Kapitel 1 Reagan Deckers Hände zitterten, als sie das Telefon nahm und die Nummer wählte. Diese Nummer war ihr früher sehr vertraut gewesen, damals in einer Zeit, die jetzt Ewigkeiten zurücklag, bevor ihre Welt aus den Fugen geraten war. Sie wartete. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Es klingelte einmal ... Was soll ich sagen? Wie werden sie die Nachricht aufnehmen? Es klingelte ein zweites Mal ... „Hallo?“ „Mrs Baxter?“ Reagan erstarrte. „Ja?“ Es folgte eine kurze Pause. „Was kann ich für Sie tun?“ „Äh ...“ Sie erkennt meine Stimme nicht. Ich muss verrückt sein, dass ich jetzt anrufe. „Hier ist Reagan. Reagan Decker.“ „Reagan ... meine Güte. Es ist ... lange her, seit wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben.“ Lukes Mutter klang seltsam, als würde ihr bei der Erwähnung von Reagans Namen schwer ums Herz. Reagan überlegte, dass sie schnell etwas sagen und sich dann wieder verabschieden könnte. Aber das würde nicht genügen. Für diesen Anruf hatte sie einen ganz bestimmten Grund. Sie konnte sich nicht für immer vor Luke Baxter verstecken. „Mrs Baxter, ich muss mit Luke sprechen. Bitte.“ Reagan schloss die Augen. Noch vor einem Jahr hatte sie vor Geistesblitzen gesprüht und war gern auf andere Menschen zugegangen, aber jetzt nicht mehr. Die Lebhaftigkeit war aus ihrer Stimme verschwunden. Diese Veränderung war Lukes Mutter bestimmt nicht entgangen. Reagan atmete entschlossen ein. „Ich muss ihm etwas sagen.“
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Seine Vergangenheit verfolgte ihn. Das musste es sein. Anders konnte Luke die panische Unruhe, die einen so großen Teil seiner Zeit beherrschte, nicht beschreiben. Manchmal konnte er fast Schritte hinter sich hören. In solchen Momenten drehte er sich sogar um. Als könnte er einen Menschen oder ein anderes Wesen sehen, das hinter ihm her war. Aber es war nie jemand da. Dieses Gefühl war ständig von Erinnerungen begleitet. Deshalb redete Luke sich schließlich ein, dass das, was ihn verfolgte, nur seine eigene Vergangenheit war. Eine Vergangenheit, die sein Heute und sein Morgen beeinflusste und dafür sorgte, dass er sich wie in einem Nebel fühlte, in dem sein neues Leben als Freidenker so gut wie unmöglich war. Anfangs hatte dieses Gefühl ihn alle paar Tage befallen, aber jetzt kam es fast ständig. Heute Morgen war es so schlimm wie noch nie. Während der gesamten Vorlesung über Wirtschaft und Politikwissenschaft und jetzt in der Vorlesung über moderne Geschichte machte dieses Gefühl Luke so ruhelos, dass er sich überhaupt nicht konzentrieren konnte. Der Professor zeichnete ein Diagramm an die Tafel, aber Luke konnte nichts anderes sehen als Bilder von sich selbst und seiner Familie, als sie das letzte Mal vor dem 11. September zusammen gewesen waren. Die kleine Maddie, wie sie die Hände zu ihm hochstreckte. „Schaukle mich, Onkel Luke, schaukle mich.“ Seine Eltern Arm in Arm im Hintergrund. „Wie läuft es an der Uni, Luke? Hast du etwas von Reagan gehört?“ Mit kräftigen Bewegungen wischte der Professor die Tafel sauber. Die Bilder in Lukes Kopf verschwanden. Der Dozent drehte sich zu den Studenten herum und begann zu sprechen, aber Luke hörte nur Reagans Stimme, so wie er sie an jenem schrecklichen Abend gehört hatte, der alles für immer verändert hatte. „Es macht nichts, Luke. Ich rufe ihn morgen an ... es macht nichts ...“ 4
