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Karen Kingsbury & Gary Smalley

... denn am Morgen wird Freude sein Die Wege meiner Kinder – Band 4


Über die Autoren: Karen Kingsbury war Reporterin bei der Los Angeles Times. Seit einigen Jahren widmet sie sich ganz dem Schreiben christlicher Romane. Sie lebt mit ihrem Mann, drei eigenen und drei adoptierten Kindern in Washington. Gary Smalley ist seit über 35 Jahren als Seelsorger, Berater, Redner und Buchautor in Sachen Beziehungspflege tätig. Er leitet das Smalley Relationship Center, ist verheiratet, hat drei Kinder und sieben Enkel und lebt in Missouri.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86827-020-4 Alle Rechte vorbehalten Redemption Series #4: Rejoice, German Copyright © 2004 by Karen Kingsbury & Gary Smalley German edition © 2008 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH with permission of Tyndale House Publishers, Inc. Deutsch von Silvia Lutz Umschlaggestaltung: Henri Oetjen, DesignStudio Lemgo Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de


Kapitel 1 Die Badeparty war eine großartige Idee, der perfekte Abschluss eines herrlichen Sommers. Brookes Kollegin auf der Kinderstation hatte eine Tochter in Maddies Alter und hatte zu deren Geburtstag zehn Kinder mit ihren Eltern zu einem Nachmittag am Swimmingpool in ihrem Garten eingeladen. Seit zwei Wochen sprachen die Mädchen fast von nichts anderem. Jeden Morgen zupften sie Brooke am Ärmel und fragten: „Mama, wann ist die Badeparty?“ Aber zwei Tage vor dem großen Ereignis bekam ein Kollege auf ihrer Station einen Anruf aus Kalifornien. Seine Großmutter lag im Sterben. Bevor er zu seiner Familie flog, bat er Brooke, am Wochenende seine Rufbereitschaft zu übernehmen. „Du bist meine letzte Hoffnung“, sagte er zu ihr. „Meine Familie braucht mich.“ Brooke wollte die Rufbereitschaft nicht übernehmen, wenn sie einen Nachmittag mit ihren Kindern plante. Aber außer der Badeparty war das Wochenende frei, und sie könnte den Piepser mitnehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie am Samstagnachmittag ins Krankenhaus geholt würde, war ziemlich gering. Samstagabends, ja. Aber nicht am Nachmittag. Jetzt war der große Tag gekommen, und Brooke bekam Zweifel. Sie hätte herumtelefonieren und einen anderen Kollegen finden sollen, der die Rufbereitschaft übernahm. Ihre Kinder wollten sie bei der Party dabei haben. Wenn sie ins Krankenhaus geholt würde, würde sie den letzten Höhepunkt dieses Sommers verpassen. Brooke zog eine Shorts über ihren Badeanzug. Sie zog gerade den Reißverschluss zu, als sie unten Peters Stimme hörte.

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„Beeilt euch, wir müssen los.“ Frustration schwang in seiner Stimme mit. „Die Party beginnt in zehn Minuten.“ Brooke verdrehte die Augen und nahm ihre Tasche mit den Schwimmwesten und der Sonnenmilch. Was hatte er nur? Ständig war er mürrisch; sie hatten seit Wochen kein normales Gespräch mehr miteinander geführt. Das Klima bei ihnen zu Hause war so angespannt, dass es sogar der kleinen Hayley auffiel. „Ist Papa mit dir böse, Mama?“, hatte sie vor ein paar Tagen gefragt. Brooke hatte etwas davon gemurmelt, dass Papa müde sei, und ja, sie sollten für ihn beten. Aber sie ging ihm nun schon seit Tagen so weit wie möglich aus dem Weg und hatte allmählich genug von Peters Verhalten. Er gab ihr das Gefühl, inkompetent und lästig zu sein. So benahm er sich seit Maddies Diagnose ständig. Begriff er es denn nicht? Maddie ging es jetzt besser; sie hatte seit über zwei Monaten kein Fieber mehr gehabt. Brooke ging in den Flur und stieß fast mit Hayley und Maddie zusammen. „Wisst ihr was, Mädchen?“ Ein Blick auf das breite Grinsen in den Gesichtern ihrer Töchter genügte und ihr Lächeln kehrte zurück. „Ich habe meinen Badeanzug schon an!“ „Super, Mama!“ Maddie sprang auf und ab und nahm Hayley an der Hand. „Wir können eine Teeparty am Pool veranstalten.“ Sie gingen zu Peter hinunter. Die Mädchen plapperten aufgeregt, ansonsten fuhren sie schweigend auf die andere Seite der Stadt, wo Brookes Kollegin Aletha und ihr Mann DeWayne wohnten. Mit ihren drei Jahren war Hayley immer noch so klein, dass man sie tragen konnte. Brooke nahm sie auf den Arm, während sie den kurzen Weg zur Haustür zurücklegten. Als sie die Stufen hinaufstiegen, nahm Hayley Brookes Hand und drückte sie dreimal. Das was das Zeichen, mit dem Brooke den Mädchen immer sagte: „Ich habe dich lieb.“ Die Liebe ihrer kleinen Toch4


ter war das perfekte Heilmittel, das ihr half, Peters kühles Verhalten zu verkraften. „Du bist ein liebes Mädchen, Hayley. Weißt du das?“ Sie schwang sich die Tasche mit den Badesachen über die Schulter. „Du auch, Mama.“ Hayley rieb ihre winzige Nase an Brookes Gesicht. „Du bist auch ein liebes Mädchen. Weißt du, warum?“ „Warum?“ Brooke und Hayley blieben hinter den anderen ein wenig zurück. Brooke ließ sich Zeit. Sie liebte solche Momente mit ihren Töchtern. „Weil …“ Hayley legte den Kopf schief. Ihre hellblonden Haare fielen wie Seide über ihr Gesicht und die großen Augen. „… weil ich dich lieb habe. Darum.“ Die Tür ging auf, und Aletha lächelte sie an. „Hallo. Die Party kann beginnen.“ Peter setzte ein Lächeln auf. Wie immer, wenn sie in der Öffentlichkeit waren. Verwirrt und verletzt schaute Brooke ihn an. Warum konnte er sie nicht so anlächeln? Das wollte sie ihn schon eine ganze Weile fragen, aber sie hatte noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Kurz vor der Haustür ging ihr Piepser los. Sie seufzte schwer, als sie das Gerät von ihrem Gürtel zog und auf das kleine Anzeigefenster schaute. Dringend, stand darauf. Neben dem Wort stand die Telefonnummer des Krankenhauses. Na großartig, dachte sie. Mir ist nicht einmal eine Stunde mit ihnen am Pool vergönnt. Peter trat hinter sie und schaute ihr über die Schulter. „Was ist?“ „Ich soll im Krankenhaus anrufen.“ Die Enttäuschung war ihr deutlich anzuhören. „Vielleicht ist es ja nichts.“ Mehrere Kinder liefen aufgeregt plappernd in die Diele und begrüßten Hayley und Maddie. Brooke verschwand im nächsten Zimmer und zog ihr Handy aus der Handtasche. „Hier ist Dr. Baxter West. Ich wurde angefunkt.“ Die Schwester am anderen Ende ratterte die nötigen Informationen herunter: Ein Patient war mit einer Staphylokokken-Infek5


