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Kapitel 1 Die Lampen begannen zu flackern und verloschen dann plötzlich, Computer stellten ihren Dienst ein, Fernseher zeigten nur noch ein schwarzes Bild, und Hunde verkrochen sich bäuchlings unterm Bett. Ein Blitz war gleißend und krachend in einen Strommast eingeschlagen, und so kam es, dass alle dreiundzwanzig Häuser von Deepwater Cove auf einen Schlag im Dunkeln lagen. Sandy Sherman ahnte, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Der Föhn in ihrer Hand gab keinen Hauch mehr von sich, und Esther Moore, die letzte Kundin im Salon, würde mit feuchtem Haar nach Hause gehen müssen. „Gut, dass du die Letzte heute bist“, sagte Sandy. „Ich werde jetzt schließen müssen.“ „Zu dumm“, murmelte Esther und fuhr sich prüfend durchs graue Haar. „Ich werde mich beeilen, um Charlie aus der Patsche zu helfen. Ohne Blindenführer findet er die Kerzen nicht.“ Sandy tastete nach der Taschenlampe im Schubfach und knipste sie an, damit ihre Kundin Tasche und Schlüssel finden konnte. „Der Hund wird wieder verrückt spielen“, überlegte Esther. „Der Gute ist inzwischen viel zu fett, um unters Sofa zu kriechen. Er wird heulen, und Charlie wird sich überall die alten Knochen anschlagen, nur um den Hund zu finden und zu trösten. Wahrscheinlich kriegen wir erst nach Stunden wieder Strom vom Elektrizitätswerk. Früher schaffen die es doch nie. Also, mach’s gut, Sandy. Charlie kann sicher kaum abwarten, dass ich nach Hause komme, damit er in der Nachbarschaft nach dem Rechten sehen kann.“ „Sag ihm, dass er vorsichtig sein soll. Es ist ein schlimmer Sturm angesagt“, rief Sandy besorgt, denn sie wusste, dass die Männer von Deepwater Cove nur allzu gern ihre Golfcarts benutzten, um Spritztouren in der Nachbarschaft zu machen. Der 5


Ort war nämlich berühmt für seinen herrlich angelegten Golfplatz, und fast jeder Haushalt besaß einen eigenen Golfwagen, den man vielfältig einsetzen konnte – zum Strand fahren, den Hund Gassi führen, die Angelsachen transportieren, den Nachbarn besuchen oder einfach nur spazieren fahren. Warum sollte man zu Fuß gehen, wenn man fahren konnte? Typisch wir Frauen, dachte Sandy. Wir denken nicht zuerst an voll gelaufene Keller und abgedeckte Dächer, sondern an unsere Lieben und wie es ihnen geht. „Ein Sturm kann Charlie nicht abhalten, in seine Karre zu steigen“, rief Esther über die Schulter in den Wind. „Wenn unsere Männer sich in den Kopf gesetzt haben, ihre Runde zu drehen, dann tun sie’s. Charlie war immerhin Postbote. Da ist er sturmerprobt.“ ***

Brenda Hansen lackierte gerade im Keller einen Esszimmerstuhl, als der Blitz in den Strommast unmittelbar vor ihrem Haus einschlug. Das Herz blieb ihr fast stehen, und vor Schreck ließ sie den Pinsel fallen, denn der Schlag fuhr ihr durch Mark und Bein. Die Katze, die eben noch zusammengerollt auf einem Regal gedöst hatte, sprang in Panik auf den Boden und landete direkt in einem rosa Farbklecks. Auf ihrer Flucht in ein sicheres Versteck hinterließ sie eine sichtbare Spur. Das Unwetter tobte, es zuckte Blitz auf Blitz, und der Keller war stockdunkel. Da sah sie den Mann! Ein großer, hagerer Kerl in durchweichten Kleidern. Bart und Haar wirr und lang gewachsen. Er starrte sie durch die große Glastür an, die zum Garten führte. „Steve!“, schrie sie unwillkürlich, bevor ihr einfiel, dass ihr Mann gar nicht im Haus war. So lief sie zur Treppe und hastete stolpernd hinauf. Sie stieß sich die Schienbeine an, doch schließlich war sie oben angekommen. „Herr, steh mir bei! Herr, 6


