Skip to main content

330650

Page 1

Über die Autor: Thomas Weißenborn machte seine ersten geistlichen Schritte im EC. Er studierte an der Philipps-Universität Marburg, wo er mit einem Thema aus der Ökumene zum Doktor der Theologie promovierte. Neben dem Studium engagierte er sich in dieser Zeit im Christus-Treff Marburg, wo er unter anderem für die Entwicklung und Durchführung von Glaubens- und Jüngerschaftskursen verantwortlich war. 1996/1997 arbeitete er in London in der reformierten Gemeinde Westminster Chapel und der Christian Union mit. Von 1997–1999 machte er Vikariat in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Seit 1999 ist er Dozent am Marburger Bildungs- und Studienzentrum (früher „Marburger Bibelseminar“), dort lehrt er u. a. Systematische Theologie. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-86122-650-5 Alle Rechte vorbehalten © 2003/2011 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Umschlagbilder: Fernando Soares © www.fotolia.de © iStockphoto.com / N. Velichko Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Sven Gerhardt Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Bercker Graphischer Betrieb, Kevelaer www.francke-buch.de

Inhalt „Was du jetzt fühlst ...“ ............................................ 7 Der Heilige Geist – das unbekannte Wesen .............. 9 Von „Schwärmern“ und „Zitterern“ ....................... 11 Ein neues Pfingsten? .............................................. 15 Charismatische Bewegung und „Dritte Welle“ ....... 21 Am Anfang war ... der Geist ................................... 25 Der Heilige Geist gibt Leben .................................. 27 Das Wirken des Heiligen Geistes im Alten Testament .................................................... 29 Jesus und der Heilige Geist .................................... 33 Der Heilige Geist und wir ..................................... 35 „Zweite Erfahrung“, „Geisttaufe“ oder „Erfüllung mit dem Geist“? ............................ 39 Die Frucht des Geistes ........................................... 47 Die Geistesgaben ................................................... 53 Die Erfüllung mit dem Heiligen Geist ................... 59 Ein Einblick in den Garten des Herzens ................. 61 Segnendes Gebet ................................................... 65 Ein Wort zum Schluss ............................................ 71


„Was du jetzt fühlst ...“ Die Lobpreiszeit schleppt sich dahin. Und nicht nur sie, auch das aktuelle Lied geht in die ungezählte Wiederholung. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her und werfe einen Blick auf die Menschen um mich herum. Einige Gesichter schauen verzückt, andere ein bisschen gelangweilt. Ein paar Hände sind in der Luft, andere blättern in Bibeln. Mit geschlossenen Augen zupft der Lobpreisleiter an seiner Gitarre und summt leise die Melodie. Ich schaue auf die Uhr. Schon mehr als fünf Minuten singen wir dasselbe Lied, dessen Text nun wirklich nicht umfangreich ist. Am liebsten würde ich einfach gehen. Aber das kann man ja nicht machen, schließlich ist das ein Gottesdienst. Und dann höre ich von vorn die Worte, leise ins Mikrophon gehaucht: „Was du jetzt fühlst, ist Gott!“ Ein anderer Tag, ein anderer Gottesdienst. Durch einen Zufall bin ich eine Stunde zu früh gekommen. Der Raum ist leer, vorn sind nur ein paar Techniker zugange. Ich setze mich auf eine der Bänke und warte. Und plötzlich kann ich es fast körperlich spüren: Da ist etwas Besonderes in diesem Raum, eine Gegenwart, die man kaum beschreiben kann. Etwas Heiliges. Unnahbar und doch vertraut. Etwas, in dem ich mich geborgen fühle, in dem mir mit einem Mal meine Sorgen und Probleme klein erscheinen. Später im Gottesdienst, im Lobpreis, stehe ich auf. Mit erhobenen Händen singe ich, und mir kommt es vor, als würde vor mir der Himmel offen stehen. Wie Wellen durchschauert es mich. Gott ist da, und er ist groß, anbetungswürdig wie sonst nichts. Am liebsten würde ich auf die Knie fallen, aber 7


die Bänke sind so eng. Und so bleibt es beim innerlichen Gebet, in dem ich Gott mein Leben neu hingebe. Zwei Gottesdienste, zwei Erfahrungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Das eine Mal Langeweile gepaart mit Unbehagen, das andere Mal Ehrfurcht, die von der Gegenwart Gottes ausgeht. Beide Male handelte es sich um Gottesdienste von Gemeinden, die der charismatischen Bewegung zugerechnet werden. Es wurden dieselben Lieder gesungen, auf dieselbe Weise gebetet. Und trotzdem, verschiedenartiger hätten die Erfahrungen kaum sein können. Was war es, dem ich da begegnet bin? Oder sollte ich besser fragen, wer war es? War es nur ein Gefühl, eine Stimmung, das Kribbeln, das man auch bei einer guten Story, einem Film oder im Fußballstadion empfinden kann? Oder war da mehr?

