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1. Begegnung in Tyburn Der Vormittag war für Otis Skinner gut verlaufen. Mit seinem fachmännischen Können hatte er drei Londoner abgefertigt und jetzt genoss er das schöne Herbstwetter. Die Herbstsonne hatte den Frühnebel aufgelöst und schien mit diamantener Klarheit über Tyburn und wurde nur gelegentlich von einer grauen Wolke getrübt, die einen frostigen Wind durch die Zuschauer wehte. Skinner lobte im Stillen seine aufmerksame Ader für Einzelheiten und gratulierte sich selbst in unverhohlenen Tönen, als ein Raunen wie eine Welle durch die Zuschauer um ihn ging. Da er noch die abschließenden Handgriffe bei seinem letzten Auftrag auszuführen hatte, entschied sich Skinner, nicht auf die Jubelrufe der dicht gedrängten Menschenmenge zu achten, als der nächste Wagen neue Kundschaft heranbrachte. Stattdessen richtete er seine Gedanken auf Erfreulicheres. Er freute sich auf einen erholsamen Nachmittag, an dem er mit seinem zehnjährigen Sohn James an der Themse angeln wollte. Skinner erstattete ihm immer ausführlich Bericht über seine Arbeit am Galgen, und er stellte mit Genugtuung fest, dass der Junge ein lebhaftes Interesse am Beruf seines Vaters zeigte. Er genoss es, ihm die Feinheiten und Einzelheiten seiner Kunstfertigkeit nahe zu bringen. „Immerhin, Meg“, sagte er oft zu seiner Frau, „hat ein Mann die Pflicht, für seine Familie alles zu tun!“ In Gedanken immer noch bei seinem bevorstehenden Nachmittagsausflug kehrte Skinner zu der erhöhten Plattform zurück und konzentrierte sich auf sein nächstes Opfer – eine blasse junge Frau, die nicht älter als siebzehn war. Bei ihrem Anblick kniff der Scharfrichter missmutig die Augen zusammen und runzelte die Stirn, denn die dünne, zierliche Frau wog, wie er mit seinem geübten Auge schätzte, weniger als hundert Pfund. „Dieses Frauenzimmer bringt nicht genug Gewicht mit, damit ihr das Genick 9


bricht“, murmelte er. Er ergriff das raue Hanfseil. Als das Mädchen entsetzt und mit dem Blick eines gejagten und gefangenen Tieres zurückwich, packte Skinner mit seiner riesigen Hand ihren schlanken Nacken. „Was soll denn das?“, knurrte er und zog ihr die Schlinge über den Kopf. Das Seil schnitt tief in ihre blasse Haut. Das Mädchen stöhnte und schloss die Augen. „Armes Kind!“, rief eine Lumpensammlerin, der ein Schneidezahn fehlte. „Einige sagen, sie sei so unschuldig wie ein Lamm.“ „Das weiß nur der allmächtige Gott!“, erwiderte eine ungepflegte Straßenfrau. „Wo bleibt der andere, den sie heute hängen wollen? Seinetwegen stehe ich jetzt schon den ganzen Vormittag hier.“ Die Lumpensammlerin schnäuzte sich lautstark die Nase. „Sei nicht so ungeduldig! Eine Stunde bringt dir sowieso nur sechs Pence ein.“ Die Schultern der jungen Schwerverbrecherin wurden ganz steif, während ihre schlanken weißen Finger sich an ihrer Seite verkrampft schlossen und wieder öffneten. „Benimm dich jetzt“, knurrte Skinner unwirsch. Als er sah, dass sie jeden Augenblick in Ohnmacht fallen würde, drehte er sich schnell um und legte die Hand auf den Hebel, der die Falltür öffnen würde. „Es tut überhaupt nicht weh“, rief er und zog den Hebel hoch. Das Mädchen fiel nach unten. Genau wie Skinner befürchtet hatte, war sie nicht schwer genug. Ihr zierlicher Körper drehte sich und wand sich in panischer Angst; ihre Beine schlugen mit der Kraft der Verzweiflung um sich. Die Menge johlte bei dem sadistischen Vergnügen, während Skinner auf der Plattform stand und seinen Blick über sie wandern ließ. „Ungebildete Affen sind das! Haben keine Ahnung von guter Arbeit!“ Schließlich wurde das Seil ruhig. „Hol sie herab, Oliver“, rief Skinner seinem Gehilfen zu. Das Mädchen wurde hinter den Galgen getragen und auf ein Leichentuch neben die anderen drei 10


Hingerichteten gelegt. Oliver kniff kritisch die Augen zusammen, als er meinte, die junge Frau hätte mit der Hand gezuckt. „Ach, das war nichts. Das tun sie alle, wenn sie gestorben sind“, redete er sich beruhigend ein. Skinners Augen schweiften über die Lumpensammler, Straßenfrauen, Betrunkenen und Krüppel. Er konnte ein Grüppchen Kaufleute und sogar einige Adelige in ihren Kutschen im hinteren Bereich der Zuschauer ausmachen. Er war leicht verlegen, weil diese junge Frau ihn zu einer schlechten Arbeit gezwungen hatte, aber bald wurde seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Todeskandidaten gelenkt, der in einem Wagen zum Galgen gebracht wurde. „Na, das ist schon etwas anderes!“, murmelte er. Seine gute Laune war wiederhergestellt. Der Wagen, ein elegantes, mit Schleifen geschmücktes Gefährt, beförderte nur einen einzigen Fahrgast – einen gut aussehenden Mann von ungefähr achtundzwanzig Jahren, der wie ein Bräutigam ganz in Weiß gekleidet war und in seiner Hand, die in einem weißen Handschuh steckte, eine einzige rote Rose hielt. Er hatte glänzende schwarze Haare, eine tief gebräunte Haut und weiße Zähne, die in der Sonne funkelten, als er den Zuschauern zuwinkte. Als er vorbeifuhr, fielen einige der derben Frauen beinahe in Ohnmacht. „Wenn das nicht Tom Clinch ist!“ Skinner grinste hämisch, denn er wartete schon lange darauf, Londons berüchtigtsten und wagemutigsten Räuber unter seinen Händen zu haben. Er griff in einen schwarzen Beutel und zog einen rauen braunen Strick heraus, den besten, den er hatte, und fuhr liebevoll mit seiner dicken Hand darüber. „Dieser Kerl soll besser baumeln“, grinste er, „und den schlechten Geschmack von diesem Frauenzimmer aus meinem Mund vertreiben!“ Er betrachtete die Menschen, wie ein Schauspieler sein Publikum beobachtet, und beschloss, dieser Vorführung seine größte Aufmerksamkeit zu schenken. Die Menschen brachen in lauten Jubel aus, als Clinch, so gut 11


