Skip to main content

331017

Page 1

Cindy Woodsmall

... und flöge ans äußerste Meer ... Hannah, das Amischmädchen – Band 2


Über die Autorin: Cindy Woodsmall lebt mit ihrem Mann in Georgia. Als ihre drei Kinder flügge wurden, begann sie zu schreiben. Bereits ihr erster Roman wurde für einen Christian Book Award nominiert. Ihre Freundschaften zu Mennoniten und Amisch bereichern ihre lebendigen und authentischen Romane.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86827-017-4 Alle Rechte vorbehalten Originally published in English under the title: When the Morning Comes by Cindy Woodsmall Copyright © 2007 by Cindy Woodsmall Published by WaterBrook Press a division of Random House, Inc. 12265 Oracle Boulevard, Suite 200 Colorado Springs, Colorado 80921 USA All non-English language rights are contracted through: Gospel Literature International P.O. Box 4060, Ontario, California, 91761-1003 USA This translation published by arrangement with WaterBrook Press, a division of Random House, Inc. German edition © 2008 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Silvia Lutz Coverfoto: Jim Celuch Coverdesign: Mark D. Ford Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de


Hauptfiguren aus Band 1: Nähme ich Flügel der Morgenröte… Hannah Lapp – siebzehn Jahre, amisch. Sie verließ in Schande ihr Zuhause in Owl’s Perch, Pennsylvania, um in Winding Creek, Ohio, bei ihrer Tante Zabeth, die vor vielen Jahren mit dem Bann belegt wurde, ein neues Leben zu beginnen. Sie war mehrere Monate heimlich mit Paul Waddell verlobt. Zeb und Ruth Lapp – Hannahs Eltern, amisch. Neben Luke, Hannah und Sarah haben sie noch vier andere Kinder: Levi, neunzehn Jahre; Esther, zwölf Jahre; Samuel, sieben Jahre; Rebecca, vier Jahre. Luke Lapp – einundzwanzig Jahre, amisch. Er ist Hannahs ältester Bruder und war früher ihr bester Freund, wollte aber lange die Wahrheit über die Tragödie seiner Schwester nicht glauben. Sarah Lapp – fünfzehn Jahre, amisch. Sie ist ziemlich verwirrt und unsicher und brachte falsche Gerüchte über ihre Schwester Hannah in Umlauf. Matthew Esh – einundzwanzig Jahre, amisch. Ein treuer Freund von Hannah. Er ist in Elle Leggett verliebt. Seine Eltern sind Naomi und Raymond Esh. Er hat zwei Brüder: David, dreizehn, und Peter, zehn Jahre. Elle Leggett – zweiundzwanzig Jahre, nicht Mitglied der amischen Kirche. Sie wurde als Kind englischer Eltern geboren. Als sie zehn war, starb ihre Mutter, und ihr Vater verließ sie. Abigail und Hezekiah (Kiah) Zook, ein kinderloses, amisches Ehepaar, nahmen sie auf und erzogen sie amisch.

5


Dorcas Miller – einundzwanzig Jahre, Mennonitin. Sie ist mit Paul und seiner Familie befreundet und besuchte bis zum Abschluss der High School dieselbe mennonitische Schule wie Paul. Paul Waddell – einundzwanzig Jahre, Mennonit und Collegestudent kurz vor dem Studienabschluss. Jahrelang träumte er davon, Hannah zu heiraten und sein Studium als Sozialarbeiter dafür einzusetzen, Familien zu helfen. Dann fand er das Geheimnis seiner Verlobten heraus. Katie [Großmutter] Waddell – Pauls mennonitische Großmutter. Sie wohnt eine Meile vom Haus der Lapps entfernt und hatte Hannah bis zu deren tragischem Überfall als Haushaltshilfe beschäftigt. Paul war während der Sommerferien immer bei seiner Großmutter. Sie, Dorcas und Pauls ältere Schwester Carol sind die einzigen Menschen in Pauls Leben, die von seiner Beziehung zu Hannah wussten. Carols Mann heißt William. Sie haben zwei kleine Söhne. Mary Yoder – siebzehn Jahre, amisch. Mary ist Hannahs beste Freundin. Sie ist mit Hannahs Bruder Luke verlobt. Mary hat sich immer noch nicht ganz von einem Verkehrsunfall erholt, bei dem ihr und Lukes Einspänner mit einem Auto zusammenprallte. Marys Eltern sind Becky und John Yoder, und sie hat neun Brüder. Eli Hostetler – Bischof der amischen Familien in Owl’s Perch. Er befahl der Gemeinde, Hannah während einer kritischen Phase ihrer Schwangerschaft allein zu lassen, da er sie dadurch zwingen wollte, ihre vermeintlich gelogene Schilderung davon, wie sie schwanger geworden war, zu überdenken. Seine Frau ist Grace Hostetler.