8

Der Heilige Geist – das unbekannte Wesen So oder ähnlich könnte man den Bezug vieler Christen zur dritten Person der Dreieinigkeit beschreiben: Der Heilige Geist – das unbekannte Wesen. Im Glaubensbekenntnis kommt er vor, aber nur mit einem Satz: „Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Dann geht es gleich mit etwas Bekanntem und Vertrautem, mit der Kirche weiter. Kirche und Heiliger Geist, das gehört zwar irgendwie zusammen, sollte es zumindest. Doch manchmal kommt es mir so vor, als ob die Kirche den Geist verdrängen würde. Ich habe Pfingstgottesdienste besucht, in denen nicht einmal vom Heiligen Geist die Rede war, aber viel vom „Geburtstag der Kirche“. Vielleicht ist man sogar stolz darauf, dass man es mit der „Gefühlsduselei“ nicht so hat. Nüchtern und sachlich soll es in der Gemeinde zugehen. Und vor allem kontrolliert und vorhersehbar. Das meine ich nicht böse. Ich bin selbst Theologe und „veranstalte“ Gottesdienste. Ich weiß, wie das ist, wenn man verschiedene Haupt- und Ehrenamtliche koordinieren und dabei noch auf diffuse Erwartungen aus der Gemeinde eingehen muss. So etwas lässt man nicht einfach laufen, um sich am Ende zu blamieren. Dass andere den Heiligen Geist praktisch in den Mittelpunkt ihrer Gottesbeziehung rücken, hilft kaum weiter. Sie reden von der „Taufe im Heiligen Geist“, die jeder Christ haben müsse, und wünschen sich eine neue „Erfüllung mit dem Heiligen Geist“. Mission, Gemeindeaufbau, ja Christsein überhaupt können sie sich ohne den Heiligen Geist und seine Gaben nicht vorstellen. Unbekümmert reden sie so, als ob nur in ih9


ren Gottesdiensten wirklich Anbetung geschehe und als ob nur ihre Form von Christsein der Apostelgeschichte wirklich nahe komme. Es wundert nicht, dass zwischen beiden Gruppen immer wieder massive Konflikte auftreten, vor allem dann, wenn sich beide in einer Gemeinde versammeln. Die einen fühlen sich als „Christen zweiter Klasse“ herabgesetzt und warnen düster vor Spaltungen, die angeblich auf eine „Überbetonung“ des Heiligen Geistes zurückzuführen seien. Die anderen fühlen sich unverstanden und durch den Vorwurf verletzt, vieles von dem, was sie als Heiliger Geist verstehen, sei in Wirklichkeit nur der „Starkult“ um irgendwelche Persönlichkeiten, sei „Gruppendynamik“, „seelisch“ oder gar „dämonisch“. Die meisten Christen befinden sich irgendwo zwischen den Extremen, irgendwo zwischen einer Sehnsucht nach urchristlichen Erfahrungen (was auch immer das ist) und der Angst vor etwas, was so ganz anders zu sein scheint als das, wie sie bisher Gott und die Gemeinde erlebt haben. Sie wünschen sich, Gott in einer Weise zu erleben, wie das anscheinend zur Zeit der ersten Christen üblich gewesen ist, als immer wieder von Heilungen und Wundern berichtet wurde und Fremde im Gottesdienst erkannten: „Gott ist wirklich mitten unter euch!“ (vgl. 1. Kor 14,25) Demgegenüber steht die Angst, sich auf eine Reise zu begeben, von der man nicht weiß, wohin sie einen führen wird. Welchen Mächten werde ich mich öffnen, wenn ich mich auf Zungenrede und Prophetie einlasse? Wohin wird es mich treiben, wenn der Verstand scheinbar eine geringere und das Gefühl eine größere Rolle zugesprochen bekommt? Zu welchem Ziel bin ich unterwegs, wenn ich in die trüben Wasser der Erfahrung eintauche, statt nur beim „nüchternen“ Wort der Schrift zu bleiben? 10

