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Prolog Ich stieß die Fliegengittertür auf und trat hinaus auf die Veranda. Zwei Kolibris, die sich eben noch lautstark um den besten Platz an der Vogeltränke gestritten hatten, wurden von dem Geräusch der hinter mir zuschlagenden Tür aufgescheucht und flatterten aufgeregt von dannen. Während das Sirren ihres hektischen Flügelschlags mit dem Rauschen der Bäume verschmolz, begrüßte mich der Morgen mit den ersten, die Dunkelheit durchbrechenden Sonnenstrahlen. Sekunden zuvor hatte Gott das tiefe Schwarz des Himmels mit einem intensiven Blau durchzogen, die beiden Farben mit Hilfe einiger dahinziehender Schäfchenwolken vermischt und sein Kunstwerk mit gleißenden Lichttupfern unterschiedlicher Größe verziert. Es fiel mir schwer, meinen Blick von dem wunderbaren Schauspiel über mir zu lösen. Erst als ich zu der Überzeugung gelangt war, dass der Himmel wie eine riesige Küchenarbeitsplatte aus Granit aussah, konnte ich den Kopf wegdrehen. Vielleicht saß Gott auch gerade hier unten und trank seinen Kaffee. Der einzige Unterschied war, dass er den Brief in meiner Hand nicht lesen musste. Er wusste bereits, was darin stand. Am unteren Ende meines Grundstücks verschmolz der Tallulah 3


River nahtlos mit dem Lake Burton zu einer glatten, grün schimmernden Fläche, die noch unberührt war von den Bootskielen und Jetskis, die spätestens um 7:01 Uhr über sie dahinjagen und sie aufwühlen würden. In wenigen Minuten würde Gott die Sonne am Himmel aufgehen und westwärts ziehen lassen. Sie würde die Erde langsam aber sicher mit ihren Strahlen erwärmen und die Wasseroberfläche gegen Mittag in ein derart helles Licht tauchen, dass sie beinah schmerzhaft blenden, dem See aber gleichzeitig eine malerische Ausstrahlung verleihen würde. Mit dem Brief in der Hand ging ich in den Garten hinunter und lief barfuß über die Steinstufen, die zum Dock führten. Auf dem Bootssteg angekommen spürte ich, wie der kühle Nebel an meinen Beinen und meinem Gesicht hochkroch. Ich stieg die Stufen zur Veranda des Bootshauses hoch und ließ mich dort in die Hängematte sinken. Mein Blick wanderte über mein linkes Knie hinweg über die Südseite des Sees. Schließlich schob ich einen Finger durch den kleinen Messingring, den ich an das Ende eines kurzen Seils gebunden hatte, und setzte die Hängematte durch ein sanftes Ziehen in Bewegung. Falls Gott tatsächlich hier unten saß und seinen Kaffee trank, dann war er mittlerweile bestimmt bei der zweiten Tasse angelangt, denn er hatte den Himmel bereits sauber gewischt. Nur die Streifen waren geblieben. Emma hatte einmal zu mir gesagt, dass einige Menschen ihr ganzes Leben lang versuchten, Gott zu überholen und an einen Ort zu gelangen, wo er noch nie gewesen sei. Kopfschüttelnd hatte sie sich gefragt, warum das so war. Das Problem sei, so sagte sie, dass diese Menschen ihr Leben lang suchten und rannten, und wenn sie dann endlich angekommen seien, müssten sie feststellen, dass Gott schon vor ihnen dort gewesen sei. Ich lauschte auf die Stille und wusste doch, dass sie nicht von Dauer sein würde. In einer Stunde würden sich lachende Kinder mit Schwimmreifen, Teenager in Wasserski-Montur und Rent4


ner in Ruderbooten im See tummeln. Sie würden die kanadischen Schneegänse und die Karpfen vertreiben, die das Gewässer momentan noch als ihr Revier betrachteten. Am Spätnachmittag würden dann auf den unzähligen Anlegestegen, die in den See ragten, Holzkohlegrills glühen und den Duft von Hotdogs, Steaks und gegrillten Austern verbreiten. Auf den an den See angrenzenden Grundstücken würden Menschen aller Altersgruppen Wasserrutschplanen entlangschlittern, Hufeisenweitwurf unter den Bäumen veranstalten, Minzgetränke und Margaritas schlürfen und vom Bootssteg aus ihre Füße in den See baumeln lassen. Gegen 21 Uhr würden fast alle Hausbesitzer am See das einstündige Feuerwerk starten, das den See alljährlich in roten, blauen und grünen Regen tauchte. Die Erwachsenen würden fasziniert gen Himmel starren, die Kinder würden lachen und vor Freude in die Hände klatschen, Hunde würden anfangen zu bellen, an ihren Ketten zerren und tiefe Kerben in die Rinde der Bäume schneiden, an denen sie festgebunden waren; Katzen würden sich verstecken, bei den Kriegsveteranen würde die Erinnerung aufflackern, und Liebende würden sich an den Händen halten. Alles Töne in der Symphonie der Freiheit. Es war der 4. Juli – Unabhängigkeitstag. Im Gegensatz zu den anderen Bewohnern von Clayton, einem Städtchen im wunderschönen Bundesstaat Georgia, hatte ich keine Feuerwerkskörper oder Hotdogs besorgt, und ich hatte auch nicht vor, mich an dem Spektakel zu beteiligen. Mein Bootssteg würde still und dunkel daliegen, mein Grill so kalt, verrußt und voller Spinnweben bleiben, wie er es momentan war. Für mich war Freiheit ein Fremdwort. Sie war mir so fern wie ein Geruch, den ich früher einmal gekannt hatte, jetzt aber nicht mehr einordnen konnte. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich den ganzen Tag einfach verschlafen und erst morgen wieder die Augen geöffnet, um dann mit dem befriedigenden Gefühl, allem entronnen zu sein, das heutige Datum aus meinem Kalender zu streichen. 5


