WINFRIED WENTLAND
CHRISTUS FÜR ALLE NATIONEN
MIT STEPHEN BRANSFORD
ugnis, das e Z in e t is s Die d inspiriert un e r e s e L n e d je g , größere Din herausfordert u wagen. für Gott z
Bis heute wurden durch CfaN 406 Großevangelisationen in 392 Städten in 91 Ländern überall auf der Welt mit insgesamt 73.712.467 registrierten Entscheidungskarten für Jesus Christus durchgeführt ... und es geht weiter!
Leben oder Tod
Sein tief verwurzeltes Verlangen, zu erleben, wie Nationen errettet werden, entsprang einer Serie von Visionen, in denen er das Bild eines im Blut Jesu rein gewaschenen Afrikas vor sich sah. Gleichzeitig vernahm er die Stimme des Heiligen Geistes in seinem Herzen, die ihm wieder und wieder die Worte zuflüsterte: „Afrika soll errettet werden!“ Dieses Erlebnis packte ihn so stark, dass er fortan nur noch von dem einen Ziel erfüllt war, ganz Afrika mit der Botschaft des Evangeliums zu durchdringen, „von Kapstadt bis Kairo“.
WINFRIED WENTLAND
Evangelist Reinhard Bonnke ist seit über 40 Jahren von der brennenden Leidenschaft erfüllt, den Kontinent Afrika für Jesus Christus zu gewinnen.
Winfried Wentland ist einer von ihnen. Er berichtet in diesem fesselnden Buch von dramatischen Abenteuern in Afrika: Gefangen auf dem Grund eines reißenden Flusses im Fahrerhaus seines Lkws. Hoffnungslos verirrt mitten in der Sahara. Unterwegs durch malariaverseuchte Sümpfe. Mit vorgehaltener Waffe im Bürgerkrieg festgehalten – von unter Drogeneinfluss stehenden Rebellen, die mit Gefangenen kurzen Prozess machen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der dazu beiträgt, das Angesicht eines ganzen Kontinents zu verändern; eine Geschichte, die auch heute noch nicht zu Ende ist.
Auf
Auf dem „Schwarzen Kontinent“ nehmen Millionen von Menschen in unvergleichlichen Großevangelisationen Jesus Christus als ihren Erlöser an. Bei einigen dieser Kampagnen kamen über eine Million Menschen zusammen. Um all das zu ermöglichen, werden Männer und Frauen mit Beharrlichkeit, Hingabe und Mut gebraucht.
Er hat in Afrika unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet, sein Leben unter den Warlords afrikanischer Bürgerkriege riskiert, mit Malariaerregern verseuchte Dschungel durchquert und unpassierbare Straßen befahren. Sein Vorbild waren die Missionare, die vor ihm kamen, von denen er lernte und die den Weg für jene, die ihnen folgen würden, freigemacht haben.
f u A
n e b e L oder Tod D R A M A T IS C H E AF IM D IE N S T D E R IK A -A B E N T E U E R S E VA N G E L IU MS
VORWORT
978 - 3 - 941124 - 80 - 6 9 ISBN 783941 124806
WINFRIED WENTLAND
REINHARD BONNKE
Nachdem Winfried als junger Mann in der Bundeswehr bewaffnete Panzer fuhr, sind seine Waffen heute die Bibel und die Verheißungen Gottes. „Wini“, wie er von seinen Freunden genannt wird, arbeitet seit über 35 Jahren im Dienst des Evangeliums. Er gehört zu denen, die buchstäblich den Boden vorbereiten und die Bühne errichten, für etwas, was manche als das „größte Evangelisationswunder unserer Tage“ bezeichnen. Es ist eine mitreißende Geschichte über Liebe, Familie, Hingabe und den Willen, beharrlich das Ziel einer göttlichen Berufung zu verfolgen und dranzubleiben. Es ist eine Botschaft an alle, die die Bedeutung von Mission in unserer Zeit verstanden haben. Ein einzigartiges und spannendes Zeugnis von Entschlossenheit, Glauben und der schützenden Hand Gottes.
Auf
n e b Leoder Tod
Originaltitel: “By Life or by Death” von Winfried Wentland mit Stephen Bransford Englische Literaturredaktion: Rob Birkbeck © Christ for all Nations, 2014 Deutsche Übersetzung: Sabine Njock Lektorat: Siglinde Rüppel Satz: Tabitha Hess, CfaN e.V. Projektleitung: Martin Baron Herausgeber: Christus für alle Nationen e.V. Postfach 60 05 74 60335 Frankfurt am Main Germany shop@cfan.eu www.shop.cfan.eu
ISBN: 978-3-941124-80-6 Fotos von verschiedenen Fotografen Fotos der anfänglichen CfaN-Kampagnen: Tony Friedrickson Fotos von CfaN-Kampagnen aus späteren Jahren: Rob Birkbeck und Oleksandr Volyk Umschlaggestaltung und Farbillustrationen: Simon Wentland Alle Rechte vorbehalten. Ausgenommen für kurze Zitate in Kritiken oder Buchbesprechungen ist die Reproduktion, die Speicherung in elektronischen Abfragesystemen, die Weitergabe in jeglicher Form, sei es elektronisch, mechanisch, durch Fotokopie, Aufnahme oder andere Mittel ohne die Genehmigung des Herausgebers oder Autors nicht gestattet. Kontakt zum Autor: w.wentland@neugraben.de
VORWORT Dieses Buch ist ein echter Augenöffner für Pionier-Evangelisation. Die mitreißend geschriebenen Geschichten werden Sie von Anfang bis Ende in ihren Bann ziehen. Ich habe beim Lesen gelacht und geweint und den Herrn gepriesen. Winfried ist nicht nur ein Genie, wenn es um praktische Dinge wie den Transport und den Aufbau der Ausrüstung für eine Evangelisationskampagne geht. Auch sein tiefes Vertrauen auf den Herrn hat ihn auf geniale Weise in so mancher lebensgefährlichen Situation begleitet und umgeben. Mit Gottes Hilfe haben er und seine Frau Gaby diese Situationen jedes Mal überwunden und sind strahlend wie die Sonne aus ihnen hervorgegangen. Für mich sind sie Glaubenshelden, die ich sehr hoch achte und von Herzen liebe und schätze. Das gilt gleichermaßen auch für alle anderen Mitarbeiter von Christus für alle Nationen auf der ganzen Welt. Jeder Einzelne von ihnen ist ein Spezialist auf seinem Gebiet. Jesus hat gesagt: „Wer einen Propheten aufnimmt, der wird den Lohn eines Propheten erhalten.“ Das bedeutet, dass die Menschen im Hintergrund den gleichen Lohn erhalten wie die Menschen, die im Vordergrund stehen. Sie bekommen von diesem Lohn nicht nur „eine Scheibe ab“, sondern werden immer den vollen Lohn erhalten. Wir sind in dieser riesigen Seelenernte bisher zusammengestanden und stehen auch jetzt noch zusammen. Und eines Tages werden wir genauso vor unserem wunderbaren Herrn Jesus stehen, in dessen Namen all diese herrlichen Wunder geschehen sind. Ich empfehle Ihnen dieses Buch wärmstens.