Von „Schwärmern“ und „Zitterern“ So sehr einen viele Fragen rund um den Heiligen Geist beunruhigen, sie haben eins gemeinsam: Keine von ihnen ist wirklich neu. Der Heilige Geist ist ja keine Erfindung der Charismatiker, sondern eine Person der Dreieinigkeit, Gott selbst. Und so wundert es nicht, dass die Kirchengeschichte auch eine Geist-Geschichte ist, in der sich die Menschen immer wieder denselben Herausforderungen stellen mussten. Schon der Apostel Paulus setzte sich in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth mit Christen auseinander, die sich selbst für so geistlich hielten, dass sie auf andere herabsahen. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem die Zungenrede, die von manchen in Korinth als die höchste aller Geistesgaben angesehen wurde (vgl. 1. Kor 12-14). Wenige Jahrzehnte später war es die Prophetie. In der Bewegung rund um einen Mann namens Montanus weissagten sogar Frauen, was bei der männerdominierten Kirche des zweiten Jahrhunderts großen Anstoß erregte. Ähnlich verrufen waren in der Reformationszeit die ungebildeten „Schwärmer“, die sich auf ein „inneres Licht“ statt auf die von den Theologen auszulegende Bibel beriefen. In England waren es die „Quäker“, die ihren Spottnamen „Zitterer“ (von to quake, „zittern“) aufgrund der in ihren Versammlungen auftretenden körperlichen Phänomene bekamen. Nicht alles, was Menschen in der Kirchengeschichte mit dem Heiligen Geist verbanden, war von Gott oder auch nur gut. Auffällig ist jedoch, dass praktisch alle größeren Erweckungsbewegungen mit ungewöhnli11


chen Erfahrungen verbunden waren, von den Aposteln bis hin zu modernen Aufbrüchen zum Beispiel in der „Dritten Welt“. Manch ein Neuanfang im mittelalterlichen Mönchtum geht auf Visionen oder besondere Eingebungen zurück, ebenso nicht wenige der „Glaubenswerke“ des Pietismus. John Wesley berichtet in seinen Tagebüchern von Zuhörern, die bei seinen Predigten umfielen und in unkontrolliertes Schluchzen oder Lachen ausbrachen. Ähnliches erzählt man sich von Jonathan Edwards und dem „Great Awakening“ im Amerika des 18. Jahrhunderts. Besonders „gefühlsduselig“ scheint deswegen keiner der beiden gewesen zu sein. Edwards war ein durch und durch bodenständiger Reformierter, der nicht einmal zur Bekehrung aufrief und seine Predigten mit einer Kerze in der Hand von einem dicht vor die Augen gehaltenen Blatt ablesen musste, weil er so kurzsichtig war. Wesley dagegen versuchte mehrmals, ungewöhnliche Erfahrungen bei seinen Zuhörern zu unterbinden, bis er schließlich resigniert aufgab. Interessant sind allerdings nicht nur die geistlichen Aufbrüche selbst, sondern auch die Reaktionen der übrigen Christen. Zwar gelang es in der Regel, die neuen Bewegungen auf lange Sicht in den kirchlichen Hauptstrom zu integrieren, allerdings neigte man zunächst zu Überreaktionen. Ernteten die Quäker nur Hohn und Spott, wurden die „Schwärmer“ blutig verfolgt. Um gegen den Montanismus besser vorgehen zu können, hätten manche Eiferer sogar am liebsten das Johannesevangelium aus dem Neuen Testament geworfen, weil darin der Beistand des Heiligen Geistes in besonderer Weise verheißen wird (vgl. Joh 16,12-15). Ohne diese Grundlage, so argumentierten sie, wäre den Montanisten und künftigen Geistbewegungen für immer der Boden entzogen. Die übrige Kirche ließ sich 12

zum Glück nicht darauf ein – oder sollte man sagen: weil sie vom Geist Gottes geleitet war? Denn hier wie so oft waren die Motive, weswegen man abweichende Bewegungen ins Abseits drängte, nicht nur geistlicher Natur. Mit ihrer strengen Ethik forderten die Montanisten eine Großkirche heraus, die gerade dabei war, vor den Christenverfolgungen geflohene Bischöfe wieder in ihre Ämter einzusetzen und zögernde Schritte einer Verständigung mit den heidnischen Autoritäten zu gehen. Die „Schwärmer“ der Reformationszeit wollten vor allem die urchristliche Trennung von Staat und Kirche wieder einführen, worin sich die christliche Obrigkeit bedroht sah. Quäker und Wesleys Methodisten schließlich stellten mit ihren Aufbrüchen eine träge gewordene Amtskirche in Frage, die die Mission unter den ärmeren Schichten der Bevölkerung längst aufgegeben hatte.

