Prolog: Die Stille Tödliche Stille hing schwer in der Luft; überall Schweigen, dass man erschrak ... Thomas D’Arcy McGee Irland, 6. Januar 1839 An jenem Tag blickten viele in Irland mit bangem Stirnrunzeln gen Himmel – beinah so, als erwarteten sie, ein Zeichen zu erblicken oder womöglich einen Hinweis auf irgendeine unnatürlich-düstere Macht, die hinter den Wolken lauerte. Die warme Stille des winterlichen Tages hatte etwas Zermürbendes, so willkommen das Ende der bitteren Kälte auch sein mochte. Der Epiphaniassonntag war über einer stillen weißen Welt heraufgedämmert; das dichte Schneetreiben der vergangenen Nacht hatte alles zugedeckt. Als es Nachmittag wurde, war das Thermometer so hoch gestiegen wie seit Menschengedenken zu dieser Jahreszeit noch nicht. In Hemdsärmeln standen die Männer an den Weggabelungen und ergingen sich in Erörterungen über die Kapriolen des Wetters und darüber, ob diese Absonderlichkeit etwas ankündige und wenn ja, was. Den Frauen auf der Insel blieb landauf, landab keine Zeit, sich derlei Spekulationen hinzugeben. Den ganzen Nachmittag hindurch hatten sie alle Hände voll zu tun, um mit dem Wenigen, was ihre Geldbörsen hergaben, irgendwie eine festlich gedeckte Tafel zu zaubern. Stundenlang geschürte Backofenglut hüllte die Katen in Rauch, und je weiter die Uhrzeiger vorrückten, 7
umso zappeliger wurden die Kinder vor Vorfreude auf den Abend. Doch wen wunderte es, wenn ganze Dörfer vor Erregung zu vibrieren schienen, zumal festliche Tage im ländlichen Irland allzu selten waren. In letzter Zeit war man weit mehr an Totenklagen gewöhnt als an die beschwingten Klänge eines Tanzvergnügens. So kam es, dass man an diesem Tage selbst in den entlegensten und zurückgebliebensten Grafschaften jeden Augenblick der Wärme wie ein Geschenk empfand, wie eine Stundung der winterlichen Düsternis und des allseitigen Schreckens, der Irland schon lange in seinem Klammergriff hielt. Der heutige Abend würde den Familien, die sich glücklich schätzen konnten, noch ein Dach überm Kopf zu besitzen, ein paar Stunden des Zusammenseins rund ums Herdfeuer gewähren, in denen sie sich der Gaben eines gedeckten Tisches erfreuen würden, Gaben, deren Knappheit sie umso kostbarer machte. Für einen Abend wenigstens würden die irischen Männer ihre Sorgen über steigende Pachten und die erschreckenden Berichte von Zwangsräumungen vergessen, während ihre Frauen bei dem Versuch, auch ihre Ängste zu verdrängen, tapfer lächelten und sich in helle Gewänder kleideten. Gelächter würde erschallen, man würde Lieder singen und Gott um seine Bewahrung bitten; und das Herzstück von allem würde die Musik sein: eine Musik voller Tiefe und Lebenswillen, erwachsen aus Jahrhunderten der Sorgen und der Sehnsucht nach Freiheit. Musik, die dem Wunsch Ausdruck verlieh, endlich hoffen zu können. Indessen gab es einige, deren Hoffnung sich weder auf die fröhlichen Feierlichkeiten des bevorstehenden Abends gründete noch auf den Boden des uralten Landes ihrer Geburt, ja, noch nicht einmal auf den Gott ihrer Väter oder den Glauben, der ihre Familien seit 8
Generationen am Leben erhalten hatte. Ihre Hoffnung klammerte sich an einen einzigen Gedanken: Flucht! Diese Leute gehörten nicht unbedingt zu denen, die unentwegt davon redeten, die „arme alte Insel“ endlich hinter sich zu lassen. Es war nicht so, dass der Gedanke sie bedrückte, Haus und Hof, ja das Vaterland im Stich zu lassen und sich auf die beschwerliche Reise übers Meer machen zu müssen, um ein besseres Leben zu finden. Sie hatten gar kein Zuhause mehr oder waren tagtäglich von der Zwangsräumung bedroht. Zum Erschauern brachten sie eher die beißende Kälte des Winters und der Hunger als irgendwelche Ängste vor der Überfahrt über den weiten Atlantik. Diese Menschen hofften auf die Möglichkeit zur Flucht. Für viele von ihnen gab es keine andere Hoffnung mehr.
