Kapitel 1 Martha klatschte in die Hände. „Jetzt ist es endlich an der Zeit, dass ich euch ein paar Neuigkeiten erzähle“, sagte sie zu ihrer Familie und ihren Freunden, die alle in der Küche jenes Hauses versammelt waren, das so lange Zeit Marthas Zuhause gewesen war. Vierundvierzig Jahre hatte sie hier verbracht, aber die Neuigkeiten, die sie mitzuteilen hatte, würden alles verändern. „Neuigkeiten?“, fragte Marthas jüngere Schwester Natalia und spielte mit ihren wunderschönen blonden Haaren. „Was sind das denn für Neuigkeiten?“ Martha betrachtete ihre Schwester einen Augenblick lang. Sie wusste, dass die Zuneigung Natalia gegenüber aus ihrem Blick sprach. Natalia war Marthas Adoptivschwester, aber weil Martha 20 Jahre älter war, fühlte sie sich eher wie eine Ersatzmutter und nicht wie eine Schwester. Und genau so glücklich wie eine Mutter ist, wenn ihr Kind sie besuchen kommt, war jetzt auch Martha, weil Natalia und ihr Ehemann Noel über die Feiertage nach Hause gekommen waren. Ihre Familie hatte Natalia adoptiert, als sie erst wenige Wochen alt gewesen war. Obwohl ihre Eltern eigentlich schon zu alt gewesen waren, um selbst noch Kinder zu bekommen, war Natalia mit aller Liebe und Zuneigung überschüttet worden, die man sich nur wünschen konnte. Hier in Kastro, in Griechenland, hatte sie eine wunderschöne Kindheit und Jugend verlebt. „Ella, koukla mou – komm schon, mein Schatz. Was ist denn?“, fragte ihr Vater weiter nach, als Martha nicht sofort antwortete. Sie drehte sich zu ihm, und ihr Lächeln wurde breiter. Obwohl ihr Vater schon stolze 85 Jahre alt war, war er noch genauso rüstig wie vor dreißig Jahren. Nur der graue Bart, die tiefen Falten um seine 5
Augen und seine raue Stimme ließen auf sein wahres Alter schließen. Und natürlich seine Weisheit. Er war der weiseste Mann, dem Martha jemals begegnet war, und sie liebte ihn dafür. Aber jetzt liebte sie vor allem, dass er sie immer noch koukla mou nannte. Wie viele 44-Jährige gab es schon, deren Väter sie immer noch „mein Schatz“ nannten? Martha erhob sich rasch von ihrem Stuhl und ging zum Fenster, wo eine sanfte Maibrise an den Vorhängen zupfte. „Was sind das denn jetzt für Neuigkeiten, Martha?“, fragte Allie, die Ärztin von Kastro, die neben ihrem Mann am Tisch saß. Aber als Martha sich nur lächelnd zu ihrer Familie und ihren Freunden umdrehte, ohne etwas zu sagen, warf Allie ihren Zopf zurück und fuhr mit einem leisen Lachen fort. „Ehrlich, Martha, ich habe es noch nie erlebt, dass du so lange gebraucht hast, um etwas über die Lippen zu bringen. Sonst sagst du doch immer sofort, was du denkst.“ Daraufhin mussten alle im Raum leise lachen, und auch Martha konnte sich ein weiteres Lächeln nicht verkneifen. Sie wusste, dass Allie es nicht böse meinte. Außerdem wusste Martha selbst, dass sie jetzt schon eine ganze Weile herumdruckste und nicht mit der Sprache rausrückte. Das war wirklich untypisch für sie. „Nun, die Entscheidung, die ich getroffen habe, hat mich sehr viel Zeit und Überlegungen gekostet und deshalb verdient sie es, langsam verkündet zu werden.“ Sie atmete tief ein und versuchte, die Schmetterlinge zu ignorieren, die sich in ihrem Bauch eingenistet hatten. Obwohl ja gerade diese Schmetterlinge darauf hindeuteten, dass Martha ein neuer, spannender Lebensabschnitt bevorstand. Das machte sie so nervös wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal in die Schule geht. „Außerdem möchte ich gleich sagen, dass ich viel gebetet habe und mir sicher bin, dass Gott mich auf meinem Weg begleiten wird.“ „Martha ...“, seufzte Natalia und klatschte jetzt ungeduldig in 6
