Elisabeth Stiefel
Kleine Chronik groĂ&#x;er Frauen Aus dem Leben von Anna Magdalena Bach, Margarete Steiff, Selma LagerlĂśf und anderen
Über die Autorin: Elisabeth Stiefel, Jg. 1958, ist verheiratet und hat vier Kinder. Neben ihrem Job als Hausfrau und Mutter engagiert sie sich seit vielen Jahren in der kirchlichen Frauenarbeit. Sie lebt mit ihrer Familie in Dettingen.
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 3-86122-776-2 Alle Rechte vorbehalten © 2005 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Umschlaggestaltung: Henri Oetjen, Design Studio Lemgo Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Oldenbourg Taschenbuch GmbH www.francke-buch.de
Inhaltsverzeichnis Vorwort ...................................................................... 7 Anna Magdalena Bach (1701-1760) Gott allein die Ehre ..................................................... 9 Anna Rebecca Claudius (1754-1832) Fröhlich mit Gottes Hilfe ......................................... 27 Margarete Steiff (1847-1909) Was Gott tut, das ist wohl getan ................................ 45 Selma Lagerlöf (1858-1940) Gespannt, was Gott im Leben vorhat ........................ 59 Julia von Bodelschwingh (1874-1954) Begabt und bereit, Gott zu dienen ............................. 75 Helene Schweitzer-Bresslau (1879-1957) Ein Leben im Dienst für den Nächsten ...................... 91 Elly Heuss-Knapp (1881-1952) Aus dem Heute das Beste machen ............................ 101 Dorothea Steigerwald (geb. 1918) Bleib sein Kind ........................................................ 119 Bildnachweis ........................................................... 132
Vorwort „Wer auf Gott vertraut, ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit“, so beschreibt die Bibel Menschen, die ihr Leben auf Gott gründen. Dieses Vertrauen auf Gott prägte auch die Frauen, die in diesem Buch vorgestellt werden. Ihr Glaube war der Mittelpunkt ihres Lebens, hat sie getragen in guten und in schweren Tagen. Ihr Glaube war der Motor ihres Handelns. Diese Frauen waren Menschen wie wir. Sie erlebten Freude und Leiden, hatten Stärken und Schwächen. Es gab in ihrem Leben Zeiten tiefen Glaubens und Zeiten schwerer Zweifel. Was mich an diesen Frauen besonders beeindruckt hat: Sie hinterließen mit ihrem Leben Spuren. Es sind Segensspuren, von denen wir heute noch profitieren: Anna Magdalena Bach und Anna Rebecca Claudius unterstützten ihre hoch begabten Ehemänner. Ohne die Hilfe ihrer Ehefrauen wären die Musik Johann Sebastian Bachs und die Texte von Mattias Claudius so nicht zustande gekommen. Am Spielzeug aus dem Hause Steiff haben Millionen Menschen ihre Freude, ebenso an den Büchern von Selma Lagerlöf. Julia von Bodelschwingh wurde zum Segen für viele Behinderte. Helene Schweitzer-Bresslau unterstützte mit all ihren Möglichkeiten den Aufbau des Urwaldkrankenhauses in Lambarene. Elly Heuss-Knapp sah ihre Aufgabe in der Unterstützung der Mütter und gründete das Müttergenesungswerk. Die Skulpturen von Schwester Dorothea Steigerwald geben unzähligen Menschen Trost und Halt. 7