Aber Schlaf war ein ebensolches Fremdwort für mich wie Freiheit. Nur ganz selten konnte ich überhaupt schlafen, und wenn, dann immer nur kurz. Bestenfalls zwei oder drei Stunden. Ich lag in meiner Hängematte, allein mit meinem Kaffee und meinen vergilbten Erinnerungen. Vorsichtig stellte ich die Tasse auf meine Brust und betrachtete den verknitterten, ungeöffneten Umschlag. Hinter mir zogen die Nebelschwaden über das Wasser und fanden sich zu Miniatur-Wirbelstürmen zusammen, die sich wie tanzende Geister langsam drehten, durch die überhängenden Weidenzweige nach oben stiegen und sich schließlich in der Luft auflösten. Die von ihrer Hand auf den Umschlag geschriebenen Worte gaben mir Anweisungen, wann ich den darin liegenden Brief lesen sollte. Wenn ich mich danach gerichtet hätte, dann hätte ich ihn bereits vor zwei Jahren geöffnet. Doch ich hatte es nicht getan und würde es auch heute nicht tun. Vielleicht konnte ich es nicht. Abschiedsworte sind schwer zu hören, wenn man genau weiß, dass sie endgültig sind. Und ich wusste es genau. Vier Jahrestage waren gekommen und vergangen, seitdem ich hier mitten im Nirgendwo verharrte. Selbst die Grillen schwiegen. Ich drückte den Brief an meine Brust und presste die Ecken des Umschlags wie kleine Papierflügel an meine Rippen. Ein bitterer Ersatz. Hier in der Gegend sitzen die Leute in Schaukelstühlen auf der Veranda, trinken Minzgetränke und diskutieren hitzig darüber, zu welcher Tageszeit man sich am besten am See aufhält. In der Morgendämmerung liegen die Schatten vor einem, strecken sich nach dem kommenden Tag aus. Mittags steht man auf seinem eigenen Schatten, gefangen irgendwo zwischen dem, was war, und dem, was noch sein wird. In der Abenddämmerung fallen die Schatten hinter einen und verdecken die Spuren. Meiner Erfahrung nach haben die Menschen, die sich für die Abenddämmerung entscheiden, meistens etwas zu verbergen. 6


Kapitel 1 Sie war klein für ihr Alter. Vermutlich war sie sechs, vielleicht sogar sieben Jahre alt, doch sie sah eher aus wie vier oder fünf. Das Herz eines Wildfangs im Körper einer Porzellanpuppe. In ihrem kurzen gelben Kleid, den weißen Lackschühchen und dem Strohhut, von dessen Krempe ein gelbes Band herunterbaumelte, das bis zu ihrer Taille reichte, wirkte sie blass und dünn. Doch sie hüpfte lebhaft herum und zog die Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Stand befand sich mitten in der Stadt, an der nordwestlichen Kreuzung der Hauptstraße mit der Savannah Street. So laut sie konnte rief sie: „Limonaaaaaaade! Limonaaaaaaade, nur fünfzig Cents!“ Aufmerksam behielt sie den Bürgersteig und die Fußgänger im Blick, aber da sich augenscheinlich niemand für ihr Angebot interessierte, reckte sie den Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen, legte die Hände an den Mund und rief noch einmal. „Limonaaaaaaade! Limonaaaaaaade, nur fünfzig Cents!“ Der Limonadenstand war schon ziemlich ramponiert und sah so aus, als ob er in aller Eile zusammengezimmert worden sei. Vier Kanthölzer und eine Sperrholzplatte bildeten den Tisch. Hinter ihm ragten zwei Pfosten ungefähr zwei Meter in die Höhe, 7


zwischen die ein Transparent gespannt worden war. Jemand hatte das ganze Gestell gelb angesprüht. Auf dem Transparent stand in großen Buchstaben LIMONADE – 50 CENTS – KOSTENLOSES NACHSCHENKEN. Doch der Blickfang war weder der Tisch, das Plakat oder die riesige gelbe Thermoskanne, in der die Limonade kühl gehalten wurde, noch das Mädchen, sondern der Plastikbehälter, der unter dem Tisch stand. Ein Wasserkanister mit einem Fassungsvermögen von 20 Litern – ihr persönlicher Wunschbrunnen, in den offensichtlich die ganze Stadt ihr Kleingeld und ihre stillen Gebete einwarf. Ich blieb stehen und beobachtete eine ältere Frau, die mit einem Sonnenschirm aus Spitze in der Hand die Hauptstraße überquerte und zwei Vierteldollarstücke in den Styroporbecher auf dem Tisch fallen ließ. „Vielen Dank, Annie“, raunte sie dem Kind zu, als sie den bis an den Rand gefüllten Becher aus den ausgestreckten kleinen Kinderhänden entgegennahm. „Bitte schön, Miss Blakely. Ihr Sonnenschirm ist sehr hübsch.“ Eine sanfte Brise strich über den Bürgersteig hinweg, spielte mit den gelben Bändern auf dem Rücken des kleinen Mädchens und trug seine klare, unschuldige Stimme über die Straße. Miss Blakely schnalzte mit der Zunge und fragte: „Fühlst du dich wieder besser, mein Kind?“ Das Mädchen blickte zu ihr hoch. „Ja, Madam, ganz bestimmt.“ Miss Blakely führte den Becher an die Lippen, und die kleine Limonadenverkäuferin wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße zu. „Limonaaaaaaade! Limonaaaaaaaade, fünfzig Cents!“ Ihr Südstaatenakzent war spritzig süß, weich und zugleich kratzend. Er war so niedlich, so typisch kleines Mädchen und zog die Aufmerksamkeit ebenso unweigerlich auf sich wie das Feuerwerk am 4. Juli. Ich konnte es nicht mit hundertprozentiger Gewissheit erkennen, aber nachdem Miss Blakely ihren Becher abgestellt und dem 8


Kind zugenickt hatte, warf sie einen Schein in den Plastikkanister zu ihren Füßen, der aussah wie eine Zwanzig-Dollar-Note. Das musste ja eine unglaubliche Limonade sein. Das Geschäft des kleinen Mädchens lief scheinbar ziemlich gut. In dem 20-Liter-Kanister lag ein riesiger Berg Geldscheine, und doch schien sich niemand Sorgen zu machen, dass ihm Beine wachsen könnten, am wenigsten das kleine Mädchen. Abgesehen von dem Transparent, auf dem die Limonade angepriesen wurde, gab es keine Handzettel und auch sonst keine Erklärung. Offensichtlich war das nicht nötig. So ist das eben in Kleinstädten. Alle wissen Bescheid. In diesem Fall, alle außer mir.

