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1 „Towaco, nein!“ Ich sprang vom Zaun und rannte auf die Koppel. Der übel gelaunte Appaloosa beachtete mich überhaupt nicht. Er legte die Ohren flach zurück, fletschte die Zähne und ging angriffslustig auf Nicky, meine weiße Araberstute, los. Nicky hatte nichts weiter getan als ihren Kopf auf den Rücken des Appaloosa gelegt. Ich hatte schon oft gesehen, wie die beiden sich auf diese Weise gezeigt hatten, dass sie gute Freunde waren. Aber dieses Mal hatte Towaco etwas dagegen. „Nicky, lauf!“, rief ich, während ich versuchte, die beiden so schnell wie möglich zu erreichen. Ich stolperte über einen Haufen glitschiger, brauner Blätter. Mein Pferd wieherte leise. Das ist der herrlichste Ton der Welt. Nicky hob den Kopf und begrüßte mich. „Nicky, pass auf!“ Towacos Kopf schoss vor wie bei einer Schildkröte, die zuschnappen will. Ich hörte ein leises Knirschen, als sich die Zähne des Appaloosa in Nickys Pferdefleisch gruben. Nicky quietschte laut und wich zurück. Ich rannte auf sie zu. „Nicky, tut es sehr weh?“ Ich fuhr mit der Hand über ihren Hals und ihre Brust, bis ich die Stelle fühlte, an der die Zähne zugebissen hatten. Towaco hatte Nicky weit oben an der Brust erwischt. Zwei winzige Haarbüschel fehlten, aber es war kein Blut zu fühlen. Ich umarmte mein Pferd und fühlte den Schmerz, als ob er mir selbst zugefügt worden wäre, als ob 5


Towaco mich in die Brust gebissen hätte. „Mach dir nichts daraus, Mädchen“, murmelte ich und drückte meine Wange an ihren Hals, wo ich den Beginn ihres Winterfells fühlte. „Ich weiß, du wolltest Towaco einfach zeigen, dass ihr gute Freunde seid.“ Ich schaute Towaco böse an. Er stand wenige Meter von uns entfernt und hatte den Kopf gesenkt, graste aber nicht. Ein Bild von Nicky und Towaco tauchte vor einiger Zeit plötzlich vor meinem geistigen Auge auf. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis, ob mir das gefällt oder nicht. Es wäre großartig, wenn ich mir aussuchen könnte, welche Bilder mein Gedächtnis speichert, aber das kann ich nicht. Dieses Bild stand jetzt in voller Größe und Farbe vor mir: Es zeigte dieselben zwei Pferde, aber damals war Nicky das böse Pferd gewesen, das gegen den verängstigten Towaco ausgeschlagen hatte. Im August hatte Victoria Hawkins mir ihren Appaloosa gebracht, das erste Problempferd in meiner neuen Karriere als Winnie die Pferdezähmerin. Papa hatte nach Mamas Tod unsere Ranch in Wyoming verkauft. Dann war er mit meiner Schwester, Lizzy, und mir zwei Jahre lang immer wieder umgezogen, bis wir schließlich hier im letzten Haus in Ashland, Ohio, ganz am Rande der Stadt gelandet waren. Anfangs hatte ich nicht damit gerechnet, dass wir in Ohio länger als in den Bundesstaaten, die mit einem I beginnen, bleiben würden – Illinois, Indiana und Iowa. Seitdem war viel passiert. Ich hatte mein eigenes Pferd bekommen, die schönste weiße Araberstute der Welt. Die Leute hier waren ziemlich erstaunt gewesen, dass ein zwölfjähriges Kind – das noch jünger aussieht, als es ist, weil ich so klein bin – ein Pferd