Reinhard Bonnke Gründer von Christus für alle Nationen
INHALTSVERZEICHNIS Kapitel Einleitung
Seite 9
1 EINE SCHÖNE ART ZU STERBEN
13
2 EINE FRAU FÜR DIE REISE
25
3 ERSTE SCHRITTE
33
4 Eine einsame Reise
41
5 Kriegsschauplatz Israel
51
6 In der Bundeswehr-Spezialeinheit
59
7 EINE STRASSE DURCH DIE HÖLLE
67
8 EIN GESTOHLENER KUSS
77
9 AN DER WEGGABELUNG
85
10 BLINDFAHRT
97
11 ZWEI HOCHZEITEN, ZWEI FLITTERWOCHEN
105
12 Start in die Hochzeitsfeiern
113
13 QUER DURCH DIE SAHARA
123
14 IM GERICHTSHOF DER TUAREGS
135
15 NIEDERGESTRECKT
151
16 DIE SANDTAUFE
159
17 DER BANKIER DES HIMMELS
171
18 DER GOLIATH „AFRIKA“
183
19 DER LETZTE FREUND DER SKLAVEREI
195
20 ALLEIN MIT GOTT
213
21 ZELTMEISTER
221
22 DAS ENDE! ODER DER ANFANG?
231
23 NEUE METHODEN FÜR EIN NEUES AFRIKA
241
24 GABY MACHT DEN UNTERSCHIED
251
25 DIE STRASSE DES HEILS
265
26 EIN EVANGELIUM DES TODES
279
27 ABGESCHOBEN
291
28 EIN STROM VON BLUT
307
29 DIE KINDER DES BÖSEN
319
30 DER LETZTE ZAUBERER
345
31 EINE MILLION SEELEN AN EINEM TAG
367
32 Von Neugraben in die ganze Welt
373
Epilog
381
Nachwort
385
EINLEITUNG Seit 35 Jahren dienen meine liebe Frau Gaby und ich schon als Bodentruppen bei der Realisierung einer himmlischen Vision. Diese Vision war nicht unsere eigene. Sie wurde einem deutschen Missionar gegeben, der Reinhard Bonnke heißt und als zehnjähriger Junge die Berufung erhielt, nach Afrika zu gehen. Zu einem späteren Zeitpunkt in seinem Dienst empfing er einen Traum und hörte die Worte „Afrika soll gerettet werden“. Diese Worte veränderten sein Leben und seine Arbeitsweise. Heute, durch die revolutionären Fortschritte im Bereich der Technologie und der Strategie – und natürlich durch die Führung Gottes –, haben wir bereits 73 Millionen Lebensübergaben an Christus registriert. Reinhards Autobiografie „Ein Leben im Feuer“ beschreibt seinen Weg in allen packenden Einzelheiten und erzählt die Geschichte aus der Sicht des Mannes an der Spitze. Meine Geschichte ist die gleiche, doch ich erzähle sie aus der Sicht eines Mannes aus den hinteren Rängen. Ich bin der Mann, der mit anderen zusammen die Ausrüstung und Verpflegung für die seelenrettenden Großveranstaltungen über Tausende Kilometer rauen Geländes transportierte, sie aufbaute, wieder abbaute und von den weit entfernten Versammlungsorten wieder ins Hauptquartier zurückbrachte. Ich war teils Roadie, teils Trucker, und dabei immer auch ein hundertprozentiger Missionar. Jemand musste es tun, und ich bin so froh, dass Gott mich ausgewählt hat. Zurückblickend kann ich sehen, dass wir beide, Gaby und ich, auf einzigartige Weise befähigt waren, einer himmlischen Vision ganz praktisch hier auf der Erde zu dienen. Und so wie uns gibt es noch viele andere. Kein Diener Gottes kann seine Vision umsetzen ohne ein Team, das sich im Hintergrund um die praktischen Dinge kümmert. Diese Arbeit setze ich auch heute noch fort, denn sobald ich dieses Buch geschrieben habe, werde ich wieder einen Ausrüstungs-Transport zu einem weiteren, weit entfernt liegenden Ort in Afrika vorbereiten. 9
Auf Leben oder Tod Der Weg ist länger gewesen, als Sie sich vorstellen können, und er war voller Gefahren. Einige meiner Kollegen haben dabei sogar ihr Leben verloren. Über die Jahre habe ich Reinhard und anderen Mitarbeitern des Dienstes immer wieder sowohl unterhaltende als auch haarsträubende Geschichten von unseren Erlebnissen auf der Straße erzählt. Sie haben sie aufgenommen und niedergeschrieben und seit vielen Jahren immer wieder angeregt, dass ich ein Buch darüber schreiben soll. Letztendlich haben sie mich überzeugen können, und mit der Hilfe des Schriftstellers