6


Kapitel 1 Hannah umklammerte den Haltegriff, als der Zug quietschend und ächzend zum Stehen kam. Ihr Körper litt unter dem Verlust des Kindes, das sie noch vor wenigen Tagen in sich getragen hatte. Als der Schaffner die Tür nach außen öffnete, stockte ihr bei der kalten Nachtluft der Atem. Der Mann stieg mit ihrer Tasche in der Hand aus dem Zug und drehte sich dann um, um ihr auf den Bahnsteig zu helfen. „Hier draußen ist es heute Abend unangenehm kalt.“ Der Schaffner schaute sich auf dem leeren Parkplatz um. Dann reichte er Hannah ihre Reisetasche. Sie war leicht, obwohl sie alles enthielt, was die junge Frau besaß – alles, was sie hatte, um ein neues Leben zu beginnen. „Haben Sie jemanden, der Sie hier abholt, junge Dame?“ Hannah wünschte, sie hätte eine befriedigende Antwort auf diese Frage, und betrachtete ihre Umgebung. Der alte Bahnhof war dunkel und verlassen. Außerhalb des Zuges, der gleich weiterfahren würde, war nirgends ein Lebenszeichen zu sehen. Sie schaute den Zug in beiden Richtungen der Länge nach an. Außer ihr stieg keine Menschenseele hier aus. Sorgenfalten zogen über das Gesicht des Schaffners. „Das Gebäude ist von 24 bis 7 Uhr geschlossen. Es ist keine offizielle Haltestelle mehr, aber wir halten trotzdem hier an, um Fahrgäste aussteigen zu lassen. Wenn jemand in Alliance landet, sollte er am besten vorher Pläne getroffen haben.“ Ungefähr hundert Meter von ihr entfernt war ein kleines, blaues Schild mit den weißen Umrissen eines Telefons zu erkennen. „Ich habe Pläne“, flüsterte sie und hoffte, er würde keine weiteren Fragen stellen. Er nickte, nahm das Funkgerät von seinem Gürtel und sprach hinein. Natürlich würde er nicht weiter fragen. Der Zug musste seinen Fahrplan einhalten und weiterfahren. Als er wieder in den Zug stieg, rollte dieser mit einem langen,

7


lauten Pfeifen langsam an. In den Stunden, die sie von Owl’s Perch, Pennsylvania, nach Alliance, Ohio, gefahren war, hatte das Pfeifen des Zuges ihr das Gefühl von Hoffnung und Sicherheit vermittelt. Aber als der Zug, der sie mit Wärme, Schutz und Essen versorgt hatte, jetzt um die Kurve verschwand, fühlte sie sich mutterseelen-allein. Sie drehte sich zu dem Schild mit dem Telefon um. Sie war unsicher, ob sie genug Informationen hatte, um über die Telefonauskunft die Nummer ihrer Tante in Erfahrung zu bringen, und sie begriff, wie dumm es gewesen war, sie nicht schon während ihres Aufenthalts am Bahnhof in Pittsburgh angerufen zu haben. Sie hatte so viel Angst gehabt, sie könnte ihren nächsten Zug verpassen, dass sie lieber sitzen geblieben war und gewartet hatte. Hannah wickelte ihr Wolltuch enger um sich und begab sich zum Telefon. Aber als sie vor dem Schild stand, sah sie, dass es hier kein Telefon gab. Sie ging um den Pfosten herum und schaute sich nach allen Seiten um. Dann machte sie einen etwas weiteren Kreis um die leere Stelle. Das Schild hing hier falsch. Gott, was habe ich nur getan? Bis zum Morgen wäre sie erfroren. Hannah ging noch einmal um das Gebäude herum und suchte nach einer Nische, die sie vor dem Wind schützen würde. Als sie keine fand, überquerte sie den Schotterparkplatz und begab sich zum Rand der Teerstraße. Links von ihr war eine Anhöhe mit einer scharfen Kurve. Von ihrem Blickwinkel aus konnte Hannah nicht sehen, was dahinter lag. Rechts von ihr, fast einen Kilometer entfernt, leuchteten Lichter von hohen Pfosten herab. Zitternd ging sie langsam in Richtung der Lichter, da sie hoffte, sie würde dort vielleicht irgendeinen Unterschlupf finden. Bei jedem Schritt zog sich ihr Unterleib vor Schmerzen zusammen. Sie hatte sich so sehr bemüht, Paul nicht zu verlieren, und dabei alles verloren. Alles. Das Wort kreiste ununterbrochen durch ihren Kopf und raubte ihre Willenskraft. Links von sich konnte sie in der Ferne die Rückseiten einiger Häuser ausmachen, die auch im schwachen Nachtlicht ziemlich baufällig wirkten. Es sah so aus, als wäre Alliance – oder wenigstens dieser Teil der Stadt – genauso arm wie sie.

