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Kristen Heitzmann

Das Schweigen der Nacht


Über die Autorin: Kristen Heitzmanns Liebe zum Geschichtenerzählen erwachte im Grundschulalter und führte sie über das Studium der Englischen Literatur in den Beruf der Schriftstellerin. Sie lebt mit Mann und vier Kindern am Fuß der Rocky Mountains.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86827-021-1 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2003 by Kristen Heitzmann Originally published in English under the title The Still of Night by Bethany House Publishers, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA German edition © 2008 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Deutsch von Dorothee Dziewas Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Coverfoto: © Thinkstock/Corbis Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de


Prolog Ihre Beine zitterten noch unter den Laken, ihre glatte Haut war verschwitzt und gefleckt. Doch der Schraubstock hielt sie nicht länger in seinen Klemmen, der brennende Schmerz und die hektischen Atemstöße gehörten der Vergangenheit an. Ihre Arme würden diesen Augenblick nie vergessen, in dem sie das warme Bündel umschlungen hielten, das ihnen aus ihrem Innern übergeben worden war. So zerbrechlich, so winzig, und doch … zäh. Und bald nicht mehr ihr Eigen. Sie ließ keine Auseinandersetzung zu; der Schmerz war Strafe genug. Eine Stimme neben ihr sagte jetzt: „Je länger Sie warten, desto schwieriger wird es. Sie brauchen diese Augenblicke.“ Sie brauchte diese Augenblicke. Die anderen würden ein Leben lang Zeit haben. „Sie wollen keine Bindung herstellen.“ Sie wusste das, aber sie konnte sich einfach nicht dazu überwinden, die Arme auszustrecken und loszulassen … „Darf ich?“ Helfende Hände. „Nein.“ Sie umklammerte das Bündel noch einen letzten Augenblick, bevor sie es von sich aus hochhob. Hergegeben, nicht beschlagnahmt … oder vernichtet. Wenigstens das blieb ihr.

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1 In dem gepolsterten Raum, der von der Morgensonne durchflutet wurde, beobachtete Jill, wie Sammis Euphorie zum vierten Mal innerhalb einer knappen Stunde in Tränen der Wut umschlug. Die Medikation des Kindes war offensichtlich aus dem Gleichgewicht geraten, was zu dieser exzessiven Zurschaustellung unangemessenen Verhaltens führte. Es würde schwierig genug werden, sie bis zum Schulschluss stabil zu halten. Daran, sie in eine normale Klasse zu schicken, war gar nicht zu denken. Dort würde sie nur übersteuern und sich selbst schädigen. Mit einem schnellen, geübten Griff hob Jill Sammi vom Boden auf, bevor ihre strampelnden Füße die anderen Schüler in dem Sprachlabor für Kinder mit besonderen Bedürfnissen treten konnten. Während Sammi mit den Armen wild um sich schlug, begann Jill lautlos zu beten: Herr, bitte beruhige Sammi. Schließ sie in deine liebenden Arme. Zeig ihr, dass du ihr bei ihrem Kampf zur Seite stehst. Mit ihrer Diagnose – schwere geistige Behinderung und Störung der Emotionen – hatte Sammi, wie die meisten Kinder in Jills Obhut, durchaus die Fähigkeit, etwas zu lernen und zu erreichen, aber ihre emotionale Instabilität machte die Bemühungen allzu oft zunichte. Wie konnte man die Aufmerksamkeit eines solchen Verstandes auf Klänge und Formen lenken, wenn alle Synapsen verrückt spielten? Genauso gut könnte man von einem Atomreaktor eine Sinfonie erwarten. Jill versuchte nicht zu hinterfragen, warum Gott Sammi mit einer bipolaren Störung geschaffen hatte oder warum Joey in seiner eigenen Welt lebte, bis etwas ihn daraus aufschreckte. „Zu laut!“ Joey presste sich die Hände auf die Ohren, kurz davor, gewaltsam aus seiner Welt auszubrechen. Jill konnte über Sammis Geheul hinweg hören, wie er mit den Zähnen knirschte. Sie drückte Sammis Gesicht an ihre Brust und behielt ihre Arme fest im Griff. Manchmal schien es ihr, als beruhigte sich das Kind umso schneller, je fester sie es hielt. Sie würde auch

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den Polizeigriff anwenden, wenn es nötig war, obwohl sie das nur ungern tat, insbesondere weil so etwas in der Akte des Kindes vermerkt wurde. Hatte ihr Vater die Medikamente heute denn völlig vergessen? Er hatte sie noch immer nicht zurückgerufen – wie üblich. Bitte, Herr, tröste sie. Wenn Joey auch noch ausrastete, würde sie Hilfe holen müssen. Sie konnte nicht beide gleichzeitig in Schach halten. Sie warf einen Blick zu Pam hinüber, die von ihrer Gruppe aufsah, bereit zu kommen, wenn sie gebraucht wurde. Nachdem sie die Situation rasch abgewägt und für entschärft befunden hatte, nickte Jill Pam beruhigend zu, sodass diese sich wieder auf ihre eigene Gruppe konzentrierte. Es war eine Frage der Einschätzung, aber sie würde im Zweifelsfall zu Sammis Gunsten entscheiden. Oft befanden sie sich im Blindflug, reagierten auf jeden Tag, auf jedes Kind spontan – personell unterbesetzt, finanziell unter Druck, aber trotzdem dazu angehalten, Kindern mit besonderen Bedürfnissen eine angemessene, kostenlose staatliche Bildung in einer möglichst freien Umgebung zu bieten. Kindern, deren Einschränkungen ihnen niemals die Erfolgserlebnisse ermöglichen würden, die Jill ihnen so sehr wünschte. Aber sie zog das Programm durch, so gut sie konnte. „Jesus hat dich lieb“, murmelte sie so leise, dass Sammi ihre Worte nicht hören konnte. Trotzdem schienen sie zu helfen. Das Heulen verebbte zu einem Schluchzen, das Joeys Rezeptoren nicht ganz so sehr störte. Er wiegte sich hin und her, vermied Blickkontakt und zupfte an der Haut zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger. Sie würde wieder wund werden, wenn es Jill nicht gelang, ihn abzulenken. Aber zuerst war Sammi an der Reihe. Wenn Jill doch nur all die Dinge unter Kontrolle hätte, die solche Attacken auslösten. In einer optimalen Umgebung hätte sie ihnen sogar das Lesen beibringen können. Unter den gegenwärtigen Bedingungen war sie schon dankbar, wenn sie es schaffte, das für Sammi festgelegte Ziel zu erreichen, nämlich einen stabilen sozialen Kontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten, und Joeys mangelnde Aufnahmebereitschaft zu überwinden. Herr, du hältst das ganze Universum im Gleichgewicht. Hilf mir, die Bedürfnisse dieser Kinder im Gleichgewicht zu halten. Während Sammi