Stephen Bransford, der selbst Erfahrungen auf den Straßen im Hinterland Afrikas gemacht hat, habe ich die Geschichten zusammengestellt. Stephen hat zunächst die Geschichten von Audiotapes, Transkriptionen und Manuskripten anderer gesammelt, die schon zuvor versucht hatten, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Dann besuchte er uns in unserem Heim in Hamburg-Neugraben, um seine eigenen Interviews zu führen. Zu diesem Zeitpunkt war er zu der Überzeugung gelangt, dass ich die abenteuerliche Geschichte, die meine Frau parallel zu meiner erlebt hatte, auch mit aufschreiben sollte. Nachdem wir damit einverstanden waren, begann er mit eigenen Recherchen über das Leben in Afrika, in dessen Kontext sich unsere Erlebnisse abgespielt hatten. Wir hoffen, dass das Endergebnis Sie inspirieren und informieren wird, und dass Sie es auch in jeder Hinsicht genießen werden. Wir möchten unsere Leser auch deutlich darauf hinweisen, dass Afrika nicht nur ein Land ist, sondern aus 54 souveränen Staaten besteht. Unser Weg führte uns durch unbeständige und gefahrvolle Gebiete, weil wir oft keine Wahl hatten und viele Grenzen überqueren mussten, um an unser Ziel zu gelangen. Während wir von einem Land zum anderen fuhren, befanden wir uns oft plötzlich inmitten von Situationen schrecklicher Gewalt.
10
An vielen Orten in Afrika sind außerordentliche Veränderung und Fortschritt sichtbar. Mehrere Länder, in denen extreme Armut herrschte, als wir 1980 dort ankamen, gehören heute zu denen, die wirtschaftlich den größten Fortschritt zu verbuchen haben. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. An anderen Orten, wo blutige Bürgerkriege ausgetragen wurden, gibt es heute Frieden und eine stabile Regierung.
Einleitung Natürlich sind auch neue Bürgerkriege ausgebrochen, doch auch diese werden mit der Zeit aufhören. Gaby und ich empfinden eine große Liebe zu Afrika und seinen Bewohnern. Die Einwohnerzahl beträgt aktuell 1,1 Milliarden, was 15 % der Weltbevölkerung entspricht, eine bunte Sammlung verschiedenartigster Menschen, die auf der zweitgrößten Landmasse unseres Globus zuhause sind. Wir freuen uns schon auf viele weitere Jahre in diesem Dienst, in denen wir noch viele weitere Grenzen überqueren werden. Aus diesem Grund habe ich beim Erzählen dieser Geschichten von der Straße einige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. In einigen Fällen wurden die Namen verändert und die genauen Orte nicht genannt, um die Würde der darin vorkommenden Personen zu schützen. Es kommt auch vor, dass ich fiktive Personen benutze, um von einer wahren Begebenheit zu berichten, damit die wirklichen Personen, ob lebend oder verstorben, nicht dadurch diffamiert werden. Ich möchte auch hinzufügen, dass die Erinnerung keine exakte Wissenschaft ist. Als ich diese Geschichten erzählte, merkte ich, dass viele darin Beteiligte, u. a. auch meine Frau, sich anders daran erinnern. Ich erzähle diese Geschichte aus meiner Sicht. Die Dinge, an die ich mich erinnere, und die Einzelheiten, die ich beschreibe, wurden aufgeschrieben, um den Leser an meiner Erfahrung teilhaben zu lassen, um sie quasi miterleben zu können. Dort, wo ich Dinge ausgelassen habe, die andere erwähnt hätten, oder wo ich über Details berichte, die andere ausgelassen hätten, bitte ich um Entschuldigung. Mit diesem Buch möchte ich die Leser inspirieren, auf den Ruf des Herrn für ihr Leben zu hören, diesem Ruf ohne Zögern zu gehorchen, ein erfülltes, freudiges und überfließendes Leben zu führen und am Ende mit einem Lächeln auf den Lippen zu sterben, das von der Geborgenheit in Seinen ewigen Armen Zeugnis ablegt.
