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Kapitel 1 Dreihundert Jahre trennten Theophile „Ted“ Breaux IV und die Flüchtlinge, die sich in diesem Teil des Bayou angesiedelt hatten. Vor gut hundert Jahren hatte sein Urgroßvater das Haus gebaut, vor dem er jetzt stand. Und trotz unzähliger Veränderungen blieb vieles doch gleich. Auch nach dem Tod seiner Mutter und obwohl Pop jetzt nach seiner Pensionierung seinen Traum verwirklichte, durch die Welt reiste und Kirchen baute, war dieses Stück Land für ihn sein Zuhause und würde es vermutlich immer sein. Auf der gegenüberliegenden Seite des Weges stand das Gebäude, das Großvaters Vater, der erste Theophile Breaux, aus dem Material des ursprünglichen Breaux-Hauses zu einem Schulhaus umgebaut hatte. Erst im vergangenen Jahr hatte der Staat es offiziell zu einer historischen Stätte erklärt. Zum Glück stand es jetzt unter Denkmalschutz, ganz anders als viele andere Gebäude der Stadt, in der seine Familie seit vielen Generationen lebte. „So viel Geschichte.“ Während Ted mit der Hand über die Bohlen strich, die aus den Zypressen auf dem Grundstück geschnitten waren, schüttelte er den Kopf. Wie viele Menschen hatten hier bereits gestanden, hatten dieses Geländer berührt, wie Ted es jetzt tat. Sein Architektenauge sagte ihm, dass das Haus die guten und schlechten Tage nicht gleich gut überstanden hatte. Das Gute schien immer das zu sein, was in Erinnerung blieb; das Schlechte ließ das Gute, wenn es kam, noch besser erscheinen. Seine Vorfahren hatten das Land gegen alle Widrigkeiten verteidigt und allen Stürmen getrotzt. Und jetzt könnte durch einen Hammerschlag des Richters geschehen, was kein Hurrikan vermocht hatte. Aber das würde Ted natürlich zu verhindern wissen.

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Wie schon häufiger würde er die Schulden seines Bruders bezahlen und das Haus im Familienbesitz behalten. Der Scheck war bereits ausgestellt, und morgen würde er ihn auf dem Rückweg nach Baton Rouge zur Bank bringen. Ted seufzte. Leider musste er wieder nach Hause fahren. Die Arbeit wartete. Wie gern bliebe er noch einige Tage hier in Latagnier. Doch sein Lebensmittelpunkt war Baton Rouge. Dort lebte und arbeitete er, dort wollte er Karriere machen. Im Haus wurde ein Fernsehgerät lebendig, vermutlich ein hochmodernes Flachbildschirmgerät, auf das Wyatt auf keinen Fall verzichten konnte. Es stand jetzt im früheren Wohnzimmer des Hauses. Ein Footballspiel; nach dem Jubelgeschrei – und nach Wyatts Jammern – zu urteilen vermutlich die Saints. Abrupt verstummte das Gebrüll der Menge. „Hey, komm rein, T. Es ist zwar erst Vorsaison, aber deine Mannschaft gewinnt tatsächlich.“ Wyatt hielt inne, um zu jubeln, vermutlich über die Heimmannschaft. „Oder musst du noch länger auf die Verandapfosten starren?“ Ted drehte sich zum Klang der Stimme seines jüngeren Bruders um und schluckte eine Erwiderung hinunter. Wenn Wyatt sich mehr um die Erhaltung der Verandapfosten kümmern würde – und des Hauses, dessen Veranda sie hielten – und weniger um Football, dann wäre diese Krise erst gar nicht entstanden. Es gab nur eines zu tun. Er ging ins Haus und wartete, bis sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, dann marschierte er zum Sofa, schnappte sich die Fernbedienung und schaltete das Fernsehgerät aus. Der Plasmabildschirm wurde dunkel. „Hey! Was soll das?“ Wyatt wollte ihm die Fernbedienung entreißen, doch Ted wich ihm aus. Ergeben sank der jüngere Breaux ins Sofa zurück und hob beide Hände. „Schon gut. Ich gebe auf.“ Er entspannte. „Was habe ich dieses Mal verbrochen?“ Ted ließ sich bewusst Zeit mit seiner Antwort, um sich zu beruhigen. Denn sonst hätte er seinen Bruder bestimmt erwürgt. Er atmete tief ein und betete beim Ausatmen. „Verbrochen?“ Noch einmal tief ein- und ausatmen, noch ein Gebet. „Nun, Wyatt, mal sehen.“ Ted ging an dem hochmodernen Sofa vorbei, das Wyatt vermutlich mit einer der vielen Kreditkarten bezahlt hatte, die bis zum Limit ausgeschöpft waren, und 4