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sich beruhigte, beobachtete Jill, wie auch die aufbrausenden Kräfte in Joey sich langsam wieder legten. Sie sah zu den anderen beiden Schülern hinüber. Bei Angelica war eine schwere Intelligenzminderung diagnostiziert worden. Ihre geistigen Fähigkeiten waren zu gering, um ihr Verlangen zu lernen zu befriedigen. Von ihrer Persönlichkeit her sehr zielstrebig, gab sie dennoch nicht auf, und Jill sehnte sich von ganzem Herzen danach, dass sie Erfolg hatte. Vor allem, weil es bei den klügeren, intelligenteren Kindern schon eine Herausforderung war, sie auch nur dazu zu bringen, sich Mühe zu geben. An manchen Tagen war Angelica wirklich ihre Rettung. Ihr Name passte zu ihr. Und dann war da noch Chris. Jill hatte den Verdacht, dass sein Zustand eher auf Schlafmangel als auf mangelnde Intelligenz zurückzuführen war. Die häuslichen Auseinandersetzungen, die seinen Familienalltag prägten, waren zu jeder Tages- und Nachtzeit im ganzen Wohnblock zu hören, und seine sture, halb komatöse Weigerung, etwas zu tun, hing teilweise auch damit zusammen. Selbst während Sammis Tobsuchtsanfall hatte er benommen gewirkt. „Hört mal alle her, ich will euch eine Geschichte vorlesen.“ Angelicas große braune Augen richteten sich sofort auf sie. Sie liebte Geschichten und zog nun die Beine unter ihren rosafarbenen Rock, der zu den vielen rosa Haarspangen passte, die ihre winzigen drahtigen schwarzen Zöpfe zierten. Sammis Schluchzen beruhigte sich zu einem tiefen, stoßartigen Atmen. Jill sprach in einem festen, beruhigenden Tonfall. „Möchtest du die Geschichte hören, Joey?“ Er wiegte sich weiter vor und zurück, wurde aber etwas langsamer, als sie sagte: „Sie handelt von einer Rakete. Und von einem Affen.“ Weil sie spürte, dass das Mädchen sich beruhigt hatte, wagte Jill es, ihren Griff um Sammi zu lockern. Das Mädchen war groß für seine acht Jahre, eine Wachstumsstörung vielleicht, die mit dem chemischen Ungleichgewicht in ihrem Körper zusammenhing. Sammi starrte Chris an, der die Energie aufgebracht hatte, sie aufzuregen, indem er sich über ihre Leseversuche lustig gemacht hatte. Sie kletterte von Jills Schoß und trat Chris vors Knie. „Aua!“ Chris trat zurück, und Sammi stürzte sich auf ihn. Als Jill einschritt, zog der Junge ein Angelmesser aus der Tasche. Jill streckte

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die Hand nach dem Messer aus, packte seinen Arm und fixierte ihn. Chris, der kaum die nötige Energie aufbrachte, seinen Namen zu schreiben, kämpfte, bis sie den rauflustigen Neunjährigen fest im Griff hatte. Jills Herz klopfte ihr bis zum Hals. Das hier war keine Schule in einem sozialen Brennpunkt, in der Kinder mit Messern aufeinander losgingen; dies war eine ländliche, kleinstädtische Gegend – weshalb es wohl ein Angelmesser war und kein Schnappmesser. Binnen weniger Augenblicke hatte Pam sich Sammi gegriffen, und sie trennten die Kinder voneinander, die immer noch traten und schrien. „Zu laut!“ Joey hielt sich wieder die Ohren zu. Jill konnte sich jetzt nicht darum kümmern. Sie wand das Messer aus Chris’ Hand. „Woher hast du das?“ „Es gehört mir.“ „Jetzt nicht mehr.“ Mit dem Messer in der einen Hand und dem Kind an der anderen ging Jill zum Büro des Direktors. Schulleiter Fogarty einen solchen Vorfall zu melden, war nicht schön, aber sie hatte keine andere Wahl. Ihre Kinder waren selten bewaffnet, aber ausnahmslos unberechenbar. Das war nun einmal so in ihrem Job, aber Ed Fogarty schien störende Zwischenfälle ihr immer persönlich anzulasten. Trotzdem blieb ihr nichts anderes übrig. Schulpolitik ließ ihr in einer solchen Situation keinen Spielraum. Nachdem die akute Stresssituation überwunden war, spürte sie, wie Chris’ Anspannung unter ihrem Griff nachließ. Warum hatte er ein Messer dabei? Zum Schutz? Sie sah ihn stirnrunzelnd an. „Du müsstest doch eigentlich wissen, dass du kein Messer mit in die Schule bringen darfst, Chris.“ Er hatte wieder seinen starren Blick. Man würde ihn automatisch nach Hause schicken. Vielleicht konnte sie aufgrund seines speziellen Schulprogramms verhindern, dass er von der Schule verwiesen wurde, aber so oder so würde sie ihn wahrscheinlich erst im nächsten Schuljahr wiedersehen. Enttäuschung und das Gefühl, versagt zu haben, drohten ihre Entschlossenheit ins Wanken zu bringen. Aber es gab jetzt keine andere Möglichkeit. Sie hoffte nur, dass es Pam gelang, Joey davon abzuhalten, sich selbst zu schädigen. Pam war eine gute Lehrerin, aber die Kinder reagierten auf ihre ruppige Art nicht immer so gut.