So wollen diese Frauen uns Vorbild sein, wie Gott Leben segnen kann und wie Menschen dann zum Segen für andere werden können. Ignatius von Loyola formulierte es einmal so: „Die wenigsten Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm ganz zur Verfügung stellten.“ Die folgenden Seiten sollen helfen, sich mit dem Leben und Glauben der beschriebenen Frauen auseinander zu setzen. Dazu sollen auch die Gedankenanstöße und Impulse am Schluss eines jeden Lebensbildes dienen, die eine Hilfe zur Vorbereitung und Gestaltung von Gesprächsgruppen sind. In Brief- und Tagebuchauszügen kommen die beschriebenen Frauen selbst zu Wort. Diese Zitate können in einer Gesprächsrunde von verschiedenen Personen vorgelesen werden, so dass das Lebensbild lebendiger wird. Choräle waren zu allen Zeiten für Christen eine große Hilfe in schweren Zeiten und eine Quelle der Freude in guten Tagen. So spielten auch geistliche Lieder und Musik im Leben dieser Frauen eine große Rolle. Daher wurden die Lebensbilder ergänzt durch Choräle, die in einer Gesprächsgruppe gemeinsam gesungen oder auch angehört werden. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“, versprach Gott einst Abraham. Dieses Versprechen gilt bis heute – sowohl den hier beschriebenen Frauen, die für viele zum Segen wurden, wie auch uns, wenn wir uns unter Gottes Segen stellen. Elisabeth Stiefel
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Anna Magdalena Bach (1701-1760)
Gott allein die Ehre „Mit ihm zu leben und ihn Tag für Tag sehen zu können, das war für mich das höchste Glück“, schrieb Anna Magdalena Bach einst über ihren Ehemann, den großen Komponisten Johann Sebastian Bach. Ihren Ehemann zu unterstützen, zu trösten, aufzumuntern, darin sah sie ihre Lebensaufgabe. Anna Magdalena Bachs Verdienst war es, das große Werk ihres Mannes stets zu fördern. Sie stammte selbst aus einer musikalischen Familie: Ihr Vater, Johann Caspar Wülcken, hatte als Hoftrompeter schon früh für eine gute musikali9
sche Ausbildung der Tochter gesorgt. So sang Anna Magdalena Wülcke mit 19 Jahren als fürstliche Sängerin am Köthener Hof. Johann Sebastian Bach war zu dieser Zeit Hofkapellmeister beim Fürsten Leopold von AnhaltKöthen. Seit kurzer Zeit verwitwet – seine erste Frau, Maria Barbara, war im Sommer 1720 verstorben –, musste er allein für seine vier kleinen Kinder sorgen. An einem schönen Frühjahrsmorgen erschien der Hofkapellmeister Johann Sebastian Bach im Hause Wülcken, um sich die Stimme der fürstlichen Sängerin Anna Magdalena Wülcken anzuhören. Anna Magdalena Bach schilderte diese Begegnung später in ihrer Chronik: Ich stand vor ihm und war so verlegen, dass ich kaum aufzublicken vermochte ... Er kam mir außerordentlich groß vor, körperlich, meine ich, und doch war er es nicht in ungewöhnlichem Maße, er war nur wenig größer als mein Vater. Aber irgendwie wirkte er hoch, groß, breit, kraftvoll, etwas Felsiges ging von ihm aus, und wenn er unter anderen Menschen stand, schien er immer auch körperlich größer zu sein, während doch hauptsächlich sein Herz und sein Geist höher und gewaltiger als der Geist der anderen waren ... Gott hat von je meine Seele der Musik geöffnet und, da ich Sebastian Bach spielen gehört hatte, wusste ich, dass mir kein anderer Mann auf der Welt je etwas würde bedeuten können. Und auch er sagte sich damals (hätte ich nur etwas davon gewusst!): Dieses Mädchen will ich heiraten. Dass ich einwilligen würde, schien ihm durchaus sicher, denn er wusste, dass er alles, was er wirklich wollte, auf dieser Erde durchführte. Bei manchen Gelegenheiten in späteren Jahren ist mir diese seine Zielsicherheit und Beständigkeit oft als Starrsinn vorgekommen. 10