Winfried Wentland März 2014
11
Kapitel 1
EINE SCHÖNE ART ZU STERBEN Wir hopsten so heftig auf und ab, dass wir wohl abgehoben hätten, wenn wir nicht angeschnallt gewesen wären. Mein Begleiter Boafo duckte sich, um mit dem Kopf nicht an den Autohimmel über dem Beifahrersitz zu stoßen. Er grinste zu mir herüber und schüttelte seinen Kopf, wobei die Schweißtropfen von seiner tiefschwarzen Stirn flogen. „Irgendwann werden sie hier eine richtige Straße bauen, Boss, das verspreche ich.“ „Was?! Und uns den Spaß verderben?“ Er konnte gar nicht wissen, wie ernst ich es damit meinte. Ich hatte den schnurgeraden, glatten deutschen Autobahnen, auf denen man in VWs und Mercedes Benz bester Qualität mit Höchstgeschwindigkeit entlangrasen konnte, den Rücken gekehrt, um stattdessen in den Genuss zu kommen, auf genau diese Weise im Kriechtempo durch ganz Afrika zu fahren: von einem Straßenhindernis zum nächsten. Für nichts auf der Welt hätte ich dieses Erlebnis missen wollen. Unser plötzlicher „Hopser“ war nicht durch erhöhte Geschwindigkeit verursacht worden. Ich fuhr so vorsichtig wie immer, wenn ich die 13
Auf Leben oder Tod kostbare Last von Christus für alle Nationen (CfaN) für Evangelist Reinhard Bonnke transportierte. Der plötzliche Ruck kam daher, dass die Vorderräder des riesigen Iveco-Trucks in ein durch die Trockenzeit gebildetes Schlagloch gefahren waren, das ich nicht gesehen hatte. Das Loch hatte sich in der Tiefe einer enormen Spurrille geformt, deren in der Tat vier Meter hohe Wände uns auf beiden Seiten umgaben. Es war unmöglich, die Gefahrenstelle zu umfahren, denn wir fuhren auf einer einspurigen, unbefestigten Piste mitten durch den Dschungel. Die Druckluftbremsen zischten, als ich den Truck zum Stillstand brachte. Unser Kassettenrekorder hatte die Fahrerkabine mit Lobpreismusik erfüllt. Ich schaltete ihn aus, um mich darauf zu konzentrieren, was als Nächstes zu tun war. An jenem sonnigen Tag im Jahr 1990 waren wir auf dem Weg von Mamfe nach Ikom, in der Nähe der Grenze zwischen Kamerun und Nigeria. In diesem Dschungelgebiet konnten sich bei einem tropischen Regenguss äußerst tiefe Spurrillen formen, wenn Lastwagen und Pkws in einem bodenlosen Morast steckenblieben. Die durchdrehenden Reifen der aufeinander folgenden Fahrzeuge gruben das Schlammloch immer tiefer. Gestrandete Autos und Lastwagen waren gezwungen, stundenlang, manchmal sogar tagelang zu warten, weil sie hoffnungslos im Schlamm feststeckten, bis ein anderes Fahrzeug vorbeikam, das genügend Motorleistung, Bodenhaftung, und ein Abschleppkabel hatte, um sie herauszuziehen. Aus diesem Grund hatte ich vorne an meinem Truck eine große MotorWinde angebaut. Sie war mit einer langen Kabelspule ausgestattet, mit deren Hilfe wir uns in den vergangenen Jahren schon Dutzende Male aus verfahrenen Situationen befreien konnten. In der Trockenzeit, die von Oktober bis Februar dauert, verwandeln sich diese tiefen Spurrillen im afrikanischen Regenwald durch die Hitze in Fahrrinnen, die wie zementiert wirken, und in so einer befanden wir uns an diesem herrlichen Tag. Der unerwartete Ruck, den wir gespürt hatten, war im Grunde noch ein Segen, verglichen mit den 14
EINE SCHÖNE ART ZU STERBEN Widrigkeiten, die ein Befahren dieser Straße während der Regenzeit mit sich gebracht hätte. „Gott sei Dank, dass es Februar ist, nicht wahr Boafo?“ „Wir danken Gott, Boss. Und wir danken Bonnke, dass er nur in der Trockenzeit predigt.“ „Das ist in der Tat eine Lektion, die ich am eigenen Leib vor vielen Jahren gelernt habe.“ Ich reichte zum Armaturenbrett herüber und betätigte einen Antriebshebel. Elektronisch gesteuerte Schaltungen unter der Kabine gaben einen Seufzer von sich, als sich die drei zusätzlichen Achsen per Druckluft an den Antrieb anschlossen. Ich fühlte, wie die unteren Gänge mit einem dumpfen Geräusch im Getriebe einklinkten. Unter heftigem Rütteln brachte der Turbodieselmotor unseren Sechs-Rad-Antrieb dann mit voller Kraft auf eine hohe Drehzahl, sodass sich der Lkw mit höchster Kraft und mit viel Bedacht langsam vorwärtsbewegte. Mit Hilfe der Rückspiegel beobachtete ich, wie jede einzelne Achse unseres Tandem-Anhängers in das Schlagloch hinter uns fiel. Nur ein kleiner Druck auf das Gaspedal war nötig, um jede Achse wieder herauszubringen und uns langsam vorwärtszubewegen. Die gesamten 70 Tonnen an Ausrüstung für die Großevangelisation von Reinhard Bonnke (Podium, Beleuchtungstürme, Stromaggregate und hochkomplizierte Beschallungselektronik) wurden auf diese Weise unbeschädigt über die Gefahrenstelle gebracht. Ich schaltete das Getriebe wieder hoch und nahm unsere normale Fahrtgeschwindigkeit von 50 km/h wieder auf. Ich lächelte in mich hinein über dieses erfolgreich ausgeführte Manöver. Genau das war meine Berufung, das war mein Dienst. Nennen Sie mich einen Trucker für Jesus. Genauer gesagt, sollte man mich einen Trucker für Jesus auf afrikanischen Straßen nennen. Ich liebe es, ich lebe es, ich atme es, und nichts vermittelt mir mehr ein 15
