Brian McLaren
Hรถchste Zeit, umzudenken! Jesus, globale Krisen und die Revolution der Hoffnung
Über den Autor: Dr. Brian McLaren ist ein international bekannter Redner und Buchautor. Das Time Magazine zählt den Pastor zu den 25 einflussreichsten Evangelikalen der USA. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86827-045-7 Alle Rechte vorbehalten Originally published in English under the title: Everything Must Change by Brian D. McLaren Copyright © 2007 by Brian D. McLaren Published by Thomas Nelson, Inc. German edition © 2008 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Dorothee Dziewas Umschlagbild: ImagePoint.biz Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ...................................................................................... 7 1. Es gibt Hoffnung .................................................................... 10 Teil 1: Zwei brennende Fragen ................................................... 17 2. Der amahoro, der zwischen uns fließt ......................................... 18 3. Höchste Zeit, umzudenken ....................................................... 24 4. Nicht das, was Jesus wollte ...................................................... 30 5. Bleibende Zweifel .................................................................... 36 Teil 2: Ein selbstmörderisches System ........................................ 43 6. Auf Sparflamme ...................................................................... 44 7. Drei ineinandergreifende Systeme ............................................... 52 8. Das könnte uns nie passieren .................................................... 58 9. Die Geschichten, die wir uns erzählen ......................................... 62 Teil 3: Jesus neu entdecken ...................................................... 69 10. Ironie pur! ........................................................................... 70 11. Ein neuer Deckel für das Puzzle ............................................... 79 12. Keine Schrott-DNA ................................................................. 85 13. Vollgas oder Vollbremsung ...................................................... 92 14. So schien es jedenfalls............................................................ 99 Teil 4: Ein neues Bild von Jesus ............................................... 105 15. Frieden durch Unterwerfung .................................................. 106 16. Besatzungsmacht, Gerechtigkeitsgefälle, Traumfabrik ................ 113 17. Es könnte ganz anders sein ................................................... 118 18. Der Jesus der Liebe .............................................................. 124 Teil 5: Das Sicherheitssystem .................................................. 129 19. Eine Friedensrevolution zum Mitmachen .................................. 130 20. Immer mehr Schichten ......................................................... 137 21. Mitglied bei den „Anonymen Kriegern“.................................... 142
Teil 6: Das Wohlstandssystem .................................................. 149 22. Kapitalismus als Gott ........................................................... 150 23. Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Generationen ................ 158 24. Schnelles Glück durch Schuhwerk und Fast Food ....................... 162 25. Zusammenarbeit zum Wohl aller ............................................. 170 Teil 7: Das Gerechtigkeitssystem .............................................. 177 26. Auf der Seite des Rebellen Jesus ............................................ 178 27. Jenseits von Schuld und Schande ........................................... 