1721 fand die Verlobung statt, Johann Sebastian führte seine zukünftige Ehefrau in die Familie ein. Anna Magdalena war zu diesem Zeitpunkt zwanzig Jahre alt, 16 Jahre jünger als ihr zukünftiger Ehemann. Dieser brachte vier Kinder in die Ehe. Die älteste Tochter, Katharina, war nur sieben Jahre jünger als die zukünftige Stiefmutter. Über ihren ersten Besuch im Haus der Familie Bach berichtete Anna Magdalena: An diesen Tag werde ich ewig denken müssen, denn zum ersten Mal zeigte ich mich öffentlich mit meinem Verlobten. Mein blaues Kleid mit den vielen Litzen stand mir sehr gut, und ich empfand mit Entzücken, dass ich ihm gefiel, und von da an bis zu seinem Tod galt mir ein zustimmendes Wort von ihm mehr als alle Reden der Welt. Seine kleinen Kinder standen um uns herum, und ich fühlte zum ersten Male, dass wir eine Familie waren. Seine Familie, das war ihm auch der Inbegriff des Lebens – seine Frau, seine Kinder, sein Haus, das war ihm die ganze Welt. Am 3. Dezember 1721, neun Wochen nach einer großen öffentlichen Verlobungsfeier, fand eine kleine Hochzeitsfeier im Hause Bach statt. Anna Magdalena erhielt von ihrem Johann Sebastian als Hochzeitsgabe ein Hochzeitslied: Ihr Diener, werte Jungfrau Braut, viel Glück zur heut’gen Freude! Wer Sie in Ihrem Kränzchen schaut und schönen Hochzeitskleide, dem lacht das Herz vor lauter Lust 11
bei Ihrem Wohlergehen; was Wunder, wenn mir Mund und Brust vor Freuden übergehen! Obwohl eine Hochzeit im Dezember, dazu noch so kurz nach der Verlobung, äußerst unüblich war, hatten sie sich zu diesem Schritt entschlossen. Das Warten wäre den beiden zu schwer gefallen. So hatten sie die Hochzeit, unterstützt von Sebastians Freund, Fürst Leopold, vorgezogen. Der Fürst schenkte Anna Magdalena einen Brautkranz aus Silber, Perlen und Edelsteinen. Da der Fürst selbst acht Tage später Hochzeit hatte, revanchierte sich Johann Sebastian Bach mit einer festlichen Komposition zur Fürstenhochzeit. Über ihre eigene Hochzeit schrieb Anna Magdalena in ihren Memoiren: Man sagt, dass der Hochzeitstag der schönste Tag im Leben eines Weibes sei. Gewiss war nie ein Mädchen an jenem Tage so glücklich wie ich. Wer fand aber auch einen Gatten wie meinen Johann Sebastian Bach! Nach jenem Hochzeitstage hatte ich kein Leben mehr als das seine. Ich empfand mich wie einen kleinen Strom, den der Ozean aufgenommen hatte. Ich war aufgegangen und eingehüllt in einem Leben, das tiefer und breiter war, als meins je hätte sein können. Anna Magdalena führte Sebastian den Haushalt, versorgte seine Kinder, unterstützte und förderte ihn, so gut sie konnte. Viele der Noten, die er niederschrieb, wurden von ihr kopiert. Sebastian gab ihr Klavierunterricht und widmete 12
ihr ein Notenbuch: „Das Clavierbüchlein für Anna Magdalena Bachin“. Die Beziehung zwischen dem Köthener Fürstenhaus und seinem Hofkapellmeister entwickelte sich leider nicht so harmonisch wie erhofft. Die junge Fürstin hatte wenig Interesse an der Musik. So bewarb sich Bach als Kantor an der Thomaskirche in Leipzig. Anna Magdalena und Johann Sebastian wohnten noch in Köthen, als ihnen ihre erste Tochter geschenkt wurde. Noch weitere zwölf Kinder sollten diesem ersten von Anna Magdalena folgen. Dies war für sie eine große Freude und Grund zur Dankbarkeit, keine Last, wie es aus der Entfernung von drei Jahrhunderten zu sein scheint. In ihrer Chronik erzählt sie: Gottes Segen war bei uns, und er machte mich so fruchtbar wie den Weinstock an der Mauer von meines Gatten Haus. Er schien mir nie so groß und würdevoll, als wenn er am Kopfende des Tisches saß und an der Spitze seiner Söhne und Töchter, seinen geliebten Friedemann (der älteste Sohn von der ersten Frau Maria Barbara) neben sich, während ich an der anderen Seite unser Jüngstes auf dem Schoß hielt und seinen Zähnchen an einer Kruste zum Durchbruch verhalf. Sieben der dreizehn Kinder überlebten leider das Kindesalter nicht. Die Kindersterblichkeit war zu Beginn des 18. Jahrhunderts hoch. Anna Magdalena trug schwer an dem Leid, immer wieder an einem Kindergrab stehen zu müssen: Es gab Zeiten, ich will es nur gestehen, wo es mir grausam vorgekommen ist, Kinder nur zu tragen, um sie wieder zu verlieren und Hoffnung und Liebe in den kleinen Gräbern 13
zu verscharren, an denen wir, Sebastian und ich, so oft Hand in Hand schweigend gestanden haben. Aber ich empfand doch immer wieder diese auflehnenden Gefühle als unfromm und versuchte mein Bestes, um sie zu unterdrücken. Meine älteste Tochter Christiane Sophie erlebte nur ein Alter von drei Jahren, und mein zweiter Sohn Christian Gottlieb musste auch in diesem zarten Alter sterben. Ernestus Andres lebte nur wenige Tage, und das nächste Kind Regina Johanna hatte auch ihren fünften Geburtstag noch nicht erlebt, als sie von der Welt scheiden musste. Christina Benedikta, die einen Tag nach dem Kind von Bethlehem das Licht der Welt erblickte, konnte den bitteren Winter nicht ertragen und verließ uns, als das neue Jahr vier Tage alt war. Wie freudevoll war uns zumute gewesen, als unser neues Kind zu Weihnachten auf dieser Erde erscheinen sollte! Und wie trübe sah mich das neue Jahr an, als Sebastian mit Tränen in seinen gütigen Augen zu mir an mein Bett niederkniete und mir sagte, dass uns das Kleine wieder verlassen habe. Christiane Dorothea lebte bloß einen Sommer länger als ein Jahr, und Johann August sah das Licht nur drei Tage. So verloren wir von unseren dreizehn Kindern sieben, und das traf unser Herz schwer. Doch wir sagten uns, dass es die Heimsuchung des Herrn sei, und liebten die Kleinen, die uns verblieben waren, umso mehr. So oft an einem Kindergrab zu stehen, ist ein unvorstellbar hartes Schicksal. Anna Magdalena und Sebastian fanden Trost in ihrem Glauben und hielten sich felsenfest daran, dass die geliebten Kleinen nun in Gottes Herrlichkeit waren. Wie groß ihr Vertrauen in Gottes Führung trotz all diesem Leid war, kommt in dem Choral von Georg Neu14
mark „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ zum Ausdruck, den Johann Sebastian Bach in einer seiner Kantaten bearbeitet hat: Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut. Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit. Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt; Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt. Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seist und dass ihm der im Schoße sitzet, der sich mit stetem Glücke speist. Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel. 15
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht. (EKG 369) Nach der Geburt der ersten Tochter stand 1723 der Umzug nach Leipzig an. Johann Sebastian Bach wurde dort als städtischer Musikdirektor angestellt. Gleichzeitig war er Schulmeister an der Thomasschule und zuständig für die Kirchenmusik. Die Familie Bach hatte eine Dienstwohnung in der Thomasschule. So konnte der Vater direkt von seinem Musikzimmer in den Schulraum gehen. Allerdings drang auch aller Schul- und Probenlärm in die Bach’sche Wohnung, so dass dort kaum noch Ruhe zu finden war. Sebastians Gehalt war mit insgesamt 700 Talern in Leipzig zwar deutlich höher als in Köthen, aber die Stelle als Kantor und Musiklehrer brachte für ihn eine große Einschränkung der persönlichen Freiheit mit sich. War er in Köthen zum großen Teil sein eigener Herr gewesen, so waren er und seine Familie in Leipzig dem freien Kräftespiel einer bürgerlichen Gesellschaft ausgeliefert. Es kam immer wieder zu Spannungen zwischen dem Kantor, dem Rat der Stadt Leipzig und dem jeweiligen Rektor der Thomasschule. Anna Magdalena litt mit ihrem Sebastian mit und versuchte, ihn in schwierigen Situationen zu unterstützten, wo sie nur konnte. Oft versorgte sie zusätzlich zu dem ohnehin großen Haushalt noch viele Schüler ihres Mannes und die zahlreichen Gäste, die den Kontakt zu Bach suchten. 16