8


Sie näherte sich dem beleuchteten Viertel. Gehwege und altmodische Läden säumten beide Seiten der Straße. Die meisten Läden hatten eine Glasfront; dahinter war es jedoch überall dunkel. Auf der verzweifelten Suche nach Wärme und todmüde, überlegte sie, ob eine der Türen vielleicht unverschlossen war. Die Türen zu den Läden waren etwa zwei Meter nach hinten versetzt und wurden links und rechts von Schaufenstern gesäumt. Als sie in eine dieser Nischen trat, war sie wenigstens vor dem eisigen Wind geschützt. Hannah klopfte an die Tür, bevor sie versuchte, sie zu öffnen. Die Tür war abgeschlossen. Sie ging zum nächsten Laden und versuchte es erneut. Er war ebenfalls verschlossen. Während sie von einem Eingang zum nächsten ging, wurde sie immer schläfriger. Als sie zu müde war, um noch irgendetwas anderes zu versuchen, lehnte sich Hannah an die kalte Schaufensterscheibe des kleinen Ladens und rutschte nach unten, bis sie auf der Erde saß. Sie holte die zwei Kleider heraus, die sie in ihre Reisetasche gepackt hatte, zog eins davon über das Kleid, das sie schon trug, und schob das andere unter sich, um zwischen sich und dem eisigen Betonboden eine kleine Schutzschicht zu schaffen. Sie nahm ihre Gebetshaube, ihre Kapp, ab, löste ihre Haare aus ihrem Knoten, um durch sie zusätzlich gewärmt zu werden, und band ihre Kapp wieder darauf fest. Hannah schlief immer wieder kurz ein, während ihr Körper darum kämpfte, irgendwie warm zu bleiben. Jedes Mal, wenn sie einnickte, quälte sie die Erinnerung an das Leben, das sie zurückgelassen hatte. Das graue, steinerne Bauernhaus ihrer Familie, das zwischen weiten Feldern lag. Das amische Erbe, das für sie früher Halt und Liebe bedeutet hatte. Bilder von ihrer Mutter, die ihr beigebracht hatte zu nähen, zu kochen und die kleinen Kinder zu versorgen. Mary, ihre liebste Freundin, die zu ihr gestanden hatte, auch als die Gefahr bestand, dass sie dadurch ihren Verlobten Luke, Hannahs eigenen Bruder, verlieren könnte. Bilder von Paul tauchten auf und die Gedanken an ihre Familie verblassten. Sie schalt sich dafür, dass sie sich nach ihm sehnte. Aber sie konnte nicht verhindern, dass die Erinnerungen auf sie einprasselten. Sie konnte sein Lachen hören, wenn sie Brettspiele spielten, sie konnte die Kraft sehen, die von seinen Händen und Armen

9


ausging, wenn sie Seite an Seite im Garten arbeiteten, und seine Freude an dem Tag fühlen, an dem sie seinen Heiratsantrag angenommen hatte. Halt. Ich will nicht daran denken. Hannah zitterte immer mehr, als die Kälte des Betonbodens durch ihre Kleidung drang. Sie fragte sich, ob sie in der Nacht erfrieren oder am Morgen wieder aufwachen würde. Von irgendwo auf dem Gehweg näherten sich Schritte. Sie öffnete mühsam die Augen und erkannte in den dunklen Schatten der Nacht die Silhouette eines Mannes, der am Ende des langen, verglasten Eingangsbereichs stand. Ihr Herz schlug wie wild, aber es war ihr unmöglich, ganz wach zu werden. Vielleicht entdeckte er sie nicht. Als sie das nächste Mal ihre Augen öffnete, stand der Mann direkt vor ihr. Sie schaffte es immer noch nicht, ganz wach zu werden, und konnte deshalb nicht mehr als sein Profil erkennen. Ohne jegliche Energie oder eine Möglichkeit zur Flucht wartete Hannah, was geschehen würde – wie ein Tier, das in der Falle saß. Der Mann nahm etwas, das er um sich gelegt hatte, und breitete es über sie. Die schreckliche Kälte wurde erträglicher, Wärme breitete sich über ihr aus. Sie konnte die Augen nicht länger offen halten.