die Hände, „ich verspreche dir, dass ich niemals mehr behaupten werde, du wärst vorlaut, aber jetzt sag bitte endlich, was los ist.“ Doch Martha war noch immer nicht dazu bereit – nicht sofort. Sie nahm sich Zeit und betrachtete die beiden Paare an ihrem Küchentisch. Außer ihrem Vater, der schon lange Witwer war, war sie die einzige Unverheiratete in ihrem Familien- und Freundeskreis. Das hatte ihr nie etwas ausgemacht, denn sie führte ein sehr erfülltes und zufriedenes Leben. Als Kind war sie das jüngste von fünf Geschwistern gewesen, und als ihre Brüder und ihre Schwestern schließlich geheiratet hatten und in andere Städte gezogen waren, war Natalia in die Familie gekommen. Weil Marthas Mutter sehr lange krank gewesen war, hatte sie selbst sich dann um die neue kleine Schwester und den Haushalt gekümmert, ohne groß darüber nachzudenken. Natalia war mittlerweile ein weltberühmtes Model und lebte mit ihrem Mann in New York. Marthas Vater hatte Gefallen daran gefunden, zwischen New York, Kastro und Athen, wo seine anderen Kinder lebten, hin- und herzupendeln. Doch Martha wusste, dass er seine Zeit nur ihr zuliebe in Kastro verbrachte. Eigentlich recherchierte er für ein Buch über die Kirchenväter – ein langjähriger Wunsch von ihm. Da brachte es ihm eigentlich nichts, Tage und Wochen hier zu verbringen. Aber das war ja nun vorbei. „Ich werde nach Olympia gehen und dort ein Geschäft eröffnen“, brach es schließlich aus ihr heraus und sie konnte sich ein klein wenig Genugtuung nicht verkneifen, als sie die offenen Münder aller im Raum sah. Fassungslos starrten die Versammelten sie an. Martha lachte und plötzlich, als sei der Bann gebrochen, brachen alle in Glückwunschbekundungen aus und redeten durcheinander. Natalia quietschte vor Freude auf und umarmte ihre Schwester stürmisch. „Deswegen warst du in letzter Zeit so häufig in Olympia, um unsere Verwandten zu besuchen.“ Martha erwiderte die Umarmung ihrer schlanken, großgewachsenen Schwester herzlich. Obwohl Natalia mehrere tausend Kilometer entfernt lebte, verstanden sie sich doch blind. Martha 7
hätte sich also denken können, dass Natalia ganz schnell die Zusammenhänge erkennen würde. „Genau. Und mittlerweile liebe ich diese Stadt. Immerhin stammen Mutters Vorfahren von dort.“ Für Martha war diese Tatsache genauso wichtig wie der Umstand, dass Olympia eine großartige Geschichte hatte und landschaftlich wunderschön gelegen war – in einem bezaubernden grünen Tal. Dieser Ort war friedlich und man konnte seinen Gedanken freien Lauf lassen. Hier war ihre Mutter aufgewachsen. Sie hatte nur wegen ihrer Heirat diesen wunderbaren Ort verlassen. „Wie wundervoll und aufregend!“, rief Allie aus. „Das erinnert mich an mein eigenes Abenteuer, das mich hierher nach Kastro verschlagen hat.“ Martha verzog ihr Gesicht bei dem Gedanken an Allies Empfang in Kastro. „Nun, ich hoffe, dass man mich in Olympia freundlicher empfängt als dich damals hier.“ Stavros, Allies Mann, seufzte und senkte seinen Kopf. „Erinnere mich bitte nicht daran.“ Er war einer derjenigen gewesen, der die Ärztin hatte aus Kastro vertreiben wollen. Allie stupste ihm in die Rippen und sah ihn verschmitzt an. „Aber du hast deine Meinung ja sehr schnell geändert, Herr Lehrer“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Stavros lehnte sich zu seiner Frau hinüber und gab ihr einen Kuss. Danach sagte er zu Martha: „Wenn du dann in Olympia lebst, kann ich wenigstens meine Kinder im Sommer in die Ferien schicken.“ „Mach das auf jeden Fall“, erwiderte Martha. Es wäre eine schöne Verbindung zu ihrer alten Heimat, wenn sie die Familie regelmäßig zu Besuch bei sich hätte. Das Einzige, was noch fehlte, um ihren Umzug nach Olympia perfekt zu machen, war die Unterschrift unter dem Kaufvertrag für das alte Haus in Olympias Hauptstraße. Sie hatte sich auf den ersten Blick in das wunderschön restaurierte, traditionelle griechische Stadthaus verliebt. Das Erdgeschoss war für ein Geschäft vorgesehen und darüber lag eine herrliche Wohnung mit zwei Schlafzim8
