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Kapitel 1 Die richtige Schauspielerin für die Rolle sollte eigentlich leicht zu finden sein. Für Dream On, die romantische Komödie mit Dayne Matthews in der Hauptrolle, wurde ein Kleinstadtmädchen gesucht, ein optimistischer, fröhlicher Typ, der von der großen, weiten Welt träumte und eine echte Unschuld ausstrahlte, die alles andere in den Schatten stellte. Dayne hatte den ganzen Vormittag zugeschaut, wie ein halbes Dutzend der gefragtesten Hollywoodschauspielerinnen nacheinander zu einem Gespräch und einem kurzen Casting in den Raum kamen, aber bis jetzt entsprach keine von ihnen dem Typ, der ihm für diese Rolle vorschwebte. Sie waren talentierte Schauspielerinnen, attraktiv, hübsch. Er hatte schon in anderen Filmen mit ihnen vor der Kamera gestanden, mit einigen von ihnen war er kurz befreundet gewesen und hatte sich bei der einen oder anderen Party amüsiert. Im Bett war er mit drei von ihnen gewesen. Es waren Frauen, deren Gesichter die Titelseiten jedes Klatschmagazins in der Stadt zierten und theoretisch konnte jede von ihnen die Rolle eines Kleinstadtmädchens spielen. Das war nicht schwer. Die Schauspielerinnen, die Dayne heute gesehen hatte, konnten optimistisch und fröhlich sein, und sie konnten ganz gewiss in die Rolle einer Träumerin schlüpfen. Aber etwas fehlte ihnen, und gegen drei Uhr an diesem Nachmittag wusste Dayne, was es war. Die Unschuld. Dayne lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor sich, als die letzte der sechs Frauen ihren Text vorsprach. Unschuld konnte man nicht spielen – nicht einmal mit einer schauspielerischen Leistung, die eines Academy Award würdig war. Unschuld war etwas, das im Herzen beheimatet war und aus den Augen leuchtete. Und diese Unschuld fehlte bei jeder dieser Frauen. Mitch Henry, der Casting-Direktor, ging hinten im Raum auf und ab. Er beendete das Gespräch mit der letzten Schauspielerin und verabschiedete sich von ihr. 5


Beim Hinausgehen schaute sie Dayne an und bedachte ihn mit einem koketten Lächeln. „Bis bald.“ Sie war eine der Frauen, mit denen er befreundet gewesen war. Genauer gesagt, hatte er ungefähr einen Monat lang immer wieder kurz bei ihr gewohnt. Lang genug, um die Regenbogenpresse auf sie aufmerksam zu machen. Sie sah ihn direkt an. „Ruf mich an.“ „Ja.“ Dayne tat, als ziehe er einen unsichtbaren Hut, aber sein Grinsen verschwand, noch bevor sie aus dem Raum war. Er wandte sich an Mitch. „Wer kommt als Nächste?“ „Wer kommt als Nächste?“ Tiefe Falten tauchten zwischen Mitchs Augen auf, sein Tonfall klang frustriert. „Weißt du, wie schwer es war, sechs Topschauspielerinnen an ein und demselben Tag hierherzuholen? Wir haben viel mehr schauspielerisches Talent gesehen, als für die Rolle nötig ist, Dayne. Jede von ihnen könnte sie mit links spielen.“ „Sie sind gut. Sie sind alle gut.“ Dayne legte die Arme vor sich und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Aber etwas fehlt mir.“ Er machte eine Pause. „Ich sehe keine Unschuld, Mitch. Raffiniert, verführerisch, geh mit mir ins Bett, ja. Aber nicht unschuldig.“ „Gut.“ Mitch warf sein Klemmbrett auf den Tisch und brüllte einen Assistenten an, er solle die Tür zumachen. Auf dem Tisch lagen die Unterlagen der sechs Schauspielerinnen, und als die Tür zu war, kam Mitch ein paar Schritte näher. „Wir haben einen Zeitplan, den wir einhalten müssen, Matthews.“ Er umklammerte die Tischkante und beugte sich vor. „Hollywood ist nicht gerade ein Gewächshaus für Unschuld.“ „Okay.