steh mir bitte bei!“, betete sie keuchend, während sie sich durchs dunkle Haus tastete. Und da fiel es ihr ein: Sie hatte die Kellertür einen Spaltbreit offen gelassen, um frische Luft zu haben und den Farbgeruch zu vertreiben. Wenn der Kerl nun schon im Haus war! Wenn er sie suchte! Brenda sah kaum die Hand vor Augen. Dennoch erreichte sie schließlich die Haustür, und im selben Augenblick pochte jemand dagegen. Durch die Scheibe erkannte sie die Gestalt. Es war wieder der Mann! Hastig legte sie die Kette vor und lehnte sich erschöpft gegen die Wand neben der Tür. Wo lag nur das Handy? Wie schnell würde der Sheriff in Deepwater Cove eintreffen? Acht Minuten, so hatte man sich erzählt. Genug Zeit, um zu sterben! „Ist da jemand drin?“, fragte eine tiefe, männliche Stimme. „Ich heiße Cody.“ Brenda schluckte. Ein Fremder. Sie kannte keinen Cody, auch sonst keinen hageren, bärtigen Mann. Wer weiß, vielleicht war er ein Mörder, der im Dunkeln um die Häuser schlich und sich seine Opfer suchte. Würde sie es schaffen, in den Keller zu eilen, um die Tür zu verriegeln? „Ich kann Sie sehen!“, rief dieser Cody. Brenda entfernte sich von der Tür. Typisch, wenn sie Steve schon einmal brauchte, war er nicht da! Wahrscheinlich würde er freudestrahlend mit einem guten Geschäftsabschluss nach Hause kommen – und seine Frau in der Diele ermordet vorfinden! „Haben Sie vielleicht Schokoladenkuchen im Haus?“, fragte der Mann draußen und pochte etwas sanfter gegen die Scheibe. „Ich habe Hunger, und ich esse so gerne Schokoladenkuchen.“ Brenda überlegte fieberhaft. War ihr Handy vielleicht in der Handtasche? Sie hatte es schon eine Weile nicht mehr benutzt. Ja, ihr Leben war eintönig in letzter Zeit. Tagelang hatte sie 7


keinen Grund gehabt, irgendjemanden anzurufen. Oder lag es auf dem Tischchen in der Diele? „Haben Sie gehört? Schokoladenkuchen. Ich bin pitschnass und hungrig. Mein Vater hat immer gesagt: ,Was zu essen bekommst du überall, aber nur bei Christen bekommst du Schokoladenkuchen.‘“ Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Der Mann drückte sich gegen die Scheibe und hatte seine Hände trichterförmig um die Augen gelegt. Er würde sie bestimmt sehen, wenn sie zum Tischchen ging. „Nein!“, rief sie und scheute sich, einen Blick zur Tür zu werfen. „Gehen Sie weg!“ „Sind Sie Christ?“, fragte der Mann vor der Tür. „Ich habe Hunger.“ Sie schüttelte den Kopf. „Hauen Sie ab! Los! Gehen Sie weg von meiner Tür.“ „Schon gut.“ Er war plötzlich nicht mehr zu sehen. Brenda tastete inzwischen nach dem Tischchen, aber das Handy war nicht da. Daraufhin ließ sie sich erschöpft mit dem Rücken an der Wand zu Boden gleiten und kauerte dort, die Beine mit den Armen verschlungen. Typisch Steve! Wann war er schon mal zu Hause und für sie da? Ständig geschäftlich auf Achse! Gemeinsame Mahlzeiten, die gab es kaum noch. Und wenn sie sich mal unterhielten, ging es immer nur um seine Geschäfte. Brenda legte den Kopf auf die Knie. Was war nur schiefgegangen? Sie hatte sich doch auf die Zeit vorbereitet, wenn die Kinder aus dem Haus sein würden! Was hatte sie sich nicht alles vorgenommen! Das Haus ganz neu gestalten. In der Gemeinde mitarbeiten. Dem Verein „Schöner Garten“ beitreten – und endlich nach Herzenslust nähen. Vielleicht würde sie ja noch ihren Traum verwirklichen und sich als Design-Beraterin für Inneneinrichtungen selbständig machen. 8