mern, poliertem Holzfußboden und einer mit Wein überdachten Veranda. Es war ein wahres Prachtstück. Aber ohne den Segen ihres Vaters würde Martha hier nicht weggehen. Sie wandte sich ihm zu. „Papa?“ Einen Moment lang brachte er keinen Ton über die Lippen, aber schließlich antwortete er ihr mit rauer, emotionaler Stimme. „Ich bin so stolz auf dich, kali mou kori – meine liebe Tochter. Du warst so ein wunderbares Mädchen und bist eine kluge und elegante Frau geworden. Durch dein Lächeln und deine entschlossene Art hast du unser aller Leben bereichert.“ Seine Augen wurden feucht, aber Martha wusste, dass das nichts mit Trauer, sondern nur mit Freude und Stolz zu tun hatte. „Ich weiß, dass Gott noch viele Dinge für dich bereit hält, kali mou.“ Ihr Vater ergriff Marthas Hand mit seiner Rechten und blickte zu Natalia, um ihr zu bedeuten, seine andere Hand zu ergreifen. Während er die Hände seiner beiden jüngsten Kinder hielt, sagte ihr Vater ergriffen zu Martha: „Ich bin so dankbar, dass du den Mut und den Glauben hast, dein Leben zu verändern. Ich hatte schon Gewissensbisse, weil ich so viel Zeit in New York und Athen verbracht und dich hier so lange allein gelassen habe.“ „Aber Papa, du verwirklichst deinen Traum und schreibst endlich dieses Buch. Das ist wundervoll. Du hast mich damit inspiriert, mir auch meine Träume zu erfüllen, Papa. Schon lange habe ich davon geträumt, nach Olympia zu gehen und dort ein Geschäft zu eröffnen.“ Martha wandte sich an Natalia, die immer sehr großzügig mit dem Geld war, das sie durch ihre Arbeit als Model verdiente. „Ich habe fast das ganze Geld gespart, das du mir über all die Jahre hast zukommen lassen.“ Sie blickte auf ihr Leinenkleid hinunter und lächelte entschuldigend. „Abgesehen von dem Teil, den ich für viel zu teure Klamotten ausgegeben habe.“ Wieder lachten alle Versammelten leise. Martha war als eine der bestgekleideten Frauen und als sehr modebewusst in der ganzen Gegend bekannt. Alles hatte damit angefangen, dass Natalia, nach9
dem sie selbst genug verdiente, dafür gesorgt hatte, dass namhafte Designer aus New York Teile ihrer Kollektionen zu Martha nach Kastro schickten. Martha war erst skeptisch gewesen, aber ihr gefielen die Sachen so gut und sie kleideten sie so schick, dass sie bald ihre Meinung geändert hatte. Diese teuren Kleider waren der einzige Luxus, den Martha sich je gegönnt hatte. „Also wie gesagt ...“, fuhr sie fort und warf den anderen ein breites Lächeln zu. „Ich habe fast das ganze Geld gespart und mehr als genug, um ein Souvenir- und Antiquitätengeschäft zu eröffnen.“ Wieder fixierte Martha ihren Vater. „Deine Reisen haben mir gezeigt, dass auch ich ein Abenteuer wagen will. Endlich fühle ich mich frei, einen anderen Weg einzuschlagen. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Jahren unglücklich war, aber ...“ „Es ist schon in Ordnung, Martha. Ich verstehe, was du meinst“, sagte ihr Vater, während er über den Rand seiner Brille blickte. „Du kannst dem Plan folgen, den Gott für dich bereithält. Natalia hat genau das Gleiche getan und sieh dir nur an, wohin er sie geführt hat.“ „Direkt in Noels Arme!“, rief Natalia aus und umarmte glücklich ihren Mann. Noel lächelte sie an, als er seinen Arm um sie legte. „Leider hat es doch ein paar Jahre gedauert und ...“, er warf einen Blick auf den Schäferhund zu seinen Füßen, „... bedauerlicherweise haben wir ja immer Prinz als unsere Anstandsdame dabei.