“ Dayne schob seinen Stuhl zurück, stand auf, trat ans Fenster und blieb mit dem Rücken zu Mitch stehen. Er schaute in das verschwommene Blau hinaus, und ein Gesicht tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Ein Gesicht, das er seit fast einem Jahr nicht vergessen hatte. Er hielt das Bild fest, war davon fasziniert, und eine Idee nahm Formen an. Es war möglich, oder nicht? Sie arbeitete im Theater. Sie musste doch irgendwann von der großen Leinwand geträumt haben, oder? Dayne fühlte, dass Mitch ihn anschaute. Er drehte sich um. „Ich habe eine Idee.“ „Eine Idee?“ Mitch kratzte sich am Hinterkopf und schritt zur Tür und wieder zurück. „Wir brauchen keine Idee; wir brauchen eine 6


Schauspielerin. Die Aufnahmen beginnen in vier Monaten. Dieser Film ist ein zu großes Projekt, um bis zur letzten Minute zu warten.“ „Ich weiß.“ Die Idee schlug Wurzeln. Es war möglich. Welche Schauspielerin würde sich eine solche Chance nicht wünschen? Dayne atmete langsam ein. Er musste ruhig bleiben. „Hör zu, Mitch, gib mir eine Woche. Mir ist jemand eingefallen, aber sie lebt nicht in Los Angeles.“ Er lehnte sich ans Fensterbrett. „Ich denke, ich kann sie in einer Woche, nächsten Montag, hierhaben.“ Mitch verschränkte die Arme vor sich und schaute ihn eindringlich an. „Irgendein Mädchen, das du in einem Club kennengelernt hast, Matthews? Eine, der du im Rausch irgendetwas versprochen hast? Soll ich auf so etwas warten?“ „Nein.“ Dayne hob abwehrend die Hand. „Sie ist genau diejenige, die wir suchen. Gib mir eine Chance.“ Ein Moment verstrich, in dem Dayne nicht sicher war, wie die Entscheidung des Casting-Direktors ausfallen würde. Dann schob Mitch die sechs Ordner und das Klemmbrett zusammen und schaute ihn durchdringend an. „Eine Woche.“ Er war schon halb zur Tür hinaus, als er sich noch einmal umdrehte. „Sie sollte wirklich gut sein.“ Dayne wartete, bis er allein war, bevor er wieder aus dem Fenster schaute. Was hatte er gerade getan? Eine Woche Aufschub bedeutete, die anderen Talente warten zu lassen. Es bedeutete, mit einem Budget von zig Millionen Dollar zu spielen, um eine junge Frau zu finden, die er erst ein einziges Mal gesehen hatte, und sie zu bitten, für eine Hauptrolle an seiner Seite in einem großen Kinofilm vorzusprechen. Die ganze Idee war verrückt. Im vergangenen Jahr hatte er nur ein einziges Mal echte Unschuld gesehen, und das war gewesen, als dieses Mädchen auf die Bühne eines kleinen Theaters in Bloomington, Indiana, gestiegen war und das Chaos von zig Kindern in Kostümen bewältigt hatte, die offenbar kurz vor dem Ende ihrer ersten Aufführung gestanden hatten. Er erinnerte sich gut an jenen Tag, nur die Details waren bruchstückhaft. Der Ort des Theaters war leicht zu finden, das war nicht das Problem. Aber über die junge Frau hatte er außer ihrem Namen so gut wie keine Informationen. Dayne umklammerte das Fensterbrett und lehnte seine Stirn an das kühle Glas. Er konnte nach Indiana fliegen und versuchen, sie zu fin7


den, aber dann kämen mit Sicherheit wieder die Paparazzi aus ihren Löchern gekrochen und die Frage, warum Dayne Matthews in Bloomington war, würde ihnen keine Ruhe lassen. Zum zweiten Mal. Er drehte sich um und nahm seine Schlüssel und sein Handy. Es musste eine Möglichkeit geben, sie zu erreichen, sie zum Casting nach Hollywood einzuladen, ohne dass die Geschichte in jeder Zeitung in der Stadt erschien. Dayne steckte das Handy in seine Tasche und schritt durch den Gang zum Aufzug. Er brauchte jetzt einen Kaffee. Einen doppelten Espresso. Die meisten seiner Freunde in der Filmindustrie hatten ausgefallene Cafés gefunden, in denen sie nicht so leicht erkannt wurden. Nicht so Dayne. Er liebte den Kaffee von Starbucks. Wenn die Paparazzi ihn dabei fotografieren wollten, wie er