Früher an diesem Morgen hatten Charlie – mein Nachbar von der anderen Seite der Bucht und früherer Schwager – und ich begonnen, das Mahagonideck einer 1947er Greavette abzuschmirgeln, als uns das Schmirgelpapier und der Bootslack ausgingen. Wir warfen eine Münze, und ich verlor. Also fuhr ich in die Stadt, während Charlie sich am Bootssteg vergnügte und den kreischenden Mädchen in Bikinis hinterherpfiff, die auf Jetskis vorbeisausten. Charlie fährt eigentlich nie Auto, aber da er gern wettet, bestand er darauf, dass wir eine Münze warfen. Ich verlor. Die Fahrt an diesem Tag war wegen der Tageszeit so ungewöhnlich. Vormittags, wenn sich so viele Menschen auf den Bürgersteigen drängen, weil sie gerade auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Heimweg sind, meide ich die Stadt normalerweise tunlichst. Eigentlich komme ich überhaupt nur selten in die Stadt. Ich mache meist einen weiten Bogen um sie und fahre in eine der Nachbarstädte. Alle paar Monate wechsle ich die Lebensmittel- und Haushaltswarenläden. Ich bin nirgendwo Stammkunde. Wenn ich doch einmal hierher komme, dann in der Regel am späten Nachmittag, fünfzehn Minuten vor Ladenschluss, geklei9


det wie ein Einheimischer in ausgeblichenen Jeans und mit einer Baseballkappe auf dem Kopf, die für elektrisches Werkzeug oder landwirtschaftliche Geräte wirbt. Ich parke immer hinter dem Laden, ziehe mir meine Kappe tief ins Gesicht, schlage den Kragen hoch und hefte meinen Blick auf den Boden. Ich schlüpfe in den Laden, hole mir, was ich brauche, und verschwinde wieder. Während ich im Geschäft bin, verschmelze ich regelrecht mit der Einrichtung und mache mich so unsichtbar wie möglich. Charlie nennt das verdecktes Einkaufen. Ich nenne es Leben. Mike Hammermill, ein pensionierter Fabrikant aus Macon, hatte Charlie und mir den Auftrag erteilt, seine 1947er Greavette für die in diesem Jahr zum zehnten Mal am Lake Burton stattfindende Ausstellung antiker und klassischer Boote fitzumachen. Das war unsere dritte Möglichkeit in genauso vielen Jahren, die Jungs von der Blue Ridge Bootswerft zu übertrumpfen. Doch dafür brauchten wir dringend das Schmirgelpapier. Seit fast zehn Monaten arbeiteten wir bereits an der Greavette. Jetzt, einen Monat vor der Ausstellung, war die Fertigstellung endlich in Sicht. Allerdings mussten wir noch die Steuerung mit dem Bootswendegetriebe verbinden und acht Schichten Bootslack auf das Deck und die Bodenplanken auftragen, bevor das Schiff so weit war, dass es zu Wasser gelassen werden konnte.

Mit trockenem Mund und zunehmend neugierig überquerte ich die Straße und warf fünfzig Cents in den Becher. Das Mädchen drückte seine kleinen Finger so fest und lange auf die Pumpe der Thermoskanne, dass die Knöchel schließlich weiß hervortraten und seine Hand zu zittern begann. Die Kleine überreichte mir einen Becher frisch gepresster Limonade, in der jede Menge Fruchtfleisch und Zucker schwammen. „Vielen Dank“, sagte ich. 10


„Ich heiße Annie“, stellte sie sich vor. Sie schob einen Fuß hinter den anderen und knickste tief. „Annie Stephens.“ Ich nahm den Becher in die andere Hand, schlug die Hacken zusammen und erwiderte: „Dank für die Ablösung! ’s ist bitter kalt, und mir ist schlimm zumut.“ Sie lachte. „Hast du dir das gerade ausgedacht?“ „Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ein Mann namens Shakespeare hat das geschrieben, in einer Geschichte mit dem Titel Hamlet.“ Während die meisten meiner Freunde sich Fernsehserien wie Die Waltons oder Drei Engel für Charlie ansahen, verbrachte ich einen großen Teil meiner Kindheit mit Lesen. Bis heute besitze ich keinen Fernseher, und so kommt es, dass sich viele längst verstorbene Schriftsteller in meinem Kopf tummeln und mir ihre Worte einflüstern. Ich lüpfte meine Kappe und reichte ihr die Hand. „Reese. Ich heiße Reese.“ Mein Schatten fiel über den Bürgersteig und schützte die Augen der Kleinen vor der Sonne, die jetzt am späten Vormittag schon ziemlich hoch stand und immer wärmer wurde. Sie überlegte einen Augenblick. „Reese ist ein guter Name.“ Dann bemerkte sie, dass ein Mann mit zwei Einkaufstüten in der Hand den Bürgersteig entlanghastete. Schnell drehte das Kind sich um und rief so laut, dass die Menschen drei Straßenzüge entfernt es noch hören konnten: „Limonaaaaaaade!“ Der Mann nickte und sagte freundlich: „Morgen, Annie. Bin gleich zurück.“ Sie wandte sich wieder mir zu. „Das ist Mr Potter. Er arbeitet hier unten. Er mag seine Limonade mit extra viel Zucker, aber bei ihm ist es anders als bei einigen anderen meiner Kunden. Manche brauchen mehr Zucker, weil sie selbst nicht besonders süß sind.“ Sie lachte über ihren eigenen Scherz. „Stehst du jeden Tag hier?“, fragte ich zwischen zwei Schlucken. Eines hatte ich im Laufe der Zeit gelernt, und zwar, die 11