“ Sie alle kannten die Geschichte. Natalia und Noel hatten sich jahrelang immer in der Weihnachtszeit gesehen, aber lange Zeit nicht den Mut gefunden, aufeinander zuzugehen. Jetzt wollte Prinz wohl darauf achten, dass sie immer zusammenblieben. Der Gedanke an Prinz ließ sie auch an ihr eigenes Haustier denken, ihre Siamkatze Elfe. Die Katze hatte mal wieder ihren Lieblingsplatz eingenommen, nämlich auf dem Stuhl, auf dem Martha vorhin noch gesessen hatte. Sie waren alle überrascht darüber gewesen, dass die beiden Tiere sich auf Anhieb so gut verstanden hatten. Keiner hätte das erwartet, aber Prinz und Elfe schienen sich sogar zu mögen. 10
Martha nahm ihre Katze auf den Schoß und streichelte ihr seidiges Fell, während Elfe sich gemütlich zusammenrollte. „Ich will nicht, dass ihr denkt, ich würde nach Olympia ziehen, um mir dort einen Ehemann zu angeln.“ „Ach, warum denn nicht?“, fragt Allie hoffnungsvoll. „Glaubst du, du bist zu alt für eine romantische Beziehung?“ „Also, das wäre ja wirklich Quatsch“, unterbrach Natalia. „Nein, mein Alter hat gar nichts damit zu tun“, verteidigte sich Martha. „Manchmal denke ich, dass ich zu den Menschen gehöre, die von sich aus auf die Ehe verzichten, um Gott besser dienen zu können.“ „Ach was“, sagte ihr Vater sanft. Überrascht drehte sie sich wieder zu ihm um. Diese Reaktion hatte sie nicht erwartet. „Da wäre ich mir nicht so sicher, Martha Maria.“ Dass er ihren Doppelnamen benutzte, war ein Zeichen dafür, wie wichtig ihm dieses Thema war, auch wenn er ruhig blieb. Er wollte ihre volle Aufmerksamkeit. „Vielleicht hast du den Richtigen nur noch nicht gefunden. Aber deshalb zu sagen, dass du auf die Ehe verzichten willst, ist nicht richtig. Es stimmt, dass wir dich sehr in Beschlag genommen und dich wirklich gebraucht haben, aber das heißt nicht, dass du für den Rest deines Lebens allein bleiben sollst.“ Sie war perplex und ergriff seine Hand. „Papa, ich bin nicht unglücklich darüber, dass ich Single bin. Ich führe ein erfülltes Leben und ich gehe nicht nach Olympia, um einen Mann kennenzulernen. Ich bin froh, dass alles ist, wie es ist.“ Ihr Vater sah sie über seine Brille hinweg an. „Ich weiß, Kind.“ Jetzt war Martha verwirrt. „Aber was meinst du dann?“ Auf seinen Lippen erschien ein verschmitztes Lächeln. „Salomo hat geschrieben: ‚Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit.‘“ Er streckte seine Hand aus und fuhr Martha mit einer väterlichen Geste über die Wange. „Martha Maria, ich bete schon seit Jahren dafür, dass du einen wunderbaren Mann kennenlernst, denn du hast es wirklich verdient. Ich wünsche mir, dass du das gleiche Glück erleben kannst, das ich mit deiner Mutter hatte. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ 11
Martha war sprachlos. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass ihr Vater Gott um einen Partner für sie bat. Sie blieb still, während ihr Vater fortfuhr. „Keiner von uns hätte so ein gutes Leben gehabt, wenn du dich nicht so sehr um uns gekümmert hättest. Du verkörperst alle guten Eigenschaften von Martha und Maria, den beiden Schwestern, bei denen Jesus oft zu Gast war. Wir haben die richtige Entscheidung getroffen, als wir dich nach ihnen benannten. Du bist Martha, die unermüdliche Arbeiterin und Maria, die zu Jesu Füßen sitzt und von ihm lernt. Nach Olympia zu ziehen wird dir mehr Zeit dafür geben, Maria zu sein und das macht mich glücklich.“ Martha spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten. Sie wusste, dass ihr Vater ihr immer dankbar dafür gewesen war, dass sie sich seit der Krankheit ihrer Mutter vor fast 25 Jahren um alles im Haus gekümmert hatte, aber bis jetzt war ihr nicht klar gewesen, wie sehr er sie dafür bewunderte. Sie blinzelte die Tränen weg und stammelte: „Papa, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Er lachte leise und tätschelte ihre Hand. „Sag nur, dass du auf dich aufpassen wirst, so, wie du immer auf uns aufgepasst hast. Und dass du dich von Gott auf deinem Weg leiten lässt. Auch wenn er dir manchmal etwas schwer und uneben vorkommt.“ Martha umarmte ihren Vater dankbar und flüsterte ihm ins Ohr: „Danke, Papa, das werde ich. Ich verspreche es.“
