Brieg in Schlesien, meine Mutter, Irmgard Freiin von Maltzahn, aus Vanselow in Mecklenburg. Beide hatten durch den Krieg

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ihre Heimat verloren. Nachdem mein Vater 1949 aus vierjähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien zurückgekehrt war und kurz darauf seine erste Frau hatte beerdigen müssen, heiratete er meine Mutter. Im Oldenburger Land gründete er einen Tierpark und einen Tierhandel, und trotz allem Erlebten schaute er als ein fröhlicher, dankbarer und gläubiger Mensch stets voller Gottvertrauen in die Zukunft. Trotzdem verschwand die Sehnsucht nach der alten Heimat niemals ganz und die Trauer über den Verlust blieb insbesondere bei meiner Mutter zeitlebens. In meinem Elternhaus hingen unzählige Bilder und Fotos von der Zeit vor dem Krieg an der Wand; schöne Gutshäuser zeugten von einem Leben, das für immer der Vergangenheit angehörte. In den Bücherregalen standen etliche Biografien, die von Vertreibung und Flucht nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erzählten, und in Gesprächen kam die Sprache immer wieder auf Garbendorf, Vanselow und vor allem die Flucht. Sehnsuchtsvolle Erzählungen über die große landschaftliche Schönheit der alten Heimat und Geschichten von einem einerseits preußisch spartanischen, aber andererseits auch großzügigen ländlichen Leben prägten meine Kindheit. Und natürlich vor allem die Beschreibungen der Menschen, mit denen meine Eltern aufgewachsen waren. Meine Mutter hielt Zeit ihres Lebens Kontakt zu den Schulfreundinnen aus Kindertagen, unzählige Briefe gingen in die „Zone“, wie sie sie bis zuletzt nannte, und wir packten mit ihr Unmengen an „Westpaketen“. Ich besitze den gesamten Briefwechsel mit ihren Schulfreundinnen und Menschen aus Vanselow von 1945 bis zu ihrem Tod 2005. Für mich als Kind war die Heimat meiner Eltern ein Ort, an dem der Himmel weiter, die Landschaft größer und die Dorfgemeinschaft besser war. Sie war eine heile Welt, in der die Mamsell sagenhafte Nachtische mit 16 Eiern und unglaublich viel Butter kreierte und alle

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Dorffrauen zum Beispiel gemeinsam den Erntekranz banden. Keine Mahlzeit verging, ohne dass meine Eltern von der „guten alten Zeit“ erzählten, und so entstand auch in mir mit der Zeit eine Sehnsucht nach einer Welt, die mir durch die Geschichten merkwürdig vertraut war, aber zugleich unglaublich weit weg vorkam. Ich konnte diese großen Gutshäuser auf den Fotos in unserem Wohnzimmer nie so richtig mit unserem ganz normalen Einfamilienhaus in Verbindung bringen, und wenn mein Vater von dem ihn beeindruckenden Leipziger Bahnhof erzählte, dachte ich immer nur: ,Meine Güte, ist das weit weg.‘ Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie nah das eigentlich war und wie wunderschön all diese Orte tatsächlich sind. Das Aufwachsen im Tierpark war für mich Freiheit pur. Mein großer Bruder und meine ältere Schwester, meine beiden jüngeren Brüder und ich konnten jederzeit ungehindert überall spielen, hatten direkt vor unserer Haustür unzählige Tiere, von denen andere Kinder nur träumten, und das riesige Tierparkgelände stand uns zur freien Verfügung. Wir lernten früh körperlich hart zu arbeiten, etwas, das ich bis heute sehr gerne tue, weil es mir eine ungeheure Befriedigung verschafft, direkt nach der getanen Arbeit zu sehen, was ich geschafft habe, und wir lernten vor allem eins: zu verkaufen. Egal ob es sich um Honig oder Schildkröten, Eis, Pfauenfedern, Bratwürstchen oder sonst etwas handelte, was in einem Tierpark so verkauft wird, wir brachten es unter die Leute. Mein Vater handelte mit den Tieren und meine Mutter, die vor ihrer Heirat als Schiffskrankenschwester gearbeitet hatte, kümmerte sich um die Tierparkbesucher und machte alles schön. Sie hatte mit der Kasse und dem Kioskverkauf ihren eigenen „Betrieb“, in dem ich schon als kleines Mädchen mitarbeitete. Ich erinnere mich noch sehr gut an unzählige