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1. Terese Voll Spuk ist die Luft des Zwielichts: fremd und still. Lieber ist meiner Seele der sanfte Hauch der Dämmerung. Eva Gore-Booth Inishmore (Aran-Inseln, vor der Westküste Irlands) Terese Sheridan stand in dem tiefen Schatten von Dun Aengus und sah zu, wie sich die Nacht über den Ozean senkte. Es war ein warmer, ein geradezu unnatürlich warmer Tag gewesen, die Luft so stickig, dass die Flamme eines Talglichts nicht einmal flackerte. Inzwischen aber war eine leichte Brise aufgesprungen, die die Felsen umspielte. In der Ferne flammte hier und da ein Blitz auf und erhellte den Himmel. Die gewaltige steinerne Festung, die über ihr aufragte, hatte schon immer an ihrem Platz gestanden – längst vor der Ankunft Patricks, wenn man den Dorfältesten Glauben schenken durfte. Die gewaltigen Ringmauern mit ihren einst nach Tausenden zählenden Zinnen, hinter denen man sich in grauer Vorzeit verschanzte, um Angreifer zurückzuwerfen, ließen die Burg über Inishmore und seinen Bewohnern erscheinen wie ein kolossales, ehrfurchtgebietendes Urtier, das der See entstiegen und in endlosen Jahrhunderten der Wacht zu Stein erstarrt war. In ihrer irgendwie schwerelosen Riesenhaftigkeit war die Burganlage für Terese nicht bloß zum Wächter über die ganze Insel, sondern auch zu einer Art 10
persönlichem Hüter geworden. Neben Dun Aengus gab es nichts in ihrem Leben, was sich als wirklich beständig erwiesen hatte. Heute Abend jedoch nahm sie Abschied von der alten Burg. Sie war aus der Kate ihrer Tante hinten im Dorf ins Freie getreten, um der Burg und Inishmore Lebewohl zu sagen. Noch vor der ersten Morgendämmerung würde sie nicht mehr hier sein. Monatelang hatte sie mit ihrer besten Freundin, Peggy O’Grady, ihre Abreise von der Insel geplant. Doch sosehr sie auch den Tag herbeigesehnt hatte, der sie von hier wegbringen würde, ganz frei machen konnte Terese sich nicht von dem schwermütigen Gefühl, das sie schon den letzten Abend empfunden hatte. Oft hatte sie Abschied nehmen müssen, zu oft; und mochte sie auch an diesem Ort Bitterkeit und Sorgen durchlebt haben, so ließ sie hier doch Erinnerungen zurück, Spuren ihres Lebens und der Familie, die sie verloren hatte, Spuren – viel zu selten von Liebe und Wärme. Mit siebzehn Jahren war Terese die Einzige aus ihrer Familie, die noch auf dieser Seite des Atlantiks lebte. Mehr als sechs Jahre war es her, dass ihr Vater wie auch ihr Bruder Cavan die Überfahrt nach Amerika angetreten hatten. Zurückgelassen hatten sie nichts weiter als das Versprechen, binnen eines Jahres Geld zu schicken, damit der Rest der Familie nachkommen konnte. Es hatte sich erwiesen, dass die Straßen Amerikas keineswegs, wie man hatte erzählen hören, mit Gold gepflastert waren, sondern mit Pferdeäpfeln. Aus den Stellungen, von deren Lohn man die Passagegebühren für die Familie – wenn nicht sogar ein eigenes Haus in der Neuen Welt – hätte bezahlen können, war nie etwas geworden. Ihr Vater war verstorben, nachdem er noch nicht einmal ein Jahr aus Irland fort war, und Cavan hatte sich schließlich in einem Land namens 11