tion eingeliefert worden. Es sah ernst aus. Ein Kinderarzt sollte das Kind unbedingt untersuchen. Sofort. „Ich bin schon unterwegs.“ Brooke legte auf und ging wieder zu den anderen hinaus. Peter schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Und?“ „Ich muss weg.“ Sie verzog das Gesicht. Arzt zu sein war der schönste Beruf, den sie sich vorstellen konnte. Aber nicht, wenn ihre Familie darunter litt. „Ich bin so schnell wie möglich zurück.“ „Du bist selbst schuld.“ Sofort regte sich ein deutlich spürbarer Ärger in ihr. „Was soll das heißen?“ Peter zuckte die Achseln und schaute sie nicht an. „Du hättest die Rufbereitschaft ja nicht übernehmen müssen.“ Maddie kam zu ihr gelaufen. „Natasha will, dass wir schwimmen, Mama. Können wir, bitte? Können wir jetzt gleich schwimmen gehen?“ „Hm, Schatz …“ Sie schaute Hayley an, die aufgeregt neben Maddie stand und auf eine Antwort wartete. „Wollt ihr nicht lieber warten, bis Mama zurückkommt?“ „Dann können wir doch noch einmal schwimmen. Bitte, Mama! Dürfen wir?“ Natasha sprang bittend an ihr hoch und umarmte Brooke. Ihre Familien waren seit Jahren miteinander befreundet, und Maddie und Natasha waren gute Freundinnen. „Bitte, dürfen wir schwimmen?“ Natasha hakte sich bei Maddie unter, und die beiden lächelten sie flehend an. Brooke spürte, wie ihr Widerstand schmolz. Sie würde einen Teil des Spaßes verpassen. Aber wenn sie sich beeilte, wäre sie rechtzeitig zurück, um mit ihnen später noch im Pool zu baden. „Also gut.“ Sie lächelte leicht. „Aber ich muss vorher mit Papa sprechen.“ Peter war ins Wohnzimmer gegangen, wo Brooke ihn und 6


DeWayne vor dem Fernseher vorfand. Sie saßen auf dem Sofa und schauten wie gebannt auf den Bildschirm. Ein Baseballspiel lief. Aletha hatte im Spaß bemerkt, dass die Männer wahrscheinlich nicht vom Fernseher wegzubringen seien, wenn sie die Party genau auf diese Zeit legten. Brooke ging durch das Zimmer und baute sich zwischen ihrem Mann und dem großen Bildschirm auf. „Die Mädchen wollen schwimmen.“ Die Tasche in ihren Händen beulte sich aus, und sie stellte sie zwischen ihnen auf den Boden. „Hier sind die Sonnenmilch und die Schwimmwesten. Die Mädchen brauchen beides, bevor sie in den Garten gehen dürfen.“ „Ja.“ Peter beugte sich zur Seite, um an ihr vorbei auf den Bildschirm schauen zu können. „Schon verstanden, Schatz.“ Dieses liebevolle Wort hatte er nur um DeWaynes willen gesagt. Das wusste Brooke genau. Es gefiel ihr überhaupt nicht, wie er an ihr vorbei auf den Fernseher schaute. „Peter, im Ernst. Lass sie nicht ohne Sonnenmilch und Schwimmwesten hinaus. Sie können beide noch nicht schwimmen.“ Er warf ihr einen Blick zu, der ihr unmissverständlich sagte, dass sie ihn nerve. Dann rief er: „Hayley … Maddie, kommt ins Wohnzimmer!“ Die Mädchen hüpften ins Zimmer und blieben vor Peter stehen. „Ja, Papa.“ Hayley sprach als Erste. „Können wir schwimmen gehen?“ „Noch nicht.“ Peter schaute Brooke strafend an und öffnete die Tasche. Schnell und mit wenig Feingefühl drückte er Sonnenmilch auf seine Hand und warf dann Brooke die Flasche zu. „Du übernimmst Hayley.“ Sie musste los, aber das hier war wichtiger. So schnell sie konnte drückte sie sich die Sonnenmilch auf die Hand und ging vor ihrer kleinen, blonden Tochter in die Hocke. „So, Liebes. Wir wollen doch nicht, dass du einen Sonnenbrand bekommst, nicht wahr?“ 7


„Ja, Mama.“ Brooke rieb Hayley die Sonnenmilch auf die Arme und Beine, den Rücken und den Hals und schließlich ins Gesicht. Sie und Peter waren mit den Mädchen zur gleichen Zeit fertig. Peter warf ihr die kleinere Schwimmweste zu. Er sprach kein Wort, aber das störte sie nicht. Je weniger er in letzter Zeit sagte, umso besser. Sie nahm die blaue Schwimmweste und steckte zuerst Hayleys linken Arm und dann ihren rechten hinein. Danach befestigte sie die Schnallen, die über ihren Bauch nach unten verliefen und mit einem Band verbunden waren, das von der Rückseite der Schwimmweste zwischen ihre Beine nach vorne verlief. Brooke hatte sich genau über Schwimmwesten informiert und festgestellt, dass diese Westen die sichersten waren. Als Maddie ihre Schwimmweste anhatte, bedachte Peter Brooke mit einem letzten, finsteren Blick. Wieder nur um DeWaynes willen, der neben ihm saß, sagte er mit lockerer, fast freundlicher Stimme: „Dann bis später.“ Brooke antwortete nicht. Sie drehte sich um und verabschiedete sich schnell von den Mädchen. Sie suchte Aletha und versprach, so bald wie möglich zurück zu sein. Eine Minute später saß sie im Auto und fuhr zum Krankenhaus. Mit jedem Kilometer, den sie zurücklegte, fühlte sie, wie der Abstand zwischen ihr und ihren Töchtern größer wurde. Sie spielten inzwischen im Pool und gewöhnten sich an das Wasser. Ihr Kichern war wahrscheinlich in Alethas ganzem Garten zu hören. Sie trat aufs Gaspedal. Im Krankenhaus würde sie schnell fertig sein und dann zurückfahren, bevor die Party am Pool richtig begann. Dann würde dieser Tag – bis auf ihre Beziehung zu Peter – genauso schön werden, wie sie sich das wünschte.

