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Robert Elmer

Abschied von Jerusalem Zion für Teens – Band 4


Über den Autor: Robert Elmer lebt in der Nähe von Seattle im amerikanischen Bundesstaat Washington. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

ISBN 978-3-86827-049-5 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2001 by Robert Elmer Originally published under the title Brother Enemy by Bethany House Publishers, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA German edition © 2008/2003 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH with permission of Bethany House Publishers, USA Deutsch von Lotte Bormuth Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH / Christian Heinritz Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de


Inhaltsverzeichnis

1. Das letzte Gebet ................................................ 9 2. Der heimliche Jude ......................................... 17 3. Die letzte Hoffnung ........................................ 23 4. Eine überraschende Begegnung ...................... 32 5. Gefahr im Verzug ............................................ 38 6. Weltuntergang ................................................. 47 7. Mitten in einem Trümmerfeld ........................ 56 8. Shlomos Gabe .................................................. 66 9. Der Spion ........................................................ 76 10. Kriegsberichterstatter .................................... 86 11. Die Schlacht um Kolonia .............................. 95 12. Ein neuer Radiosprecher ............................. 103 13. Haifa ade! .................................................... 112 14. Niemals aufgeben! ....................................... 121 15. Der fremde Bruder ...................................... 126 16. Im Untergrund ............................................ 136 17. Vorstoß in die Altstadt ................................ 150 18. Brüder ......................................................... 158


1. Das letzte Gebet Jerusalem 7. April 1948 Ich darf nicht weinen. Nicht hier und auch nicht jetzt. Dov Zalinski schloss krampfhaft die Augen und lehnte sich an die kalte, feuchte Mauer, die neben dem heiligsten Ort in der Welt errichtet war. Heilig war er wenigstens für die Juden, die ihn aufsuchten. Jetzt wusste er, dass er der einzige Jude in der ganzen Gegend war, bestimmt der einzige Jude, der in der schmalen Gasse stand und zu den gewaltigen Steinblöcken der Mauern aufschaute, die König Herodes hatte erbauen lassen. Es schauderte ihn, wenn er daran dachte, was wohl passieren könnte, wenn man ihn hier entdeckte. Für sein Volk war es der Kotel Hamaaravi, die Westmauer. Es waren die letzten großen Steinblöcke, die noch vom Tempel des Herodes übrig geblieben waren und die in einer drei- oder vierstöckigen Mauer standen, nachdem alles andere von den Römern zerstört worden war. Es war die Klagemauer. Bevor Dov einige Monate zuvor auf dem Flüchtlingsschiff nach Erez Israel gekommen war, hatte er sich gewundert, warum die Leute sie so nannten. Aber jetzt begriff er die Bedeutung des Namens, weil ihm selbst nach Weinen zumute war. Die Klagemauer bedeutete mehr als die Tränen alter jüdischer Frauen, die hierher gekommen waren, um ihre Stirn an die kalten Steine zu drücken und an vergangene Zeiten zu denken. Die Männer in ihren schwarzen Hüten und Mänteln kauerten einst auf 9


