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Eckart zur Nieden DIE RITTER VON RABENSTEIN


Eckart zur Nieden

Die Ritter von Rabenstein


Über den Autor: Eckart zur Nieden arbeitete nach seiner theologischen Ausbildung zunächst in einem Missionswerk und dann 35 Jahre beim Evangeliums-Rundfunk in Wetzlar. Er schrieb zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86827-087-7 Alle Rechte vorbehalten © 2009 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Illustration: Christian Heinritz Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH / Christian Heinritz Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de


Inhaltsverzeichnis 1. Des Knappen Heldentaten ............................. 7 2. Das Ende eines Raubritters ........................... 25 3. Kampf um zwei Burgen .............................. 46 4. Warten auf hohen Besuch ............................ 73 5. Der Gast des Ritters von Rabenstein ............ 88 6. Streit ums Wasser ...................................... 100 7. Der verspätete Ritter .................................. 120 8. Die seltsame Strafe des Kaisers ................... 140


1. Des Knappen Heldentaten Damals war ich erst acht. Aber ich kann mich noch gut an alles erinnern. Es war ja die Zeit nach dem Krieg und wir hatten sehr wenig zu essen. Da ergab sich plötzlich die Gelegenheit, dass ich mich mal richtig satt essen konnte. Und das kam so: Meine Großeltern hatten Jahre zuvor einen Mann kennengelernt, der von Beruf Metzger war. Wie es dazu kam, erzähle ich vielleicht ein anderes Mal. Der Mann lud meine ausgehungerten Großeltern mit ihrem abgemagerten Enkel ein, ein paar Wochen bei ihm auf dem Dorf zu verbringen. Da sollten wir uns so viel Fett anessen, dass es wieder für ein paar Monate reichte. Es gab wirklich viele gute Sachen, und das dauernde quälende Hungergefühl schwand allmählich. Trotzdem war es – zu Anfang wenigstens – eine schreckliche Zeit! Warum? Es war langweilig! Stinklangweilig! Das Dorf war winzig und bestand aus elf Häusern, fünf Scheunen, drei Ställen und einem Transformatorenhäuschen. Kinder in meinem Alter gab es nicht – vielleicht waren sie während der Ferien alle bei Verwandten zu Besuch. Die vier Hunde des Dorfes knurrten mich böse an, die siebzehn Gänse zischten meistens bedrohlich aus vorgereckten Hälsen, wenn ich in ihre Nähe kam, die Katzen flohen vor mir, weshalb ich sie auch nicht zählen konnte, 7


und die fünfunddreißig Kühe würdigten mich keines Blickes. Nachdem ich in den ersten Tagen mit den Großeltern brav Spaziergänge durch Felder und Wiesen gemacht und abends die Zeit mit „Mensch ärgere dich nicht!“ vertrieben hatte – Fernsehen gab es ja damals noch nicht – war mein Ärger über die Langeweile so angewachsen, dass ich am liebsten wieder nach Hause gefahren wäre. Das einzig Interessante in diesem langweiligen Dorf war, dass man von Weitem eine Burgruine sah. So weit weg allerdings, dass ich unmöglich zu Fuß hingehen konnte. So saß ich oft auf einer alten, ausrangierten Dreschmaschine und blickte sehnsüchtig auf das ferne Gemäuer. In meiner Fantasie stellte ich mir allerlei spannende Ritterkämpfe vor, die dort stattgefunden haben könnten. An einem sonnigen Nachmittag kam ein alter Mann vorbei. Er blieb, gestützt auf seinen Stock, unten vor der Dreschmaschine stehen, sah mit seinen lustig funkelnden Augen zu mir herauf und meinte: „Na, du bist wohl fremd hier?“ „Ja“, gab ich zur Antwort. „Zu Besuch?“ „Ja.“ „Du sitzt öfter da oben. Ich hab dich schon ein paarmal gesehen.“ „Ja.“ „Du langweilst dich wohl?“ „Ja.“ Hier muss ich bemerken, dass ich auch damals 8