185 28. Eine neue Art der Fragestellung ............................................. 195 29. Organisierte Religion oder Religion, die das Wohl aller organisiert? .. 202 Teil 8: Eine Revolution der Hoffnung ........................................ 211 30. Das Radikalste, was wir tun können ........................................ 212 31. Ein aufbrechender Prozess ..................................................... 218 32. Die Aufdeckung des versteckten Lehrplans ............................... 225 33. Berge versetzen .................................................................. 234
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Vorwort In Deutschland und der westlichen Welt vollzieht sich schleichend ein in seinen Auswirkungen kaum abzuschätzender gesellschaftlicher Umbruch, nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern ebenso in der Politik und schließlich auch in den Gemeinden. Mit ihm verbunden ist eine tiefgreifende Verunsicherung. Während in den letzten Jahrzehnten der westliche Kapitalismus und die damit zusammenhängende Globalisierung weitgehend gefeiert wurden, merken jetzt immer mehr Menschen, dass es dafür einen hohen Preis zu zahlen gilt: Die Mittelschicht schwindet dahin, eine neue Unterschicht entsteht, der Wohlstand ist in Gefahr. Entsprechend entstehen überall Bewegungen, die sich mit den daraus entstandenen Fragen beschäftigen, und es wird vielerorts der Ruf nach sozialem Engagement und mehr Gerechtigkeit lauter. Das Risiko zu leben wird größer und das von der Arbeitswelt bis hinein in das Familienleben. Die Auswirkungen der fortschreitenden Globalisierung sind nicht mehr aufzuhalten. Anthony Giddens, Direktor der London School of Economics und einer der führenden Soziologen der Gegenwart, zeigt in seiner berühmten Rede „Entfesselnde Welt – Wie die Globalisierung unser Leben verändert“ auf eindrucksvolle Art, dass sich niemand dieser Veränderung und den daraus resultierenden Konsequenzen entziehen kann. So kommt er zu dem Schluss: „Die Globalisierung ist für unser Leben alles andere als nebensächlich. Sie bedeutet nichts Geringeres als die Umwälzung unserer Lebensverhältnisse. Sie bestimmt unsere Lebensweise“ (Giddens, 2001). Viele Christen stehen diesen Umwälzungen ratlos gegenüber und fragen sich, ob die großen gesellschaftlichen Entwicklungen in geistlicher Hinsicht überhaupt von Bedeutung sind. Dabei haben wir gerade in Deutschland eine lange Tradition einer Theologie, die sich um die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen unseres Lebens Gedanken macht und sich deshalb immer wieder in die aktuelle Debatte einmischt. Hierzu gehören nicht nur die großen Namen der Vergangenheit wie Martin Luther, Johann Hinrich Wichern, August Hermann Francke oder Dietrich Bonhoeffer, die für eine enge Verbindung von Glaube und sozialem Engagement eintraten, sondern auch von manchen kaum wahrgenommene Aufbrüche in den letzten Jahren. Zu nennen wäre hier etwa die Micha-Initiative, die sich für weltweite soziale Gerechtigkeit einsetzt und von der Deutschen Evangelischen Allianz unterstützt wird. Trotzdem bleibt das Thema umstritten. Das aus dem „Kalten Krieg“ übernommene Freund-Feind-Schema, wonach unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem gut und christlich ist und jede Kritik an ihm als sozialistisch und damit atheistisch wahrgenommen wird, ist vielerorts noch nicht überwunden. Ja, manche treten sogar so vehement dafür ein, dass Christen sich nur um das Seelenheil ihrer Mitbürger sorgen sollten, dass sich jüngst Prof. Thomas Schirrmacher zu einer Stellungnahme mit einem bezeichnenden Titel herausgefordert sah: „Das biblische Mandat die Welt zu retten – innerlich wie äußer-