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Als sie sich dem Büro des Direktors näherten, zögerte Chris. Jill blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Es tut mir leid, Chris. Du hast wirklich eine schlechte Entscheidung getroffen. Du hast nicht nur etwas Gefährliches mit in die Schule gebracht, du hast es auch noch als Waffe benutzt.“ „Er schmeißt mich raus.“ Jill nickte. „Für eine Weile jedenfalls. Du hättest wissen können, dass das passiert.“ Der Junge senkte den Blick. „Dann muss ich zu Hause bleiben.“ Jill hörte die Angst hinter seinen ausdruckslos hervorgebrachten Worten. „Ja, das musst du. Es sei denn, deine Eltern überlegen sich etwas anderes.“ Er antwortete nicht, aber seine Augenlider flatterten. „Ist es ein Problem, wenn du zu Hause bleiben musst, Chris? Gibt es etwas, das ich wissen müsste?“ Sie hatte das ganze Jahr über nach Anzeichen für eine Misshandlung gesucht und ihm Gelegenheiten zum Reden gegeben, aber er hatte sie nie genutzt. Jetzt stand er nur da und schüttelte nicht einmal den Kopf. Sie berührte sachte seine Schulter. „Wir müssen reingehen.“ Sie öffnete die Tür und schob ihn ins Büro. Mr Fogarty verhielt sich genau so, wie sie es erwartet hatte – wie ein Elefant im Porzellanladen. Wenigstens ließ er seinen Unmut an ihr aus, und als Chris’ Mutter schließlich eintraf, war er diplomatisch und zeigte eine freundliche Fassade. Die Frau blickte genauso unbeteiligt drein wie Chris, sagte kaum etwas zu Fogartys Erklärung und zerrte Chris dann am Arm aus dem Büro. Jill seufzte. Immerhin hatte sie erreicht, dass Chris im nächsten Jahr noch eine Chance bekam. Nach diesem Tag hatte sie sich einen Karamellcappuccino verdient. Er würde ihr nicht den Appetit fürs Abendessen verderben, sondern nur etwas Energie zurückgeben. Normalerweise vermied sie Koffein, aber Dan holte sie in weniger als einer Stunde ab, und er hatte angedeutet, dass er besondere Pläne für den heutigen Abend hatte. Seine Empfehlung, dass sie sich schick machen sollte, war besonders verräterisch, denn sie verbrachten die meiste Zeit zusammen in Jogginghosen und Laufschuhen. Heute Abend wollte sie auf keinen Fall aussehen wie durch den Kanal gezogen. Sie war gerade beim Make-up angekommen, als das Telefon klingelte. „Hallo?“

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„Jill, hier ist Dan. Hast du etwas dagegen, wenn wir uns direkt bei Marcelli’s treffen?“ Marcelli’s? Sie lächelte. Und es gab noch nicht einmal einen bedeutsamen Anlass. „Bist du spät dran?“ Sie verrieb die Feuchtigkeitscreme auf ihrem Hals. „Wir haben einen Notruf. Ich weiß noch nicht, wie lange es dauern wird. Könnte was Ernstes sein.“ Im Hintergrund hörte sie Funkgeräusche. „Dann will ich dich nicht länger aufhalten, Dan. Ich halte den Tisch frei, bis du kommst.“ Sie konnte sich wohl kaum darüber aufregen, dass er seine Arbeit tat, wo er doch für Sicherheit und Anstand in Beauview sorgte. Das Erste, was sie nach anderthalb Stunden italienischen Mineralwassers zu Dan sagte, als er an ihrem Tisch erschien, war: „Ich muss mal.“ „Tut mir leid, Jill.“ Er hatte sich offenbar in aller Eile umgezogen. Seine Krawatte hing schief, und die eine Seite seines Kragens war umgeknickt. „Ist schon gut.“ Aber sie hatte die letzten anderthalb Stunden damit verbracht, sich um Chris zu sorgen. Vielleicht war seine Unaufmerksamkeit eine Verteidigungshaltung. Vielleicht … sie schüttelte den Kopf. Es war Zeit, dass sie die Sache ruhen ließ und den Abend mit Dan genoss. Sie hatten erst einmal bei Marcelli’s gegessen, und das war an ihrem Geburtstag gewesen. Als sie zum Tisch zurückkam, hatte Dan seine Krawatte zurechtgerückt. Sein stämmiger Hals wollte den Kragen sprengen. Nicht alle Männer sahen im Anzug besser aus. Aber sie wusste den Einsatz zu schätzen. Sie setzte sich. „Also, hier ist mein Tag in der Kurzfassung. Chris wurde suspendiert, weil er im Klassenzimmer eine Waffe gezückt und eingesetzt hat. Sammi hat anscheinend ihre Medikamente nicht bekommen und war folglich völlig durch den Wind, und Joey hatte einen echten Rückfall in Sachen Toilettenbenutzung, wahrscheinlich wegen der Streitigkeiten zwischen den beiden anderen. Mr Fogarty hat angedeutet, dass ich mit den mir zugeteilten Kindern nicht fertig werde und dass ich mich, entgegen der üblichen Politik des Hauses, für den Job als Koordinatorin im nächsten Jahr neu bewerben muss. Er wird mich dann neben den anderen Kandidaten