Trotz aller Spannungen waren die Jahre in Leipzig für Bach eine ungemein fruchtbare Zeit. Es entstanden seine großen religiösen Werke sowie eine große Zahl von Kantaten. Anna Magdalena berichtete: Sebastian arbeitete so schwer. Er schuf so viele Kantaten und andere Musik, dass selbst ich sie nicht alle behalten konnte – wenn sein Geist nicht von äußerlichen Widerwärtigkeiten geplagt wurde. Wenn er in einen Zwist geriet, konnte er leidenschaftlich zornig werden, und, was schlimmer war, auch außerordentlich hartnäckig sein und den Eigensinn, die Familieneigenschaft der Bachs, in ausgeprägtester Weise zeigen. Ich versuchte hin und wieder, ihn zu überreden, doch nicht so halsstarrig zu sein, aber es war immer nutzlos. Er klopfte mir auf die Schulter – denn nie ließ er seinen Ärger mit anderen an mir aus – und sagte sanft: „Liebes Weib, das ist eine Sache, die geht mich an und nicht dich.“ Aber natürlich ging sie mich an, und wie könnte es auch anders sein, wenn ich den bösen Einfluss sah, den diese Widerwärtigkeiten auf seinen Frieden hatten? Wie die Familie Bach mit solchen Widerwärtigkeiten fertig wurde, lässt der Choral „Befiehl du deine Wege“ in den Worten von Paul Gerhardt erahnen: Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt 17
Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann. Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohl ergeh’n; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll besteh’n. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein. Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruh’n, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun. (EKG 361) Die Familie Bach verstand es aber auch, Feste zu veranstalten. Die Hochzeit der Tochter Elisabeth Juliana Frederica mit Johann Christoph Altnikol, einem Schüler Johann Sebastian Bachs, am 20. Januar 1749 wurde mit großer Freude gefeiert. Am Polterabend führte die Familie Sebastians Frühlingskantate auf. Anna Magdalena erzählte:
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Dieser Brautabend, an dem die ganze Familie versammelt war und die reinste und süßeste Musik gemacht wurde, ... ist festlicher und bräutlicher in meiner Erinnerung geblieben als all die hochzeitlichen Lustbarkeiten am folgenden Tage, so glücklich und freudevoll er auch verlief. Und dann küssten wir unser liebes Kind, und Christoph entführte sie uns durch den Schnee nach Naumburg, wo Gott sie, ehe der Weihnachtstag wieder erschien, mit einem Knaben segnete, den sie, wie es fast unnötig ist zu sagen, Johann Sebastian tauften. Ab 1740 ließ das Augenlicht von Sebastian immer mehr nach. Anna Magdalena litt mit ihrem Mann mit. Die Angst zu erblinden war für ihn schlimmer als der Gedanke an den Tod. So veranlasste Anna Magdalena im Frühjahr 1750, dass der englische Arzt Taylor eine Augenoperation bei ihrem Mann vornahm. Sie klagte noch nach Jahren: Ach Gott, den Schmerz, den ich damals fühlte, fühle ich noch heute. Ich war nicht so ruhig wie Sebastian und weinte, an seinem Bette kniend. Er aber legte die Hand auf mein Haupt und sagte: „Seien wir nicht traurig, dass wir leiden müssen. Es bringt uns näher an unseren Herrn, der für uns alle gelitten hat.“ Es kam in dieser Zeit trotz aller Qual eine weite, tiefe Heiterkeit über ihn. Der Tod hatte ja nie einen Schrecken für ihn gehabt. Er war ihm immer als die wahre Vollendung seines Lebens erschienen. Am 28. Juli 1750 verstarb Johann Sebastian Bach nach einem Schlaganfall. 19