Pennsylvanien wiedergefunden, wo er mit ihrem Onkel Tibbot und dessen Söhnen unter der Erde nach Kohle grub. Binnen Jahresfrist nach der Auswanderung von Vater und Bruder hatten Terese und die übrigen Angehörigen den Pachtzins nicht mehr aufbringen können, und man hatte sie von Haus und Hof vertrieben. Nachdem sie den größten Teil des Winters in einer Höhle auf den Klippen der Küste hatten hausen müssen, waren sowohl die kleine Mada als auch Tereses ältere Schwester, Honor, an Kälte und Lungenentzündung gestorben. Danach hatte es keine Woche gedauert, bis auch ihre Mutter tot dalag und Terese, damals noch nicht ganz zwölf Jahre alt, allein zurückließ. Bis auf die Knochen durchgefroren und halbtot vor Hunger hatte sich Terese aufgemacht, um ihre Tante Una um Unterschlupf zu bitten, die in Field of the Horses lebte, einem verschlafenen Nest nicht weit hinter der Küste. Als sie zum ersten Mal anklopfte, hatte ihre Tante ihr die kalte Schulter gezeigt und gefragt: „Wie soll ich es denn bitteschön fertigkriegen, noch einen weiteren Esser sattzubekommen? Ich habe weder Platz noch Essen übrig. Du bist doch jetzt ‘n feines, großes Mädchen. Du wirst keine Mühe haben, von deiner eigenen Arbeit zu leben.“ Es hatte aber auf der hungernden Insel keine Arbeit für sie gegeben. Verzweifelter denn je hatte Terese schließlich ihren Stolz überwunden und ein zweites Mal Tante Una aufgesucht. Und jetzt, sei es aus Schuldgefühlen oder plötzlich wieder zum Leben erwachten Familienbindungen hatte ihre Tante der Nichte einen stinkenden Strohsack in der Ecke zugewiesen, wo manchmal das Schwein lagerte, und einen beengten Sitzplatz am Tisch inmitten ihrer fünf Vettern und Cousinen. 12
Seitdem war kein einziger Tag vergangen, an dem die Tante Terese nicht daran erinnerte, welch eine Last sie ihr war und wie unendlich glücklich sie sich schätzen konnte, dass sie, Tante Una, aus christlichem Hause stammte und sich deshalb willens zeigte, ihr unter derartigen Opfern Obdach zu bieten. Andererseits hatte es in den Jahren, die folgten, ebenso wenig einen Tag gegeben, an dem Terese nicht vor Genugtuung erglühte, während sie das Geld zählte, das Cavan endlich zu schicken begonnen hatte und das sie in der Absicht, genug zu sparen, um Inishmore und der „christlichen Nächstenliebe“ ihrer Tante den Rücken zu kehren, sorgfältig verbarg. Mitunter, wenn die Einsamkeit am allerschlimmsten war, hatte sie sich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, sie wäre in der Höhle umgekommen wie ihre Mutter und ihre Schwestern. Doch jedes Mal schaffte sie es, sich vor der Versuchung des Selbstmitleids in acht zu nehmen in der Hoffnung, dass eine bessere Zukunft ihrer harrte – eine Zukunft dort drüben, jenseits des Atlantiks. Tatsächlich war es diese Hoffnung, die Terese buchstäblich am Leben hielt, diese verzweifelte Hoffnung, in der sie einem Tag entgegensah, an dem sie endlich der erbärmlichen Armut ihres Daseins den Rücken kehren und jene bessere Zukunft sehen würde. Jetzt war dieser Tag gekommen. Morgen um diese Zeit würden sie und Peggy schon in Galway sein. Terese hatte es geschafft, von dem Geld, das Cavan ihr im Laufe der Jahre geschickt hatte, und ihrem Verdienst in der Küche von Corcoran’s Inn jeweils fast doppelt so viel beiseitezulegen, wie sie gewöhnlich ihrer Tante für Kost und Logis aushändigte. Nun hatte sie genug für die Überfahrt nach Amerika beisammen – genug für ein neues Leben. 13