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Peter war dankbar für das Baseballspiel im Fernsehen. Denn so sehr er DeWayne und Aletha mochte, ein Nachmittag mit einer Schar Ärzte war das Letzte, was er an diesem Samstag brauchte. Für Schwimmen konnte er sich nicht begeistern, und die laufende Baseball-Meisterschaftsrunde war so spannend wie selten. Außerdem waren die meisten Gäste Freunde von Brooke, die er kaum kannte. Nur die Aussicht, mit DeWayne das Spiel anzuschauen, hatte ihn bewogen, überhaupt mitzukommen. Besonders nachdem Brooke die Rufbereitschaft übernommen hatte. Was hatte sie sich nur gedacht? Natürlich würde man sie am Samstagnachmittag holen. Kinder brauchten dann am dringendsten einen Arzt. Fußballverletzungen, Krankheiten, die man sich während der Woche in der Schule zugezogen hatte. Insektenstiche. Die Wochenenddienste waren für Kinderärzte bekanntlich stressig. Dass sie sich von ihrem Kollegen dazu hatte überreden lassen, war ein weiterer Beweis dafür, dass sie unfähig war. Nicht halb so kompetent, wie er ursprünglich gedacht hatte. Damals, als sie sich während des Medizinstudiums kennengelernt hatten, hatten ihr Selbstvertrauen und ihre Kompetenz ihn fasziniert. Aber nach der Situation mit Maddie – als sie darauf beharrt hatte, ihre Tochter bräuchte keinen Spezialisten – hatte Peter seine Frau in einem anderen Licht gesehen. In einem Licht, das alles andere als schmeichelhaft für sie war. Eine Stunde verging. Von nebenan waren Kinderstimmen zu hören. „Also gut“, hörte er Aletha zu ihnen sagen. „Trocknet euch ab. Dann gibt es Kuchen.“ Es war die siebte von neun Spielrunden, und seine Mannschaft lag mit einem Zähler hinten. Peter hoffte, sie würden beim Kuchenessen nicht zu viel Lärm machen – wenigstens bis zur Werbepause. Es war nicht so, dass er Geburtstagsfeiern nicht 9


mochte, aber er hatte eine sehr anstrengende Woche hinter sich. Seine Patienten hatten ihn viel Kraft gekostet. Zwei Nächte hatte er nicht geschlafen, und jetzt – an seinem freien Tag – verbrachte er den Samstag bei einem Kindergeburtstag. Gerade als das Spiel am spannendsten war, kamen Maddie und Hayley ins Zimmer gelaufen. Sie zitterten vor Kälte, und ihre Schwimmwesten hinterließen eine Wasserspur auf dem Boden. „Papa, kannst du uns die Schwimmwesten ausziehen?“ Sein Blick wanderte kurz zu ihnen, dann wieder auf den Fernseher. „Einen Moment, Mädchen. Papa will das kurz sehen.“ Die Runde stand drei zu null, aber dieses Mal war der Ball gut geworfen. Der Schläger traf ihn, der Ball flog über den Fänger und auf die Tribüne. Ausgleich. „Also kommt.“ Peter schaute seine Töchter wieder an. „Was ist?“ „Wir sind tropfnass, Papa.“ Maddie kam zu ihm. „Kannst du uns die Schwimmwesten ausziehen? Bitte?“ „Aber sicher, Schatz.“ Er öffnete die Schnallen an beiden Westen und half ihnen heraus. „Gebt sie Natashas Mama und bittet sie, sie irgendwo aufzuhängen, wo sie trocknen können.“ Der nächste Schlag saß perfekt. Volle Punktzahl. „Papa …“ Hayley kam zu ihm. „Wann kommt Mama wieder? Wir wollen mit ihr am Pool Tee trinken.“ „Bald, Schatz.“ Er beugte sich um sie herum und sah, wie der Spieler mit dem Schläger ausholte und den Ball aus dem Stadion schlug. Peter und DeWayne sprangen begeistert auf und klatschten sich ab. „Unsere Mannschaft schafft es!“ „Wirklich großartig!“ DeWayne nickte zustimmend und setzte sich wieder. „Weiter so, Leute. Weiter so!“ „Papa …“ Hayley legte den Kopf schief. „Ich hab dich lieb.“ „Ja.“ Peter setzte sich wieder auf seinen Sessel. Seine Augen kehrten zum Spiel zurück. „Ich hab dich auch lieb.“ „Tschüss.“ Maddie drehte sich um und lief aus dem Zimmer. Ihre Schwimmweste hing locker über ihrem Arm. 10


„Tschüss, Papa.“ Hayley folgte ihrer Schwester dicht auf den Fersen. „Tschüss.“ Peter schaute wie gebannt auf den Bildschirm, als ihm einfiel: „Geht nicht ohne Schwimmwesten in den Garten.“ Aber die Mädchen waren schon zur Tür hinaus. Er schaute seinen Töchtern nach. Trotz der Jubelrufe aus dem Fernseher konnte er fast Brookes Stimme hören, die ihn aufforderte, den Mädchen nachzugehen und ihnen einzuschärfen, nicht ohne die Schwimmwesten an den Pool zu gehen. Aber das Spiel war fast zu Ende, und die Kinder würden jetzt sowieso Kuchen essen. Er könnte sie in ein paar Minuten an die Schwimmwesten erinnern. Seine ganze Aufmerksamkeit konzentrierte er auf das Spiel. Der nächste Schlag kam, ein Punkt für seine Mannschaft, noch einer. Sie lagen mit zwei Zählern in Führung. Wenn sie dieses Spiel gewännen, lägen sie mit drei zu zwei vorne, und diese Saison könnte perfekt laufen. Stattdessen verschenkten sie die nächsten zwei Schläge, und in der nächsten Runde gewann die gegnerische Mannschaft zwei Läufe und stellte den Ausgleich her. Erst am Ende der neunten Spielrunde gelang seiner Mannschaft der nötige Siegpunkt. Das Spiel war zu Ende, der Sieg war unter Dach und Fach. Peter war schon eine halbe Stunde in ein Gespräch mit DeWayne über die Chancen seiner Mannschaft bei der diesjährigen Saison vertieft, als er Maddie von nebenan schreien hörte. „Papa! Papa, schnell! Komm!“ Er schaute DeWayne an und hob die Hand. „Einen Moment bitte.“ Er rief: „Hier im Wohnzimmer, Schatz.“ Maddie raste um die Ecke. Ihre Haare waren trocken, aus ihren Augen blickte die nackte Angst. „Papa, ich kann Hayley nicht finden.“ Peter sprang auf. Das Herz schlug ihm plötzlich bis zum Hals. „Wie meinst du das?“ Eine schreckliche Angst bohrte ihre Kral11