hinüber zu dem hundert Jahre alten Kamin. „Lassen wir mal die Tatsache, dass du Großvaters Haus übernommen hast – das dir kostenlos überlassen wurde –, außer Acht.“ „Hey, Moment mal.“ Wyatt erhob sich und machte zwei Schritte auf ihn zu, bevor er stehen blieb und ihm einen trotzigen Blick zuwarf. „Du hast ausdrücklich betont, dass du es nicht willst. Außerdem braucht ein Mann wie du doch keine Almosen, oder?“ Almosen? Offensichtlich hatte dieses Kind überhaupt keine Ahnung, dass es ein Vorrecht war, hier zu wohnen, nicht etwas, was man in Kauf nahm, bis sich einem etwas Besseres bot. Der Zorn, den er eigentlich unter Kontrolle halten wollte, kochte nun hoch. Ted ballte die Hände zur Faust, steckte sie aber vernünftigerweise schnell in die Hosentaschen. Wyatt war zwar zehn Jahre jünger, aber Ted war stolz darauf, dass er noch genauso fit war wie damals, als er in der NFL gespielt hatte. „Nein, Wyatt“, stieß Ted durch zusammengebissene Zähne hervor, „ich sagte, ich brauche das Haus nicht. Und leider verstehe ich nicht, wie dir das Vermächtnis der Breaux-Familie, das Haus, das unser Urgroßvater gebaut hat, eine Last sein kann oder dass es überhaupt als Almosen betrachtet werden könnte.“ Die Schultern seines Bruders sackten in sich zusammen. „Nein, das verstehst du nicht“, sagte er, drehte sich um und marschierte davon. Dann blieb er stehen und blickte über die Schulter zurück. „Aber du hast doch eine Vorliebe für alte Häuser. Da frage ich mich, warum du in diesem hochmodernen Apartmentgebäude aus Glas und Beton in Baton Rouge lebst, obwohl du eigentlich hier wohnen und das Vermächtnis der Breauxs weiterführen solltest.“ „Das Hayes-Gebäude ist ein bedeutendes architektonisches Meisterwerk aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, und ich kann mich glücklich schätzen, dort überhaupt eine Wohnung bekommen zu haben.“ Ted hielt inne. Er war sich schmerzlich bewusst, wie töricht dieses Argument in den Ohren eines Mannes klingen musste, dessen einziges Vergnügen im Leben war, sich über die neusten elektronischen Geräte zu informieren und sie zu erwerben. Wäre er seinem gesunden Menschenverstand gefolgt, hätte er den Mund gehalten, doch er war dickköpfig, darum sprach er weiter. Er blickte an Wyatt vorbei und atmete aus. „Und ich kann mir nicht vorstellen, meinen Job bei Hillman 5


& Wright aufzugeben, denn ich habe gute Chancen, demnächst zum Partner aufzusteigen.“ Ein stichhaltiges Argument. Von allen Architekten in der Firma war er ausgewählt worden, den Firmensitz von Global Oil Tulsa zu entwerfen. Wenn das keine Garantie für eine bevorstehende Partnerschaft war, dann wusste er es auch nicht. „Das ist auch ein Weg, das Vermächtnis weiterzutragen, finde ich“, betonte Ted. Oder vielleicht doch nicht? Als er sich umdrehte, besaß Wyatt die Frechheit zu lachen. „Dann ist dir deine Karriere also wichtiger als das, was du eigentlich tun möchtest?“ Das könnte ein interessantes Gespräch werden. Ted verschränkte die Arme vor der Brust. „Und was will ich deiner Meinung nach tun?“ „Denkst du, ich hätte nicht gesehen, wie du die alte Hütte drüben anschaust, seit du den Football aufgegeben hast? Und ich weiß, dass du in der Stadt nicht über die Main Street laufen kannst, ohne zu überlegen, wie du die alten Gebäude renovieren könntest. Das ist schon seit unserer Kindheit so. Oh, und deine Telefongespräche mit Pop nicht zu vergessen. Ihr redet über nichts anderes.“ So ungern er es zugab, sein Bruder hatte recht. „Was willst du damit sagen?“ Wyatt blickte ihm fest in die Augen, und sein Gesichtsausdruck warnte Ted, ihm zu widersprechen. „Der Punkt ist, auch wenn du ein tolles Leben in der großen Stadt führst, ich glaube, du würdest liebend gern mit mir tauschen.“ Ted lachte gezwungen. „Und das, was du tust, ist dein Bestes?“ „Gibst du dein Bestes, Ted?“ Ihm fielen mehrere Argumente ein, doch keins passte. Sein jüngerer Bruder schüttelte den Kopf. „Ich habe recht. Gib es zu.“ Wyatt fuhr fort, ohne auf eine Antwort von Ted zu warten. „Wenn dir die alten Häuser in der Stadt so am Herzen liegen, warum steckst du dir deine Karriere nicht an den Hut und kümmerst dich darum?“ Dieses Mal lachte Ted sofort los. „Ja, natürlich, das ist ja auch ganz einfach.“ „Nur zu, lach mich aus. Ich habe mich neulich mit Bob Tratelli und Landon Gallier unterhalten. Sie erzählen, der Bürgermeister sei fest 6


