Geliebter Loser Ein Satz von einer Dame aus unserer Nachbarschaft hat mich recht in Aufregung versetzt und bekümmert. Unser Haus war durch einen Brand stark zerstört worden. Ein junger Mann, der schon viele Jahre bei uns zur Untermiete wohnte, hatte ihn verursacht. Da Christian schwerbehindert ist, hatte er große Mühe, einen Zigarettenstummel, der ihm auf die Bettdecke gefallen war, aufzuheben und mit einem Schuh auszutreten. Es war im Grunde ein Unfall, durch den das Feuer ausgelöst wurde, und die Polizei bestätigte das später auch. Christian hatte noch versucht, das Feuer zu löschen, aber seine Gehbehinderung verwehrte ihm dies. Natürlich waren wir sehr betroffen von diesem Geschehen. In dieser Zeit hätte ich ein ermutigendes Wort gebraucht, stattdessen wurden mir verletzende, niederschmetternde Sätze, auch von Nachbarn, zu denen ich ein gutes Verhältnis hatte, an den Kopf geworfen. So machte mir eine Frau Vorwürfe: „Wie können Sie nur sozial schwache, zwielichtige Menschen bei sich wohnen lassen? 5
Ich hoffe, Sie werden beim Wiederaufbau Ihres Hauses nur ordentliche Leute aufnehmen. Wir haben viel Geld beim Kauf unseres Eigenheims bezahlt und müssen nun solchen verkommenen Subjekten hier in diesem sonst so gepflegten Wohnviertel begegnen. Auch meinen Kindern ist der Anblick solcher Loser nicht zuzumuten.“ Ich war entsetzt über diese Worte und fragte zurück: „Sind Sie denn von unseren Mietern in irgendeiner Weise bedrängt worden? War die Musik zu laut? Oder wurden Sie angerempelt? Oder hat man an Ihrer Tür gebettelt?“ „Nein, das kann ich nicht sagen. Das wäre ja noch schöner, wenn Ihre Streuner bei uns klingeln würden! Die Diskomusik dringt auch nicht bis zu uns herüber. Da stehen ja auch noch mehrere Häuser dazwischen. Getan haben uns Ihre Mieter auch nichts. Aber wenn ich schon sehe, wie schlampig die jungen Männer angezogen sind und manche auch kaum richtig laufen können, dann reicht mir dies. Einer Frau sieht man sogar schon von Weitem ihre Tätowierung an. Diese Leute gehören zu den Außenseitern der Gesellschaft. Neulich wurde sogar ein 6
Joint auf der Straße gefunden. Der stammte sicher von Ihren Leuten.“ „Haben Sie beobachtet, dass dieser Joint von einem unserer Mitbewohner weggeworfen wurde?“ „Nein, natürlich nicht. Aber wer kann es anders schon gewesen sein?“ Ich war empört, schwieg aber. Zu einem weiteren Disput wollte ich es nicht kommen lassen. Ich habe in meinem Leben gelernt, mich nicht immer rechtfertigen zu müssen. Aber diese Worte gaben mir auch Anlass nachzudenken. Worin besteht denn die Würde eines Menschen? Christian leidet schon seit seiner Geburt an einer Lähmung seiner Beine. Und kann ich eine junge Frau nach ihrer Behinderung beurteilen? Ein Autounfall hat sie querschnittsgelähmt werden lassen. Früher hatte Irene den Reitsport geliebt und im Basketballverein gespielt. Heute hat sie Mühe, drei Schritte voreinander zu setzten. Ohne Rollator ist es ihr überhaupt nicht mehr möglich, sich fortzubewegen. Nein, in dieser Welt begegnen uns nicht nur die Schönen und Reichen, die Gesunden und Flotten, sondern es gibt viel Elend um uns herum. Und 7
sind wir nicht auch oft schwach und unansehnlich? Sind wir etwa keine Loser? Wir wissen doch oft genug um unser Fehlverhalten. Und wenn Gott uns an seinen Geboten misst, müssen wir reumütig bekennen: „Herr, wir sind schuldig vor dir. Uns rettet nur deine große Barmherzigkeit und Liebe.“ Mein Herz wurde darüber weit und froh. Gott hat alle Menschen zu seinem Gegenüber geschaffen, und wir sind bei ihm wertgeachtet und geliebt. Bei ihm gibt es keine Loser und Ausgestoßenen. Daran will ich mein Handeln im Alltag messen. Als Jesus über unsere Erde ging, hat er sich nicht gescheut, Zöllner und Sünder, Prostituierte und Gescheiterte um sich zu scharen. Ja, er setzte sich sogar mit ihnen an einen Tisch, aß das gleiche Brot und trank den gleichen Wein und nahm sich ihrer in einzigartiger Liebe an. Als Jesus für uns den Weg bis in den Tod ging, hing er mit zwei Verbrechern am Kreuz. Noch in seiner entsetzlichen Qual und in seinen unsäglichen Schmerzen wandte er sich diesen beiden Übeltätern zur Rechten und zur Linken zu. Unter sich sah er die gaffende Menschenmenge, die ihn verspottete. Deshalb rief er laut aus: „Vater, 8
vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Solch eine Liebe macht mich zutiefst demütig und mahnt mich, an keinem Menschen vorüberzugehen, der meiner Hilfe bedarf. An dieser Stelle muss ich noch immer viel lernen. Ich erinnere mich an Walter. Er war der erste psychisch Kranke, der bei uns Zuflucht suchte. Nach seinem Einzug war ich eine Woche verreist. Als ich wiederkam und nach ihm schaute, packte mich das Entsetzen. In seinem Wahn hatte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen und war über sieben Tage weder unter der Dusche noch auf der Toilette gewesen. Wahrscheinlich hatte er Angst vor den andern Mitbewohnern gehabt. Es stank fürchterlich im Raum. Auch sein Bett war voller Kot und Urin. Nackt saß er auf der Erde und zitterte am ganzen Körper. Doch zu mir hatte er Vertrauen, öffnete mir die Tür und ging mit in unsere Wohnung. Ich richtete ihm ein Bad, brachte ihm frische Unterwäsche und Kleider von unseren Söhnen, kochte Kaffee und stellte Essen auf den Tisch. Dann rief ich den Arzt an, der Walter wieder mit einem Krankenwagen in die Klinik abholen ließ. Für mich aber begann 9
danach die eigentliche Arbeit. Mein Mann half mir dabei. Es fiel mir nicht leicht, das total verschmutzte Zimmer zu reinigen. Einige meiner Sachen wie Bettdecke und halbzerbrochenes Geschirr ließ ich in die Mülltonne wandern. Obwohl es Ostersonntag war, setzte ich die Waschmaschine in Gang und wusch die verschmutzte Kleidung von Walter. Zwischendurch musste ich mir ein Parfümfläschchen vor die Nase halten, weil mir von dem Geruch übel wurde. In dieser Situation hat mir geholfen, dass ich immer wieder still vor mich hin sagte: „Herr Jesus, du hast auch meinen Dreck, meinen Unrat, meine Sünde getragen und hast dich meiner nicht geschämt. So will ich weiter meine Arbeit verrichten. Du musst mir aber dabei helfen, denn dieses Tun fällt mir nicht leicht.“ Vier Monate später ging es Walter durch die hervorragende Betreuung in der Klinik wieder so gut, dass er in sein sauberes Zimmer einziehen konnte. Später erzählte er mir einmal: „Frau Bormuth, ich habe keinen Menschen, der mich liebt. Mein leiblicher Vater ist tödlich verunglückt. Meine Mutter hat nach zwei Jahren wieder geheiratet. Der neue Mann an ihrer Seite hat mich nie an10
genommen. Als ich psychisch krank wurde, durfte ich noch nicht einmal zu den Feiertagen nach Hause kommen. Meine Eltern sind reich, sehr reich sogar. Meine Mutter hat nach dem Tod meines Vaters die Maschinenfabrik übernommen. Aber auch sie hat mich verstoßen.“ Das Schicksal dieses jungen Mannes hat mich erschüttert. Wie hart können Menschen sein! Jesus aber hat uns in seinem Handeln gezeigt, wie wir leben sollen. Er ist in unser Elend gekommen, um uns in die Freiheit zu führen. Leben sollen wir, sogar ewig leben. Das ist sein Ziel. Er ermutigt uns in seinem Wort, dass wir uns von seinem Tun anstecken lassen sollen. Wir sollen nach Menschen Ausschau halten und sie mit dem Evangelium bekannt machen. Es gibt ein altes Lied, das heute nicht mehr oft gesungen wird, mich aber immer wieder bewegt: „Suche vom Grabesrand Seelen zu retten! Nimm der Verlornen in Liebe dich an! Reiche die Bruderhand, löse die Ketten, führe Verirrte zu Jesus hinan! Du, der einst Rettung fand, eile zu retten! Jesus hat alles für alle getan.“ 11