richtigen Fragen zu stellen. Die Art von Fragen, die den Sachverhalt, der einen tatsächlich interessierte, lediglich streiften, aber nicht direkt ansprachen. Wenn man genug solche Fragen stellte, bekam man fast immer die Information, die man erhalten wollte. Man musste nur wissen, was man fragen sollte und wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, und vor allem, wie man ein nettes Gespräch in Gang brachte. „Außer am Sonntag, wenn Cici die lebenden Köder drüben in Butch’s Angelshop verkauft. An den anderen sechs Tagen arbeitet sie da drüben.“ Sie deutete auf den Eisenwarenladen, in dem eine blonde Frau mit dem Rücken zu uns an der Kasse stand und die Einkäufe eines Kunden eintippte. Die Frau musste sich nicht umdrehen, um uns zu sehen. An der Wand gegenüber von ihrer Kasse hing ein riesiger Spiegel, der ihr genau zeigte, was am Limonadenstand vor sich ging. Auf diese Weise konnte sie Annie die ganze Zeit über im Auge behalten. „Cici?“ Das Mädchen lächelte und deutete erneut zu dem Laden hinüber. „Cici ist meine Tante. Sie und meine Mama waren Schwestern, aber meine Mama hätte ihre Hand niemals in einen Topf mit Kriechtieren oder Larven gesteckt.“ Annie bemerkte, dass mein Becher leer war, und goss mir nach, bevor sie weitersprach. „Meistens bin ich den ganzen Vormittag über hier. Gegen Mittag gehe ich dann nach oben, sehe ein wenig fern und mache ein kurzes Schläfchen. Was ist mit dir? Was machst du?“ Ich gab meine übliche Erklärung ab, die einerseits wahr war, andererseits aber auch wieder nicht. Während mein Mund sagte: „Ich arbeite mit Booten“, wanderten meine Gedanken ab und bekannten still: Denn wahrhaftig, wenn mein Gesicht und meine äußerlichen Handlungen die wahre innerliche Gestalt meines Herzens zeigten, so würde mein Herz in kurzem den Krähen zum Futter dienen. Ich bin nicht, was ich scheine. 12


Die Augen der Kleinen zogen sich plötzlich zusammen und starrten auf einen Punkt über meinem Kopf. Ihre Atmung wurde schwerfällig und angestrengt, klang ein wenig rau und wurde unterbrochen von einem beharrlichen Husten, den sie zu unterdrücken versuchte. Vorsichtig wich sie Schritt für Schritt zurück, bis ihre Kniekehlen gegen den Klappstuhl stießen, der hinter ihr stand. Dann ließ sie sich auf ihn herabsinken, faltete die Hände und atmete ganz bewusst ein und aus, während ihre Hutbänder im Wind tanzten. Ich beobachtete, wie sich ihre Brust hob und senkte. Das obere Ende einer Narbe, an deren Seiten man deutlich die von den Klammern stammenden Vertiefungen erkennen konnte und die mit Sicherheit weniger als ein Jahr alt war, ragte einen Zentimeter aus dem V-Ausschnitt ihres Kleides heraus. Sie endete kurz unter der kleinen Pillendose, die an einer Kette um den Hals des Kindes hing. Auch ohne dass Annie es mir verriet, wusste ich, was sich darin befand. Mit meinem linken Fuß stieß ich vorsichtig gegen das 20-Liter-Behältnis auf dem Boden. „Wofür ist dieser Kanister?“ Sie schlug sich leicht gegen die Brust, wodurch ein weiteres Stück ihrer Narbe sichtbar wurde. Mehrere Fußgänger passierten den Limonadenstand, doch seine Besitzerin war müde geworden und nicht mehr so redselig. Ein grauhaariger Herr im Anzug kam aus dem Immobilienbüro fünf Türen weiter, lief den Berg hinauf, schnappte sich einen Becher, drückte auf die Thermoskanne und grüßte die Kleine mit: „Morgen, Annie.“ Er legte einen Dollar in den Becher und einen anderen in den Plastikkanister zu meinen Füßen. „Hallo, Mr Oscar“, flüsterte Annie leise. „Danke. Bis morgen.“ Er tätschelte ihr das Knie. „Bis morgen, Süße.“ Sie sah mich kurz an und beobachtete ihn dann dabei, wie er weiter die Straße hinauflief. „Er nennt alle ‚Süße‘.“ Ich nutzte die Gelegenheit, dass sie abgelenkt war, und ließ 13


unauffällig zwanzig Dollar in den Kanister zu ihren Füßen fallen. Seit ungefähr achtzehn Jahren, vielleicht sogar länger, trage ich mehrere Gegenstände permanent mit mir herum. Ich habe zum Beispiel immer ein Messingfeuerzeug dabei, obwohl ich nie geraucht habe, zwei Taschenmesser mit kleinen Klingen, einen Beutel mit unterschiedlich großen Nadeln und verschiedenen Arten von Fäden, außerdem eine kleine Taschenlampe. Vor ein paar Jahren kam noch ein weiterer Gegenstand hinzu. Annie deutete mit dem Kopf auf die Taschenlampe, die an meinem Gürtel hing. „George, der Sheriff hier am Ort, hat eine Taschenlampe, die genauso aussieht wie deine da. Und in einem Krankenwagen habe ich auch mal so eine gesehen. Bist du sicher, dass du kein Polizist oder Sanitäter bist?“ Ich nickte. „Ganz sicher.“ Ein Stück die Straße hinunter verließ Dr. Sal Cohen gerade seine Praxis. Der Mann ist eine feste Institution in Clayton. Jeder kennt und liebt ihn. Er ist Mitte siebzig und seit seinem Examen vor fast fünfzig Jahren der Kinderarzt dieser Stadt. Von seiner kleinen Praxis aus hat er fast alle Bewohner von Clayton aufwachsen sehen. Tweedjacke, passende Weste, eine Krawatte, die bestimmt schon fast dreißig Jahre alt ist, dichter Schnurrbart, buschige Augenbrauen, zu viele Haare in Nase und Ohren, lange Koteletten, große Ohren, Pfeife – das ist Sal Cohen. Und er hat immer Bonbons in seinen Taschen. Sal schlurfte zu Annie hinüber, schob seinen Tweedhut in den Nacken und zog seine Pfeife aus dem Mund, als sie ihm einen Becher Limonade reichte. Nachdem er ausgetrunken hatte, drehte er sich zur Seite. Annie griff in seine Jackentasche, zog ein Pfefferminzbonbon heraus, umklammerte es mit beiden Händen und kicherte, als hätte sie etwas völlig Einmaliges gefunden. Sal tippte mit dem Finger an seinen Hut, steckte seine Pfeife zurück in den Mund und ging zu dem alten Cadillac, der am 14