entschlossen, die alten Gebäude abzureißen und dort ein modernes Einkaufszentrum zu bauen. Die Modernisierung von Latagnier soll sein Vermächtnis sein.“ Wyatt hielt inne. „Bob will einige dieser Häuser aufkaufen, aber die meisten stehen leider nicht zum Verkauf. Sobald die Entscheidung gefallen ist, werden sie abgerissen. Du weißt, was das bedeutet, nicht?“ Als Ted schwieg, warf Wyatt ihm einen wütenden Blick zu und stürmte davon. Auf der Veranda holte Ted ihn ein. Zu gern hätte er weiter mit Wyatt gestritten, aber seine Wahrheitsliebe siegte. „Ja, ich weiß, was das bedeutet. Und nur um das klarzustellen: ich habe auch mit Bob gesprochen. Habe ihm einen Rat gegeben, mehr nicht.“ Er hielt inne. „Nun, vielleicht würde ich wirklich gern mit dir tauschen“, gestand er und versetzte seinem Bruder einen gut gemeinten Rippenstoß. „Wer möchte nicht jung und dumm sein? Das macht die Welt viel unkomplizierter.“ „Jung und dumm, ja?“ Wyatt gab den Rippenstoß zurück. „Das ist bestimmt besser als alt und behäbig, aber andererseits, beim Wettrennen zum Bayou habe ich dich noch immer schlagen können.“ „Ach, tatsächlich?“ Die Herausforderung war ausgesprochen und der Wettkampf begann. Als sie das Bayou erreichten, war es Ted ziemlich egal, wer als Erster ins Ziel gekommen war. Ihn interessierte nichts weiter, als ein weiches Plätzchen zu finden, sich zu Boden sinken zu lassen und nach Luft zu schnappen. Wie lange war er schon nicht mehr zum Bayou gerannt? Offensichtlich viel zu lange. „Das Stadtleben ist schuld daran“, sagte Wyatt, als er sich neben Ted niedersinken ließ, nur geringfügig außer Atem. Ted legte sich auf das weiche Gras und beobachtete eine dicke weiße Wolke am Himmel. Seinen Bruder ignorierte er. Der Gedanke an die morgige Sitzung der Partner schlich sich ein und überschattete diesen Augenblick. Aber er ließ es zu. Das war doch sein größter Traum, oder nicht? Er hatte dieses Leben für sich gewählt. Oder hatte es ihn gewählt? Hatte er sich treiben lassen? Football – diesen Sport hatte er gleichzeitig geliebt und gehasst. Was der Sport mit seinem Körper gemacht hatte, war eine Sache für sich, aber für keine Tätigkeit hatte er solche Begeisterung empfunden. 7


Nichts war so inspirierend, wie auf einen Touchdown hinzuarbeiten oder ein ganz besonders schwieriges Spiel zu gewinnen. Die Entscheidung, sich frühzeitig vom Sport zurückzuziehen, war richtig gewesen. Er hatte sie nie infrage gestellt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere auszusteigen, war das Beste, was er hatte tun können. Eigentlich hatte Gott ihn davon weggeführt, bevor er schwere Verletzungen davontrug. Gott hatte Ted eine Tätigkeit gezeigt, die ihn beinahe gleichermaßen begeisterte wie der Football: die Architektur. Seine Liebe zu architektonischen Schmuckstücken kannte keine Grenzen. Eigentlich bereitete ihm die Herausforderung, ein altes Gebäude zu sanieren und ihm seinen früheren Glanz zurückzugeben, mehr Freude als die Meisterschaftspokale, die in seinem Safe in der Bank in Baton Rouge verstaubten. Und doch willst du ein Hochhaus in Tulsa entwerfen und den Bau begleiten. Einen modernen Wolkenkratzer ohne historischen Wert, dem vermutlich eine Reihe schöner alter Häuser in der Nähe des Stadtkerns zum Opfer fallen werden. Wenn er unter diesem Blickwinkel darüber nachdachte, dann war seine Entscheidung nicht nachvollziehbar. Sein Atem wurde wieder ruhiger. Er rollte sich auf die Seite. „Du hattest recht“, sagte er, verblüfft über seine eigenen Worte. „Ich würde tatsächlich gern mit dir tauschen.“ „Das sagtest du bereits.“ Wyatt kniff einen Grashalm ab und versuchte ihm einen Ton zu entlocken. „Und ich würde diesen alten Kasten sofort gegen deine schicke Junggesellenbude eintauschen.“ Ted konnte darauf nur mit einem Schnauben reagieren, für das seine Mutter ihn gescholten hätte. In dem alten Gemäuer, das Wyatt „diesen alten Kasten“ nannte, steckten mehr Liebe und Leben, als seine „schicke Junggesellenbude“ je erleben würde. Zumindest solange Ted dort wohnte. Wyatt suchte Teds Blick. „Also, was soll’s? Du wirst in Baton Rouge bleiben und in einem oder zwei Jahren deine nächste Million erwirtschaften, und ich werde hier in Latagnier versauern, die Footballmannschaft der High School trainieren und Teenagern Informatikunterricht geben, die sich nicht für den Unterricht interessieren und lieber etwas anderes machen würden.“ 8