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verregnete Sonntagnachmittage, die ich mit Rosi, einer unserer langjährigen Mitarbeiterinnen, im Kassenhäuschen verbrachte und auf Besucher wartete. Ich aß eine Stange Mentos nach der anderen, dann ein zu lange gebratenes Würstchen ... ein Traum. Noch heute habe ich eine besondere Affinität zu diesen Köstlichkeiten. Als ich sechzehn war, hieß es Abschied nehmen von meinem geliebten Tierpark. Wir zogen nach Wilhelmshaven. Nur die Tatsache, dass es näher ans Meer ging, konnte mich darüber hinwegtrösten, dass ich nun in der Stadt würde leben müssen. Denn das konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen. Den Anlass für diesen Umzug fand ich jedoch großartig. Mein Vater trat seinen Dienst als Pfarrer in einer lutherischen Kirchengemeinde an. Er hatte mit seinen 60 Jahren noch eine theologische Ausbildung durchlaufen, und so wurde aus mir plötzlich eine Pfarrerstochter. Ich genoss es, gemeinsam mit ihm die Gemeindemitglieder zu besuchen, lernte zu orgeln und wuchs auch ansonsten immer mehr in meine neue „Aufgabe“ hinein. Nach dem Abitur ging ich für ein Jahr nach Kanada, wo ich mit Highschoolabsolventen das erste Jahr am College erlebte, kehrte anschließend nach Wilhelmshaven zurück und machte dort eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Bücher waren schon immer meine Passion. Ich liebte sie seit meiner frühesten Kindheit und konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als auch beruflich mit ihnen zu tun zu haben. Wie sehr hatte das Lesen mich bereichert und geprägt: Ich war gemeinsam mit Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf ins Taka-Tuka-Land gereist, hatte mit Hanni und Nanni unzählige Pyjamapartys veranstaltet und mit Pucki um den großen Claus gebangt. Ich war eine solche Leseratte, dass man bei der

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Frage nach meinem Verbleib eigentlich nichts falsch machen konnte, wenn man sagte: „Och, die liest bestimmt schon wieder.“ Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist die an den Tag, an dem meine Mutter mit mir in eine Buchhandlung ging und mich aufforderte: „Such dir aus, was du willst!“ Und da die Dicke der Bücher für mich ein wesentliches Kriterium war, kam es, dass ich schon in recht jungen Jahren Margaret Mitchells Vom Winde verweht las, was mein Vater für mein Alter äußerst unpassend fand. 1981 entschloss ich mich dazu, nach Tübingen zu ziehen und meine Buchhändlerausbildung durch ein Studium der Deutschen und der Englischen Literatur abzurunden, später arbeitete ich eine Zeitlang als Bibliothekarin und ging dann nach England, um dort den besagten Deutsch- und Blockflötenunterricht zu geben. Ein Jahr lang reiste ich von Internat zu Internat und erfreute mich daran, wie meine kleinen Schüler in ihren steifen Schuluniformen erste musikalische und fremdsprachliche Schritte unternahmen. Seitdem ich flügge geworden war und mein Elternhaus verlassen hatte, beschäftigte mich die ursprüngliche Heimat meiner Mutter und meines Vaters gedanklich längst nicht mehr so sehr wie noch zu Kindertagen. Andere Dinge waren mit der Zeit spannender, aktueller, interessanter geworden, auch wenn mich die Erzählungen meiner Eltern natürlich nachhaltig geprägt hatten. Dass die Sehnsucht nach dieser einzigartigen Welt, die sie immer beschrieben hatten, weiter in mir schwelte und nie erloschen war, wurde mir schlagartig bewusst, als ich von der Öffnung der Mauer in Berlin und der Grenzanlagen im Westen der DDR hörte. Denn da flammte sie erneut auf. Nun hielt mich nichts

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mehr in England. Ich wollte diese Zeit des Umbruchs so hautnah wie möglich miterleben und kehrte stehenden Fußes nach Deutschland zurück. Knapp einen Monat nach dem Mauerfall reiste ich zum ersten Mal in meinem Leben ungehindert in die DDR. ,Jetzt ist alles möglich!‘, schoss es mir durch den Kopf, als ich nahe Schwerin die Grenze passierte. Dass dieses alles aber beinhalten könnte, dass aus mir einmal Die Apfelgräfin der Uckermark würde, hätte ich mir niemals träumen lassen. Es war immer mein Traum gewesen, eines Tages eine tüchtige Pfarrfrau zu werden. Ich hatte von einem efeubewachsenen Pfarrhaus mit einer großen Küche und mindestens sechs Kindern geträumt. Aber Gott hatte andere Pläne mit mir.