Auf Leben oder Tod Gefühl der Zufriedenheit, als diese kostbare Ladung zu transportieren, die dazu beiträgt, dass Millionen Menschen von der erlösenden Liebe Jesu Christi erfahren. Doch wie überall gibt es Feinde und Hindernisse, die auf dem Weg zur Erlösung überwunden werden müssen. Zum Beispiel hatten Boafo und ich direkt am Tag davor die Stadt Bamenda verlassen. Die CfaN-Kampagne in dieser Stadt war großartig gewesen, allerdings auch herausfordernd. Als wir dabei waren, das Podium vor der Mauer des städtischen Fußballstadions aufzubauen, hatten wir Gerüchte gehört, dass wir in dieser Stadt mit 250.000 Einwohnern nicht willkommen wären. Einige Gruppierungen vor Ort hatten sich geschworen, Bonnke zu vertreiben. Am ersten Abend kamen 30.000 Menschen auf das Gelände. Während Reinhard predigte, sah ich einen Stein über die Mauer fliegen und in der Menschenmenge landen. Das war das Startsignal für einen ganzen Mob, hunderte große Steine über die Mauer zu werfen. Pastoren aus Bamenda eilten zur Mitte des Podiums und benutzten ihre aufgespannten Regenschirme, um Evangelist Bonnke gegen diesen Angriff abzuschirmen. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, rief er wiederholt ins Mikrofon, während die Steine weiter fielen. Viele der Besucher wurden ernstlich verletzt, fielen blutend zu Boden und riefen um Hilfe. Nach etwa 20 Minuten kam die Polizei und jagte den Mob davon. Krankenwagen, Taxis und private Pkws wurden herbeigerufen, um die Verletzten in umliegende Krankenhäuser zu bringen. An diesem Tag schien das Chaos den Sieg davongetragen zu haben. Ich betrachtete das schicke neue Führerhaus unseres Iveco-Trucks, das wir erst vor Kurzem erneuert hatten. Zu meiner Bestürzung sah ich, dass es jetzt aussah, als wäre es einem heftigen Hagelsturm zum Opfer gefallen. Die Oberfläche war von Dutzenden direkter Einschläge verbeult. Von nun an würde ich jedes Mal, wenn ich meinen Lkw ansah, an Bamenda denken. 16
EINE SCHÖNE ART ZU STERBEN Reinhard und die Pastoren des Ortes kauerten gemeinsam auf dem Podium. Sie beteten und berieten sich. Sie kamen überein, die Veranstaltung auch im Angesicht dieses Widerstands fortzusetzen. Die Verantwortlichen vor Ort würden einen verstärkten Polizeischutz auf der anderen Seite der Mauer anfordern. „Da habe ich eine harte Lektion gelernt“, sagte ich zu Boafo. „Ich werde das Podium nie wieder direkt vor einer Mauer aufbauen.“ Er nickte: „Sie gab den Feinden Deckung.“ Über die nächsten drei Abende hinweg wurden die Mächte, die sich uns widersetzt hatten, besiegt. Am darauf folgenden Abend wuchs die Menschenmenge auf 50.000. Insgesamt besuchten 195.000 Menschen die vier Abende, an denen gepredigt wurde, und 45.000 Entscheidungen für Christus konnten registriert werden. Eine weitere Mission in Afrika kam zu einem segensreichen Ende. Ich hatte eine 50-köpfige Crew aus den Ortsgemeinden angefordert, um beim Abbau der Anlage und der Verladung in die Container zu helfen. Boafo und ich beaufsichtigten die Arbeiten. Als alles eingeladen war, machten wir uns noch am selben Nachmittag auf den Weg und kampierten am Wegesrand, als es Abend wurde. Wie üblich rollte ich meine Schlafmatte oben auf dem ersten Container aus. Damit vermied ich, dass Ungeziefer über mich krabbeln konnte, was sicherlich der Fall wäre, wenn ich direkt auf dem Erdboden schlafen würde. Boafo dagegen beschloss, im Fahrerhaus auf dem Sitz zu schlafen. An diesem zweiten Tag unserer Reise hofften wir, die Grenze nach Nigeria zu passieren und die folgende Nacht in einem Hotel in Makurdi verbringen zu können. Danach sollten wir, wenn alles gut lief, nach einem langen Tag auf besseren Straßen durch die am stärksten bevölkerten Gebiete Nigerias unser Hauptquartier in der Millionenstadt Lagos erreichen. Während wir auf der Straße von Mamfe nach Ikom entlangrumpelten, stieg die Temperatur auf fast 38°C, bei über 90 Prozent 17
Auf Leben oder Tod Luftfeuchtigkeit. Das war im Februar durchaus normal für die äquatorialen Breitengrade in Afrika, und wir fuhren mit offenen Fenstern. Ein schweißdurchtränktes Hemd kombiniert mit einer tropischen Brise im Innern der Fahrerkabine war eine behelfsmäßige Klimaanlage. Der Luftzug half auch ein wenig, den „Duft des arbeitenden Mannes“ zu vertreiben, der ansonsten überwältigend gewesen wäre. Wir hatten während der gesamten Kampagne in Bamenda in den leeren Containern übernachtet, um unsere Ausrüstung vor den Übergriffen der dortigen Feinde des Evangeliums zu beschützen. Das bedeutete allerdings, dass wir keine Möglichkeit gehabt hatten, ein Bad zu nehmen oder zu duschen. Ich hatte mich vor dem Eröffnungsabend einmal mit einem Schwamm abwaschen können, aber danach schien dies in einer Stadt, wo 99 Prozent der Leute noch nicht einmal jede Woche ein Bad nehmen, nicht viel Sinn zu machen. Wir harmonierten sehr gut mit dem Rest der Bevölkerung. Die Abbauarbeiten der Anlage nach einer Veranstaltung waren, wie immer, sehr anstrengend. Ich kann bestätigen, dass ein Arbeiter unter diesen Bedingungen sein Kölnisch Wasser und sein Unterarmdeodorant bald aufgibt. Wer Afrika zum ersten Mal besucht, ist oft angewidert von den Körpergerüchen. Doch ich kann bezeugen, dass das menschliche Gehirn eine beeindruckende Kapazität hat, diese Unannehmlichkeiten zu ignorieren. Besonders wenn es keine Möglichkeit gibt, ihnen zu entkommen. Als wir also diesmal auf dem Weg nach Hause waren, hatte ich nur den Duft des Erfolgs in meiner Nase.