13


Ein neues Pfingsten? Die „Schwärmer“ haben mit anderen Bewegungen der Kirchengeschichte vor allem eins gemeinsam: Ihre Wirkung war begrenzt, weil sie auf ein bestimmtes Gebiet oder eine Konfession beschränkt blieben. Das änderte sich mit dem 19. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde vor allem in Kreisen des „erweckten“ Christentums, wozu auch die deutsche Gemeinschaftsbewegung gehört, intensiv für ein neues Pfingsten gebetet. Zu einer Zeit, in der die Welt offen war für Mission wie nie zuvor, wurde den Christen umso schmerzhafter bewusst, wie sehr sie sich von denen unterschieden, die einst „das ganze Land aufgewiegelt“ (Apg 17,6) hatten. Die Wende zum 20. Jahrhundert sah dann zwei Geistausgießungen, eine in der Bibelschule in Topeka (Kansas/USA) und wenig später in einer Gemeinde in der Azusa Street in Los Angeles. Beide waren vor allem mit einer Wiederentdeckung der Gabe der Zungenrede verbunden. Und beide lösten eine Bewegung aus, die schließlich alle Konfessionen der Christenheit erfassen sollte. Doch zunächst einmal kam heftiger Gegenwind. Von ihren Mutterkirchen teilweise massiv bekämpft, schlossen sich die Anhänger des „Pfingstgeistes“ letzten Endes in eigenen Gemeinden zusammen und fügten damit der Christenheit eine weitere Konfession hinzu. Es ist übrigens die, die bis heute am schnellsten wächst (sieht man einmal von den konfessionslosen Hauskirchen ab, die sich noch rasanter ausbreiten). Auch hier sind die Reaktionen bezeichnend. Neben der Zungenrede erregte vor allem die Tatsache Anstoß, dass der Pastor der Azusa Street Mission in Los Angeles ein Schwarzer war. William Seymour gelang das für da15


malige Verhältnisse nahezu Unglaubliche: In seiner Gemeinde trafen sich Schwarze und Weiße zum gemeinsamen Gottesdienst – und das unter der Leitung eines schwarzen Pastors! Entsprechend angefeindet wurde er von beiden Seiten, vor allem aber vom weißen kirchlichen Establishment. Ebenso kam es in Deutschland, wohin der „Pfingstgeist“ 1907 gekommen war, zu unschönen Begebenheiten. Im hessischen Großalmerode fanden Versammlungen statt, in denen es infolge einer völlig überforderten Leitung zu chaotischen Zuständen kam. Schließlich musste die Polizei einschreiten, um die Treffen aufzulösen, die zuletzt weite Beachtung in der Lokalpresse gefunden hatten. In der sittenstrengen wilhelminischen Zeit erregten Phänomene wie Umfallen, Zungenrede und „hysterische Laute“ (so ein Augenzeuge) weitaus größeres Aufsehen als heute. Und auch da wurde das Kind wieder mit dem Bade ausgeschüttet. Es kam zu Auseinandersetzungen, die in der „Berliner Erklärung“ von 1909 ihren Höhepunkt fanden. Darin schrieben Vertreter der Gemeinschaftsbewegung unter anderem: „Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten; sie hat viele Erscheinungen mit dem Spiritismus gemein. Es wirken in ihr Dämonen, welche, vom Satan mit List geleitet, Lüge und Wahrheit vermengen, um die Kinder Gottes zu verführen.“ In Bausch und Bogen verdammt wurden damit „hässliche Erscheinungen, wie Hinstürzen, Gesichtszuckungen, Zittern, Schreien, widerliches, lautes Lachen usw.“, wobei dahingestellt sei, „wie viel davon dämonisch, wie viel hysterisch oder seelisch ist – gottgewirkt sind solche Erscheinungen nicht“. Ein solcher Rundumschlag 16