gelaunt wie ein Mann, der zu einem Fest geht, im Wagen aufstand. Der Mob schob sich unruhig hin und her, denn jeder versuchte, einen Blick auf den berüchtigten Gesetzesbrecher zu erhaschen. Durch das Gewühl drängte sich eine stimmgewaltige Gruppe Straßenverkäufer, die versuchten, die „letzten Worte vor seinem Tod und sein Bekenntnis“ frisch aus der Presse an den Mann zu bringen. Keine Träne lief über Clinchs Wange, als er sich vor den Zuschauern tief verbeugte, die seine letzten Minuten beklatschten, als wäre er ein Held. Die Glocken, die seinen Weg durch Londons belebte Hauptstraßen vom Newgate-Gefängnis bis nach Tyburn lautstark begleitet hatten, standen plötzlich still. Der Fahrer brachte die Pferde unter dem Galgen zum Stehen und nickte dem verurteilten Mann zu. Clinch blieb kurz stehen, um einen letzten Blick auf die Menschenmenge zu werfen, bevor er vom Wagen stieg. Ein Geistlicher wartete unten an der Leiter und hielt ein Psalmbuch in den Händen. Er war ein zurückhaltender Mann in einem einfachen schwarzen Mantel. Seine hellgrauen Augen beobachteten Clinch mit mitleidigem Blick. „Mr. Clinch“, fragte der Pfarrer leise. „Wollen Sie nicht mit dem Allmächtigen Frieden schließen?“ Clinch nickte dem Pfarrer lächelnd zu. Er nahm dem Geistlichen das Buch aus den Händen und schlug den einundfünfzigsten Psalm auf – den „Henkerpsalm“ – sein letzter „edelmütiger Akt“. Er warf einen theatralischen Blick über die Ansammlung, räusperte sich und holte tief Luft. Er sah die bewundernden Blicke der Frauen, die sich eng an den Wagen drängten. „Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen!“ „Das stimmt nicht, Lila“, flüsterte die Lumpensammlerin einer anderen zu. „Ich kannte seine Ma; sie war eine Heilige!“ Tom Clinch sprach weiter: „Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im 12


Verborgenen liegt; und im Geheimen tust du mir Weisheit kund. Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde.“ „Ja, Herr!“, rief ein Straßenprediger, der schon den ganzen Vormittag Bibeln an die Armen verteilte. „Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast. Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden.“ „Dieser Mann sieht wirklich gut aus“, seufzte eine Straßenfrau. Sie warf einen Blick auf Tom Clinchs auffallend schönes Gesicht, während der Wind durch die purpurroten Schleifen am Wagen wehte und sie um seine muskulöse Gestalt herumtanzen ließ. Ein Mann auf dem Platz schenkte dem berüchtigten Tom Clinch jedoch nicht die geringste Beachtung, sondern richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die aufgeregten Menschen. Es war ein kleiner Mann in zerlumpter, farbloser Kleidung – ein Mann, den man schnell wieder vergessen hatte. Er konnte unbemerkt durch eine Menschenmenge huschen – eine notwendige Eigenschaft bei seinem Beruf. Denn George Prentice war Taschendieb – nicht weil er sich diesen Beruf freiwillig ausgesucht hätte, sondern weil ihn die Not dazu zwang. Er hatte ein ehrliches Gesicht mit blauen Augen und einem festen Mund. Zwar waren seine Züge vom Hunger gezeichnet, aber nichts Böses oder Unsympathisches war an ihm. Prentice wischte sich die Hände an seiner abgewetzten Hose ab und schlängelte sich, von den Kutschen der Adeligen ausgehend, in die breite Masse hinein, die völlig aus dem Häuschen war. Als er den purpurroten Mantel eines Mannes erblickte, dessen ganze Aufmerksamkeit dem Geschehen am Galgen galt, streckte er vorsichtig die Hand aus, beschloss aber dann, dass ein englischer Offizier ein zu großes Risiko wäre, und entschied sich für einen grauen Mantel, der sich ebenfalls in greifbarer Nähe befand. Mit spitzen Fingern fuhr Prentice in die Tasche und erfasste einen glatten runden Gegenstand. Er zog ihn vorsichtig heraus 13


und sah, dass er eine goldene Uhr erbeutet hatte. Während die Zuschauer Clinchs letzten spektakulären Auftritt bejubelten und dieser die Leiter hinaufstieg, schlich Prentice von einem Opfer zum nächsten und stopfte seine Beute in das Futter seines dünnen Mantels. Als er sich dem Rand der Menge näherte, hörte er das bekannte Geräusch, als die Falltür geöffnet wurde, unmittelbar gefolgt von den Rufen und Schreien der Zuschauer. Mit einem Blick zur Plattform sah Prentice den Körper des Räubers in der Luft baumeln, eine regungslose Gestalt, die vom blauen Himmel abstach. Er hatte sich zu lange aufgehalten und drehte sich eilig um und wollte sich aus dem Staub machen, rannte aber geradewegs gegen ein gepolstertes Hindernis. „Ein einträgliches Geschäft, Taschendiebstahl, was?“ Ein Polizist versperrte ihm den Weg. Seine Stimme war grob. „Es dürfte ausreichen, um ein paar Tanzstunden zu nehmen, was? Macht bestimmt viel Spaß, wie der alte Tom Clinch da oben in der Luft zu baumeln, meinst du nicht?“ Prentice merkte, wie sein Mund trocken wurde. Er blickte sich nach einem schnellen Fluchtweg um, aber ein anderer Beamter sprang hinter ihn und versperrte ihm den Weg. „Ich habe so etwas vorher noch nie getan, Sir ... das schwöre ich Ihnen ...“, log Prentice. Sein Magen fing an zu rebellieren. Ein Schweißtropfen lief ihm herunter. Die Stirn des Polizisten legte sich in Falten, und seine buschigen Augenbrauen standen wie Federn ab. „Freilich, freilich, und ich bin König George höchstpersönlich. Siehst du meine Krone?“ Der Polizist deutete auf seinen Hut, während sein anderer Arm, der von einem Unfall gelähmt war, wie eine dicke Wurst um seine beleibte Gestalt herumschwang. „Jetzt hinüber mit dir zu den anderen dort“, befahl er und deutete auf zwei weitere Diebe, die auf frischer Tat ertappt worden waren. Die Männer starrten mit aufgerissenen Augen den Offizier in Blau an, der sie in Schach hielt. 14