zähmen konnte, das jeder „Wildfang“ genannt hatte. So kam ich zu einem ähnlichen Ruf, wie ihn meine Mama in Wyoming gehabt hatte, wo sie dafür bekannt gewesen war, dass sie Pferde zähmte, ohne ihren Willen zu brechen. Von Mama hatte ich gelernt, dass man auf die Kleinigkeiten bei einem Pferd achten muss – wie es seinen Schweif hält, wie es die Nüstern verzieht, mit den Augen blinzelt, einfach, wie es in seiner Sprache mit uns spricht. Victoria Hawkins, die auf den Namen „Hawk“ hört, wenn sie nicht gerade mit unseren Klassenkameraden zusammen ist, hatte ihre Mutter überredet, mich mit ihrem Appaloosa arbeiten zu lassen. Der Wallach hatte sich in Spidells’ Stable-Mart, einem modernen Stall am anderen Ende der kleinen Stadt, einige schlechte Angewohnheiten zugelegt. Doch ich hatte gewusst, dass ihm nichts anderes fehlte als die Freiheit, nach Herzenslust über eine Koppel zu laufen und zu grasen. Aber sobald ich Towaco zu Nicky auf die Koppel gelassen hatte, war Nicky auf ihn losgegangen und hatte gegen ihn ausgeschlagen. Als ich mich jetzt an diese Zeit erinnerte und dieses Bild vor mir sah, auf dem Towaco die Schläge hatte einstecken müssen, konnte ich nicht mehr böse auf ihn sein. „Komm her, Towaco!“, rief ich. „Versöhnt euch wieder, ja?“ Towaco rührte sich nicht, er zuckte nicht einmal mit den Ohren. Der Appaloosa benahm sich schon seit über einer Woche sehr seltsam. In der einen Minute war er kampflustig, und in der nächsten Minute sah er aus, als wäre er zu müde, um sein Futter zu fressen. „Hey, Winnie!“ Lizzy, deren blonde Haare zu einem perfekten Pferdeschwanz hochgebunden waren, rannte zur anderen Seite des Zauns. Die Leute sa7


gen, meine Schwester und ich sähen uns sehr ähnlich, aber Lizzy, die ein Jahr jünger ist als ich, ist fünf Zentimeter größer. Sie hat nicht meine Sommersprossen. Obwohl die Haare meiner Schwester die gleiche Farbe haben wie meine, sehen ihre irgendwie nie so aus, als käme sie gerade aus einem Wirbelsturm. Ohne dass sie sich darum bemüht hätte, war Lizzy schon jetzt das beliebteste Mädchen in ihrer Klasse. Hinter Lizzy kam ein Mädchen angelaufen, das ungefähr genauso groß war wie sie und einen kurzen, blonden Pferdeschwanz hatte. Sie trug eine Jeans und ein Sweatshirt, das fast genauso aussah wie das meiner Schwester. „Das ist Geri!“, rief Lizzy. Das war also Geri. In letzter Zeit war „Geri“ jedes zweite Wort aus dem Mund meiner Schwester – und daraus kamen viele Wörter! Wenn sie einmal ausnahmsweise nicht gemeinsam unterwegs waren und irgendetwas unternahmen, telefonierten sie miteinander. Geri winkte. „Du bist Lizzys große Schwester?“, rief sie. Ich nickte. Lizzy redete ohne Pause weiter. „Geri glaubt, sie hätte einen Frühlingspfeifer gehört! Das ist ein Frosch!“ Wenn Geri Frösche so sehr liebte wie meine Schwester Eidechsen, war es kein Wunder, dass sie die besten Freundinnen waren. In Wyoming hatte Lizzy ihren eigenen Eidechsenzoo gehabt. Ganze Schulklassen hatten Ausflüge zu unserer Ranch organisiert, um Lizzys Sammlung zu besichtigen. Nicky rieb ihr weiches Maul an meinen Nacken. Ich hatte den Eindruck, dass Towaco ihre Gefühle mehr verletzt hatte, als ihre Brust. Sie hatte bestimmt 8