Sie hatte gedacht, dass sie ohne die Kinder im Haus viel Zeit mit ihrem Mann verbringen würde. Gemeinsame Reisen, Kino, Gäste, ab und zu abends auf dem Wasser mit dem Boot unterwegs sein. Doch so war es nicht gekommen. Steve war kaum noch zu Hause. Und wenn es niemanden gab, der an den eigenen Plänen Anteil nahm, war alles so freudlos. Ja, zu Weihnachten, da sind die Kinder nach Hause gekommen, aber dann waren sie schnell wieder über alle Berge, froh, unter ihresgleichen zu sein. Inzwischen fiel es Brenda immer schwerer, morgens die Bettdecke aufzuschlagen und danach eine Beschäftigung zu finden. So unendlich still, öde und leer war es im Haus. Damals, als die Kinder noch zu Hause waren, hätten sie ein Gewitter und ein Mann an der Tür längst nicht so aus der Fassung gebracht. Wer gebraucht wird, reißt sich eher zusammen. Jetzt aber war sie allein in dem großen, leeren Gemäuer, und ein Verrückter lauerte vor der Tür. Wenn er sie nun wirklich in Stücke schnitte und ins Wasser würfe – wen würde es schon kümmern? „Ich hab mich nur getraut anzuklopfen, weil ich den Herrn Jesus unten im Keller bei Ihnen gesehen habe.“ Da war der Kerl schon wieder! „Bestimmt, ich habe ihn gesehen, und er hat mich angesehen.“ „In diesem Haus lebt kein Herr Jesus“, rief sie zurück. „Machen Sie, dass Sie wegkommen, und lassen Sie mich endlich in Ruhe.“ „Nur weil ich ihn hier gesehen habe, habe ich mich getraut, nach Schokoladenkuchen zu fragen.“ „Ich kann Ihnen nichts abgeben. Der ist reserviert für ... für ...“ Ja, für wen eigentlich? Sie hatte tatsächlich am Nachmittag Schokoladenkuchen gebacken. Sie selber machte gerade ihre hundertste Diät. Und Steve nahm fast jede Nahrung außer Haus zu sich – mit seinen Geschäftspartnern. 9


„Sind Sie Christ?“, fragte der Mann unverblümt. „Mein Vater hat nämlich immer gesagt ...“ „Hören Sie, guter Mann, was ist Ihr Problem?“ Der Ärger gab ihr schließlich Kraft, sich aufzuraffen. „Sie können doch nicht einfach an fremder Leute Türen klopfen, während draußen ein Gewitter tobt und der Strom ausgefallen ist! Sie können auch nicht einfach wildfremde Menschen um Schokoladenkuchen bitten! Und damit Sie’s wissen: Hier wohnt kein Jesus! Also gehen Sie endlich, bevor ich die Polizei rufe.“ Er kratzte sich am Kopf. „Na schön. Aber haben Sie vielleicht was anderes zu essen? Ein paar kalte Kartoffeln würden es auch tun oder ein Brotkanten.“ „Sie haben mich wohl nicht verstanden!“ „Oje, ich habe wohl das Zauberwort vergessen: Bitte!“ Plötzlich wich bei Brenda die Angst. Seltsam. Das Zittern legte sich, und sie musterte durch die Scheibe die Elendsgestalt vor ihrer Tür durch die Scheibe. Ein wilder Kerl mit wirrem Haar und zerzaustem Bart. Warum redete er so komisches Zeug? Wie ein kleiner Junge. Wer sprach als Erwachsener noch vom „Zauberwort“? Wer würde so spät an fremde Türen klopfen und um Schokoladenkuchen bitten? Und kein vernünftiger Mensch würde behaupten, im Keller den Herrn Jesus gesehen zu haben. Der Kerl scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein! „Hallo, ich bin Cody, und wie heißen Sie?“ „Brenda.“ Sie wusste nicht recht, warum sie es ihm sagte. „Und wie alt sind Sie?“ „Das fragt man nicht. Das ist unhöflich.“ „Na gut“, sagte er enttäuscht und wandte sich zum Gehen. Brenda trat dicht an die Tür. „Warten Sie. Einen Augenblick bitte.“ Er kehrte um und drückte wieder sein Gesicht an die Scheibe und hielt die Hände zu beiden Seiten der Augen, um besser sehen zu können. Er ist tatsächlich nicht richtig im Kopf. Dennoch tastete sich 10


