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Max Lucado

Die Weihnachtskerze


Über den Autor: Über 25 Mill. Bücher von Max Lucado haben mittlerweile die Druckpresse verlassen. Ununterbrochen steht mindestens einer seiner Titel in den christlichen Bestsellerlisten ganz oben. Der „gelernte Prediger“ lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in San Antonio/Texas.

ISBN 978-3-86122-943-8 Alle Rechte vorbehalten Originaltitel: Christmans Candle © 2004 by Max Lucado Published by J. Countryman, a division of Thomas Nelson, Inc., Nashville, Tennessee 37214, USA © der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Andrea Wegener Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: www.francke-buch.de


Vorgeschichte

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ĭ Dezember 1664

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as Licht schien in dem kleinen Haus regelrecht zu explodieren, und mitten in der Nacht leuchtete es taghell. Der bärtige Kerzenzieher und seine Frau schraken aus dem Schlaf hoch. „W-w-was ist das denn?“, fragte sie zitternd. „Rühr dich nicht!“ „Aber die Kinder?“ „Die schlafen doch. Bleib wo du bist!“ Die Frau zog sich die Decke bis zum Kinn hoch und sah sich in dem Zimmer um, aus dem alle 5


Schatten verschwunden waren: die Kinder, die auf dem Boden schliefen, der Tisch und die Stühle neben der Feuerstelle, einige Werkzeuge in einer Ecke. Der Kerzenzieher wandte seinen Blick nicht ab und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Gestalt in der Mitte des Raumes. Sie schien in eine Flamme gekleidet zu sein, eine Feuerzunge, die sich von der Decke bis zum Boden erstreckte und dabei doch keine Hitze abstrahlte. In dieser Flamme bewegte sich das Wesen: ein Rumpf, ein Kopf, zwei Arme ... Es streckte seine Hand aus der Feuerzunge heraus, in Richtung eines Gestelles, an dem einige Kerzen hingen. Der Kerzenzieher und seine Frau verkrochen sich noch tiefer in ihren Kissen. Der Mann stieß eine Frage hervor: „Wirst du uns etwas antun?“ Der Besucher antwortete ihm nicht. Er wartete, wie um sicherzugehen, dass das Ehepaar ihm zusah, rührte eine der Kerzen an und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war. Die Dunkelheit senkte sich wieder über den Raum, und nur die Kerze, die gerade berührt worden war, 6


glomm. Instinktiv stieg der Mann aus dem Bett, durchschritt eilig das Zimmer und griff nach der Kerze, als der Schimmer gerade erlosch. Er sah zu seiner Frau hinüber. Sie schluckte mühsam. „Was war das denn?“, fragte sie. „Ich weiß es auch nicht.“ Er ging zum Tisch hinüber und ließ sich auf einen der Stühle sinken. Sie tat es ihm gleich. „Ein Engel?“, überlegte sie laut. „Muss wohl.“ Er legte die Kerze auf den Tisch, und sie starrten darauf. Sie wussten beide nicht, was sie denken oder sagen sollten.

ĭ Am nächsten Morgen saßen sie immer noch da, und starrten im Dämmerlicht auf die Kerze. Die Kinder wachten auf, eines nach dem anderen, und so frühstückten sie, zogen sich warm an und gin7


gen die Bristol Lane entlang, bis zur Kirche Sankt Markus. Dort wurde der letzte Adventssonntag gefeiert. Der Kerzenzieher gab dem Pfarrer einige zusätzliche Kerzen für den Adventsgottesdienst, aber die Kerze, die der Engel angerührt hatte, behielt er in der Manteltasche. Er war drauf und dran, dem Pfarrer von dem nächtlichen Besuch zu erzählen, aber dann überlegte er es sich wieder anders. Er wird mir ohnehin nicht glauben. Die Eheleute versuchten sich auf die Predigt zu konzentrieren, aber es gelang ihnen nicht. Sie mussten die ganze Zeit an die letzte Nacht denken, an den Engel und die Kerze, die in der Dunkelheit geleuchtet hatte. In ihrer Bank saß eine junge Mutter mit ihren beiden Kindern. Sie sahen alle verwahrlost und sehr schmutzig aus. Die Eheleute kannten die drei und wussten, dass der Familienvater, der in den Diensten eines Barons gestanden hatte, vor einem Monat bei der Jagd umgekommen war. Nach dem Gottesdienst schilderte die junge Witwe ihnen ihre Not. „Wir haben nur noch wenig zu 8