Prentice schaute flüchtig zu den anderen Taschendieben hinüber, riss sich mit einem kräftigen Ruck los und warf den gestohlenen Zeitmesser in die Luft. Dabei rief er laut: „Eine goldene Taschenuhr!“ Die beiden Diebe und Prentice hechteten mitten in das Gewühl hinein. Wie losgelassene Kakerlaken schlängelten sie sich durch die riesige Menge. Mit hoch erhobener Hand ließ der Polizist eine Holzrassel erschallen – Londons Alarmanlage – und aus drei verschiedenen Richtungen kamen die „Charlies“ angestürmt, die Bezirkswachleute, die nur auf das Signal des Polizisten gewartet hatten. Mit Holzknüppeln in den Händen schlossen die Beamten den Ring immer enger und kreisten George Prentice immer dichter ein. Plötzlich brüllte ein Beamter über die Köpfe der verwirrten Zuschauer hinweg: „Ich habe den Kerl! Er ist da drüben!“ Die Charlies reagierten schnell und bahnten sich ihren Weg durch die Menschen wie durch eine Schafherde. Während der Häscher Prentice an seinen braunen Haaren festhielt, sprangen die anderen dazu und fingen an, mit Knüppeln auf ihn einzuschlagen und fluchten, weil er einen Fluchtversuch gewagt hatte. Die anderen beiden Diebe tauchten in dem Gewühl unter, denn die Charlies richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf Prentice. Als er sah, dass sein Glück ihn verlassen hatte, stieß er ein verzweifeltes Seufzen aus und ergab sich. George Prentices schmerzerfüllter Schrei ging in dem Lärm völlig unbeachtet unter.

*** Kapitän Arthur Phillip stand auf der Anhöhe und ließ seinen Blick über seinen bescheidenen Hof schweifen. Hinter ihm stand sein Haus, ein Gebäude mit Giebeldach und schiefen kleinen Fenstern, die dem Haus den Anschein gaben, als wolle es gerade einschlummern. Er baute sich mit seinen Stiefeln breitbeinig auf der Kuppe auf, blickte über seine Felder und betrachtete sein 15


Land im schummrigen Licht des Sonnenaufgangs. Während er eine Weizenähre ausriss und sie in seiner Hand hielt, zogen sich seine müden grauen Augen zusammen. Nachdem er sich für eine vorzeitige Pensionierung von der Königlichen Marine mit halber Pension entschieden hatte, war Phillip sesshaft geworden und lebte nun schon seit zwei Jahren allein auf dem Hof. Er konnte in diesen Tagen an nichts anderes als an sein Leben als Kapitän denken. Als Mann mit bescheidenen Mitteln lebte er relativ zufrieden mit seinen Erinnerungen. Er hatte ein portugiesisches Schiff befehligt und vierhundert Strafgefangene über den Atlantik nach Brasilien gebracht, ohne auch nur einen einzigen Mann zu verlieren – eine Leistung, die in Marinekreisen einmalig war. Die Hand auf seine Hüfte gestemmt erinnerte sich Phillip an seine Jahre auf dem Meer. Er rief sich bewusst die Schönheit des tiefblauen Wassers ins Gedächtnis, das von dem Rumpf einer gut bemannten Fregatte durchschnitten wird. Er erinnerte sich amüsiert an die Matrosen, die um ein Würfelspiel herumsaßen und Geschichten erfanden, mit denen sie Frauen und Kinder beeindrucken wollten, wenn sie an Land gingen. Aber für Kapitän Phillip, der für Seemannsgarn nichts übrig hatte, hatte die Weite des Meeres eine pragmatischere Bedeutung. Das Meer hatte seinem Leben einen Sinn in dieser Welt gegeben, besonders seit dem Tag, an dem seine Frau ihn verlassen hatte. Komplizierte Wesen – Frauen. Aber das lag Jahre zurück, und die Zeit hatte viele dieser Erinnerungen ausgelöscht. Jetzt war es das Meer, und nur das Meer, das seine Seele aufleben ließ. Vereinzelte Regentropfen fielen vom Himmel, ein Windstoß wehte ihm seine Seemannsmütze vom Kopf. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, setzte er sie sich wieder richtig auf. Einen Augenblick lang glaubte er, den Geruch von Salzwasser in der Nähe zu riechen. Aber da er eine ganze Tagesreise von der Küste entfernt war, kam er zu dem Schluss, dass sich der Salzgeruch 16


wohl dauerhaft in seinem Kopf eingegraben haben musste. Ein Seufzen entfuhr seinen Lippen. Phillip blickte zum Horizont und bemerkte kaum die dunklen Wolken, die sich zusammenbrauten. Denn er war von einer Flut von Erinnerungen erfüllt: die vereinten Kraftanstrengungen einer gut ausgebildeten Mannschaft in einem tobenden Sturm, die sich von der grünen Wasserfront, die sich über dem Schiffsbug auftürmte, nicht einschüchtern ließ; die ehrfurchtsvolle Macht des brausenden Meeres; ein Schiff, das in dunkelster Nacht vom Sturm herumgeworfen wurde, der so wütend war, dass er den Rumpf wie ein Akkordeon zusammenzuquetschen drohte. Phillips Gesicht spannte sich an, und sein Mund verzog sich zu einem dünnen Lächeln. Das Meer hatte ihn in seinem Zauber gefangen und eine Fessel um ihn geworfen, von der er nie wieder loskommen würde. Und so tobte im Inneren des Kapitäns ein ständiger Kampf: der Pragmatiker spielte seinen Wunsch nach neuen Abenteuern herab, während der Idealist sich nach der unsichtbaren Welt hinter dem nächsten Horizont sehnte. Er hatte seinen Hof mit großen Hoffnungen gekauft und geglaubt, er könne sesshaft und „ehrbar“ werden ... aber in wessen Augen ehrbar, dessen war er sich nicht ganz sicher. Ein schwaches Poltern in der Ferne riss den Kapitän aus seinen Tagträumen. Das dumpfe Geräusch wurde deutlicher und lauter, je näher die klappernden Pferdehufe auf der festen Lehmstraße kamen. Phillip kniff die Augen zusammen, wodurch sich seine ergrauten Brauen unter dem zurückweichenden Haaransatz zusammenzogen. Er konnte das königliche Purpur auf dem Mantel des Reiters und die Messingkette, die seinen Hals zierte, erkennen. Der Anblick dieses Boten weckte Erregung in ihm. Er wischte sich die Erde von seiner grauen Hose und blieb dann regungslos stehen, bis der Reiter ihn erreichte. „Guten Tag“, grüßte dieser und brachte seinen Hengst zum Stehen. „Sind Sie Kapitän Arthur Phillip, Sir?“ 17