10


Kapitel 2 Perry County, Pennsylvania Mit einem leisen Murren nahm Sarah ihren Winterumhang vom Haken und ging zur Hintertür hinaus, um eine Ladung Holz zu holen. Die frühe Morgensonne funkelte auf der frischen Schneeschicht. Während Sarah zum Schuppen stapfte, beschäftigten sie die sonderbaren Ereignisse des Vortages. Sie hinterließ Schneespuren auf dem Lehmboden des überdachten Schuppens, als sie zum Holzstapel ging. Während sie sich ein Holzscheit auf die Armbeuge legte, schimpfte Sarah leise vor sich hin, weil Samuel gestern Abend seine Arbeit nicht erledigt hatte. Das würde Daed erfahren. Beim Klappern von Pferdehufen und dem Quietschen eines Einspänners, der in den Hof gefahren kam, drehte sie sich um. Matthew Esh lenkte das Pferd, und seine Mutter Naomi saß neben ihm. Während Sarah im Schuppen stand und stumm zuschaute, wie die beiden aus dem Wagen stiegen, erblickte Matthew sie. Er zog den Kopf ein und kam unter das niedrige Dach. „Sarah.“ Er begrüßte sie mit einem ziemlich kalten Kopfnicken. Dann stapelte er sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, Feuerholz auf den Arm. Natürlich hat er mir nichts zu sagen. Er war Hannahs Freund. Sobald ein Mann die perfekte Schönheit und Anmut von Sarahs älterer Schwester sah, würdigte er sie, die Jüngere, keines einzigen Blickes mehr. Daed kam aus dem Stall und sprach einen Moment mit Naomi, bevor er das Pferd in den Stall führte. Er bedeutete ihr, ins Haus zu gehen. Durch die offene Doppeltür zum Stall konnte Sarah sehen, wie Levi immer noch Mist schaufelte, nachdem er die Kühe gemolken hatte. Sie fragte sich, wo Luke steckte. Bevor sie daran dachte, Matthew zu fragen, was er und seine Mutter hier machten, schritt er die kurze Strecke zum Haus hinab. Sarah folgte ihm schweigend.

11


Als sie eintrat, saßen ihre drei jüngeren Geschwister am Küchentisch und aßen. Naomi stand vor dem Holzofen und wärmte sich die Hände. „Draußen ist es bitterkalt.“ Ihre Stimme klang heute anders als sonst. Matthew lud das Holz ab und ging wieder zur Hintertür hinaus. „Ja, es ist kalt“, bestätigte Sarah, steckte zwei Holzscheite in die Holztonne und schloss den Deckel. „Der Ofen verschlingt das Holz, als wären es Bonbons. Aber das Haus ist trotzdem noch ein bisschen kalt.“ Einige Minuten später stapfte Daed aus der Abstellkammer in die Küche, ohne jemanden anzuschauen. Da er seine verschmierten Arbeitsstiefel ausgezogen hatte, steckten seine Füße nur noch in seinen schwarzen Wollsocken. „Sarah, koch einen Topf Kaffee, während ich deine Mutter hole.“ Matthew kam durch die Hintertür und hatte das Holz so hoch auf seinen Armen gestapelt, dass er kaum darüber schauen konnte. Sarah ging zur Holztonne und öffnete den Deckel. Dann nahm sie die obersten Scheite von seinem Stapel. „Es geht schon, Sarah. Ich mache das.“ Matthews Worten fehlte die übliche Wärme. Normalerweise begannen er und ihr Vater, sobald sie sich begrüßt hatten, ein lockeres Gespräch über Pferde, Kühe und dergleichen. Aber heute deutete nichts auf Normalität hin. Sarah sah eine Chance, hier zu bleiben, um zu hören, was geredet wurde. Sie würde so schnell wie möglich etwas in den Ofen schieben. Nachdem sie den Kaffee aufgebrüht und die Tassen mit heißem Wasser gefüllt hatte, um sie anzuwärmen, begann sie, den Sauerteig zu kneten, den Esther gestern Abend angesetzt hatte. Als Mamm und Daed in die Küche kamen, forderten sie Sarah nicht auf zu gehen. Esther, Rebecca und Samuel wurden jedoch angewiesen, ihr Frühstück mit nach oben zu nehmen und dort zu bleiben, bis sie gerufen wurden. Als Sarah zurückkam, nachdem sie Esther geholfen hatte, ihre zwei jüngsten Geschwister mit ihren Tellern und Bechern nach oben zu bringen, war der Kaffee fast fertig. Sie stellte die Sahne und den Zucker auf den Tisch, bevor sie das Wasser aus den Tassen in den Abfluss kippte und den frischen Kaffee einschenkte. Sie stellte je-