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Kapitel 2

Der Heiratsantrag

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ein, Michael kam nicht auf einem weißen Ross angeritten, als wir uns kennenlernten, und mir stockte auch nicht der Atem, als ich ihn auf dem Ball einer Freundin zum ersten Mal erblickte. Das ist zwar von der Regenbogenpresse so berichtet worden, aber in Wirklichkeit war alles ganz anders. Auch wenn es viele enttäuschen mag: Unser Kennenlernen lief genauso normal und unspektakulär ab wie das der meisten anderen Menschen. Michael und ich lernten uns in Göttingen kennen, wo er Landwirtschaft studierte und ich im Bibliografiensaal der Universitätsbibliothek daran mitarbeitete, eine vollständige Auflistung aller deutschen Drucke zu erstellen, die zwischen 1730 und 1830 in Amerika erschienen waren. Wir hatten und haben vieles gemeinsam, nicht nur unsere Herkunft und dass wir mit ähnlichen Wertvorstellungen und Traditionen aufgewachsen sind. Uns schien der Gesprächsstoff niemals auszugehen, und wir wurden schnell gute Freunde. Eine

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gemeinsame Zukunft kam zum damaligen Zeitpunkt weder für Michael noch für mich in Betracht. Das hatte ganz verschiedene Gründe, aber ein Wermutstropfen in unserer Freundschaft war auch, dass Michael mit meinem offen gelebten Glauben damals noch wenig anfangen konnte. Für mich jedoch war immer klar gewesen, dass ich nur einen betenden Mann heiraten würde, dessen Mittelpunkt Jesus ist. Der Glaube hatte in meinem Leben von klein auf eine wichtige Rolle gespielt. Bei meinem Vater, der in einem Kriegsgefangenenlager in Sibirien zu Gott gefunden hatte, hatte ich täglich miterlebt, wie gelebter Glaube aussehen konnte. Meine Mutter betete jeden Abend mit mir mein Lieblingsgebet – „Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“ – und ich ging sonntags oft mit meinem Vater in den Gottesdienst der Oldenburgischen Landeskirche, um einfach mit ihm zusammen zu sein. Den Kindergottesdienst mochte ich nicht. Irgendwie war es mir suspekt, mit den Kindergottesdienstfrauen und irgendwelchen fremden Kindern in den Gemeinderäumen zu verschwinden. Ich wollte bei den Großen bleiben. Noch heute erinnere ich mich gut daran, wie der Pfarrer mich manchmal nach dem Gottesdienst lobte: „Du hast aber gut aufgepasst!“ Ehrlich gesagt war es aber nicht selten nur das äußerst ergiebige Lutschbonbon meiner Großmutter gewesen, das mich hatte stillsitzen lassen. Nie werde ich den Weihnachtsgottesdienst vergessen, an dem mir meine Großmutter ihre Handtasche zuschob und einen auffordernden Blick zuwarf. Ich verstand sofort, was sie mir damit sagen wollte, denn die Handtasche meiner Großmutter wurde jedes Mal, wenn sie uns besuchte, zu einer wahren Fundgrube für die unterschiedlichsten Bonbonsorten. Ich musste nur meine Hand hineinschieben und

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so lange umhertasten, bis ich eines in der Hand hielt. Bald war ich sehr geübt darin, blind die holländischen Bonbons namens Hopjes zu ertasten, denn die waren die ergiebigsten und hielten den ganzen Gottesdienst lang. Sie schmeckten herrlich nach einer fremden Welt und machten selbst die längste Predigt zu einem Hochgenuss. Von den Predigten aus meinen Kindertagen ist mir kaum noch etwas in Erinnerung, aber bis heute unvergessen sind mir die unendlich liebevollen Augen der Pfarrfrau. Das allererste Buch, das ich als Sechsjährige unter der Bettdecke mit Taschenlampe las, war die Kinderbibel von Anne de Vries. Ich liebte die Geschichten von Jesus, vor allem die, in der ein paar Männer auf das Dach des Hauses kletterten, in dem Jesus war, und ihren kranken Freund durch das Dach zu ihm hinunterließen, damit er ihn heilte. Was er auch prompt tat! Jesus faszinierte mich schon als Kind und so sang ich die Lieder über ihn zur Freude meines Vaters immer besonders gerne mit. Der Glaube meines Vaters war fröhlich und ansteckend, und an seinem Leben sah ich ganz deutlich, was es bedeutet, das zu vergessen, was hinter einem liegt, und sich nach dem auszustrecken, was vor einem liegt (Philipper 3,13). Noch heute sehe ich meinen Vater vor mir, wie er nach getaner Arbeit in seinem Lieblingssessel im Wohnzimmer saß und in seiner Bibel las. Erst als ich während des Studiums in Tübingen in der dortigen SMD-Gruppe landete (SMD= Studentenmission in Deutschland) wurde mir bewusst, wie sehr der Glaube meines Vaters mich zwar geprägt hatte, dass ich ihn mir aber nie wirklich zu eigen gemacht hatte. Bisher hatte ich immer gedacht, alles sei in Ordnung, und ich käme automatisch mal in den Himmel, aber durch das Vorbild dieser engagierten Christen und das tägliche Lesen in der Bibel erkannte ich, dass meinem Leben noch etwas fehlte. Mich faszi-