Phillip blickte zu dem langen, ausdruckslosen, höflichen Gesicht des Reiters auf. „Der einzige weit und breit. Was führt Sie zu mir, Sir?“ „Ein Brief von König Georg, Sir. Er wünscht sofort Ihre Dienste!“ Der Offizier reichte Phillip einen Umschlag. „Dienste?“ Der Kapitän drehte das Kuvert um und brach das Wachssiegel. Er fuhr mit dem Daumen über die Seite und öffnete gespannt den Brief. Mit einer Hand über dem Inhalt, um ihn vor den leichten Regentropfen zu schützen, las er: An Kapitän Arthur Phillip von der Marine Seiner Majestät, hiermit werden Sie aufgefordert, sich unverzüglich bei den Lords Sydney und Nepean zu melden, um weitere Anweisungen zur Vorbereitung und Ausrüstung einer Flotte zum Zwecke der Deportation von Strafgefangenen nach Neu-Südwales entgegenzunehmen. Mit der Deportation sollen sowohl Arbeiter zum Aufbau der neuen Kolonie im Namen Englands in dieses Territorium gebracht werden als auch unsere Einrichtungen von dem überhand nehmenden Schwarm an Verbrechern befreit werden, die unser Vaterland plagen ... Der Brief zählte die Personen auf, die den Kapitän bei der Ausrüstung der Flotte unterstützen sollten, einschließlich eines Lieferanten namens Duncan Campbell. Das Papier endete mit den Worten: ... es wurde außerdem beschlossen, dass Sie zum Gouverneur unseres Territoriums unter der Bezeichnung Neu-Südwales an dem Tag ernannt werden, an dem Sie seine Küsten erreichen. „Gouverneur?“ Phillip stand da und wandte seinen ernsten Blick nicht von dem Brief ab, während der Reiter ungeduldig im Nieselregen wartete. Die Verantwortung für seinen Bauernhof 18


zerrte an ihm, als sich die verführerische Herausforderung, neue Ufer zu erkunden, vor ihm aufbaute. „Wie bald müsste ich aufbrechen? Wir stehen kurz vor der Ernte.“ Kapitän Phillips Mund formte sich zu einer schmalen Linie, als er die Zähne zusammenbiss. Er redete sich selbst ein, dass er weder ein Glücksspieler noch ein Opportunist sei. Immerhin musste er der Krone loyal ergeben sein. „Sobald die nötigen Vorkehrungen getroffen sind, Kapitän Phillip. Sir Nepean hätte gern Ihre umgehende Antwort.“ „Ich verstehe.“ Phillips Blick wanderte über das Feld, und seine Lippen öffneten sich leicht. „Ich würde gern wieder aufbrechen, Sir, wenn Sie eine Nachricht für Seine Durchlaucht haben“, erklärte der Offizier und ergriff seine Zügel mit fester Hand. Der Kapitän nickte entschlossen. „Sie können sagen, dass ich in aller Ergebenheit der Aufforderung Seiner Durchlaucht Folge leiste und Seine Ernennung annehme. Ich bin binnen zwei Wochen in London, um die Vorbereitungen für die Ausrüstung zu treffen.“ „Wie Sie wünschen, Sir!“ Erleichtert über die Entschlussfreudigkeit des Kapitäns riss der Reiter seinen Arm zu einem militärischen Gruß nach oben und lenkte seinen Hengst herum. „Guten Tag“, nickte Phillip und blickte noch einmal auf den Brief. Er steckte die Depesche in die Tasche und ließ seine Augen wieder über das Weizenfeld wandern. Ein leichtes Lächeln zeichnete zwei Grübchen in seine Wangen. Phillip begann auf der Stelle, die Probleme, die vor ihm lagen, abzuwägen. Dieses Unternehmen wäre die längste Fahrt, die eine Kolonialflotte je gestartet hatte. Seine Männer würden hartgesottene Verbrecher transportieren. Wie er es auch drehte und wendete, diese Fahrt motivierte ihn mehr als genug, den Hof zurückzulassen. Ein Donnergrollen über ihm öffnete die Schleusen des Himmels. Kapitän Phillip zog sich den Mantel über den Kopf und 19


sah, dass der Reiter Unterschlupf in seiner Scheune suchte. Er selbst rannte schnell den Berg hinab und beeilte sich, in das Haus mit dem Giebeldach zu kommen.

*** Der Totengräber stand mit verschränkten Armen und einem Stirnrunzeln in seinem grimmigen Gesicht neben dem Tisch. Auf dem Tisch bewegte sich eine Gestalt leicht unter einem Tuch und stöhnte schwach. „Das Frauenzimmer ist nicht tot, Skinner!“, knurrte er. „Dafür kann ich doch nichts, Drake. Ich bin der Beste weit und breit, und ich lasse mir dafür die Schuld nicht in die Schuhe schieben.“ „Du kannst aber deine Arbeit so zu Ende bringen, dass ich an meine Arbeit gehen kann.“ „Du bist verrückt, Drake! Wenn ihr Leben verschont wurde, dann durch Gottes Hand. Ich kann sie doch hier nicht einfach umbringen. Das wäre wie ... wie Mord!“ „Mach dich nicht lächerlich, Skinner! Sie ist eine verurteilte Schwerverbrecherin. Sie soll sterben, und man erwartet von dir, dass du das Mädchen hinrichtest.“ „Nein, sage ich dir! Das mache ich nicht!“ Drake schaute Skinner direkt an. „Was soll ich jetzt mit ihr machen?“ „Woher soll denn ich das wissen? So etwas ist noch nie da gewesen. Ich weiß es nicht ... gib sie dem Gericht zurück. Sie werden schon wissen, was sie mit ihr tun sollen. Sie ist eine große Schande für ihre Familie.“ Skinner zog seinen Mantel eng um sich und ging zur Tür. „Ich wasche meine Hände in Unschuld!“ Die verrostete Glocke klingelte dumpf, als Skinner die Tür hinter sich ins Schloss schlug. Drake betrachtete das Mädchen mit 20