der linken Seite, die Frauen auf der rechten Seite. Dov wusste jetzt, warum so viele Menschen hierher gekommen waren. Doch das war vor – „Hü! Hü!“ Ein alter Mann mit zahnlosem Mund und in schwarzem Mantel ritt auf seinem Esel durch die Straße, ohne sich darum zu kümmern, ob ihm jemand im Weg stand. Dov sprang zur Seite und versuchte, schnell im arabischen Viertel zu verschwinden. Ja, diese Mauer war einmal der Ort gewesen, wo sein Volk gebetet hatte. Aber all das hatte sich vor vier Monaten geändert, nachdem die Vereinten Nationen dafür gestimmt hatten, Israel in einen jüdischen und einen arabischen Teil zu trennen. Seitdem hatte kein Jude gewagt, in den arabischen Teil der Altstadt Jerusalem zu gehen. Warum bin ich eigentlich hier? Dov starrte ängstlich auf eine Reihe kleiner arabischer Häuser, die unmittelbar an die Mauer gebaut waren. Niemand schien ihn zu bemerken. Er sah aus wie jeder andere Araberjunge. Wenigstens hoffte er das. Mit Holzkohle hatte er sich die Backen etwas dunkel eingerieben. Es war Herrn Bin Jazzis Idee gewesen. So war er durch die belebten, engen Straßen von Herrn Bin Jazzis Laden bis hierher gekommen. Einen Augenblick lang durchfuhr ihn der Gedanke, dass er ja gar nicht hierher gehöre. Aber hier war doch sein Platz. Er rief sich in Erinnerung, dass dies einmal ein jüdischer Ort gewesen war. Er hantierte an dem geheimen Stück Papier herum, das ihn bis zu dieser Mauer geführt hatte, und wartete auf seine Chance. Hier wollte er nicht weinen, jetzt nicht. Nicht für sein Volk. Nicht für seine Stadt. 10


Nicht für seine Familie. Später würde er sich dafür Zeit nehmen, wenn er an einem sichereren Ort wäre. Er hatte sich schon mit der Tatsache abgefunden, dass seine Eltern anscheinend beide tot waren und sein Bruder Nathan als vermisst galt. Doch jetzt kam er sich wie ein Spion vor, der vor einer unmöglichen Aufgabe stand. Er wusste nur, dass er der Einzige war, der nach Nathan suchte. Er musste ihn einfach finden. Das war für ihn im Augenblick das Allerwichtigste. Ein paar Tauben saßen hoch über ihm auf einem Fenstersims und ließen ihre gurrenden Rufe ertönen. Und als der Ostwind hinter ihm ein paar Regentropfen gegen die Mauer wehte, kam es Dov so vor, als würden die Steine leise weinen. Er wusste jetzt, warum man diese Mauer Klagemauer nannte. Aber er musste jetzt so tun, als wüsste er dies nicht. Er trat einen Schritt näher heran, beugte sich nach vorn und tat so, als binde er sich den Schuh. Die Mauer war jetzt keine 20 Zentimeter von seinem Kopf entfernt. Würde man ihn entdecken? Eine Araberfrau spritzte mit einem Strohbesen schmutziges Wasser in seine Richtung, als sie die Treppe säuberte. Doch Dov nahm keine Notiz von ihr und schob sich immer dichter an die Mauer heran, wobei ihn zwei Gebete begleiteten: das eine hatte er auf den Lippen, das andere stand auf einem zusammengefalteten Stück Papier geschrieben. Schnell schob er es in eine Ritze zwischen zwei großen Steinen. Geschafft! Dov atmete tief durch, als er sich wieder aufrichtete. Vielleicht war er der einzige Jude am Kotel, aber er würde nicht der letzte Jude sein. Da war er sich sicher. Würde sich Gott darum kümmern? 11


Liegt dir etwas daran, lieber Gott? Dov flüsterte diese Frage ins Ungewisse hinein. Doch dann rannte er los, bevor irgendjemand sehen konnte, was er getan hatte, und stieß fast mit einer Gruppe Araberjungen zusammen. *** Emily Parkinson kannte ihren Vater gut genug, um zu wissen, dass er vor Wut explodieren würde. Sie und ihre Mutter hatten das in den vergangenen Monaten bei ihm oft genug erlebt. „Genau davon habe ich gesprochen!“ Major Alan Parkinson donnerte seine Faust auf den wunderbar geschnitzten Tisch aus Walnussholz, den die Familie von England mitgebracht hatte. „Ständig bringen sie im Radio diesen Unsinn. Damit schaffen sie nur noch mehr Unruhe und wiegeln die Leute auf!“ „Ach, mein Lieber.“ Frau Parkinson versuchte, die Hand ihres Mannes zu fassen und ihn zu beruhigen. Aber er sprang auf und ging im Wohnzimmer hin und her. „Das sind doch nur hebräische Radiomeldungen!“ „Nur Radiomeldungen?“, sagst du. Mit hochrotem Kopf stand der Major da und schaute aus, als wollte er sich seine schon recht gelichteten Haare noch völlig ausreißen. „Sie haben ja nur ein paar Waffen in ihren Zuckerfässern versteckt, sagst du. Natürlich können wir die Radiosendungen unterbinden. Doch dann hält man uns für Nazis.“ „Alan!“ „Nein. Eines kann ich dir versprechen, Violet, ich werde die radikale jüdische Haganah ausrotten, noch bevor ich dieses Land verlasse. Ich werde ihren geheimen Sender ausfindig machen, und wenn ich es aus ihnen herausprügeln müsste.“ 12