das Gefühl, ihren besten Pferdefreund verloren zu haben. Ich blies ihr sanft in die Nüstern. Das war ein alter Indianertrick, den ich von meiner Mama gelernt hatte, ein Freundschaftszeichen, mit dem Pferde sich gegenseitig begrüßen. Nicky antwortete mit einem leisen Schnauben. „Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“ Etwas ließ mir seit einiger Zeit keine Ruhe, aber ich konnte es nicht richtig erklären. Ich habe Pferde immer als meine besten Freunde betrachtet. Menschen sind oft so schwer zu verstehen. Aber in letzter Zeit sehnte ich mich nach einer menschlichen guten Freundin. Vielleicht lag es daran, dass Lizzy jetzt so viel mit Geri unterwegs war oder dass ich den Eindruck hatte, alle anderen in unserer Schule hätten eine beste Freundin. Vielleicht war es auch einfach nur, weil ich meine Mama vermisste. Sie war bis zu dem Tag, an dem sie starb, meine beste Freundin gewesen. Was es auch war – ich dachte schon die ganze Woche darüber nach. Hawk kam von allen Mädchen, die ich kannte, einer besten Freundin am nächsten. Wenn wir nicht gerade in der Schule waren, hatten wir beide wirklich Spaß daran, miteinander auf unseren Pferden zu reiten. Wir waren sogar einmal miteinander im Zirkus aufgetreten. In der Schule sah die Sache jedoch ganz anders aus. Schüler unterscheiden sich nicht allzu sehr von Pferden in der freien Wildbahn. Sie schließen sich zu „Herden“ zusammen und kämpfen in ihren Gruppen um eine gute Stellung. Hawks „Herde“ war die Gruppe der beliebten Schüler. Ich passte nicht in diese Gruppe. Inzwischen war es besser geworden, auch wenn es eine Weile gedauert hatte. Wenigstens 9


hatte Hawk jetzt keine Angst mehr, in der Schule „Hallo“ zu mir zu sagen. Die meiste Zeit benahm sie sich wie meine Freundin. Aber in den letzten ein oder zwei Wochen hatte Hawk Towaco und mich vernachlässigt. Jeden Tag kam sie mit einer anderen Ausrede an, warum sie nicht mit mir ausreiten könne. Jetzt hatte Hawk endlich zugestimmt, heute, am Samstag, mit mir zu reiten. Ich hätte eigentlich wissen können, dass ihr Pferd sich heute unausgeglichen benehmen würde. „Towaco?“ Ich rief ihn noch einmal, aber er stellte sich taub. Ich lief zum Stall, um Hafer zu holen und den Appaloosa damit zu locken. Nicky folgte mir dicht auf den Fersen und stupste mich in den Rücken, weil sie mich ein wenig antreiben wollte. Die Feuchtigkeit des Spätherbstes hing in der Morgenluft, und der Himmel war so grau, dass man hätte meinen können, es würde gleich wieder Abend werden. Ein paar Spatzen kamen schimpfend aus dem Stall geflogen. Ich kniff die Augen zusammen, um im Inneren etwas erkennen zu können. „Hawk?“ Etwas raschelte im Türrahmen. Dann tauchten vier Katzen auf. Eine war meine Stallkatze, Nelson, der süßeste kleine schwarze Kater, den man sich vorstellen kann. Er hat eine weiße Pfote, die er auch an Regentagen immer sauber hält. Ich erkannte die zwei orangefarbenen Katzen, Moggie und Wilhelmina, die zu Catmans Katzenfamilie gehörten. „Hallo, Catman!“, rief ich, während ich Nelson hochhob und ihn auf Nickys Rücken setzte. Mein Kätzchen rollte sich zusammen und genoss schnurrend das Schaukeln, als Nicky bedächtig in den Stall trottete. 10


Catman Coolidge nickte, als Nicky an ihm vorbeiging. „Echt cool, Mann.“ Catman hätte eigentlich in den 1960er Jahren leben sollen. Damals wäre er wenigstens nicht der einzige Hippie in der Stadt gewesen. Ich hatte mich an seine gestreifte Schlaghose, seine Batikhemden, seine langen, blonden Haare und Sandalen mit Lederriemen, die er auch an eiskalten Tagen wie heute trug, gewöhnt. „Kommst du oder gehst du?“, fragte Catman. Ein halbes Dutzend weitere Katzen kamen von der Weide, dem Garten und dem Feld im Süden lautlos angeschlichen. Alle buhlten sie um Catmans Aufmerksamkeit. Lizzy nennt ihn den „Katzenfänger von Ashland“. „Hawk will kommen und mit mir reiten“, antwortete ich, während ich Nicky in den Stall folgte. „Genial.“ Catman wusste, dass Hawk sich mir gegenüber in letzter Zeit seltsam benahm. Er hat eine ruhige Art, die mich dazu bringt, ihm Dinge zu erzählen, die ich eigentlich niemandem verraten wollte. Meine Augen brauchten eine Minute, um sich an den dunklen Stall zu gewöhnen. Ich liebe unseren Stall. Eigentlich gehört er Pat Haven, meiner Vertretungslehrerin in Biologie1 und meiner Chefin in Pat’s Pets. Die grauen Stalllatten lassen gerade so viel Licht durch, dass man den Heustaub in Streifen durch die Boxengasse tanzen sehen kann. Der ganze Stall riecht nach Pferden und Heu und Zuhause. Ich drehte mich um, um zu sehen, ob Towaco uns gefolgt war. Er war stehen geblieben. „Vielleicht doch nicht so genial ... wenn ich Towaco nicht dazu brin1