Bürgersteig gegenüber geparkt stand. Bevor er die Tür öffnete, blickte er mich an. „Sehen wir uns am Freitag?“ Ich nickte lächelnd. „Ich schmecke ihn jetzt schon“, sagte er und leckte sich genüsslich die Lippen. „Ich auch.“ Und das war tatsächlich so. Seine Augen strahlten, als er mit seiner Pfeife auf mich deutete und mich bat: „Halten Sie mir einen Platz frei, wenn Sie zuerst da sind.“ Ich nickte, und Sal fuhr seinem Alter gemäß davon – mitten auf der Straße und in aller Gemütsruhe. „Du kennst Dr. Cohen?“, fragte Annie. „Ja.“ Ich dachte einen Augenblick lang nach und überlegte, wie ich es ausdrücken sollte. „Wir … teilen eine Vorliebe für Cheeseburger.“ „Oh“, meinte sie nickend. „Du sprichst vom Wellspring.“ Ich nickte. „Immer wenn ich ihn sehe, erzählt er entweder vom letzten Freitag oder freut sich auf den nächsten. Dr. Cohen liebt Cheeseburger.“ „Da ist er nicht der Einzige“, meinte ich. „Mein Arzt erlaubt mir nicht, Cheeseburger zu essen.“ Ich vertrat in diesem Punkt eine andere Auffassung, aber das sagte ich ihr nicht. Zumindest nicht so direkt. „Ich finde es beinah kriminell, einem Kind zu verbieten, Cheeseburger zu essen.“ Sie lächelte. „Genau das habe ich ihm auch gesagt.“ Während ich meine Limonade trank, beobachtete sie mich ohne Ungeduld oder Sorge. Irgendwie wusste ich, dass sie mir, auch wenn ich ihr keinen einzigen Penny geben würde, trotzdem immer wieder von der Limonade nachschenken würde – so lange, bis ich entweder gelb würde oder davonschwämme. Das Problem war, mir blieb viel mehr Zeit als ihr. In jenem Kanister zu meinen Füßen lag möglicherweise Annies Hoffnung. Ich hatte das Ge15


fühl, dass ihr Glaube an Gott den Mount Everest versetzen und die Sonne stillstehen lassen könnte, aber ohne ein neues Herz wäre sie tot, noch bevor sie in die Pubertät käme. Sie musterte mich eingehend von oben bis unten. „Wie alt bist du?“, fragte sie. „In Menschen- oder in Hundejahren?“, wollte ich wissen. Sie lachte. „In Hundejahren.“ Ich dachte kurz nach. „Zweihundertneunundfünfzig.“ Sie taxierte mich. „Wie viel wiegst du?“ „In englischer oder metrischer Einheit?“ Sie verdrehte die Augen und antwortete: „In englischer.“ „Vor dem Frühstück oder nach dem Abendessen?“ Das verblüffte sie, und so kratzte sie sich am Kopf, blickte den Bürgersteig entlang und überlegte eine Weile, bevor sie schließlich entschied: „Vor dem Frühstück.“ „Einhundertvierundsiebzig Pfund.“ Sie starrte mich eine Sekunde lang an. „Und wie groß bist du?“ „Ein Meter sechsundneunzig“, verriet ich ihr ohne Umschweife. „Welche Schuhgröße hast du?“, wollte sie als Nächstes wissen. „Europäische oder amerikanische?“ Sie presste die Lippen aufeinander und versuchte erneut, ihr Lächeln zu unterdrücken. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften. „Europäische.“ „Fünfundvierzig.“ Sie starrte auf meine Füße und schien sich zu fragen, ob ich ihr die Wahrheit sagte. Schließlich strich sie ihr Kleid glatt, erhob sich und streckte die Brust raus. „Also gut, ich bin sieben. Ich wiege fünfundvierzig Pfund. Ich habe Schuhgröße sechsunddreißig und bin einen Meter fünfundzwanzig groß.“ In meinen Innern meldete sich erneut William Shakespeare zu Wort: O Tigerherz, in Weiberhaut gesteckt. „Tatsächlich?“, fragte ich. „Du bist größer als ich.“ 16


Ich lachte. „Nur ein wenig.“ „Aber –“ Sie streckte den Finger in die Luft, als wolle sie wissen, aus welcher Richtung der Wind kam. „Wenn ich ein neues Herz bekomme, dann wachse ich bestimmt noch um einiges. Das meint zumindest mein Arzt.“ Ich nickte langsam. „Die Chancen stehen gut.“ „Und weißt du, was ich dann tun würde?“ „Mit dem Herz oder mit den zusätzlichen Zentimetern?“ Sie dachte eine Weile nach. „Mit beidem.“ „Nein, was denn?“ „Ich würde Missionarin, genau wie meine Mama und mein Papa.“ Es war ein Ding der Unmöglichkeit für die Empfängerin eines Herztransplantats, durch den heißen Dschungel Afrikas zu laufen, Hunderte Kilometer weit entfernt von einem fachlich geschulten Mediziner und ohne die Möglichkeit einer kontinuierlichen medikamentösen Versorgung. Ich wusste das zu gut, um darauf auch nur zu hoffen oder daran zu glauben. „Sie wären bestimmt stolz darauf.“ Sie blinzelte mich an. „Sie sind im Himmel.“ Ich schwieg eine Weile und meinte dann: „Nun, sie vermissen dich bestimmt.“ Annie drückte mit dem Daumen auf den Ausgießer der Thermoskanne und schenkte mir Limonade nach. „Oh, ich vermisse sie auch, aber ich werde sie ja wiedersehen.“ Sie reichte mir den Becher. „In etwa achtzig oder neunzig Jahren.“ Ich trank und berechnete die Unwahrscheinlichkeit. Sie blickte wieder mit ihren vor Neugier blitzenden Augen zu mir auf. „Was willst du werden, wenn du groß bist?“ Ich trank meinen Becher leer und schaute zu ihr hinunter. „Machst du das mit allen deinen Kunden?“ Annie verschränkte die Hände hinter ihrem Rücken und klackte unbewusst die Fersen aneinander. Sie erinnerte mich dadurch an Dorothy in Der Zauberer von Oz. „Was denn?“ 17