len in seinen Rücken, in seinen Nacken. Es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, um nicht in den Garten zu rasen. „Ich dachte, ihr esst Kuchen.“ „Das haben wir. Danach wollten wir spielen gehen, Papa.“ Maddies Mund stand offen. „Aber Hayley sagte, sie wollte die Teeparty mit Mama schon vorbereiten. Jetzt kann ich sie nicht finden …“ Peter wartete nicht, bis Maddie ausgesprochen hatte. Er rannte zur Verandatür. Weniger wegen der Worte, die Maddie gesagt hatte, sondern wegen des Gegenstandes, den sie in der Hand hielt. Den Gegenstand, den Peter erst in diesem Moment erkannte. Hayleys Schwimmweste.

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Kapitel 2 Peter konnte nicht atmen, er konnte nicht denken. „Hayley!“ Das Wort war ein Schrei, ein verzweifeltes Flehen. Als er in den Garten zum Swimmingpool raste, spürte er, wie sein Körper sich in eine Art Roboter verwandelte und seine Arme und Beine sich schnell bewegten, ohne jedoch irgendeinen Bezug zu ihm zu haben. „Hayley …“ Atemlos, panisch schrie er ihren Namen. „Wo bist du, Liebes?“ Die anderen Gäste wurden aufmerksam. Mehrere Erwachsene liefen hinter ihm her, alle auf den Swimmingpool zu. Peter umrundete ein paar Blumenbeete und mehrere hohe Sträucher. Plötzlich sah er das Wasser, das sich vor ihm ausbreitete. Auf den ersten Blick konnte er Hayley nirgends entdecken … Lass sie irgendwo oben in einem Zimmer sein oder unten im Spielzimmer, irgendwo, nur nicht hier, Gott. Bitte … nicht hier, Gott … Peter keuchte jetzt und zwang seine Füße zum Rand des Beckens. Erst jetzt sah er die kleine Gestalt auf dem Beckenboden … still, regungslos. „Hayley!“ „Papa!“ Maddies Schrei war hoch und schrill. „Sie ist im Wasser, Papa … hol sie raus!“ Jemand von den anderen Eltern nahm Maddie an der Hand und brachte sie ins Haus zurück, während sie hysterisch schrie: „Papa, hol sie raus! Papa …“ Die Zeit und sein Verstand und die ganze Welt um ihn herum kamen in einem einzigen Moment zum Stehen, in einem Moment, in dem hundert Erkenntnisse, Bilder und Erinnerungen in ihm zusammenprallten. Hayley lag auf dem Boden des Beckens, ertrunken, vielleicht schon tot, und sie hatte ihre Schwimmweste nicht an. Das war

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seine Schuld, weil er ein Baseballspiel angeschaut hatte, als er auf sie hätte aufpassen sollen. Brooke hatte sich nicht von ihr verabschieden können. Jetzt würde keiner von ihnen die blauen Augen ihres Lieblings je wieder leuchten sehen, keiner würde ihre singende Stimme je wieder hören oder nach einem langen Arbeitstag ihre kleinen Arme um seinen Hals spüren. Aber sie schrie sogar jetzt noch nach ihm, oder bildete er sich das nur ein? „Papa, hilf mir! Hol mich raus, Papa … rette mich!“ Das war sie, nicht wahr? Sprach sie aus dem Wassergrab, in dem sie lag, zu seinem Herzen? „Ich komme, Hayley …“ Im nächsten Moment war er im Wasser. Er fühlte das Gewicht seiner Kleidung und seiner Schuhe. Peter tauchte tief hinab und schwamm noch tiefer zu der Stelle, an der Hayley lag. Er nahm sie in die Arme, zwang sich, sich schneller zu bewegen, und dachte, wie klein sie sich anfühlte, wie ruhig, dass es ewig dauerte, bis er sie aus dem Wasser geholt hatte. Er beeilte sich, sie so schnell wie möglich an die Oberfläche zu bringen, und rollte sie auf die Fliesen, während die anderen Eltern ihre Kinder eilig wieder ins Haus schickten. Aletha holte mit großen Augen und erstarrter Miene das Telefon, das auf der Terrasse lag. Er stieg tropfnass aus dem Becken, sein Schuh trieb auf dem Wasser. Dann stand er über Hayley, starrte auf ihr blaues Gesicht, drehte sie auf die Seite, damit das Wasser aus ihrem Mund lief, und schrie: „Ruft einen Krankenwagen!“ „Er ist schon unterwegs!“ Aletha stand neben DeWayne. „Gott, hilf uns!“ Sie fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und zitterte am ganzen Körper. Peter beugte sich über seine Tochter und erinnerte sich daran, was für ein Gefühl es gewesen war, sie das erste Mal zu halten, wie schön sie vor zwei Wochen bei Karis und Ryans Hochzeit ausgesehen hatte, als sie die Rosenblüten nicht hatte streuen wollen, weil sie zu hübsch gewesen waren, um sie auf den Boden zu 14


