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1 Ein seltener Sonnenstrahl drang durch die Ritzen in den Stall und warf seinen glänzenden Schein auf das neugeborene schwarze Fohlen. Kleine Dampfwolken stiegen von seinen Nüstern in die kalte Luft auf, während es mich mit großen Augen anstarrte. Ich hielt ihm die Flasche mit Ziegenmilch hin. „Komm schon. Ich will dir doch nichts tun“, bettelte ich. Aber das verwaiste Fohlen duckte sich hinter mein Pferd Nicky und stand wie eine Giraffe vorsichtig und ängstlich auf seinen langen, dürren, wackeligen Beinen. Ich gab es auf und lehnte den Kopf an den Hals meiner weißen Araberstute. „Wir müssen dieses Fohlen dazu bringen, dass es mir vertraut, Nicky“, flüsterte ich. Ich atmete ihre Pferdewärme ein und hätte im Stehen einschlafen können. Seit das Fohlen an Heiligabend auf die Welt gekommen war, hatte ich drei Nächte und drei Tage im Stall verbracht, um dafür zu sorgen, dass es die abgefüllte Biestmilch bekam, die so lebenswichtig für ein neugeborenes Fohlen ist. Jetzt wollte ich es an Ziegenmilch gewöhnen, die der Milch einer Pferdestute am nächsten kommt. Annie Goat, die Ziege, hatte mir Uroma Barker geliehen. Sobald das Fohlen nicht mehr so viel Angst vor mir hätte, wollte ich ihm beibringen, wie es bei der Ziege saugen kann. Annie hatte es nicht eilig, das Fohlen an sich heranzulassen. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, stand sie am anderen Ende der Box und kaute ihr Heu. Sie sah aus wie ein alter Mann, der Tabak kaut. 5


Ich hatte sie zu Nicky und dem Fohlen in die Box gebracht, da ich hoffte, sie würden sich bald aneinander gewöhnen. Das Fohlen musste unbedingt lernen, von Annie Goat zu trinken. Nicky leckte den Hals und das Maul des Fohlens. Es machte mich stolz, dass mein Pferd dieses dürre, wackelige Waisenfohlen adoptiert hatte. Es war mit vier weißen Fesseln, einer Blesse auf der Stirn und einem schwarzen Fell, das lockig und buschig war, geboren worden. Sie war eine schöne kleine Stute, aber noch sehr schwach. Ich müsste alles dafür tun, dass sie nicht krank wurde. Ich stellte mich auf Zehenspitzen, um über Nicky hinweg das Fohlen anzuschauen. Es brach aus, als hätte ich es angegriffen. Vor Schreck stieß es gegen die Wand und wäre beinahe hingefallen. Schnell trat ich zur Boxentür zurück. „Ist ja gut, kleines Mädchen. Ich bleibe weg. Ich weiß, wie du dich fühlst.“ Es hatte seine Mutter verloren und traute der Welt nicht. Ich konnte gut nachempfinden, wie sich das kleine Fohlen fühlte. Ich hatte vor zwei Jahren meine Mutter verloren und es fiel mir immer noch schwer, Menschen zu vertrauen. Ich bin in Wyoming geboren und hatte in den ersten zehn Jahren ein ziemlich perfektes Leben gehabt. Meine Mutter war die beste Pferdezähmerin weit und breit gewesen, vielleicht sogar die beste im ganzen Land oder auf der ganzen Welt. Alles, was ich über Pferde weiß, habe ich von ihr gelernt. Als sie starb, zogen mein Vater, meine Schwester Lizzy und ich von einem Ort zum anderen, bis wir in Ashland, Ohio, landeten. Wir kamen aber allmählich miteinander klar. Ich 6