Emily wusste, dass es keinen Sinn hatte, ihrem Vater ins Wort zu fallen. „Weil diese radikalen Leute unbelehrbar sind, werden sie noch lernen müssen, dass englische Staatsbürger auf Recht und Ordnung bedacht sind. Sag mir, ist das so unvernünftig?“ Papa hatte ein Machtwort gesprochen. Emily legte ihre Gabel hin und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. Ihre große Dänische Dogge Julian ließ ihren Kopf auf den Vorderpfoten ruhen und wartete darauf, dass man sie streichelte. „Vielleicht entschuldigt ihr mich einen Augenblick“, sagte sie leise. „Aber es gibt noch etwas!“ Ihr Vater schien sie gar nicht gehört zu haben. „Deine Mutter sagt mir, dass du Julian immer allein ausführen willst.“ Er schlug seine Arme über seiner brauen Uniform zusammen und wartete auf eine Antwort. „Ja, gelegentlich einmal“, räumte sie ein. Er strich sich über das Kinn und sah sie dabei an. Allmählich schien er seine Fassung wiederzugewinnen. Irgendwo da innen drin war er doch noch ihr Papa. Das wusste Emily. Aber dieser Zug seines Wesens war in den letzten Monaten nicht mehr so recht zur Geltung gekommen, seit die Vereinten Nationen am 29. November durch ihre Entscheidung zur Teilung Israels die Araber und die Juden gegeneinander aufbrachten. Emily hätte ihren Vater gerne so gehabt, wie er früher einmal war, wenn er mit ihr scherzte und lachte, wenn er mit ihr und Mutter an herrlichen Sonntagnachmittagen die Ben Jehuda Straße hinabspazierte. Was war bloß aus ihrem Papa geworden? „Es tut mir leid, mein Prinzesschen.“ Major Parkinson strich ihr sanft über die Wange. „Deine Mutter und ich sind besorgt um dich. Du weißt, wie Jerusalem früher einmal war.“ 13


Das wusste Emily nur zu gut. Sie rieb sich die dunklen Ringe unter ihren Augen. An das knatternde Geräusch von nächtlichen Schießereien konnte sie sich nicht gewöhnen, auch wenn es aus größerer Entfernung herüberklang. Vor kurzem hatte sie etwas vernommen, das sich wie ein Raketenabschuss anhörte. Dann wieder erfolgte das Rattern von Maschinengewehren. Aber das war nun einmal ihre Stadt. Und niemand sollte sie ihr wegnehmen. „Ich kenne das alles, lieber Papa; aber Julian beschützt mich.“ Zum ersten Mal flog über sein Gesicht wieder ein Lächeln. Doch es war schnell vorüber. „Keine einsamen Spaziergänge mehr! Wenn du irgendwohin gehst, muss Shlomo dich begleiten. Hast du das verstanden?“ „Aber Papa!“ Major Parkinsons Stimme nahm einen militärischen Klang an. „Das ist ein Befehl. Shlomo wird dich zur neuen Hauslehrerin begleiten, zu Fräulein ...“ „Pettibone. Fräulein Pettibone.“ „Richtig. Er wird dich dorthin zu jedem Termin mit dem Auto bringen. Alles andere musst du mit deiner Mutter oder mit mir abklären. So und nicht anders, sonst darfst du das Haus überhaupt nicht mehr verlassen. Ist das klar?“ Emily schluckte und nickte. Wenigstens hatten ihre Eltern sie nicht zu diesem fürchterlichen Internat in England geschickt. Doch wenn sie sich auch alle Mühe gaben, die Familie zusammenzuhalten, wussten sie doch nicht, wann ihre Zeit in Jerusalem abgelaufen war. „Alan“, begann Emilys Mutter, „sollten wir ihr nicht davon berichten ...“ „Alles zu seiner Zeit.“ Major Parkinson hob be14