12


dem eine Tasse auf den Tisch und war erleichtert, dass sie für die anderen anscheinend unsichtbar war. Sie stellte einige Brötchen, die vom Frühstück übrig waren, auf den Tisch. Ein langes, unangenehmes Schweigen lag im Raum. Sarah hoffte, jemand würde sagen, was los war, bevor sie zu den anderen nach oben verbannt würde. Daed klopfte mit dem Löffel an den Rand seiner Tasse und schaute Naomi an. „Ich nehme an, ihr seid wegen Hannah hier.“ Sarah stand still an der Arbeitsplatte und beobachtete die anderen aus dem Augenwinkel, während sie eine Handvoll Teig ausrollte. In ihrem Bauch rumorte es. Beim Gedanken daran, dass Hannah von ihrem Podest gestürzt worden war, regten sich gleichzeitig Schuldgefühle und ein gewisser Triumph in ihr. Naomi räusperte sich. „Ich finde, die Gemeinde wurde in Bezug auf Hannahs … auf Hannahs Geheimnis viel zu lange im Dunkeln gelassen.“ Hannahs Geheimnis? Der Teig in Sarahs Händen fiel platschend auf den Boden. Sie hob ihn schnell auf. „Sarah.“ Die Stimme ihres Vaters ließ den Raum erzittern. Sie fuhr herum. „Ja, Daed?“ „Du solltest nicht hier sein.“ Sie wollte um die Erlaubnis bitten, bleiben zu dürfen, aber der Blick in Daeds Augen verbot es ihr. Matthew schob seine Kaffeetasse in die Mitte des Tisches. „Zeb, was passiert ist, lässt sich nicht länger geheim halten. Wenn du es ihnen nicht erzählst, sind deine Kinder auf die Gerüchte angewiesen, die sie sicher hören werden, und müssen sich daraus einen Reim machen.“ Matthew schloss die Augen und holte tief Luft, bevor er sie wieder öffnete. „Aber natürlich sind das hier dein Haus und deine Familie.“ Ihr Vater blickte missbilligend in die Runde, aber er nickte leicht und gab Sarah damit zu verstehen, dass sie bleiben könne. Naomi strich ihre Schürze glatt. „Ich habe noch nie erlebt, dass unser Bischof gegen einen Menschen so unerbittlich vorgegangen wäre wie gegen Hannah. Wegen der unnachgiebigen Haltung des Bischofs und der Prediger, die kein Wort von dem glaubten, was sie sagte, war sie gezwungen, allein zu bleiben …“ Sarah bekam keine Luft. Sie war zum Bischof gegangen und hatte

13


ihm einiges über Hannah erzählt, aber das war sicher nicht die Ursache für diese Probleme gewesen. Daed schob seine Kaffeetasse weg. „Was hat meine älteste Tochter denn jetzt schon wieder angestellt, dass ihr zu mir kommt?“ Naomi warf einen kurzen Blick auf ihren Sohn. „Zeb, Ruth.“ Sie schwieg kurz. „Ich hoffe, ihr bringt es übers Herz, mir zu vergeben.“ Mamms Augen öffneten sich weit. „Dir zu vergeben? Du hast doch nichts Schlimmes getan.“ Daed warf einen Blick auf Sarah. „Wir wissen alle, dass Hannah jedem etwas vorgespielt hat. Du brauchst dich ihretwegen nicht schuldig zu fühlen.“ Sarah drehte ihnen den Rücken zu, als hätte sie ihn nicht gehört, wusch den Teig von ihren Händen und hoffte, dieses Gespräch würde nicht mit einer Anklage gegen sie enden. Er sprach weiter. „Wenn du gekommen bist, weil du denkst, du wärst an irgendetwas schuld, dann irrst du dich. Niemand ist schuld an dem Kind außer Hannah.“ Sarah drehte sich abrupt zu ihrer Mutter herum. „Hannah hat ein Baby?“ Ihre Mutter starrte mit leerem Blick auf den Tisch. „Sag das nie wieder, Sarah.“ Matthew stand von seinem Stuhl auf. „Nichts von dem, was passiert ist, wird ein Geheimnis bleiben.“ Er bedeutete Sarah, an den Tisch zu kommen und sich zu setzen. „Ich finde, ihr solltet es ihr sagen.“ Sarah setzte sich und konnte das, was sie hier hörte, nicht glauben. Wie konnte ihre unverheiratete Schwester ein Kind haben? Daed vergrub den Kopf in seinen Händen. „Also gut. Ruth, sag es ihr, aber mach es kurz. Naomi und Matthew haben offensichtlich etwas auf dem Herzen, über das sie sprechen wollen.“ „Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Mamm schüttelte den Kopf. „Soll ich ihr Hannahs Version erzählen oder das, was deiner Meinung nach passiert ist oder das, was der Bischof für die Warhheit hält?“ Ihre Augen wurden feucht. „Sag es mir, Zeb. Was soll ich über Hannah und meinen erstgeborenen Enkel sagen?“ „Ruth.“ Naomis Stimme klang trotz der Anspannung im Raum ruhig. „Ich war dabei, als Hannah entbunden hat. Ich würde mein Leben, sogar das Leben meines Sohnes, darauf geben, dass das Kind,