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Kapitel 2 Zwei Monate später „Hallo.“ Marthas Herz machte einen Sprung bei dem Klang der dunklen, freundlichen Stimme, die dem Mann gehörte, den sie in letzter Zeit unbedingt hatte kennenlernen wollen. Bevor sie ihren Kopf hob, wusste sie schon, wer da vor ihr stand. Sie hatte ihn immer gegrüßt, wenn sie ihm zufällig auf der Straße begegnet war. Während Martha ihren Blick von der Bibel, in der sie gerade gelesen hatte, abwandte und in die dunkelgrünen Augen des Mannes vor sich schaute, versuchte sie, ihren Puls zu beruhigen. Normalerweise sah sie ihn immer nur kurz und von Weitem, entweder beim Spazierengehen oder wenn er auf seinem Fahrrad an ihr vorbeirauschte. Jetzt, von Nahem, erkannte sie seine eleganten Gesichtszüge, und die feinen Fältchen um seine Augen zeugten von seiner fröhlichen Natur. Seine schlanke, durchtrainierte Figur ließ darauf schließen, dass er sportlich war. Sein dichtes dunkles Haar war von einigen wenigen silbernen Strähnchen durchzogen. Es verlieh ihm das typische Aussehen eines Mannes, der fast fünfzig, aber immer noch in Topform war. Und wie immer, wenn sie ihn sah, schlug ihr Herz schneller – ein unbekanntes, aber sehr angenehmes und aufregendes Gefühl. In den letzten zwei Monaten hier in Olympia hatte sie ihn fast jeden Tag gesehen, wenn auch nur von Weitem. Martha erwiderte sein Lächeln und hoffte, dass es nicht so unsicher wirkte, wie sie sich fühlte. „Hallo.“ Er zeigte auf die antike Steinmauer, die sie sich als Bank ausgesucht hatte und fragte: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ 13
Martha betrachtete die teilweise bewachsenen Mauern und Ruinen der antiken Stadt Olympia. Bunt gekleidete Touristen schwärmten umher, fotografierten die Steinsäulen und alten Gebäude und schienen sich im Glanz und der Herrlichkeit der alten Stätten zu baden. Weil sie hier sowieso nicht allein sein konnte, konnte sie ihre Zeit auch genauso gut mit diesem Fremden verbringen. „Ja, das würde mich freuen“, brachte sie hervor. Das würde mich freuen. Hatte sie das jetzt wirklich gesagt? Zum Glück hatte Natalia es nicht gehört. Sie würde gleich wieder auf seltsame Gedanken kommen. Der Fremde nahm neben ihr Platz und wandte sich ihr zu. Ein freundliches Lächeln umspielte seinen Mund und seine olivgrünen Augen blitzten schelmisch auf. Sofort war jeder Gedanke an Natalia aus Marthas Kopf verschwunden. „Da wir beide in Olympia wohnen und uns fast täglich über den Weg laufen, dachte ich, es wäre an der Zeit, dass ich mich Ihnen endlich einmal vorstelle. Mein Name ist Leo Jones“, sagte er und streckte Martha seine Hand entgegen. Martha starrte diese einen Moment lang an, bevor sie mit ihrer viel kleineren Hand seinen Gruß erwiderte. Während sie das tat, konnte sie sich kaum darauf konzentrieren, ihren Namen auszusprechen. Wenn schon sein Anblick ihr Herz hatte höher schlagen lassen, so fühlte sie sich bei dieser Berührung wie verzaubert. „Und wie heißen Sie?“, fragte Leo nach, als sie ihm immer noch nicht geantwortet hatte. Martha spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie benahm sich wie ein albernes Schulmädchen. „Ich bin Martha Pappas. Sehr erfreut“, brachte sie schließlich hervor. „Martha“, wiederholte er und es schien ihr, als ließe er sich den Klang des Namens auf der Zunge zergehen. „Das ist ein wirklich schöner Name. Abgesehen davon, gehört er einem meiner Lieblingscharaktere in der Bibel.“ Marthas Brauen schossen vor Erstaunen in die Höhe. „Martha, 14