Von ihrem falschen Weg sollen sie in die Freiheit geführt werden. Kranke sollen Trost und Hilfe bei ihm finden. Mir ist da die Geschichte vom Verlorenen Sohn im Neuen Testament sehr eindrücklich. Da lässt sich ein reicher, junger Mann sein Erbe auszahlen und geht in die Fremde. Eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit, Lust und Vergnügen hat ihn gepackt, und der Vater lässt ihn schweren Herzens ziehen. Wehmütig schaut er ihm nach, bis er an der Wegbiegung verschwunden ist. Dieser Fortgang bricht dem Alten fast das Herz, denn es ist sein Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, und der Vater weiß: Mein Junge wird im Trubel dieser Welt untergehen, und ich kann ihn nicht von seinem Irrweg abhalten. Es gibt auch in unserer Zeit ein Heer von Vätern und Müttern, die nach ihren verlorenen Kindern Ausschau halten. Was ihnen bleibt, ist die Liebe zu ihnen. Kein Mensch kann ihre Liebe aus ihren Herzen löschen. So zieht der reiche Erbe aus der biblischen Geschichte mit dem Geld in der Tasche über Land, genießt in vollen Zügen das Leben und gibt sein Vermögen mit verschwenderischen Händen aus. Aber auch das größte Gut zer12
schmilzt unter lässigem Tun. Wer nur ausgibt und nichts verdient, der steht bald vor einem leeren Portemonnaie. Der einst reiche Sohn muss sich schließlich bei einem Bauern verdingen und die Säue auf dem Acker hüten. Noch nicht einmal das Schweinefutter ist ihm vergönnt. Tiefer kann man nicht fallen. In dieser Situation aber bricht in ihm das Heimweh nach zu Hause mächtig auf, und er sagt sich: „Wie viel Arbeiter hat mein Vater, die Brot in Hülle und Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger. Ich will mich aufmachen und wieder zu meinem Vater gehen. Das ist die beste Entscheidung für mein Leben. Ich will meinem Vater sagen: ‚Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht wert, dass ich hinfort dein Sohn heiße. Mach mich zu einem Tagelöhner auf deinem Landgut.‘“ Und dann macht sich der heruntergekommene, verlotterte junge Mann auf den Weg. Er hält nur noch nach dem Giebel des Vaterhauses Ausschau. Als ihn sein Vater in der Ferne erblickt, lässt er alles stehen und liegen und eilt dem Jungen entgegen. Ein großes Erbarmen packt den Vater. Er fällt dem Sohn um den Hals und küsst ihn. Küs13
se sind der größte Liebesbeweis. Die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn erfolgt, und dann ordnet der Vater an, dass ein herrliches Festmahl gerichtet wird. Er nimmt dem Zerlumpten seine zerschlissene Kleidung ab und gibt ihm ein wertvolles Feiertagsgewand. Auf seinen Finger steckt er ihm einen Siegelring zum Zeichen: Du gehörst für immer zu mir. Nicht mehr barfuß muss der Sohn durch den Staub dieser Erde gehen, sondern er erhält Sandalen. Und als ob dies der Wertschätzung nicht genug wäre, lässt der Vater die Musik aufspielen und lädt zum frohen Tanz ein. Ein gemästetes Kalb wird zubereitet und der teuerste Wein aus dem Keller geholt. An der Stelle will ich innehalten und mich auf das große Fest besinnen, das Gott all denen im Himmel bereiten will, die er gesucht und gefunden hat. Unzählbar ist ihre Schar, und einigen werden wir begegnen, denen wir Gutes tun durften und die durch unser Zeugnis den Weg zu Gott gefunden haben. Bei Gott gibt es keine Loser, und er geht zu allen Menschen und sagt ihnen: „Ich lege meine Hände auf eure Schultern und spreche euch zu: Ihr seid mir unendlich wertvoll, und ich habe euch lieb.“ 14
Während ich dies niederschreibe, werde ich an Bill Hybels erinnert. Er ist ein bekannter Prediger einer großen Gemeinde in Amerika. In einer Fernsehaufzeichnung erzählte er: „Es war ein herrlicher Sommertag, als ich mit einem Boot über den Michigansee fuhr. Ich landete an einem kleinen Hafen und schaute mir die Landkarte noch einmal genau an. Da erinnerte ich mich an eine Gegend, die wohl etwa 38 Kilometer vom Hafen entfernt lag. Dort hatte ich als Siebzehnjähriger in einem Jugendcamp mein Leben Christus anvertraut. Niemals mehr habe ich diese entscheidende Stunde vergessen können. Damals kniete ich hinter einem Baum nieder und wurde bereit, Christus zu folgen, wie immer er mich führen würde. Eigentlich war meine Berufsplanung schon festgelegt. Mein Vater war Unternehmer, und ich sollte nach einem Wirtschaftsstudium die Fabrik übernehmen. Aber nun änderte sich durch die Hinwendung zu Jesus mein Lebensweg mit einem Schlag. Bote meines Herrn sollte ich werden und das Evangelium verkündigen. Dieser Berufung folgte ich auch. Jetzt, da ich ganz in der Nähe des Ortes war, an dem ich meine Bekehrung erlebt hatte, wollte ich 15