hineinging und mit seinem doppelten Espresso wieder herauskam, störte ihn das nicht. Vielleicht sollte er einen Werbevertrag mit der Firma abschließen. Dann konnte er sich draußen hinstellen und fotografieren lassen. Dayne schmunzelte. Damit würde er die Paparazzi verjagen. Das würde ihnen den ganzen Spaß nehmen. Er öffnete die Hintertür des Bürogebäudes und fühlte die warme Luft, als der Sonnenschein sein Gesicht berührte. Das Wetter war herrlich, heute lag nicht der übliche Juninebel über der Stadt. Er überquerte den Privatparkplatz des Studios und ging zu seinem schwarzen Escalade. Normalerweise waren die hinteren Parkplätze des Studios vor den Pressegeiern sicher. Manchmal kletterte ein einsamer Fotograf auf die Bäume oder setzte sich mit einem riesigen Teleobjektiv, das auf die Bürotür gerichtet war, auf die angrenzenden Hügel. Aber das taten sie normalerweise nur, wenn sich eine Sensation ankündigte oder jemand reif für die Entzugsklinik war – etwas in dieser Art. Heute sah alles ruhig aus. Um diese Tageszeit waren üblicherweise nicht allzu viele Kameraleute auf der Jagd. Außerdem war sein Geländewagen neu. Nur wenige von ihnen wussten, dass er hinter den getönten Scheiben saß. Er bog aus dem Studiogelände und fuhr nach links in Richtung La Cienaga Boulevard. Als er ein Stück gefahren war, schaute er in seinen Rückspiegel und sah einen altbekannten VW Golf. Paparazzi. Sogar um diese Tageszeit und trotz seines neuen Fahrzeugs. Er zuckte die Achseln. Meinetwegen. Meine Gedanken können sie nicht lesen. 8


Hin und wieder machte er sich einen Spaß daraus, sie an der Nase herumzuführen. Er warf einen Blick in den Rückspiegel. Er konnte ein wenig Spaß vertragen und bog in die Einkaufsmeile, aber statt vor dem Café anzuhalten, parkte er vor dem Geschäft drei Häuser weiter. Er nahm seine Baseballkappe, zog sie sich tief in die Stirn und marschierte hinein. Außer ihm war niemand im Laden. Dayne ging geradewegs auf den Zeitschriftenständer zu und nahm sich die neuesten Ausgaben der vier landesweiten Klatschzeitungen – die bunten, eifrigen Gazetten, die alle möglichen wahren und unwahren Neuigkeiten über Prominente verbreiteten. Blutsauger nannten er und seine Freunde sie. Der alte, weißhaarige Mann an der Kasse erkannte ihn nicht. „Das macht neun fünfundachtzig.“ Der Mann summte „Moon River“, während er die Zeitschriften in eine Tüte steckte und sie Dayne reichte. „Schöner Tag heute, was?“ „Ja, sehr schön.“ Dayne gab dem Mann einen Zehn-Dollar-Schein. „Im Juni haben wir nicht immer so viel Sonne.“ „Sie scheint, weil Gott sich über die Dodgers freut.“ Der Mann zwinkerte. „Fünf Siege hintereinander, sage ich nur. Das ist ihr Jahr.“ „Gut möglich.“ Dayne grinste. Er genoss diesen Moment. Ein Verkäufer – wahrscheinlich ein Rentner –, der sich mit ihm zwanglos unterhielt. Momente wie diese waren manchmal die ganze Normalität, die er noch hatte. „Bis demnächst.“ „Ja.“ Der Mann hob triumphierend die Faust. „Sieg für die Dodgers!“ Dayne verließ das Geschäft, ließ seinen Blick über den Parkplatz schweifen und entdeckte den Golf und die Kamera, die direkt auf ihn gerichtet war. Dann zog er mit übertriebenen, theatralischen Gesten eine Zeitschrift aus der Tüte und tat so, als starre er schockiert das Titelblatt an. Er hielt sich die Hand an den Mund und schien in irgendeine skandalöse Geschichte vertieft zu sein. Nach einer Minute sah er eine Gruppe junger Mädchen in seine Richtung schlendern. Sie hatten ihn noch nicht erkannt, aber das würden sie bestimmt bald. Die Zeitschrift steckte er wieder in die Tüte, salutierte vor dem Fotografen und setzte sich ans Steuer seines Geländewagens. Der Spaß war vorbei. Er drückte auf die Verriegelungstaste an seinem Schlüsselbund, vergewisserte sich, dass seine Fenster geschlossen waren, und bog dann in die Einfahrtsstraße von Starbucks. 9