Aber sie hatte nie die Chance bekommen, ihn anzurufen. Luke drückte die Augen zu. Er war bereit, das alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Das sagte er sich selbst immer wieder. Warum verfolgten ihn dann diese Erinnerungen so hartnäckig? Bei den ganzen Freidenkerveranstaltungen, den vielen Clubs und Organisationen, zu denen Lori ihn mitnahm, sollte er doch ganz in dem Leben aufgehen, das er jetzt führte. Nicht in dem Leben, das er früher geführt hatte. Der Tonfall des Professors veränderte sich. Er sagte etwas über Waffengeschäfte mit dem Ausland, aber Luke achtete nicht auf ihn. Ein Gespräch, das er vor einigen Wochen mit seiner Mutter geführt hatte, lief in seinem Kopf ab. „Du denkst, du hättest alles geklärt, Luke, aber der Jagdhund des Himmels wird dich nicht so leicht loslassen.“ „Der Jagdhund des Himmels?“ Luke hatte nicht einmal versucht, seine Frustration zu verbergen. Seine Mutter wusste, wie er zu Gott stand. Warum konnte sie also nicht einfach damit aufhören? „Der Geist Gottes, Luke.“ In ihrer Stimme lag keine Entschuldigung. „Wenn jemand sich von Gott abwendet, läuft ihm normalerweise der Jagdhund des Himmels nach und holt ihn zurück.“ Der Jagdhund des Himmels, bei allem, was recht war! Als würde Gott – falls es einen Gott gab – sich so sehr für Luke Baxter interessieren, dass er ihm nachlief. Luke tippte mit dem Radiergummi seines Bleistifts auf seinen Notizblock. Nein, das war nicht der Grund, warum er sich so fühlte. Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den Professor. Wovon redete der Mann da vorne überhaupt? Und warum machten sich alle anderen Notizen? Eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken. Er regte sich unbehaglich. Vielleicht war es ein Kulturschock. Nachdem er sich sein gan5
zes Leben lang an bestimmte Glaubensvorstellungen gehalten hatte, hatte er sich um hundertachtzig Grad gedreht. So eine radikale Veränderung konnte nicht ganz ohne Konsequenzen ablaufen. Das erklärte das Pochen in seiner Brust, die Atemnot, die ihn manchmal mitten in einer Vorlesung befiel, und die ständig auf ihn einstürmenden Erinnerungen. Erinnerungen, die seinen Verstand und seine Seele wie in einem Schraubstock festhielten. Natürlich war das ein Rückschlag. Aber das brauchte er Lori nicht zu erzählen. Sie würde das nur auf die Manipulation seines Denkens schieben, der er so viele Jahre lang durch seine Familie ausgeliefert war. Er hatte keine Lust, mit ihr über die Manipulation seines Denkens zu diskutieren. Ihm gefiel diese Formulierung nicht. Außerdem stimmte dieser Vorwurf nicht. Trotz ihrer ganzen Unzulänglichkeiten, trotz ihres engstirnigen Denkens hatte seine Familie nie sein Denken manipuliert. Auf keinen Fall. Er hatte sich bereitwillig daran beteiligt, und obwohl keine gemeinsame Glaubensgrundlage mehr da war, hatte seine Familie ihn damals geliebt. Sie liebte ihn immer noch. Das wusste er mit Sicherheit. Aber genauso sicher wusste er, dass er ein neues Leben führen wollte, dass er eine Welt ohne absolute Werte und – wie hatte Lori es genannt? – ohne ein antiquiertes Moralsystem erkunden wollte. Ja, er war bereit, sich von allem zu lösen. „Mr Baxter, ich erwarte, dass Sie mir antworten, wenn ich Sie das erste Mal aufrufe.“ Luke fuhr auf seinem Stuhl zusammen. Zwei Studenten neben ihm konnten sich nur mühsam ein Lachen verkneifen. „Entschuldigung, was haben Sie gesagt?“ „Ich habe gesagt ...“ Die Stimme des Professors triefte vor Sarkasmus. „... dass Sie uns vielleicht erklären könnten, welche Bedeutung diese Waffengeschäfte Ende der siebziger Jahre hatten.“ „Ja, natürlich.“ Luke kramte verzweifelt in seinem Gedächtnis 6