schon einen Wortschatz hatte, der aus mehr als nur „ja“ bestand. Aber ich war – nun, nicht gerade schüchtern, aber doch etwas zurückhaltend gegenüber Fremden. „Wie heißt du denn?“ „Micha.“ „Ich heiße Friedrich Meister und war früher mal der Pfarrer hier und in ein paar Nachbardörfern.“ „Auch da hinten, wo die Burg steht?“, fragte ich und bewies damit, dass ich auch fähig war, ganze Sätze zu bilden. „Da nicht“, gab er zur Antwort. „Interessiert dich die Burg?“ Ich nickte. „Mich auch“, sagte er. „Weißt du, ein Pfarrer hat leicht Zugang zu alten Kirchenbüchern. Da habe ich oft drin gelesen und manches erforscht, was früher hier in der Gegend so passiert ist.“ „Ach ja? Auch in der Burg?“ „Auch da. Ich hab das alles sogar mal aufgeschrieben in einem Büchlein für den Heimatverein.“ Er guckte dabei ein bisschen stolz und erzählte, dass er von dem Büchlein fünfhundert Stück auf eigene Kosten hatte drucken lassen, von denen noch vierhundertzweiunddreißig auf seinem Dachboden lagen. „Soll ich dir eine dieser Geschichten von früher erzählen? Eine spannende, von Rittern und so? Ich meine, weil du dich doch so langweilst.“ „Ja, gerne.“ „Dann besuch mich doch mal abends in meiner 9


Wohnung. Im vorletzten Haus auf der linken Seite.“ „Äh – könnten Sie nicht jetzt gleich ...?“ Er schmunzelte. „Nun ja, eigentlich sollte ich erst noch mal in meinen Notizen nachsehen, weil ich vieles in meinem alten Kopf nicht mehr so parat habe. Aber wenn du damit einverstanden bist, dass meine erste Geschichte ziemlich frei erfunden ist ...“ „Klar, das macht nichts!“ „Wenn ich dir später weitere Geschichten erzählen soll, werde ich mich etwas besser vorbereiten und mich mehr an die historische Wahrheit halten. Also komm runter von der Dreschmaschine und setz dich neben mich ins Gras! Dann brauch ich nicht so laut zu reden. Und zu dir hochklettern – das wird wohl nichts.“ Ich sprang hinab. Der Alte ließ sich auf der Wiese nieder, was nicht ohne Ächzen und Stöhnen ging, und ich setzte mich daneben. „Du musst wissen“, erklärte er, „die Ruine, die du da siehst, ist die Burg Rabenstein. Wenn du genau hinguckst, kannst du auf der anderen Talseite, weiter hinten, noch eine Ruine sehen, von der aber nur noch ein paar spärliche Mauerreste übrig sind. Ich sehe sie nicht, weil meine Augen zu schlecht sind, aber du kannst sie vielleicht erkennen.“ „Ich sehe nichts.“ „Na, ist ja auch egal. Jedenfalls ist das die Ruine Krähenstein. Und zwischen ihnen im Tal liegt das Städtchen Weilerfleckenhausen. Davon und von den beiden Burgen erzähle ich dir jetzt.“ 10


Er überlegte einige Augenblicke, und dann begann er. *** Wilhelm, der Ritter, und Niklas, sein Knappe, ritten von der Burg Krähenstein hinab. Wilhelm mit seinem Eisenhut auf dem Kopf und in seiner schweren, schon leicht rostigen Rüstung saß auf dem starkknochigen Hengst Herkules. Niklas in schlichtem, schon leicht abgewetztem Wams trabte auf seinem kleinen Pony mit Namen Puck. „Heute“, sprach der Ritter zu seinem Knappen, „wirst du erleben, wie ich meinen Feind besiege. Achte genau darauf, wie ich es mache! Auf dass du bald auch ein echter Ritter werden kannst!“ „Ja“, antwortete der Knappe. „Und hör endlich auf, mit der linken Hand das Fechten zu üben! Wie sieht das denn aus!“, schimpfte Ritter Wilhelm. „Aber links kann ich es besser!“, wagte sein Knappe einzuwenden. „Papperlapapp! Hast du schon mal einen Ritter gesehen, der das Schwert in der linken Hand hielt? Na also! Wenn du ein echter, tapferer Ritter werden willst, mach alles so wie ich!“ Schweigend ritten sie weiter. Schließlich fragte Niklas: „Ritter Wilhelm, warum müssen wir denn in den Kampf ziehen?“ „Warum, warum!“, polterte sein Herr. „Was für eine Frage! Weil ich ein Ritter bin! Hast du schon 11