Als er den Pacific Coast Highway erreichte, war sein doppelter Espresso ausgetrunken und er hatte den Fotografen vergessen und fragte sich auch nicht mehr, ob der Kerl immer noch hinter ihm herfuhr. Die junge Frau aus Bloomington. Das war alles, woran er jetzt denken konnte. Wie sollte er sie finden, ohne nach Indiana zu fliegen? Warum nur hatte er Mitch versprochen, sie binnen einer Woche zum Casting ins Studio zu holen? Dayne fuhr an den gewohnten Sehenswürdigkeiten vorbei, dem Malibu Surfer Motel und dem Whole Foods Market. Sein Haus lag gleich dahinter, zwischen anderen Villen, die Leuten aus dem Showbusiness gehörten. Einem Regisseur, dessen Frau Sängerin war, gehörte die Villa auf der einen, und einer älteren Schauspielerin und ihrem viel jüngeren Ehemann das Haus auf der anderen Seite. Nette Leute. Alle fasziniert vom Meer und dem Blick auf die endlose Stille und Ruhe über dem Wasser. Der Stille und Ruhe, die in ihrem Leben fehlte. Dayne nahm seine Tüte mit den Zeitschriften mit ins Haus und machte sich noch eine Tasse Kaffee. Schwarz, ohne Zucker. Dann setzte er sich eine Sonnenbrille auf und ging auf die Terrasse im ersten Stock. Hier oben konnte ihn kein Fotograf sehen, da eine Brüstung ihn vor neugierigen Blicken schützte. Er setzte sich und konnte kaum über den Rand zum Pazifik hinausschauen. Nacheinander zog er die Zeitschriften heraus. Auf zwei der vier Zeitungen waren sein Gesicht oder sein Name auf dem Titelblatt zu sehen. Dayne betrachtete die erste: „Dayne Matthews: Hollywoods begehrtester Junggeselle hat ein aufregendes Nachtleben.“ „Wirklich?“, murmelte er und blätterte zu dem Artikel. Auf der Doppelseite waren viele Fotos zu sehen, jedes zeigte ihn mit einer anderen Frau. Eine küsste er. Eine war eine Kellnerin, und auch wenn das Foto etwas anderes zeigte, er hatte keine Annäherungsversuche bei ihr unternommen. Es war laut gewesen in der Bar, deshalb hatte er sich ein wenig näher zu ihr gebeugt, als er sein Getränk bestellt hatte. Die Bildunterschrift unter diesem Foto lautete: „Selbst Barmädchen sind Jagdwild.“ „Nett.“ Dayne runzelte die Stirn. Was würde die Kellnerin davon halten? Sie machte nur ihre Arbeit, und jetzt war ihr Bild im ganzen Land an den Zeitungskiosken zu sehen. Er blätterte weiter. Es musste noch andere Bilder von ihm geben; das 10


war immer so. Nach ein paar Seiten sah er einen kurzen Artikel unter der Rubrik „Polizeiberichte“. Eine kleinere Überschrift lautete: „Wird Dayne Matthews von einer Stalkerin verfolgt? Die Polizei findet immer mehr Hinweise.“ Dayne verdrehte die Augen. Die Artikel in der Klatschpresse enthielten oft ein Körnchen Wahrheit. Die Polizei hatte ihn im letzten Monat dreimal über eine Stalkerin informiert, eine Frau, die seltsame Briefe an die Polizei schickte, in denen sie damit drohte, Dayne Matthews etwas anzutun. Bis jetzt hatte Dayne noch keine Spur von einer Stalkerin gesehen. Außer in den wenigen Minuten, wenn er mit der Polizei sprach, dachte er auch nicht darüber nach. Aber natürlich wollten die Zeitungen die neuesten Sensationsmeldungen haben. Er las den Artikel und suchte nach irgendetwas, das wahr war. Nach Polizeiberichten ist inzwischen ein weiterer Drohbrief bei Hollywoods Herzensbrecher Dayne Matthews eingegangen. Dieses Mal wurde bei der Analyse der Handschrift festgestellt, dass der Brief von einer Frau stammt. Aus sicherer Quelle wird berichtet, dass die Briefe von einem geistesgestörten Fan kommen, der Matthews Schaden zufügen will. „Sie könnte eine Verrückte sein, die nur Aufmerksamkeit sucht, aber trotzdem“, so die Quelle, „ist allergrößte Vorsicht geboten.