8 lich – ganz privat und ganz global. Ein Wort an meine evangelikalen Freunde, die den Einsatz gegen Aids und gegen soziale Nöte aller Art kritisieren“ (Evangelikale Missiologie 1/08). Vor dem Hintergrund der Umbrüche, in denen wir uns befinden, ist auch das vorliegende Buch zu lesen und zu verstehen. Sein Autor, Brian McLaren, beschäftigt sich in ihm mit der Frage, wie alles miteinander zusammenhängt – Wirtschaft, Politik und Gewalt – und welche Antworten Christen und ihre Gemeinden vom Evangelium her auf die drängenden Fragen unserer Zeit geben können. McLaren schreibt dabei auf dem Hintergrund seiner weltweiten Kontakte und Gespräche. Er ist also im wahrsten Sinne des Wortes kein Theoretiker, sondern ein Praktiker, der vieles in der Bibel auf eine verblüffende Weise wörtlich nimmt und seine Leser so herausfordert. Manche seiner Auslegungen werden Kritikern daher nicht gefallen, einiges erscheint polemisch oder pauschal. In vielen Bereichen merkt man dem Buch das Ringen an, in dem der Autor selbst steht. In gewisser Weise handelt es sich also um ein unfertiges Werk, keine nüchterne Abhandlung über ein akademisches Thema, sondern eine Kampfschrift, die eher aufrütteln als argumentieren soll. Gerade deswegen halten wir dieses Buch für eines der inspirierendsten Werke, die in den letzten Jahren geschrieben wurden. „Inspirierend“ ist dabei ein mit Bedacht gewählter Begriff: Zum einen liefert das Buch tatsächlich viele Anstöße, die zum eigenen Nachdenken herausfordern und anregen. Zum anderen haben wir beim Lesen immer wieder den Eindruck gehabt, dass der Geist Gottes in gewisser Weise hinter diesem Werk steht. In aller Unvollkommenheit und Fehlbarkeit spricht McLaren Themen an, mit denen wir uns nicht nur aus politischen Gründen beschäftigen sollten, sondern uns um Gottes Willen beschäftigen müssen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die Botschaft Jesu eine Welt voller Umweltzerstörung, Gewalt und Not verändern kann. McLarens Schwerpunkt liegt im Bereich der Analyse. Vereinfachend, aber auch sehr überzeugend, bringt er die verschiedenen Problemfelder der Welt miteinander in Verbindung und entwirft dabei das Bild einer „Selbstmordmaschine“. Hinter ihr steht der Mythos einer im Prinzip unbegrenzten Welt, in der nicht nur die Ressourcen scheinbar nie zur Neige gehen, sondern auch die Entsorgung des Abfalls kein Problem ist. Dass das nicht mehr als ein Mythos ist, der von der Realität steigender Rohstoffpreise und anwachsender Müllberge längst widerlegt ist, spielt keine Rolle, denn wir handeln immer noch, als sei der Mythos die Wirklichkeit. McLarens Verdienst ist es, diesen Mythos mit anderen in Verbindung zu setzen: Weil die Welt nicht unbegrenzt ist, kann man in ihr auch nicht unbegrenzt reich werden. Der Überfluss der einen steht daher in Zusammenhang mit der Armut der anderen. Erhalten wird die Ungerechtigkeit durch ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem, das große Teile der Weltbevölkerung von der Teilhabe am Wohlstand ausschließt. All diese Erkenntnisse sind nicht neu und für manche typisch „sozialistisch“ oder „politisch links“. Das mag sein, ist aber noch kein Gegenargument. Denn