nach einer Antwort, konnte aber keine finden. Seine Finger zitterten. Er hustete, um Zeit zu gewinnen. „Das kann ich Ihnen im Moment leider nicht sagen.“ Wieder ein mühsam unterdrücktes Lachen von seinen Mitstudenten. „Also gut, Mr Baxter. Dürfte ich Ihnen dann einen Vorschlag machen?“ Der Professor schob seine Brille nach unten und schaute Luke mit einem eisigen Blick an. „Ja, Sir?“ Lukes Kehle war wie ausgetrocknet. Es kostete ihn seine ganze Kraft, nicht aus dem Raum zu laufen. „Entweder Sie schlafen nachts mehr oder Sie verschwinden aus meiner Vorlesung über moderne Geschichte.“ Der Mann wurde lauter. „Haben Sie mich verstanden?“ Lukes Wangen glühten. „Ja, Sir.“ Als die Vorlesung zehn Minuten später zu Ende war, war Luke einer der Ersten, die den Hörsaal verließen. Nicht nur, weil er keine Lust auf weitere Diskussionen mit dem Professor hatte, sondern auch, weil er immer noch das Bedürfnis hatte zu fliehen, vor dem davonzulaufen, was ihn verfolgte. Vielleicht war es seine Vergangenheit, möglicherweise seine früheren Überzeugungen. Vielleicht das Ungewohnte an allem, womit er sich in letzter Zeit umgeben hatte. Aber ganz gewiss nicht der Jagdhund des Himmels.
Reagan kam nicht oft zum Ground Zero. Sie schaute aus dem Rückfenster des Taxis, das auf dem Broadway in Richtung Süden unterwegs war. Sie fuhren an zugenagelten Schaufenstern und amerikanischen Flaggen vorbei. Es war Spätnachmittag, und sie plante, noch vor Einbruch der Nacht wieder zu Hause zu sein. Nur noch ein kurzes Stück, und sie 7
wäre da. Sie kniff die Augen zusammen und erblickte weit über sich ein Stück Himmel. Papa, wenn du wüsstest, wie sehr wir dich vermissen ... Sie hatte an zwei Gedenkgottesdiensten am Ground Zero teilgenommen. Mit der Zeit hatte sie gelernt zu akzeptieren, dass der Berg aus Schutt und Asche, der früher einmal das World Trade Center gewesen war, jetzt die letzte Ruhestätte ihres Vaters war. Trotzdem vermied sie es so weit wie möglich, dorthin zu gehen. Das laute Dröhnen der Räumfahrzeuge und das akribische Sieben des Schutts konnten ihren tiefen Schmerz und die innere Leere nicht vertreiben. Aber heute war der Geburtstag ihres Vaters. Da ihre Mutter dieser psychischen Belastung nicht gewachsen war, fuhr Reagan heute allein zum Ground Zero. Als das Taxi um die nächste Ecke bog, konnte sie den Krater sehen, den die einstürzenden Türme mitten in New York City hinterlassen hatten. Aber obwohl man mit den Bergungs- und Räumungsarbeiten schon weit gekommen war, würde es trotzdem noch Wochen dauern, bis man ganz fertig wäre. Man schätzte, dass bis Mai alles geräumt sei; das wäre acht Monate nach den Terroranschlägen. Aber im Moment war immer noch ein großer Räumtrupp damit beschäftigt, den Schutthaufen abzutragen. Das Taxi hielt an einer Ampel. Reagan schaute sich um. Riesige Maschinen hoben mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen Stahlträger und Betonstücke hoch. Lastwagen fuhren ständig hin und her und brachten eine Schuttladung nach der anderen fort. Hier hatte ihr Vater seine letzten Sekunden erlebt. Sie wollte zu dem ungewöhnlichen Denkmal gehen, zu der Stelle, an der zwei Stahlträger so eingestürzt waren, dass sie die Form eines Kreuzes bildeten, das für alle, die daran vorbeigingen, zum Denkmal geworden war. Nach dem Einsturz des World Trade Centers war das Kreuz auf einer Plattform in der Nähe des Schuttberges aufgestellt worden. 8