Brenda in die Küche, wo sie eine Schachtel Streichhölzer fand. Mit einem Hölzchen zündete sie eine der Duftkerzen an, die sie überall im Haus aufgestellt hatte, und schnitt ein Stück vom Kuchen ab. Eigentlich hätte sie ihr Handy suchen und die Polizei rufen sollen, anstatt für den Mörder vor der Haustür ein Stück Kuchen abzuschneiden. Was soll’s, dachte sie. Sie legte das Stück auf einen Teller. Noch die Kuchengabel dazu und eine Serviette. Sie ging zur Haustür – den Teller in der einen und die Kerze in der anderen Hand. „Hab schon gedacht, Sie hätten sich aus dem Staub gemacht“, sagte der Mann. „Und mich allein gelassen.“ „Ich hab Schokoladenkuchen mitgebracht. Setzen Sie sich da drüben auf die Veranda-Schaukel.“ Er strahlte übers ganze Gesicht. „Schokoladenkuchen! Au ja! Den esse ich so gerne.“ „Nun machen Sie schon, setzen Sie sich da hin. Und bleiben Sie schön sitzen.“ „Mach ich“, murmelte er, während er mit seinen durchweichten Schuhen eine nasse Spur auf der Veranda hinterließ. Draußen rauschte der Regen noch immer, während Brenda die Tür vorsichtig aufschloss, hastig Teller und Kerze auf der Fußmatte abstellte und die Tür wieder schloss. Kaum hatte sie die Tür verriegelt, flammten alle Lampen wieder auf. „Hey“, sagte Cody und blickte nach oben zum Ventilator mit der Lampe in der Mitte. „Sehen Sie nur! Strom!“ Sie nickte. „Nun holen Sie sich den Kuchen. Er steht vor der Tür.“ „Aber die Kerze, die dabeisteht. Ich darf keine anfassen. Messer, Gabel, Schere, Licht ... Da kann man sich die Finger verbrennen.“ „Dann passen Sie halt ein bisschen auf und nehmen nur den Kuchen.“ Er stand auf – und sah wieder riesig aus, wild und zum 11


Fürchten. Am Körper trug er nur ein verwaschenes gelbes T-Shirt, eine blaue Jacke mit Reißverschluss, zerrissene Jeans und Turnschuhe, aus denen vorn die Zehen herausschauten. Was für eine erbärmliche Gestalt! Er muss ganz schön frieren, dachte Brenda. Während sie noch hinter der Tür stand, ging er davor in die Hocke, nahm das Stück Kuchen vom Teller, und mit zwei Bissen war es verspeist. „Schokoladenkuchen!“ Er sah sie strahlend an, und mit Kuchenkrumeln am Mund sagte er: „Ich wusste doch, dass Sie Christ sind!“ „Ja, ja, Sie haben ja recht. Ich bin Christin.“ „Hab schließlich Jesus bei Ihnen im Keller gesehen.“ „Den haben Sie bestimmt nicht gesehen, Cody. Er ist nämlich nicht hier.“ Sie musterte den Mann, während der seine Finger leckte. Ein Obdachloser wahrscheinlich. Sie hatte neulich in der Zeitung gelesen, dass viele von ihnen seelisch krank sind. Wahrscheinlich war er sogar vollkommen harmlos. Und nun, da das Licht auf der Veranda sie etwas beruhigte, seufzte sie erleichtert und fragte: „Sind Sie satt geworden?“ Er sah sie verwundert an und rief: „Überhaupt nicht! Ein Stück könnte ich bestimmt noch vertragen.“ „Ich mache Ihnen noch etwas Richtiges zu essen. Bleiben Sie da auf der Schaukel und rühren Sie sich nicht von der Stelle!“ Wenigstens würde sie heute Steve etwas zu erzählen haben, dachte Brenda auf dem Weg zur Küche. Für die frisch gestrichenen Stühle im Keller würde sich Steve ohnehin nicht interessieren – oder was sie sonst noch so alles gemacht hatte. Den ganzen Herbst über hatte sie Tag und Nacht an der Nähmaschine gesessen und Überwürfe fürs Sofa und die Sessel genäht. Aber er hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Erst nach drei Tagen brach sie ihr Schweigen und machte ihn darauf aufmerksam, woraufhin er nur lapidar bemerkte: „Brenda, wenn du eine neue Couch-Garnitur haben wolltest, warum hast du dann den 12