einem verärgerten Blick. „Solche Scherereien“, knurrte er. Er spielte mit dem scharfen Gegenstand, den er in der Hand hielt. Er könnte dieses Problem mit einem einzigen schnellen Schnitt durch die Vene lösen. „Sie stirbt ohnehin. Da gehe ich jede Wette ein“, redete er sich ein. „Ihr Leiden ist beendet, und ich kassiere trotzdem mein Geld.“ Die Entscheidung wäre leicht zu rechtfertigen. Ein leichtes Stöhnen war wieder zu vernehmen, als sich das Gesicht des Mädchens unter dem Leichentuch bewegte. Drake las den Namen auf ihrem Zettel. Neben ihrem Namen standen die Worte „Politische Verbrecherin“. „Verdammt!“ Drake schleuderte die Klinge in eine Schüssel und stapfte zur Tür. „Wenn Skinner noch einmal eine so schlechte Arbeit liefert, hänge ich ihn.“ Er drückte sich seinen schwarzen Hut auf den Kopf, warf seinen Mantel über und lief fluchend zum Gerichtsgebäude. Im Raum herrschte Stille. Nur das Ticken einer großen Wanduhr, die an der kalten Wand stand, war zu hören. Das junge Mädchen bewegte sich wieder unter dem Leichentuch, und ein leises Flüstern war in der Totenstille auszumachen – „Jesus ... Jesus.“ Als die Uhr zwölf schlug, rutschte das Tuch auf den Holzboden von der Leichenhalle.

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2. Gebet der Trostlosen Ein hellgelber Falter gaukelte und tanzte vor dem Fenster, das von dicken Eisenstäben eingerahmt und durchzogen war. George Prentice hatte die letzte halbe Stunde damit zugebracht, die Stäbe mit seinen müden Händen zu umklammern und wieder loszulassen. Seine Augen waren getrübt, als er mit steinerner Miene den Schmetterling beobachtete, der unaufhörlich seine Kreise drehte und sich anscheinend über die fünfzig Insassen, die in der Zelle des Chesterfield-Gefängnisses zusammengepfercht waren, lustig machte. Prentice schaute zu, wie das fliegende Insekt durch das hintere Tor glitt und neben einem Kinderball auf dem Boden landete. Plötzlich wurde der Boden zu einem Tummelplatz kurzer, stämmiger Beine, die wild um sich traten, als eine Schar Kinder mit hysterischer Begeisterung dem Ball nachjagte. Die Jugendlichen ließen den Staub zu einer Wolke aufwirbeln und manövrierten den Ball vom Torweg auf einen offenen Platz hinab, wo er ungehindert durch die Luft fliegen konnte. Als die Jungen und Mädchen in einer braunen Staubwolke wieder verschwanden, bemerkte Prentice mit zusammengekniffenen Augen den kleinen gelben Fleck, der regungslos auf der Erde lag. Ohne das winzige Geschöpf zu bemerken, hatten die Kinder den Falter unter ihren Füßen zertreten und ihren Weg unbekümmert fortgesetzt. „Hast du selber auch Kinder?“, erklang eine raue Stimme hinter Prentice. Er drehte sich um und sah, dass es der neue Häftling Crabbes war, der fragte, ein ungeschliffener, vulgärer Mann, der nach Gin stank. „Ja, ich habe ein kleines Mädchen.“ Prentice versuchte, trotz des rauen Benehmens dieses Mannes höflich zu sein. „Ich habe insgesamt sechs Kinder, die sich mit zwei verschiede22


nen Frauen irgendwo herumtreiben. Ich weiß nicht genau, wo sie stecken.“ Crabbes wischte sich das Gesicht am Ärmel ab. „Eine habe ich geheiratet, aber sie ist mit meinen Kleinen ausgebüxt. Seitdem habe ich nichts mehr von ihnen gehört oder gesehen.“ „Was ist mit der anderen Frau?“ Prentice tat, als interessiere er sich für Crabbes’ Geschichten. „Ich habe das Frauenzimmer verprügelt, weil sie mich geärgert hatte. Da hat sie eine Stellung bei einer Dame angenommen und gesagt, dass sie sich für ihre Arbeit lieber bezahlen als schlagen lässt. Aber ich habe noch keine Frau gesehen, die etwas taugt, wenn sie nicht hin und wieder Prügel bekommt.“ Prentice wandte sich steif von Crabbes ab und schlurfte in eine andere Ecke der überfüllten Zelle. Der Raum war ein düsteres Gewölbe, und die Wände waren so dick, dass sie jeden Ausbruchversuch unmöglich machten. Jede Zelle, die mit fast fünfzig Männern oder Frauen voll gepackt war, war von einem feuchten, durchdringenden Gestank durchzogen, der von dem selten geleerten Fäkalieneimer aufstieg. Die Steinböden waren von einer glitschigen Abwasserschicht überzogen. Nachts liefen Ratten so groß wie Schoßhündchen über die moosbedeckten Wände und kreischten schrill, bevor sie wieder in ihren Löchern verschwanden. Ein zitternder Zelleninsasse lag zusammengerollt auf dem Boden und jammerte wegen seiner infizierten Hand, die einer der hungrigen Nager angeknabbert hatte. Ein Klappern ließ Prentice aufhorchen. Der mürrische Gefängniswärter, an dessen Hüfte ein großer Metallring mit schweren Schlüsseln hing, schlug lautstark gegen die Gefängnistür. In der einen Hand hatte er einen Stock, in der anderen eine Peitsche. „Hört her, ihr Ratten! Der Richter will heute einige von euch sehen.“ Er schob sich mit dem Peitschengriff seine dunkle Kappe aus der Stirn. Die Tür ging quietschend auf. Sein Gehilfe stand neben ihm und hatte eine Muskete auf die unruhigen Männer gerichtet, die anfingen, sich wie eingesperrte Ratten in einem Kä23