Ebenso wie unzählige andere trauernde Menschen fühlte sich Reagan zu dieser Stelle hingezogen. Das Taxi fuhr so nahe wie möglich heran. Reagan erblickte das provisorische Denkmal. Sie bezahlte den Fahrer und stieg aus. Das Kreuz war von Teddybären und welken Blumensträußen umgeben. Einige Menschen standen in der Nähe. Nicht weit vom Kreuz entfernt stand eine Bank. Wahrscheinlich hatte sie einer der freiwilligen Helfer hier aufgestellt, vielleicht war sie aber auch von einem Gedenkgottesdienst übrig geblieben. Die Bank war jetzt leer. Reagan ging hinüber und setzte sich. Sie hatte sich eines Abends hier mit ihrem Vater zum Abendessen getroffen und ihn über ihr Handy von der Straße aus angerufen. „Mach dein Licht an und aus, Papa, damit ich sehen kann, wo du bist.“ Sie hatte den Kopf zurückgelegt und ihre Augen angestrengt. Sein Büro hatte an der West Street gelegen. Sie hatte gewusst, dass er irgendwo da oben war. „Okay.“ Ihr Vater hatte ihr den Gefallen getan. Dreimal und dann noch dreimal. „Kannst du mich sehen?“ „Ja!“ Reagan hatte zu der Stelle hinaufgestarrt. „Jetzt weiß ich immer, wo du bist.“ Ein Räumfahrzeug lud seine Ladung mit lautem Dröhnen ab. Die Erde zitterte unter ihren Füßen, und das Gespräch aus längst vergangener Zeit verblasste. Sie erinnerte sich immer noch daran, wie sich an jenem Tag ihr Nacken angefühlt hatte, den sie gerade so weit nach hinten gebeugt hatte, dass sie sein Bürofenster hatte sehen können. Jetzt hob sie die Augen höher und höher, bis sich ihr Nacken genauso anfühlte wie an jenem Abend. Sie konnte die Zwillingstürme immer noch sehen, als stünden sie hier; sie konnte sogar die Stelle sehen, an der sich das Büro ihres Vaters befunden hatte. Reagan schloss die Augen, um ihre Tränen zurückzuhalten. Sie würden unausweichlich kommen, aber sie wollte jetzt nicht wei9
nen. Sie hatte ihrem Vater so vieles zu sagen. Sie hatte Gott so vieles zu sagen. Gott ... erstaunlich, dass du und ich immer noch miteinander reden, nicht wahr? Ein schwaches Lächeln spielte um ihre Lippen. Wie traurig und ganz anders ihr Leben geworden war. In vielerlei Hinsicht war sie Gott jetzt näher als je zuvor – eine unerwartet positive Folge des Sterbens und Leidens, das sie umgab. Wie schade, dass Luke nicht auch so damit hatte umgehen können. Armer Luke. Reagan hörte sich seufzen und öffnete die Augen. Ein Vogel schwebte über die Stelle, an der früher der Südturm gestanden hatte. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. Jedes Mal, wenn sie die Augen öffnete, erwartete sie, dass die Zwillingstürme wieder groß und stolz mitten in Lower Manhattan aufragten. Sie blinzelte. Wie konnten sie nur fort sein? Beide Türme? Sie kniff die Augen zusammen, als eine Erinnerung vor ihrem geistigen Auge auftauchte: Als sie und Luke das letzte Mal dort oben gewesen waren und ihren Vater in seinem Büro besucht hatten. Wie in einem anderen Leben ... als wäre es nicht wirklich geschehen. Sie hatten über etwas gelacht – Lukes Traum, eines Tages dort oben zu arbeiten. War es das gewesen? Reagan kniff die Augen noch ein bisschen mehr zusammen. Ja. Sie hatten geflüstert, welches Büro er haben würde, und dass es auf demselben Gang wie das ihres Vaters liegen würde. „Dann habe ich Blick auf das Wasser.“ Luke hatte mit hoch erhobenem Kinn und fröhlich grinsenden Augen ihre Hand ergriffen, als sie in den Aufzug gestiegen waren. „Natürlich. Das ist das Mindeste, was sie dir anbieten – einem Anfänger, der direkt von der Uni kommt.“ Reagan hatte ihn in die Rippen gestoßen. „Schließlich bist du ja Luke Baxter.“ Reagan blinzelte. Die Erinnerung verblasste. Statt der hohen Türme sah sie jetzt nur graue Wolken. Für den 10