Plötzlich, so als wäre die Hoffnung höchstselbst vom Himmel her auf sie herabgekommen und hätte sie auf den Schwingen des Windes davongetragen, wich die melancholische Stimmung von ihr, die ihr den ganzen Abend zu schaffen gemacht hatte. Terese fühlte sich irgendwie erleichtert, ja erlöst, so dass sie ihre zum Greifen nahe Freiheit am liebsten über die ganze Insel hinausgeschrien hätte. In diesem Moment heulte eine jähe Windbö über die Küste hinweg, gefolgt von krachendem Donner und einem atemberaubend grellen Blitz. Augenblicklich wurde die Luft kühl, und Terese wünschte, sie hätte ihren Mantel übergezogen und nicht bloß den dünnen Pullover ihrer Cousine Nancy. Sie wurde gewahr, dass es schon spät war, wahrscheinlich schon nach acht, und nach einem letzten Blick auf die steinerne Festung wandte sie sich ab und machte sich auf den Rückweg ins Dorf. Ohne Vorwarnung traf sie ein weiterer Windstoß, noch stärker diesmal und klagend wie eine Todesfee, als er über die tückischen Gemäuer der Festung hinfuhr. Terese blickte zum Himmel, dessen tintenblaue Färbung schwere Regenwolken erkennen ließ, und drehte sich dann noch mal zur Küste um, wo die Flut jetzt höher auflief. Draußen vor den Klippen bildeten sich immer mächtigere Brecher und rollten tosend auf das Land zu. Ein Sturm kam unglaublich rasch auf. Der Wind peitschte gegen ihr Gesicht und ihre Schultern. Als sie sich wieder umdrehte, um nach Hause zu rennen, schlang sie zum Schutz gegen die Kälte die Arme um sich.
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2. Brady „Ich bin von Irland ...“ W. B. Yeats Galway, Westirland Brady Kane hatte einen langen Tag in der Stadt Galway hinter sich, als er das Viertel betrat, das man Claddagh nannte. Er hatte von diesem Ort gelesen und hatte Jack im Lauf der Jahre öfters davon reden hören, doch das hatte ihn nicht auf die Fremdartigkeit vorbereitet, die dieses Fleckchen Erde ausstrahlte. Es kam ihm vor, als sei er in eine andere Welt, ein anderes Zeitalter versetzt. In diesem südlichsten Bezirk der Stadt, nahe der Einfahrt zum Hafen, lebte eine Kolonie von Fischerfamilien, über die Zeit und Welt hinweggegangen zu sein schienen. Alles, was man von dem Viertel selbst und seinen Bewohnern wahrnahm, schien einer vergangenen Epoche anzugehören. Gewundene Gassen und Plätze, an denen strohgedeckte Hütten standen, die originelle farbenfrohe Kleidung der Einwohner, ihre Sprache – heute hatte Brady mehr Irisch gehört als während des ganzen Monats, den er in Dublin zugebracht –: alles vermittelte ihm das Gefühl, mit einem Volk und einer Kultur zu tun zu haben, die jahrhundertelang keine Veränderung erfahren hatten. Er hielt inne und blickte über die Bucht. Nur wenige kleine Boote waren im Wasser zu sehen, die meisten von jener primitiven Bauart, die die Einheimischen Curragh nannten. Der größte Teil des Hafens war verwaist. 15