“ Genaue Details über die Briefe wurden nicht genannt, aber es wird gemunkelt, dass die Briefschreiberin einen Tag mit Dayne Matthews verbringen will, ansonsten werde sie ihn töten. Die Polizei hält uns weiter auf dem Laufenden. Dayne kniff die Augen zusammen. Eine Gänsehaut lief ihm über die Arme – mehr wegen des kühlen Windes vom Pazifik als wegen des Artikels. Ein Tag mit ihm oder sein Tod? Waren Menschen wirklich so verrückt? Noch einmal überflog er die Geschichte. Immer wenn Informationen von der beliebten und oft zitierten „Quelle“ stammten, wussten Dayne und seine Freunde, dass sie sie ignorieren konnten. Echte Meldungen kamen von echten Menschen – nicht von imaginären Quellen. Er blätterte die Seite um und suchte nach weiteren Storys. Das war 11


sein wöchentliches Ritual, seine Art, mit dem Publikum und dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hatte, in Kontakt zu bleiben. Ob die Geschichten wahr waren oder nicht, spielte keine Rolle. Wenn sie gedruckt wurden, wollte er darüber Bescheid wissen. Er blätterte weiter. Ziemlich weit vorne gab es eine Rubrik mit dem Titel „Stammkunden“. Tatsächlich. Auf dem Foto kam er mit seinem doppelten Espresso aus dem Café. Die Bildunterschrift lautete: „Dayne Matthews vor seinem Lieblingscafé.“ Zehn Seiten weiter fand er ein Foto von sich und J-Tee Ramiro, einer attraktiven kubanischen Sängerin, mit der er vor einem Monat ausgegangen war. Okay, vielleicht waren sie nie richtig miteinander ausgegangen. Aber sie hatten eine Woche miteinander verbracht, und den Paparazzi war kein Moment davon entgangen. Das Foto zeigte sie beide, wie sie miteinander in einem kleinen Café am Zuma Beach einen Salat aßen. Bei der Story ging es darum, dass J-Tee jetzt mit einem anderen zusammen war und sie kein Kind von Traurigkeit war. Dayne blätterte die restlichen Seiten durch. Das Heft bestand hauptsächlich aus Fotos. Deswegen hefteten sich die Fotografen ständig an seine Fersen. Scheinbar bezahlte die Klatschpresse die Paparazzi so gut, dass sie immer wieder kamen und nie genug hatten. Einige Fotos waren einfach nur lächerlich. Dayne verdrehte die Augen und blätterte weiter. In den letzten Jahren waren die Gazetten noch geschmackloser geworden. Eine seiner Freundinnen – die Topschauspielerin Kelly Parker – litt stark unter diesem Druck. Früher war sie gern mit Freunden ausgegangen, man hatte sie beim Tanzen oder Einkaufen gesehen. Jetzt verließ sie kaum noch ihr Haus, und als er das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte, hatte in ihrer Stimme etwas gefehlt. Er blätterte weiter, da stach ihm etwas ins Auge. Ein leichter Windstoß vom Meer ließ die Seiten rascheln. Dayne kniff die Augen zusammen. Es war ein kleiner Artikel mit zwei Fotos – eines von Marc David, Daynes Freund und Schauspielerkollege, und das andere von einem verwahrlosten Mann hinter Gittern. Die Bildunterschrift lautete „Hollywood’s People schickte einen Reporter los, um über Marc Davids Besuch in Leavenworth zu recherchieren. Interessantes haben wir dabei herausgefunden!“ Dayne richtete sich auf. Sein Herz raste, und er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht 12