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nierte, wie konsequent die Studenten in der SMD-Gruppe Gott nachfolgten, wie sie ihn im Alltag suchten, und vor allem begeisterte mich ihre Art zu beten. Niemals zuvor hatte ich Menschen erlebt, die derart frei und ungezwungen mit Gott redeten, die in Gebetsgemeinschaften offen all ihre Ängste und Nöte, aber auch ihre Dankbarkeit vor Gott brachten. Manches fand ich allerdings auch befremdlich. So erinnere ich mich an das flehende Gebet einer jungen Frau, die Gott inniglich darum bat, dafür zu sorgen, dass ihr Rad repariert wurde. Es war am Tag zuvor kaputt gegangen. ,Meine Güte‘, dachte ich, ,da holste dir eben drei Jungs und kriegst die Kiste wieder in Gang.‘ Mir war damals noch nicht bewusst, dass ich mich selbst mit der kleinsten Sorge an Gott wenden kann. Das lernte ich erst mit der Zeit. Instinktiv wusste ich jedoch schon immer, dass die Antworten auf alle Fragen des Lebens und all meine Fragen in Bezug auf den Glauben in der Bibel lagen. Die SMDler halfen mir, das Wort Gottes intensiv zu durchforschen, Interesse daran zu bekommen und es anzuwenden. In mir wuchs immer mehr die Sehnsucht, das zu haben, was sie hatten, und Gott mein Leben ebenso ganzheitlich anzuvertrauen, wie sie es taten. Am 16. April 1983 war es dann so weit: Ich übergab Jesus mein Leben ganz bewusst. Damals war mir klar, dass das ein wichtiger Moment war, aber noch nicht, was für eine tiefe Bedeutung dieser hatte. Ich entwickelte mit der Zeit eine immer größere Sehnsucht danach, Jesus als mein Vorbild zu sehen und ihn zu begreifen, scheiterte und scheitere daran aber ständig. Außerdem lernte ich, wie wichtig die Verbindung mit anderen Christen ist, und so suchte ich auch in Göttingen wieder den Kontakt zur dortigen SMD-Hochschulgruppe. Nicht zuletzt die Verbindung zu dieser Gruppe war es, die Michael dazu veranlasste, mich amüsiert als Betschwester zu bezeichnen. Ihm waren die Mitglieder

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dieser Gruppe irgendwie suspekt, und auch mit meiner offen gelebten Frömmigkeit konnte er wenig anfangen. Keine zehn Pferde hätten ihn dazu bringen können, dieser zugegebenermaßen etwas alternativ und ökomäßig angehauchten Gruppe eine Chance zu geben. Beide konnten wir zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnen, was Gott noch mit ihm – und mit uns – vorhatte. Unsere Wege trennten sich vorerst, als ich aus Göttingen wegging. Wir blieben zwar locker miteinander in Verbindung, ließen uns hin und wieder über gemeinsame Bekannte grüßen, aber das war es dann auch schon. In einem Interview bin ich einmal gefragt worden, was ich anders machen würde, wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte. „Ich würde meinen Mann schon mit Anfang zwanzig heiraten!“, war meine Antwort. Natürlich weiß ich, dass ich damals unmöglich hätte wissen können, dass Michael die Liebe meines Lebens ist. Vermutlich haben wir diese Zeit dazwischen sogar gebraucht, um zu den Menschen zu werden, die heute so gut zueinander passen. Gerade wenn ich unseren holprigen Anfang betrachte, staune ich immer noch darüber, wie perfekt Gott letztlich alles zusammengefügt hat. Ich bin dankbar, was für einen begeisterten Christen er aus Michael gemacht hat, wie Gott einen Hauskreis im Harz und die Apostelgeschichte genutzt hat, um sich ihm zu offenbaren. Letztendlich war es meine Schwester, auf deren Betreiben hin Michael und ich wieder engeren Kontakt bekamen. Meine Freude war riesig, als ich feststellte, dass wir inzwischen noch viel mehr gemeinsam hatten als zuvor. Jetzt konnten wir tiefgehende Gespräche nicht nur über die Welt, sondern auch über Gott führen! Von Treffen zu Treffen und von Telefonat zu Telefonat merkte ich, wie ich mich mehr in diesen wunderbaren Mann verliebte, dessen Überlegtheit den perfekten Gegenpol zu