Nachmittag war Regen angekündigt worden. Noch mehr Regen. Nach einem milden Winter war der Frühling gnadenlos gewesen – Schnee, gefrierender Regen und ein eisiger Wind. So viele Tage ohne Sonnenschein, dass jeder New Yorker depressiv wurde. „Wo ist er, Gott?“ Ihre geflüsterte Frage vermischte sich mit der verrauchten Luft und verlor sich im unermüdlichen Lärm der Räumfahrzeuge. „Warum können wir ihn nicht finden?“ Im Gegensatz zu einigen trauernden Menschen, mit denen sie in der Kirche gesprochen hatte, brauchte Reagan keine Leiche, um den Tod ihres Vaters zu akzeptieren. Ein Ring, eine Brieftasche, eine Armbanduhr – irgendetwas, das ihrem Vater gehört hatte, würde ihr genügen. Aber sie hatte überhaupt nichts. Nur die Gewissheit, dass am Morgen des 11. September 2001 Tom Decker in seinem Büro dreihundert Meter über der Erde gewesen war. Und dass er jetzt nicht mehr da war. Reagan und ihre Mutter hatten darüber gesprochen. Er konnte den Einsturz unmöglich überlebt haben. Er war schnell und ohne Schmerzen gestorben und war mit Gedanken an seine Familie und seinen Herrn von diesem Leben in das nächste hinübergegangen. Aber das machte es ihr trotzdem nicht leichter – besonders da bis jetzt keine Spur von ihm gefunden worden war. Während der Feiertage hatte ihre Familie – genauso wie viele andere – eine Urne von der Stadt bekommen, die mit Asche vom Ground Zero gefüllt war. Darin könnte sich die Asche ihres Vaters befinden. Aber genauso gut konnte es die Asche von irgendjemand anderem sein. Es wurden noch immer über tausend Menschen vermisst. Reagan starrte das Kreuz an. Ein plötzlicher Friede erfüllte sie. „Ich weiß, Gott.“ Sie biss sich auf die Lippe. Ihrer Stimme fehlte die Energie und Lebhaftigkeit von früher, und an diesem Ort war sie nicht viel mehr als ein Flüstern. „Er ist nicht hier. Er ist 11
bei dir.“ Ihre Stimme zitterte. Sie schloss erneut die Augen. „Wenn ich nur ...“ Wie hatten sie und Luke nur so die Kontrolle verlieren können? Es war doch nur ein Footballspiel gewesen, meine Güte! Sie war nach dem langen Vorlesungstag müde gewesen. Die zweite Spielhälfte hatte sie fast vollständig verschlafen. Wie war es dazu gekommen, dass sie plötzlich miteinander auf dem Sofa gelegen und sich geküsst hatten? Warum hatte keiner von ihnen den Verstand besessen aufzuhören? Diese Fragen meldeten sich immer wieder in ihrem Herzen, aber sie waren nichts im Vergleich zu der einen Frage, die sie auch sieben Monate nach der Tragödie immer noch Tag und Nacht quälte. Warum war sie nicht ans Telefon gegangen, als ihr Vater anrief? Der Anruf war Gottes Warnglocke gewesen, seine Art, ihr und Luke zu sagen, dass es reichte. Dass es für Luke Zeit war, nach Hause zu fahren, dass es für sie Zeit war, eine halbe Stunde mit ihrem Vater zu telefonieren. Sie hatte die Wahl gehabt. Luke schien fast zu wollen, dass sie ans Telefon ging, als suchte er eine Gelegenheit, sich von ihrer Leidenschaft zu befreien und nach Hause zu gehen. Aber sie hatte den Anrufbeantworter drangehen lassen. Das war die schlimmste Entscheidung gewesen, die sie in ihrem ganzen Leben getroffen hatte. Reagan öffnete die Augen und betrachtete noch einmal das Kreuz. Am Nachmittag des 11. September war sie mit dem Bus von Bloomington, Indiana, wo sie studiert hatte, in die Wohnung ihrer Eltern in Upper East Side Manhattan gefahren. Aber wie lange hatte es gedauert, bis sie mit ihrer Mutter zur Kirche gegangen war? Bis sie endlich weinend zur Frau des Pastors gegangen war? Drei Monate? Vier Monate? Bis zu diesem Gespräch hatten ihre Schuldgefühle sie fast bei lebendigem Leib zerfressen. Aber nachdem sie sich fünf Tage hintereinander mit dieser Frau getroffen hatte, hatte Reagan endlich Vergebung und Gnade gefunden, wie sie das noch nie zuvor 12