essen. Es reicht gerade noch für ein paar Tage.“ Die Frau des Kerzenziehers griff in die Manteltasche ihres Mannes, in der sie ein Geldstück wusste. Dabei geriet ihr die Kerze in die Finger. Sie reichte beides der jungen Mutter und schlug vor: „Zünde diese Kerze an und bete!“ Als diese sich zum Gehen wandte, sah die Frau ihren Mann an und zuckte die Achseln, als wollte sie sagen: „Schaden kann’s ja nicht.“ Er nickte. In den nächsten Tagen sprachen sie noch einige Male über die Kerze, aber nicht oft. Sie wollten das ganze Erlebnis schon als Traum abschreiben oder vielleicht als Vision. Der Gottesdienst an Heiligabend änderte das. Er begann damit, dass der Pfarrer die Gemeinde aufforderte zu erzählen, wo sie in der letzten Zeit Gottes Segen erlebt hatten. Jeder, der Gott auch vor der Gemeinde seinen Dank aussprechen wollte, sollte die Gelegenheit dazu bekommen. Als er fragte, wer beginnen wollte, stand die junge Frau auf. Dieselbe junge Mutter, die noch vor wenigen Ta9


gen ungepflegt und hungrig ausgesehen hatte, leuchtete an diesem Abend regelrecht. Sie erzählte der Gemeinde, dass ein reicher Onkel ihr ganz plötzlich einen Hof geschenkt hatte. Es war ein Gottesgeschenk. Sie konnte in dem Haus leben und das Land drum herum verpachten, um ihre Familie so zu ernähren. Sie blickte den Kerzenzieher und seine Frau direkt an, als sie sagte: „Ich habe gebetet. Ich habe die Kerze angezündet und gebetet.“ Die Eheleute sahen sich an. Sie vermuteten, dass zwischen der Kerze und der Gebetserhörung ein Zusammenhang bestand – aber wer konnte das schon so genau sagen?

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Kapitel 1 Nachmittag

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ĭ 4. Mai 1864

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„ ch finde es einfach nur merkwürdig, dass Oxford seinen besten Studenten ausgerechnet an einen abgelegenen Flecken wie Gladstone schickt“, sagte Edward Haddington zu Bea, seiner Frau. Er war ein breitschultriger Mann mit blitzenden dunklen Augen und dichten grauen Augenbrauen, und er hatte Mühe, seine Weste über dem rundlichen Bauch zu schließen. Bea, die genauso füllig war, hatte ihre eigenen 13


Schwierigkeiten. „Wann habe ich dieses Kleid nur zum letzten Mal angehabt?“, überlegte sie laut. „Muss ich die Naht denn noch weiter auslassen?“ Und dann, lauter: „Beeil dich, Edward. Er muss in der nächsten Stunde ankommen.“ „Findest du das denn nicht merkwürdig?“ „Ich weiß gar nicht, was ich denken soll, mein Lieber. Ich weiß nur, dass wir bald los müssen, wenn wir nicht zu spät kommen wollen. Er kommt um halb zwei an.“ Das Ehepaar eilte aus dem kleinen Giebelhaus und lief die Bristol Lane ein paarhundert Schritte nach Süden bis zur Dorfmitte. Sie waren nicht die einzigen. Ein gutes Dutzend Dorfbewohner liefen schon vor ihnen her. Als Edward und Bea an der Allmende des Dorfes ankamen, stand schon die halbe Bevölkerung dort, rund sechzig Leute, und starrte nach Norden. Niemand nahm das weißhaarige Ehepaar zur Kenntnis, denn aller Augen waren auf die Kutsche gerichtet, die sich dem Dorf näherte. Der Kutscher ließ die Pferde anhalten, und ein junger Mann stieg aus. Er hatte kleine Knopfaugen, 14