Der englische Begriff für das hier mit „Biologie“ übersetzt Schulfach ist „Life Science“. Dieses Fach entspricht nicht dem deutschen Biologieunterricht, sondern umfasst mehr. Es werden z. B. ethische Fragen behandelt.

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gen kann, sich anständig zu benehmen. Dieses Pferd benimmt sich genauso seltsam wie Hawk, Catman. Er hat Nicky gebissen.“ „Das ist übel.“ Catman streckte seinen langen Hals, um zu dem Appaloosa hinauszuschauen. „Der Junge sieht traurig aus, Mann. Dieser Appy ist wirklich nicht happy.“ Ich dachte genau das Gleiche: dass Towaco einfach nur traurig war. Dass ihm nichts anderes fehlte als Hawk. Selbst wenn Hawk kam, um nach ihrem Pferd zu sehen, war sie kurz angebunden und ungeduldig mit ihm. „Vielleicht geht es Towaco und Hawk wieder besser, wenn sie mit Nicky und mir ausgiebig über die Felder reiten.“ Ich holte den Plastikeimer und kippte ein wenig Hafer hinein. Nicky wieherte leise. Sie wollte auch mindestens eine Hand voll Hafer. Ich gab ihr zwei. „Catman, ich dachte, dass du mit Barker den ganzen Vormittag in Pat’s Pets bist.“ Eddy Barker ist in meinem Alter und ungefähr der netteste Mensch, den ich kenne. Er und Catman sind die besten Freunde. Barker liebt Hunde genauso sehr wie ich Pferde und Catman Katzen. Wir drei bilden die Tiersprechstunde bei Pat’s Pets und beantworten E-Mails, in denen Leute um Rat fragen, wenn sie Probleme mit ihren Tieren haben. Nelson kuschelte sich um Catmans Hals. Die Spitze von Nelsons schwarzem Schwanz schaukelte vor Catmans Nase. „Barker ist zum alljährlichen Thanksgiving2-Familienfest der Barkers in Texas.“ „Barker hat Glück.“ Ich meinte das nicht nur, weil er in der Schule ein paar Tage verpasste, sondern auch, 2

Das amerikanische Erntedankfest „Thanksgiving“ wird immer am vierten Donnerstag mit einem großen Familienfest gefeiert, bei dem es traditionell gebratenen Truthahn gibt.

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weil Barker eine großartige Familie hat. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl bei einem Treffen mit vielen Barkers zuging. Mr und Mrs Barker sind Dozenten an der Universität von Ashland und unterrichten Informatik und Lyrik und solche Sachen. „Was machen sie mit den Hunden?“ Barker hatte für jeden seiner fünf Brüder einen Hund trainiert. „Die haben sie alle dabei“, antwortete Catman. „Kannst du dir das vorstellen?“ Ich versuchte, mir den Barkerbus mit fünf Hunden, sechs Kindern, zwei Eltern und einer Großmutter vorzustellen. „Ich sattle lieber Towaco, bevor Hawk kommt, Catman. Ich will ihr keinen Grund geben, wieder einen Rückzieher zu machen.“ Ich warf ihm einen Führstrick zu und bat ihn: „Komm mit und halte diesen Strick hinter deinem Rücken.“ Ich trug den Eimer mit dem Hafer auf die Weide hinaus. Towaco stand immer noch auf demselben Fleck und ließ den Kopf und die Ohren hängen. Er ist ein perfekter, gefleckter Appaloosa, dunkelbraun mit leuchtend weißem Fell über dem Rumpf und den Hüften. In dem weißen Fell sind braune Flecken zu sehen. „Mmmm. Schau, was ich da habe, Towaco. Hafer!“ Ich schüttelte den Eimer, dass der Hafer an den Seiten des Eimers raschelte. Seine Ohren zuckten, aber er kam nicht. „Er will nicht“, murmelte Catman einen Meter hinter mir. Nicky kam hinter mir angetrottet. „Du willst doch nicht, dass Nicky alles bekommt, oder?“, fragte ich, während ich auf den Appaloosa zuging. Nicky reckte den Kopf über meine Schulter und 13