18
Unsere 70-Tonnen-Ladung ruckelte und zuckelte weiter über unebene Lehmpisten durch den Regenwald. Doch dann tat sich vor uns eine Lichtung auf und ich konnte endlich die Grenze sehen. Die typische Grenzschranke mit ihrem rot-weiß schraffierten Muster war heruntergelassen und hielt den gesamten Verkehr auf. Neben der geschlossenen Front der Holzhütten auf beiden Seiten der Straße sah man auch eine Reihe von Zeltunterkünften. Ein Dutzend Soldaten, gekleidet in Tarnanzüge und mit Automatikgewehren bewaffnet, schritten um die Unterkünfte herum. Irgendetwas an ihrem Verhalten gab mir das Gefühl, dass Vorsicht geboten war.
EINE SCHÖNE ART ZU STERBEN An Grenzübergängen schaltet mein Empfinden immer auf höchste Alarmbereitschaft, denn an diesen Orten kann vieles gut oder auch schlecht ablaufen. Mein Blick schweifte nach rechts und links von der Straße, während wir uns dem Grenzposten näherten. Ich nahm die Gebäude, das Personal und die Anzahl der Fahrzeuge wahr, die darauf warteten, die Grenze zu passieren. Ich machte sozusagen eine Bestandsaufnahme und hielt Ausschau nach etwas Ungewöhnlichem. Es war offensichtlich, dass es hier zu einer Wartezeit kommen würde, da schon zwei Dutzend Fahrzeuge in der Schlange standen. Dies war ein abgelegener Grenzposten. Es waren genug Beamte zur Stelle. Warum hielten sie also den Verkehr auf? Auch wenn Wartezeiten normal waren, erschien mir die Anzahl der anwesenden Soldaten ungewöhnlich hoch. Bevor wir Lagos verlassen hatten, hatte ich von sich zusammenbrauenden Unruhen im Land gelesen. Präsident Babangida, ein General, der durch einen Militärputsch in Nigeria an die Macht gekommen war und nun das Land regierte, hatte versprochen, dass Nigeria 1990 wieder eine Zivilregierung erhalten sollte. Zu Beginn des Jahres hatte er allerdings sein Versprechen widerrufen und verkündet, dass die Zivilregierung erst 1993 eingesetzt werden würde. Daraufhin war es zu Ausschreitungen gekommen. Überall kursierten Gerüchte, dass sich erneut ein Militärputsch anbahnte, diesmal von Seiten der Offiziere aus den mittleren Rängen der Nationalarmee. Eine weitere mögliche Erklärung kam mir in den Sinn. CfaN hatte für den bevorstehenden Oktober eine Kampagne in Kaduna geplant, einer Hochburg der Moslems im Norden des Landes. Es hatte in den Medien schon viele Spekulationen über mögliche Gewalttätigkeiten bei diesen Veranstaltungen gegeben. Dazu bestand die nigerianische Armee zum großen Teil aus Moslems, die den Christen gegenüber feindselig eingestellt waren. Ich fuhr den Truck ans Ende der Schlange, hinter einigen Land Rovers und normalen Personenwagen und stellte den Motor ab. Es hatte keinen Sinn, Kraftstoff zu verschwenden, während wir warten mussten. 19
Auf Leben oder Tod Ich wusste aus Erfahrung, dass wir eventuell mehrere Stunden hier stehen würden, vielleicht sogar Tage. Wir beobachteten, was vor uns passierte. Fast augenblicklich schienen einige Soldaten unseren Lkw zu bemerken. Sie fingen an zu gestikulieren und auf uns zu zeigen. Kurz darauf lösten sich vier Soldaten von der Gruppe und kamen entlang der wartenden Autoschlange auf uns zu. „Das gefällt mir nicht, Boss.“ „Ja, da ist irgendetwas los.“ Einer der Soldaten ging um den Lkw und die Anhänger herum, ehe er bei meinem Fenster anhielt. „Gehörst du zu Bonnke?“ „Ja.“ Wahrscheinlich hatte er mich an der Aufschrift „JESUS“, die in großen roten Buchstaben auf jedem der Anhänger angebracht war, erkannt. „Lass den Motor an und folge mir“, befahl er. Dann ging er auf einem Nebenstreifen parallel zur Hauptstraße wieder zurück. Ich ließ den Motor an und kroch langsam hinter ihm her, vorbei an den wartenden Autos. Die Insassen beobachteten uns voller Neugier. Sie hatten offensichtlich schon sehr lange gewartet, und nun wurden wir zum Kopf der Schlange geleitet. Der Soldat signalisierte, dass ich dicht am Haupttor parken sollte. Ich hatte das Gefühl, dass sie unsere Ankunft erwartet hatten. Der Soldat befahl mir, meinen Reisepass und andere Dokumente mitzunehmen und aus der Fahrerkabine auszusteigen. Boafo reichte mir das Paket mit den üblichen Dokumenten. „Wenn ich in drei Stunden nicht zurück bin, versuche ein Telefon aufzutreiben und fordere Hilfe an.“ 20