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meiner Spontaneität bildete. Gott sei Dank – und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes – ging es ihm genauso, und so wurde aus uns endlich ein Paar. Dass wir dann aber schon nach recht kurzer Zeit heirateten, haben wir nicht zuletzt meiner Schwiegermutter zu verdanken. Es war während eines Besuchs bei Michaels Eltern im Frühjahr 1991. Meine Schwiegereltern, Sieghart und Gisela Graf und Gräfin Arnim, lebten damals noch in dem Haus in Darmstadt, in dem Michael, sein Zwillingsbruder und sein älterer Bruder aufgewachsen waren. Michaels Elternhaus war dem meinen in mancherlei Hinsicht sehr ähnlich. Auch dort hingen an den Wänden Bilder von Gütern und Ländereien, die die Familie nach 1945 verloren hatte, und auch dort wurde die Erinnerung an die alte Heimat wachgehalten. In ihrem Fall war dies die Uckermark, genauer gesagt Boitzenburg. Mein Schwiegervater war sechzehn gewesen, als er mit seiner Familie aus dem märchenhaft schönen Schloss Boitzenburg, in dem er aufgewachsen war, hatte fliehen müssen. Das Schloss und die umliegenden Ländereien waren über 400 Jahre lang im Besitz der von Arnims gewesen und der Verlust entsprechend schmerzlich. Wie ich es von zu Hause gewöhnt war, kam auch hier immer irgendwann die Rede auf „Früher“. Verstärkt und neu angeheizt wurden die Gespräche natürlich dadurch, dass die Mauer inzwischen gefallen und Deutschland wieder eins war. Direkt nach der Wiedervereinigung hatte die Familie begonnen, Pläne bezüglich der Wiederbewirtschaftung der ehemaligen Grafschaft Boitzenburg oder zumindest Teilen davon anzustellen. Sie hatte davon geträumt, wenigstens einen Teil der früheren Besitztümer zurückzuerhalten, ihnen wieder zu altem Glanz verhelfen und mit viel Energie in die Heimat zurückkehren zu können.

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Inzwischen war klar, dass dies ein Traum bleiben würde. Eine Zurückgabe des enteigneten Grund und Bodens an die rechtmäßigen Besitzer hatte der Gesetzgeber kategorisch ausgeschlossen, auch Michaels Familie hatte weder Schloss Boitzenburg noch den Wald, die umliegenden Ländereien oder Gutshäuser zurückerhalten. Nach vielen rechtlichen Kämpfen von bürgerlichen und adeligen Familien, die land- und forstwirtschaftliche, aber auch gewerbetreibende Unternehmen besessen hatten, war die Enttäuschung darüber natürlich riesig. Der Gipfel der Ungerechtigkeit war die Entscheidung, dass Besitzern von über 100ha Land nichts zurückgegeben wurde, ansonsten aber oft eine Restitution stattfand. Auch bei jenem Besuch im Frühjahr 1991 hatten Arnims wieder über die Uckermark gesprochen und hin und her überlegt, ob nicht doch eine Möglichkeit bestünde, sich in der früheren Heimat ein neues Leben aufzubauen. Wir saßen im Wohnzimmer. Michael war gerade im Keller, um irgendetwas zu holen, als seine Mutter mich fragte: „Und, wann heiratet ihr?“ Mir verschlug es erst einmal die Sprache. Hilfesuchend sah ich zu Michaels Vater hinüber, der sich aber hinter seiner Zeitung verstecken konnte. Schnell wurde mir klar, dass ich aus dieser Richtung keine Hilfestellung erwarten durfte. „Ja, also …“, stammelte ich und wurde tiefrot. Michael und mir war beiden klar, dass unsere Beziehung auf eine Ehe hinauslief und wir eines Tages heiraten würden, aber über ein Datum hatten wir noch nicht gesprochen. Ich wand mich immer noch in meinem Sessel, als Michael zurück ins Wohnzimmer kam. „Was ist denn hier los?“, fragte er, als er mein hochrotes Gesicht sah. „Mami hat Daisy gerade einen Heiratsantrag gemacht!“, schallte es amüsiert hinter der FAZ hervor.