schoss. Was war das? Marc war sein Freund, aber er hatte nie ein Wort über Leavenworth verloren. Dayne las weiter. Marc sagt, er sei von seiner Mutter großgezogen worden und wisse nichts über seinen Vater. Das ist nicht wahr, wie Hollywood’s People herausgefunden hat. Ganz und gar nicht wahr. Marcs Vater ist nicht verschollen. Er ist Joseph L. David, der wegen Vergewaltigung und Drogensucht verurteilt wurde und seine Haftstrafe im Gefängnis in Leavenworth absitzt. Unser Reporter folgte Marc zum Gefängnis. Aus sicherer Quelle ist bekannt, dass Marc die ganze Zeit über seinen Vater Bescheid wusste. Endlich ist die Wahrheit ans Licht gekommen. Daynes Magen zog sich zusammen. Er knallte die Zeitung auf den Tisch, zog das Handy aus seiner Hosentasche, klappte es auf und wählte Marcs Nummer. Sein Freund meldete sich beim dritten Klingeln. „Hallo?“ „Marc, hier ist Dayne.“ Er stand auf, ging zur Balkonbrüstung und schaute auf die Brandung hinaus. „Hey, ich habe gerade Hollywood’s People durchgeblättert.“ Er schwieg kurz. „Ist es wahr?“ Am anderen Ende der Leitung holte sein Freund tief Luft. „Das über meinen Vater?“ Marc klang müde. „Ja, es ist wahr.“ „Aber du hast nie ... ich dachte, du wüsstest nicht, wo er ist.“ „Das habe ich allen erzählt.“ Marc stöhnte. „Mann, dieser Artikel stinkt zum Himmel. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich ein Kind war, und danach hat mein Vater einiges falsch gemacht. Er hat sich auf Koks und Speed eingelassen und ihm ging das Geld aus. Deshalb hat er ein paar Spirituosenläden ausgeraubt. Meine Mutter hat versucht, die Sache vor mir geheim zu halten, um mich damit nicht zu belasten. Ich war Student an der New York University, als ich endlich einen Weg fand, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Er hat Hilfe bekommen. Dann kam ich groß heraus, und wir haben beschlossen, die Sache nicht an die Öffentlichkeit zu bringen.“ „Er ist in Leavenworth?“ „Ja.“ „Mann ...“ Dayne schloss die Augen. Er behielt es für sich, dass Marcs Vater auch wegen Vergewaltigung verurteilt war. „Das tut mir leid.“ 13


„Eines Tages musste es ja so kommen. Die Paparazzi ... sie sind wie Haie, die sich auf ihre Beute stürzen.“ „Wie geht es deinem Vater jetzt?“ Ein trauriges Lachen erklang am anderen Ende der Leitung. „Das ist es ja gerade. Er ist seit fünf Jahren clean. Hat Jesus gefunden, hat sein Leben geändert. In zwei Jahren kommt er raus. Meine Mutter und er haben wieder Kontakt.“ Die Puzzleteile fügten sich zusammen. Kein Wunder, dass Marc die Vergangenheit seines Vaters lieber für sich hatte behalten wollen. Jetzt würde die Klatschpresse den ganzen Schmutz ans Licht bringen und großzügig verschweigen, wie es heute um den Mann stand. „Das Bild?“ Dayne warf wieder einen Blick auf die Zeitung, die immer noch auf dieser Seite aufgeschlagen war. „Er sieht darauf nicht besonders gut aus.“ „Ja, ich weiß. Sie haben seine Verhaftungsbilder ausgegraben. Sie müssen die Bilder retuschiert haben. Als die Polizei diese Bilder machte, war er noch nicht hinter Gittern.“ „Na toll. Der Mann ist heute also sauber rasiert und clean, aber sie bringen dieses Bild.“ „Genau.“ Marc schwieg einen Moment. „Dayne ... ich habe einen Anwalt angerufen. Das geht zu weit.“ Dayne spürte einen Adrenalinstoß und fühlte sich so, wie er sich damals am Internat gefühlt hatte, wenn er und die anderen Jungen beim Fußballspielen um den Sieg gekämpft hatten. „Ernsthaft?“ „Ja.“ Marc atmete langsam ein. „Mein Vater hat nie jemanden vergewaltigt. Die Zeitung hat das einfach dazuerfunden.“ Daynes Kampfeslust war wieder da. „Lass sie nicht ungeschoren davonkommen, Marc. Sorge dafür, dass es ihnen wehtut.“ „Das ist der Plan.“ Marcs Stimme war angespannt. „Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er ist einverstanden. Wir stehen das durch.“ „Auf jeden Fall.“ Dayne biss die Zähne zusammen. Er schaute zu, wie eine Seemöwe ins Wasser tauchte und mit einem Fisch herauskam. Hin und wieder verklagte jemand eine dieser Gazetten und gewann. Es kam nicht oft vor, und die Boulevardzeitungen machten sich nichts daraus, da sie genug Geld hatten, um hin und wieder einen Verleumdungsprozess zu bestreiten. Aber es war trotzdem ein gutes Gefühl. Marc David verklagte Hollywood’s People. Dayne richtete sich auf und 14