mal einen Ritter gesehen, der sich vor dem Kampf drückt?“ „Nein, eigentlich nicht, wenn sich zwei Feinde gegenüberstehen. Aber wir könnten doch einfach zu Hause bleiben.“ „Zu Hause bleiben? Weißt du nicht, dass dieser Ritter Merowing schon seit Langem mein Feind ist? Immer überfällt er die Händler, die ich ausrauben wollte. Das lasse ich mir nicht länger gefallen!“ Der kleine Knappe wusste das natürlich längst. Er fragte auch nicht, weil er den Kampf scheute, sondern weil Bartholomäus, der Knappe des Ritters Merowing, sein Freund war. Und mit Freunden soll man sich ja möglichst nicht streiten. Nun waren sie im Tal angekommen. Eine breite Senke, von einem Bach durchflossen, erstreckte sich zwischen den zwei Bergen, auf denen die Burgen Rabenstein und Krähenstein mächtig in den Himmel ragten. Auf der andern Seite der Wiese ritt gerade der Ritter Merowing aus dem Wald heraus. Neben ihm auf einem Pony sein Knappe Bartholomäus. Sofort fing er an zu brüllen: „Komm her, du Feigling vom Krähenstein!“ Wilhelm dröhnte zurück: „Komm du her, du Angsthase vom Rabenstein!“ Dann gaben beide Ritter ihren Rössern die Sporen und ritten aufeinander zu. Sie klappten das Visier an ihren Helmen herunter. Sie packten mit der Rechten die Lanze fester und mit der Linken den Schild. Die Männer brüllten und wurden immer 12


wütender, die Rösser schnaubten und wurden immer schneller. Näher und näher kamen sich die Recken, ihre Knappen immer hinterdrein. Und dann – Krach! Die Lanzen prallten auf die Schilde mit einem Geräusch, das zwei Raben aufflattern ließ und ein Rudel Rehe, das am fernen Waldrand gegrast hatte, veranlasste, eiligst im Buschwerk Schutz zu suchen. Ritter Wilhelm flog aus dem Sattel und landete im Gras, sein Pferd galoppierte noch ein beachtliches Stück weiter, und Ritter Merowing wendete sein Ross. Er sprengte zu dem am Boden Liegenden zurück, sprang ab und zog sein Schwert, um Wilhelm den Rest zu geben. „Hilf mir, Niklas!“, keuchte Wilhelm, der vom Sturz noch ganz benebelt war, nach Atem rang und sich in der schweren Eisenrüstung kaum bewegen konnte. Sein Knappe sprang von seinem Pony und zog seinem Ritter das Schwert aus der Scheide. „Ha!“, rief Ritter Merowing dröhnend. „Willst du Zwerg mir etwa mit der Waffe entgegentreten? Und auch noch ohne Rüstung? Zur Seite, wenn dir dein Leben lieb ist! Ich will nicht meine Ritterehre besudeln, indem ich einen Knappen niederhaue!“ „Gleich, Herr Ritter“, antwortete der Kleine mutig. „Würdet ihr mir eben noch verraten, wie man dieses Ding halten muss?“ „Wie man ...? Hahaha! Ich lache mich kaputt! Das Knäblein weiß noch nicht mal ... hahaha! Vor allem musst du das Schwert in die rechte Hand 13