die Schwester von Maria und Lazarus? Das ist Ihre Lieblingsgestalt in der Bibel?“, fragte sie schnell, nur um sicherzugehen, dass hier auch kein Missverständnis vorlag. „Genau die.“ „Bei den meisten Leuten kommt Martha ja nicht so gut weg. Normalerweise ist es doch immer Maria, die Hörende, die die meisten bewundern“, erwiderte Martha. „Ja, Sie haben recht“, erklärte Leo schnell. „Aber ich finde, man sollte die zwei nicht als Gegensätze betrachten. Es geht viel mehr darum, dass sie sich ergänzen. Ein Mensch braucht von beiden etwas, von Martha und Maria. Ich glaube, die Lehre, die man aus diesem Kapitel der Bibel ziehen soll, ist, dass man ein möglichst ausgeglichenes oder ausgewogenes Leben führen soll.“ „Ein ausgewogenes Leben“, wiederholte Martha gedankenverloren. „Das ist wirklich ein interessanter Gedanke.“ Er lächelte und fuhr fort: „Es mag so wirken, als habe Jesus Martha zurechtgewiesen, als er ihr vorwarf, sie sei zu besorgt, aber ich glaube nicht, dass er damit nur Martha aus Bethanien gemeint hat. Er wollte damit alle Marthas dieser Welt ansprechen, die sich so rührend um ihre Familien kümmern, und ihnen sagen, dass sie sich auf ihrem täglichen Weg mit ihm nicht zu sehr ablenken lassen sollen. Trotz aller Arbeit sollte immer noch Zeit dafür sein, sich zu Jesu Füßen zu setzen, seine Gegenwart zu genießen und seinem Wort zu lauschen.“ Martha war beeindruckt. Leo war ein Mann, der sich bestens in der Bibel auskannte und seine Gedanken schnell und deutlich formulieren konnte. Das gefiel ihr wirklich gut. Es hört sich sehr nach meinem Vater an, dachte sie. Martha wandte sich Leo zu und fragte: „Wie kommt es, dass Sie sich so gut in der Bibel auskennen?“ „Meine Frau hat mir viel beigebracht.“ Seine Frau? Martha verschlug es die Sprache. Das Zirpen der Zikaden, das eben noch so fröhlich in den Bäumen über ihr erklungen war, schien nun weit entfernt zu sein. Wie konnte ihr nur so etwas passieren? Zum ersten Mal in ihrem Leben interessierte sie 15
sich für einen Mann, ja, schien sogar irgendwie mit ihm verbunden zu sein, und dann war er verheiratet? Warum hatte sie nicht vorher schon mit so etwas gerechnet? Immerhin war er ein äußerst charmanter Mann. Es war verständlich, dass er verheiratet war. Martha war klar, dass sie das Gespräch eigentlich so schnell wie möglich beenden sollte, doch stattdessen sagte sie: „Ihre Frau scheint sehr klug zu sein.“ „Ja, das war sie“, erwiderte Leo. Sie war? In Leos Augen erkannte Martha die gleiche Traurigkeit, die sie oft bei ihrem Vater gesehen hatte, wenn er an den Verlust seiner Frau dachte. Sofort bekam sie ein schlechtes Gewissen, weil sie sich für den Ehemann einer anderen Frau interessierte. „Ist ihre Frau … tot?“, fragte Martha zögernd. Leo nickte und atmete tief ein. Er ließ seinen Blick über die Ruinen des alten Olympia schweifen und murmelte: „Ja, sie ist vor sechs Jahren gestorben.“ Martha schloss für einen Moment die Augen. Der Schmerz über den Verlust seiner Frau sprach aus jedem seiner Worte. „Ich weiß, dass es vielleicht unangemessen ist, aber ich möchte Ihnen sagen, dass es mir sehr leid tut.“ Leo atmete langsam aus und kniff seine Augen zusammen. „Vielen Dank.“ Er lehnte sich gedankenverloren zurück. Plötzlich fing er wieder an zu lächeln. „Wo kommen Sie denn her? Auf jeden Fall von irgendwo, wo die Außenwelt noch nicht zu viel Einfluss auf das tägliche Leben hat.“ Martha lachte leise. Wenn man Kastro irgendwie beschreiben wollte, dann genau so. „Genau so ist es. Treffender hätten Sie es nicht formulieren können. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, das zwei Stunden von hier entfernt liegt. Es heißt Kastro. Bis vor zwei Monaten habe ich dort gewohnt.“ Verblüfft fragte er: „Sie kommen nicht aus Amerika?“ Martha neigte ihren Kopf leicht zur Seite. Die Frage überraschte sie. „Haben Sie das gedacht?“ 16