um meinen Arm und versuchte, die Nase in den Eimer zu stecken. Towaco ließ mich an sich herankommen, warf aber keinen einzigen Blick auf den Eimer. Mit ihm stimmte wirklich etwas nicht. Pferde sind neugierig, besonders wenn es um Futter geht. Ich hielt eine Hand voll Hafer dreißig Zentimeter von seiner Nase weg, aber er wollte keinen einzigen Schritt auf mich zukommen. Schließlich gab ich es auf und hielt ihm den Hafer unter die Lippen. Er nahm meine Hand voll Hafer, verlangte aber nicht nach mehr. Nicky steckte den Kopf unter meinem Arm in den Eimer und machte sich eifrig über die Körner her. Towaco zeigte keine Regung. Er stieß ein trauriges Pferdeseufzen aus und ließ den Kopf noch tiefer hängen. „Karotten!“, rief ich, als mir plötzlich einfiel, wie gern der Appaloosa die Karotten gefressen hatte, die Hawk ihm immer gebracht hatte. Ich drückte Catman den Eimer in die Hand. „Schau, ob du mit Towaco etwas anfangen kannst. Ich bin gleich wieder da.“ Ich lief über die Weide zum Haus und rief dabei zu Catman zurück: „Falls Hawk kommt, darfst du sie nicht wieder gehen lassen!“ Ich bewegte mich vorsichtig durch unseren Garten und sprang über Rasenmäherteile, kaputte Staubsauger, zerlegte Toaster und andere Kleingeräte – die „laufenden Projekte“ meines Vaters. Die Leute nennen Papa „Willis, den Mann für alle Fälle“. Er kann alles reparieren, was sie ihm bringen, solange er nicht von seinen Erfindungen abgelenkt wird. Papa bezeichnet sich als „Jack Willis, freischaffender Erfinder“. Das ist Welten von dem Mann entfernt, der er in Wyoming gewesen war: Mr Jack Willis, Chef einer Versicherungsgesellschaft. 14


Ich sprang über eine Rolle mit aufgewickeltem Draht zur Treppe, die zu unserer Veranda hinaufführt, und wäre beinahe auf einem langen, dünnen, schwarzen Schuh gelandet. Er sah ganz anders aus als alle Schuhe, die ich bisher gesehen hatte. Ein rechteckiges Ding an der Zehenspitze erinnerte mich an einen Schalter. Ich hob den Schuh auf und drückte auf den Schalter. Sofort sprang eine Gartenschaufel im Miniaturformat heraus. Als ich beim anderen Schuh das Gleiche probierte, tauchte ein winziger Spaten auf. Ich nahm die Schuhe mit ins Haus und rief: „Hallo, Papa! Was hast du mit diesen Schuhen vor?“ Ich vermutete, dass sie seine neueste Erfindung waren. Hoffentlich erwartete er nicht, dass ich sie anzog. Ich ging durch das Wohnzimmer in die Küche. „Papa, ich ...!“ Papa lag auf den Knien und kämpfte mit einem großen, schwarzen Schirm. Aber er war nicht allein. Sie war bei ihm. Madeline. Madeline Edison, seine Erfinderfreundin. Papa hatte sie beim Erfinderkongress in Chicago kennen gelernt und erfahren, dass sie in Loudonville, nur ein paar Kilometer von Ashland entfernt, wohnte. Was für ein Glück! Ich konnte den Blick nicht von den beiden abwenden. Was dachte sich mein Vater nur dabei, eine fremde Frau in unsere Küche zu holen! Ich fühlte, wie sich meine Ohren zurücklegten wie bei Towaco vor ein paar Minuten. Wenn sie Pferde gewesen wären, hätte ich sie gebissen!

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