nehmen, Junge! Aber pass auf, dass du dich nicht schneidest! Es ist wahrscheinlich scharf!“ In diesem Augenblick schlug Niklas zu. Der Ritter hatte nicht damit gerechnet, erstens, weil das nur ein Knappe war, zweitens, weil Niklas so hilflos dastand und ihn durch seine Fragen in Sicherheit wiegte, und drittens, weil der Kleine die große Waffe auch noch in der linken Hand hielt. Sie traf ihn unterm Schultergelenk, sodass die ledernen Bänder zerschnitten wurden, die seinen Armschutz hielten. Das Blech löste sich und fiel klappernd zu Boden. Ritter Merowing war so verdutzt, dass ihm sein Knappe Bartholomäus gut zureden musste, den Kampf aufzugeben und auf sein Pferd zu steigen, zumal auch er etwas zerzaust aussah. Bartholomäus grinste zu seinem Freund Niklas hinüber, hob die abgefallenen Teile der Rüstung auf und folgte seinem Herrn zurück zur Burg Rabenstein. Niklas stützte seinen Ritter, als der sich nun langsam aufrappelte, und sagte dabei: „Jetzt weiß ich, wie man siegt, Ritter Wilhelm. Ich habe dir genau zugesehen.“ *** Wilhelm, der Ritter, und Niklas, sein Knappe, ritten von der Burg Krähenstein hinab. „Heute“, sprach Ritter Wilhelm und trieb sein schweres Schlachtross Herkules zur Eile, „wirst du sehen, wie ich unseren Feind Merowing besiege! Sieh genau hin, damit du etwas lernst!“ 14


Der Knappe hatte Mühe, ihm auf seinem kleinen Pony Puck zu folgen. Er fragte: „Soll es so ein Sieg werden wie der Letzte?“ Ritter Wilhelm knurrte nur unwillig: „Beim letzten Mal ist etwas schiefgegangen. Das kann mal passieren. Aber diesmal – du wirst sehen, ich schlage ihn in Stücke!“ Als sie im Wiesengrund angekommen waren, sahen sie soeben am gegenüberliegenden Waldrand den Ritter Merowing und seinen Knappen Bartholomäus aus dem Schatten der Bäume auf die freie Fläche reiten. Merowing schrie: „Komm her, du Hasenfuß vom Krähenstein!“ Wilhelm antwortete nicht weniger laut: „Komm her, Memme vom Rabenstein!“ Dann gaben beide Ritter ihren Rössern die Sporen, klappten das Visier am Helm herunter, packten die Lanze fester und hoben mit der Linken den Schild. Näher und näher kamen sich die Kämpfer, während ihnen die Knappen zu folgen versuchten. Und dann – Krach: Zwei Lanzen donnerten auf zwei Schilde, so heftig, dass sie dabei zersplitterten. Der Schlag dröhnte so laut durch den Wiesengrund, dass zwei Frösche erschreckt in den Bach sprangen und eine Schar Elstern sich krächzend in die Luft erhob. Einer Blindschleiche erging es aber noch viel schlimmer. Sie schlich gerade blind und nichts ahnend durchs Gras, als der Ritter Wilhelm auf sie krachte und sie mit seinem Rückenpanzer zerquetschte. Knappe Niklas sah sofort, dass der Feind noch im 15


Sattel saß, sein Herr also wohl wieder in Gefahr war. Noch mal würde sich Merowing nicht übertölpeln lassen. Was tun? Er sprang schnell von seinem Pony. Während der Feind noch bemüht war, sein aufgeregtes Pferd unter Kontrolle zu bringen, schnallte Niklas seinem Ritter die Rüstung ab. Der Ärmste konnte ihm dabei kaum helfen, da er noch benebelter war als beim letzten Mal. Nun hatte der Ritter Merowing sein schweres Schlachtross gewendet und trabte heran. Gerade war es Niklas gelungen, die letzten Schnallen von Wilhelms Rüstung zu lösen und seinen Herrn aus der eisernen Verschalung zu ziehen. Keine drei Meter daneben lag ein Teich, durch den der kleine Bach floss. Niklas zerrte seinen Ritter dorthin. Mehr noch: hinein. Das frische Wasser brachte den Blutkreislauf des Ritters in Gang, und mithilfe seines Knappen konnte er in die Mitte des Teiches schwimmen. „Ha! Glaubt ihr etwa, ihr könntet mir entkommen? Diesmal nicht!“, brüllte Merowing, schwang sich von seinem Pferd und folgte den beiden ins Wasser. Aber in seinem Kampfeseifer vergaß er, vorher seine Rüstung abzulegen. Die war so schwer, dass er damit unmöglich schwimmen konnte. „Hilfe! Rette mich, Bartholomäus!“, schrie er gurgelnd, denn schon war Wasser in sein Visier gedrungen. Der Knappe Bartholomäus eilte herbei, und sein Freund Niklas kam schwimmend zu Hilfe, denn 16


