Kapitel 1 Texas 1910 Peng! Peng! Laurel sprang vom Rand ihres Hotelbettes hoch und eilte zum geöffneten Fenster. Mehrere Leute rannten über die staubige Straße zur Bank im Nachbargebäude. „Jonathan Rivers wollte die Bank ausrauben!“, rief einer. „Pa?“ Sie schnappte nach Luft und stolperte auf dem Weg zur Tür über die gepackten Reisetaschen am Fußende des Bettes. Mit gerafften Röcken rannte sie aus dem Hotel zur Bank hinüber. Eine Schar von Neugierigen machte es ihr unmöglich, einen Blick hineinzuwerfen. „Entschuldigung.“ Sie drängte sich zwischen den Menschen hindurch, entschuldigte sich immer wieder, bis es ihr endlich gelang, durch den Eingang in die Bank zu gelangen. Auf dem Boden lag ein Mann. Ein grauer Mantel bedeckte sein Gesicht, doch seine Kleidung kam ihr sehr bekannt vor. „Pa!“ Jemand berührte ihren Arm. Als sie herumwirbelte, blickte sie in das Gesicht des Sheriffs. „Es tut mir sehr leid, Miss.“ „Nein, nein.“ Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie auf die Knie sank und mit zitternder Hand nach dem Mantel auf dem Gesicht des Toten griff. „Laurel, nicht!“ Ethan lehnte am Schalter. Doc Benson versorgte seinen blutigen Arm. Sie schob den groben Wollstoff von seinem Gesicht. „Oh Pa.“ Er hatte sie gebeten, zu packen und auf ihn zu warten. Sie wollten
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heute abreisen. Zärtlich strich sie ihm die Haare aus der Stirn. Die Sorgenfalten, die sich während ihres Aufenthalts in Hollow Springs vertieft hatten, waren fast vollständig geglättet. Sie hatte gebetet, Pa möge zurückkehren zum Herrn Jesus, der ihm Liebe und Frieden über Mas Tod schenken wollte. War er gestorben, bevor er ihn gefunden hatte? Sie barg ihr Gesicht in den Händen und weinte.
Die Anspannung der vergangenen zwei Tage lastete schwer auf Laurels Schultern, als der würzige Geruch der aufgelockerten Erde in ihre Nase drang. Nur der Pfarrer und der Sheriff standen mit ihr an Pas frisch ausgehobenem Grab. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie tupfte sie mit Mas lavendelfarbenem besticktem Taschentuch ab, aber es kamen immer wieder neue Tränen. Unter den buschigen roten Augenbrauen des Sheriffs waren seine Augen kaum zu erkennen. War er gekommen, um sich davon zu überzeugen, dass Pa ihm keinen Ärger mehr machen würde? Oder fragte er sich, ob sie Pas Vorhaben jetzt vielleicht zu Ende bringen wollte? Immer wieder überlegte sie, was an jenem Tag wohl geschehen sein mochte. Diese Gedanken hatten sie in den vergangenen achtundvierzig Stunden nicht mehr losgelassen. Pa hatte sie gebeten, ihre Sachen zusammenzupacken. Er wusste ja, was er vorhatte. Dann war er zur Bank gegangen und hatte seine Pistole gezogen. Wo um alles in der Welt hatte Pa die Pistole her? Sie schüttelte den Kopf. Dann hatte der Sheriff ihn wohl erschossen, doch zuvor hatte Pa auf Ethan geschossen und ihn verletzt. Der Wind spielte mit Pastor Howards sandfarbenen Haaren, als er seine Schlussworte sprach und dann seine Bibel zuklappte. „Mein herzliches Beileid zu Ihrem Verlust.“ Er zögerte, als wollte er noch mehr sagen, doch schließlich nickte er ihr nur zu und ging mit dem Sheriff davon. Sie nahm es den Einwohnern von Hollow Springs nicht übel, dass sie keinen Anteil nehmen wollten an ihrer Trauer. Warum sollten sie der Tochter eines Bankräubers ihr Mitgefühl zeigen? Ich bin doch erst siebzehn. Was soll ich jetzt tun? Schluchzend sank sie 6
auf die Knie. „Warum, Pa?“ Er hatte Unrecht getan, und jetzt hatte er sie sogar allein gelassen. Sie legte einen kleinen Strauß Wildblumen auf die aufgelockerte Erde und wandte den Blick ab. Ethan Burke stand in Anzug und Melone vor dem niedrigen Holzzaun des Friedhofs, einen Arm in einer Schlinge. Sogar er mied ihre Nähe. Sie wandte den Blick ab. Nach dem, was Pa getan hatte, schämte sie sich zu sehr, ihn anzublicken. Früher hatte sie ihm heimliche Blicke zugeworfen und ihn dabei ertappt, dass auch er verstohlen zu ihr hinschaute. Er hatte ihr zugelächelt oder die Hand grüßend an den Hut gelegt, und wenn Pa es nicht merkte, hatte sie zurückgelächelt. Seit sie aus Maryland fortgegangen waren, besuchte Pa nicht mehr den Gottesdienst. Laurel war allein gegangen, denn Ma hätte gewollt, dass sie auch weiterhin den Gottesdienst besuchte. Pa war der Meinung, dass es ausreichte, wenn einer von ihnen zur Kirche ging. Seit dem ersten Sonntag begleitete Ethan Burke sie immer zum Hotel zurück. Sie gingen sehr langsam. Und am vergangenen Sonntag hatte er sogar vor dem Hotel gewartet, um sie zur Kirche abzuholen. Pa wusste nichts davon, bis Ethan vor drei Tagen darauf bestanden hatte, Pa zu bitten, um sie werben zu dürfen. Pa wollte ihr nichts von dem Gespräch erzählen, aber am folgenden Tag … Voller Reue und Bitterkeit schloss sie die Augen. Wenn sie Ethan jetzt anblickte, standen ihr die Folgen von Pas schlechter Entscheidung vor Augen. Sie erhob sich und blickte sich um. Er war nirgends zu sehen. Was hatte Pa sich gedacht? Eine Bank ausrauben? Sie hätte ihn nicht bitten sollen, in Hollow Springs zu bleiben; ihre Bitte hatte Pa aufgewühlt. Aber in dieser kleinen ländlichen Stadt fühlte sie sich wohl – sie hatte nicht fortgehen wollen und so sehr gehofft, sie könnten hier ein Zuhause finden. Jetzt gab es keine Hoffnung mehr. Und sie hatte keine Wahl. Die Menschen in der Stadt würden nicht mehr mit ihr reden oder sie auch nur ansehen. Doch sie besaß kein Geld, weder um fortzugehen noch um in der Stadt zu bleiben. Sie verstand immer noch nicht, warum Pa unbedingt nach Kalifornien hatte gehen wollen. Ma hatte sich gewünscht, dort zu leben, und Pa hatte es ihr immer wieder versprochen, doch sie waren geblieben, wo sie waren. Erst nach Mas Tod hatte er sich ihren Wunsch zu Herzen genommen. An dem Tag, an dem Ma gestorben war, hatte Laurel auch ihren Pa verloren. Ihren wahren Pa. Beinahe über Nacht war er zu ei7
nem Fremden geworden. Am Tag nach Mas Beerdigung hatte er ihren gesamten Besitz verkauft und mit ihr die Stadt verlassen. Jetzt kämpfte sie gegen ihre widersprüchlichen Gefühle an. Sie war traurig, dass Pa tot war, freute sich gleichzeitig aber, dass sein Leiden vorbei war. War sie deshalb eine schlechte Tochter? Sie hoffte nicht. Vielleicht war freuen nicht das richtige Wort. Zufrieden? Sie hatte in Hollow Springs bleiben wollen; doch jetzt sehnte sie sich nach Kalifornien. Wenn der Schmerz und das Mitgefühl in Ethans kobaltblauen Augen ein Indiz waren, dann war ihr hier nichts geblieben. Über den Holzsteg ging sie langsam zu dem Hotel, in dem sie und Pa gewohnt hatten. Auf dem Weg zur Treppe nahm sie ihren Zimmerschlüssel heraus. „Miss Rivers?“ Sie drehte sich zu dem Mann am Empfang um. „Ja.“ „Darf ich Sie kurz sprechen?“ Sie wünschte sich nichts weiter, als sich auf ihr Bett zu werfen und ihren Tränen freien Lauf zu lassen, doch natürlich kam sie dem Wunsch des Mannes nach. Mr Gonzales neigte den Kopf. Sie konnte seine beginnende Glatze erkennen. „Ich tue das nur sehr ungern in Ihrer Trauer, aber wenn Sie die ausstehende Rechnung Ihres Vaters nicht bezahlen können, möchte ich gern Ihren Zimmerschlüssel zurück.“ Ausstehende Rechnung? Sie stellte ihre Handtasche auf die Rezeption. „Wie viel?“ „Fünfzehn Dollar.“ Sie schnappte nach Luft. „So viel habe ich nicht.“ „Das tut mir sehr leid, Miss. Aber wenn Sie nicht bezahlen, können Sie nicht bleiben.“ „Natürlich nicht.“ Sie nahm drei Dollar und sechs Cent aus ihrer Handtasche. „Mehr habe ich nicht.“ Er streckte die Hand aus. „Ich nehme, was Sie haben.“ Sie legte das Geld auf das Gästebuch. „Ich werde Ihnen den Rest von dem, was Ihnen mein Pa schuldig ist, bezahlen, Mr Gonzales. Irgendwie. Haben Sie zufällig eine freie Stelle? Ich könnte im Speiseraum arbeiten oder die Zimmer sauber machen.“ „Das tut mir leid. Im Augenblick habe ich keinen Bedarf an Aushilfen.“ 8
Sie nickte. „Wissen Sie, ob ich in der Stadt Arbeit finden kann?“ Er schüttelte den Kopf. „Tut mir leid.“ „Wenn ich Arbeit finde, werde ich die Schulden meines Pa bezahlen.“ Er lächelte sie traurig an und verneigte sich. Mit hoch erhobenem Kopf und geradem Rücken stieg sie die Treppe hoch. In ihrem Zimmer standen die Reisetaschen neben den Bett, die sie an dem Tag, an dem Pa die Bank ausrauben wollte, gepackt hatte. Zwei Tage hatten sie unberührt dort gestanden. Pa hatte gesagt, er wäre bald zurück. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie sank auf die Knie. „Lieber Herr Jesus, was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich hinsoll.“ Hier im Hotel konnte sie nicht bleiben. Was sollte sie tun? Sie könnte im Freien übernachten. Die Nächte hier in Texas waren längst nicht mehr so kalt wie vor einem Monat, als sie in die Stadt gekommen waren. Der Gedanke, im Freien zu schlafen, behagte ihr nicht, aber sie und Pa hatten es, seit sie von Maryland fortgegangen waren, schon ein paarmal ausprobiert. Armer Pa. In diesem vergangenen Jahr war es gewesen, als schaute er aus einer dunklen Höhle heraus und sähe nichts als Kalifornien. Als ob ihre Reise dorthin Mas Tod leichter machen würde. Und jetzt war er auch tot – und verschuldet. Als seine Erbin war sie für die Begleichung seiner Schulden verantwortlich. Und das bedeutete, dass sie dringend Arbeit brauchte.
Ethan Burke richtete die Schlinge an seinem linken Arm. Er stand vor dem Frisiersalon dem Hotel Starlight gegenüber. Laurel schien allein am Grab ihres Pa gestanden zu haben. Sogar ihr Gang, langsam und müde, spiegelte ihre Einsamkeit wider. Er fühlte mit ihr. Keine einzige Seele aus der Stadt hatte an der Beerdigung teilgenommen. Wie konnte die ganze Stadt ihr die Schuld an dem geben, was ihr Vater getan hatte? Er wäre sofort an ihre Seite geeilt, wenn nicht das Schreckliche geschehen wäre: Mit dreiundzwanzig hatte er einen Menschen getötet. Ethan schüttelte den Kopf. Es war ein schreckliches Gefühl. Es brannte wie ein brennendes Kohlestück in seinem Magen. Er trat gegen den Pfosten, der die Markise hielt, aber statt der Be9
friedigung, die ihm dieser Tritt verschaffen sollte, stieß er sich den Zeh an. Wenn er gelernt hätte, mit einer Pistole zu schießen, dann bräuchte Laurel jetzt nicht zu weinen. Dann hätte er den Mann nur angeschossen. Aber er hatte schlecht gezielt, sehr schlecht. In der Kirche schloss Laurel immer die Augen und ließ ihre Stimme erklingen. Der heitere, gelöste Ausdruck auf ihrem Gesicht, wenn sie für den Herrn Jesus sang, sagte ihm alles, was er über ihre Einstellung zum Glauben wissen musste. Und sein Herz war ihr entgegengeflogen. Jetzt lag es in Scherben, und er scheute davor zurück, sie anzusprechen. Obwohl Laurel und ihr Vater auf dem Weg nach Westen waren, hatte er gehofft, sie würden in Hollow Springs ein Zuhause finden, aber Mr Rivers wollte unbedingt nach Kalifornien. Und darum hatte auch Ethan begonnen, sich für Kalifornien zu interessieren. Er wollte sein, wo Laurel war. Am Tag vor dem Bankraub hatte er Mr Rivers gefragt, ob er um Laurel werben dürfe. Mr Rivers hatte ihm eine schroffe Abfuhr erteilt und ihn stehen gelassen. Laurel hatte recht gehabt, als sie sagte, ihr Pa würde das nicht gut aufnehmen. Er hätte vorschlagen sollen, sich an den Reisekosten zu beteiligen. Hatte er Mr Rivers zu einer fatalen Entscheidung getrieben? Unter dem vertrauten Schlag auf den Rücken zuckte Ethan zusammen. Dass er nicht ganz so fest ausfiel wie sonst, hatte er seinem verletzten Arm zu verdanken. „Hola, Alonzo.“ „Mi amigo, du siehst müde aus. Du musst dich ausruhen.“ Er riss seinen Blick von dem Hotel los. „Mir geht es gut.“ Alonzos dunkle Augen weiteten sich. „Warst du bei der Beerdigung?“ Er hätte gern daran teilgenommen. Er hätte gern an Laurels Seite gestanden, um sie in ihrer Trauer zu trösten. „Ich habe Abstand gehalten.“ „Du hast nicht mit ihr gesprochen? Und deine grande Schulter, du hast sie ihr nicht zur Verfügung gestellt?“ Ethan blickte zu seinem ein Meter neunzig großen Freund auf. „An meiner Schulter will sie ganz bestimmt keinen Trost suchen.“ „Hat sie dir nicht zugelächelt, wenn ihr Padre nicht hingeschaut hat?“ Bei dem Gedanken daran verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln. Wie konnte ein so junges Mädchen ihn mit ihrem arglosen Lächeln und der weichen, leisen Stimme, die sein Herz liebkoste wie 10
eine sanfte Melodie, so faszinieren? „Sie hat tatsächlich ein nettes Lächeln.“ „Und Augen, die funkeln wie ein grüner Kaktus, und ihre seidenweichen, zimtfarbenen Haaren schimmern. Eigentlich ist alles an ihr vollkommen“, rezitierte Alonzo wie ein Kind, das die Eltern nachahmt. „Ich bin ganz sicher, dass sie dich mag.“ „Vielleicht. Bevor ich ihren Pa getötet habe.“ „Dann hast du ihn also mit Absicht erschossen?“ „Nein.“ „Und warum hast du den Padre der Frau, die du liebst, erschossen?“ „Weil er die Bank ausrauben wollte.“ „Du hast ihm das Geld überlassen, das übrigens nicht deines war.“ Er sah Mr Rivers zitternde Hand vor sich und wie sein Blick durch den Raum gehuscht war. „Er war sehr nervös. Ich hatte Angst, die kleinste Kleinigkeit könnte ihn erschrecken. Ich wollte nicht, dass er einen Unschuldigen verletzt.“ „Dann war es also ein Unfall.“ „Nein. Ich habe ihren Pa getötet.“ „Sie wird wissen, dass du es nicht mit Absicht getan hast.“ An jenem Morgen war Ethan einer groben Fehleinschätzung erlegen. Wenn er noch einmal zurückgehen könnte, würde er auf die Schulter des Mannes zielen, nicht auf seine Hand. Oder auf sein Bein. Nein. Er hätte die Pistole gar nicht erst aus der Schublade genommen. Dann wäre vielleicht niemand verletzt worden. Aber was dann? Hätte Mr Rivers einfach aufgegeben? Sehr unwahrscheinlich. Hätte er Mr Rivers mit dem Geld entkommen lassen sollen? Dann wäre Laurel auf der Flucht gewesen. Und wenn Mr Rivers gefangen genommen und ins Gefängnis gebracht worden wäre? Er schüttelte den Kopf. Als Jonathan Rivers beschloss, die Bank auszurauben und seine Pistole zog, war alles verloren gewesen. Es konnte keinen guten Ausgang mehr geben. Er zuckte die Achseln. „Das ändert nichts.“ „Ich comprendo, warum du hier stehst und Luft atmest, die gut ist für deine pulmones.“ Alonzo deutete auf die andere Straßenseite. „Deine vollkommene Senorita.“ Ethan richtete sich etwas höher auf. Was machte Laurel da? Sie verließ mit ihrem Gepäck das Hotel. „Du wirst mit ihr sprechen, ja?“ 11
Er würde gern. „Es ist noch zu früh.“ „Soll ich für dich mit ihr reden?“ „Nein. Versprich mir, dass du ihr nichts über mich sagst. Ich werde mit ihr reden, wenn ich dazu bereit bin. Und wenn ich den Eindruck habe, dass sie bereit ist.“ Alonzo legte seine Hand auf sein Herz und nickte schnell. „Nur warte nicht zu lange.“ Er trat auf die Straße. „Wo willst du hin?“ „Ich denke, ich rede mit der schönen Senorita.“ „Alonzo, nein. Du hast es versprochen.“ Alonzo drehte sich um und lief rückwärts weiter. „Ich werde dich nicht erwähnen.“ Das bezweifelte Ethan. Wie konnte er ihn zurückhalten? „Was ist mit Rosita?“ „Du erzählst ihr nichts hiervon.“ Alonzo betrat hinter Laurel den Gemischtwarenladen. Ethan überlegte ebenfalls hineinzugehen – zufällig auf Alonzo zu treffen, dann könnte er sich mit eigenen Augen überzeugen, wie es ihr ging. Er trat auf die Straße. „Senor Burke.“ Er drehte sich um. Rosita Menendez eilte auf ihn zu. Sein Blick flog zum Gemischtwarenladen hinüber und wieder zu Rosita zurück. „Senorita Menendez.“ „Hola. Ich … suche … Alonzo.“ Rositas Englisch war nicht annähernd so gut wie Alonzos, aber sie gab sich große Mühe zu lernen. Wenn Ethan ihr sagte, wo er war, könnte Alonzo Ärger bekommen, falls er sich gerade mit Laurel unterhielt. Rosita war in Bezug auf Alonzo sehr eifersüchtig. Alonzo war noch nicht bereit zu heiraten, aber wenn er es wäre, dann würde er Rosita heiraten. Bis dahin musste er Rositas Interesse so weit wach halten, dass sie ihm nicht davonlief und einen anderen heiratete, aber gleichzeitig so auf Distanz, dass sie nicht darauf drängte, ein Hochzeitsdatum festzusetzen. Wenn er an Alonzos Stelle wäre und die Möglichkeit hätte, die Frau zu heiraten, die er liebte, würde er keinen einzigen Tag vergeuden. Nicht einen Tag.
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Kapitel 2 Laurel blickte sich im Gemischtwarenladen um. Mrs Jones stand hinter der Theke und tippte die Einkäufe eines Kunden in die Registrierkasse ein. Während sie wartete, schaute Laurel sich einen Stapel vorgefertigter Kleider an. Sie hatte nie ein Kleid von der Stange getragen. Ma hatte alle ihre Kleider selbst genäht. Seit Mas Tod hatte sie kein neues Kleid mehr bekommen. Pa hatte ihr gesagt, sie solle nur wenig Gepäck mitnehmen. In Kalifornien würden sie sich neue Sachen kaufen. Aber sie hatte trotzdem einige kleine Andenken eingepackt – und Mas Hochzeitskleid. Der Kunde verließ den Laden. Sie trat an die Theke. „Ich suche nach Arbeit und wollte fragen, ob Sie vielleicht eine Verkäuferin brauchen.“ Mrs Jones’ grauer Knoten auf dem Kopf schwankte, als sie den Kopf schüttelte. „Das tut mir leid. An manchen Tagen geht das Geschäft so schlecht, dass es kaum für uns beide reicht.“ Laurel nickte. Ihr Magen begann zu knurren. Vor zwei Tagen hatte sie das letzte Mal etwas gegessen. „Geben Sie mir bitte eine Portion Pickles.“ Sie suchte in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie, bis ihr einfiel, dass sie Mr Gonzales ihr ganzes Geld gegeben hatte. „Es tut mir leid, aber ich kann nichts mehr auf die Rechnung Ihres Pa setzen.“ Laurels Kopf ruckte hoch. „Pa schuldet auch Ihnen Geld? Wie viel?“ Sie seufzte, als sie die Summe hörte. „Wenn ich Arbeit finde, werde ich die Schulden meines Pa bezahlen.“ „Senorita Rivers?“ Alonzo Chavez stand im Türrahmen. Beim Näherkommen nahm er den Hut ab, legte ihn über sein Herz und verneigte sich leicht. „Mein herzliches Beileid zum Tod Ihres Vaters.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. Außer dem Pastor war er der Erste, der ihr sein Beileid aussprach. Das Überraschende war, dass Alonzo