glaube, meine Mutter wäre stolz auf mich. Ich hatte mir sogar schon als Winnie, die Pferdezähmerin, einen Namen gemacht. Obwohl ich erst in der siebten Klasse bin, bringen mir Leute ihre Problempferde und bezahlen mich sogar dafür, dass ich sie zähme. Auf diese Weise war auch die Mutter des Fohlens in meinen Stall gekommen. Ich warf einen Blick in die nächste Box und fühlte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, als ich mich an Edelweiß erinnerte. Die graue Apfelschimmelstute hatte eines Morgens einfach auf meiner Weide gestanden, ein Pferdegeschenk für Winnie, die Pferdezähmerin, von einem unbekannten Absender. Ich hatte sie Edelweiß genannt. Ihr einziges Problem war Verwahrlosung durch ihren früheren Besitzer gewesen. Es war ein Wunder gewesen, dass Edelweiß, obwohl sie so krank gewesen war, durchgehalten hatte, bis sie ihr Fohlen zur Welt gebracht hatte. Vor meinen Augen tauchte ein Foto von der alten grauen Stute auf, wie sie im Heu lag und den Hals verdrehte, um ihr neugeborenes Fohlen zu sehen. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Deshalb sah ich alle Einzelheiten vor mir: die großen Augen von Edelweiß, das Fohlen, das von der Geburt ganz verschmiert war, Dampf, der vom Heubett aufstieg. Manchmal ist es gar nicht so toll, ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Ohne mein Wollen fotografiert mein Verstand manchmal Bilder, die sich für immer tief in meinem Kopf festsetzen und dann auftauchen, wenn ich sie am wenigsten sehen will. Mein Gedächtnis hat hundert Fotos von dem Unfall gespeichert, bei dem meine Mutter starb. Jetzt habe ich auch noch Schnappschüsse vom Tod von Edelweiß. 7


Ich schloss die Augen, aber das Bild wurde noch schärfer. Edelweiß war in meinen Armen gestorben. „Winnie? Alles in Ordnung?“ Lizzy trat hinter mich. Sie hatte keine Jacke an, obwohl die Temperaturen unter Null lagen. „Ich kann das Fohlen immer noch nicht dazu bringen, mir zu vertrauen, Lizzy. Ich weiß nicht, was ich falsch mache.“ Mama hatte immer gesagt, dass die ersten achtundvierzig Stunden darüber entscheiden können, wie gut ein Fohlen für den Rest seines Lebens mit Menschen zurechtkommt. Achtundvierzig Stunden waren schon vorbei, aber das Fohlen ließ mich immer noch nicht nahe an sich herankommen. „Ich bin ganz sicher, dass du nichts falsch machst. Dieses kleine Pferd wird sich schon an dich gewöhnen!“, sagte Lizzy und schaute mich siegessicher und zuversichtlich an. Meine Schwester ist ein Jahr jünger als ich, aber sie ist fünf Zentimeter größer. Wir haben beide Mamas schlanke Figur geerbt, aber Lizzy hat die Sommersprossen weggelassen. „Lass ihr einfach Zeit. Sie wird bald merken, was für eine geniale Freundin Winnie Willis sein kann!“ Lizzy schaute sich im Stall um. „Geri war nicht hier, oder?“, fragte sie und nahm Churchill auf die Arme, eine riesige graue Katze, die unserem Freund Catman Coolidge gehört. Die Katze rieb ihr platt gedrücktes, flaches Gesicht an Lizzys Nacken. „Geri? Nein.“ Geri ist Lizzys beste Freundin. Meine Schwester liebt alles, was mit Eidechsen zu tun hat, und Geri ist von Fröschen begeistert. Manchmal muss ich zugeben, dass ich ein wenig eifersüchtig bin, weil Lizzy so leicht Freundschaften schließt. Wenn sie das von unserer Mama geerbt hat, habe ich das wahrschein8