9 McLaren betrachtet diese Problembereiche nicht nur im Zusammenhang zueinander, sondern stellt auch unangenehme Fragen: Wie hat Jesus auf die schon in seiner Zeit sichtbaren Erscheinungsweisen solcher Systeme reagiert? Hat er seinen Anhängern „nur“ den Himmel versprochen und damit die Erde praktisch aufgegeben, oder hat er ihnen Hinweise gegeben, wie sie die Welt verändern können? Wie andere vor ihm versucht auch McLaren die Kluft zwischen den Anhängern eines Evangeliums, in dem es vorrangig um „Erlösung“ im Sinne von Sündenvergebung und ewigem Heil geht, und denen, die sich um soziale Belange kümmern, zu überwinden. Theologisch steht er damit denen nahe, die das Neue Testament vor allem aus seiner Zeit heraus verstehen wollen und dabei die „reformatorische Brille“ beiseite legen. Dogmatisch kann man also darüber streiten, ob dieser Weg „evangelisch“ ist und damit McLaren im eigentlichen Sinne „evangelikal“ – ein Streit, der in den USA, dem Heimatland des Autors, wesentlich heftiger tobt als bei uns. Doch auch wenn man zwischen den Seiten dieses Buches immer wieder eine Ahnung von den dahinterstehenden Konflikten bekommt, ist es dennoch nicht „amerikanisch“. Es atmet zwar die amerikanische Kultur, in seinem Zentrum steht jedoch nicht Amerika, sondern die globale Entwicklung, die im Zentrum Europas genauso wichtig und spürbar ist wie in der gesamten westlichen Welt. Durch seine Vision einer vom Evangelium geprägten Gegenbewegung ist das vorliegende Werk also in erster Linie ein theologisches Buch, auch wenn sein Autor kein Theologe ist. McLaren legt denn auch keine fertige Theologie, geschweige denn eine Dogmatik vor, sondern gibt Denkanstöße, wie Christsein und Gemeinde in der Spannung des Reiches Gottes zwischen dem „Jetzt“ und dem „Noch nicht“ gelebt werden kann. Das Reich Gottes ist angebrochen, und wir sind mitten drin. Und doch wissen gerade wir Christen, dass das Beste noch kommt. Bis dahin sind wir aber aufgefordert, das Evangelium in Wort und Tat zu verkünden, sei es im persönlichen oder im strukturellen Kontext. Insofern bleibt zu hoffen, dass dieses Buch nicht nur ein Beitrag, sondern der Anfang einer breiten Diskussion ist, die dazu führt, das Thema der Nachfolge Jesu auch für die Bereiche unseres Lebens neu zu durchdenken, die bisher von der Dogmatik eher wenig beleuchtet worden sind. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Dr. Wolfgang Huber, betont, dass es im Zuge der Globalisierung der Märkte auch eine Globalisierung der Verantwortung und der Solidarität geben muss, die sich auch in einer öffentlichen Diskussion des Themas zeigt (Chrismon, 7/2008). Wir freuen uns darüber, dass dieses Buch dazu beitragen kann. Tobias Faix & Thomas Weißenborn, im Sommer 2008
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1. Es gibt Hoffnung Wenn es Ihnen so geht wie meiner Frau und einigen Freunden, sind Sie vielleicht ein wenig skeptisch und misstrauisch, nachdem Sie nur den Titel und Untertitel dieses Buches gelesen haben. Sie vermuten, dass die Aussage „Höchste Zeit, umzudenken!“ eine Übertreibung ist. Egal wie Sie auf die Erwähnung von „Jesus“ und „Revolution der Hoffnung“ reagiert haben, der Begriff „globale Krisen“ wird Sie vermutlich völlig deprimieren und überwältigen. Sie haben festgestellt, dass Leute, die über globale Krisen sprechen, nicht gerade Partytypen sind. Stattdessen erzielen sie hohe Wertungen in den Kategorien langweilig, humorlos und vorwurfsvoll. Wenn wir etwas erreichen wollen, dann muss ich Sie von mindestens vier Dingen überzeugen – und zwar schnell. Erstens davon, dass ich nicht noch einer von diesen Schwätzern bin, die sich darüber auslassen, wie schlecht die Welt ist und wie schuldig Sie sich fühlen sollten, weil Sie ein Stück davon in Beschlag nehmen. Zweitens davon, dass ich Ihnen helfen kann, einige hochkomplexe Dinge zu verstehen und sie nicht nur verständlich, sondern vielleicht sogar interessant und faszinierend darzustellen. Drittens davon, dass Sie, wenn Sie mit diesem Buch fertig sind, die Welt und Ihren Platz darin nicht nur besser verstehen, sondern außerdem wissen, wie Sie sie verändern können. Und viertens muss ich Sie davon überzeugen, dass diese verändernde Wirkung keine lästige Pflicht ist, die einem ohnehin schon überladenen Menschen aufgebürdet wird, sondern dass die Aufgabe, die Welt zu verändern, regelrecht Spaß machen kann. Vielleicht fragen Sie sich auch, wer ich überhaupt bin und warum ich über Themen wie Jesus, globale Krisen und Hoffnung schreibe. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, Politiker oder irgendwie gearteter Experte. Aber ich bin ein normaler Mensch wie Sie. Ich mache mir Gedanken und möchte das Richtige tun. Mein Arbeitsleben begann ich als Englischlehrer und arbeitete danach vierundzwanzig Jahre lang als Pastor. In dieser Zeit, Mitte der Neunzigerjahre, begann ich Bücher zu schreiben. Ich gehöre einigen Vorständen nicht kommerzieller Gruppierungen an und bin häufig als Referent und Multiplikator unterwegs. Auf der persönlicheren Ebene bin ich ein ziemlich normaler Kerl. Ich mache mir Sorgen um meine fast erwachsenen Kinder und die Kinder, die sie eines Tages selbst haben werden. Ich mache mir Gedanken über meine Freunde, Nachbarn und Mitbürger und unsere gemeinsame Zukunft auf diesem wunderschönen, aber auch gefährdeten Planeten. Ich denke über die Milliarden von Menschen nach, denen ich nie begegnet bin und denen ich nie begegnen werde. Darunter sind auch all die Menschen, die man als Feinde meines Landes bezeichnen könnte. Ich mache mir außerdem Sorgen um unsere Mitgeschöpfe – braune Forellen und Kanadareiher, Waschbären und Gopherschildkröten, rote
11 Libellen und Königspalmen, Goldkugelkakteen und Waldfarne. Es gibt viele Gründe, warum ich mir über sie Gedanken mache, vor allem aber tue ich es als überzeugter Christ. Menschen, die das zu sein behaupten, müssen sich meiner Ansicht nach einfach Gedanken darüber machen. Als ein Mensch, der Gott auf dem Weg Jesu nachfolgt, war ich in den letzten zehn Jahren an einem sehr interessanten und vergnüglichen Gespräch beteiligt. Dieses Gespräch befasst sich mit dem Thema, was es bedeutet, „eine neue Art Christ“ zu sein – kein zorniger und reaktionärer Fundamentalist, kein spießiger Traditionalist, kein eingebildeter Namenschrist, kein seichter Liberaler, kein angesagter Esoteriker, kein religiöser Imperialist auf Kreuzzug und kein übermäßig enthusiastischer, bibelschwingender Fanatiker. Eine neue Art Christ zu sein zeigt sich vielmehr darin, frisch, authentisch, herausfordernd und abenteuerlustig zu sein. Überall auf der Welt sind unzählige Menschen in dieses Gespräch eingestiegen, und es werden jeden Tag mehr. (Ein Grund, warum wir es ein Gespräch nennen, ist, dass wir bisher noch keinen prägnanten Ausdruck dafür gefunden haben.) Viele von denen, die in unser Gespräch verwickelt sind, hegen den Verdacht, dass der religiöse Status quo auf wackeligen Beinen steht, und sie wünschen sich, ihren Glauben in einen Lebensstil zu verwandeln, der die Welt nachhaltig verändert. Sie glauben wie ich, dass die Versionen des Christentums, die wir geerbt haben, weitD IE V ERSIONEN DES C HRISTEN gehend verflacht, verwässert und gezähmt sind. TUMS , DIE WIR GEERBT HABEN , Sie bieten uns nach dem Tod eine Fahrkarte in SIND WEITGEHEND VERFLACHT , den Himmel, aber sie fordern uns nicht heraus, VERWÄSSERT UND GEZÄHMT . die Probleme anzupacken, die unser Leben auf der Erde bedrohen. Gemeinsam sind wir auf der Suche nach einem neuen Verständnis dessen, wozu das Christentum gut ist, was eine Kirche sein und tun kann, und vor allem entdecken wir, dass vieles von dem, was wir am dringendsten benötigen, schon in einer Truhe auf unserem Dachboden steht. Und das ist eine gute Nachricht. Dies ist also ein religiöses Buch, aber in einer weltlichen, unkonventionellen und ganz und gar positiven Art geschrieben, die manche nichtreligiösen Menschen wahrscheinlich als „spirituell, aber nicht religiös“ bezeichnen würden.