Anna Magdalena verbrachte die letzten zehn Jahre ihres Lebens als Almosenfrau in Leipzig. Nachdem sie von einem Freund gebeten worden war, ihre Lebenserinnerungen schriftlich festzuhalten, schrieb sie die „Kleine Chronik der Anna Magdalena Bach“. Am 27. Februar 1760 starb sie in Leipzig. Ich halte nur zwei Frauen im Thüringischen für ganz glücklich, seine Base Maria Barbara Bach, die seine erste Gattin gewesen, und mich selbst, seine zweite Ehefrau. Er liebte uns beide, aber manchmal denke ich lächelnd, er liebte mich noch mehr als Barbara, denn es ist gewiss, er liebte mich durch die Güte der Vorsehung länger ... So hatte Anna Magdalena Bach in ihrer Chronik einst geschrieben. Für Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach war der Tod stets nur eine Durchgangsstation zu einem unbeschreiblichen ewigen Leben. Diese Gewissheit brachte Johann Sebastian Bach in der Melodie zu dem Choral „Gloria sei dir gesungen“, zu dem Philip Nicolai den Text geschrieben hat, zum Ausdruck: Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelzungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön. Von zwölf Perlen sind die Tore, an deiner Stadt wir steh’n im Chore der Engel hoch um deinen Thron. Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört 20
solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja fĂźr und fĂźr. (EKG 535)
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Zeittafel 22.09.1701 Anna Magdalena Bach wird in Zeitz geboren 1721 Hochzeit mit Johann Sebastian Bach 1722 Johann Sebastian Bach schreibt das Clavierbüchlein der Anna Magdalena Bach 1723 Anna Magdalenas erstes Kind Christiana Sophia wird geboren. Es folgen noch zwölf weitere Kinder, von denen nur sechs überleben 1723 Umzug nach Leipzig 1725 Johann Sebastian lässt ein Bild von Anna Magdalena malen 1742 Geburt der jüngsten Tochter Regina Susanna 1749 Hochzeit der Tochter Elisabeth Juliana Frederica 1749 Geburt des Enkelsohnes Johann Sebastian 28.07.1750 Tod Johann Sebastian Bachs 27.02.1760 Anna Magdalena Bach stirbt in Leipzig
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Gedanken und Gesprächsimpulse zum Leben von Anna Magdalena Bach „Gott allein die Ehre“ war das Grundthema im Leben von Johann Sebastian Bach und seiner Frau, die ihn mit all ihren Möglichkeiten unterstützte. Ihr ganzes Leben, alles, was sie leisteten, all ihre Gaben unterstellten sie diesem Lebensmotto. Daran hielten sie fest, obwohl ihr Leben viel Leid und Not beinhaltete. „Gott allein die Ehre“ – welche Auswirkungen hätte dieses Motto für unser Leben, wenn wir für unsere Arbeit Anerkennung erfahren, wenn etwas gut gelungen ist? Was würde dieses Motto für uns bedeuten, wenn niemand unsere Arbeit honoriert und unsere Leistung übersehen wird? „Gott allein die Ehre“ – was würde sich in unserem Leben ändern, wenn dies das Grundthema wäre?
Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum, dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefallen Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn’ Unterlass, all Fehd’ hat nun ein Ende. Wir loben, preis’n, anbeten dich; 23
fßr deine Ehr wir danken, dass du, Gott Vater, ewiglich regierst ohn’ alles Wanken. Ganz ungemessen ist deine Macht, allzeit geschieht, was du bedacht, wohl uns solch eines Herren! (EKG 179, Text von Nikolaus Decius)
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