14


das Hannah entbunden hat, wirklich so gezeugt wurde, wie sie es euch erzählt hat.“ Mamm ballte die Fäuste auf dem Tisch, vergrub das Gesicht darin und jammerte: „Oh, Gott, was haben wir nur getan?“ Sie schaute ihren Mann an. „Was haben wir nur getan?“ Eine tiefe Verachtung zog über Daeds Gesicht, als er vehement den Kopf schüttelte. „Naomi hat das Herz einer Mutter. Natürlich glaubt sie, was Hannah ihr erzählt hat.“ Naomi stand auf und baute sich vor dem Oberhaupt dieses Hauses auf. Die Traurigkeit, die auf ihrem Gesicht gewesen war, verschwand von einer Sekunde auf die andere und wich einem unübersehbaren Zorn. Sarah hatte noch nie gesehen, dass irgendeine Frau einen Mann mit einer solchen Wut angeschaut hatte. Matthew legte die Hand auf den Arm seiner Mutter und forderte sie mit einer Kopfbewegung auf, sich wieder zu setzen. Als sie das tat, nickte er. „Mamm war im Zimmer und hörte, wie Hannah betete und dabei von dem Überfall sprach. Hannah wusste nicht einmal, dass Mamm da war.“ Es wurde still in der Küche. Hannah war überfallen worden? Sarah verwarf diesen Gedanken sofort. Ihre Schwester hatte das bestimmt erfunden, um ihre Sünde zu tarnen. Zeb nahm sich Zucker und rührte ihn schnell um. „Ich glaube eher, du hast gehört, wie sie es bereute, dass sie uns erzählt hat, sie wäre überfallen worden, obwohl das nicht stimmte.“ Naomi stand auf und deutete mit einem zittrigen Finger auf Daed. „Wage es nicht, Lügen über deine Tochter zu verbreiten, Zeb Lapp, nur weil du der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen kannst.“ Sie zog ihr Tuch enger um die Schultern. „Kein Wunder, dass sie dir nicht verraten wollte, wohin sie gefahren ist. Sie wusste, dass du ihr nie glauben würdest. Dass du sie nur verurteilen würdest.“ Sie wandte sich an Matthew. „Hol deinen Mantel! Dieser Mann hört lieber auf die Gerüchte, die in seinem eigenen Kopf rumoren.“ Mamm stand auf und schaute Naomi entsetzt an. „Meine Hannah ist fort?“ Plötzlich begriff Sarah: Die Eshes waren heute gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass ihre Schwester fortgefahren war.