schwichtigend die Hand. „Darüber können wir später reden.“ Emily schaute von einem zum anderen, um irgendetwas herauszubekommen, aber die Lippen ihres Vater blieben verschlossen. Und damit war dieses Thema erledigt. Sie hätte gerne gewusst, worüber man sie informieren sollte. Major Parkinson eilte zur Tür. „Und jetzt müsst ihr mich entschuldigen, ich habe einige Leute meiner Abteilung zu mir gebeten. Wir müssen noch etwas besprechen.“ Emilys Mutter schaute ihn fragend an. „Nichts Gravierendes, meine Liebe. Es ist nur eine kurze Einsatzbesprechung.“ Nichts Gravierendes? Das erklärte nicht, warum die Leute an einem Mittwochnachmittag hierher kamen und nicht in sein Büro. Deshalb wartete Emily in den nächsten 20 Minuten ungeduldig, ob sie noch etwas in Erfahrung bringen konnte. „Ich werde ihnen das bringen“, sagte sie zu ihrer Mutter in der Küche. Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm sie ein Tablett, auf dem drei Tassen, eine Kanne mit heißem Earl Grey Tee, der Milchtopf und eine kleine Zuckerschale standen. Die drei Besucher beobachteten sie kaum, als sie eintrat. „Ich würde vorschlagen, wir werden das Nest mitten in der Nacht ausheben“, sagte der Jüngste der drei Männer. Emily kannte ihn vom Büro ihres Vaters. Es war Sergeant Mac Donald. Das Nest ausheben? Emily gefiel diese Redewendung nicht. „Nun, eines wissen wir.“ Ihr Vater erwartete, dass sie ihm aufmerksam zuhörten, als Emily schweigend das Tablett hinter ihm abstellte. „Wenn wir nicht offiziell den Radiosender der Haganah ausfindig 15


machen und ihn zum Schweigen bringen, werden die Araber ihn sicher bald in die Luft sprengen. Der Sender hat schon, so weit wir wissen, drei Drohungen erhalten.“ „Vielleicht noch weitere, von denen wir nichts wissen.“ Der Sergeant nickte. „Wenn die Araber so weiter machen, verschärft sich die Lage.“ Major Parkinsons Stimme klang fest und klar. Sein Entschluss stand fest. „Das dürfen wir nicht zulassen.“ Emily räusperte sich höflich. „Mama meint, die Herren würden gern eine Tasse Tee trinken.“ Sie schauten alle auf, als sähen sie Emily zum ersten Mal. „Ich sehe, die Wände haben Ohren“, sagte der Dritte von ihnen, den Emily nicht kannte. Er erhob sich nicht und lächelte auch nicht, sondern blieb hinter seinen Schriftstücken sitzen. „Was meinten Sie?“ Es gefiel Emily nicht, dass er so tat, als wäre sie Luft für ihn. „Oh, ist schon in Ordnung, Emily.“ Ihr Vater lächelte kurz und nickte ihr zu. „Sag Mutter vielen Dank.“ Emily stand noch einen Augenblick da. Sie hätte gern erfahren, worüber die Männer noch verhandelten. Aber es wäre unhöflich gewesen, wenn sie noch länger im Zimmer geblieben wäre. Sie drehte sich um und wandte sich zur Tür, als ihr Vater fortfuhr. „Ich denke, wir werden die Sache nächste Woche in Angriff nehmen. Jetzt müssen wir nur noch ...“