U NKONVENTIONELLE F RAGEN Ich habe immer schon etwas schräger gedacht als die meisten anderen Menschen, insbesondere, was Religion betrifft. Häufig war ich nicht nur mit konventionellen Antworten unzufrieden, sondern, was noch schlimmer ist, mir waren auch die konventionellen Fragen nicht genug. In meiner Zeit als Pastor wurde ich immer wieder nach meiner Meinung zu schwierigen Themen wie Evolution, Abtreibung und Homosexualität gefragt. Mein Problem bestand darin, dass ich nach intensiver Diskussion dieser The-
12 men einfach weitere Fragen stellen musste: Warum gibt es in christlichen Kreisen eine einheitliche Meinung zum Schutz des ungeborenen Lebens, aber keine dazu, wie man armen Menschen helfen oder das Töten von sogenannten Feinden verhindern kann? Warum machen wir uns so viele Gedanken über die Rechtmäßigkeit gleichgeschlechtlicher Ehen, aber nicht über die Rechtmäßigkeit der Nutzung fossiler Brennstoffe oder der Aufrüstung von Massenvernichtungswaffen? Oder warum streiten sich so viele gläubige Menschen über den Ursprung der Arten, während so wenige sich Sorgen um deren Aussterben machen? Und drängt sich an dieser Stelle nicht förmlich die Frage auf, ob wir religiösen Menschen uns lediglich ein paar heiße Eisen herausgesucht haben, und welche anderen Fragen wir vollkommen außer Acht lassen? Wenn wir „eine neue Art Christ“ sein wollen, steht am Anfang das Entdecken oder Wiederentdecken der eigentlichen Botschaft Jesu. Immer mehr Menschen wird klar, was unsere besten Theologen schon seit geraumer Zeit sagen: Bei der Botschaft Jesu geht es nicht darum, dieser gebeutelten Welt zu entfliehen und uns zu den glückseligen Ufern des Himmels aufzumachen. Es geht vielmehr darum, dass Gottes Wille hier auf der gebeutelten Erde ebenso geschieht wie im Himmel. Deshalb beginnen Menschen, die „eine neue Art Christ“ sein wollen, unweigerlich, sich mehr und mehr Gedanken über diese Welt zu machen. Sie wollen ihre wichtigsten Probleme besser verstehen, und sie sehnen sich danach herauszufinden, wie sie daran beteiligt sein können, dass Gottes Träume hier unten wahr werden. Schließlich ist das der Grund, warum ich dieses Buch schreiben wollte. Denn als ich begann, mir über diese Dinge Gedanken zu machen, wusste ich nicht wirklich, wie und wo ich anfangen sollte. Zuerst las ich Bücher, informierte mich auf Internetseiten und sprach mit Leuten, die sich auskennen. Bald spürte ich, wie meine Naivität wich, und mir wurde die überwältigende Komplexität dieser Probleme bewusst. Ich suchte nach einer Möglichkeit, diese Komplexität greifbar zu machen und hielt deshalb nach einem Gesamtzusammenhang oder einer passenden Metapher Ausschau. Und als der größere Zusammenhang Gestalt anzunehmen begann, hatte ich das Gefühl, etwas entdeckt zu haben, von dem auch andere profitieren konnten.
D EN H EBEL
ANSETZEN
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EINE BESSERE
R AHMENGESCHICHTE
Um den Krisen, die uns umgeben, vorläufig einen Sinn zuzuweisen, stelle ich kurz einige Metaphern und Wortbilder vor, mit denen wir uns später noch eingehender beschäftigen. Beispielsweise ist da das Bild von einem Sturm globaler Krisen, der sich wie ein unentdeckter Hurrikan draußen über dem Meer zusammenbraut und vorausgehende Regenfronten ans Ufer treibt. Die Regenfronten sind selbst noch nicht das Problem, sondern lediglich Vorzeichen des eigentlichen Problems, das sich uns nähert. Oder man könnte eine Krankheits-