suchte den Strand nach Fotografen ab. Es waren keine zu sehen. „Hör zu, Marc, ich stehe bei dieser Sache voll und ganz hinter dir.“ „Danke, Mann. Es tut gut, das zu hören.“ Seine Stimme wurde leiser. „Hey, Dayne, ich muss aufhören. Nur noch kurz eine Frage.“ Er schwieg einen Moment. „Was hörst du von Kelly Parker?“ „Kelly?“ Dayne kehrte zu seinem Stuhl zurück und legte die Füße auf die Balkonbrüstung. „Sie geht nirgends mehr hin. Die Paparazzi machen sie wahnsinnig.“ „Genau das habe ich mir gedacht. Sag ihr, dass sie mich anrufen soll, ja?“ „Wird gemacht.“ Als er sich verabschiedet hatte, knallte Dayne das Telefon auf den Tisch, betrachtete die Zeitschrift eingehend und starrte das Foto an. Plötzlich veränderte sich das Bild vor seinem geistigen Auge, und es zeigte nicht mehr Marc und seinen Vater. Stattdessen sah er eine Familie. Seine Familie. Seine leibliche Familie, die keine Ahnung davon hatte, dass er überhaupt existierte. Er sah sie vor sich, an jenem Tag in Bloomington. Acht oder zehn Leute mit ein paar kleinen Kindern, die miteinander über den Parkplatz des Krankenhauses gingen, am selben Wochenende, an dem er die junge Frau im Theater gesehen hatte. Eines der kleinen Mädchen, das bei ihnen gewesen war, hatte in einem Rollstuhl gesessen. Trotz der Sonne, die ihm heiß ins Gesicht schien, fröstelte er plötzlich. Angewidert klatschte er die Zeitschrift auf den Tisch. Was würde die Presse den Menschen antun, die er an jenem Tag auf dem Parkplatz gesehen hatte? Welche Leichen hatten die Baxters im Keller? John und Elizabeth hatten Dayne zur Adoption freigegeben und ihren anderen Kindern offenbar nie von ihm erzählt. Und was hatte es mit dem Rollstuhl auf sich? War das Kind wegen einer angeborenen Behinderung oder als Folge eines Unfalls an den Rollstuhl gefesselt? Egal, welchen Grund es dafür gab, die Regenbogenpresse würde es herausfinden und mit dem größten Vergnügen in einem doppelseitigen Bericht ausschlachten. Dayne stand auf und atmete die feuchte, salzige Meeresluft ein. Er lehnte seine Unterarme auf die Brüstung und starrte dieses Mal weit aufs Meer hinaus. Wie sah das Leben der Baxters heute aus? Zweifellos trauerten sie immer noch um Elizabeth. Der Privatdetektiv, den sein 15


Agent beauftragt hatte, hatte die Informationen sehr schnell herausgefunden. Elizabeth Baxter war nur wenige Stunden, nachdem Dayne sie besucht hatte, an Brustkrebs gestorben. Weiter unten am Strand hielt sich ein Pärchen an den Händen und ließ einen gelb gestreiften Drachen steigen. Dayne betrachtete sie, wie sie ihre Gesichter unbeschwert im Freien zeigen konnten. Wussten sie, wie wunderbar es war, nicht im Rampenlicht zu stehen? Oder sehnten sie sich nach Ruhm wie so viele Menschen in Los Angeles? Sein Blick wanderte nach oben. Wenigstens hatte er Elizabeth gefunden, bevor sie gestorben war. Das Gespräch mit ihr hatte seine schmerzlichsten Fragen beantwortet: Wer war seine leibliche Mutter und warum hatte sie ihn weggegeben? Elizabeth hatte ihn geliebt und sich nach ihm gesehnt. Sie hatte ihn gesucht und sich ihr ganzes Leben lang gefragt, wie es ihm wohl ginge. In den Tagen vor ihrem Tod war es ihr einziges Gebet gewesen, ihn zu finden, ihn noch einmal festzuhalten, wie sie ihn als Neugeborenen gehalten hatte, und ihm zu sagen, dass sie ihn liebte. Diese wenigen Informationen mussten ihm