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2. Der heimliche Jude

„Wer bist du?“, rief der Größte aus der Schar der Jungen. Das war der typische Gruß der Banden von jungen Arabern, die die engen Straßen der Altstadt von Jerusalem durchstreiften. Sie passten auf, dass in ihrer Gegend die Straßen und Alleen frei von Juden waren. Der Junge war kaum älter als Dov, vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, aber mit seinen drei Freunden fühlte er sich stark. „Lieber den Mund halten und sich dumm stellen, als den Mund aufreißen und alle seine Weisheit preisgeben“, hatte Herr Bin Jazzi ihm einmal gesagt. „Ist das ein Ausspruch von Mohammed?“, hatte Dov den Ladenbesitzer gefragt. Herr Bin Jazzi hatte nur gelächelt und Dov wusste Bescheid. Sein Meister und Freund war Christ, er glaubte an Isa al-Masih, wie die gläubigen Araber den Messias nannten. Aber auch Isa al-Masih hatte diesen Ausspruch nicht von sich gegeben. „Er stammt von Mark Twain, einem amerikanischen Schriftsteller“, hatte Herr Bin Jazzi ihn belehrt. Dov ging jede Wette ein, dass keiner dieser Straßenjungen jemals etwas über Mark Twain gehört hatte. Und von ihm würden sie auch nichts erfahren. Statt dessen spielte er ihnen vor, er sei stumm. Er zeigte auf seinen offenen Mund und schüttelte mit dem Kopf. Das sollte bedeuten: „Ich kann nicht sprechen.“ Jedenfalls wollte er diesen Versuch starten. „Was ist los mit dir?“, fragte der Junge, den Dov für den Anführer hielt. In den vergangenen Mona17


ten hatte er einige arabische Ausdrücke gelernt, da Herr Bin Jazzi beharrlich jeden Tag mit ihm geübt hatte. Er verstand mehr, als er sagen und auch lesen konnte. Aber er wollte kein einziges arabisches Wort über die Lippen bringen. Denn jedes einzelne Wort hätte sofort erkennen lassen, wer er wirklich war. Wenn sie wissen, dass ich Jude und kein Araber bin, werden sie mich für einen Spion halten. „Er kann nicht sprechen, Gamal“, sagte einer der anderen Jungen. „Er ist eben stumm. Gehen wir.“ „Nein. Er hat einen Mund und auch eine Zunge. Er kann reden.“ Gamal betrachtete Dov mit großer Neugier, als ob er herausfinden wollte, was sich hinter Dovs angeschwärztem Gesicht verbarg. Zwei Jungen hatten sich so hingestellt, dass sie ihn an die Wand drückten. Eins seiner Beine verdeckte dabei den kleinen Gebetszettel. Er blieb in der Steinritze verborgen, wo man früher Hunderte von Zetteln hineingeschoben hatte. „Oder hat ihm jemand die Zunge herausgeschnitten?“, fuhr der Bandenführer fort. Dov zitterte, als er an das dachte, was Gamal gesagt hat. Auch wenn er nicht alle Worte verstehen konnte, wusste er doch, was gemeint war und in welchem Ton es gesprochen wurde. Es klang bedrohlich. Die Bande würde ihn erst laufen lassen, wenn sie ihr Spiel mit ihm getrieben hätten. „Komm her“, sagte Gamal. „Reiß deinen Schnabel auf!“ Aber Dov wollte weder vor Gamal noch vor jemand anderem den Mund aufmachen. Das hatte er das letzte Mal im Krieg gemacht. Ein deutscher Arzt im Konzentrationslager hatte ihn mit einem Holzstab fast zum Ersticken gebracht. Nie wieder sollte ihm das passieren. 18