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in Erwägung ziehen, darunter eine neu eingestellte Kollegin, die ich noch nicht einmal kenne.“ Dan runzelte angemessen die Stirn, als er das hörte. Sie hatte sich zwar um einen amüsierten Tonfall bemüht, aber die ganze Angelegenheit zehrte doch an ihren Nerven. Sie gab ihr Bestes für ihre Kinder, kämpfte für sie, litt mit ihnen. Und an Tagen wie diesem fragte sie sich, warum sie das alles tat. Sie schloss die Augen und seufzte. „Ich dachte, ich werde das lieber gleich zu Anfang los.“ Dan lachte leise. „Dagegen klingt die Verfolgungsjagd, die ich mir mit einem jugendlichen Dieb geliefert habe, regelrecht langweilig.“ „War das der Notruf?“ Er nickte. „Und der Junge war schnell. Sonst wäre ich nicht so spät hier gewesen.“ „Dann hast du sicherlich ordentlichen Appetit, oder?“ Dan zog die Augenbrauen hoch. „Hast du Hunger?“ Sie schob die Speisekarte beiseite, die sie Wort für Wort gelesen hatte, inklusive der Sonderkonditionen für Gruppen ab acht Personen und der Auflistung der vom Restaurant akzeptierten Kreditkarten. „Ich habe mir zu viele Sorgen um Chris gemacht, um etwas zu Mittag zu essen. Seit dem Morgengrauen hatte ich nichts außer einem Cappuccino und Mineralwasser.“ „Mir war doch so, als hätte ich Koffein gewittert. Du musst das Zeug entweder regelmäßig trinken oder es ganz meiden.“ „Es wirkt besser, wenn ich es nur gelegentlich zu mir nehme. Die Schockwirkung ist dann größer.“ Die Bedienung kam näher und ließ sie ihren Unmut darüber spüren, dass sie den Tisch besetzt hielten, ohne dass bislang etwas dabei herausgekommen war. „Darf ich Ihre Bestellung aufnehmen?“ „Unbedingt.“ Sie wählte zweierlei Cannelloni, die eine Hälfte mit Muscheln in Sahnesauce, die andere mit getrockneten Tomaten in einer Tomatensugo. Dan bestellte das Pfeffersteak Marsala. Während sie Grissini und Minestrone aßen, beschrieb er ihr die Verfolgungsjagd in allen Einzelheiten. Der junge Mann war in ein Haus in einem vornehmen Stadtviertel eingebrochen, hatte sein Auto mit Elektrogeräten vollgeladen und sich gerade bei der Waffensammlung bedienen wollen, als Brett und Dan dank des privaten Alarmsystems auf der Bildfläche erschienen waren. Brett bewachte das Auto, um sicherzustellen, dass der Verdächtige nicht einen Haken schlagen

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und damit fliehen konnte, während Dan ihn zu Fuß verfolgte. Dan konnte ewig laufen, aber er war nicht der Schnellste. Trotzdem trieb er den Jungen schließlich in die Enge und fixierte ihn mit dem Polizeigriff, nicht unähnlich dem, den Jill manchmal bei ihren Schülern anwenden musste. Sie schüttelte den Kopf. „Meinst du, es lag etwas in der Luft?“ Ihr Hauptgang kam, und die Stärke in der Pasta neutralisierte das Koffein, noch bevor sie den Teller halb leer gegessen hatte. Sie schaltete einen Gang herunter, um die zweite Hälfte in aller Ruhe zu genießen. „Du hast mir noch nicht erzählt, was wir feiern.“ Als Antwort schob Dan seinen Teller beiseite und blickte sie einige Sekunden lang an. Dann steckte er die Hand in die Tasche und zog ein Foto heraus. Er schob es mit einem Finger in die Mitte des Tisches, Bild nach oben. Jill betrachtete das bescheidene Haus auf dem Foto. Es hatte durchaus Charakter, war aber nicht übermäßig hübsch. Sie sah wieder Dan an. „Es steht zum Verkauf. Ich dachte … vielleicht könnten wir gemeinsam eine Hypothek aufnehmen, es herrichten, und wenn die Dinge sich gut entwickeln …“ „Dinge?“ Sagte er tatsächlich, was sie dachte? Sein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. „Es waren zehn tolle Monate, und …“ „Und was, Dan?“ „Ich bin bereit für den nächsten Schritt.“ Er lockerte seine Krawatte und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes, dann sah er ihr mit seinem Polizistenblick direkt in die Augen. „Jill, ich weiß, dass du Bedenken hast. Die habe ich auch. Deshalb ist das hier eine gute Möglichkeit –“ „Ist das ein Antrag, Dan?“ Er zuckte zusammen. „Ich bin bei dem Wort ein bisschen misstrauisch. Ich finde, wenn wir es langsam angehen lassen und uns vergewissern, dass wir zusammenpassen, was –“ „Was das Bett betrifft?“ „Genau.“ Sie starrte in sein Gesicht und fragte sich, ob ihm klar war, dass er ihrem Tag gerade die Krone aufgesetzt hatte. ***