fig auf der Stelle zu bewegen. Der Gefängniswärter steckte die Peitsche in seinen Gürtel und zog ein Blatt Papier aus der Tasche. Wichtigtuerisch räusperte er sich und glättete das zerknitterte Dokument, während die Insassen schweigend warteten. Mit einem argwöhnischen Blick über seine Brille begann er die Namen vorzulesen. Er endete mit: „Der Letzte auf der Liste ist George Prentice. So, ihr alle kommt jetzt langsam nacheinander heraus und folgt Jennings hier entlang.“ Mit schweren Eisenketten um seine Handgelenke und Knöchel erhob sich George Prentice und reihte sich schlurfend hinter den anderen in die Schlange ein. Er dachte an seine Frau Amelia und an seine zwölfjährige Tochter Katy. Er hatte versucht, ihnen eine Nachricht von seiner Verhaftung und der Aussicht, dass er wahrscheinlich am Tyburn-Galgen gehängt werden würde, zu schicken, aber er hatte keine Antwort von ihnen bekommen und fürchtete, dass Amelia ihn verlassen hatte. Amelia war in den Tagen, als er anständig als Zimmermann angestellt gewesen war, eine fröhliche Ehefrau. Er lächelte, als er im Geiste ihr Bild vor sich sah. Er sehnte sich danach, ihre braunen Haare zu streicheln, die, wenn sie offen waren, bis zu den Hüften herabfielen. Ihr Gesicht strahlte wie das eines jungen Mädchens und verriet nicht, dass sie schon fast achtunddreißig war. Mit ihren grüngold gefleckten Augen hätte man sie für eine Irin halten können, auch wenn sie durch und durch Engländerin war. Amelia war eine schlanke, attraktive Frau mit einer Vorliebe für guten Humor. George erinnerte sich an viele glückliche Abende, an denen er mit ihr und Katy um den Kessel herumgesessen war und über die politischen Witze gelacht hatte, die über Seine verrückte Majestät, König George, und seine mysteriösen Krankheiten kursierten. Aber als Prentice seine Arbeitsstelle verlor, legte sich eine dunkle Wolke über die Familie. Lachen war ein Luxus geworden, den sie sich nicht mehr leisten konnten. „Los jetzt mit euch!“, befahl der Gefängniswärter knurrend. 24


Prentice trottete hinter den Männern her. Seine Nerven waren zum Zerreißen angespannt. Er hatte an diesem Morgen seinen Gürtel wieder enger geschnallt, und sein Körper zeigte die Spuren des Hungers, nachdem er nun einen Monat im Gefängnis gesessen hatte. Während die Männer die langen Korridore entlanggingen, ein Labyrinth ohne Fluchtmöglichkeiten, klirrten die Ketten auf dem Boden. Sobald sie ins Sonnenlicht hinauswankten, atmete Prentice die Luft tief ein und musste husten. Er hob die Hand vor den Mund und hielt sich die Brust, die mit einem Rasseln das Anfangsstadium einer Infektion verriet. „Hört mir alle gut zu.“ Der Gefängniswärter schlug mit seinem Stock auf den Boden. „Ihr steigt in diese Wagen und sie bringen euch zu eurem Prozess“, erklärte er mit herablassendem Gebaren, während er mit seiner Peitsche auf die Wagen deutete. „Wenn einer von euch Scherereien macht, gibt es die Peitsche.“ Prentice versteckte sein Gesicht, um sich vor den Blicken der sensationslustigen Zuschauer zu schützen, die am Haupttor standen und gafften. Plötzlich ging ein rügendes Gemurmel durch die Menge, als ein Kind sich drängelnd nach vorne arbeitete. „Nein! Lassen Sie mich durch!“, beharrte die Kinderstimme bestimmt. Prentice war von der Stimme bewegt, die ihm trotz seiner Benommenheit bekannt vorkam. Mit blonden Locken, die in der Sonne leuchteten, tauchte das Mädchen aus dem Gewühl auf. Prentice konnte sofort sehen, dass es tatsächlich seine geliebte Katy war. Die Zwölfjährige trat vorsichtig vor; ihre Gestalt war dürr wie eine Weidenrute und dürftig mit einem fadenscheinigen Kleid bedeckt, das im Wind flatterte. Ihr eckiges Gesicht hatte viel Ähnlichkeit mit Amelias – es war auffallend schön und edel, mit einer kleinen Nase, die sich leicht nach oben bog. Als er das Gewicht der Ketten fühlte, die seine Glieder banden, warf Prentice einen beschämten Blick auf Katy. Er dachte schon 25


daran, lieber von ihr wegzuschauen, aber die sehnsüchtigen Augen des Kindes drängten ihn zu sprechen. „Katy!“ Seine Stimme wurde von den aufwallenden Gefühlen erstickt. „Papa!“ Ihre Augen strahlten bei der frohen Überraschung. „Ich habe dich gefunden!“ Katy schaute mit bettelndem Gesicht zum Torhüter auf. „Oh, bitte, Sir. Es ist mein Papa!“ Der Gefängniswärter zuckte mit den Schultern, dann nickte er dem Torhüter zu, der ihr mit einer Geste erlaubte, näher zu kommen. Sie lief los und warf sich in die abgemagerten, geketteten Arme ihres Vaters und legte ihre eigenen Arme besitzergreifend um ihn. Tränen strömten über ihr Gesicht, als sie in seine blauen Augen schaute. Sie hatte schon immer die Gedanken ihres Papas lesen können, und er war zu erschöpft, um seine Verfassung vor ihrem unschuldigen, suchenden Blick zu verbergen. Prentice schaute dem Kind in die Augen, die ein noch tieferes Blau hatten als seine eigenen, und fürchtete, dass dies seine letzte Gelegenheit sein könnte, ihre Nähe zu spüren. „Wo ist deine Mutter?“, fragte er schwach. Katy biss sich auf die Lippe. Mama, die nur einige Meter von ihr entfernt stand, war von dem hartnäckigen Mädchen gegen ihren Willen zum Gefängnis gezerrt worden. Katy hatte Schwierigkeiten, Mama und ihren Widerwillen, Papa in dieser Situation zu sehen, zu verstehen. Sie weigerte sich, die unausgesprochene Angst, die an ihr nagte, zuzulassen – dass Mama Papa nicht mehr liebte. Sie glaubte daran, dass sie Papa nur aus dem Gefängnis herausholen mussten und dass er dann wieder alles in Ordnung bringen würde wie immer. Während Katy um die richtigen Worte rang, murmelte Amelia leise: „Ich bin hier.“ Sie kam hinter den Leuten, die sich vor dem Tor versammelt hatten, hervor und beobachtete schweigend das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter. Wie konnte sie George jetzt wegen des Geldes, das sie der Wohnungsbesitzerin schuldeten oder wegen des mageren Brotes und Vorrates in ihrer leeren Speisekammer Vorwürfe machen? Amelia trat auf George zu und 26