15


Naomi legte die Hand auf Mamms Schulter. „Matthew und ich haben sie gestern zum Bahnhof gebracht. Sie hat niemandem verraten, wohin sie fährt.“ Daed schaute seine Frau an. „Aber die Gerüchte, dass sie nachts fort war“, murmelte er. „Ich habe sie mit eigenen Augen in den Armen dieses englischen Doktors gesehen. Der Bischof hat gesehen, wie sie diesen Mann küsste, mit dem sie verlobt ist – einen jungen Mann, der nicht einmal amisch ist. Sie hatte Heimlichkeiten vor uns und hat ihm hinter unserem Rücken Briefe geschrieben. Das hat sie selbst zugegeben. Wer weiß, was sie sonst noch alles getan hat.“ Sarah blieb äußerlich ruhig und stumm und war erleichtert, dass es jede Menge Anklagepunkte gegen Hannah gab, die weit über das Gerücht hinausgingen, das sie in die Welt gesetzt hatte. Mamm sackte auf ihrem Stuhl zusammen und starrte Daed an. „Ist deine Sündenliste gegen Hannah alles, was du dazu zu sagen hast?“ Der ungläubige Blick, den ihre Mutter auf Daed warf, erschütterte Sarah noch mehr als diese Nachricht. Mamm streckte die Hand über den Tisch und ergriff Sarahs Hände. „Das Kind wurde in der Nacht geboren, in der Mary bei uns schlief …“ Mamm brach in lautes Schluchzen aus und konnte nicht weiter sprechen. Trotz der Jahre, in denen sich zwischen ihr und ihrer Schwester immer mehr Frustration aufgebaut hatte, wartete Sarah sehnsüchtig darauf, dass jemand am Tisch sagte, dass das alles nur ein ganz übler Scherz sei. Aber die Trauer in den Augen ihrer Eltern verriet, dass es leider bitterer Ernst war. Sarahs Ohren dröhnten und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie schaute zu Matthew hinüber und hoffte, er hätte ein paar tröstende Worte für sie. Aber er schien zwischen Ärger und Mitgefühl hin und her gerissen zu sein. Seine Augen schauten sie durchdringend an. „Die Gemeindeältesten bestanden darauf, dass Hannah eine Nacht allein bleiben müsse, um ihre Schilderung, wie sie schwanger geworden war, zu überdenken. Ich ging trotzdem zu ihr, um nach ihr zu schauen, und ich merkte, dass sie Wehen hatte, und …“ Seine Mutter rutschte zu ihm hinüber und legte die Hände auf

16


seine Schultern. „Matthew und ich versuchten, Hilfe zu holen, aber die Telefone funktionierten wegen des Sturms nicht, und … das Kind starb wenige Minuten nach der Geburt.“ Matthew griff in seine Hemdtasche und zog einen kleinen Stapel gefalteter Papiere heraus. „Hannah hat das hier geschrieben, bevor sie wegfuhr.“ Er wollte die Briefe auf den Tisch legen, aber Daed riss sie ihm aus der Hand. Sarah war ganz benommen und rührte sich nicht. Es hatte ihr nicht gefallen, als die ganze Gemeinde Hannah auf ihr unverdientes Podest erhoben hatte, aber das, was sie hier hörte, hatte sie auch nicht gewollt. „Sarah“, sagte Matthew, „gibt es nichts, was du sagen möchtest?“ Sie hatte das Gefühl, die Haut würde ihr vom Leib gezogen. Eine starke Hitze zog durch ihre Arme und ihre Brust. „N-nein, natürlich nicht.“ Aber Gott wusste es. Wusste Matthew es auch?

Luke wartete vor dem Yoderhaus darauf, dass jemand auf sein Klopfen reagierte. Es war eigentlich zu früh, um jemanden zu besuchen, aber in der Nacht hatte ihm der Wunsch, sich bei seiner Verlobten wegen ihres Streits zu entschuldigen, keine Ruhe gelassen. Er musste ihr von dem Gespräch erzählen, das er gestern mit Hannah vor ihrer Abfahrt geführt hatte, und er hoffte, Mary würde dadurch ein wenig Frieden finden. Die Tür ging auf. Marys Mutter Becky stand vor ihm und schaute ihn ernst an. Sie trat weder zurück, noch öffnete sie die Tür weiter. „Sie will dich nicht sehen.“ Luke widerstand dem Wunsch, sich an ihr vorbei ins Haus zu drängen. „Das glaube ich gern, aber ich muss trotzdem mit ihr sprechen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das mit Hannah ist für uns einfach zu viel.“ Er wand sich innerlich angesichts der Lügen, die man über seine