werfen, wie fröhlich sie vor einer Stunde ausgesehen hatte, in ihrer Schwimmweste mit dem engelhaften Lächeln im Gesicht. Er tastete nach ihrem Puls und fand nichts. Keinen einzigen schwachen Pulsschlag. Er drückte ihre Nase zusammen, legte die Lippen über ihren kleinen Mund und blies einen Atemzug in ihre Lunge. Herzdruckmassage. Eins-zwei-drei-vier-fünf. Ein weiterer kurzer Atemzug. Wieder Herzdruckmassage. Er zwang sich, weiterzumachen. Lass sie atmen … jetzt, Gott … bitte, Gott … Er rechnete nach und rief sich die Dinge ins Gedächtnis, die er während seines Medizinstudiums gelernt hatte. Zehn Minuten Sauerstoffmangel: Hirnschaden. Fünfzehn Minuten: irreparabler Hirnschaden. Achtzehn Minuten … Er starrte die geschlossenen Augen seiner Tochter an. Huste, Hayley … huste oder weine, gib irgendeinen Ton von dir. Gott … weck sie auf! Mehr Herzdruckmassagen … mehr Mund-zu-MundBeatmung … er wünschte sich mit aller Kraft, sie würde sich bewegen und irgendetwas anderes tun, als regungslos auf dem nassen Boden zu liegen, während im Hintergrund Aletha weinte. Diese ganze Szene kam in einem Moment zusammen, in der Zeit, die er brauchte, um einen einzigen Atemzug zu machen. In der Ferne heulten Sirenen. Peter setzte sich auf, drückte die Finger auf die Arterie an der Seite ihres Halses. Dieses Mal spürte er etwas. Eine ganz schwache Bewegung wie ein Atemzug auf der Haut. Eine Chance. Sie hatte eine Chance. Er schob die Hand unter ihre Nase, aber an dieser Stelle rührte sich nichts. Sie atmete nicht. Die Panik raubte ihm alle Energie. Es kostete ihn seine ganze Kraft, genug Sauerstoff einzuatmen, damit er ihr wieder eine kleine Menge Luft in den Mund blasen konnte. Gott … was ist los? Mach, dass sie sich bewegt, Gott, mach, dass sie atmet … Sanitäter rannten über die Terrasse und forderten ihn auf, zur Seite zu gehen. Keiner von ihnen erkannte ihn und sah, dass er ein Arzt aus dem Krankenhaus war. Sie legten ihr eine Sauerstoff15


maske über das Gesicht, hoben sie auf eine Trage und erklärten, dass sie sofort zur Notaufnahme gebracht werden müsse. Peter war sich nicht sicher, ob er aufstehen konnte. Er war sich nicht sicher, ob er sprechen konnte. Aber aus einer gequälten Stelle in seiner Seele meldete sich eine heisere Frage: „Wird sie … wird sie es schaffen?“ „Wir tun, was wir können …“ Jetzt wusste Peter es. Er wusste es, weil das genau die Worte waren, die er zu den Eltern seiner Patienten gesagt hätte. Nicht, wenn er damit rechnete, dass der Patient bald wieder gesund würde, denn das war eine Nachricht, die ein Arzt gern weitergab. Diesen Satz sagte er dann, wenn genau das Gegenteil der Fall war. Wenn ihm sein Gefühl sagte, dass der Patient keine Chance hatte.

Brooke war frustriert. Die Untersuchung des Kindes wäre nicht dringend notwendig. Als Brooke im Krankenhaus ankam, war die Diagnose von Staphylokokken-Infektion zu Lungenentzündung geändert worden. Eine Röntgenuntersuchung der Lunge zeigte, dass die Entzündung so schlimm war, dass das Kind im Krankenhaus bleiben musste. Deshalb hatte der diensthabende Arzt angeordnet, dem Kind eine Infusion mit Antibiotika anzulegen. Brooke bestätigte diese Vorgehensweise, vergewisserte sich, dass der Zustand des Kindes stabil war, und meldete sich wieder ab. Sie war gerade zu ihrem Wagen unterwegs, als ein weiterer Anruf kam, dieses Mal von der Notaufnahme. Ein zehnjähriger Junge hatte sich beim Fußballspielen den Arm gebrochen; ein Stück des Knochens hatte die Haut durchbohrt. Brooke knirschte mit den Zähnen und eilte zurück, bestätigte die Erstbehandlung, überprüfte die Dosierung der Schmerzmittel und untersuchte den Jungen. Nach zwanzig Minuten war sie fertig. 16


„Endlich …“, murmelte sie, als sie erneut zu ihrem Auto eilte. Wenn sie bei Aletha ankäme, wäre die Party schon halb vorbei. Das Geburtstagsständchen war gesungen, der Kuchen angeschnitten und gegessen. Die Teeparty am Swimmingpool wäre längst vorbei. Die Mädchen waren bestimmt schon müde vom Schwimmen und würden sich im Haus aufwärmen wollen. Brooke blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn und ließ den Motor an. Peter hatte recht; es war ihre eigene Schuld. Sie hätte die Bitte ihres Kollegen ablehnen können. Wenn sie nicht nachgegeben hätte, hätte ein anderer Arzt die Rufbereitschaft übernommen. Ihre Familie musste an erster Stelle kommen. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Anderthalb Stunden waren vergangen, seit sie die Geburtstagsfeier verlassen hatte. Peters Baseballspiel war inzwischen vorbei. Er saß also nicht mehr vor dem Fernseher. Vielleicht plauderte er mit den anderen Eltern und saß mit ihnen am Swimmingpool. Wenigstens hoffte sie das. Andererseits hatte er in letzter Zeit kaum Interesse an ihren Freunden gezeigt. Seit Maddies Diagnose und der Behandlung ihrer Blasenprobleme hatte sich Peter von allen distanziert. Vor allem von ihr. Während sie zur Party zurückfuhr, gingen ihr seine Worte durch den Kopf. „Verlass dich nicht zu sehr auf dein Können, Brooke … Egal, ob es sich um unsere Kinder handelt oder um einen Patienten, schalte Spezialisten ein. Nimm es nicht auf die leichte Schulter, Brooke … Du musst immer noch viel lernen, Brooke … Vielleicht solltest du dir eine Teilzeitstelle suchen, Brooke. Was hältst du davon, wenn ich der Arzt in der Familie bin und du bleibst bei den Mädchen zu Hause, Brooke? Du wirst als Mutter mehr gebraucht als als Ärztin.“ Mit seinen Kommentaren wertete er ihr fachliches Können unablässig ab. Brooke knirschte mit den Zähnen. Wie kam er auf die arrogan17