EINE SCHÖNE ART ZU STERBEN Der Soldat führte mich zu einem Zelt links der Gebäude. Unter dem Schutzdach saß ein großer Mann, ein Militärkommandant mit nicht identifizierbaren Rangabzeichen, an einem Tisch. Er wies mich an, die Dokumente vor ihm abzulegen. Das tat ich. Er studierte sie, inspizierte das Foto in meinem Pass. Er blickte kurz zu mir hoch und nickte. Er erhob sich ruckartig und sagte: „Kommen Sie mit mir, Mr. Wentland.“ Er warf den Gewehrriemen über seine Schulter und betrat mir voran einen Pfad, der hinter den Gebäuden verlief. Diese Vorgehensweise war absolut nicht üblich. Ich hatte an Grenzübergängen nur sehr selten Aufforderungen wie diese erhalten. Innerlich ging bei mir eine rote Warnflagge hoch. Ich ging den Pfad entlang, und die anderen vier Soldaten folgten dicht hinter uns, Gewehr im Anschlag. Jetzt wehten alle meine Warnflaggen heftig! Ich erinnerte mich an detaillierte Zeitungsberichte über illegale Exekutionen, die auf Anordnung von abtrünnigen Offizieren durchgeführt wurden. Vielleicht war dieser Mann auch ein radikal eingestellter Moslem, der die Angelegenheit mit der bevorstehenden Kampagne in Kaduna jetzt auf seine Art regeln wollte. Ein weiteres Szenario war noch wahrscheinlicher. Ich erinnerte mich: In einem benachbarten Land, das von einem freundlich gesinnten Präsidenten regiert wurde, hatte ich mich einmal morgens zum Frühstück hingesetzt, und noch ehe ich damit fertig war, hatte ein Militärcoup stattgefunden. Ein neuer Präsident war an der Macht und wir hörten im Radio, wie er die neue Orientierung der Landespolitik verkündete. Die Freunde des vormaligen Präsidenten wurden kurzerhand zu Staatsfeinden erklärt. Ich versuchte mich zu erinnern, ob die nigerianischen Zeitungen Reinhard Bonnke händeschüttelnd mit Präsident Babangida gezeigt hatten. Es kam nämlich durchaus vor, dass sich Staatsoberhäupter mit dem Evangelisten zeigen wollten, um politische Vorteile zu gewinnen. Ich fragte mich, ob ein weiterer Militärputsch stattgefunden hatte, 21
Auf Leben oder Tod während wir auf der Straße von Mamfe nach Ikom gefahren waren. Plötzliche Machtwechsel hatten oft gewalttätige Reinigungsaktionen zur Folge, um die Autorität der neuen Regierung zu besiegeln. Wir überquerten die Lichtung und kamen an den Rand des dichten Dschungels. Der Offizier wurde nicht langsamer, sondern betrat einen Pfad, der in den Wald hineinführte. Als die Dunkelheit des Dschungeldaches sich über mir ausbreitete, wurde mir bewusst, dass ich mich auf diesen Tag schon lange Zeit zuvor vorbereitet hatte, ehe er gekommen war. Ich fing an, innerlich zum Herrn zu reden. „Vater, wenn dies mein letzter Tag auf dieser Erde ist, dann preise ich dich. Es war mir eine Ehre, dir in diesen vergangenen 11 Jahren im Namen Jesu in Afrika zu dienen. Wenn ich als dein Diener sterbe, weiß ich, dass du meine Angehörigen trösten wirst. Meine Seele ist im Frieden.“ Ich ging durch den Dschungel, aber er erschien mir nicht mehr düster. Das Grün der Bäume und Büsche um mich herum war warm und duftend und strahlte Leben aus. Ich streckte meine Hand aus und berührte sie im Vorbeigehen. Ich lobte Gott in meinem Herzen. Mein Schöpfer hatte alles Lebende hier auf Erden gemacht, und er war in diesem Moment bei mir. Ich ging nicht allein auf diesem Dschungelpfad. Der Weg schien sich in die Länge zu ziehen. Ich begann nach Anzeichen auf ein frisch ausgehobenes Grab Ausschau zu halten. Mein Körper würde schnell verwesen in dem säurehaltigen Boden des tropischen Regenwaldes, doch am Auferstehungstag würden sich alle verstreuten Moleküle wieder vereinen und sich in einen ewigen Leib verwandeln, der auferstehen würde, um dem Herrn in der Luft zu begegnen. Diese Bäume hier würden in die Hände klatschen, dachte ich. Herr, du machst alles gut. Wir gelangten zu einer kleinen Lichtung, auf der eine mit einem dicken Strohdach bedeckte Lehmhütte stand. In einer offenen Kochmulde vor der Hütte befand sich glimmende Kohle. Eine Ziege war an einen 22
EINE SCHÖNE ART ZU STERBEN Baum gebunden und Hühner liefen frei herum, nervös gluckend und nach Insekten pickend. Ich konnte nirgendwo einen Haufen frischer Erde erblicken. An der Hütte angekommen, drehte sich der Offizier zu mir um. Er schien nervös zu sein, irgendwie unsicher. Ich hielt an, und die anderen Soldaten stoppten rechts und links von mir. Der Offizier ging auf mich zu. Wieder hielt er an. „Ist es wahr? Ich muss es wissen, ist es wahr?“ „Ist was wahr, Sir?“ Ein zweiter Soldat zu meiner Linken warf ein: „Ich habe es im Radio gehört. Ich habe es ihm erzählt.“ „Und was hast du im Radio gehört?“ „Bonnke. Werden die Blinden sehend? Können die Gelähmten wieder gehen? Werden Leute geheilt?“ „Ja, das ist wahr“, sagte ich. „Vor zwei Tagen in Bamenda habe ich es mit eigenen Augen gesehen.“ Der Offizier nickte und kam noch näher. „Meine Mutter ist in der Hütte, sie ist sehr krank. Sie hat Malaria. Wirst du für sie beten?“ Es war also nicht mein letzter Tag hier auf Erden. Gott hatte noch eine Aufgabe für mich. Ich lächelte den Offizier an. „Selbstverständlich! Ich werde für sie beten.“ Während meine Augen sich an die Dunkelheit in der Hütte gewöhnten, konnte ich die Verzweiflung dieser Frau spüren, die buchstäblich am Rand des Grabes stand. Ich selbst war 1985 in dieser Lage gewesen, als ich an Malaria erkrankt war und die Ärzte mich dem Tod geweiht aufgegeben hatten. Hier war jemand, der in der gleichen Situation steckte wie ich damals. Jemand, der sich nach dem Retter und Erlöser ausstreckte, der Tote auferweckt hatte, durch den die Verkrüppelten 23