Ritter Wilhelm konnte sich nun allein auf die andere Seite des Teiches retten. Mit Mühe zerrten die beiden Knappen den keuchenden und gurgelnden Ritter Merowing ans Ufer. Und nachdem er sich etwas erholt hatte, befreiten sie ihn von seiner Rüstung und hoben ihn aufs Pferd. Bartholomäus packte die Rüstung seines Ritters auf sein Pony und führte beide Pferde am Zügel zurück zur Burg Rabenstein. Merowing keuchte: „Wenn wir zu Hause sind, musst du den Harnisch gut abtrocknen, damit er nicht rostet.“ Auch Niklas führte seinen Ritter und die Pferde heim zur Burg Krähenstein. Dabei sprach er: „Ich sehe, Ritter Wilhelm, wie man es machen muss, um zu siegen. Oh, ich kann noch viel von dir lernen!“ *** Wilhelm, der Ritter, und Niklas, sein Knappe, ritten von der Burg Krähenstein hinab. „Heute“, sprach Ritter Wilhelm, dass es aus seinem Helm herausdröhnte, und trieb sein schweres Schlachtross Herkules zur Eile, „wirst du sehen, wie ich unseren Feind Merowing besiege. Sieh genau hin, damit du etwas lernst!“ Knappe Niklas antwortete: „Ich werde noch genauer hinsehen als beim letzten Mal, damit ich noch mehr von deiner erfolgreichen Kampfestechnik erkennen kann.“ Daraufhin knurrte Wilhelm nur etwas Unverständliches. Es war schon deshalb unverständlich, 17


weil er seinem Ross die Sporen gegeben hatte, sodass er schnell seinem Knappen zwei Pferdelängen voraus war. Als sie im Wiesengrund zwischen den Burgen Rabenstein und Krähenstein angekommen waren, erschienen drüben der Ritter Merowing und sein Knappe Bartholomäus. Merowing brüllte: „Komm her, du elender Hund vom Krähenstein!“ Wilhelm ereiferte sich: „Komm du her, du stinkende Ratte vom Rabenstein!“ Beide Ritter gaben ihren Rössern die Sporen und preschten aufeinander zu, gefolgt von ihren Knappen, die auf ihren Pferdchen immer weiter zurückblieben. Die Recken klappten die Visiere ihrer Helme herunter, packten die Lanzen fester und hielten mit der Linken ihre Schilde hoch. Als schließlich die beiden Lanzenspitzen auf die zwei Schilde trafen, krachte es so, dass drei Hasen im Wiesengrund aufgescheucht wurden und ein Igel sich eilig zusammenrollte, nicht bedenkend, dass ihn das auch nicht retten würde, sollte ihn eine Lanze oder der Huf eines Pferdes treffen. Es traf ihn aber kein Unglück. Das Unglück traf wieder einmal Ritter Wilhelm, der in hohem Bogen aus dem Sattel sauste, während Ritter Merowing wie angewachsen auf seinem Pferd sitzen blieb. Der Schwung des Aufpralls katapultierte ihn bis über seinen Knappen hinaus, der hinter seinem Herrn hatte zurückbleiben müssen. Nun aber eilte Niklas zu dem Gestürzten und nahm ihm den Helm ab, um feststellen zu können, 18