lich weggelassen. Mit Pferden kommt man so viel leichter klar als mit Menschen. Ich steckte ein Heuknäuel für Nicky zum Spielen in das Heunetz. Nelson, meine Stallkatze und Churchills Sohn, wollte auch mitspielen und hüpfte auf den Futtertrog, von wo aus er mit seiner weißen Pfote gegen das Heunetz schlagen konnte. „Ich dachte, Geri käme heute und würde bei uns schlafen.“ „Das tut sie ja. Wir wollen an ihrem Froschpalast arbeiten. Habe ich dir erzählt, dass sie zu Weihnachten einen Salamander bekommen hat? Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen! Salamander sind echt cool, weißt du das? Sie werfen ihre Haut ab und fressen manchmal die alte Haut wegen der Nährstoffe. Und wenn es kalt ist ...“ „Lizzy“, fiel ich ihr ins Wort. Wenn sie einmal in Fahrt kommt, redet sie schneller, als ein Pferd trabt. Jemand muss sie dann bremsen. „Warum bist du eigentlich gekommen?“ Meine Schwester hält zu Pferden normalerweise so viel Abstand wie möglich. Sie streichelt mit Begeisterung Spinnen und Kröten und Käfer, aber Nicky will sie nicht einmal anrühren. Lizzy schlug sich mit dem Handrücken an die Stirn. „Telefon! Für dich!“ „Für mich?“ Mich ruft fast nie jemand an. Außer Hawk – Victoria Hawkins, die immer noch bei ihrem Vater in Florida ist. Aber Hawk rief normalerweise immer abends an. „Tut mir leid.“ Lizzy stellte Churchill ab. „Wie konnte ich diesen Anruf nur vergessen! Es ist ein Mädchen. Zuerst dachte ich, es sei Geri. Aber ich glaube, es könnte Sal sein.“ Das bezweifelte ich. Sal, Salena Fry, ist an der Schule fast überall in den gleichen Kursen wie ich, und wir kommen ganz gut miteinander aus. Aber sie hängt 9


immer mit Summer Spidell und den beliebten Kindern herum. Summer und ich kamen von Anfang an, seit wir uns das erste Mal sahen, als ich im vornehmen Stall ihres Vaters Mist schaufelte, nicht gut miteinander aus. An unserem Verhältnis hat sich seitdem nicht viel geändert. Lizzy und ich stapften durch den Schnee zum Haus. Unser Garten sah unter dem Schnee hundertmal besser aus. Die kaputten Toaster, Drahtrollen und anderen Maschinenteile, die Papa für seine Erfindungen und zum Reparieren herumliegen hat, sind unter dem Schnee versteckt. Die größten Teile hatte der Schnee in weiße Statuen verwandelt. Sobald ich im Haus war, schlüpfte ich aus meinen Stiefeln und lief zum Küchentelefon. Hoffentlich hatte mein geheimnisvoller Anrufer noch nicht aufgelegt. „Hallo?“ „Sal, sie ist da! Am Telefon!“ Die Stimme am Apparat kam mir bekannt vor, aber es war nicht Sal. Wer das Mädchen auch war, es sprach nicht mit mir. Die Stimme schrie in die andere Richtung. „Hallo?“, sagte ich noch einmal. „Wer ist da?“ „Äh ... hm ... Sal kommt gleich.“ Dann schrie sie wieder in die andere Richtung: „Sal! Du musst sofort kommen! Ich halte das Telefon nicht noch länger. Das ist mein Ernst!“ „Geri?“ Ich war ziemlich sicher, dass ich ihre Stimme erkannte. „Bist du bei Sal?“ Lizzy schob gerade ein Blech mit Keksen in den Backofen. Sie hielt inne und schaute mich stirnrunzelnd an. „Äh ... hi, Winnie. Wie geht’s?“ „Was machst du dort, Geri? Lizzy hat ...“ „Upps ... hier ist Sal!“ Das Telefon knackte und rauschte. Dann meldete 10


sich eine andere Stimme. „Winnie? Mann, bin ich froh, dass du da bist! Ich dachte schon, du kämst nie ans Telefon.“ „Sal? Was macht Geri bei dir?“ „Ich kann dich nicht verstehen, Winnie.“ Kein Wunder! Im Hintergrund herrschte ein ohrenbetäubender Lärm. Sie war auch nicht leicht zu verstehen. Aber ich wusste, dass meine Stimme nicht unbedingt dazu beitrug, mich verständlicher zu machen. Ich klinge immer heiser. Lizzy sagt, sie sei exotisch, und sie hätte gern meine Stimme, aber ich finde, meine Worte klingen, wie wenn sie durch Kies gefiltert würden. Ich räusperte mich, auch wenn das nichts half, und fragte noch einmal, warum Geri bei Sal war. „Nathan“, antwortete Sal. „Nathan?“ Sals Bruder geht mit Lizzy und Geri in die sechste Klasse. Ich hatte ihn höchstens zweimal gesehen, aber ich wusste, wie er aussah. Als ich Nathan das erste Mal sah und Lizzy ihn mir als Nate vorstellte, hatte ich Mühe, nicht zu lachen. Sal mit ihrem aufgestylten Äußeren, ihrem wilden Schmuck und ihren ständig neuen Haarfarben. Ich hatte erwartet, dass ihr kleiner Bruder Tattoos und einen kahlrasierten Kopf hätte. Aber Nathan sah aus wie ein ganz normaler Junge: kurze, dunkle Haare, normale Kleidung, ein bisschen dick. Jetzt schaute ich Lizzy an. Sie sah genauso verwirrt aus wie ich. „Wenn du mich fragst“, sagte Sal, „fliegt Geri volle Kanne auf ihn. Aber ich glaube, Nathan kapiert nicht einmal, was los ist. Typisch Junge!“ Das Telefon knackte wieder. Dann rief Sal: „Reg dich ab, Grandma! Ich komme gleich!“ Diesem Schrei folgte so viel Lärm am anderen Ende der Leitung, dass ich das Telefon 11


von meinem Ohr weghalten musste, um nicht taub zu werden. Das Telefon knackte wieder. Sal rief: „Winnie! Ich bin unterwegs zu dir!“ „Was?“ Das letzte Mal – das einzige Mal –, als Sal zu mir gekommen war, hatte sie sich benommen, als müsste unser ganzes Haus verboten werden. Sie war so schnell sie konnte wieder geflüchtet. „Oma und ich haben Arbeit für dich. Zu Weihnachten hat sie ...“ Es folgte ein Rascheln und dann ein Knallen, als hätte sie das Telefon fallen lassen. „Okay! Okay! Ich habe doch gesagt, dass ich komme!“ Noch ein lautes Rascheln, dann war Sal wieder am Telefon. „Geh nicht weg! Bleib, wo du bist! Ich erkläre dir alles, wenn ich da bin. Ich brauche dich ganz dringend, Winnie Willis!“

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Ich legte den Hörer auf und versuchte mir vorzustellen, warum Sal mich brauchen sollte. Was für eine Arbeit konnten sie und ihre Großmutter für mich haben? Es ist kein Geheimnis, dass Papa, Lizzy und ich finanziell kaum über die Runden kommen. Papa war früher ein großer Versicherungsmanager in Laramie, Wyoming. Aber in Ashland ist er einfach Willis, der Mann für alle Fälle, ein nicht besonders erfolgreicher Reparaturdienst und Teilzeit-Erfinder. Vielleicht dachte Sal, ich wäre Miss Willis, das Mädchen für alle Fälle. Vielleicht sollte ich ihren Gehweg kehren. Ihre Wäsche waschen. Ihr Zimmer putzen. Die Ofentür fiel zu. Lizzy stellte den Wecker, den Papa so umfunktioniert hatte, dass er wie eine Kuh muhte, statt zu klingeln. Ein weiteres Beispiel für seine hilfreichen Erfindungen. „Hat Geri gesagt, ob sie trotzdem noch kommt?“, fragte Lizzy. Ich schüttelte den Kopf. „Aber Sal kommt. Sie behauptet, sie hätte Arbeit für mich.“ Ich schaute zu, wie Lizzy ihre Haare wieder zu einem Pferdeschwanz zusammenband, der zehnmal besser aussah als meine Haare, selbst wenn ich wirklich daran gearbeitet habe. „Wusstest du, dass Geri und Sals Bruder ... zusammen sind?“, begann ich. „Als ich Sal das letzte Mal von Nathan sprechen hörte, sagte sie, er rede pausenlos von den Donuts, die du zu Geris Geburtstag mitgebracht hast, und von den Valentins-Broten, die 13


du für alle gemacht hast, als nicht einmal Valentinstag war.“ Lizzy grinste. „Nate isst gern. Das stimmt.“ Sie warf einen Blick auf das Blech mit grünen Salamanderkeksen, das auf der Arbeitsplatte auskühlte. „Geri hat also nicht gesagt, ob sie noch kommt? Ich habe ziemlich viele Kekse gemacht. Ich nenne sie Minzsalamander. Vielleicht kommen Madeline und Mason und helfen uns, sie zu essen.“ „Oder du packst Madeline eine Fresstüte ... ich meine natürlich eine Salamandertüte?“, schlug ich vor. Madeline Edison ist Papas Freundin. Sie ist auch Erfinderin. Sie ist ziemlich sonderbar, auch wenn Papa sie anscheinend mag. „Winnie“, tadelte mich Lizzy. „Ich finde, Madeline bemüht sich wirklich, auf uns einzugehen. Und ich weiß, dass du Mason gern hier hast. Da fällt mir ein: Sollte er dir nicht helfen, dich um dieses Babypferd zu kümmern?“ „Das stimmt“, gab ich zu. Madelines Sohn Mason hat so etwas Ähnliches wie Autismus. Deshalb verschwindet er manchmal in sich selbst, als wäre er einfach nicht da. Irgendwie beneide ich ihn darum. Denn mindestens einmal am Tag würde ich das auch gern tun. Nur dass ich, wenn ich verschwände, Nicky mitnähme. Ich wollte wirklich, dass Mason sich an das Fohlen gewöhnte, und umgekehrt. Aber das Fohlen war noch nicht einmal an mich gewöhnt. Und ich bin nicht immer sicher, was Mason als Nächstes tun wird. Einmal habe ich gesehen, wie er mitten in einem Zeichentrickfilm einfach die Augen zumachte. In den nächsten drei Minuten schrie er immer lauter. Dann hörte er plötzlich wieder auf zu schreien und schaute den Zeichentrickfilm weiter an. 14


Lizzy lächelte mich mit dem tiefen Lächeln an, das mich an unsere Mama erinnerte. „Weißt du, Winnie, es war so ziemlich das Netteste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe, als du Mason dieses Fohlen geschenkt hast. Wie gern hätte ich ein Bild von seinem Gesicht, als du ihm sagtest, dass das Fohlen ihm gehört.“ Lizzy krümelte etwas in das Eidechsenhaus, das Papa für ihre Sammlung erfunden hatte. Larry, die Eidechse, steckte die Schnauze heraus und sammelte alles auf, was Lizzy hineinfallen ließ. „Und? Welchen Namen hast du dem Babypferd gegeben?“, erkundigte sich Lizzy. „Ich habe ihm noch keinen Namen gegeben. Ich will, dass Mason ihm einen Namen gibt.“ Damals in Wyoming hatten Mama und ich ein System entwickelt, dass wir Pferden keine richtigen Namen gaben. Auf diese Weise fiel es uns nicht so schwer, wenn die Pferde zu ihren Besitzern zurückkamen. Es hatte aber trotzdem nicht funktioniert. Wir waren immer traurig, wenn ein Pferd wieder fort musste. Trotzdem hatte ich das gleiche Namensspiel übernommen, seit ich Winnie, die Pferdezähmerin, geworden bin. Als erstes Pferd hatte ich Nicky, die vorher von allen Wildfang genannt wurde. Dann war Grants Pferd, Morgenstern, bei mir gewesen. Danach Wirbelwind und Schwarzer Diamant. Towaco, Hawks Appaloosa, hatte ich Trauriger Appy genannt. Edelweiß war bis zur Geburt ihres Fohlens für mich einfach das geschenkte Pferd gewesen. Im Geiste hatte ich auch schon einen vorübergehenden Namen für das Fohlen gefunden: Schwarzes Baby. Der Wecker muhte. Lizzy zog das Blech mit den Keksen aus dem Ofen. 15


Sie hatte sich für Geri so viel Mühe gemacht. „Ich verstehe nicht, warum Geri dir das antut, Lizzy.“ Lizzy lächelte zu mir herüber, während sie mit einem Holzstäbchen in einen Salamander piekste, um zu sehen, ob er fertig war. „Du meinst, weil sie nicht kommt?“ Sie legte das Keksblech auf ein Geschirrtuch. „Sie hätte wirklich anrufen sollen. Aber es überrascht mich eigentlich nicht, dass sie bei Nate ist. Ich habe mir schon gedacht, dass Geri ihn mag, auch wenn sie immer behauptet, das stimme nicht.“ Wenn ich an Lizzys Stelle gewesen wäre, würde ich total wütend werden. Ich fürchte, ich habe die Sommersprossen und das hitzige Temperament geerbt. Ich schaute auf die Küchenuhr. „Sal müsste eigentlich schon hier sein. Von was für einer Arbeit hat sie wohl gesprochen? Was meinst du, Lizzy?“ Lizzy holte verschiedene Sachen aus dem Kühlschrank. „Hast du sie nicht gefragt?“ „Irgendwie schon.“ Ich versuchte, mich zu erinnern, was Sal genau gesagt hatte. Leider habe ich kein fonografisches Gedächtnis. Ich konnte mir das Gespräch nicht in Erinnerung rufen. „Aber eines kann ich dir sagen: Ich werde nichts Dummes für sie machen. Summer wäre zuzutrauen, dass sie Sal auf mich ansetzt. Wahrscheinlich soll ich ihre Schuhe polieren oder unter ihrem Bett sauber machen.“ Ich dachte an das erste Mal, als Summers Vater, Spider Spidell, Papa einige kaputte Halfter für die Pferde in seinem blankpolierten Stable-Mart zum Reparieren gab. Er war mit nichts zufrieden gewesen. Papa hatte diese Halfter viermal neu reparieren müssen, und Mr Spidell hatte immer noch etwas daran auszusetzen gehabt. „Hilf Winnie, ruhig zu werden, und zeige ihr, was 16