„So viele Fragen stellen.“ „Nun … ja, ich glaube schon.“ Ich beugte mich zu ihr hinunter, bis sich unsere Augen auf einer Höhe befanden. „Meine Liebe, wir sind die Musikmacher und wir sind die Träumer der Träume.“ „Wieder Mr. Shakespeare?“ „Nein. Willy Wonka in Charlie und die Schokoladenfabrik.“ Sie lachte fröhlich. „Also dann“, sagte ich, „vielen Dank, Annie Stephens.“ Sie knickste erneut und erwiderte: „Auf Wiedersehen, Mr. Reese. Und bitte komm mal wieder.“ „Das mache ich.“ Ich überquerte die Straße, suchte an meinem Schlüsselbund nach dem richtigen Schlüssel für meinen Wagen und stieg ein. Anstatt loszufahren, saß ich noch eine Weile mit dem Schlüssel in der Hand da und dachte an all die anderen wie sie. Jeder Einzelne von ihnen strahlte diese sprudelnde Hoffnung aus, eine Hoffnung, die keine Macht der Hölle oder der Erde jemals auslöschen könnte. Und plötzlich musste ich daran denken, dass ich früher einmal richtig gut gewesen war und die Liebe gekannt hatte. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie geschmolzenes Wachs, hallte es in mir wider. Eine steife Brise fegte von den Bergen hinunter und die Savannah Street entlang. Sie stürmte an den alten Ziegelhäusern vorbei, rollte über den Bürgersteig, spielte mit den quietschenden Wetterfahnen und klingenden Windspielen und erfasste schließlich Annies Limonadenstand. Ohne Vorwarnung riss sie den Styroporbecher der Kleinen um, und die annähernd zehn Dollar in Scheinen und Münzen, die darin gesteckt hatten, rollten davon. Annie sprang von ihrem Klappstuhl auf und jagte den Geldscheinen nach, die auf die Straße flatterten. 18


Ich entdeckte ihn zu spät, und sie sah ihn überhaupt nicht. Der Lieferwagen einer Bäckerei fuhr an mir vorbei die Hauptstraße hinunter, sah, dass die Ampel grün war und beschleunigte so heftig, dass weißer Qualm aus seinem Auspuff stieß. Laute Musik dröhnte aus dem Radio, und ich beobachtete, wie der Fahrer sich beim Überqueren der Kreuzung einen Schokoriegel in den Mund stopfte und die Hand hob, um seine Augen gegen die Sonne abzuschirmen. In diesem Augenblick entdeckte er anscheinend Annies gelbes Kleid. Er trat mit aller Kraft auf die Bremse. Die Hinterräder blockierten, der Wagen geriet ins Schleudern und brach zur Seite aus. Je stärker sich der Lieferwagen zur Seite drehte, desto mehr hüpften die Reifen über den Asphalt. Annie drehte sich um, um nach der Ursache für die merkwürdigen Geräusche zu suchen, und erstarrte. Das Geld fiel ihr aus der Hand. Es flatterte über die Straße wie ein ganzer Schwarm Schmetterlinge. Sie gab keinen einzigen Ton von sich, vermutlich weil ihre Kehle so zugeschnürt war, dass jeder Ton darin erstickte, und verlor die Kontrolle über ihre Blase. Der Fahrer schrie: „Ach du meine Güte, Annie!“ Er riss das Lenkrad weit herum und stieß mit einem geparkten Honda Accord zusammen. Der Lieferwagen prallte von dem Honda ab und erfasste Annie mit der Seite. Die Kollision ihres Körpers mit der Seitenfront des Lieferwagens dröhnte wie ein Kanonenschuss. Es gelang ihr, eine Hand zu heben und den Aufprall ein wenig abzumildern, doch dann wurde sie wie eine gelbe Bowlingkugel zurückgeschleudert. Ihr Hut flog in die eine, ihr Körper in die andere Richtung. Mit einem dumpfen Knall kam sie auf der anderen Straßenseite zum Liegen. Ihr linker Unterarm zerbrach wie ein Zahnstocher in zwei Teile. Die immer noch ihr Unwesen treibende österliche Brise erfasste den Saum ihres Kleides und riss ihn hoch über ihr Gesicht. Reglos blieb sie mit dem Kopf bergab auf der Straße liegen, das gelbe Kleid nun rot gepunktet. Ich erreichte sie als Erster, unmittelbar gefolgt von der Frau aus 19


dem Eisenwarenladen, die völlig außer sich war und hysterisch schrie. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich eine Menschentraube um uns versammelt. Annies Augen waren geschlossen, ihr Körper schlaff und ihre Haut durchsichtig und weiß. Ihre Zunge war schlaff nach hinten gefallen und blockierte ihre Atemwege. Aufgrund der mangelnden Luftzufuhr verfärbte sich ihr Gesicht bereits blau, und ihr Körper verlor jegliche Farbe. Obwohl ich nicht wusste, ob ihre Wirbelsäule verletzt war, stabilisierte ich ihren Hals und zog mit meinem Taschentuch ihre Zunge nach vorne, damit ihre Luftröhre frei wurde und sie wieder atmen konnte. Ich wusste, dass selbst die kleinste Bewegung ihres Halses ihre Wirbelsäule noch weiter schädigen konnte, falls sie tatsächlich verletzt war, aber ich musste die Atemwege frei machen. Keine Luft, kein Leben. Und so traf ich meine Entscheidung. Als Annies Brust sich wieder hob und senkte, überprüfte ich mit der einen Hand ihren Puls und knipste mit der anderen meine Taschenlampe an, um ihr damit in die Augen zu leuchten. Während ich ihre Pupillen beobachtete, klemmte ich mir die Taschenlampe zwischen die Zähne, riss mir das HerzfrequenzMessgerät meiner Pulsuhr von der Brust und platzierte den Sender auf ihrem Brustbein. Die Herzfrequenz, die ich von meiner Uhr ablas, wechselte sofort von 62 auf 156. Ich suchte den Punkt, an dem ich den maximalen Impuls fühlte, und klopfte dann mit meinen beiden Händen den Umriss ihres Herzens ab. Es bestätigte sich, was ich bereits vermutet hatte – ihr Herz war beinah 50 Prozent größer als normal. Die Frau aus dem Eisenwarenladen sah, wie ich die Hände auf Annies Brust legte, und schlug mir fest ins Gesicht. „Nehmen Sie die Hände von ihr weg, Sie Perversling!“ Ich hatte keine Zeit für Erklärungen, daher drückte ich stillschweigend weiterhin den Sender auf Annies Brust und beobachtete ihre Pupillen. Der Blick der Registrierkassendame fiel auf 20