17


Schwester verbreitet hatte. Noch trauriger war, dass er diese Lügen auch geglaubt und die Wahrheit erst kurz vor Hannahs Abfahrt erkannt hatte. „Mary leidet bestimmt darunter, dass Hannah weg ist. Meinst du nicht, es würde Mary gut tun, wenn sie und ich uns aussprechen könnten?“ John Yoder trat hinter seine Frau. „Fahr für heute nach Hause, Luke. Fahr einfach nach Hause.“ Er schloss die Tür. Luke starrte die geschlossene Tür an. Er wusste, dass es ein Kampf werden würde, Mary zurückzugewinnen. Er trat zu den Verandastufen, wischte mit seinem Stiefel den Schnee weg und setzte sich. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und starrte über das schneebedeckte Land. Es war ihm nicht leicht gefallen, seine Vorurteile gegenüber Hannah zuzugeben. Er beherrschte es genauso gut wie sein Vater, andere anzuklagen und zu entscheiden, wer im Recht war und wer nicht. Die Erinnerung an sein giftiges Verhalten gegenüber seiner Schwester quälte ihn immer noch, trotz der Vergebung, die sie ihm zugesprochen hatte, kurz bevor sie in den Zug gestiegen war. Die schreckliche Wahrheit war, dass sie vergewaltigt worden war. Dieses furchtbare Trauma und die Schwangerschaft hatte sie in absoluter Isolation ertragen müssen, während vernichtende, böse Gerüchte über sie verbreitet wurden. Luke stöhnte. „Vater, Gott, wie konnte ich nur so dumm sein? Bitte hilf Mary, mir zu vergeben.“ Er sprach dieses Gebet leise. Dann stand er auf und ging zu seinem Wagen. Bevor er einstieg, schaute er zum Schlafzimmer im Erdgeschoss, in dem Mary zurzeit schlief, weil das Treppensteigen noch zu anstrengend für sie war. Sie stand am Fenster. Er hob die Hand. Er sah, dass sie zusammenzuckte, aber sie blieb am Fenster stehen. Einen Moment später hörte er ein klapperndes Geräusch, als sie die obere Scheibe nach unten schob. Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, schwieg dann aber. Luke ließ die Hand sinken. „Ich habe mich Hannah gegenüber falsch verhalten.“ Ihr blasses Gesicht veränderte sich nicht. Sie schob das Kinn vor,

18


um ihm zu sagen, dass zwar ihr Körper nach dem Unfall immer noch geschwächt war, dass ihr Wille sich aber nicht so leicht geschlagen gab. Mary hatte eine kühne, eigensinnige Ader, die er erst vor kurzem entdeckt hatte. Das war sicher auf den Einfluss seiner Schwester zurückzuführen. Während er vor ihrem Haus stand und sie anschaute, wollte ein Teil von ihm klarstellen, wie sie sich als seine künftige Frau zu benehmen hatte. Aber wenn Mary wegen seines Verhaltens nicht so enttäuscht gewesen wäre, hätte Luke nie in Frage gestellt, ob er Hannah gegenüber im Unrecht war. Er hätte an seinem Ärger festgehalten und weiterhin seiner Schwester die Schuld für seinen Unfall mit dem Einspänner gegeben und weiterhin die skandalösen Gerüchte über sie geglaubt. „Warum, Luke?“ Mary wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „Warum hast du ihr nicht geglaubt? Warum konntest du mir nicht glauben? Nun ist es zu spät.“ Er konnte es selbst nicht erklären. Es hatte keine Beweise für Hannahs Unschuld gegeben. Er trat zum Fenster und war froh, Mary aus der Nähe sehen zu können, auch wenn sie wütend auf ihn war. Er betrachtete ihre Gesichtszüge und suchte nach Anzeichen dafür, dass sie wieder mehr bei Kräften war. Er war sich nicht sicher, ob er solche Anzeichen fand. „Hannah und ich haben Frieden miteinander geschlossen, und sie hat mir vergeben, bevor sie wegfuhr. Könntest du dir bitte überlegen, ob du mir auch vergeben kannst?“ Mary schüttelte den Kopf. „Mach dir nichts vor, Luke. Wenn du Hannah gehasst hast, als du dachtest, unser Unfall sei ihre Schuld, dann hasst du jetzt mich, weil du erkennst, dass es in Wirklichkeit meine Schuld war.“ Ein tiefer Schmerz sprach aus ihren Augen. Luke verachtete sich noch mehr. „Ich war diejenige, die die Zügel um den Pfosten im Einspänner gebunden hat. Ich hätte die Zügel anziehen müssen, aber ich ließ das Pferd auf die Straße laufen. Ich war das, Luke, nicht Hannah.“ „Mary, bitte. Ich war so sehr im Irrtum, als ich …“ Mary hob die Hand und ließ ihn nicht aussprechen. „Ja, du und Sarah. Ich wusste schon immer, dass dieses Mädchen Probleme hat, aber ich dachte, ich hätte verstanden, wer du bist – ein liebevoller,

19


barmherziger, freundlicher Mann. Aber jetzt sehe ich, wie schnell du andere verurteilst. Du hast die Wahrheit verdreht und LĂźgen geglaubt, nur damit du jemanden hattest, auf den du die Schuld schieben konntest.“ Mary schloss das Fenster und zog dann die Jalousie zu.

20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook