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1 „Werden wir siegen?“, fragte sich Tommy erneut. „Wird der FC Tornado in der Lage sein, alle anderen Gegner auszuschalten? 31 Mannschaften! Wow! Was, wenn ...? Nein, nein!“ Schnell wischte er alle Verlierergedanken beiseite. „Wir müssen wenigstens den dritten Platz schaffen. Nein, besser noch, das Finale gewinnen, alles gewinnen. Warum nicht? Werden wir das schaffen?“ In diesem Augenblick wünschte er, wie Gott zu sein und das Ende schon vor dem Anfang zu wissen. Tommy wälzte sich in seinem Bett von einer Seite auf die andere, schon zum hundertsten Mal. Das Bettlaken klebte unbequem an seinem verschwitzten Körper. Dem schwülen Frühlingstag mit 34 Grad Hitze folgte eine heiße und schwüle Nacht. Obwohl die Sonne längst einen anderen Kontinent erleuchtete und Sterne über dem Haus der Familie Dombek blinkten, war in Tommys Zimmer kein bisschen Erleichterung von der tropischen Hitze zu spüren. „Es sind immer noch mindestens dreißig Grad“, überlegte Tommy und stand auf, um den anderen Fensterflügel weit zu öffnen. Das machte aber auch keinen Unterschied. Es wehte kein Lüftchen. Tommy ging zurück und ließ sich flach auf sein Bett fallen. Seine Augen hefteten sich auf das Poster an der gegenüberliegenden Wand. Im Dunkeln war zwar nicht viel zu erkennen, aber er kannte es inund auswendig. Es war die Kopie von einer lustigen, comicähnlichen Zeichnung. Zwei Fußbälle, die auf ihren eigenen Beinen spazierten, trafen sich in der Mitte eines Stadions. Der eine Ball mit den kurzen 5


Beinen stellte dem langbeinigen Ball die berühmte Frage: Quo vadis? Wohin gehst du? Der Ball mit den langen Beinen antwortete in fetten Buchstaben: Salve Tore! Tommy gefiel das Poster, er fand es lustig. Unter dem Bild stand ein Satz in Englisch: My saviour is my goal! Diese wenigen Worte inspirierten Tommy jedes Mal, wenn er sie las oder über sie nachdachte. Diesmal aber füllte sich sein Kopf augenblicklich mit Gedanken über die kommende Stadtmeisterschaft. Drei Tage und drei Nächte trennten die Tornados noch von ihrem ersten Gruppenspiel, und am Tag danach war das zweite Spiel angesetzt. Wenn sie es schafften ins Viertelfinale zu kommen, würden sie in der nächsten Woche wieder spielen. Tommys Gedanken kreisten ständig um die Frage, welche Chancen sie wohl hatten. Insgesamt hatten sich 32 Mannschaften aus der ganzen Stadt für das Turnier angemeldet. Waren sie besser als die anderen? Wie sollte er das wissen? Er verschränkte die Arme unter dem Kopf. Seine Gedanken schweiften zu den Preisen, die in der Turnier-Broschüre aufgelistet waren. Es gab viele schöne Dinge zu gewinnen: Bälle, Computerspiele, Skateboards oder sogar Mountainbikes. Es gab Preise für den besten Torhüter, den Torschützenkönig, den fairsten Spieler und natürlich spezielle Preise für die besten drei Teams. Aber – und das machte dieses Turnier so außergewöhnlich – für den Turniersieger, und nur für den Sieger, gab es den Sonderpreis, der der Traum von Tausenden von Fußballfans, allen Teilnehmern und vor allem natürlich jedem beteiligten Spieler des Turniers war: sieben Tickets für das DFB Pokalendspiel in Berlin. 6


Tommy schaute auf seinen Digitalwecker. Er zeigte genau 23.45 Uhr an. Würde er heute Nacht überhaupt noch einschlafen können?, fragte er sich. Draußen unter seinem Fenster miaute irgendwo eine Katze. Das war nichts Ungewöhnliches, denn Mozart, die schwarze Katze der Nachbarn, streifte oft durch ihren Garten. Der war inzwischen zu einem Teil ihres Jagdgebietes geworden. Auch tagsüber war die schwarze, runde Katze nicht selten Gast in ihrem Garten. Die ganze Familie mochte sie. Aber die meiste Zuwendung erhielt sie von Natalie, die gerne ihr weiches, schimmerndes Fell streichelte, und von Lukas, der Spaß daran hatte, mit einem Tennisball mit ihr zu spielen. Plötzlich gab es einen lauten Krach, als ob etwas auf Tommys Schreibtisch zerbrach. Vor Schreck pochte sein Herz ganz heftig. Etwas fiel zu Boden. Tommy schoss aus seinem Bett. In Sekundenschnelle fuhr seine Hand zum Lichtschalter. Für einen Moment kniff er bei dem plötzlich aufflammenden Licht die Augen zusammen, dann ließ er seinen Blick aufmerksam durch den Raum schweifen. Alle Bleistifte, Kugelschreiber und sonstigen Stifte waren überall auf dem Boden verteilt. Der Tonbecher, in dem er sie aufbewahrte, lag in zwei Hälften zerbrochen vor dem Schreibtisch. „Mozart?!“, rief er halblaut. „Mozart! Bist du hier?“ Er beugte sich hinunter, um unter das Bett zu schauen. Nichts, nur Staub und eine Socke. „Wo bist du Biest?“, quetschte Tommy mit zusammengebissenen Zähnen heraus. Er hielt einen Augenblick den Atem an und lauschte auf jedes Geräusch. Sein Herz hämmerte noch immer laut in seiner Brust. Und das war auch schon alles, was er von drinnen oder draußen hören konnte. Erst jetzt wurde ihm klar, dass Mozart 7


unmöglich hier sein konnte. Das Fenster war viel zu hoch für die fette, von der ganzen Nachbarschaft gemästete Katze. Es gab keine Bäume im Garten, außer einer Tanne am anderen Ende des Gartens, ungefähr fünfzehn Meter vom Haus entfernt. Also keine Chance für Mozart, hinaufzuklettern und von dort auf seinen Schreibtisch zu springen. Tommy untersuchte schnell noch seinen Computer, die Tastatur und den Monitor. Alles in Ordnung. Er sammelte die Stifte zusammen, dann hob er die Teile des zerbrochenen Bechers auf. Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Das Fenster!“ Irgendjemand musste etwas durch das weit geöffnete Fenster geworfen haben. Das ergab Sinn. Schnell löschte er das Licht. Von der Dunkelheit geschützt, beobachtete er den Garten. Es dauerte einige Zeit, bis sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten und er Einzelheiten erkennen konnte. Aber er konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Keine Hooligans, keine Einbrecher, nicht die geringste Bewegung. Natürlich, wer auch immer den hinterhältigen Mordanschlag auf seinen Bleistiftbehälter verübt hatte, spazierte mittlerweile bestimmt schon gemütlich die Straße hinunter und war in Sicherheit. Zu diesem Ergebnis kam Tommy und setzte sich zurück auf sein Bett. Er begann, die Situation zu analysieren. War der Becher wirklich das Ziel des Flugobjektes gewesen? Vielleicht hatte es auch seinen Computer oder sogar ihn selbst treffen sollen? Wow, das war allerdings gefährlich. Bei diesem Gedanken beschleunigte sich sein Herzschlag gleich wieder. Was war das überhaupt gewesen? Ein Stein, oder ein Holzstück? Er tastete nach der Taschenlampe. 8


Etwas mehr Vorsicht schien ihm in diesem Moment angebracht zu sein. Es war ja ganz und gar nicht ausgeschlossen, dass noch ein weiterer Gegenstand durch das offene Fenster geflogen kam. Er ging auf die Knie und suchte nach dem fremden Gegenstand. Aber er entdeckte nichts auf dem Boden, das nicht ihm selbst gehörte. Der Ball neben dem Bett, ein Paar Schuhe neben dem Schreibtisch, Socken unter dem Stuhl, einige Bücher an der Wand, die darauf warteten, gelesen zu werden und eine leere Mineralwasserflasche neben der halbvollen Popcorntüte. Das war alles. Unmöglich, dachte er irritiert, das Ding musste irgendwo in der Nähe des Schreibtisches gelandet sein. Der Becher mit den Stiften, der immer in der linken, hinteren Ecke gestanden hatte, war zur Seite gestoßen worden und hatte neben dem Tischbein gelegen, rekapitulierte er. Der bläuliche Lichtstrahl der Taschenlampe wanderte sofort zu der Stelle. Da waren aber nur seine Turnschuhe. Wo ist es? Der Gegenstand konnte ja nicht einfach so verschwinden oder sich in Luft auflösen, dachte er verärgert. Und was, wenn es nun ... eine Granate war? Tommy riss die Augen auf. Eine echte Granate? Der Gedanke löste augenblicklich eine Kettenreaktion aus. Auf seiner sowieso schon feuchten Stirn bildeten sich kalte Schweißperlen. Jeden Moment konnte die Explosion stattfinden. Er musste das Ding schnell finden. Auf allen Vieren krabbelte er um den Schreibtisch. Dann noch einmal, nur in einem größeren Kreis. Wie ein Suchhund nach einem Bombenalarm am Flughafen überprüfte er jeden Quadratzentimeter des Fußbodens. Dann den Schreibtisch und das Bett. Eine wertvolle Sekunde nach der anderen verrann. Kein Erfolg. 9


Tommy richtete sich auf, schaltete die Taschenlampe aus und lauschte. Zu diesem Zeitpunkt, dachte er, wäre jede Granate längst explodiert und hätte ihr Zerstörungswerk getan. Sein Atem beruhigte sich. Was immer in sein Zimmer geworfen worden war, war jedenfalls nicht explosiv. Nach dieser Schlussfolgerung gab Tommy die Suche auf und legte sich schlafen. Es war kurz vor Mitternacht. In Gedanken analysierte er die Situation wieder und wieder, bis der Schlaf endlich den letzten logischen Gedanken auswischte.

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2 „Hey, Bruder, drückst du immer noch das Kissen?!“, platzte Natalie herablassend heraus. „Die Schule lässt schön grüßen! Du bestellst besser schon mal deinen JET, um dich dahin zu fliegen, sonst ...“ Tommys Augen öffneten sich langsam einen kleinen Spalt, gerade weit genug, um das Tageslicht erkennen zu können. War das die Wirklichkeit? Er konnte nicht glauben, dass sein sanfter Schlaf so brutal unterbrochen werden musste. Es schien ihm so, als ob er gerade mal angefangen hatte zu träumen und kaum ein Zipfelchen der Nachtruhe berührt hatte. Aber Natalie scherzte nicht. Die gnadenlose Wahrheit sank allmählich in sein Bewusstsein – er war zu spät dran für die Schule. Das hatte drei schlimme Konsequenzen: erstens – kein Frühstück, zweitens – schnelles Joggen zur Bushaltestelle bei MacBrot mit seinem schweren Rucksack, und drittens – ein saurer Blick von seiner Biologielehrerin. Das Erste davon war das Schlimmste. Tommy hasste einen leeren Magen. Die Jagd nach dem Bus war schnell vergessen, und eine reumütige Entschuldigung bewirkte gewöhnlich, dass sich der strenge Blick der Lehrerin besänftigte, aber der leere Magen würde sich verkrampfen und stundenlang bis zur großen Pause rumoren. Natalie ging. Er sprang aus dem Bett – direkt in seine Hose. Mit jedem weiteren Handgriff gewannen seine Bewegungen an Geschwindigkeit und Kontrolle. Hemd und Socken waren schnell übergestreift. Als Nächstes die Schuhe. Er griff nach den Lauf11


schuhen beim Schreibtisch, die er selten für die Schule anzog, aber heute mussten sie ihn im Supertempo zum Bus tragen. Wo war Mutter? Warum hatte ihn niemand rechtzeitig geweckt? Diese und andere Fragen gingen ihm durch den Kopf, während er versuchte, in den linken Schuh zu schlüpfen. „Au!“, schrie er auf einmal. Hastig streifte er den Schuh wieder ab. Mit einem beunruhigten und gleichzeitig überraschten Gesichtsausdruck stellte er fest, dass darin ein zu einem kleinen Ball zusammengeknülltes Stück weißes Papier lag. „Lukas!“, schimpfte er auf seinen Bruder, den einzigen Verdächtigen, „Kannst du dir nicht etwas Besseres einfallen lassen?“ Tommy war die vielen kleinen Streiche seines jüngeren Bruders gewöhnt, aber diesmal fand er es gar nicht lustig. Keine Zeit für Scherze. Er band den anderen Schuh zu, griff nach dem Rucksack und rannte die Treppe hinunter. Aber plötzlich, als ob die Sprünge auf der Treppe seine Erinnerung wachgerüttelt hätten, tauchte vor seinen Augen die Szene von gestern Nacht auf: der zerbrochene Becher neben seinem Bett und die verstreuten Kulis und Bleistifte. Da war noch die ergebnislose Suche nach dem möglicherweise explosiven Gegenstand, der das kleine Chaos verursacht hatte. Und wo war er? Die ganze Nacht in seinem Schuh versteckt. Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn, als ihm die offensichtliche Antwort klar wurde. Sofort landete der Rucksack auf dem Boden. Hundertachtzig Grad Kehrtwendung, wobei die Gummisohle laut quietschte. Vom Boden vor seinem Bett grinste ihn der kleine, weiße Unruhestifter an. „Dummes Ding!“, presste 12


Tommy zwischen den Zähnen hervor und griff sich den kleinen, weißen Ball. Was war das überhaupt? Es fühlte sich viel schwerer an als nur eine Papierkugel. Schnell entwirrte er das Knäuel. Ein kleiner, runder Stein war der einzige Inhalt. Tommy kullerte ihn in der Hand hin und her. Nichts Besonderes, nur ein ganz gewöhnlicher, graubrauner Stein. Aber auf der Innenseite des Papiers standen einige mit der Hand geschriebene Worte. Eine Botschaft? überlegte er neugierig. Der Text war nicht lang. Er glättete den übel zerknitterten Zettel so gut wie möglich und las: Morgen um 22 Uhr auf der Terrasse des grünen Hauses in der Bogengasse. Komm allein. Gute Dinge warten auf dich. Die größte Chance deines Lebens! Das Team der Teams. Die Patrioten. Tommy runzelte die Stirn. Was war denn das für eine Einladung? Team der Teams .... gute Dinge ... größte Chance ... das hörte sich ja an wie die TV-Werbung eines Bodybuildingclubs oder einer berühmten Universität. Er grinste und steckte den Zettel in die Tasche. Ein schneller Blick auf die Digitaluhr auf dem Regal verursachte ein unangenehmes Zwicken in der Wirbelsäule. Ihm blieben nur noch drei Minuten, um den letzten, möglichen Bus zu erwischen, sonst erwartete ihn ein sehr langer Weg zu Fuß. Ziemlich beängstigende Tatsachen. „Mama!“, schrie er, während er die Treppe hinuntersauste. „Mama! Papa! Jemand zu Hause?!“ Keine Antwort. Er schloss die Tür und rannte, als ginge es um sein Leben. Der schwere Rucksack hüpfte auf und nieder und klopfte seinen Rücken zu einem 13


weichen Schnitzel. All die Bücher und Hefte, wer brauchte die eigentlich in diesen Tagen, schimpfte er in Gedanken. Die Schulen sind altmodisch, fangen erst an, die Computer zu entdecken. Eine kleine Speichereinheit wie zum Beispiel ein USB-Stick, den man sich um den Hals hängte, könnte leicht die ganze Papierlast auf dem Rücken ersetzen. Oder wie wäre eine virtuelle Schule per Internet, spann er den Gedanken weiter, wobei er versuchte, einen halbwegs gleichmäßigen Rhythmus bei der verrückten Geschwindigkeit zu finden. Eine virtuelle Klasse? Virtuelle Freunde? Nein, das würde dann doch zu weit gehen. Er würde Erik, Manuel, Steffi und viele andere vermissen. Selbst einige Lehrer machten zu viel Spaß, als dass man sie einfach streichen könnte. Nein, wirkliche Menschen waren absolut notwendig, nur das schwere Papier sollte abgeschafft werden. Noch um eine Ecke, und er konnte die Bushaltestelle schon sehen. Leute standen dort oder gingen umher. Ein Hoffnungsschimmer. Selbst wenn der Bus in diesem Augenblick käme, würde er es schaffen. Und da war es schon, das vertraute Geräusch des Busmotors, der sich von hinten näherte und beschleunigte. Der letzte Spurt begann. Schweißtropfen drückten sich aus den Poren, sein Atem wurde kürzer, aber er rannte. Es standen genügend Passagiere an der Haltestelle, um den Bus eine Weile aufzuhalten, und der Fahrer musste ihn auch gesehen haben, wie er die Straße entlang rannte. Er würde sicher warten. Und das tat er auch. Hinter Tommy schloss sich die Tür mit einem lauten Knacken. Er warf den Rucksack auf einen freien Sitz und sich selbst gleich daneben. Mit dem Ärmel des T-Shirts trocknete er die schwitzende Stirn. Nie wieder diesen Stress, ver14


sprach er sich selbst. Wenn er wieder zu Hause war, würde er schon herausfinden, warum ihn niemand rechtzeitig geweckt hatte. Tommy streckte sich bequem auf dem Bussitz aus. Etwas Hartes drückte unbequem in seiner Hosentasche. Das war doch dieser dumme Stein, erinnerte er sich. Was war das nur für eine primitive Art der Kommunikation, Botschaften durchs Fenster zu werfen? Er grinste und schüttelte den Kopf. Es war doch viel, viel einfacher, ein Handy aus der Tasche zu ziehen und ein paar Tasten zu drücken, als etwas auf ein Blatt Papier zu schreiben, einen Stein zu suchen und dann in einen fremden Garten zu schleichen, das Papier durch genau das richtige Fenster zu werfen und schnell davonzulaufen. Wer würde so etwas tun? Das fragte er sich, während er in der Hand mit dem Stein spielte. War das eine weitere Bande wie die Black Revengers? War das Treffen eine Falle oder nur ein Scherz? „Hallo Tommy!“, ertönte es plötzlich dicht hinter ihm. Er erkannte die Stimme sofort. „Herr Kauffmann!“ „Hast du etwas Platz für mich?“ Tommy nahm schnell den Rucksack auf den Schoß und rutschte zur Seite. Er schaute Holzbein beim Hinsetzen zu. Seit sie angefangen hatten, an ihrem Fußballplatz, dem Dschungel, zu arbeiten, traf er den Mann beinahe täglich, aber er staunte noch immer darüber, wie gut dieser Mann sich mit seiner Beinprothese bewegen konnte. Auf eineinhalb Beinen zu gehen mit einer weiteren angeschraubten Metallhälfte grenzte für Tommy schon an Zirkuskünste. Sein Mund war weit offen geblieben, als er vor wenigen Wochen diesen Mann hinter dem Ball hatte herlaufen sehen. Wow, dieses verrückte Spiel 15