sie wegen Sal machen soll“, sagte Lizzy. Sie sah aus, als spräche sie mit einem der Salamanderkekse, aber sie sprach mit Gott. Sie betete genauso locker, wie ein Tennessee Walker trabt. Ich hatte immer noch nicht meine Stalljacke ausgezogen und begann allmählich zu schwitzen. „Ich gehe jetzt lieber in den Stall hinaus und warte. Falls Sal zum Haus kommt, schickst du sie bitte hinaus, ja?“ „Klar“, nickte Lizzy. Sie wickelte einen Salamander in eine Serviette und reichte ihn mir. Er roch nach Minze. Wir hatten immer noch unseren Weihnachtsbaum stehen, aber er roch nicht so grün und frisch wie der Salamanderkeks. „Danke, Lizzy.“ Ich lief zur Tür. „Vergiss nicht, Sal zu mir zu schicken!“ *** Im Stall wartete ich auf Sal. Und wartete. Und wartete. Ich gab dem Fohlen fast einen halben Liter von Annies Milch. Aber es war ein mühsamer Kampf, der wahrscheinlich noch schlimmer war, weil ich wegen Sal so gereizt war. Als ich daran dachte, dass Geri bei Nathan herumhing, während meine Schwester auf sie wartete, wurde ich noch wütender. Ich musste mit dem Fohlen fast raufen, damit es bei mir blieb, während es aus der Flasche trank. Es war inzwischen so dunkel, dass ich das Stalllicht einschalten musste. Ich beendete meine Arbeiten, schaufelte den Mist weg, verteilte neues Heu und schaute, ob von allem genug da war. Ich hatte es schon fast aufgegeben, auf Sal zu warten, als ich das Knir17


schen von Reifen auf dem Schnee vor dem Haus hörte, gefolgt von quietschenden Bremsen. Ich schaffte es, rechtzeitig aus dem Stall zu kommen, um zu sehen, wie Sal aus einem knallroten Lieferwagen sprang, der hinter unserem Viehtrecker parkte. „Hier herüber, Sal!“, rief ich und winkte. Sie drehte sich um und kam zum Stall gejoggt. Sal trug eine grüne Skijacke und riesengroße Fäustlinge. Ihre schwarzen Stiefel reichten ihr bis zu den Knien, was ganz gut war, da sie nur einen Minirock anhatte. Ihre Ohrwärmer aus grünem Fell konnten den neuen lila Streifen in ihren roten Haaren nicht verbergen. Der Streifen passte farblich zu ihrem Lidschatten und zu den riesigen Ohrringen, die beim Laufen kräftig baumelten. „Was ist los?“, rief ich. „Ich habe Arbeit für dich“, verkündete Sal und blies in ihre Handschuhe. Ich fragte mich, ob sich vielleicht Summer Spidell im Lieferwagen versteckte und heimlich beobachtete, wie ich reagierte, wenn Sal mich fragte, ob ich Würmer zum Angeln aus der Erde grub oder ihr die Zähne putzte oder irgend so etwas. „Ich habe ein Waisenfohlen, das mir nicht viel Zeit lässt, Sal“, sagte ich vorsichtig. „Winnie! Es geht um eine richtige Arbeit.“ Sie schaute immer wieder zum Lieferwagen zurück, als wäre er ihr Fluchtfahrzeug. Ich konnte nicht sehen, wer am Steuer saß, aber jemand ließ den Motor aufheulen. Der Wagen ruckelte. Dann verstummte der Motor und eine Frau sprang auf der Fahrerseite heraus. Sie trug Stiefel und einen Minirock wie Sal. Nur dass ihr Skianorak rot war. Rote Ohrwärmer bedeckten ihre kurzen schwarzen Haare. 18