Mund nicht aufgemacht? Ich verdiene genug Geld, um dir ein ganzes Wohnzimmer einzurichten!“ Als wenn es ihr darum gegangen wäre, ein neues Wohnzimmer bezahlt zu bekommen! Brenda nahm zwei kalte Hähnchenschenkel und legte sie auf einen Teller, dann noch eine Kelle Kartoffelbrei und Erbsen dazu. Das alles schob sie in die Mikrowelle, und während sie die Zeit einstellte und den Starknopf drückte, kam all der alte Groll in ihr wieder hoch. Ja, als die Kinder klein waren, hatte Steve noch in einem Autoteile-Laden gearbeitet, und wenn er abends nach Hause kam, dann hing er an den Lippen seiner Lieben, die haarklein erzählten, was am Tag vorgefallen war. Er wollte jede Zeichnung begutachten und jedes Zeugnis sehen. Er tobte mit Justin durchs Haus und nahm Jennifer und Jessica huckepack. Er schüttete sich aus vor Lachen, wenn die Kinder von ihren Streichen erzählten. Und abends hatte er ein offenes Ohr für sie, wenn sie von ihren Wochenendplänen erzählte oder laut über den nächsten Urlaub nachdachte. Das hatte sich alles geändert. Steve bemerkte nicht mehr, dass die Servietten und Tischsets, die sie selber genäht hatte, harmonisch zu den Farben der Bestuhlung passten. Und als er dann doch einmal die neuen Überwürfe der Sessel wahrnahm, bemerkte er nur: „Rosa? Na ja, ich werd mich schon dran gewöhnen.“ Dran gewöhnen? Was war das für eine geringschätzige Bemerkung ... „Es war wohl doch nicht Jesus.“ Brenda zuckte zusammen. Der langhaarige Fremde stand ein paar Schritte von ihr entfernt in der Küchentür, hinter ihm auf dem Boden eine schmutzige Fußspur auf dem Teppich, die von der Kellertreppe herkam. Brenda packte das Messer, mit dem sie gerade den Schokoladenkuchen geschnitten hatte. „Ich sagte doch, dass Sie draußen auf der Veranda bleiben sollten!“, fuhr sie ihn an. 13


„O nein, jetzt sind Sie böse auf mich, nicht wahr?“ „Gehen Sie wieder raus, jetzt gleich! Es ist mir ernst.“ „Bin noch mal ums Haus gegangen, um zu sehen, was das mit Jesus war. Aber er war nicht da. Und wissen Sie was? Ich hab was rausgefunden.“ „Cody, Sie sollen hier nicht in der Küche sein. Gehen Sie wieder raus. Sofort!“ „Es war gar nicht Jesus. Ich war’s selber!“ Er grinste breit, die Zähne noch immer voll brauner Kuchenreste. „Die Tür hat gespiegelt. Ich dachte, es wäre Jesus, dabei war ich’s selber. Können Sie sich denken, wie erschrocken ich war? Komisch, nicht wahr?“ „Es ist nicht komisch, dass Sie hier in mein Haus eindringen, ohne mich zu fragen. Machen Sie also, dass Sie wieder rauskommen.“ „Ich geh ja schon“, sagte er schmollend und blickte zu Boden. „Hab gedacht, Sie würden mir noch ’n Stück Kuchen geben, auch wenn Jesus nicht unten bei Ihnen im Keller wohnt.“ „Ich gebe Ihnen was Ordentliches zu essen ... und meinetwegen auch noch Kuchen ... wenn Sie jetzt gleich wieder nach draußen gehen.“ „Hier drin ist’s aber viel molliger.“ „Aber Sie können hier nicht bleiben. Es hat Sie niemand hereingebeten.“ „Na gut.“ Cody zuckte die Achseln und trottete zur Haustür. „Sie sind trotzdem die netteste Christin, der ich je begegnet bin. Und Sie sind die einzige Frau, die ich kenne, mit einer rosa Katze.“ „Eine rosa Katze?“ Brenda trug ihm einen Teller heißer Leckereien hinterher und schob ihn dann etwas unsanft zur Tür hinaus. Ja, es war wirklich kalt draußen. „Damit Sie’s wissen: Meine Katze ist grau! Hier, nehmen Sie“, sagte sie mürrisch und reichte ihm den Teller. Dann hob sie die 14