„Ja, ihr Englisch ist wirklich perfekt.“ Er schmunzelte. „Eigentlich sogar besser als das der meisten Muttersprachler.“ „Vielen Dank. Ich liebe es, Sprachen zu lernen und … besonders gern beschäftige ich mich mit Grammatik“, schob sie entschuldigend lächelnd hinterher. „O je, das ist wirklich mein absoluter Albtraum.“ „Mir macht es Spaß. Ich lerne jetzt seit sechs Jahren Englisch. Seit meine Schwester nach Amerika gezogen ist. Ich wollte nicht, dass sie sich dort verliebt und heiratet, ohne dass ich vorher ein ernstes Wörtchen mit ihrem Zukünftigen sprechen kann“, gab Martha lachend zu. Leo schien dieses Gespräch wirklich zu interessieren. Aufmerksam fragte er: „Und, hat sie sich verliebt und geheiratet?“ „Ja, sie ist seit letztem Jahr verheiratet und gestern habe ich erfahren, dass sie ein Kind erwarten. Das ist wirklich großartig.“ „Wie wunderbar“, sagte er freudig. „Und Sie? Sind Sie verheiratet?“, fragte er dann mit der gleichen Vorsicht in der Stimme, die sie bei der Erwähnung seiner Frau verspürt hatte. Hatte er Angst, dass sie verheiratet war? „Nein, ich war nie verheiratet.“ Was sie nach dieser Aussage in seinem Gesicht sah, zeigte ihr, dass er sich auf die gleiche seltsame Weise zu ihr hingezogen fühlte wie sie sich zu ihm. Er verspürte Erleichterung, vielleicht sogar ein bisschen Freude? „Sind denn alle Männer in Kastro blind?“, fragte er, ohne vorher über seine Worte nachzudenken. Aufregung schoss durch Marthas Körper. Es fühlte sich großartig an. Doch fast im selben Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie hier mit einem Fremden redete. Auch wenn er wirklich nett war, durfte sie sich nicht so unbedarft auf ihn einlassen. Sie mochte ja nicht sehr erfahren im Umgang mit Männern sein, aber sie war eine erwachsene Frau, die genug vom Leben wusste, um sich der Konsequenzen unüberlegten Handelns und falschen Vertrauens bewusst zu sein. Eilig stand sie auf, um sich zu verabschieden. Vor lauter Hast ließ 17
sie ihre Bibel auf den Boden fallen. Leo beugte sich hinunter, um sie aufzuheben und gab sie ihr zurück. Er blickte neugierig und etwas verwirrt auf Martha. Offensichtlich fragte er sich, was ihren plötzlichen Sinneswandel bewirkt hatte. Martha ignorierte seinen fragenden Blick. „Ich muss jetzt gehen“, sagte sie schnell und machte sich zum modernen Olympia auf, das etwas über einen halben Kilometer entfernt lag. „Meine Familie erwartet mich zum Abendessen.“ Sie fühlte sich besser bei dem Gedanken daran, dass Leo wusste, dass sie Familie hier in der Nähe hatte und man sie erwartete. Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass sie sich wirklich albern benahm. Tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie sich vor diesem höflichen, charmanten Gentleman nicht fürchten musste. Leo ging nicht auf ihren plötzlichen Sinneswandel ein, sondern fragte mit einem leichten Nicken in Richtung des modernen Olympia: „Darf ich Sie begleiten? Nur ein kleines Stück?“ Als sie zu ihm aufschaute und den erwartungsvollen Ausdruck auf seinem Gesicht sah, wusste sie, dass sie ihn besser kennenlernen wollte. Es war ein Gefühl, das sie noch niemals vorher in ihrem Leben gespürt hatte.
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