Annies Augen und ihre geschwollene Zunge. Hastig hockte sie sich neben sie, riss ihr die Kette vom Hals und leerte den Inhalt der Pillendose auf Annies Bauch aus. Ein glänzender Gegenstand, vermutlich aus Gold, rollte unter den Lieferwagen und versank neben dem Gully im Schlamm. Die Blondine schnappte sich zwei Pillen und wollte sie unter Annies Zunge legen. Während ich mit der einen Hand unbeirrt den Puls kontrollierte und meinen Blick auf Annies Augen fixiert hielt, packte ich blitzartig mit der anderen Hand die der Frau, schloss meine Finger um ihr Handgelenk und erklärte ganz ruhig: „Wenn Sie ihr die in den Mund legen, bringen Sie sie um.“ Die Augen der Frau flackerten auf, und ihre Panik steigerte sich so sehr, dass die Adern an ihrem Hals deutlich hervortraten. Sie war stark, und beinah wäre es ihr gelungen, mir ihre Hand zu entreißen, aber ich hielt sie fest umklammert, ohne dabei Annie aus den Augen zu lassen. „Lassen Sie sofort meine Hand los. Sie werden sie umbringen.“ Sie blickte zu der Menschenmenge auf, die sich um uns geschart hatte. „Er bringt sie um! Er bringt Annie um.“ Zwei große Männer in ausgeblichenen Overalls, die nach dem Unfall aus dem Café gestürmt waren, traten auf mich zu. „Mister, Sie nehmen besser Ihre Hände von dem kleinen Mädchen. Wir kennen Annie, aber Sie kennen wir nicht.“ Der Mann, der mir diesen Ratschlag erteilte, war mindestens zwei Köpfe größer als ich, und jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für Diskussionen, aber das wusste nur ich. Ohne die Hand der Frau loszulassen, drehte ich mich um und trat dem größeren der beiden mit dem Fuß in die Leistengegend. Er knickte ein und sank auf die Knie. Der zweite Mann ließ seine riesige Pranke auf meine Schulter fallen und sagte: „Kumpel, das ist mein Bruder, und das hättest du nicht tun sollen.“ Ich bohrte ihm meine freie Faust so fest ich konnte in den gut 21


gefüllten Magen, und auch er ging keuchend in die Knie und verteilte sein Frühstück auf dem Bürgersteig. Ich drehte mich zu der Frau um, die immer noch schrie und die Menge anflehte. „Er wird sie umbringen! Annie stirbt! Du meine Güte, tut doch was!“ Die Situation geriet immer mehr außer Kontrolle. Ich öffnete mit meiner freien Hand die zur Faust geballten Finger der Frau, machte aber keinen Versuch, ihr die Tabletten abzunehmen. Stattdessen blickte ich ihr in die Augen und sagte ruhig: „Nehmen Sie eine halbe.“ Sie wirkte verwirrt und war unfähig, meiner Anweisung nachzukommen. Der größere Bruder hatte sich inzwischen aufgerichtet und wollte nach mir greifen, doch ich trat ihm kräftig in den Bauch, allerdings nicht so fest, dass eine Rippe brach. Die Frau blickte auf Annie hinunter, dann auf die Kraftprotzen zu meinen Füßen. Ihr Gesichtsausdruck sagte mir, dass das, was ich ihr sagte, nicht mit dem übereinstimmte, was sie in der Vergangenheit gelesen oder gehört hatte. „Aber …“, wandte sie ein. Ich nickte ihr aufmunternd zu. „Beginnen Sie mit einer halben Tablette, dann sehen wir, was geschieht. Wenn Sie so viel Nitroglycerin unter die Zunge eines Kindes legen, sinkt der Blutdruck so stark ab, dass wir ihn nie wieder hochbekommen.“ Ich ließ ihre Hand los. „Nehmen Sie eine halbe.“ Die Frau biss die Tablette durch, spuckte die eine Hälfte aus und legte die andere Hälfte unter Annies Zunge. Annie war bei Bewusstsein, allerdings konnten ihre Augen nicht richtig fokussieren und ihr Arm lag so schlaff da wie der einer Marionette. Um mich herum herrschte hektisches Treiben – Menschen, Hupen und in der Ferne eine Sirene –, aber ich konzentrierte mich auf drei Dinge: den Puls, die Pupillen und die Atemwege. Das Nitro löste sich auf, und sofort kam Farbe in Annies Wan22