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Ethans bester Freund war. Sie hätte nicht gedacht, dass er mit ihr sprechen würde. „Danke.“ Sie blinzelte die Tränen zurück. „Geht es Ihnen gut?“ Welche Antwort sollte sie darauf geben? Ich weiß nicht, wo ich leben soll, ich habe keine Familie, kein Geld, aber mir geht es gut. „Es geht schon.“ Plötzlich stand Ethan Burke an Alonzos Seite. Sie versteifte sich und starrte auf seinen Arm in der Schlinge. Sie war noch nicht bereit, mit ihm zu reden. Das war zu viel für einen Tag. „Entschuldigen Sie, Miss Rivers. Ich muss mit Alonzo sprechen.“ Sie nickte und senkte den Blick, um das Mitleid in seinen blauen Augen nicht sehen zu müssen. Ethan und Alonzo zogen sich in die Ecke des Ladens zurück, wechselten ein paar Worte miteinander und eilten zur Tür hinaus. Ihr Blick folgte ihnen. Sie hätte sich zumindest nach seinem Arm erkundigen müssen. Ihn begrüßen können. Oder so etwas. Aber sie war noch zu mitgenommen von Pas Tod und dem Verbrechen, das er getan hatte. Sie war nicht bereit für eine Konfrontation mit dem Mann, der offensichtlich nicht mit ihr sprechen wollte. Dass er Alonzo aus dem Laden geholt hatte, gab Einblick in seine Gefühle. Er wollte nicht einmal, dass sein Freund mit ihr redete. Sie nahm ihre Reisetaschen und verließ den Laden. Draußen sortierte Mr Jones Obst und Gemüse ein. „Miss Rivers!“ Mr Jones nahm eine Orange aus einer der Obstkisten vor dem Laden und hielt sie ihr hin. „Die sind ganz frisch.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann sie nicht bezahlen.“ Er nahm die Orange zurück. „Das tut mir leid.“
Als die Sonne im Westen tiefer sank, hatte Laurel immer noch keine Arbeit gefunden. Sie ging an der Bank vorbei, als einer der Angestellten gerade die Tür abschloss. Durch das Fenster spähte sie ins Innere der Bank, wo Pa sein Leben gelassen hatte. Oh Pa. Warum konntest du hier nicht glücklich sein? Was war denn so furchtbar wichtig in Kalifornien? Sie hatte in Hollow Springs bleiben wollen. Sie hatte davon geträumt, dass Ethan Burke um sie warb und ihr einen Heiratsantrag machte und 14
dass sie sich hier ein Heim schaffen würden. Jetzt wünschte sie nichts sehnlicher, als diese Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Und nun übte Kalifornien auch auf sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. War es ihre Pflicht, die Reise zu Ende zu bringen, die ihre Eltern begonnen hatten? Ethan stand hinter seinem Schalter und blickte in ihre Richtung. Sie eilte schnell weiter – und blieb abrupt stehen. Wohin sollte sie gehen? Sie wusste es nicht. Herr? Neue Tränen traten ihr in die Augen. Sie blinzelte sie fort. Andererseits konnte sie ruhig weinen. Die Leute blickten ihr wohl kaum in die Augen. Sie ahnte, dass es durchaus Arbeit gab. Doch es ging um sie. Die Leute wollten sie nicht für sich arbeiten lassen. Sie schämten sich ihrer. Und darum fand sie keinen Job, sondern erfuhr stattdessen, dass Pa auch noch in anderen Geschäften Schulden hatte. Sie musste die Stadt so schnell wie möglich verlassen und woanders noch einmal ganz neu anfangen, in einer Stadt, wo niemand wusste, was Pa getan hatte. Kalifornien war da genauso gut wie jeder andere Ort. Doch um dorthin zu reisen, brauchte sie Geld. Und zuerst brauchte sie Arbeit, um Pas Schulden zu bezahlen. „Miss Rivers?“ Als sie ihren Namen hörte, drehte sie sich um. Pastor Thomas Howard kam über die Straße auf sie zu. „Noch einmal mein herzliches Beileid zu Ihrem Verlust. Haben Sie schon überlegt, was Sie jetzt machen wollen?“ Sie senkte den Kopf. „Ich habe gerade erfahren, dass mein Pa überall in der Stadt Schulden hat. Ich musste aus dem Hotel ausziehen, und ich muss dringend Arbeit finden, um seine Schulden zu bezahlen.