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Jill verließ das Restaurant voller Dankbarkeit dafür, dass sie mit ihrem eigenen Auto gekommen war. Sie brauchte jetzt dringend ein paar Kilometer hinter dem Lenkrad. Während sie fuhr, betrachtete sie die dunkle Sonne, die wie eine melonenfarbene Frisbeescheibe im Netz der Bäume zu hängen schien. Wer hatte sie nur dorthin geworfen, und würde dieser Jemand über den Himmel gedonnert kommen, um sie aufzuheben und woanders hinzuwerfen? Die Luftfeuchtigkeit im Mittleren Westen versetzte die Sonne in einen Zustand fast mondgleicher Ohnmacht, machte sie so viel zahmer als die Sonne in Phönix. Der feurige Ball dort regierte am Wüstenhimmel wie ein Gott, der die schuppigen Pflanzen und Tiere beherrschte, ihren Willen brach, sie auf die Grundelemente des Überlebens reduzierte … oder so ähnlich hatte Dan es formuliert, als er am vergangenen Wochenende von der Hochzeit seiner Schwester zurückgekommen war. Phönix war zu heiß gewesen, selbst für einen Mann, dem es nichts ausmachte zu schwitzen. Er wollte jedoch, dass seine Betätigung der Grund dafür war und nicht die sengende Sonne. Das war Dan; er gab immer einhundertundzehn Prozent, egal, ob er einen Drogendealer verfolgte oder Gewichte stemmte oder Radrennen fuhr. Der einzige Bereich, in dem er nicht brillierte, war das Zuhören. Oder wie sollte sie sich sonst seinen Vorschlag erklären? Der Mann, den sie respektierte, schätzte, vielleicht sogar liebte, hatte alles, was sie zu ihm gesagt hatte, seit ihre Beziehung ernster geworden war, völlig ignoriert. Ist das ein Antrag, Dan? Bei ihm hatte es so gemütlich geklungen, so bequem. So unverbindlich. Eine Hochzeit zu erleben, hatte ihn zweifellos dazu ermuntert, den nächsten Schritt zu tun. Aber zu einem weitreichenden Entschluss hatte ihm der Mut gefehlt. Sie umfasste das Lenkrad ihres beinah neuen Honda Civic mit der anderen Hand. Beinah neu deshalb, weil er noch keine zwei Jahre alt war, sie ihn aber gebraucht von ihrer Freundin Shelly gekauft hatte, nachdem diese bei einer Tombola einen Sportwagen gewonnen hatte – gewonnen, das musste man sich einmal vorstellen! Sie konnte noch immer die Stellen an ihren Oberarmen spüren, wo Shelly sie gepackt hatte. Ungläubig lachend vor Freude waren sie gemeinsam im Kreis herumgehüpft. Jill streckte die Hand aus und drehte die Klimaanlage herunter,

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weil ihr die Haare an den Armen bereits zu Berge standen. Ihr Plan war, Beauview hinter sich zu lassen und unzählige Kilometer von Maisfeldern und Fernstraße zwischen sich und ihr Zuhause zu bringen. Dan war wahrscheinlich auf direktem Weg heimgefahren und hatte sich auf seine Hantelbank begeben. Er würde die ganze Sache ausschwitzen; sie lief lieber davon. Aber nicht ganz. Schließlich hatte sie morgen Schule, und ihre Schüler waren auf sie angewiesen. Diese Kinder würden ein Trauma erleiden, wenn sie sie einer Vertretungskraft überließ oder auch nur einer anderen Kollegin. Kontinuität war entscheidend. Und in dieser letzten Woche des Schuljahres war der Stress ohnehin größer, wie man an den Ereignissen des heutigen Tages unschwer erkennen konnte. Für viele von ihnen waren die Sommerferien kein Grund zum Feiern. Die Kinder hatten die letzten neun Monate damit verbracht, sich an eine bestimmte Reihe von Erwartungen zu gewöhnen, und jetzt wurden sie schlagartig mit neuen Erwartungen konfrontiert. Sich mit solchen Veränderungen zu arrangieren war für keinen ihrer Schüler leicht. Einige von ihnen würde Jill den Sommer hindurch zweimal wöchentlich unterrichten, damit sie nicht alles verlernten, was sie im Laufe des Schuljahres erreicht hatten. Drei Monate waren für die Aufrechterhaltung ihrer Fortschritte eine unendlich lange Zeit. Ohne Unterricht würde sie im nächsten Schuljahr wieder ganz von vorne anfangen müssen. Die Schnellstraße vor ihr lockte sie in die Ferne, aber Jill wusste, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. Deshalb verließ sie den Highway an der nächsten Ausfahrt und machte sich auf den Rückweg. Jemand hatte die Sonne aufgehoben und mit nach Hause genommen. Der Himmel löste sich in diesige Schattierungen aus Pfirsich und Lavendel auf, und die Bauernhöfe auf beiden Seiten der Straße machten einen selbstzufriedenen, beständigen Eindruck. Statt wieder auf die Schnellstraße aufzufahren, nahm sie die Landstraße, die sich durch die Felder wand und irgendwann wieder auf den Highway stieß. Es würde dunkel sein, wenn sie zu Hause ankam. Niemand würde bemerken, dass sie allein hineinging oder in welchem Zustand ihre Wimperntusche sich befand, auch wenn die Tränen bislang noch auf sich warten ließen. Jill schniefte und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, dann