erlebt hatte, obwohl sie schon ihr ganzes Leben lang an Jesus glaubte. Gott war barmherzig und fügte die Scherben ihres Lebens wieder zu etwas Schönem zusammen. Sie konzentrierte sich mit allem, was sie hatte, auf dieses Ziel. Für sehr lange Zeit hatte das für Reagan bedeutet, sich von Luke fernzuhalten. Reagan hatte einfach nicht gewusst, was sie zu ihm sagen sollte. Er musste schlecht von ihr denken, genauso wie er von seiner Schwester Ashley schlecht dachte. Reagan war oft übel gewesen und sie war schnell erschöpft gewesen. Es hatte sie alle Kraft gekostet, die Wahrheit mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zu verarbeiten. Das, was sie getan hatte, war ein weiterer Schlag für ihre Familie gewesen, eine weitere Tatsache, die bewies, dass ihr Leben nie wieder so sein würde, wie es einmal gewesen war. Sie war die Prinzessin ihres Vaters gewesen. Sein ganz besonderes Mädchen, das es nur ein einziges Mal auf der ganzen Welt gab. Wie enttäuscht wäre er von ihr, wenn er wüsste, was sie getan hatte. Erkläre es ihm bitte, Gott. Sag ihm, wie leid es mir tut, dass ich ihn enttäuscht habe. Aber sag ihm auch, dass es mir jetzt gut geht. Und sag ihm, wie sehr ich ihn vermisse ... bitte. Ein Bibelvers ging ihr durch den Kopf, ein Vers, den der Pastor gestern gesagt hatte. „Glücklich sind die Traurigen, denn Gott wird sie trösten.“ Es war derselbe Vers, den seine Frau Reagan bei ihren Gesprächen mitgegeben hatte. Diese Botschaft war klarer als der Himmel über ihr, wo früher das World Trade Center gestanden hatte. Gott verstand ihren Schmerz. Selbst jetzt legte er seine heiligen Hände auf ihre müden Schultern und tröstete sie mit einem Frieden, der jedes Begreifen übersteigt. Das war der Grund, warum sie überlebt hatte. Gottes Friede war es, der sie endlich veranlasst hatte, vor ein paar Tagen bei Luke anzurufen. Als Lukes Mutter ans Telefon ging, traten Reagan sofort Tränen in die Augen und schnürten ihr die Kehle so zu, dass sie kaum sprechen konnte. 13
Ab dem Moment, in dem Mrs Baxter sich meldete, klang ihre Stimme irgendwie anders. Sie wirkte ... aufgewühlt oder nervös. Reagan rang um die richtigen Worte. „Ich ... ich hätte früher anrufen sollen, aber ... also ...“ Sie stieß ein leises, verzweifeltes Seufzen aus. „Ich hätte mich melden sollen.“ Mrs Baxter schwieg einen Moment. „Es tut mir leid wegen deines Vaters, Reagan.“ Lukes Mutter hätte alles Mögliche sagen können. Sie hätte Reagan Vorwürfe machen können, weil sie nicht früher angerufen hatte, sie hätte sie anklagen können, weil sie Luke verletzt hatte. Falls er seinen Eltern erzählt hatte, was am Abend vor den Terroranschlägen zwischen ihnen vorgefallen war, hätte die Frau ihr daraus auch einen Vorwurf machen können. Aber Elizabeth Baxter war einfach nur freundlich und einfühlsam. Als Reagan begriff, dass keine Vorwürfe kamen, schluckte sie und überlegte, was sie als Nächstes sagen sollte. „Danke.“ „Geht es dir gut?“ „Wir kommen allmählich besser zurecht.“ Reagans Erleichterung war ihrer Stimme anzuhören. „Wie geht es Luke?“ Wieder Schweigen. „Er ... er wohnt nicht mehr hier, Reagan.“ Mrs Baxters Stimme klang belegt. „Er macht eine schwere Zeit durch.