13 metapher benutzen, bei welcher unsere globalen Krisen mit verschiedenen Symptomen einer einzigen, wenn auch noch nicht diagnostizierten Immunschwächekrankheit verglichen werden. Oder das Bild von einer versteckt suchtkranken Gesellschaft. Besonders beeindruckend finde ich das Bild von einer Selbstmordmaschine, welche die wichtigsten Mechanismen unserer Zivilisation benutzt – unsere ökonomischen, politischen und militärischen Systeme – und sie so neu programmiert, dass sie diejenigen, denen sie eigentlich dienen sollten, zerstören. Es ist kein Zufall, dass das Bild einer Maschine, die sich gegen ihren Schöpfer wendet, in Filmen wie Matrix oder I, Robot in der letzten Zeit sehr beliebt ist. Welche Bilder ich auch benutze – einen unerkannten Sturm, eine noch nicht diagnostizierte Krankheit, eine nicht eingestandene Sucht oder eine Maschine, die zerstörerisch geworden ist –, ich gehe davon aus, dass unsere Fülle an globalen Krisen auf vier grundlegende Störungen zurückzuführen ist. Die vierte Störung ist dabei der Dreh- und Angelpunkt oder der Hebelansatzpunkt, durch den sich die ersten drei umkehren lassen: 1. Der ökologische Zusammenbruch wird herbeigeführt von unserer unhaltbaren Weltwirtschaft, die die ökologischen Grenzen außer Acht lässt, während es ihr gelingt, großen Reichtum für etwa ein Drittel der Weltbevölkerung zu erwirtschaften. Somit ist die erste Störung die Wohlstandskrise. 2. Das wachsende Gefälle zwischen den Ultrareichen und den extrem Armen führt dazu, dass die arme Mehrheit die reiche Minderheit beneidet, sie ablehnt und sie sogar hasst – was wiederum Angst und Wut auf Seiten der Reichen auslöst. Hierin zeigt sich Störung Nummer zwei, die Gerechtigkeitskrise. 3. Die Gefahr eines verhängnisvollen Krieges wächst, ausgehend von dem wachsenden Groll und der Angst in den verschiedenen Gruppierungen am jeweiligen Ende des ökonomischen Spektrums. Die dritte Störung ist folglich die Sicherheitskrise. 4. Die Weltreligionen haben versäumt, den Menschen die Rahmengeschichte zu verdeutlichen, die in der Lage ist, die drei vorherigen Krisen zu heilen oder zu lindern. Folglich sehen wir hier die spirituelle Krise.
Mit Rahmengeschichte meine ich eine Geschichte, die Orientierung, Werte, Vision und Inspiration bietet, die als Bezugssystem herangezogen werden kann. Sie verrät uns, wer wir sind, woher wir kommen, wo wir sind, was geschieht, wie die Dinge sich entwickeln und was wir tun sollten. Auf der Suche nach einer besseren Rahmengeschichte als der, die wir derzeit
14 verkünden, ist es sinnvoll, dass wir Christen unseren Religionsgründer und seine Botschaft neu entdecken. Diese Neuentdeckung hat das Potenzial zur Revolution und könnte für uns und für die Welt, L ASSEN S IE UNS NEU ENTDE in der wir leben, alles verändern. Lassen Sie uns CKEN , WAS ES BEDEUTET , J ESUS neu entdecken, was es bedeutet, Jesus Retter und R ETTER UND H ERR ZU NENNEN . Herr zu nennen. Wovor genau wollte er uns eigentW OVOR GENAU WOLLTE ER UNS lich retten? Vor seinem zornigen Vater? Vor den EIGENTLICH RETTEN ? Folgen unseres Handelns? Vor unserer Neigung, so zu handeln, dass es unerwünschte, wenn auch logische Konsequenzen hat? Vor der globalen Selbstzerstörung? Der beliebte und gezähmte Jesus ist kaum mehr als eine chromglänzende Kühlerfigur auf den Riesenschlitten der westlichen Zivilisation. Es ist höchste Zeit, den radikaleren, rettenden und, wie ich glaube, wahren Jesus neu zu entdecken.