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betrachtete sie die Haarspitzen, die ihr auf die Brust fielen, fein und glatt und blond. Aschblond eigentlich, doch sie hatte diese Bezeichnung noch nie gemocht. Als sie klein war, hatten ihre Haare einen silbernen Stich gehabt; Feenhaar hatte ihre Mutter gesagt. Es war immer noch dick und weich, aber der Schimmer, den es einmal gehabt hatte, war verschwunden. Vielleicht sollte sie sich Strähnchen machen oder es tönen lassen – irgendetwas mit Stil. Aber es gab niemanden mehr, den sie hätte beeindrucken müssen, und Stil hatte sie im Moment ohnehin keinen. Ein Konzert von Mendelssohn, beruhigend und zugleich belebend, erklang aus ihrem Autoradio, als sie sich wieder in den Verkehr auf dem Highway einfädelte. Plötzlich erregte eine Anhäufung von aufleuchtenden Bremslichtern ihre Aufmerksamkeit. Die Schlange vor ihr bewegte sich, aber nur im Schneckentempo. Und die Autos scherten aus, schlängelten sich unkoordiniert voran. Was um alles in der Welt – Irgendetwas lag auf der Straße. Nein, eine Menge lag da herum. Das Zeug bewegte sich … langsam. Schildkröten! Zwanzig Zentimeter große Schildkröten, die aus den Maisfeldern auf den Highway spazierten. Viele von ihnen hatten es nicht auf die andere Seite geschafft. Jill wandte den Blick von einem Gemetzel ab, das sie deutlicher gesehen hatte, als ihr lieb war. Arme Wesen. War ihnen bewusst, dass sie auf ihren Tod zukrochen? Konnten sie weiter sehen als nur ein paar Meter, sich etwas vorstellen, das so groß und schnell war, dass es sie in Sekundenschnelle zermalmen konnte? Ihr Instinkt sagte ihnen anscheinend, dass sie weitergehen und – was immer es war – unerbittlich ansteuern mussten. Dann platsch. Nichts. Die große Unendlichkeit. Wenigstens versuchten die Fahrer, sie zu umgehen. Jill riss ihr eigenes Lenkrad nach links, als eine Schildkröte auf ihre Reifen zusteuerte. Was war das? Ein Schildkrötenexodus? Eine Migration von Reptilienpionieren? Immer, wenn ein Auto vorbeifuhr, blieben die Schildkröten stehen und zogen ihre Köpfe und Beine ein, als könnte ihr Panzer sie vor zwei Tonnen Stahl beschützen. Sie schwenkte nach rechts, hörte aber trotzdem ein Knirschen. Oh … Ein weißer Fiat hielt an, und zwei Männer stiegen aus, rannten auf der Standspur zurück und wedelten mit den Armen. Jill beobachtete im Rückspiegel, wie sie sich auf die Straße vorwagten, immer noch

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wild mit den Armen rudernd. Sie wollten den Verkehr für die Schildkröten anhalten? Sie musste die beiden für ihre Einstellung bewundern. Sie waren jung und schlaksig und idealistisch. Während einer vorpreschte, um die Autofahrer aufzuhalten, hob der andere eine Schildkröte auf und eilte mit ihr an den Straßenrand. Sie lächelte. Gut gemacht. Die Männer ignorierten die hupenden Autos und hoben eine Schildkröte nach der anderen auf. Sie hoffte, dass sie die Tiere in Sicherheit bringen konnten. Aber sie selbst war jetzt vorbei. Die Autos vor ihr beschleunigten, und sie tat es ihnen gleich. Wie absurd. Wer hatte jemals von einer Schildkrötenwanderung gehört? Sie stellte sich ein entsprechendes schwarz-gelbes Warnschild vor und musste beinah lachen. Warum nicht? Jetzt hatten sie schließlich schon ihre eigenen Lotsen. Immerhin konnte sie ihren Kindern morgen eine interessante Geschichte erzählen. Sie würde die zerquetschten Panzer natürlich nicht erwähnen und schon gar nicht das Knirschen unter ihren eigenen Reifen. Das war zu emotional für ihre Kinder. Aber die Karawane – die würde ihnen Spaß machen, und dass die Männer die Schildkröten aufgehoben und über die Straße getragen hatten – Bewahrung, die sie nicht begreifen konnten. Selbst Joey würde diese Geschichte mögen. Sie hoffte nur, dass der heutige Tag ihn nicht zu sehr zurückgeworfen hatte. Er hatte in diesem Jahr mehr als einen Rückfall gehabt, und sie waren nicht angenehm gewesen. Deshalb hatten Pam und ihre Hilfskraft Jack ihr Joey überlassen, und tatsächlich hatte Jill mit ihm mehr Erfolg als irgendjemand vor ihr. Sie sagte niemandem, dass es ihre Gebete waren, die ihn beruhigten. Das kam in einer staatlichen Schule nicht gut an, und in ihrem Team auch nicht. Aber es stimmte. Beten half. Beten funktionierte. Ohne Gebet könnte sie ihren Job nicht machen. Diese Kinder, die alle am liebsten vergessen, beiseitegeschoben, ausgegrenzt hätten … sie rührten ihr das Herz und gaben ihrem Leben einen Sinn. Sie fühlte einen Stich und versuchte den Gedanken zu verdrängen, doch dann regte sich ihr Trotz. Warum sollte sie nicht ihren Lebensinhalt in den Kindern anderer Leute finden? Wer sagte denn, dass Glück nur in der eigenen Familie gefunden werden konnte? Sie parkte in der Einzelgarage ihres Reihenhäuschens und ging dann zum Briefkasten, um die Post zu holen. Sie hatte gerade die Umschläge herausgezogen, als Mr Deerborne sich anschlich.