Kerze auf, die draußen neben der Tür gestanden hatte, und verschloss die Tür von innen. Während Cody sich draußen über sein Essen hermachte, stürzte sie die Kellertreppe hinunter und warf die Tür ins Schloss. Dabei fiel ihr Blick auf den Boden, wo sich schmutzige Fußspuren mit rosafarbenen Tapsen einer Katze kreuzten. Und auf dem Tisch saß eine rosa gefleckte Katze – elend wie ein begossener Pudel. ***

Charlie Moore schlotterte vor Kälte, als er mit seinem Golfcart bei den Hansens vorbeifuhr. Nun, da der Strom wieder floss und die Ordnung in der Nachbarschaft wiederhergestellt war, wollte er so schnell wie möglich wieder zu Hause bei seiner Esther sein. Jetzt eine Tasse Kakao, dachte Charlie. Er wusste, dass Esther schon heißes Wasser bereithalten würde, wenn er durch die Tür träte. Und er würde um ein paar Kekse bitten, auch wenn ihm das wegen seiner Diabetes nicht sonderlich gut täte. Ja, Esther würde ihm alles hinstellen, denn ihr musste klar sein, wie durchgefroren er war. „Was, zum Kuckuck, ist das?“ Charlie trat auf die Bremse, legte den Rückwärtsgang ein und ließ den Wagen zurückrollen. Da saß ein Kerl auf Steve Hansens Veranda. Er aß von einem Teller und schaukelte mit so viel Schwung, dass Charlie um die Tragebalken fürchtete. Charlie hielt neben dem Fliederbusch an, dessen Knospen sich bald öffnen würden. Das war niemals Steve Hansen dort auf der Schaukel! Steve besuchte regelmäßig den Friseur, und er war stets glatt rasiert. In letzter Zeit trug er auch immer Anzug und Krawatte. Das musste er, bei seinem Beruf als Makler. Der Kerl da auf der Terrasse aber sah zerlumpt und ausgemergelt aus. Charlie hätte wahrscheinlich sein Gewehr geholt, hät15


te der Mann nicht gleichzeitig so absonderlich ausgesehen – wie er da schaukelte, die Beine nach vorn und nach hinten schlagend, wie es Kinder tun, wenn sie auf einer Schaukel sitzen. Charlie fingerte im Handschuhfach nach der Pfefferspraydose. Wer Postbote von Beruf war, der wusste sich zu schützen. Das Döschen verschwand in der Manteltasche und Charlie machte sich auf den Weg. Plötzlich blickte der Fremde auf. „Hallöchen, ich heiße Cody“, rief der Mann. „Wissen Sie was? Sie hat Schokoladenkuchen drinnen. In viereckige Stücke geschnitten, nicht in Dreiecke.“ So vorsichtig, als nähere er sich einem knurrenden Wachhund, trat Charlie auf die Veranda. „Bisschen kalt, um hier ohne Mantel draußen rumzusitzen“, sagte er so beiläufig wie möglich. Und als der Fremde nichts darauf erwiderte, erkundigte er sich: „Sind die Hansens nicht zu Hause?“ „Cody heiße ich.“ Der Bärtige hielt im Schaukeln inne und streckte Charlie den leeren Teller hin. „Da waren mal Hühnerbeine und Kartoffeln und Erbsen drauf. Und mein Schokoladenkuchen. Zwei Stücke habe ich davon verdrückt. Und wissen Sie, was das bedeutet?“ Charlie fingerte nach dem Pfefferspray in seiner Tasche. „Nö, weiß nicht, was das bedeuten soll.“ „Na, das bedeutet, dass sie Christin ist. Von meinem Vater weiß ich, dass du was zu essen von allen kriegst, aber von den Christen bekommst du auch noch Schokoladenkuchen obendrein.“ „Ach so.“ Mit dem Kerl stimmte etwas nicht, das war nicht zu übersehen. Aber war er auch gefährlich? „Wer hat Ihnen denn den Kuchen gegeben?“ „Sie.“ Er deutete aufs Haus. „Sie ist Christin, obwohl Jesus nicht in ihrem Keller wohnt.“ „Was hat das nun wieder zu bedeuten? Aber egal, ich werde mal nach ihr sehen ... ob es nach dem Gewitter auch gut geht.“ 16