ein spitzes Kinn und eine eckige Nase, die sich endlos aus seinem Gesicht zu erstrecken schien. Pfarrer David Richmond stand, einen Zylinder in der Hand und seinen Mantel um die Schultern gelegt, da und betrachtete die Menge. Edward glaubte ihn seufzen zu hören. „Wir müssen ihm schon sehr komisch vorkommen“, flüsterte er Bea zu. Sie hielt sich eine Hand hinters Ohr und fragte zurück: „Was hast du gesagt?“ Er schüttelte nur den Kopf. Wenn er lauter sprach, konnten ihn die anderen hören. Ein glupschäugiger Schlosser, der vom vielen Feilen so verwachsen war, dass er den Neuankömmling nur mit einem schiefen Blick von unten her anschauen konnte, sprach das erste Willkommen aus. Ein kleingewachsener Bauer und sein riesengroßer, starker, aber etwas beschränkter Sohn schlossen sich ihm an. „Er kann die Fenster in der Kirche sauber machen“, bot der Vater an. „Für Pfarrer Pellington hat er das jedenfalls immer gemacht.“ Einer der Mühlenarbeiter fragte Pfarrer Richmond, ob er gerne angelte. Und noch bevor er antworten 15


konnte, lud ein Landarbeiter den neuen Pfarrer ein, sich ihm und seinen Freunden anzuschließen, wenn sie im Dorfgasthof zusammen saßen. „Lasst den guten Mann doch erst einmal Atem schöpfen, Leute“, mahnte Edward, „ihr überfallt ihn ja regelrecht.“ Die anderen traten zur Seite, als Edward die Hand zum Gruß ausstreckte. „Herzlich willkommen in Gladstone, Herr Pfarrer. Haben Sie die Kutschfahrt genossen?“ Pfarrer Richmond hatte allen Grund, die Frage zu bejahen. Der Frühling hatte die Natur in den herrlichsten Farben angemalt. Niedrige Steinmäuerchen umsäumten die Felder und wollige Schafe waren als Farbsprengsel auf den Wiesen zu sehen. Die Krähen pickten Samen aus dem Schnee, der fast ganz weg geschmolzen war, und die Maiwolken zogen hoch am Himmel fröhlich vorbei. Immer wieder blitzte das Sonnenlicht durch sie hindurch auf die schmalen Flüsschen, die es funkelnd reflektierten. England zeigte sich von seiner besten Seite. Doch der Pfarrer brachte nur ein unmotiviertes „Es war erfreulich“ hervor. 16


Edward nahm die Tasche des Geistlichen auf und ging ihm durch die Menge hindurch voran. „Wir werden Ihre Sachen gleich zum Pfarrhaus bringen, wo Sie sich auch frisch machen können. Danach überlassen wir Sie den Barstows, die möchten Sie nämlich gerne zum Tee einladen.“ Als die Menge auseinander ging, nickte der Pfarrer und folgte seinem Gastgeber zu seiner neuen Behausung. Sie lag im Schatten der Kirche Sankt Markus, die nur einen Steinwurf weit von der Dorfmitte entfernt war. Der ehrwürdige Turm aus der Normannenzeit stand als Wächter über dem ganzen Dorf. Edward hielt vor dem Tor zum Kirchhof inne und schlug vor. „Würden Sie die Kirche gerne von innen sehen?“ Der Gast nickte, und sie traten durch das Tor. Der Kirchhof lag zwischen der Straße und der Kirche. „Um den Lebenden zu predigen, muss man an den Toten vorbei“, scherzte Edward. „Edward!“, ermahnte ihn Bea. Pfarrer Richmond sprach nicht. Der Weg, der zur Kirche führte, war an einigen 17