im Schlamm. Plötzlich stand Tommy wieder die Erinnerung an den verzweifelten Kampf um den Dschungel vor Augen, der FC Tornado gegen die Black Revengers. Und Holzbein hatte mitgespielt. Er hatte sich selbst und die Prothese nicht geschont. Am Ende des Spiels hatte er genauso fürchterlich ausgesehen wie der Rest der Mannschaft, über und über mit Matsch bedeckt. „Sammelst du Steine?“, fragte Holzbein neugierig. „Was? Ich? Äh ... Steine? Nein!“ Tommy war sich gar nicht bewusst, dass er noch immer den Stein in der Hand hielt. „Und der da, hoffe ich, ist nicht für irgendein Fenster bestimmt“, lächelte Holzbein. „Ach der!“ Tommy gab dem Mann den Stein. „Der ist schon durchs Fenster geflogen, durch meins.“ „Oh nein!“ „Es war weit offen, er hat meinen Becher mit den Stiften getroffen. Ich habe ihn heute Morgen in meinem Schuh gefunden, zusammen mit einer sehr seltsamen Einladung.“ Tommy zeigte ihm den zerknitterten Zettel und erzählte auch noch den Rest der Geschichte. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“ „Wirst du hingehen?“ „Ich habe mich noch nicht entschieden.“ „Zeig es deinem Vater, bevor du gehst“, schlug Holzbein vor. „Klar, wenn ich ihn sehe.“ „Apropos Väter und Botschaften, heute bin ich der glücklichste Vater. Schau mal, ich habe auch eine kleine Einladung bekommen.“ Holzbein zog aus seiner Ledertasche eine Postkarte. „Mein Sohn hat mir aus Australien geschrieben. Er ist in Perth. Endlich weiß ich, wo er ist.“ Der Blick, mit dem er die Karte 16


anschaute, sagte mehr aus, als Worte es hätten tun können. Der Sohn, der verloren gewesen war, war wieder gefunden. Der geliebte und einzige Sohn, der jahrelang kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, schrieb nun, dass es ihm gut ging. Holzbeins Gesicht strahlte vor Glück. „Hat er etwas über Fußball geschrieben, für welches Team er spielt?“, fragte Tommy neugierig. Er erinnerte sich daran, wie sehr Holzbein von dem großen Talent seines Sohnes geschwärmt hatte, dass sogar der 1. FC Köln ihn engagieren wollte. „Er hat nur geschrieben, dass er gern in Australien ist, dass er dort noch eine Weile bleiben möchte und ... und dass er oft an mich denkt. Ist das nicht wundervoll?“ „Hm, ja!“ „Oh, und hier unten, nach dem P.S., hat er seine E-Mail Adresse aufgeschrieben.“ „Großartig, dann könnte ich ihm ja auch mailen und ihn nach seinem Fußballverein fragen.“ „Warte, warte.“ Holzbein schwenkte seine Hand, um Tommys Eifer abzukühlen. „Erst muss ich ihm schreiben, verstehst du. Er ist vor Jahren ohne ein Wort weggegangen. Wir hatten diesen dummen Konflikt ... es war mein Fehler. Und ... zuerst muss ich das aus dem Weg schaffen, hm ... irgendwie.“ Holzbein machte ein nachdenkliches Gesicht, dann zupfte er sich am Ohrläppchen. „Nun, das wird vielleicht Zeit brauchen. Ich denke, ich sollte ihm nicht gleich im ersten Brief mit den alten Problemen kommen, oder? Was meinst du?“ Tommy war von dieser Frage überrascht. Er dachte nach. „Ich würde ...“, begann er und erinnerte sich daran, wie sehr er seinen Vater vermisst hatte, als der in Frankreich arbeiten musste. Und das wa17


ren nur ein paar Wochen gewesen und nicht Jahre. „Ich denke, ich würde in einen Jet springen und nach Australien fliegen, um ihn zu sehen.“ „Haha ....“ Holzbein lachte über Tommys Antwort. „Ich weiß, was du sagen willst. Aber! Die einzige Adresse, die mir mein Sohn gegeben hat, ist eine EMail Adresse. Vielleicht möchte er mich noch nicht sehen.“ „Zu schade“, kommentierte Tommy enttäuscht. Er hasste Familienkonflikte. „Oh, ich muss aussteigen“, sagte Holzbein. „Ich muss meinen Voyager aus der Werkstatt abholen. Er war zum Service da. Wir sehen uns morgen im Dschungel, beim letzten Training vor dem Turnier. Wie schnell doch nur die Zeit vergeht?!“, schüttelte Holzbein verwundert den Kopf. Er nahm seine Ledertasche und stand auf. „Viel Spaß in der Schule!“ „Danke, und auf Wiedersehen.“ Tommy schaute Herrn Kauffmann nach, wie er sich geschickt durch die Reihen auf den Ausgang zu bewegte. Er hatte heute seinen Krückstock nicht dabei. Ein gutes Zeichen.

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