„Was würdest du denn tun, wenn du die Wahl hättest, Wyatt?“ Ted stützte sich auf die Ellbogen und lächelte seinen Bruder an. „Wenn du die Gelegenheit hättest, dein Leben einzutauschen.“ „Nicht das Leben“, korrigierte er. „Ich würde nur die Wohnungen tauschen. Und die Antwort ist leicht. Ich würde meine Lehrtätigkeit sofort aufgeben und in Baton Rouge den Job in der Informatikbranche annehmen, den Ernest mir immer wieder anbietet.“ Als der Name ihres Cousins fiel, der Inhaber einer Firma war, die sich auf Ölerforschungssoftware spezialisiert hatte, richtete sich Ted auf und klopfte das Gras von seinen Ellbogen. „Ich wusste gar nicht, dass du an dieser Art von Arbeit interessiert bist.“ Er hielt inne. Auf einmal war alles klar. „Jetzt sag nicht, dass du hiergeblieben bist, damit das Haus bewohnt wird.“ Er stieß Wyatt leicht in die Seite. „Das ist so, nicht?“ Wyatt pfiff auf dem Grashalm. Ein schriller Ton zerriss die Stille. Dann warf er den Halm beiseite und wandte sich Ted zu. „Jemand musste doch aufpassen, dass es nicht verfällt, Ted. Und ja, ich weiß, ich hätte Pop nach Hause zurückrufen können, damit er sich um das Haus kümmert, aber das habe ich nicht übers Herz gebracht. Seit Moms Tod ist er so begeistert dabei, diese Kirchen zu bauen. Wenn er darüber spricht, beginnen seine Augen zu leuchten.“ „Ja“, erwiderte Ted. Er stand auf und streckte seine Hand aus, um Wyatt aufzuhelfen. „Ich wusste gar nicht, dass du etwas anderes tun möchtest als unterrichten. So viel Ehrgeiz hatte ich dir gar nicht zugetraut.“ Der verletzte Ausdruck in den Augen seines Bruders erschreckte Ted. Bevor er sich entschuldigen konnte, legte Wyatt die Hand auf seine Schulter. „Du wusstest es nicht, weil ich dir nie davon erzählt habe.“ Er hielt inne. „Ich habe dir auch nie gesagt, wie sehr ich deine häufigen Rettungsbemühungen zu schätzen weiß.“ „Hey, wir sind doch eine Familie“, tat Ted seine Bemerkung ab, „und eine Familie tut so etwas.“ „Es ist mir sehr unangenehm, mir so oft von dir aus der Patsche helfen zu lassen. Aber ich kann mir den Unterhalt dieses Hauses einfach nicht leisten. Ich gebe es nur ungern zu, aber manchmal habe ich Handwerker beauftragt, das Dach oder die sanitären Anlagen zu reparieren. Ich habe es euch verschwiegen, weil ich wusste, was Pop und 9