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Kapitel 3

Wunderschöne Uckermark

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ichael besuchte die Heimat seiner Eltern erstmals im Jahr 1978. „Sobald ihr Jungs volljährig seid, fahren wir hin und zeigen euch alles!“, hatte es immer geheißen, und tatsächlich stieg die gesamte Familie kurz nach dem 18. Geburtstag der Zwillinge in einen gelben VW-Bus und fuhr in die Uckermark. Die drei Söhne sollten sich endlich selbst ein Bild von ihren Wurzeln machen können. Bei der Einreise in die DDR, die bei Boizenburg an der Elbe erfolgte, sorgten die strengen Gesichter der Grenzbeamten, die penible Kontrolle des Wagens und das schier endlose Warten für ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Nachdem die Familie die Grenze endlich hatte passieren dürfen, steuerten sie zunächst das Interhotel „Vier Tore“ in Neubrandenburg an. Dieses war ihnen zugewiesen worden; eine freie Hotelwahl war zum damaligen Zeitpunkt

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noch undenkbar. Als sie dort Quartier bezogen hatten, konnte es endlich in die Uckermark weitergehen. Mein Schwiegervater hatte das elterliche Schloss zum letzten Mal 1945 gesehen, als er geflohen war. Auch meine Schwiegermutter konnte Wiedersehen mit einem Stück alter Heimat feiern, hatte sie doch viele Sommer bei ihren Großeltern im benachbarten Kröchlendorff verbracht. Das Boitzenburger Schloss, über mehrere Jahrhunderte das Zuhause der Arnims, konnten Michael und seine Familie nur aus der Ferne bestaunen. Es diente als Schulungs- und Erholungsheim für hohe Offiziere der Nationalen Volksarmee und war deshalb abgesperrt. Allerdings ließen die Verwüstungen des Erbbegräbnisses der Familie und die aufgebrochenen Särge der Vorfahren erahnen, dass der Zahn der Zeit auch am Schloss enorm genagt haben musste. Nur die Natur schien weitgehend verschont worden zu sein. Michaels Familie nutzte den Aufenthalt daher vorrangig für ausgiebige Erkundungen der wunderschönen, sommerlichen Wälder und zahlreichen Seen. Kontakt zu ehemaligen Schulkameraden oder Sandkastenfreunden aufzunehmen, wagte mein Schwiegervater nicht, musste er doch befürchten, dass diese Ärger bekämen, wenn sie Umgang mit „den Grafen“ pflegten. Michael und seine Brüder waren begeistert, endlich einmal die sagenumwobene Heimat ihrer Familie in natura sehen zu können, die sie bisher nur aus Erzählungen oder von Bildern kannten. Michael verliebte sich Hals über Kopf in die wunderschöne, weitgehend unberührte Landschaft: die alten, sternförmig auf Boitzenburg zulaufenden Alleen, die einer seiner Vorfahren hatte anlegen lassen, die uralten Wälder und saftigen Wiesen, die hügeligen Weiten und die unzähligen Gewässer. Dieses Land faszinierte ihn so sehr, dass er, sobald sich das politische Klima etwas entspannt hatte und dies möglich war, jeden Sommer einige Zeit in der Uckermark verbrachte. Er