te Idee, seine medizinische Kompetenz wäre höher als ihre? Außerdem ging es den Mädchen gut. Wenn sie aus dem Kindergarten kamen, waren sie in der Obhut ihres Kindermädchens gut aufgehoben. Sie hatte immerhin drei Tage in der Woche frei. Wie viele berufstätige Mütter konnten das schon von sich sagen? Ihr Ärger über Peter war noch nicht verflogen, als ein Krankenwagen, der es offensichtlich sehr eilig hatte, hinter ihr auftauchte und sie überholte. Brooke erschauderte. Obwohl sie selbst Ärztin war, stockte ihr beim Klang von Krankenwagensirenen jedes Mal der Atem. Dieses durchdringende Geräusch bedeutete immer eines: Irgendwo befand sich gerade jemand in einem schlimmen Notfall, jemand hatte einen Herzinfarkt, einen Autounfall oder irgendeine andere lebensbedrohliche Sache erlitten. Einen ganz kurzen Moment, nur den Bruchteil einer Sekunde, fragte sich Brooke, ob der Krankenwagen womöglich zur Party an Alethas Swimmingpool unterwegs sei. Aber dieser Gedanke verschwand genauso schnell, wie er gekommen war. Natürlich fuhr der Krankenwagen nicht zu Aletha. Bei ihrer Freundin hielten sich mehrere Ärzte auf; den Kindern ging es bestimmt gut. Sie waren in bester Obhut, wurden beschützt und waren in Sicherheit. Niemand hätte zugelassen, dass ihnen etwas passierte. Es sei denn, der Krankenwagen war für einen der Erwachsenen bestimmt. Doch im nächsten Augenblick hatte sie diesen Gedanken wieder verworfen. Von allen Häusern in Bloomington war der Krankenwagen gewiss nicht ausgerechnet zu DeWayne und Aletha unterwegs. Das waren irrationale, mütterliche Sorgen, die sich in ihrem Kopf regten, die überängstliche Stimme, die sich meldete und einen Moment für Unruhe sorgte. Als sie in Alethas Straße einbog, kreisten Brookes Gedanken wieder um Peter, doch dann erstarrte ihr Fuß auf dem Gaspedal. Das Blut wich aus ihrem Gesicht. Der Krankenwagen stand direkt vor ihr, das Blaulicht blinkte noch. 18


Er parkte genau vor dem Haus ihrer Freunde. Guter Gott, nicht eines der Kinder, bitte … Ihr Herz raste. Sie drücke aufs Gaspedal und fuhr an den fünf Häusern vorbei, die sie noch von dem Krankenwagen trennten. Drei Meter dahinter trat sie auf die Bremse und sprang aus dem Auto. In diesem Moment kamen mehrere Sanitäter aus der Haustür. Zwischen sich hatten sie eine Trage, und auf der Trage lag eine Gestalt. Die kleine Gestalt eines Kindes. Einer der Sanitäter hielt dem Kind eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht. In der Menschengruppe hinter der Trage war … Brooke fuhr sich mit der Hand an die Kehle. „Peter!“ Sie lief durch den Vorgarten. Ihre Füße waren schwer wie Blei. Er schaute ihr in die Augen, und sie wusste es. Sie wusste es, bevor sie die Trage erreichte, bevor irgendjemand ein Wort zu ihr sagte, dass das Kind, das hier in den Krankenwagen gebracht wurde, ihr Kind war. Peter lief um die Sanitäter herum, kam zu ihr und ergriff ihre Schulter. „Es ist Hayley …“ Er war kreidebleich und zitterte. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. Schock, dachte Brooke. Er steht unter Schock. Was hatte er über Hayley gesagt? Sie runzelte die Stirn und schüttelte schnell den Kopf. „Was … was ist passiert?“ Die Sanitäter gingen an ihr vorbei. Einer von ihnen blieb stehen und legte die Hand auf Brookes Arm. „Sind Sie die Mutter?“ Die Mutter? Brooke war völlig geistesabwesend. Die Mutter … die Mutter … „Ja …“ Sie riss sich von Peter los und lief neben der Trage her. Zum ersten Mal konnte sie einen klaren Blick auf ihre Tochter werfen, die regungslos auf der Trage lag. Sie war blau. Mit hektischen Bewegungen bearbeitete der Sanitäter weiterhin den Sauerstoffbeutel. Entsetzen strömte durch Brookes Adern, als sie neben ihnen her ging. „Was ist passiert?“ 19


„Sie ist … in den Pool gefallen.“ Peter war wieder neben ihr, atemlos, aber er hielt Schritt mit ihnen. „Sie … hatte keine Schwimmweste an.“ Brookes Kinnlade fiel nach unten. Eine halbe Sekunde blieb sie stehen und starrte Peter an. „Was?“ Peter bewegte den Unterkiefer, aber kein Wort kam über seine Lippen. Die Sanitäter gingen ohne sie weiter. Brooke drehte sich schnell von Peter weg und beeilte sich, die Trage wieder einzuholen. Sie erreichten den Krankenwagen. Der vordere Sanitäter riss die Türen an der Rückseite des Wagens auf. „Okay.“ Sein Tonfall war dringend, seine Augen wanderten schnell von Peter zu Brooke. „Ein Elternteil kann mitkommen.“ „Ich komme mit.“ Brooke antwortete, noch bevor der Sanitäter seinen Satz beendet hatte. Sie warf Peter einen schnellen Blick zu. „Bleib bei Maddie.“ Peter trat einen Schritt zurück und schwankte leicht. „Wir fahren gleich hinter euch her.“ „Ruf meine Eltern an.“ Er nickte, aber das bemerkte sie kaum. Sie stieg bereits in den Krankenwagen und trat an Hayleys Seite. Ihr gegenüber arbeitete der Sanitäter mit fieberhafter Geschwindigkeit an ihrer Tochter. Ein anderer Sanitäter schloss die Türen, und der Krankenwagen raste mit heulenden Sirenen los. „Hayley, Liebes, Mama ist da.“ Brooke ergriff die regungslose Hand ihrer Tochter. „Wach auf, Schatz … bitte.“ Sie drückte Hayleys Finger, aber das Kind lag bewegungslos auf der Trage. Brooke blinzelte und schaute sich im Inneren des Krankenwagens um. Das konnte nicht wahr sein. Es war ein Traum, ein Alptraum, oder? Sie war doch nicht wirklich in einem Krankenwagen und schaute zu, wie ein Sanitäter eine Sauerstoffmaske auf Hayleys Gesicht hielt, nicht wahr? 20