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„Ihr Müll ist rübergeweht.“ Jill warf einen Blick zu ihrer Mülltonne hinüber, die jetzt leer neben der Garage stand. „Katzenstreu überall auf dem Gehweg. Ein enormes Sicherheitsrisiko. Jemand hätte ausrutschen und stürzen können.“ Er fuchtelte aufgeregt mit seinem Gehstock herum. „Ich habe das für Sie aufgekehrt.“ Sie drehte sich zu ihrem Nachbarn um. „Danke. Das war sehr liebenswürdig von Ihnen.“ „Wollte Ihnen nur eine Anzeige ersparen.“ Sie lächelte, obwohl der Einzige, der sie wegen so etwas anzeigen würde, wahrscheinlich Mr Deerborne selbst war. „Vielen Dank.“ Während er über den Parkplatz zwischen ihren Häusern stapfte, ging sie hinein, ließ die Post auf die Küchenarbeitsplatte fallen und sah sich um. „Miez, miez …“ Der langhaarige, graue Halb-Perser-halb-wer-weiß-was-Kater sprang auf den Tisch, Jill kraulte ihm den Kopf, und er begrüßte sie mit einem wellenartig auf- und abklingenden Schnurren. „Hallo, Frechdachs.“ Sie riss eine Tüte mit Futter auf, um es in seinen Fressnapf zu füllen. In diesem Moment klingelte das Telefon. Shelly. Sie musste eine Überwachungsanlage im Haus installiert haben. Oder vielleicht hatte Brett Wanzen versteckt. Wahrscheinlicher war allerdings, dass sie das Licht gesehen hatte. „Ja?“ Sie zog die Post unter den Pfoten des Katers hervor. „Und?“ Shellys Stimme klang am Telefon immer etwas rau. „Und was?“ Jill lief am Sofa vorbei, warf den Stapel Umschläge auf den kunstvoll verzierten Ecktisch, den sie bei einer Haushaltsauflösung erstanden hatte, und ließ sich dann in den Sessel fallen, der mit beige, braun und schwarz gemusterten Giraffenmotiven bezogen war. Zugegeben, eine ungewöhnliche Kombination. „Jetzt mach es nicht so spannend! War es wunderbar? Hat er dich gefragt?“ Sie musste außerdem Insiderinformationen haben. „Mich was gefragt, Shelly?“ „Jill Runyan, wenn ich gleich einen Herzinfarkt bekomme, bist du schuld.“ Shelly seufzte theatralisch. „Ich weiß, dass Dan etwas vorhatte, also raus mit der Sprache.“

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Jill sagte: „Er hat mich etwas gefragt, aber von Heiraten war nicht die Rede.“ „Okay … er will es also langsam angehen lassen.“ Jill zupfte einen losen Faden von ihrem Sessel und rollte ihn zwischen den Fingern hin und her. „Er will zusammenleben und sehen, ob wir zusammenpassen.“ „Verständlich. Seine Trennung hat ihn sehr verletzt, wie du weißt. Seine Ex war brutal.“ All das hatte Jill schon gehört. „Na, ich hoffe, ich war nicht brutal.“ „Was willst du damit sagen?“ Jill fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die Nackenhaare. Sie hasste es, wenn Shellys Verhöre stattfanden, bevor sie die Möglichkeit gehabt hatte, sich eine Erklärung zu überlegen. Sie war wirklich gründlich. „Jill, bitte sag nicht, dass du mit ihm Schluss gemacht hast.“ Wenn sie doch nur eine schlaue oder wenigstens lustige Erwiderung parat hätte. In Wahrheit war Dan wirklich nett, gut aussehend, verantwortungsbewusst … „Du bist wahnsinnig.“ Jill verkroch sich in ihrem weichen Sessel. „Du errätst nie, was ich auf dem Highway gesehen habe.“ „Lenk nicht ab, Jill. Wie konntest du ihn nur abschießen?“ „Schildkröten.“ „Was?“ „Eine Schildkrötenwanderung oder so. Sie sind einfach über die Straße gelaufen und haben den Verkehr blockiert. Hast du schon mal versucht, einer zielstrebigen Schildkröte auszuweichen?“ „Hast du einen Nervenzusammenbruch?“ „Natürlich nicht.“ Im Moment hatte sie dazu gar keine Energie. „Und diese beiden Kerle haben den Verkehr angehalten und angefangen, die Schildkröten eine nach der anderen auf die andere Straßenseite zu tragen.“ „Ich komme rüber.“ „Nein, Shelly, mir geht’s gut. Ich werde ein Bad nehmen.“ Jill zog ihre Schuhe aus und stellte sie ordentlich neben den Sessel. Shelly stöhnte. „Wie hat er es aufgenommen?“ „Kein Gebrüll, keine Tränen, keine Liebeserklärung.“

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„Ihr seid noch nicht einmal ein Jahr zusammen. Polizisten sind in Sachen Liebeserklärung langsam. Das ist ein Berufsrisiko.“ „Bei deinem Polizisten war das nicht so.“ „Okay …“ „Shelly.“ Jill rieb sich die Augen. „Es macht nichts. Wir kommen aus zwei verschiedenen Welten. Was mir wichtig ist, ist ihm völlig … unbegreiflich.“ „Du meinst Gott?“ „Mein Glaube ist mir wichtig, Shelly. So bin ich nun mal.“ Nicht dass Dan oder Shelly eine Ahnung hätten, was sie damit meinte. „Ihr könnt das mit der Religion bestimmt zusammen hinkriegen.“ Jill rieb sich den steifen Nacken. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass er seinen Glauben hat oder auch nicht, ich habe meinen, und nie soll’n die beiden sich vereinen.“ „Wenn du anfängst, in Reimen zu sprechen, rufe ich die Polizei.“ Jill lächelte grimmig. „Versuch’s mal bei Dan. Ich bin sicher, er könnte eine verständnisvolle Zuhörerin brauchen.“ „Kannst du keine Kompromisse machen?“ Kompromisse. „Ich wüsste nicht, wie.“ „Du kannst nicht die Schneekönigin geben und dann erwarten, dass er dich heiratet.“ Schneekönigin. Shelly hatte noch nie mit ihrer Meinung hinterm Berg gehalten, aber Schneekönigin? Bedeutete ihre Weigerung, mit Dan zu schlafen, dass sie gefühlskalt war? Nein, sie hatte überhaupt keine Probleme damit, ihre Kinder im Unterricht mit Umarmungen und Küssen zu überschütten, um ihnen zu zeigen, dass sie sie liebte und ihnen dabei helfen wollte, weiterzukommen. Schneekönigin. War das der Eindruck, den sie auf Dan machte? Und auf Shelly? „Jill, mir bricht das Herz.“ „Tut mir leid. Meins ist im Moment auch ein bisschen angeknackst. Wir reden morgen weiter.“ Jill legte auf. Es half nicht, dass ihre beste Freundin mit Dans Partner bei der Polizei verheiratet war. Jegliche Treffen würden lustig werden. Jedenfalls für eine Weile. Sie kämpfte gegen die plötzlich aufsteigenden Tränen an. Warum sollte sie weinen? Dan war freundlich und liebevoll gewesen … bis zu einem gewissen Punkt. Und zwar genau bis zu dem Punkt, an dem ihre Grenzen begannen. Schneekönigin. Ganz was anderes als Ballkönigin, Herr. O ja, Hochmut kommt vor dem Fall.