“ Während sie jetzt die Überreste des World Trade Centers betrachtete, zog sich Reagans Magen genauso zusammen wie in dem Moment, als Lukes Mutter diese Worte gesagt hatte. Luke machte nie wegen irgendetwas eine schwere Zeit durch. Er lachte und liebte und schwebte durchs Leben, egal, ob es um die Schule, ein Stipendium oder um seine Beziehung zu ihr ging. Solange sie zusammen gewesen waren, war Luke immer auf der Sonnenseite des Lebens gewesen. Sie war sich so sicher gewesen, dass sie für immer zusammenbleiben würden. Reagan hatte schwer geschluckt. „Eine schwere Zeit?“ Mrs Baxters Tonfall wurde angespannt, zögernd. Reagan merk14
te, dass die Frau weinte. „Es ... es tut mir wirklich leid. Es ist sehr schwer.“ „Sie müssen es mir nicht sagen, Mrs Baxter. Ich habe kein Recht, es zu erfahren, nachdem ich mich so lange nicht gemeldet habe.“ „Ist schon gut. Ich glaube, du solltest es trotzdem wissen.“ Sie zögerte. „Luke hat sich von ... von allem, wozu wir ihn erzogen haben, abgewandt. Er ist nicht mehr er selbst. Seit er ausgezogen ist, spricht er kaum noch mit uns. Er will ...“ Ihre Stimme klang jetzt wieder etwas beherrschter. „Er will uns nicht einmal mehr besuchen.“ Diese Nachricht hatte Reagan zutiefst geschmerzt und sie auf den nächsten Stuhl sinken lassen. Das war nicht möglich! Luke Baxter? Der junge Mann, von dem sie gewusst hatte, dass er eines Tages die Geschäftswelt lenken würde, der junge Mann, der so viel Charisma besaß, dass er eines Tages vielleicht sogar das ganze Land lenken könnte? Der geliebte Sohn seiner Eltern, das Nesthäkchen seiner Familie? Wie in aller Welt konnte er sich von allem abkehren, was ihm so wichtig gewesen war? Reagan hatte sich kaum zu fragen getraut, aber sie musste es wissen. „Was ... ist passiert?“ Mrs Baxter schniefte leise. „Er hat eine Studentin kennengelernt ... die stark gegen Gott und unseren Glauben ist. Er ... er wohnt jetzt mit ihr zusammen.“ Reagan war unter dem Gewicht von Mrs Baxters Worten fast zusammengebrochen. Luke hatte eine Freundin? Er wohnte mit ihr zusammen? Hatte ihm die Liebe, die sie zueinander gehabt hatten, bevor Reagan nach New York zurückgekehrt war, so wenig bedeutet, dass er sich einfach eine neue Freundin gesucht hatte? Sie hatte nur deshalb nicht mit ihm gesprochen, weil sie zu verletzt und schockiert gewesen war und unter der Last, dass sie ihren Vater verloren hatte, einfach nicht klar hatte denken können. Und sie hatte Angst gehabt ... so große Angst, dass sich nach 15
dem, was sie getan hatten, seine Gefühle ihr gegenüber geändert hatten. Sie räusperte sich, aber ihre Worte klangen wie die einer Fremden. „Das wusste ich nicht.“ „Es tut mir leid, Reagan.“ Die Frau wartete einen Moment. „Soll ich ihm sagen, dass er dich anrufen soll?“ Reagans Schuldgefühle zehrten schwer an ihr, während Mrs Baxter auf eine Antwort wartete. Lukes Mutter wusste nichts von dem, was zwischen ihr und Luke an jenem Montagabend vor den Anschlägen vorgefallen war. Das war nicht zu überhören. Ihre Antwort war schnell und bestimmt. „Nein.“ Sie schluckte schwer. „Ist schon gut.“ Sie hatte Mühe, klar zu denken. „Nein, Mrs Baxter ... Sagen Sie ihm nicht, dass ich angerufen habe. Bitte.“ Sie schwieg kurz. „Unsere Beziehung ist schon lange vorbei. Er hat das Recht, sich ein Leben ohne mich aufzubauen.“ „Ich denke, er würde bestimmt gern wissen, wie es dir geht.“ „Das ist nicht mehr wichtig. Er ist ... das zwischen uns ist vorbei.