„Ist das deine Mutter?“, fragte ich und stellte fest, dass ich Sals Eltern bisher noch nie gesehen hatte. Hawk hatte mir erzählt, dass Sals Eltern geschieden waren, aber sie lebten beide in Ashland. „Graham Cracker.“ Wenigstens glaubte ich, dass Sal das gesagt hätte. „Sie ist meine Großmutter, nicht meine Mutter“, erklärte sie. „Der Mädchenname meiner Mutter war Cracker. Meine Oma ist also Grandma Cracker.“ Ich konnte nicht glauben, dass die hübsche Frau, die mit vorsichtigen Schritten durch den Schnee auf uns zukam, irgendjemandes Großmutter sein sollte. Ihre langen Ohrringe glitzerten, und ihr Lippenstift passte genau zu ihrer roten Jacke. „W-was macht deine Großmutter ...“ „Ich habe jetzt keine Zeit für Erklärungen“, fiel Sal mir ins Wort und klang so ungeduldig, als hätte ich sie den ganzen Nachmittag warten lassen. „Grandma Cracker wohnt am anderen Ende der Stadt, County Road 1150. Meine Eltern sind über Weihnachten beide abgehauen, deshalb hänge ich bei Grandma rum. Die ganze Sache ist ihre Idee.“ „Welche ganze Sache?“, fragte ich. Ich glaube, Sal wollte mir gerade eine Antwort geben, als ein lautes Poltern aus dem Lieferwagen ertönte. Er wackelte wieder, als würde er von Ozeanwellen hin und her geworfen. Grandma Cracker brüllte etwas, das ich lieber nicht wiederholen möchte. Dann eilte sie zum Wagen zurück und verschwand darin. „Wer ist noch in diesem Wagen, Sal?“, wollte ich wissen. Vielleicht hatte Summer die ganze Clique mitgebracht, damit alle kräftig lachen könnten. „Was ist das für eine Arbeit, die ich machen soll?“ Sal seufzte, als sei sie es müde, einem Idioten et19


was zu erklären. „Grandma Cracker hat mir zu Weihnachten ein Pferd geschenkt.“ „Ein Pferd! Du machst Scherze! Wow! Das ist ja herrlich. Was für eines? Aber das ist ja egal. Jedes Pferd ist großartig. Oh, Sal, du bist bestimmt ganz begeistert!“ Sal sah überhaupt nicht begeistert aus. „Ja, ganz bestimmt.“ Die Hupe ertönte. Sal schaute finster zum Wagen hinüber. Die Hupe ertönte noch einmal. „Ich komme ja schon!“, rief Sal. „Diese Frau hat die Geduld einer Kaulquappe.“ Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Sal hatte ein Pferd, und ich sollte es trainieren! Ich könnte das zusätzliche Geld auf jeden Fall gut brauchen. Ich hatte das ganze Januargeld für Kolostrum und Tierarztrechnungen für das Fohlen ausgegeben. Ich hatte immer gedacht, dass Sal eine Freundin sein könnte, wenn Summer Spidell nicht wäre. Vielleicht, wenn ich ihr Pferd trainiere ... Sal war schon wieder auf dem Rückweg zum Wagen. „Warte, Sal!“, rief ich ihr nach. „Wann kannst du das Pferd bringen?“ Sal lachte. „Jetzt!“ Sie blieb stehen, wo sie war, und wedelte mit den Armen über dem Kopf. „Jetzt, Grandma!“ Grandma Cracker drückte sich an die Fahrertür. Dann schob sie die hintere Schiebetür auf. Eine Minute lang passierte überhaupt nichts. Sals Großmutter sah verängstigt aus, als rechne sie damit, dass jeden Augenblick ein Tiger vom Rücksitz spränge. Der Wagen wackelte wieder. 20


Während ich verblßfft und atemlos zuschaute, sprang ein Pferd heraus!

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