Stellen von einer schulterhohen Mauer gesäumt, so dass die Grabsteine auf Augenhöhe lagen. Der neueste war unter einer großen Eibe direkt vor der Kirche zu finden und bezeichnete die Stätte, an der der vorige Pfarrer von Sankt Markus beerdigt war. Edward und Bea hielten an und ließen ihrem Gast Zeit, die Inschrift zu lesen: Pfarrer P. Pillington Ein Mann Gottes. Ein Mann des Glaubens. Ein Mann aus Gladstone. Unser einen Moment lang. Gottes auf ewig. 1789 – 1864

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„In diesem Monat hätten wir eigentlich sein fünfzigstes Jubiläum als Pfarrer dieser Kirche gefeiert“, erklärte Bea. „Wann ist er denn gestorben?“, fragte Pfarrer Richmond. „Im Februar“, gab Edward zur Antwort. „Es war ein schwerer Winter. Eine Lungenentzündung hat ihn sterben lassen.“ „Gott hat ihn sterben lassen“, korrigierte Bea. Edward nickte. „Wir haben den Mann wirklich lieb gehabt. Man findet Spuren von ihm im ganzen Tal. Er hat uns Vertrauen und Beten gelehrt. Und mir hat er sogar Lesen und Schreiben beigebracht.“ Bea stimmte ein: „Edward war auch wirklich fleißig! Kommen Sie! Wir gehen nach drinnen.“ Die schweren Türen öffneten sich zum hinteren Teil des Kirchenraums hin. Durch drei hohe Kirchenfenster brach sich bunt das Sonnenlicht. „Mein Großvater hat geholfen, die einzusetzen“, erklärte Edward. Er ging die drei Schritte zum Taufbecken hin und bedeutete den anderen, sich ihm 19


anzuschließen. „Ist zwei Jahrhunderte alt“, sagte Edward und fuhr mit einem Finger sanft an dem Kalkstein entlang. „Meine Vorfahren sind alle hier getauft worden. Und mein Ur, Ur ... Bea, wie viele Urs sind das denn?“ Sie legte einen Finger an die Lippen. „Lass den Pfarrer doch in Ruhe nachdenken!“ Edward hob entschuldigend die Hand und trat einen Schritt zurück. Der Mittelgang trennte zehn Bankreihen links und rechts voneinander. Vor den Bänken auf der linken Seite stand ein Lesepult, und rechts über den Bänken erhob sich die Kanzel. An der hinteren Wand des Altarraums, hinter der Kanzel, waren die Orgelpfeifen aus Bronze zu sehen. Hier standen sich auch links und rechts zwei Bankreihen für den Chor gegenüber. „Meine Bea spielt Orgel“, erklärte Edward stolz. Der Geistliche reagierte nicht. Er ging nach vorne und hielt auf der ersten der steinernen Stufen, die zur Kanzel hoch führten, an. Auf der Ablagefläche lagen eine dicke Bibel und ein leeres Glas. 20


„Ist seit Februar nicht mehr benutzt worden“, bemerkte Edward. Pfarrer Richmond wandte sich verwirrt zu ihm um. „Gab es denn keine Vertretung?“ Bea schüttelte den Kopf. „Nur hin und wieder einmal. Gladstone ist den meisten Pfarrern zu abgelegen. Aber wir sind trotzdem ganz gut zurechtgekommen.“ „Sicher.“ Pfarrer Richmond schien es plötzlich eilig zu haben, aus der Kirche zu kommen. „Sollen wir wieder nach draußen gehen?“ Bea streckte ihm zum Abschied die Hand entgegen. „Ich werde heim gehen und ein Abendessen für Sie vorbereiten, Herr Pfarrer. Genießen Sie Ihren Besuch in Gladstone.“ Edward führte den Geistlichen durch das Pfarrhaus und wartete dann draußen, bis er für seinen ersten Besuch an diesem Nachmittag bereit war.

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