“ Ihr Herz schlug schneller, und sie konnte kaum atmen. Wenn Luke mit einer anderen Frau zusammenlebte, durfte er nie den Grund erfahren, warum sie angerufen hatte. „Sagen Sie es ihm nicht. Können Sie mir das versprechen?“ Lukes Mutter zögerte. Als sie schließlich sprach, konnte sie ihre Enttäuschung nicht verbergen. „Also gut. Ich werde es ihm nicht sagen.“ Ihr Seufzen zehrte an Reagans Herz. „Aber darf ich dich um einen Gefallen bitten?“ „Gern.“ „Bete für ihn.“ Mrs Baxter schniefte wieder. „Und ruf ihn bald einmal an.“ Reagan richtete sich auf und riss sich aus ihrer Vergangenheit los. Sie hatte den ganzen gestrigen Abend für Luke gebetet, und sie fühlte sich immer noch elend. War alles ihre Schuld? Hatte sich Luke von seiner Familie, seinem Glauben abgewandt, weil sie nicht mit ihm gesprochen hatte? 16
Sie seufzte. Das war mehr, als sie im Moment bewältigen konnte. Es käme gewiss der Tag, an dem sie sich diesen Fragen stellen müsste, aber nicht hier und nicht jetzt. Sie war nicht zum Ground Zero gekommen, um sich mit quälenden Gedanken an Luke herumzuschlagen. Wieder hob sie den Blick zu dem klaffenden Loch an der Stelle, an der früher die Zwillingstürme gestanden hatten – riesengroß hatten sie die Skyline von New York beherrscht. Dann richtete sie ihren Blick auf die Stelle, an der sich das Büro ihres Vaters gewesen war. „Oh, Papa, es tut mir so leid, dass dir das passiert ist.“ Die Tränen kamen, nicht in Sturzbächen, sondern nur so, dass sie in ihren Augenwinkeln brannten. Sie blinzelte und wartete, bis das Gefühl wieder verschwand. Sie hatte nach dem 11. September so viel geweint. Ganze Tage waren vergangen, an denen sie sich gefragt hatte, ob sie je auch nur eine Stunde verbringen könnte, ohne zu weinen. Seit einiger Zeit waren ihre Augen meistens trocken, aber der Schmerz in ihrem Herzen ließ sie keine Sekunde los. Sie vermisste ihren Vater so sehr, sie vermisste das Leben, das sie vor dem 11. September geführt hatten. „Ich bemühe mich, so gut ich kann, Papa.“ Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte wieder ein paar Tränen zurück. „Alles Gute zum Geburtstag.“ Nur wenige Meter von ihr entfernt rollte ein Räumfahrzeug vorbei. Reagan wandte ihren Blick keine Sekunde von der Stelle am Himmel ab. „Ich vermisse dich.“ Sie atmete dreimal zitternd und stockend ein. Dieses Mal konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten. Ihre geflüsterte Stimme klang ganz belegt. „Ich ... ich habe dich lieb, Papa.“ Wie als Antwort zog sich ihr vorstehender Bauch zusammen. Sie legte die offenen Handflächen über ihren Bauch und streichelte die Stelle, an der das Baby in ihr wuchs. Ist schon gut, Kleines. Mama geht es gut. 17
Sie war im siebten Monat schwanger – das war keine Überraschung. Aber bis zu ihrer letzten Untersuchung hatte sie gedacht, sie bekäme ein kleines Mädchen. Der Ultraschall hatte jedoch gezeigt, dass sie mit ihrer Vermutung falsch gelegen hatte. Das Baby war ein Junge. Reagan hatte sich auch schon für einen Namen entschieden. Ihre Tränen versiegten allmählich. Sie stand auf, streckte sich und wischte sich mit den Fingern die Tränen aus dem Gesicht. Sie warf einen letzten Blick auf das große Metallkreuz. Es war Zeit, nach Hause zu gehen, Zeit, ihrer Mutter beim Kochen zu helfen. Außerdem musste sie sich ausruhen. Sie wollte nur das Beste für ihren geliebten kleinen Jungen. Ein Junge, der den Namen seines Großvaters und seines Vaters tragen würde. Ein Junge, der Thomas Luke heißen würde.
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