Charlie fühlte sich noch immer unwohl, als er die Veranda überquerte und auf die Haustür zustrebte. Der Mann mochte wie ein harmloser Streuner aussehen, der kein Wässerchen trüben konnte, aber am Ende war er doch gefährlicher als gedacht. Wer weiß. Charlie drückte den Klingelknopf und ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, was alles mit Brenda geschehen sein konnte. Sie war zweifellos die Hübscheste unter den Frauen von Deepwater Cove – außer Esther natürlich, die für Charlie immer die schönste aller Frauen sein würde. Aber Brenda war jung, gerade mal vierzig. Das kräftige blonde Haar trug sie kurz. Man sah sie ständig beschäftigt – beim Unkrautjäten, beim Fensterputzen oder Rasenmähen. Im Haus der Hansens wurden jene dicken, schwarzen Spinnen niemals heimisch, die sich bei allen anderen Häusern am See in Verandanischen und Gesimsen einnisteten. Jeden Abend machte Brenda, mit einem Besen bewaffnet, Jagd auf sie und achtete gleichzeitig darauf, dass die Auffahrt gefegt war. Vom Boden der Veranda hätte man essen können. Für derlei Betätigungen hatte ihr Mann gar keinen Sinn. Er rührte keinen Finger mehr für sie, seit die Arbeit ihn geradezu auffraß. Charlie war noch von sorgenvollen Gedanken gequält, als er Brenda durch die Glastür auf sich zukommen sah, einen Mopp in der Hand und eine rosa Katze unter dem Arm. Als sie Charlie erkannte, setzte sie die Katze ab, öffnete die Tür und grinste breit. „Ach, du bist’s, Charlie“, sagte sie und warf einen Blick über die Schulter ihres Gastes. „Du hast bestimmt schon Bekanntschaft mit Cody gemacht.“ Charlie nickte und rollte die Augen. „Alles klar so weit?“ „Ja, jetzt, wo das Licht wieder an ist.“ „Soll ich den Sheriff rufen?“ Sie lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen und raunte: „Glaube nicht. Hast du ihn schon mal irgendwo gesehen?“ „Das nicht, aber solche Gestalten kommen manchmal aus den 17


Wäldern. Sie leben drüben in den Bergen – manchmal für Jahre, und niemand kriegt etwas von ihnen mit. Und auf einmal tauchen sie auf. Der Sheriff würde dir jedenfalls helfen, ihn loszuwerden. Ich denke wirklich, du solltest ihn melden, Brenda.“ „Ach, da kommt ja Steve!“, rief sie, und während die silberfarbene Limousine die Auffahrt heraufkam, öffnete sich schon das Garagentor. „Er hat von der ganzen Aufregung gar nichts mitbekommen.“ „Steve wird’s nicht recht sein, wenn so jemand wie der hier in Deepwater herumhängt“, sagte Charlie voraus. „Verdirbt die Immobilienpreise. Sonst macht er ja tolle Geschäfte, wie man hört. Hat sich eine Sekretärin eingestellt und Mitarbeiter. Und ihr selber habt auch ein so schönes Haus hier.“ „Danke, Charlie“, sagte Brenda schnell, als Steve den Weg heraufkam. Der stutzte, als er den Fremden sah. „Tag, Charlie“, sagte er und gab gleichzeitig seiner Frau einen Kuss. „Das war ein ganz schönes Gewitter, was? Wer ist übrigens das da auf der Veranda?“ „Das ist Cody“, sagte Brenda in einem Ton, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass er dort saß. Sie entwand sich Steves Arm und fuhr fort: „Hab dem armen Kerl was zu essen gegeben. Und nach meinem Schokoladenkuchen ist er ganz verrückt.“ „Wie, was?“ Steve starrte sie ungläubig an. „Wer ist das?“ „Cody eben“, wiederholte Brenda. „Also, Charlie, erst mal vielen Dank, dass du vorbeigeschaut hast. Schön zu wissen, dass jemand da ist, der sich kümmert.“ Charlie warf dem Mann auf der Terrasse noch einen misstrauischen Blick zu, der gerade dabei war, den Teller abzulecken. „Werd mich mal auf den Heimweg machen. Ruf mich ansonsten an, wenn ihr irgendwas braucht.“ „Nee, schon alles in Ordnung, Charlie“, rief Brenda. „Wirklich. Alles okay.“ 18


Charlie wandte sich zum Gehen, die Pfefferspraydose noch immer zwischen den Fingern in seiner Tasche. Vielleicht gab Esther ihm ja einen Extrakeks nach der Aufregung.

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