versuchte, alle Anzeichen von Abneigung oder Enttäuschung zu verbergen, obwohl beide Gefühle an ihr zehrten. Sie blickte auf, und ihre müden Augen begegneten Georges Blick. Sie beschloss, ihm nichts davon zu erzählen. Wie sollte er ihnen jetzt auch helfen? Prentice schluckte schwer und wartete, ob seine Frau irgendein Gefühl zeigte. Die Träne, die langsam aus ihrem Auge schlich, als sie sein zerlumptes Äußeres sah, beunruhigte ihn nur noch mehr. Er wollte ihr Mitleid nicht und wich zurück. Bei der Erinnerung an ihren früher einmal liebevollen Blick, der jetzt von Leid und Enttäuschung getrübt war, tat es ihm in der Seele weh. Er wollte ihre kleine Gestalt hoch in die Luft wirbeln, wie er es in ihren unschuldigen Tagen getan hatte, und Amelia wieder über seine burschikose Kraftprotzerei lachen hören und Liebe und Bewunderung in ihren Augen sehen. Er blickte auf dieselben Arme herab, die jetzt an seine Hüfte gebunden und schwach und gefesselt waren. Hatten seine schlechten Entscheidungen alles zerstört? „Ich vermisse dich, Schatz“, war alles, was Amelia einfiel, aber diese Worte waren genau die Ermutigung, die George brauchte. „Ich liebe dich, Amelia ...“, sagte er mit zitternder Stimme, „... mehr als mein Leben!“ „Gott stehe uns bei!“ Amelias Stimme erstickte, und ihre Gefühle waren völlig erschöpft. „Ja“, fügte Katy unter Tränen hinzu, „Gott, bitte stehe uns bei!“

*** Mit verschränkten Armen stand Sir Evan Nepean in seinem Büro und blickte aus dem großen Fenster, das grüne Vorhänge zierte. Als Sekretär von Lord Sydney hatte er die schwierige Aufgabe übertragen bekommen, die Ruhe zu bewahren bei den Vorberei27


tungen für die Sträflingsflotte. Sir Nepean war ein Mann mittlerer Statur, der die Angelegenheiten des Königs auf eine Weise durchführte, die einem englischen Adeligen angemessen gewesen wäre. Er trug eine gepuderte Perücke mit einem doppelten Zopf, der im Nacken mit einer schwarzen Schleife zusammengebunden war. Sein Hemd war aus feinstem Cambrai und mit einer Mechlinspitze umrandet, die durch die Luft flatterte, als er mit seinen Händen gestikulierte. „Haben Sie mit dem Lieferanten schon gesprochen? Wie heißt er doch gleich?“, fragte er Kapitän Phillip, der in seiner Militäruniform makellos gekleidet neben ihm stand. „Duncan Campbell. Ja ...“ Phillip fuhr mit dem Finger über die Listen, die auf Nepeans großem Schreibtisch ausgebreitet waren. „Scheint ein Mann zu sein, mit dem man nicht leicht zusammenarbeiten kann. Irgendetwas an ihm erregt mein Misstrauen, möchte ich bemerken.“ „Nun, versuchen Sie Ihr Möglichstes, um den Mann zur Mitarbeit zu bewegen. Er hat eine riesige Aufgabe vor sich. Lassen Sie es mich wissen, wenn er Ihnen irgendeinen Grund zur Klage gibt. Ich nehme mich dann umgehend der Sache an.“ Sir Nepean ließ seine grauen Augen über Kapitän Phillip schweifen, der steif dastand und seine Jacke gerade rückte. „Nun, Sir Nepean, was die Kleidung für die Sträflinge betrifft: Die Lieferung ist unvollständig und wird nicht für alle reichen.“ Phillips Ton war beherrscht, aber aggressiv. „Wir brauchen noch einiges, sonst erfrieren die Leute.“ Sir Nepean seufzte. Ihn störten diese ganzen Scherereien wegen der Gefangenen, denn ihn belasteten der kränkelnde Monarch und die unablässige Revolte in den amerikanischen Kolonien wesentlich mehr. „Wenn diese Kolonisten nicht so rebellisch wären, würde England diesen Abschaum immer noch nach Amerika deportieren. Oh, zum Kuckuck, Phillip! Geben Sie jedem eine Decke, und das muss genügen!“, knurrte er. „Jawohl, Sir“, antwortete 28


Phillip formell, notierte aber im Geiste, dass er diese Frage weiter verfolgen wollte ... auf schriftlichem Weg. Bei dem Versuch, das Thema zu wechseln, räusperte sich Sir Nepean und drehte sich mit einem Lächeln wieder um. „Sicher haben Sie Ihre Einladung zu Baron Thurlows Ball heute Abend erhalten. Es soll ein allseits erquicklicher Abend werden. Viele erlauchte Damen können es nicht erwarten, unseren unverheirateten Kapitän kennen zu lernen.“ Seine Brauen traten vielsagend nach oben, als er Phillip über seine Adlernase hinweg anschaute. Kapitän Phillip legte sein eigenwilliges Gebaren nicht ab. „Ich werde der Einladung leider nicht Folge leisten können. Die Aufgabe, diese Flotte auszurüsten, ist mittlerweile so groß geworden, dass ich vier Stöße mit Dokumenten durcharbeiten muss. Es ist gut möglich, dass ich bis zum Sonnenaufgang nur damit beschäftigt bin, alles zu organisieren.“ „Oh, kommen Sie, Phillip!“ Nepean ließ nicht locker. „Dort können Sie wichtige Persönlichkeiten kennen lernen. Es ist gleichzeitig eine geschäftliche Angelegenheit. Ich bestehe darauf!“ Phillip klopfte verärgert und nervös auf die Schreibtischplatte. „Nun ...“ Er schwieg und überlegte, wie lang er nicht mehr an einem gesellschaftlichen Ereignis teilgenommen hatte. „Ich werde mich wohl Ihrem Drängen beugen müssen, nehme ich an ...“ „Ausgezeichnet!“ „Aber wenn meine Arbeit liegen bleibt?“ „Das sollte sie lieber nicht!“ „Ich verstehe.“ „Ich wusste, dass Sie es genauso sehen wie ich.“ Sir Evan Nepean lächelte.