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Jill lehnte den Kopf gegen den Rücken des Sessels und widerstand den Tränen. Sich gehen zu lassen, nützte auch nichts. Sie hätte gar nicht erst eine Beziehung mit ihm anfangen dürfen, sie hätten Freunde bleiben und diesen … Kummer vermeiden sollen. Aber es war schwierig, Shellys, Bretts und Dans Überredungskunst zu widerstehen. Ganz zu schweigen von der Einsamkeit, die manchmal in ihr hochkroch und sie dazu trieb, Dinge zu tun, von denen sie wusste, dass sie nicht gut waren. Nichts gegen Dan. Er wollte nur alle Elemente einer Beziehung ohne die rechtlichen und moralischen Fesseln eines festen Bundes. Und ohne das Risiko. Sie wusste, was Risiko bedeutete. Jill schniefte und warf einen Blick auf die Post. Lustlos hob sie die Karte hoch, die zuoberst lag, eine Erinnerung an die Benefizveranstaltung anlässlich des fünfzehnjährigen Abiturjubiläums. Wenn die Mädchen mich so sehen könnten … Sie schüttelte den Kopf. Wie hatten sich die Dinge nur so ändern können? Damals war ihr alles gelungen, war sie die Beste von allen gewesen. Bis Morgan kam … Jill schlug die Hände vor ihr Gesicht. Warum wanderten ihre Gedanken immer dann in diese Richtung, wenn sie am verletzlichsten war? Es war fünfzehn Jahre her. Wahrscheinlich war Morgan Spencer mittlerweile verheiratet und hatte sechs Kinder. Und sie konnte ihm kaum die Schuld für ihre Probleme geben. Aber sie kuschelte sich noch tiefer in ihren Sessel und zog die Knie an die Brust, als die Tränen zu fließen begannen. Nein, nein, nein. Denk nicht daran. Mach es nicht noch schlimmer. Aber die Gedanken kamen trotzdem. Wie sah sie aus? Waren ihre Haare blond wie ihre? Oder dunkel wie die von Morgan? Sie waren dunkel gewesen, aber das waren die Haare eines Neugeborenen immer. Waren ihre Augen immer noch blau, tiefblau wie die der Spencers, oder grau wie ihre eigenen? Jill vergrub ihr Gesicht in der Sessellehne und schluchzte. Sie musste diese Sache endlich überwinden. Es war ein schrecklicher Fehler gewesen, doch sie hatte das Beste daraus gemacht. Sie hatte gegen allen Widerstand, allen Druck, allen Schmerz die richtige Entscheidung getroffen. Ihre Tochter war an dem Ort, der für sie am besten war, bei Eltern, die sie liebten. Was konnte sie mehr tun? Und Morgan … Jill holte zitternd Luft. Es war richtig gewesen. Es war die beste Lösung gewesen. Sie wiederholte dieses Mantra, bis sie die Tränen zu-

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rückhalten konnte. Dann setzte sie sich auf und nahm die Post auf den Schoß, während sie sich dazu zwang, an etwas anderes zu denken. Sie blätterte durch die Umschläge. Werbung, Werbung, Stromrechnung, Werbung. Sie ließ den Packen fallen, bevor sie alles durchgesehen hatte, und erhob sich, um ins Bad zu gehen. Die Stunden, die sie dort, in dem riesigen Whirlpool, verbrachte, gehörten zu ihren besten. Das Bad hatte mit den Ausschlag für das Reihenhaus gegeben. Sie ließ Wasser einlaufen. Na gut, die Dinge waren also nicht immer so, wie sie sich das wünschte. Daran war sie selbst schuld. Gott hatte bessere Pläne für sie gehabt, aber sie hatte sie in den Wind geschlagen. Daran konnte sie jetzt nichts mehr ändern. Sie hängte ihre blaugrüne Bluse und den Rock über einen Bügel und stieg in die Badewanne. Manche Dinge konnte sie abwaschen. Andere blieben für immer. Sie würde versuchen zu schlafen, und dann würde sie zur Arbeit gehen. Wenigstens gaben die Kinder ihr einen Lebensinhalt. Und die Herausforderungen, mit denen sie zu kämpfen hatten, waren schlimmer als alles, worüber sie sich selbst an einem schlechten Tag beklagen konnte. Einen Augenblick lang dachte sie an Dan. Was er jetzt wohl machte? Wahrscheinlich dachte er über all die Gründe nach, warum er froh sein konnte, sie los zu sein. Die Schneekönigin.

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