Die kühle Brise, die plötzlich vom Wasser her aufkam, tat gut. Bis vor einer Stunde war der Tag verblüffend mild gewesen, doch jetzt frischte es auf, schon zeigten sich Schaumkronen auf den Wellen. Brady war das gerade recht. Er war auf seiner ersten Reise nach Irland und hatte lange mit Jack darum ringen müssen. Brady war sich nicht sicher, warum sein Bruder die Idee so steif und fest ablehnte, aber er hatte so seinen Verdacht. Jedenfalls glaubte er nicht, dass Jacks Widerstand etwas mit den fadenscheinigen Vorwänden zu tun hatte, die er seit Monaten von sich gab: Wir haben viel zu viel Arbeit bei der Zeitung, ich kann auf keinen Fall auf dich verzichten, jedenfalls nicht jetzt ... Vergiss nicht, dass ich demnächst für zwei, drei Wochen nach Boston muss; dann wirst du mich sowohl bei der Zeitung als auch im Verlag zu vertreten haben ... Wir kriegen so viele Manuskripte rein, müssen uns mit Autoren zusammensetzen ... Und dann noch die ganze Arbeit im Komitee ... Am Ende war es das Komitee, das die Sache für Brady zum Guten gewandt hatte. Nach all dem Hin und Her war es ihm gelungen, Jack davon zu überzeugen, dass er viel mehr Erfolg beim Geldsammeln für Irland haben würde, wenn er sich zunächst mit eigenen Augen davon überzeugen könnte, wie es um ihr Heimatland wirklich stand und ob die Berichte, die von dort kamen, übertrieben waren oder nicht. Wie sollte es zugehen, hatte er Jack klargemacht, dass er für das Komitee erfolgreiche Arbeit leistete, solange er nicht aus eigener Anschauung mit Irland und den Iren vertraut war? „Wenn die Umstände dort tatsächlich so unerträglich sind, wie man hört, dann werde ich mit Beweisen in der Hand zurückkommen, die unsere Arbeit voranbringen werden: Skizzen, Zeichnungen und einem 16
umfassenden Bericht über das, was wirklich geschieht. Also los, Jack“, hatte er gedrängt, „ich muss gehen, und das weißt du genau.“ „Du willst gehen – das trifft es wohl eher“, hatte sein Bruder widersprochen. „Du hast selber gesagt, wir sollten ein paar Korrespondenten in Europa haben, Jack. Warum sollte ich nicht den ersten Schritt in diese Richtung gehen?“ Jacks finstere Miene hatte sich etwas aufgehellt, und der lange irische Seufzer, der dann folgte, zeigte Brady an, dass er gewonnen hatte. „Zwei Monate!“, stimmte Jack schließlich zu. „Zwei Monate und nicht einen Tag länger, das schreib dir hinter die Ohren!“ Bradys Verdacht, was den Widerwillen seines Bruders gegen seine irischen Reisepläne betraf, ging dahin, dass Jack womöglich argwöhnte, das Ganze werde damit enden, dass Brady in Irland bleiben würde. Und er musste sich eingestehen, dass sein Bruder einen treffsicheren Instinkt hatte. Das war schon immer so gewesen. Brady war jetzt mehr als vier Wochen unterwegs und dachte äußerst selten an zu Hause. Es stimmte, dass er eine Menge Zeit damit vertrödelt hatte, sich der Faszination hinzugeben, die die Stadt Dublin in ihm auslöste, statt, wie Jack es von ihm erwartete, das ländliche Irland zu erkunden. Die alte Stadt hatte ihn mit ihrem exotischen, zigeunerhaften Charme und ihrer geradezu berauschenden Vielfalt an Bauten und herrlichen Brücken fast vom ersten Moment an in ihren Bann gezogen. Und dann waren da die Frauen, weitaus herrlicher noch als die steinernen Sehenswürdigkeiten ... Oh, die Frauen! Und doch: wenn Brady nicht gerade in dem fieberhaften Versuch, seine nicht zu leugnenden ameri17