“ „Sie könnten zu Ihrer Familie zurückkehren.“ „Auf dieser Welt habe ich niemanden außer Gott.“ Sie spürte die Einsamkeit in sich. „Das ist ein Glück für mich.“ Er trat neben sie. „Meine Frau braucht Hilfe im Haus und mit dem Kleinen. Doc Benson hat ihr mehr Ruhe verordnet, sonst könnte sie das Baby verlieren. Aber ich kann Ihnen für Ihre Hilfe nur eine Übernachtungsmöglichkeit und drei Mahlzeiten am Tag anbieten.“ Ein Dach über dem Kopf und Nahrung für ihren Magen. Dann brauchte Laurel wenigstens nicht unter dem Sternenhimmel zu über15
nachten. „Das würde ich sehr gern tun, aber ich muss auch eine bezahlte Stellung finden, damit ich Pas Schulden begleichen kann.“ „Wenn ich mich recht entsinne, hatten Sie, als Sie in die Stadt kamen, angeboten, sonntags im Gottesdienst Klavier zu spielen.“ „Das stimmt.“ „Da meine Frau sich in der Schwangerschaft schonen muss, möchte ich verhindern, dass sie sich überanstrengt. Wären Sie bereit, für uns zu spielen?“ „Aber gewiss.“ Ihre Finger sehnten sich nach den Elfenbeintasten. „Allerdings kann die Kirche nur einen kleinen Lohn zahlen.“ Wie gern hätte sie ihm gesagt, dass sie umsonst spielen würde, aber sie brauchte das Geld. „Dafür bin ich dankbar.“ Der Herr schenkte ihr ein Dach über dem Kopf, Nahrung und eine Möglichkeit, Pas Schulden zu bezahlen. Danke, Herr, für deine überfließende Fürsorge.
Laurel stand in der Tür zum Schlafzimmer der Howards. Mrs Howard schien im Halbschlaf zu sein, während ihr zweijähriger Sohn an ihrem Bett saß und mit ihrer Hand spielte. Mrs Howard steckte ihren Arm unter den Quilt mit den ineinander verschlungenen Eheringen. Als der Junge sie wieder hervorholte, stöhnte sie. Pastor Howard streckte seinem Sohn die Arme entgegen. Der kleine Tommy ließ den Arm seiner Ma achtlos fallen und trat auf ihr Bein, um zu seinem Pa zu gelangen. Mrs Howard drehte seufzend den Kopf. „Du bist wieder da.“ „Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“ Der Pastor beugte sich hinunter und küsste ihre Stirn. Mrs Howards Blick wanderte zu Laurel, und ihre Augen weiteten sich, bevor ihr Blick sich wieder auf ihren Mann richtete. „Was macht sie hier?“ Der Pastor nahm seinen Sohn auf den anderen Arm. „Miss Rivers wird dir im Haushalt zur Hand gehen und dir Tommy abnehmen, damit du dich ausruhen kannst.“ „Ich brauche keine Hilfe.“ „Der Doc sagte, du brauchst Ruhe. Wir wollen dieses Baby doch nicht auch noch verlieren.“ 16
Sie seufzte und nickte schließlich. Laurel schluckte. „Mrs Howard, ich danke Ihnen, dass Sie mich aufnehmen. Wenn ich etwas tun kann, damit Sie es bequemer haben, sagen Sie es bitte.“ Mrs Howard drehte sich zur Wand. „Ich bin müde.“ Pastor Howard wandte sich zu Laurel um. „Vielleicht könnten Sie mit den Vorbereitungen für das Abendessen beginnen.“
Nach dem Abendessen badete Laurel Tommy und trug ihn nach oben, damit er seiner Ma gute Nacht sagen konnte. Aus der geöffneten Tür des Schlafzimmers der Howard waren Stimmen zu hören. Sie blieb abrupt stehen. „Ich traue keinem Menschen, dessen Vater so etwas tut“, sagte Mrs Howard. „Sie hat schlechtes Blut.“ Laurel schnappte nach Luft. „Miss Rivers ist genauso wenig eine Bedrohung für dich oder Tommy wie ich. Mr Rivers hat einige schlechte Entscheidungen getroffen, aber damit hat sie nichts zu tun. In der Bibel wird uns aufgetragen, uns um die Menschen zu kümmern, die in Not sind. ‚Wenn aber jemand auf dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?‘“ Der Pastor gab ihr Almosen. Laurel wünschte, sie würde sie nicht so dringend brauchen. „Wie gern hätte ich dein Vertrauen“, sagte Mrs Howard. „Wenn dein Bruder sich schlecht benimmt, kann ich dir deswegen nicht vertrauen?