du davon gehalten hättet.“ Er schwieg. „Ich bin ein Computermensch, Ted. Die Instandhaltung von Häusern ist nicht mein Metier.“ Ted schüttelte den Kopf. „Was meinst du?“ Wyatt zuckte die Achseln. „Ich bin ein Breaux. Wir sind Handwerker seit Generationen. Unsere Verwandten haben diese Stadt gebaut, und auch du bist in der Baubranche, um es einmal deutlich zu sagen. Ich habe einfach, nun, ja, Komplexe, weil ich nicht kann, was unser Vater kann oder sein Vater konnte.“ Er blickte Ted an. „Also habe ich Pop nicht nach Hause gerufen, um zu reparieren, was kaputt ist, sondern habe Handwerker bestellt, die ihre Arbeit in Rechnung stellen. Aber diese Rechnungen konnte ich mit dem Gehalt eines Informatiklehrers einfach nicht bezahlen. Die Ironie ist, dass ich, wenn ich in Baton Rouge in der Informatikbranche arbeitete, die Rechnungen problemlos bezahlen könnte, aber andererseits, wer würde sich dann um dieses Haus kümmern?“ Ted hatte es die Sprache verschlagen. Er wandte den Blick ab und starrte in das dunkle Wasser des Bayou. Sein Bild von Wyatt war falsch, und darüber musste er erst einmal nachdenken. Schließlich räusperte er sich und blickte Wyatt an. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du dich durch die Erhaltung dieses Hauses finanziell total übernimmst. Ich dachte, es wäre … nun ja, … etwas anderes.“ Sein Bruder hielt seinem Blick stand. „Du hast auch nie gefragt.“ Das stimmte, und diese Erkenntnis tat weh. „Nein, das habe ich nicht.“ Ted zuckte die Achseln. „Aber das hätte ich tun sollen. Es wird nicht wieder passieren.“ „Daran ist jetzt nichts mehr zu ändern. Was vorbei ist, ist vorbei.“ Mit diesen Worten setzte sich Wyatt in Bewegung, fort vom Bayou und zurück zum Haus. Ted folgte ihm. Oder war die Vergangenheit vielleicht seine Zukunft? Abrupt blieb er stehen und drehte sich zum Bayou um. Irgendwo tief in seinem Inneren spürte er eine Regung. Eine Hoffnung – nein, ein Traum –, der an die Oberfläche käme, wenn er es zuließe. Hätte er den Mut dazu? Ted straffte seine Schultern. Während seiner Footballkarriere hatte er nie Furcht empfunden, nur Begeisterung und vorsichtigen Optimismus, wenn seine Mannschaft gegen einen schwierigen Gegner spielte. Doch irgendwie weckte die Idee, die langsam Gestalt annahm, eine Furcht in ihm, wie er sie noch nie empfunden hatte. 10


Aber gleichzeitig wuchs in ihm auch die Begeisterung für diese Idee. „Hey, Kumpel“, rief Wyatt. „Falls du dich verirrt hast, das Haus steht dort drüben. Es ist das große Holzding mit der Schüssel, die die ‚Silhouette des Daches stört‘, wie du immer sagst.“ Ted begann zu lachen und konnte nicht mehr aufhören. Seine Kraft war plötzlich wieder da. Er rannte zu Wyatt hinüber, beschleunigte noch einmal und zog an ihm vorbei. Mit jedem Schritt wurde die Last, die auf seinen Schultern gelegen hatte, leichter, und sein Ziel wurde klarer. Herr, wenn du nicht dahinterstehst, hindere mich daran, aber wenn du dafür bist, zeig mir, wie das verwirklicht werden kann. Wyatt holte ihn ein. „Was ist denn los mit dir?“ Ted verringerte seine Geschwindigkeit nur wenig, riss sein Handy aus seiner Tasche und tippte die Nummer seines alten Freundes Bob Tratelli ein. Als Nächstes würde er Landon Gallier auftreiben und seine Idee mit ihm besprechen. Jetzt oder nie, dachte er, als Bobs Telefon zu läuten begann. Wenn er nicht handelte, bevor sein gesunder Menschenverstand einsetzte, dann würde er vermutlich nie wieder den Mut dazu finden.