kanischen Gewohnheiten abzustreifen, sich ins pralle irische Leben gestürzt hatte, skizzierte und malte er wie ein Irrer, manchmal bis in die Abenddämmerung hinein. Auch hatte er sich vor sich selbst eine Rechtfertigung seiner Vorliebe für Dublin zurechtgelegt: Sie sei ja nun einmal die Hauptstadt des Landes, so dass es nur vernünftig ist, sie gründlich zu erkunden. Jawohl. Endlich jedoch, als er seinen Aufenthalt so lange hingezogen hatte, wie er irgend konnte, ohne den eigentlichen Grund seiner Reise zu sabotieren, war er von Dublin aufgebrochen und hatte den Weg nach Galway eingeschlagen, zur irischen Westküste. Gestern war er in seiner Geburtsstadt angekommen, war aber, nachdem er sich Quartier gesucht hatte, zu müde gewesen, um sich noch umzuschauen. Dafür hatte er heute große Teile der Stadt durchstreift und in den verschiedenen Vierteln einige interessante Skizzen angefertigt, meist von Menschen, die ihrem Tagwerk nachgingen. Mittlerweile frischte der Wind immer mehr auf, und die salzige Gischt brannte ihm im Gesicht. Brady wandte dem Hafen den Rücken zu und sah sich die geduckten, aus roh behauenen Feldsteinen errichteten Häuser an. Viele Fensterläden waren schon zur Nacht verschlossen. Von Zeit zu Zeit kam ein Mann aus einer Tür oder trat in ein Haus; gelegentlich war auch eine Frau zu sehen. Die Männer, jedenfalls die meisten von ihnen, schienen ein wortkarger Menschenschlag zu sein. Düster und verschlossen sahen sie aus in ihren altmodischen Breeches-Hosen und Joppen, zu denen die hellblauen Strümpfe einen eigenartigen Kontrast bildeten. Was die Frauen anbetraf – nun, ein, zwei Schönheiten hatte er schon zu Gesicht bekommen. Barfüßig waren sie gewesen, aber sonst fein herausgeputzt in ihren charakteristischen kurzen Umhängen. Besonders hatten ihm die roten Petticoats gefallen, die 18
ihre nackten Beine umspielten, während sie durch die Gassen eilten. Er streckte sich und sog die salzgesättigte Seeluft ein, gemischt mit dem beißenden Gestank der Fischstände, die längs der Pier aufgereiht waren. Es war ein seltsames Gefühl, an diesem Ort zu stehen in dem Wissen, dass seine Eltern und vielleicht auch Jack sich früher dann und wann unter diesen eigenartigen Menschen bewegt hatten. Vielleicht wohnten in einem dieser kleinen strohgedeckten Häuser sogar Verwandte von ihm. Das war allerdings kaum möglich. Seit er das Claddagh-Viertel betreten hatte, waren ihm nicht mehr viele spanisch aussehende Gesichter begegnet – Gesichter wie sein eigenes und das von Jack, wie man sie in den übrigen Vierteln von Galway häufiger sah. Sein Blick fiel auf einen der alten spanischen Torbögen weiter weg zu seiner Linken und richtete sich dann wieder auf die Behausungen, vor denen er stand. Nein, Brady konnte sich nicht vorstellen, dass es hier viele gemischte Eheschließungen gegeben hatte. Diese Leute hier waren jahrhundertelang unter sich geblieben: eine isolierte, abgeschlossene Kolonie. Immerhin sagte man ihnen sogar nach, sie hätten einen eigenen König, der sie regierte, für die Fischersleute die Hoheit über die Bucht beanspruchte und am Masttopp seines Bootes einen eigenen Stander führte. Außerhalb des Claddagh-Viertels hatte Brady auf Schritt und Tritt gesehen, dass Galway eine Hafenstadt war mit regem Verkehr nach Spanien. Überall gab es „schwarze“ Iren vom Typ seiner eigenen Familie. Mehr als einmal hatte er eine schwarzhaarige, dunkeläugige Schönheit von solch erlesener Gestalt und Anmut erblickt, ein ideales Modell für einen Maler. Seine Mutter hatte, genau wie Jack, rabenschwarzes 19
Haar gehabt, Brady aber hatte sie nicht mehr gekannt, ebenso wenig wie seinen Vater. Sie war verstorben, als sie mit ihm niederkam, und sein Vater hatte sie nicht allzu lange überlebt: Ein nächtlicher Überfall auf einen britischen Wachtposten, offenkundig von einer dieser Geheimgesellschaften gelenkt – der Whiteboys, Thrashers, Ribbonmen und wie sie alle hießen; zahllose derartige Gruppen hatten die Iren im Lauf der Jahre hervorgebracht –, hatte ihm den Galgen eingebracht. Während Brady und seine Schwester Rose heranwuchsen, hatte Jack sein Bestes getan, um das Andenken ihrer Eltern lebendig zu erhalten – mit größerem Erfolg, als ihm selbst bewusst war. Brady hatte jedenfalls ein ganz ungewöhnliches Empfinden der Nähe zu jener jungen Mutter entwickelt, die starb, als sie ihm das Leben schenkte, und zu seinem zum Tode verurteilten Vater, Sean Kane. Jack hatte ihn angewiesen, keine Zeit in Galway zu „vertrödeln“. In der „Stadt der Stämme“, so behauptete er, gebe es sowieso nichts wirklich Interessantes zu entdecken. Für Brady jedoch war es interessant genug, dass hier einst seine Eltern gelebt und gearbeitet hatten – und gestorben waren. Irgendwie waren die beiden schattengleichen Gestalten der Vergangenheit Teil seiner Leidenschaft. Für den Unterschied, der zwischen Jacks Gefühlen für das Land und seinen eigenen bestand, war vielleicht der Umstand verantwortlich, dass Jack seine eigenen Erinnerungen an Irland hatte – schließlich war er fast vierzehn gewesen, als sie auswanderten –, während Brady rein gar nichts mehr davon wusste. Doch jetzt war er hier, und er wollte sich nichts entgehen lassen. Mehrere Male hatte er sich im Laufe des Tages während seiner Wanderungen durch die engen, gewundenen Straßen der Stadt verirrt, bevor er 20
schließlich in Claddagh gelandet war. Es wäre besser, sagte er sich, auf sein Zimmer zurückzukehren, anstatt hier rumzustehen und auf die See hinauszustarren. Der Wind hatte sich inzwischen zu einem veritablen Sturm aufgeschwungen, und es sah sehr danach aus, dass bald ein Wolkenbruch hinzukommen würde. Er klemmte sein Skizzenbuch unter den anderen Arm und machte sich auf den Weg. Kaum war er in eine der schmalen Gassen eingebogen, die vom Hafen wegführten, als ein fröhlich lachendes kleines Mädchen zwischen zwei windschiefen Hütten hervorgeschossen kam. Jeden Augenblick musste es mit ihm zusammenstoßen. „Hey!“, warnte er das Kind und streckte seine freie Hand nach vorn, um es abzufangen. Es war ein winzigkleines Ding, höchstens vier oder fünf Jahre alt, barfuß natürlich, spindeldürr und nicht allzu sauber. Doch in ihren Augen funkelte der Schalk, und als Brady sie anlächelte, lachte sie übers ganze Gesicht. In diesem Moment trat von demselben schlammigen Pfad ein zweites Mädchen auf die Gasse hinaus – oder vielmehr eine junge Frau, wie Brady bei genauerem Hinsehen erkannte. Auch sie trug keine Schuhe, doch umwehte ein strahlend blauer Umhang ihre Gestalt. Ihr Kopftuch war verrutscht