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wohnte in diesen Tagen bei einem ehemaligen Spielkameraden seines Vaters; mittlerweile war es nämlich erlaubt, in Privathaushalten Quartier zu beziehen. Von dem Haus von Arthur und Gerda Schwanebeck in Boitzenburg aus zog Michael oft mit dem Fahrrad los und erkundete die Gegend. Sein Herz schlug für die Uckermark, die für ihn als Agrarwissenschaftsstudent natürlich einen besonders großen Reiz ausübte. Vor allem war er aber wohl deshalb so fasziniert von ihr, weil sie die Heimat seiner Familie war und er somit das Gefühl hatte, dass auch seine Wurzeln dort lagen. Ich hingegen wusste bis zur Wende noch nicht einmal, wo die Uckermark überhaupt liegt. Wenn man mich gebeten hätte, sie auf einer Landkarte zu umreißen, wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen. Ich hatte keine Ahnung, dass die Uckermark von der Fläche her so groß wie das Saarland und damit der flächengrößte Kreis Deutschlands ist, zugleich aber auch der am dünnsten besiedelte. Dass es hier ungefähr 200 Dörfer und 400 Seen gibt. Dass die Uckermark gute 100 Kilometer nördlich von Berlin beginnt. Dabei ist sie mit ihren Städten Prenzlau, Schwedt, Angermünde und Templin eigentlich überall bekannt. Aus Templin kommt unsere Kanzlerin. Heute weiß ich, dass die Uckermark tatsächlich eine einzigartige Landschaft Deutschlands ist. Menschenleer, dafür aber wälder-, feld- und seenreich, ist sie ein kleines Paradies. Alles ist in eine liebliche, leicht hügelige Landschaft gebettet. Endmoränenlandschaft nennt man das, denn vor Jahrtausenden haben Gletscher diese Landschaft gebildet. Viele kleine Teiche, Sölle genannt, unterbrechen die Felder immer wieder aufs Schönste. Die Infrastruktur ist noch nicht voll auf Touristen eingestellt, noch fehlen in vielen Dörfern Restaurants, Cafés und anderes. Gerade das macht aber auch den be-

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sonderen Reiz dieser Gegend aus. Es gibt noch unendlich viele Möglichkeiten, hier etwas auf die Beine zu stellen. Oft habe ich das Gefühl, im Zentrum landschaftlicher Schönheit gelandet zu sein. Dazu trägt besonders die absolute Stille bei, die hier so oft herrscht. Vor allem nachts. Der Himmel scheint viel näher und klarer, die Sterne strahlen unglaublich hell. Jede Jahreszeit hat hier ihre eigene Schönheit. Im Februar oder spätestens im März kehren die ersten Kraniche zurück. Mit lautem Trompeten kündigen sie ihr Kommen an und lenken den Blick zum Himmel hinauf. Die Gänseflüge streichen fast zeitgleich heran. Für mich ist ihre Rückkehr ein Zeichen, dass nun mildere Zeiten anbrechen. Besonders schön ist es hier im Mai, wenn der Raps blüht. Hinzu kommen noch die über und über blühenden Obstbäume. Strahlend weiße Apfelblüten lassen den ohnehin oft tiefblauen Himmel noch blauer erscheinen! Die ganze Uckermark verwandelt sich in dieser Jahreszeit in ein Gemälde. Natürlich gehen die Meinungen darüber aber auch auseinander. Eine meiner Nachbarinnen wohnt mittendrin in dieser Farbenpracht, mitten in einem Rapsfeld. Ihr Haus ist im Mai komplett umgeben von leuchtendem Gelb. Was hat sie da schon geschimpft! Es war herrlich, wie sie sich darüber beschwerte, dass der dösige Landwirt ausgerechnet Raps anbauen musste. „Ik kann jetzt gar nich kieken wat da auf der Straße passieren tut! Und sehn tu ik keen mehr!“ So unterschiedlich können die Meinungen sein. Ich liebe Raps. Ich liebe seinen Geruch und genieße es, wenn er so prachtvoll steht. Mit der Raps- und Getreideernte erreicht der Sommer hier seinen Höhepunkt. Die Landschaft ändert innerhalb von Tagen ihr Gesicht. Nur noch die Maisfelder stehen dann und bieten

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den Wildtieren Deckung. Gerade die Wildschweine können dem nur schwer widerstehen und richten sich in den Feldern die gemütlichsten Wohnungen ein. Wann immer ich in dieser Zeit an einem Maisfeld vorbeifahre, gehe ich inzwischen fast automatisch ein wenig vom Gas. Denn die eine oder andere Begegnung mit einem Wildschwein auf dämmriger Straße hat mich eins gelehrt – so behaglich es die Schweine im Maisfeld auch haben, hin und wieder wollen sie es verlassen. Wie oft bin ich auf diesen endlosen Autofahrten quer durch die Uckermark vor Unfällen bewahrt worden. Für mich ist es Gott, der auf mich aufpasst; es gab so oft haarscharfe Situationen mit Wild. Wenn der Mais dann zum Herbst hin ebenfalls geerntet wird, wächst auf den Nachbarflächen schon die nächste Ernte heran. Die Rehe und Hasen können sich auf die jungen Rapspflanzen stürzen. Da sie das auch ausgiebig tun, sind sie in dieser Zeit besonders gut und oft zu sehen. Die schönsten Tierbeobachtungen kann man übrigens in den frühen Morgenstunden machen. Deshalb fällt es mir auch fast nicht schwer, wenn ich noch vor Morgengrauen aufstehen muss, um rechtzeitig auf dem Markt oder bei irgendeinem anderen Verkaufsevent in Berlin zu sein. Dass der Herbst endgültig Einzug gehalten hat, merkt man spätestens dann, wenn die Kraniche anfangen sich zu sammeln. Ihre bevorzugten Sammelplätze sind die Maisstoppelfelder, da sie dort genügend Körner finden, die ihnen Stärke für den Flug nach Süden liefern. In Ketten oder keilförmig fliegen sie gen Südwesten. Ihr Rufen und Trompeten ist weithin zu hören. So ist es hier im Herbst. Sonne tagsüber, kühle Nächte, Waldluft, frisch bestellte Ackerflächen – man riecht den Erdboden. Altweibersommer.