„Der ist ja ganz stur.“ Der Anführer trat näher an ihn heran. Seine Augen funkelten feurig. Dov ballte die Fäuste und machte sich für alles, was jetzt noch kam, bereit. „Los, Gamal!“ Der Junge, der links neben Dov stand, wandte sich an den Anführer. „Vergiss es!“ Aber Gamal schob sie zur Seite und sagte noch ein paar Worte, aber so schnell, dass Dov sie nicht verstehen konnte. Es war etwas mit einer Zunge. Vielleicht wollte er sehen, ob Dov überhaupt eine hatte. Dov wusste, dass er jetzt das Weite suchen müsste. Deshalb drehte er sich nach rechts mit dem Ellbogen zuerst. Er hatte den dritten Jungen nicht in den Bauch treffen wollen, aber – „Au!“, schrie der Junge auf und hielt sich den Bauch. Er stolperte zur Seite, aber ein anderer trat an seine Stelle. Wenn es jetzt zu einer Rauferei käme, standen die Chancen für die Bande immer noch drei zu eins. „He, du!“ Gamal stürzte auf ihn los. In dem Gerangel, was jetzt folgte, versuchte Dov verzweifelt, die Oberhand zu behalten. Aber diese Bande hatte wohl schon viele Straßenkämpfe überstanden. Einer griff Dovs linken Arm und drehte ihn herum. Gamal nahm sich den rechten vor. „Halt still, mein Freund“, befahl er. Dov wollte sich ihnen mit aller Kraft entziehen, aber es gelang ihm nicht. Sein Hemdsärmel zerriss, und sie stießen ihn gegen die Mauer. Sein Kopf schlug zurück und knallte gegen den Stein. Wäre der Aufprall härter gewesen, dann wäre sein Kopf wohl wie eine Wassermelone auf dem arabischen Markt aufgeplatzt. In diesem Augenblick veränderte sich Gamals Gesichtsausdruck. 19


„Hier, schaut euch das einmal an!“ Ohne hinzuschauen wusste Dov, was sie entdeckt hatten. Er konnte sich anstrengen, so sehr er wollte, aber es gelang ihm nicht, sich von ihnen zu befreien. „Ein Jude. Seht hier die Nummer auf seinem Arm.“ Diesmal dachte Dov, sein Ende sei gekommen. Eine Menge hatte sich schnell um ihn versammelt. Die meisten waren Straßenjungen wie Gamal und seine Bande. Dazu kamen noch ein paar ältere Männer. An den Ecken standen einige Frauen und schwätzten miteinander. Sie alle wollten den unglücklichen Juden sehen, der zur falschen Zeit in die falsche Gegend gekommen war. Jetzt würden sie ihm ein Ende bereiten, denn er war für sie wie ein rotes Tuch. Dov hatte gehört, was der Pöbel in letzter Zeit schon alles angerichtet hatte. „Was ist das für ein Kerl, Gamal?“, rief jemand. „Ist das ein Jude, der hier beten will?“ Einer spuckte ihm ins Gesicht. Dov war jetzt froh, dass ein Nieselregen vom Himmel fiel. Gott selbst würde ihm damit die Tränen abwischen. Die Herumstehenden machten abfällige Bemerkungen und verspotteten ihn. Aber Herr Bin Jazzi hatte ihn keine arabischen Flüche gelehrt, und so war Dov froh, dass er die meisten Wörter nicht verstehen konnte. Als der Lärm der Menge lauter wurde, fing Dov an zu beten. Seltsamerweise verspürte er keine Schmerzen. Er war nur maßlos enttäuscht. „Herr, dies kann nicht mein Ende sein“, betete er. „Ich habe noch ein Ziel vor Augen. Ich muss Nathan finden.“ Er hatte diese weite Reise aus den Todeslagern der Nazis und aus den Trümmern Polens auf sich genommen. Sollte sein Vorhaben jetzt so sinnlos enden? Wollte ihn Gott nicht den glücklichen Ausgang seines Auftrags erleben lassen? 20