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Kapitel 2

Houston, Texas, ein Jahr später An Tagen wie diesem hasste es Lise Gentry, das Baby der Familie zu sein. Keiner nahm sie ernst. Niemals. Als sie sich Bauklötze wünschte, schenkten ihre Eltern ihr Babypuppen. Ihr Vorschlag, auf die Ferien in einem Sommerlager zu verzichten und stattdessen einen Missionseinsatz mitzumachen und Häuser zu bauen, wurde ebenfalls ignoriert. Und die Krönung war, als sie sich zum Highschoolabschluss eine Tischsäge gewünscht hatte und ihre Eltern ihr stattdessen eine Perlenkette mit passendem Armband schenkten. Wenn sie nur den Mut hätte, diesen Schmuck zu versetzen. Wenigstens hatte sie den Mut gefunden, ihr Hauptfach zu ändern und Architektur zu studieren, nachdem sie zuerst dem Wunsch ihrer Mutter gefolgt war und zwei Semester Pädagogik studiert hatte. Ihre Entscheidung für die Architektur hatte sie nach Houston geführt. Bei Restoration Associates, einer aufstrebenden Baufirma, die die Welt durch die Sanierung baufälliger Innenstädte verändern wollte, hatte sie einen Job gefunden. Während sie von Ryan Jennings, einem der besten Architekten im Bereich der Stadterneuerung, in die Praxis eingeführt wurde, verliebte sie sich in ihn, einen überzeugten Junggesellen. Mutter fand diese Beziehung höchst unpassend. Lise seufzte. Sie hatte nicht auf sie gehört. An diese Dinge dachte Lise, während ihre Schwester Susan sich ausgiebig über die Kunst des Serviettenfaltens ausließ. Endlich holte Susan einmal Luft und Lise nutzte die Gelegenheit. „Warum schickst du mir das alles nicht per E-Mail, und ich beschäftige mich damit, wenn ich angekommen bin.“

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„Hey. Du willst tatsächlich wegfahren, nicht? Hast du eine Ahnung, was du da tust? Die Party steht unmittelbar bevor.“ Unmittelbar. Susan liebte Dramatik. Wenn nur Mutter nicht der Meinung gewesen wäre, dass eine Dame nicht zum Theater gehen sollte. Leider mussten nun alle in Susans Umgebung dafür büßen, dass sie kein Ventil für ihre schauspielerischen Talente gefunden hatte. „Natürlich weiß ich, was ich tue. Und die Party steht nicht unmittelbar bevor. Bestenfalls findet sie in Kürze statt. Am Horizont vielleicht, aber definitiv steht sie nicht unmittelbar bevor.“ Stille. Großartig. Jetzt hatte sie es getan. Na ja, zumindest hatte Susan endlich mal zugehört. Lise klemmte das Handy zwischen ihre Schulter, als sie den Koffer zuklappte. „Ich bin in einer Woche wieder da, Susan, in höchstens zehn Tagen. Dann haben wir noch genügend Zeit für die Vorbereitung der Party.“ „Das ist nicht nur irgendeine Party, Annalise Gentry“, gab ihre ältere Schwester kurz zurück. „Das ist der vierzigste Hochzeitstag unserer Eltern.“ Wie gut sie das wusste. In Abwesenheit ihrer älteren Schwester hatten Lise und ihr Bruder Troy sich angewöhnt, dieses geschichtsträchtige Ereignis die Party des Jahrzehnts zu nennen, oder POD (party of the decade). Was Susan zum fünfzigsten Hochzeitstag veranstalten würde, konnte man nur erahnen. „Und es handelt sich nicht um einen Urlaub, Susan; es ist eine Geschäftsreise. Die Stadtkernsanierung, erinnerst du dich?“ „Sanierung?“ Ihre Schwester hielt inne. „Nein, ich erinnere mich nicht –“ „Die Stadtkernsanierung.“ Lise stieß einen Seufzer aus und mäßigte ihre Stimme. „Das ist meine erste große Neuplanung, in der ich vollständig freie Hand haben werde und nicht …“ Sie hielt inne, wollte ihrer Schwester gegenüber Ryans Namen nicht nennen. „Ich werde einen Stadtkern retten und bekomme dafür so viel Geld, dass meine Hypothek für ein weiteres Jahr gesichert ist. Das ist ein großer Auftrag.“ Susan lachte, aber ihr Lachen klang nicht fröhlich. „Ich hatte das so verstanden, dass ihr den Zuschlag noch gar nicht bekommen habt. Die Hochzeitstagsparty unserer Eltern dagegen wird ganz bestimmt stattfinden, ob du nun dabei bist oder nicht.“ 13


Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie den Auftrag tatsächlich noch nicht hatte, aber sie würde ihn bekommen. Das Projekt an die Restoration Associates zu vergeben, war nur noch eine reine Formsache. Zumindest hatte der Bürgermeister, ein Mann mit einem interessanten Akzent und, wie ihr Boss sagte, einer Vorliebe für ein gutes Steak, Ryan gegenüber so etwas angedeutet. Ihr einziger Konkurrent war eine ortsansässige Baufirma. „Wohl kaum eine Konkurrenz für Restoration Associates“, hatte Ryan erklärt. „Sieh mal“, sagte Lise sanft, „um meinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können, muss ich arbeiten. Außerdem bin ich sicher, dass du alles unter Kontrolle hast. Beschreib mir doch mal das Lokal, in dem die Feier stattfinden soll.“ „Du bist mit deinen Gedanken woanders.“ „Es interessiert mich.“ Lise wuchtete den Koffer vom Bett und stellte ihn auf den Boden. Ganz schnell fing sie ihr Handy auf, bevor es zu Boden polterte und aus ihrer Reichweite verschwand. Zum Glück hatte ihre Schwester den Zwischenfall nicht bemerkt. Aber andererseits würde Susan so etwas auch gar nicht bemerken – nicht wenn sie eine ihrer Launen hatte. Vermutlich zahnte einer der Zwillinge. „Sieh mal, Liebes, ich liebe dich, aber ich muss jetzt los“, erklärte Lise. „Wenn du mich brauchst, findest du mich in Latagnier. Das ist ja nicht aus der Welt.“ „Nein, das stimmt, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass Troy draußen auf dem Missionsfeld in Ecuador viel leichter zu erreichen ist als du. Mit dir kann ich einfach kein vernünftiges Gespräch führen.“ Sie hielt inne, und Lise wartete auf das, was bestimmt kommen würde. „Lise, du arbeitest zu viel. Hast du nicht mal daran gedacht, eine Familie zu gründen? Ein neuer Mann in deinem Leben wäre bestimmt nicht das Ende der Welt.“ Lise ließ ihren Blick durch ihr Schlafzimmer gleiten, stellte den Koffer auf und zog ihn in den Flur. „Susan, mein Leben ist durchaus ausgefüllt. Ich brauche keine neuen Komplikationen.“ „Ich denke nicht an eine Komplikation“, erwiderte Susan in dieser Stimme, die Moms so unheimlich ähnlich war. „Ich weiß ja, dass du 14


den Betrug dieses schrecklichen Mannes immer noch nicht verwunden hast.“ Dieser schreckliche Mann. Ryan war alles andere als schrecklich, obwohl Susan natürlich recht hatte mit dem Betrug. Sieben Monate waren vergangen und sie hatte ihre Trennung immer noch nicht überwunden. Natürlich wäre es gut, die Arbeitsstelle zu wechseln, aber im Augenblick sah sie da keine Möglichkeit für sich. Sein Herz an seinen Boss zu verlieren war eine Sache, aber den besten Job aufzugeben, den man je gehabt hatte, weil der Boss einem das Herz gebrochen hatte, das war etwas ganz anderes. Zum Glück würde die Aufgabe in Latagnier sie monatelang von Houston und Ryan fernhalten. Sie stellte ihren Koffer an der Eingangstür ab und griff nach ihrer Tasche und ihrem Portemonnaie. Wenn sie Glück hatte, könnte sie das Gespräch jetzt beenden und das Haus verlassen. Um das zu erreichen, suchte sie nach ihren Schlüsseln. „Was ich sagen will, ist“, fuhr Susan fort, während Lise ein Sofakissen hochhob, „du solltest dir einen Mann für eine Übergangsbeziehung suchen.“ Sie schüttelte die Kissen auf und entdeckte ihren Schlüssel unter dem Teppichzipfel. Wie er dahin geraten war, war ihr ein Rätsel. „Lise, hast du mich gehört?“ Lise hob ihre Schlüssel auf, ging zur Eingangstür und schaute auf die Uhr. „Hmm? Was? Entschuldige.“ „Ich sagte“, fuhr Susan entnervt fort, „du brauchst einen Mann für den Übergang. Natürlich muss er über dein hausbackenes Aussehen hinwegsehen und die attraktive Frau darunter erkennen, die du bist. Lise, sei doch wenigstens einmal im Leben ein wenig draufgängerisch, ja?“ Hausbacken? Lise blickte stirnrunzelnd an ihren perfekt aufeinander abgestimmten Kleidungsstücken hinunter. Was war verkehrt an ihren karierten Bermudashorts mit dem Poloshirt in der Farbe ihrer braunen Sneakers? „Ignorierst du mich, Lise?“ Als ob das möglich wäre, selbst auf diese Entfernung. „Ich bin doch draufgängerisch“, verteidigte sie sich schwach. „Also gut“, erwiderte Susan langsam. „Sag mir, wann du das letzte Mal draufgängerisch gewesen bist.“ 15