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Die Störche sind, wenn sie denn da waren, zu diesem Zeitpunkt schon wieder fortgezogen, fast unmerklich, irgendwann stellt man fest: Sie sind weg. Wenn die Vögel gen Süden ziehen, bedeutet das auch, dass die Äpfel inzwischen reif sind. Nicht, dass man das übersehen könnte – unzählige alte Apfelalleen säumen die Felder und Wege und laden den Spaziergänger zu einer kleinen Kostprobe ein, in vielen Gärten beugen sich die übervollen Zweige unter dem Gewicht der Äpfel über den Zaun und die Mosterei ist in vollem Gange. Beinah rund um die Uhr strömt der goldene Saft in die Flaschen. Alle genießen die letzten warmen Sonnentage – Tier und Mensch. Und dann geht es wieder recht schnell. Der erste Raureif. Die Hirschbrunft in den nahen Wäldern ist vorbei. Die Winterzeit beginnt. Die Schwärme von Drosseln und anderen Singvögeln aus der Tundra machen Station in den Hagebuttensträuchern und plündern die Ebereschen. Die Seen frieren zu, die ersten Eisangler wagen sich auf die Eisdecke. Ein für mich unverständlicher Spaß. Man haut ein Loch ins Eis, hängt die Angel rein, und wartet auf mitgebrachten Klappstühlen darauf, dass Fische anbeißen, die man nachher zerhackt und an die Hühner verfüttert. Aber es ist ein ergiebiges Gesprächsthema, wenn man nicht weiß, worüber man sonst mit den Männern reden soll. Immer wieder ist es die Schönheit der Natur um mich herum, die mich aufmuntert und mir neue Kraft schenkt. Leider ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Und so bin auch ich nicht davor gefeit, hin und wieder den Blick für all das Wunderbare, das mich umgibt, zu verlieren. Wie wichtig ist es aber, die herrliche Natur nicht als selbstverständlich anzusehen, sondern sie als das

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wahrzunehmen, was sie ist, nämlich Gottes ganz besonderes Geschenk an uns! Bei meiner Heirat mit Michael wusste ich, was ihm die Uckermark bedeutet. Ich war mehrfach mit ihm dort gewesen, wusste also inzwischen auch, wo sie lag, und war selbst hingerissen von ihrer tiefen Schönheit. Wie sehr ich diesen Landstrich aber lieben lernen würde und dass es mich einmal dauerhaft hierhin verschlagen würde, war damals nicht abzusehen. Die Hoffnung auf eine wenigstens teilweise Rückgabe des Familienbesitzes hatte wie gesagt bereits begraben werden müssen, und erste Bemühungen um Land in der Uckermark waren gescheitert. Das politische Klima war unglaublich rau und es kam von so vielen Seiten Gegenwind, dass es ganz danach aussah, als würde uns eine Rückkehr in unsere Heimat auf ewig verwehrt bleiben – oder zumindest so sehr erschwert, dass wir von selbst Abstand davon nehmen würden. Ich persönlich hatte das Thema eigentlich längst zu den Akten gelegt, als ich eines Morgens die Augen aufschlug und bemerkte, dass Michael aufrecht neben mir im Bett saß. Daran war erst einmal nichts Eigenartiges. Ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt, dass Michael mit sehr viel weniger Schlaf als ich auskam. Doch an diesem Morgen wirkte er ganz besonders hellwach. Er schien lange darauf gewartet zu haben, dass auch ich endlich ansprechbar war, denn als ich ihn fragend ansah, brach es nur so aus ihm heraus: „Und ich mach es doch!“ Da zog ich mir erst einmal wieder die Bettdecke über den Kopf.

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