D IE H OFFNUNG ,
DIE ALLES VERÄNDERN KANN
Während ich an diesem Buch arbeitete – während ich also versuchte, die wichtigsten Probleme unserer Welt zu verstehen und sie in Bezug zum Leben und zur Botschaft Jesu zu setzen –, wurde mir wie nie zuvor die eine einfache, greifbare, aber trotzdem erstaunlich wirkungsvolle Antwort bewusst, die Jesus fordert. Diese Antwort kann den Beginn einer Revolution der Hoffnung unter uns entzünden, einer Hoffnung, die alles ändern könnte. Diese Hoffnung kann in Ihnen entstehen, während Sie lesen, ohne dass Sie es überhaupt bemerken. Wenn sie in genügend Menschen geweckt wird, können wir die globalen Krisen, die uns bedrohen, anpacken und überwinden und die Saat für eine bessere Zukunft säen. Ich verbrachte die letzten Jahre damit, dieses Buch zu schreiben und zu überarbeiten. Es bringt Gedankengänge zu einem Ende, die mich mehrere Jahrzehnte begleiteten. Dieses Buch hat an verschiedenen Orten der ganzen Welt Gestalt angenommen, insgesamt in mehr als zwanzig Ländern: Fidschi, Australien, Neuseeland, Südafrika, Kanada, England, Wales, Irland, Schweiz, Norwegen, Dänemark, Schweden, Mexiko, Honduras, El Salvador, Guatemala, Costa Rica, Chile, Argentinien, Malaysia, Kenia, Uganda und den Vereinigten Staaten. Es wurde in Slums, in Flughäfen und Zügen, in Hotels, in Privatwohnungen, in Universitätsschlafsälen, an Orten großer Naturschönheit sowie an Orten großer menschlicher Hässlichkeit geschrieben, und teilweise (zum Glück) in meinem eigenen Zuhause in Maryland, in der Gesellschaft meiner Frau Grace. Es wurde unter dem musikalischen Einfluss von Bob Dylan, Bruce Cockburn, Afro Celt Sound System, der Putumayo Mali Collection, U2, Harp 46, Carrie Newcomer, David Wilcox, Eva Cassidy, Mozart, Vivaldi, Bach und Keith Jarrett geschrieben. Diese vielen Einflüsse sowie die andauernden Kriege in
15 Afghanistan und im Irak, die Invasion im Libanon, die immer schlimmer werdenden Bedingungen in Darfur und das langsame, traurige Verbrennen des Kongo … all diese Eindrücke haben dieses Buch in unterschiedlicher Weise geprägt, gewürzt und es damit zum bislang „weltlichsten“ meiner Bücher gemacht. Das Buch ist eine erste Begegnung mit einer neuen Art, die Welt zu sehen und die Botschaft Jesu zu hören. Viele Dinge habe ich bewusst abgeschwächt, um nicht zu hart zu klingen; man hätte sie in viel drastischerer Weise ausdrücken können. Aber eine solche – leidenschaftlichere – Sprache hätte den eher unwissenden Leser abgeschreckt, so wie das Understatement vielleicht wissende Leser verscheucht. Sicherlich hätte ich außerdem detaillierter forschen können. Nachdem ich das Buch fertiggeschrieben habe, würde ich mir wünschen, dass Sie es lesen – langsam und nachdenklich, wie ich hoffe, und, wenn möglich, zusammen mit einigen Freunden – und noch mehr als das wünsche ich mir, dass wir uns an die Arbeit machen. Es gibt viel zu demontieren, viel umzustürzen, viel wiederaufzubauen, viel zu planen und zu erschaffen, und es gibt viele Samen, die gesät werden wollen und wachsen müssen.
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Z UM N ACHDENKEN 1. Was regt Sie am meisten an oder auf, jetzt, wo Sie am Beginn dieses Buches stehen? Was verwirrt Sie oder macht Sie neugierig? Worüber wollen Sie mehr lernen? Welche Gefühle hat dieses Kapitel in Ihnen ausgelöst? 2. Welchen Eindruck haben Sie vom Autor? Gewinnt er Ihr Vertrauen oder spüren Sie etwas von der Skepsis, die er am Anfang dieses Kapitels erwähnt hat? 3. Wie reagieren Sie auf die Zusammenfassung der globalen Krisen in diesem Kapitel – ökologischer Zusammenbruch (die Wohlstandskrise), das wachsende Gefälle zwischen Reich und Arm (die Gerechtigkeitskrise), die Gefahr eines verhängnisvollen Krieges (die Sicherheitskrise) und das Versäumnis der Weltreligionen, die ersten drei Krisen in Angriff zu nehmen (die spirituelle Krise)? Denken Sie an Ereignisse, die Sie in der letzten Zeit in den Nachrichten verfolgt haben. Lassen sie sich in diese vier Kategorien einordnen? 4. Dieses Kapitel spricht das Thema Hoffnung an. Haben Sie Hoffnung hinsichtlich der globalen Krisen?