noch einmal dorthin fahren. Aber in diesem kleinen Hafen gab es keine Taxen. Ich überlegte hin und her und fragte verschiedene Leute, welche andere Möglichkeiten es gäbe, mein Ziel zu erreichen. Eine Frau gab mir schließlich die Adresse eines jungen Mannes. Wenn ich ihn gut bezahlen würde, wäre er bereit, mich dorthin zu bringen. So klopfte ich an die Tür dieses etwas heruntergekommenen, windschiefen Hauses, und sie wurde mir wirklich geöffnet. Aber der Bursche sah mir nicht gerade vertrauenerweckend aus. Von Kopf bis Fuß war er tätowiert. War er ein Weißer oder Schwarzer? Seine Kleidung war total zerschlissen und dreckig, aber auf dem Hof stand tatsächlich ein altes Auto. Die Karre hatte vier verschiedene Räder, und ich überlegte schon, ob dieses Fahrzeug überhaupt verkehrstüchtig sei. Und doch wollte ich es probieren, und wir wurden uns schnell handelseinig. Ich stieg ein. Auf etwa der halben Strecke merkte ich, dass die Benzinanzeige fast auf Null stand. ‚Mein Freund, fahr die nächste Tankstelle an. Ich bezahle dir eine Tankfüllung‘, schlug ich vor. Der Fahrer war über meinen Vorschlag überglücklich und folgte meiner Anweisung. 16
Für zwei Dollar ließ er Treibstoff einlaufen. ‚Habe ich dir nicht gesagt, du sollst volltanken?‘, mahnte ich ihn. Er schaute mich an und fragte ungläubig: ,Soll ich wirklich volltanken? Dieses Auto hat noch nie einen vollen Tank gesehen.‘ ‚Ja, das glaube ich dir, aber mein Wort gilt. Nun beeil dich, wir müssen weiter.‘ So erreichten wir unseren Bestimmungsort. Ich ließ meinen Fahrer zurück mit den Worten: ‚Warte hier, ich bin bald wieder da.‘ Dann suchte ich den für mich so einzigartigen, heiligen Ort auf, an dem ich vor vielen Jahren Gott das Versprechen gegeben hatte, ihm zu folgen, wie immer er mich auch führte. Noch einmal kniete ich nieder und wiederholte mein Gelübde. Nach etwa zwanzig Minuten kehrte ich zurück, setzte mich wieder in die alte Knatterkiste, und wir fuhren zurück zum Hafen. Unterwegs fragte mich mein Fahrer: ‚Was haben Sie denn zwanzig Minuten lang in dieser öden Gegend getan, in der sich nur Füchse und Hasen Gute Nacht sagen?‘ ‚Das kann ich dir erklären. Als ich siebzehn Jahre alt war, wurde ich in ein Zeltlager eingeladen. Hier inmitten vieler junger 17
Christen habe ich die beste Entscheidung für mein Leben getroffen. Christus hat mich in seine Nachfolge gerufen. Damals begann mein Weg mit Jesus. In seiner Liebe bin ich geborgen.‘ ‚Aber dies gilt doch nicht für Loser wie mich?‘, warf mein Fahrer ein. ‚Du bist kein Loser vor Gott, und ich kann dir dies auch deutlich machen. Gott hat dich wunderbar geschaffen, ganz gleich, wie dich das Leben hin- und hergerüttelt hat. Christus gab sein Leben für jeden Menschen, weil seine Liebe unergründlich ist. Er will jeden retten und auf die rechte Spur bringen. Darin liegt auch deine Chance.‘ Viel zu schnell hatten wir über unserem Reden den Hafen erreicht. Ich entlohnte meinen Fahrer großzügig und bedankte mich bei ihm für seinen freundlichen Einsatz. Daraufhin wandte er sich mir zu: ‚Chef, das will ich Ihnen sagen: Vieles, was Sie mir erklärt haben, verstehe ich noch nicht ganz. Aber eines will ich Ihnen versprechen: In unserem kleinen Ort gibt es seit Kurzem eine Kirche. Dorthin werde ich gehen. Die Sache mit Jesus gefällt mir. Sollte er mich wirklich lieben?‘“ 18