“ Tommy wand sich aus Laurels Armen, und bevor sie ihn festhalten konnte, rannte er ins Schlafzimmer seiner Eltern. Sie trat an die Tür. „Tommy wollte gute Nacht sagen, bevor ich ihn zu Bett bringe.“ Pastor Howard nahm ihn auf den Arm. „Danke, Miss Rivers. Ich werde ihn zu Bett bringen.“ Sie nickte und hoffte, dass man ihr ihren Gemütszustand nicht ansah. „Dann räume ich inzwischen die Küche auf.“ Als sie die Krümel vom Küchentisch wischte, kam Pastor Howard 17
in die Küche. „Bitte nehmen Sie sich die Worte meiner Frau nicht zu Herzen.“ „Verzeihung?“ „Nach Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, standen Sie gerade lange genug im Flur.“ Sie spürte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich. „Ich wollte nicht lauschen. Ganz bestimmt nicht.“ Er lächelte traurig. „Ich weiß. Es tut mir nur leid, dass Sie das alles mitbekommen haben. Meine Frau hat sieben Babys schon sehr früh verloren. Sie hat Angst, dass sie nun, da die Geburt so kurz bevorsteht, dieses auch noch verliert. Also bitte machen Sie sich nichts aus dem, was sie gesagt hat, Miss Rivers. Sie ist auch mit mir im Augenblick sehr ungeduldig.“ Er seufzte. „Sie müssen wissen, dass während der Schwangerschaft irgendetwas mit ihr geschieht. Sie ist nicht sie selbst. Ihr Zustand wird sich noch verschlimmern, je näher die Geburt rückt. Wir können nichts tun, als es ihr so bequem wie möglich zu machen und den Sturm auszusitzen.“ Die arme Mrs Howard – so viele Kinder zu verlieren, bevor sie auch nur eine Chance in dieser Welt hatten. Und dann auch noch ihr Gemütszustand. Laurel verstand nur zu gut, wie es war, wenn ein geliebter Mensch nicht mehr er selbst war. Das war eine schwere Belastung. „Wann soll das Baby denn kommen?“ „In etwa acht Wochen. Ich bete sehr intensiv für dieses Kind. Ich fürchte, den Verlust noch eines Kindes könnte meine Frau nicht verkraften.“ Er drehte sich um und verließ den Raum. Aber sie hatte das Glitzern in seinen Augen gesehen, die Tränen, die er fortzublinzeln versuchte. Der Verlust wäre für ihn sicherlich genauso schwer. Sie setzte sich an den Tisch und betete um Gnade und Erbarmen für den Pastor, Mrs Howard, das ungeborene Baby und den kleinen Tommy. Nachdem sie in der Küche fertig war, stieg Laurel die Treppe zu dem Zimmer hinauf, das sie mit Tommy teilen würde. Sie empfand Mitgefühl für die Familie. Aber sie hatte gar keinen Menschen mehr auf der Welt. Wie gern würde sie zu jemandem gehören, doch es gab keinen. Als sie ihre Reisetasche auspackte, wurde sie von Einsamkeit überwältigt. Sie klappte Pas Taschenuhr auf. Das Foto von Ma und Pa an ihrem Hochzeitstag verschwamm vor ihren Augen. Nachdem sie wieder klar 18
sehen konnte, nahm sie das Foto heraus. Eine kleine Strähne von Pas aschblondem Haar lag neben Mas hellbrauner Locke. „Ich bringe euch beide nach Kalifornien, wo ihr hinwolltet.“ Sie kleidete sich aus, rollte sich in ihrem Bett zusammen und wünschte, sie wäre wieder sieben und säße auf Pas Schoß, verzweifelt schluchzend wegen der grausamen Worte der anderen Schulkinder. Er würde ihre langen hellbraunen Haare streicheln und ihr versprechen, dass alles wieder gut werden würde, dass Jesus alles besser machen würde. Das war der Pa, den sie am Tag des Todes ihrer Ma verloren hatte. Dann war es nicht mehr Pa, der sie in den Armen hielt und sie tröstete, sondern Jesus selbst. Leise schluchzte sie in der Dunkelheit, bis sie in den Armen ihres Erlösers einschlief.
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