und gab eine üppige schwarze Mähne preis. Dem Kind zugewandt, feuerte sie eine ganze Salve unverständlicher Wörter ab, die Brady für eine gälische Schimpfkanonade hielt, bekräftigt durch einen wütenden Zeigefinger, der vor der Nase des Mädchens herumfuchtelte. Erst nach ein, zwei Sekunden nahm sie Brady wahr, und ihre Verärgerung schlug in ängstliche Erregung um. Sie grabschte nach der Hand des kleinen Mädchens, zog es eng an sich und zerrte es die Gasse entlang mit sich fort. 21
Die abrupte Bewegung und der Wind ließen ihr das Kopftuch endgültig wegfliegen. Rasch streckte Brady die Hand aus, griff danach und gab es ihr mit schwungvoller Gebärde zurück. Ihre Augen wurden schmal – wundervolle Augen, riesengroß in ihrem hageren, doch feingezeichneten Gesicht –, aber sie bedankte sich mit einem grummelnden Kopfnicken. In diesem Augenblick fegte eine Windbö von solcher Macht durch die Gasse, dass Brady sich dagegenstemmen musste. Das Kind quiekte, doch offenbar nicht vor Angst: Das merkwürdige kleine Geschöpf lachte schon wieder! Ihre Begleiterin war jedoch nicht im Geringsten belustigt. Ihr Blick wanderte zum Hafen hinab, und als Bradys Augen den ihren folgten, sah er überm Wasser eine Gewitterfront heranziehen und registrierte, dass von der eigenartigen Schwüle des Tages keine Spur mehr zu merken war. Der Wind hatte sie weggeblasen, und zugleich war es erheblich kühler geworden. Auf der Wasserfläche spiegelten sich Blitze, die das Kind begeistert aufjauchzen ließen. Die Ältere hingegen schien das Naturschauspiel gar nicht wahrzunehmen. Ihre feingliedrigen Gesichtszüge waren starr, und ohne dass sie ein Wort sprach, konnte Brady die Spannung spüren, die sich ihrer bemächtigte. Er fragte sich, ob sie wohl die Mutter des kleinen Mädchens war. Aber sie sah selbst noch sehr jung aus und irgendwie eigenartig. Während er noch zum Hafen hinuntersah, bückte sich das ältere Mädchen und nahm die Kleine auf den Arm, obwohl sie für solch eine Last eigentlich viel zu schmächtig war. Merkwürdigerweise passte es Brady überhaupt nicht, dass sie gehen wollte, und er legte ihr eine Hand auf den Arm. „Bitte warten Sie!“ 22
Sie sah auf seine Hand, bevor sie den Blick hob und ihn anschaute. Ihr Blick war so voller Angst, dass Brady regelrecht zusammenzuckte. „Oh, tut mir leid“, sagte er und zog seine Hand zurück. „Aber ich dachte, Sie könnten mir vielleicht den Weg sagen. Sprechen Sie Englisch?“ Das Mädchen machte keinerlei Anstalten zu antworten, sondern starrte Brady an, als wären ihm plötzlich Hörner aus der Stirn gewachsen. „Englisch?“, versuchte er es noch einmal. „Verstehen Sie?“ Von hinten packte ihn ein erneuter Windstoß, so heftig, dass er um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte und gegen sie getaumelt wäre. Das Mädchen erstarrte, und die Urangst, die er in ihren Augen sah, weckte in ihm jähe Panik. Er fuhr herum und sah selbst das wirbelnde Bündel von Blitzen, das über die Bucht raste. Es sah aus, als hätte ein starker Arm vom Himmel her eine ganze Salve feuriger Pfeile abgeschossen. Brady wurde klar, dass dieser Wind etwas weit Tückischeres mit sich brachte als nur einen stürmischen Wolkenbruch.
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