Schwarze Flecken tauchten vor Brookes Augen auf und drehten sich in langsamen, trägen Kreisen. In ihren Fingerspitzen und Unterarmen setzte ein Prickeln ein. Ihr Atem wurde flach. Schock, genauso wie bei Peter. Sie stand unter Schock. „Nein!“ Sie rief das Wort laut. Dann zwang sie sich, zweimal kräftig zu blinzeln. Nein, sie war die Ärztin, nicht die Patientin. Sie konnte sich einen Schock nicht leisten. Nicht jetzt. Sie rutschte in die Rolle der Ärztin und schaute Hayley an, betrachtete sie genau, ging die Fakten durch, wie sie es tat, wenn Hayley die Tochter einer anderen Frau wäre. Hayley lag neben ihr, und sie waren unterwegs zum Krankenhaus, weil Hayley zu lange unter Wasser gewesen war. War es nicht so? Ja. Ja, das waren die Fakten. Aber Brooke fehlten alle nötigen Informationen. Plötzlich musste sie es unbedingt wissen. Ihr Blick wanderte schnell zu dem Sanitäter hinüber. „Wie lange …“ Brooke hatte Mühe, die Worte auszusprechen. „Wie lange war sie unter Wasser?“ „Das weiß niemand genau. Zehn Minuten, vielleicht auch länger.“ Zehn Minuten! Zehn Minuten, was hatten alle anderen bei der Party getan? Hatte sie keiner vermisst? Was war mit Peter? Wo war er gewesen? Hatte er vor dem Fernseher gesessen und Baseball geschaut? Während Hayley ganz allein über die Terrasse spaziert war? Während sie in den Pool gefallen war? Entsetzliche Bilder tauchten vor Brookes geistigem Auge auf. Hayley, wie sie verzweifelt zum Beckenrand schwimmen wollte, wie sie in Panik geriet und versuchte, sich daran zu erinnern, dass sie mit den Füßen strampeln und die Arme bewegen musste. Brooke konnte sie sehen, wie sie schneller und kräftiger paddelte und anfing zu sinken. Sie schrie nach ihrem Papa, nach Maddie, nach irgendjemand, der ihr aus dem Pool helfen konnte. Aber dazu brauchte sie Luft, und dieser erste riesige Schluck füllte ihre Lunge mit Wasser, bis 21


sie sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie man schreit oder paddelt oder die Füße bewegt, bis ihr Verstand in der erstickenden Dunkelheit versank und ihr Körper langsam auf den Boden des Beckens sank. Brooke verstärkte ihren Griff um Hayleys Hand. Die Bilder verschwanden wieder. Rette sie, Gott … lass sie nicht sterben …. Übelkeit erfasste sie. Brooke schaute sich nach einer Tüte um, da sie fürchtete, sich übergeben zu müssen. Als sie keine sah, schloss sie wieder die Augen, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Nein, ihr würde nicht schlecht werden. Nicht jetzt. Hayley brauchte sie; sie könnte sich später übergeben. Sie ließ die Finger ihrer Tochter los und streichelte ihre federweichen, blonden Haare. „Hayley, Baby, Mama ist bei dir.“ Der Sanitäter setzte seine Bemühungen fort. Er kontrollierte alle paar Sekunden ihren Puls und drückte weiterhin rhythmisch den Sauerstoffbeutel. Erst jetzt bemerkte Brooke die Schwellung in Hayleys Händen und Fingern. Sogar ihr Gesicht sah aufgedunsen aus. Je schlimmer es um ein Ertrinkungsopfer stand, umso stärkere Schwellungen wies es auf. Dieses Mal konnte sie sich gegen ihre Panik nicht wehren. Sie musste es wissen, sie musste die Frage stellen, die in ihr brannte. „Wird sie …“ Brooke fuhr mit den Fingern über Hayleys gebräunten Arm und schaute dem Sanitäter in die Augen. Das war die Frage, die die Patienten ihr stellten, aber jetzt musste sie sie stellen. Sie drückte sich die freie Hand auf den Magen und befahl sich, ihren Satz zu beenden. „Wird sie am Leben bleiben?“ „Wir haben einen Puls.“ Der Sanitäter war atemlos. Schweißperlen liefen über seine Schläfen. „Aber sie hat keine Eigenatmung.“ Ein Kloß bildete sich in Brookes Kehle. Die Information des Sanitäters war offensichtlich. Wenn Hayley selbst atmen würde, bräuchte er sie nicht künstlich zu beatmen. Aber es zu hören, die 22


Worte dieses Mannes zu hören, mit denen er Hayleys beunruhigende Lage beschrieb, machte diesen Moment noch realer. Wie sehr war ihr Gehirn geschädigt? Wie lange würde es dauern, bis sie sich ein Bild vom Ausmaß ihrer Verletzungen machen könnten und der erste Schritt zurück zur Normalität und Gesundheit möglich war? Sie hatte hundert andere Fragen, aber sie brauchte keine einzige zu stellen. Sie war selbst Ärztin; sie kannte die Antworten. Je nachdem, wie lange Hayley unter Wasser gewesen war, konnte sie möglicherweise schon hirntot sein. Wenn nicht, falls noch ein Funke Leben in ihr war, könnte es sein, dass sie den Rest ihres Lebens in einem Krankenbett verbringen müsste und an alle möglichen Maschinen angeschlossen wäre. Daneben gab es zig andere Möglichkeiten. Hayley konnte einen Hirnschaden haben, vielleicht würde sie nie wieder essen, gehen oder sprechen können. Oder sie könnte das alles machen, aber nur sehr langsam und mühsam. Nur eine einzige Möglichkeit war für sie akzeptabel. Aber diese Möglichkeit bestand nur, wenn ihr Gehirn nicht geschädigt war. Falls Hayley nicht so lange unter Wasser gewesen war, wie angenommen, und wenn sie das anfängliche Trauma überstehen konnte, dann würde sie vielleicht – aber nur vielleicht – zu ihnen zurückkommen und wieder dieselbe Hayley sein wie heute Morgen. Aber Brooke wusste genau, wie schlecht die Chancen für diese Möglichkeit standen. Schließlich hatte sie Pädiatrie studiert. Sobald ein Opfer nicht mehr selbst atmete, waren keine Untersuchungen nötig, um festzustellen, ob ein Hirnschaden eingetreten war. Ein Hirnschaden war eingetreten; so einfach war das. Die Sirenen wurden lauter. Sie waren so grell und kreischend, dass sie glaubte, den Verstand zu verlieren. Es war alles ihre Schuld, nicht wahr? Sie hätte die Rufbereitschaft nicht übernehmen sollen. Wenn sie dort gewesen wäre, wäre Hayley keine Sekunde 23