„Na toll.“ Lise seufzte, als sie das Haus verließ. „Ich brauche also einen Mann für eine Übergangsbeziehung und eine gründliche Veränderung. Wenn du heute shoppen gehst, kannst du mir das ja mitbringen, aber denk daran, ich bin erst am Freitag nach dem LaborDay-Wochenende wieder zurück. Und jetzt, ich liebe dich, aber ich muss los.“ Lise steckte ihr Handy in ihre Tasche, verschloss die Tür und rannte durch den Regen zu ihrem Wagen. In diesem Augenblick konnte der Charme ihres architektonisch interessanten Cottages aus den 1890er Jahren in Garden Oaks sie nicht dafür entschädigen, dass die Garage für ihren Geländewagen zu klein war. Irgendwie gelang es ihr, die Tasche in den Fonds zu stopfen und den Motor anzulassen, bevor sie vom Regen bis auf die Haut durchnässt wurde. Und dann klingelte das Telefon. Während sie den Sicherheitsgurt anlegte, warf sie einen Blick auf das Display. Natürlich. Susan. Sie brauchte gar nicht erst zu überlegen, ob sie das Gespräch annehmen sollte. Als älteste Schwester war Susan schon lange der Meinung, dass einem Anruf von ihr oberste Priorität einzuräumen war. Kurz gesagt, sie würde es immer wieder probieren, bis ihr Gespräch entgegengenommen wurde. Eine Ausrede ließ sie nicht gelten. Lise schaltete die Scheibenwischer an und legte sich den Kopfhörer über das Ohr, dann drückte sie die grüne Taste. „Hallo Susan. Was kann ich jetzt noch für dich tun?“ „Sarkasmus schickt sich nicht für eine Dame.“ „Susan“, sagte sie, während sie den Blinker setzte, um auf den Garden Oaks Boulevard abzubiegen, „hat dir schon mal jemand gesagt, dass du genauso redest wie Mom?“ „Ich werde ignorieren, dass das vermutlich nicht als Kompliment gedacht war. Sieh mal, diese Sache mit Ryan war vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat. Du hast sechs Monate –“ „Sieben“, unterbrach Lise sie. „Also gut, sieben Monate gebraucht“, fuhr Susan fort, „um das zu erkennen.“ Lise ignorierte die Pause, die ihre Schwester machte. Vermutlich wartete Susan auf eine Bestätigung, dass sie Ryan überwunden hatte, aber die konnte sie ihr noch nicht geben. 16


Über ihren Traum von Ryan, ja. Über das, was Ryans abrupter Bruch ihr persönlich angetan hatte? Auf keinen Fall. „Die Mädchen wachen gleich von ihrem Mittagsschlaf auf, und bestimmt bist du froh, das zu hören, Lise. Du wehrst immer ab, wenn ich mit dir über Männer reden will. Es ist nur, dass …“ Die Stimme ihrer Schwester wurde weicher. „Nun, du hättest einem Mann so viel zu bieten. Es tut mir leid, dass es nicht Ryan war. Wenigstens war er so klug zu erkennen, dass du die beste Architektin bist, die er je eingestellt hat. Das muss man ihm zugutehalten.“ Tränen stiegen Lise in die Augen, während die Regentropfen auf ihre Windschutzscheibe prasselten. Ihr fiel keine Antwort darauf ein, darum gab sie sich damit zufrieden, sich auf die Lippen zu beißen und sich auf die Straße zu konzentrieren. „Also zurück zu der Sache mit der Übergangsbeziehung.“ Susans Stimme wurde fröhlicher. „Ich denke Folgendes. Gottes Zeitplan ist oft anders als unserer. Manchmal lernen wir einen Mann kennen, der uns einfach nur guttut und Balsam ist für die Wunde, die der Mann, der uns das Herz gebrochen hat, hinterlassen hat. Aber das ist noch nicht der Mann, mit dem wir unser Leben verbringen sollen. Der Mann für den Übergang macht unser Herz weich, fängt es aber nicht für immer ein.“ „Interessante Theorie, Susan.“ Die Ampel sprang auf Rot. Lise ließ den Wagen ausrollen und suchte in der Konsole nach einem Taschentuch. „Du sagst also, ich sollte mir einen Mann für eine Übergangsbeziehung suchen, der mein Herz wieder heil macht?“ „Nun, eigentlich kann nur Gott dein Herz heilen, aber ja, ich denke, genau so etwas brauchst du. Nur mach nie den Fehler, diesen Mann zu heiraten.“ Lise lächelte gequält. Diese Gefahr bestand nicht. Nein, sie hatte die Absicht, diesen Auftrag an Land zu ziehen und zur vollsten Zufriedenheit durchzuführen. In ihrer Aktentasche steckten nicht nur die Entwürfe für ein Sanierungsprojekt. Sie hatte sich fest vorgenommen, ihren Liebeskummer zu überwinden, der sie quälte, seit Ryan beschlossen hatte, ihre Beziehung zu beenden. Das Sanierungsprojekt Latagnier würde die Stadt wieder in neuem Licht erstrahlen lassen. Und sie würde einen Neuanfang wagen, ohne Beziehung zu einem Mann. 17


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