bedient freilich eher die Vorurteile, als dass er einer tiefgehenden Analyse entspringt. Die „Berliner Erklärung“ verwischt denn auch an vielen Punkten die Grenzen, sodass ein fundiertes Urteil schwierig wird. Denn angeblich werde in der Pfingstbewegung „Lüge und Wahrheit“ geschickt vermengt, „um die Kinder Gottes zu verführen“. Die „persönliche Treue und Hingebung einzelner führender Geschwister“ könne daher ebenso wenig als Kriterium für diese Bewegung herhalten wie die „Heilungen, Zungen, Weissagungen usw“. Ja, es sei „natürlich nicht ausgeschlossen, dass in den Versammlungen die Verkündigung des Wortes Gottes durch die demselben innewohnende Kraft Früchte bringt. Unerfahrene Geschwister lassen sich durch solche Segnungen des Wortes Gottes täuschen. Diese ändern aber an dem Lügen-Charakter der ganzen Bewegung nichts“. Damit wird freilich ein abwägendes Urteil unmöglich. Wie soll man eine Bewegung beurteilen, deren führende Persönlichkeiten hingebungsvolle Christen sind und in der es zu Heilungen und zu Segnungen durch das Wort Gottes kommt? Wenn diese Bewegung trotzdem als „von unten“ abgetan wird, ja wenn sogar behauptet wird, „in vielen Fällen“ hätten sich „die sogenannten ‚Geistbegabten‘ nachträglich als besessen erwiesen“, dann wird bloße Angstmache betrieben. Als einzig gültige Kriterien für die Beurteilung einer Bewegung bleiben damit Phänomene wie Umfallen und Ähnliches. Wer auf etwas anderes schaut, gilt als „unerfahren“. Und der Rest hat Angst, dass sich ein hingegebener Prediger des Wortes Gottes, dessen Dienst erkennbare Früchte zeigt, im Nachhinein als „besessen“ erweisen könnte, weil er in Zungen redet. Die „Berliner Erklärung“ hat niemals einen „offiziellen“ Charakter gehabt und wird von vielen nicht als abschließendes Urteil über die Pfingstbewegung angese17


hen, allerdings sind ihre Nachwirkungen unübersehbar. Ein tiefer Graben trennte in der Folgezeit die beiden Zweige des erweckten Christentums in Deutschland. Auf der einen Seite entstanden Pfingstgemeinden, auf der anderen Seite schotteten Angehörige des Pietismus ihre Gemeinden umso stärker vor dem „Pfingstgeist“ ab. Die nächsten beiden „Wellen“ des Heiligen Geistes erreichten Deutschland deshalb um einiges später, als dies in den Ländern der Fall war, wo man diesen Phänomenen unbefangener gegenübersteht. Das ist übrigens eine Wirkung der Trennung, die man nicht unterschätzen sollte. Auch wenn es gern so dargestellt wird, als habe sich eine Gruppe von der anderen „abgespalten“, eine Trennung lässt beide Seiten nicht unberührt. Und wenn ich immer wieder Angst vor „Gefühlsduselei“ mache, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn meine Gemeindeveranstaltungen entsprechend werden. Gefühle wird es trotzdem geben (wir leben keine Sekunde ohne etwas zu fühlen), aber andere. Der laute Jubel, das erregte Tanzen, die Freude, all das weicht weniger angenehmen Emotionen. Es ist, wie wenn man immer die Fenster geschlossen hält, weil man Angst hat, von draußen könnte ein schlechter Geruch in die Wohnung dringen. Und das ist nur die eine Seite. Fragen Sie meine Frau, ich bin wirklich ein nüchterner Mensch, rational, analytisch, verstandesbetont. Aber ich weiß, dass das nicht alles ist. Wenn mein Christsein nur in diesen Bereichen zu Hause wäre, wären mein Glauben und mein Leben um vieles ärmer. Deshalb sollten wir uns nicht wundern, wenn Menschen im Alltag so wenig mit Gott zu tun haben. Vielleicht liegt das daran, dass wir die Dinge, die im Alltag so wichtig sind, in unseren Gemeinden nicht ansprechen. Intuition, Bauchentscheidungen, „blindes“ Vertrauen, Eingebungen, unerklärbare Über18

zeugungen, all das bestimmt mein Leben mindestens genauso wie rationales Denken und die Abwägung von Vernunftüberlegungen. Und auch in diesem Bereich muss Gott erfahrbar sein. Das geht aber nur, wenn man so etwas innerhalb der Gemeinde „übt“.

19


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
330650 by Fontis-Shop - Issuu