allein am Pool gewesen. Sie wäre nirgends einen Moment unbeaufsichtigt gewesen. Das hätte Brooke nicht zugelassen. Aber Peter … Ihre eigenen Schuldgefühle verblassten, als sie sich ihren Mann vorstellte, wie er im Wohnzimmersessel klebte und das Baseballspiel verfolgte. So sehr dieser Unfall ihre Schuld war, war er noch mehr Peters Schuld. Sie hatte ihn gebeten, auf die Kinder aufzupassen, sie im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, dass sie ihre Schwimmwesten anbehielten. Sie legte ihre Hand wieder um Hayleys Hand. „Baby … wach auf, bitte, Schatz.“ Ihre Stimme wurde leiser, unsicherer. Wenn Hayley nicht atmete, konnte sie definitiv auch nichts hören. Hayley war überhaupt nicht da, überhaupt nicht. Sie war in einer anderen Welt gefangen, in einer fernen Zelle eingesperrt. Ihre Freilassung hinge von einer einzigen Sache ab. Von der Funktionsfähigkeit ihres Hirns. „Wir sind fast da.“ Der Sanitäter schaute aus dem Seitenfenster und behielt die Hand auf dem Beutel. Er brauchte ihr nicht zu sagen, dass jede Sekunde zählte. Sie nickte und konzentrierte ihren Blick auf Hayleys Gesicht. Beweg dich, Schatz. Zeige mir, dass du noch da bist … Aber ihre Tochter rührte sich nicht. Brooke dachte wieder an die Schwimmwesten. Keines der Mädchen konnte sie ohne fremde Hilfe ausziehen. In Brookes Seele braute sich riesiger Zorn zusammen. Sie hatte Peter gebeten, dafür zu sorgen, dass sie die Schwimmwesten anbehielten. Das bedeutete, dass jemand anders sie ihnen ausgezogen haben musste. Aber wer? Aletha oder eine der anderen Mütter war es bestimmt nicht gewesen. Dieses Risiko wäre keine von ihnen eingegangen. Hayley und Maddie hätten die anderen Väter sicher nie darum gebeten. Ihr Zorn wurde noch größer. Vor ihrem geistigen Auge entstand ein Bild. Sie sah, wie Hayley und Maddie zu Peter liefen und ihn baten, ihnen die Westen auszuziehen. Vielleicht, damit 24


sie oben mit den anderen Mädchen spielen oder beim Kuchenessen bequemer auf den Küchenstühlen sitzen konnten. Aber wenn Peter ihnen die Schwimmwesten ausgezogen hätte, dann wäre er bei den Mädchen geblieben. Er wäre bei ihnen geblieben, oder er wäre wenigstens bei den anderen Erwachsenen in der Küche geblieben. Dadurch hätte er gesehen, ob die Mädchen wieder in den Garten wollten. Aber wenn nicht … Wenn er nur vor dem Baseballspiel gesessen und sich mit DeWayne unterhalten hätte … Der Krankenwagen raste in die Einfahrt vor dem Krankenhaus und hielt vor der Notaufnahme an. Jemand riss von außen die Türen auf. Der Sanitäter brachte zusammen mit zwei anderen die Trage eilig ins Innere des Gebäudes. Brooke wich nicht von ihrer Seite und betete bei jedem Schritt, während die Gummisohlen ihrer Tennisschuhe gedämpfte Takte auf dem Linoleumboden des Krankenhauses hinterließen, die wie Bitte, Gott … bitte, Gott … bitte, Gott … bitte, Gott … klangen. Keine anderen Worte kamen ihr in den Sinn; selbst mit großer Kraftanstrengung könnte sie jetzt nichts sagen. Die schwarzen Flecken waren wieder vor ihren Augen. Brooke starrte auf die Trage, die vor ihr durch den Gang geschoben wurde. Was machten sie hier? Warum war Hayley im Krankenhaus und schlief tief und fest? Wie kam es, dass niemand versuchte, sie aufzuwecken? Panik ergriff sie, bremste ihre Schritte, durchbohrte sie mit einem stechenden Schmerz, unter dem sie sich einige Sekunden krümmte. Sie starrte auf den ausgetretenen Krankenhausboden und hob dann den Kopf. Hayley verschwand vor ihr und wurde ohne sie davongetragen. „Warten Sie!“ Brooke richtete sich auf und zwang ihre Beine, sich weiter zu bewegen. „Alles in Ordnung?“ Einer der Sanitäter blieb hinter den anderen zurück und hielt ihr die Hand hin. 25


Brooke nahm seine Hand und spürte, dass sie sich weiter bewegte, spürte, wie ihre Füße an Geschwindigkeit zulegten, als sie die Hand des Sanitäters wieder losließ und erneut die Trage einholte. Bitte, Gott … bitte, Gott … bitte, Gott …. „Hayley!“ Sie bekam kaum Luft, aber irgendwie schaffte sie es, die Worte auszusprechen: „Ich bin da, Liebes.“ Die Flecken vor ihren Augen verblassten wieder. Sie erinnerte sich, wo sie war, was hier geschah. Man versuchte, Hayleys Leben zu retten. Sie zwang ihre Füße, sich weiter zu bewegen, weiter einen Schritt vor den anderen zu setzen, bis man Hayley in einen Untersuchungsraum in der Notaufnahme brachte. Lass sie nicht sterben, Gott … lass sie nicht sterben. „Einen Beatmungsschlauch legen.“ Die Stimme des Arztes kam ihr bekannt vor, aber Brooke schaute ihn nicht an, sie sah nur ihre Tochter. „Hayley …“ Brookes Flüstern verlor sich im hektischen Treiben des Personals in der Notaufnahme, das sich bemühte, ihre kleine Tochter zu beatmen. „Hayley.“ Sie berührte Hayleys feuchte, blonde Haare. Ihre Gedanken rasten in alle Richtungen. Und wenn Hayley starb? Wenn sie dauerhafte Schäden hatte? Wenn sie nie wieder so wäre wie früher? Brooke fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe und versuchte zu schlucken. Und was war mit ihr selbst? Wenn sie es keine Minute länger ertragen könnte, Hayley so regungslos auf der Trage liegen zu sehen? Wo war Peter? Wo war er gewesen, als der Unfall passierte? Egal, wo er gewesen war, er hatte nicht auf sie aufgepasst, er hatte sie ertrinken lassen. Das alles war seine Schuld; es musste seine Schuld sein. Wahrscheinlich hatte er den Mädchen die Schwimmwesten ausgezogen und vergessen, sie ihnen wieder anzuziehen. So musste es gewesen sein. Falls sie Hayley aufgrund seiner Achtlosigkeit verloren, dann war das seine Schuld. Auch wenn sie die Rufbereitschaft übernommen hatte. Während sich das Krankenhaus26


personal hektisch um ihre Tochter bem체hte, setzte sich diese Erkenntnis immer st채rker in Brooke fest. Noch etwas anderes wusste sie mit immer deutlicherer Gewissheit. Falls sie wegen Peters Achtlosigkeit Hayley verlor, h채tte ihre Ehe keine Chance mehr. Denn solange sie lebte, w체rde sie ihm das niemals verzeihen.

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