gen – die Folge von erweiterten Blutgefäßen, verstärktem Blutfluss und erhöhter Sauerstoffversorgung der Extremitäten. Die Frau sprach leise mit ihr. „Annie? Annie?“ Sie tätschelte die Hand der Kleinen. „Halte durch, Schatz. Hilfe ist schon unterwegs. Halte durch. Sie kommen. Ich höre sie schon.“ Annie nickte und versuchte zu lächeln. Ihr Pulsschlag hatte sich leicht beschleunigt, war aber immer noch ein wenig unregelmäßig. Die Sirene kam näher, und ich versuchte einzuschätzen, wie lange es dauern würde, bis der Rettungswagen eintraf und die Rettungssanitäter sie untersucht, stabilisiert und ins Krankenhaus transportiert hatten. Etwa zwölf Minuten, schätzte ich, bis Annie in der Notaufnahme ankäme. Da Annie blinzelte und die Menschen um sie herum anschaute, wandte ich mich wieder der Registrierkassendame zu. „Jetzt die andere Hälfte.“ Annie öffnete den Mund, und die Frau legte die andere halbe Tablette unter ihre Zunge. Sobald sie sich aufgelöst hatte, zog ich mein Tablettenröhrchen aus der Tasche, leerte den Inhalt in meine Hand und reichte ihr ein Babyaspirin. „Und jetzt das hier.“ Sie tat, was ich ihr sagte. Ich löste den Empfänger meines Herzfrequenz-Messgeräts von meinem Handgelenkt und befestigte ihn an Annies Arm. Selbst im letzten Loch saß er noch sehr locker. Während die Sirenen näher kamen, blickte ich die Frau mir gegenüber an und deutete auf den Empfänger und dann auf den Sender auf Annies Brust. „Das gehört zusammen. Es zeichnet auf, was mit ihrem Herz los ist. Der Notarzt wird, wenn er gut ist, wissen, was er damit zu tun hat.“ Sie nickte und strich Annie die verschwitzten und verschmutzten Haare aus dem Gesicht. Zehn Sekunden später trafen die Sanitäter ein und sprangen neben mich. Als sie bemerkten, dass ich die Erstversorgung übernommen hatte, sahen sie mich fragend an. 23


Ich vergeudete keine Zeit. „Stumpfes Trauma. Rippenserienfraktur linker Brustkorb, Luftröhre frei, Spontanatmung, Atemfrequenz 37. Spürbares Knistern, was auf ein subkutanes Emphysem schließen lässt. Verdacht auf Pneumothorax links.“ Der junge Rettungssanitäter blickte mich verwirrt an. Ich erklärte: „Ich vermute, dass ein Lungenflügel kollabiert ist.“ Er nickte, und ich fuhr fort: „Herzfrequenz 155, aber unregelmäßig. Kurze Bewusstlosigkeit, jetzt GCS 12.“ Er unterbrach mich. „Das war knapp.“ Ich fuhr fort: „Sie hat zweimal 0,2 Nitro sublingual bekommen, im Abstand von fünf Minuten.“ Ich deutete auf die Narbe auf ihrer Brust. „Operation am offenen Herzen. Vermutlich vor zwölf Monaten. Und –“, ich blickte auf meine Uhr, „Herzfrequenzmessgerät läuft und zeichnet auf seit sieben Minuten.“ Er nickte, übernahm und legte ihr eine Sauerstoffmaske an. Die Muskelprotze hinter mir starrten mich mit aufgerissenen Augen und offenstehendem Mund an. Jetzt, nachdem sie mich in Aktion erlebt hatten, machten sie keinen Versuch mehr, auf mich loszugehen. Und das war auch gut so. Denn ich hatte das Gefühl, dass sie mich, wenn sie es wirklich wollten, problemlos überwältigen könnten. Das Überraschungsmoment war auf meiner Seite gewesen, aber das hatte sich mittlerweile verflüchtigt. Der Sanitäter überprüfte Annies Pupillen, forderte sie auf, normal zu atmen und befestigte die Blutdruckmanschette an ihrem rechten Oberarm, während der zweite Rettungssanitäter mit einer Halskrause und einer Vakuummatratze zurückkehrte. Zwei Minuten später hatten sie ihr eine Infusion mit Kochsalzlösung angelegt, um ihren Blutdruck zu stabilisieren, und sie in den Rettungswagen geschoben. Annies Tante stieg hinten mit ein und begleitete sie zum Rabun County Hospital. Als die Rettungssanitäter die Tür schlossen, strich sie Annie über die Haare und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Nachdem der Rettungswagen abgefahren war, begann die Poli24


zei den Fahrer des Lieferwagens zu befragen. Die Einheimischen standen in kleinen Gruppen zusammen, die Hände in den Taschen vergraben. Kopfschüttelnd deuteten sie auf die Kreuzung und in den Wind. Ich drehte mich zu den beiden Männern hinter mir um und streckte die Hand aus, um dem ersten aufzuhelfen. „Sie nehmen es mir doch hoffentlich nicht übel?“ Der größere der beiden schüttelte den Kopf, und ich zog ihn auf die Beine. Er deutete in Richtung des davonfahrenden Rettungswagens. „Wir dachten, Sie wollten unserer Annie wehtun.“ Mein Blick folgte dem Rettungswagen, der langsam in der Ferne verschwand. „Nein, Sir. Ganz bestimmt nicht“, murmelte ich leise. Ich half dem anderen auf die Beine, und die beiden Brüder gingen kopfschüttelnd davon. Unterwegs rückten sie ihre Kappen gerade und richteten die Träger ihrer Overalls. Hinter mir murmelte ein älterer Mann, der ebenfalls einen Overall trug und dessen Stiefel nach Dieselöl rochen: „Wann bekommt dieses Mädchen endlich mal eine Pause?“ Er spuckte gezielt in einen Gully. „Warum ausgerechnet sie? Es gibt doch so viele Menschen in dieser Stadt. Warum sie? Das Leben ist einfach nicht fair. Es ist überhaupt nicht fair.“ Er spuckte erneut aus, diesmal auf die Straße, und ging über den Bürgersteig davon. Nachdem sich die Menge zerstreut hatte, kroch ich über den Boden, fand, was ich gesucht hatte, und steckte es in meine Tasche. Es war schon ziemlich abgegriffen und hatte auf der Rückseite etwas eingraviert. Das Heulen der Sirene war in der Ferne verklungen, und in der Luft hingen Duftwaben von Zimt, Pfirsichkompott, Barbecue und Dieselöl. Und vielleicht ein Hauch von Jasmin. Als ich davonfuhr, hatte sich vor dem 20-Liter-Kanister eine Schlange gebildet. Stumm legten die Menschen auf dem Rückweg zur Arbeit ihre Geldscheine hinein.

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