ob er noch lebte. Das tat er anscheinend auch, wie Niklas aus dem wilden Augenrollen schloss, und aus den schnappenden Atemzügen, die an einen Fisch auf dem Trockenen erinnerten. Schon nahte der Ritter Merowing, um die Auseinandersetzung mit dem Herrn vom Krähenstein ein für allemal zu beenden. Wie sollte Niklas seinen Ritter retten? Auch diesmal waren von dem gewaltigen Stoß beide Lanzen aus Eschenholz gesplittert. Also zog Ritter Merowing sein Schwert und sprang aus dem Sattel. Vor Niklas lag im Gras die vordere Hälfte einer Lanze. Der Knappe hob sie auf und streckte sie dem feindlichen Ritter entgegen. „Ha!“, brüllte der, „willst du mich etwa mit diesem Stümpfchen bekämpfen? Du, ein Knappe?“ „Jawohl!“, rief der Kleine. „Du musst erst mich besiegen, ehe du meinen wehrlosen Herrn niederstrecken kannst!“ „Halt die Klappe, kleiner Knappe! Dass ich nicht lappe – äh – dass ich nicht lache! Eigentlich vergreife ich mich ja nicht an Kindern, aber wenn du unbedingt willst ...!“ Er holte mit dem mächtigen Schwert aus. Niklas sah sich Hilfe suchend um, entdeckte in der Nähe einen Ameisenhaufen, und schon reifte in seinem Kopf ein Plan. Er floh, rückwärtsstolpernd und die halbe Lanze vor sich haltend, als wolle er kämpfen und lockte den Gegner zu den Ameisen, die, nicht Böses ahnend, mit der Vollendung ihres 19


Baus beschäftigt waren. Als der Ritter davor angekommen war, sprang Niklas um den Ameisenhaufen herum, und schleuderte Merowing, als der ihm hinterherstürmte, den halben Spieß vor die Füße. Der Ritter, in der Rüstung ohnehin unbeholfen, stolperte und fiel mitten in die Siedlung der kleinen Sechsbeiner. Diese aber waren über die Zerstörung ihrer Heimstatt so erbost, dass sie sich in hellen Scharen auf den Eindringling stürzten. Sie drangen durch alle Öffnungen seiner Rüstung, bissen und zwickten ihn so, dass der Recke losbrüllte und sich wie ein Nudelholz durchs Gras wälzte. Hurtig eilte ihm sein Knappe Bartholomäus zu Hilfe, zerrte ihm die Rüstung vom Leib und das Hemd, das er darunter trug, und streifte ihm die kleinen Biester vom Körper. Das dauerte so lange, dass Niklas inzwischen seinen Ritter wiederbelebt und auf das Pferd gehievt hatte. Sie waren schon auf dem Rückweg zum Krähenstein, als die beiden Rabensteiner immer noch wild um sich schlugen und tanzten, um sich der Feinde zu erwehren, die zwar deutlich kleiner waren als ein Ritter, aber in der Überzahl. *** Wilhelm, der Ritter, und Niklas, sein Knappe, ritten von der Burg Krähenstein hinunter. „Heute ...“, sprach Ritter Wilhelm. Aber sein Knappe unterbrach ihn: „Ich weiß, Ritter Wilhelm, du wirst einen großen Sieg erringen. Und ich werde darauf achten, dass mir keine Klei20


nigkeit entgeht, damit ich viel lerne und auch mal so ein tüchtiger Ritter werde wie du.“ Sein Herr sah ihn von der Seite an. Natürlich von oben, da sowohl sein Pferd als auch er selbst bedeutend größer waren. Er sprach: „Manchmal habe ich das Gefühl, du nimmst mich nicht so ernst, wie es einem Knappen gebührt.“ Niklas konnte nicht antworten, weil er sein Pony Puck zum Trab antreiben musste, damit es einigermaßen mit dem großen Schlachtross mithielt. Im Tal angekommen, entdeckten sie Ritter Merowing mit seinem Knappen Bartholomäus auf der anderen Seite der Wiese. Es sah aus, als hätten sie schon auf die Recken vom Krähenstein gewartet. Merowing rief: „Komm her, du Floh vom Krähenstein!“ Wilhelm antwortete: „Komm her, du Mücke vom Rabenstein!“ Beide Ritter klappten ihr Visier herunter und gaben ihren Pferden die Sporen. Mit gestreckter Lanze galoppierten sie wütend aufeinander zu. Der Aufprall der beiden Lanzen auf die beiden Schilde war so heftig, dass das Echo des Knalls sieben Mal hin und her flog zwischen den Hängen des Rabensteinberges und denen des Krähensteinberges. Und ein trächtiges Reh, das am Waldrand lagerte, brachte vor Schreck ein glücklicherweise gesundes Rehkitz zur Welt. Aber die unmittelbare Folge des Zusammenpralls war, dass Ritter Wilhelm aus dem Sattel plumpste 21