*** Der Richter überflog die Papiere mit George Prentices Lebenslauf, die vor ihm lagen. Seine dunklen breiten Brauen bogen sich nach 29


oben und deuteten wie eine Pfeilspitze auf die Mitte seiner Stirn; sein Gesicht war betont ausdruckslos. Mit seinem gepuderten und gelockten Toupet nickte er, als er von Prentices Verhaftung las. „Sie kennen die Strafe für Taschendiebstahl, Mr. Prentice?“ „Ja, Euer Ehren, aber ...“ „Es ist deshalb die Entscheidung dieses Gerichts, den Angeklagten, George Prentice, zum Tod durch Erhängen am TyburnGalgen zu verurteilen.“ Prentice merkte, wie seine Knie unter ihm nachgeben wollten. „Halt, was ist das?“ Der Richter hielt inne. Sein Verhalten verriet immer noch nicht die geringste Gefühlsregung. Er betrachtete die Papiere mit verstecktem Interesse. „Sie haben Erfahrungen als Zimmermann?“ Prentice war von der Frage des Richters überrascht. „Ja, Sir. Ich war ein guter Zimmermann, bis ich meine Arbeit verlor. Zurzeit hat man kein Geld zum Bauen.“ „Dann wandelt dieses Gericht die Strafe vom Tod am Galgen in sieben Jahre Zwangsarbeit in Neu-Südwales um. Sie werden bis zu Ihrer Deportation in eines der Schiffswracks in Woolwich gebracht.“ Er schlug mit dem Hammer auf den Tisch. Zwangsarbeit klang in Prentices Ohren besser als der Galgen, aber was war mit seiner Familie? „Euer Ehren?“ „Ja, Prentice, was ist denn noch?“ „Was ist mit meiner Familie? Kann sie mitfahren? Meine Frau ist eine gute Schneiderin und ...“ „Nein, das ist nicht erlaubt ... meines Wissens wenigstens.“ „Was? Ich soll Amelia nie wiedersehen? O-oder Katy?“ „Was glauben Sie, was das wird?“, sagte der Richter hart, „eine Erholungsreise?“ „Nein, Sir, ich hatte nur gehofft ...“ „Schweigen Sie, Prentice!“, knurrte der Richter. „Für Sie gibt es keine Hoffnung mehr!“ Prentice wurde von zwei stämmigen Wachleuten von der 30


Richterbank geführt. Wie sollte er Amelia eine siebenjährige Trennung erklären? Sie würde nie auf ihn warten, denn er hatte eine Veränderung an ihr gemerkt, als er sie am Gefängnistor gesehen hatte. Wenn ich ihr vielleicht einen Teil dieser Strafe nicht verrate ... überlegte George. Amelia würde es nicht erfahren, redete er sich ein. „Ich muss Amelia sehen“, murmelte er aufgewühlt. „Es besteht immer noch Hoffnung, sie wiederzusehen ... nicht wahr, Sir?“, jammerte er, während die Wachleute ihn aus dem Gerichtssaal zerrten. Als er keine Antwort bekam, spürte George, wie die Panik ihn erfasste. „Ich muss Amelia sehen!“ Seine Stimme hallte von den harten Wänden des kalten und leeren Korridors wider, als die Gerichtstüren zugeschlagen wurden. „Der Nächste!“, rief der Richter ungerührt.

*** Die Schiffswracks waren alte Truppentransporter oder Kriegsschiffe, die über die ganzen südlichen Seehäfen Englands und entlang der Themse verteilt lagen. Die Wracks in Woolwich, die dafür berüchtigt waren, dass sie vermoderten, waren die größten ausrangierten Schiffe, die für die Internierung der Gefangenen zur Verfügung standen. Während der Sträflingswagen klappernd zum Hafen hinabfuhr, kreischten die Seemöwen und glitten auf der Suche nach einer schnellen Mahlzeit über den Hafen. Der Geruch nach toten Fischen durchdrang alles und lockte abgemagerte Katzen von überall her an, die in den Austernschalen und verrottenden Fischköpfen ein Festmahl fanden. Der Wagen fuhr am Kai entlang und kam zum Stehen. Die bewaffneten Wachleute waren sofort auf den Beinen und hielten die hungrigen und geschwächten Sträflinge mit ihren Musketen in Schach. George Prentice zögerte, bevor er mit den anderen Häftlingen, die zur Deportation bestimmt waren, im Wagen aufstand. „Wie 31


lang wird es dauern, bis das Schiff ausläuft?“, fragte er einen Wachmann besorgt. „Woher soll ich das wissen, du Ungeziefer? Jetzt hinaus mit dir!“ Er schlug Prentice grob mit seinem Gewehrstock. Prentice stöhnte und warf die Hände nach oben. Seine Arme und Beine waren in Ketten. Deshalb mussten die Wachleute ihm und den anderen beim Aussteigen helfen. Ein alter Mann neben ihm, dessen Haut über den Wangen straff gespannt war, schwankte hin und her, bis zwei Wachen ihn ungeduldig von dem schweren Wagen zerrten. Zwei Frauen versuchten die Wachen mit Versprechen auf eine aufregende Nacht in der Stadt zu verführen, wenn sie sie für eine Weile freilassen würden. Sie wurden zurück in die Reihe gestoßen. Prentice richtete sich auf und folgte den anderen Häftlingen die Laufplanke hinauf zum unteren Deck. Eine Luke stand offen. Man befahl den Gefangenen, nach unten zu klettern. Als sie in das dunkle Loch krochen, leuchteten ihnen die letzten Lichtstrahlen den Weg in ihre verwahrlosten Unterkünfte. „Es gibt keine Kerzen oder Laternen! Das ist gegen die Regeln. Jeder, der damit erwischt wird, wird ausgepeitscht!“, erklärte der Wachmann kalt. „Sobald wir wissen, auf welchem Schiff ihr abtransportiert werdet, verlegt man euch dorthin.“ Prentice wurde bei dem beißenden Gestank, der in der Luft lag, übel. „Riecht wie eine stinkende Leiche“, murmelte er nervös. Seine Finger zitterten, als er sich an den Wänden entlang nach unten tastete. Ohne zu überlegen, hörte er sich laut beten: „Guter Gott, ich bitte dich ... befreie mich aus dieser Hölle!“ „Halt den Mund, Sträfling“, drohte einer der Wachmänner, „oder ich peitsche dir die Haut vom Leib!“ Die Luken quietschten in den Angeln, und die Wachen stiegen wieder hinaus. Ihr abrupter Abgang erfüllte den Raum einen Augenblick lang mit einem beklemmenden Schweigen. George stand ruhig im Rumpf des Wracks, und nur das Geräusch von tropfen32


dem Wasser durchdrang die Leere. Aber anstatt verrückt zu werden, wie er gefürchtet hatte, erfüllte ein unruhiges, nagendes Gefühl sein Herz. Gedanken, die ihn verurteilten, gingen ihm durch den Kopf. Ich habe gespielt und alles verloren. Prentice beugte sich vor und stützte sich mit seiner zittrigen Hand an der Wand ab. Er schluckte schwer. Seine Fahrt durch das Leben ohne einen Glauben hatte ihn hohl und leer gemacht, und ihm fehlten die richtigen Worte, die des Himmels würdig gewesen wären. Als die Luke über ihnen zuschlug, wurde es so dunkel wie in einer Gruft. Einige Gefangene stöhnten verzweifelt, andere fluchten. George Prentice sank zu Boden und weinte leise.

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