genügen. Was die anderen anging, seinen leiblichen Vater und seine Geschwister, so war es die richtige Entscheidung gewesen, sie in Ruhe zu lassen. Er hatte sie nur kurz gesehen, als sie vom Krankenhaus zu ihren Autos gegangen waren. Scheinbar waren sie nette Leute, die sich mochten und sich nahestanden. Die Art von Familie, auf die er stolz wäre. Aber er konnte schlecht vor ihrer Tür auftauchen und verkünden, dass er der älteste Sohn ihrer Eltern war. Die Paparazzi würden hinter den Büschen lauern und diesen Moment einfangen und auf die Titelseiten bringen. Nein, er durfte keinen Kontakt zu den Baxters aufnehmen und ihnen auch nicht sagen, wer er war. Sie hatten ein Recht auf ihre Privatsphäre. Dayne kniff die Augen zusammen. Er konnte die Schlagzeilen förmlich vor sich sehen: „Dayne Matthews’ heimliche Familie entlarvt.“ Das durfte er nicht zulassen. Selbst wenn er den Rest seines Lebens an sie würde denken müssen. Er nahm sein Handy vom Tisch, ging wieder ins Haus und schloss die Fliegengittertür. Plötzlich wusste er, wie er die junge Frau aus dem Theater in Bloomington finden würde. Er wählte die Nummer seines Agenten. „Matthews, wie geht’s?“ 16


„Gut, danke.“ Dayne sprach ohne lange Pause weiter. „Hey, ich wollte dich um einen Gefallen bitten.“ „Ach ja?“ In der Stimme seines Agenten lag eine gewisse Schärfe, aber er klang belustigt. „Mitch Henry hat mir erzählt, dass du eine Schauspielerin brauchst.“ „Das auch.“ Dayne brachte ein schwaches Lachen zustande. „Das ist der Gefallen, um den ich dich bitten wollte. Du musst für mich eine Schauspielerin in Bloomington finden.“ „Matthews.“ Die Belustigung verschwand schlagartig. „Nicht Bloomington. Ich dachte, darin wären wir uns einig.“ „Nein, hierbei geht es nicht um meine Familie. Es geht um eine Schauspielerin, die ich dort gesehen habe. In einem Laientheater.“ Vielsagendes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann hörte er, wie sein Agent tief durchatmete. „Du hast dir, als du in Bloomington warst, ein Stück in einem Laientheater angesehen?“ „Nicht wirklich.“ Dayne ging in die Küche und blieb vor der Spüle stehen. Der Blick durch das Fenster war der Gleiche wie der von der Terrasse. „Sie hat in dem Stück nicht mitgespielt; sie war die Regisseurin.“ „Die Regisseurin?“ „Ja. Sie ist perfekt. Genau das, was die Rolle verlangt.“ Dayne fühlte, wie sich ein Grinsen um seine Mundwinkel spielte. „Woher willst du wissen, dass sie spielen kann?“ Sein Agent klang müde. „Nenn es ein Gefühl.“ Dayne holte ein Glas aus dem Küchenschrank und füllte es mit Wasser. „Komm schon, Mann; tu es für mich. Sie ist perfekt; glaub mir.“ „Ich habe eine Frage.“ In der Stimme seines Agenten schwang Resignation mit. „Du hast nicht mit ihr geschlafen, oder?“ „Glaub nicht alles, was in der Zeitung steht, mein Freund.“ „Okay, aber hast du?“ „Natürlich nicht.“ Dayne sah die junge Frau vor sich, wie sie, von Kindern umringt, auf der Bühne gestanden hatte. „Ich habe nicht einmal mit ihr gesprochen.“ „Gut.“ Sein Agent stieß ein langes Seufzen aus. „Ich schicke also den Privatdetektiv nach Bloomington, um eine Frau ausfindig zu machen, die perfekt für die Rolle ist, auch wenn du gar nicht weißt, ob sie Schauspielerin ist, und auch nie mit ihr gesprochen hast.“ 17


„Richtig.“ Dayne spürte, wie er sich entspannte. Sein Agent zog ihn gern auf, aber am Ende würde er tun, worum er ihn bat. Deshalb vertraute Dayne ihm schon so lange. „Hast du noch etwas anderes? Einen Namen? Irgendetwas?“ Dayne zögerte nicht. Ihr Name lag ihm schon den ganzen Nachmittag auf der Zunge. „Ihr Name ist Hart. Katy Hart.“

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