und wie leblos auf der Wiese liegen blieb, während sein Pferd noch ein Stück weiterlief, genauso wie sein Kollege vom Rabenstein – nur eben in die andere Richtung und mit Reiter. Nun muss man wissen, dass beide Pferde vom gleichen Hengst abstammten. Beide Ritter hatten ihre Rösser nämlich dem gleichen Züchter geraubt, nur bei unterschiedlichen Überfällen. Wilhelms Pferd hieß Herkules und Merowings Pferd hieß Achilles. Da die Gäule also eng verwandt waren, und Niklas sich oft mit seinem Freund Bartholomäus unterhalten hatte, kannte jeder Knappe das Streitross des fremden Ritters recht gut, das der Freund pflegen musste. So wusste Niklas auch, dass Achilles, ähnlich wie Herkules, eine besondere Vorliebe für Trockenpflaumen hatte. Dieses Wissen ebenso wie der Umstand, dass er solche Leckerbissen für das Pferd seines Herrn immer bei sich trug, kam ihm nun sehr zustatten. Ritter Merowing war nämlich zu dem am Boden liegenden Ritter Wilhelm galoppiert, um die Streitigkeiten mit einem Schwerthieb endgültig zu seinen Gunsten zu entscheiden. Wegen der peinlichen Erfahrungen mit dem gegnerischen Knappen aber sprang er diesmal nicht aus dem Sattel. Wer konnte wissen, was der Zwerg sich wieder einfallen lassen würde? Nein, er gedachte den alles entscheidenden Hieb aus dem Sattel heraus zu führen. Dafür jedoch musste er sich ziemlich weit von seinem hohen Ross herunterbeugen. In diesem Augenblick hielt Niklas dem Schlachtross des Feindes 22


eine Trockenpflaume vor die Nüstern. Ruckartig strebte Achilles dem Leckerbissen entgegen – leider in eine für seinen Reiter ungünstige Richtung. Jeder, der in der Reitkunst erfahren oder auch nur mit den Gesetzen der Physik vertraut ist, ahnt, was nun geschah. Merowing ließ sein Schwert fallen und klammerte sich verzweifelt am Sattelzeug fest. Nun aber ritt Niklas los und ließ Trockenpflaume auf Trockenpflaume fallen, sodass Achilles ihm folgte, als wäre er sein Herr. Zwangsläufig entfernte sich damit auch Ritter Merowing von dem darniederliegenden Ritter Wilhelm. Der hatte nun Zeit, sich aufzuraffen und sein eignes Pferd zu besteigen. Freundlicherweise half ihm der fremde Knappe dabei, da es selbst dem stärksten Ritter kaum möglich war, in voller Rüstung ohne Hilfe in den Sattel eines großen Pferdes zu kommen. Als Niklas seine letzte Trockenpflaume verstreut hatte, bekam Ritter Merowing endlich Gelegenheit, sich wieder in den Sattel zu ziehen. Bis er oben war, war der fremde Knappe auf seinem Pony längst davongestoben. Als Ritter Wilhelm und sein Knappe Niklas über die Zugbrücke in die Burg Krähenstein trabten, sprach der Kleinere: „Wie du es wünschtest habe ich genau hingesehen, um von dir zu lernen, wie man Kämpfe gewinnt.“ Der Ritter schimpfte – leise allerdings, weil es ihm immer noch an Atemluft fehlte: „Dummkopf! Du hättest besser weggucken sollen, damit mal ein guter Ritter aus dir wird!“ 23


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