Dov hätte damit gerechnet, dass man auf ihn einschlüge, ihm Rippenstöße versetzte oder ihn mit Ohrfeigen traktierte, aber er hätte nicht erwartet, dass ihm plötzlich schmutziges Wasser ins Gesicht geschüttet würde. Seltsamerweise bekamen sie alle dieses Wasser ab. „He!“, rief Gamal. Die Bande ließ Dovs Arme los, schüttelte das Nass ab und machte sich aus dem Staub. Dov erkannte, dass für ihn keine zweite Chance kommen würde. Er duckte sich, fiel auf die Knie, als die Menge sich umdrehte und über den plötzlichen Wasserangriff verärgert war. Er schaute auf und sah eine Frau, die ihre Treppe schrubbte. Sie kam auf ihn zugerannt und schwang einen Besen in der Hand. Dabei rief sie: „Verfluchte Bande, euch werde ich es schon zeigen!“ Aber wen meinte sie damit? Etwa ihn auch? Dov schlich sich vorsichtig durch den Schlamm und durch die Menge und suchte nach einem Ausweg aus seinem Dilemma. Eigentlich hätten ihn die Leute sehen müssen. Aber sie hatten genug mit sich selbst und mit dem Schmutzwasser zu tun. Eine wild gewordene Frau kämpfte mit einem Besen gegen eine ganze Straßenbande. Für einige Leute war dies ein reines Spektakel. Sie lachten darüber. „Bitte lasst mich durch“, bat Dov. Sobald es ihm möglich war, richtete er sich auf und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Er wankte etwas, drehte sich noch einmal um und rannte, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, davon. Nur fort von hier, egal in welche Richtung. Als er um eine Straßenecke gebogen war, hörte er das Gekreische der Menge kaum noch. Einen Augenblick lang lehnte er sich an eine Wand. Sein Atem ging schwer. Er stellte sich die Frage: Werden auf 21


diese Weise meine Gebete erhört? Vielleicht war dies der Anfang einer Gebetserhörung. Er wollte jetzt Gott nicht noch einmal an den Zettel in der Klagemauer erinnern. Jedenfalls vorläufig nicht. Für Dov war es noch ungewohnt, zu dem Allmächtigen zu beten. Er wollte ihm nicht in den Ohren liegen. Das hatte er sich vorgenommen. Wieder hörte er die Rufe der Menge. Und Dov meinte auch, dass einige ihn verfolgten. Wohin sollte er sich jetzt wenden? Wenn er nach links abbog, kam er zum Laden von Herrn Bin Jazzi, wo er sich sicher fühlen konnte. Dieser Ort war ihm zu einer Art Heimat geworden, seit er in der Altstadt angekommen war. Doch er schüttelte den Kopf. Das wollte er jetzt nicht. Er hatte sich ja schon von ihm verabschiedet. Schließlich bot ihm der Laden auch keine Sicherheit mehr, seitdem es so viele Banden gab. Nirgends gab es im arabischen Viertel einen sicheren Ort für ihn. Und auch Herr Bin Jazzi befand sich in Lebensgefahr, wenn er noch einmal einem jüdischen Jungen Zuflucht gewährte. So fasste er seinen Entschluss. Er musste sich darauf verlassen, dass sein Gebet Erhörung finden würde. Dov wartete, bis alle Leute aus seinem Gesichtskreis verschwunden waren. Dann begab er sich wieder auf die Straße hinaus. Wenn er sich weiter auf der Hauptstraße hielte, würde er zum Damaskustor kommen und könnte so die Altstadt verlassen. Das müsste sein Ausweg sein. Er beugte den Kopf etwas nach vorne und rannte los.

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