Auf Leben oder Tod wieder gehen konnten, und der die Blinden wieder sehen ließ. Es war derjenige, über den Reinhard Bonnke im Radio gepredigt hatte. Derjenige, dessen Stellvertreter ich jetzt war. Ich dachte daran, dass ich mir ein anderes Leben hätte aussuchen können: Ich hätte jene olympische Medaille gewinnen können, um sie im Büro an die Wand zu hängen; ich hätte weiter meinen Beruf als Bankkaufmann in Uelzen ausüben können; ich hätte ein Soldat bleiben und hätte ein Land verteidigen können, ohne Krieg; ich hätte in einem schneidigen, klimatisierten Scania Supercab-Lkw die Autobahn entlangrasen können, um einer weiteren Hochhausbaustelle in Deutschland Stahlträger zu liefern. Aber nein. Ich hatte diesen Weg gewählt. Und er hatte mich an genau diesem Zeitpunkt genau bis hierher geführt. Ich streckte meine Hand aus und legte sie auf die fiebrigen Augenbrauen der sterbenden Mutter des Soldaten. Und dann fing ich an im Namen Jesu für sie zu beten. Ich wies die Mächte der Finsternis zurück, die sie gefangen hielten. Innerhalb weniger Minuten stand sie von ihrem Lager auf, fühlte sich besser, packte meine Hand mit ihren beiden Händen. Tränen strömten über ihr Gesicht, als sie mir immer wieder in einer mir unverständlichen Sprache dankte. Ich gab den Soldaten etwas von der christlichen Literatur, die wir in unserem Lkw hatten. Sie verabschiedeten sich mit einem breiten Lächeln, Umarmungen, warmem Händeschütteln und drückten immer wieder ihre Dankbarkeit und Wertschätzung aus. Wir überquerten die Grenze ohne jegliche Kontrolle, vor allen anderen in der langen Schlange wartenden Fahrzeugen. Und so ging ein weiterer Tag auf Afrikas Straße der Erlösung zu Ende.
24
Kapitel 2
EINE FRAU FÜR DIE REISE Ich suche nicht die Gefahr. Die Gefahr sucht mich. Ich nehme an, dass ich dies gleich am Anfang klar sagen sollte, weil es für den, der meine Geschichte liest, eventuell nicht so offensichtlich ist: Ich bin kein Adrenalin-Junkie. Ich suche nicht den Nervenkitzel. Ich gehe nicht ohne Sicherungsnetz über ein Hochseil. Ich suche immer nach der glattesten und sichersten Strecke zwischen zwei Orten. Doch in Afrika läuft es meistens nicht so wie ursprünglich geplant. Ich möchte es einmal ganz einfach darstellen: Ich folge der Berufung Gottes, mich auf dem Missionsfeld in der Evangelisation zu engagieren, und es liegt in der Natur der Sache, dass ich dadurch immer wieder in lebensbedrohliche Situationen geriet. Wenn Gottes Hand das Leben eines Menschen berührt, dann zeigt er ihm den vor ihm liegenden Weg nicht in allen Einzelheiten. Zumindest war das bei mir nicht der Fall. Gott hat meine Vorausschau begrenzt, und das war reine Gnade. Hätte ich in allen Details gewusst, was auf mich zukommen würde, hätte ich eine riesige Last an Sorgen für die Zukunft auf mich geladen, und es wäre weit mehr gewesen, als ich hätte tragen können.
25
Auf Leben oder Tod „Sorgt euch nicht um den morgigen Tag“, hat Jesus gesagt, „jeder Tag hat an seinem Übel genug.“ Was meine Berufung nach Afrika angeht, so sind das genau die Worte, nach denen man leben sollte. Wenn mir jemand eine geladene Pistole vors Gesicht hält und damit droht abzudrücken, ist das sicher genug Übel für einen Tag. Wenn ich von durch Drogen irre gemachten und mit AK47-Kampfgewehren bewaffneten Kindern entführt werde, ist das auch genug Übel für einen Tag. Wenn ich mitten in einen Aufstand gerate und Menschen rechts und links von mir aus ihren Autos gezerrt und umgebracht werden, dann ist das mehr als genug Übel für den Tag. Wenn die Straße durch brennende Autos versperrt ist und mit Buschmessern bewaffnete Männer darauf lauern, mich in Stücke zu hacken, dann ist das ein mit Übeln gefüllter Tag auf den Straßen Afrikas. An jedem Tag, den ich neu beginne, belaste ich mich nicht mit den Sorgen des morgigen Tages. Jeder Tag hat an seinem eigenen Übel genug. Doch auch, wenn Gott mir die Zukunft nicht klar gezeigt hat, blicke ich doch mit großer Zufriedenheit auf 35 Jahre Missionsreisen mit dem Herrn zurück. Ich sehe den Weg und die Richtung, die er meinem Leben geschenkt hat. Ich sehe die Gefahren, die auch Paulus aufgelistet hat: „Oft auf Reisen, in Gefahren von Flüssen, in Gefahren von Räubern, in Gefahren von meinem Volk, in Gefahren von den Nationen, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste …“ Paulus’ Liste der Gefahren liest sich für mich wie eine Landkarte. Doch sie ist nicht vollständig. Meine Reisen haben mich nicht nur in Gefahren gebracht, sondern ich habe auf ihnen auch die Art von Wundern erlebt, von denen man außer im Buch der Apostelgeschichte nur selten erfährt. Diese Demonstrationen der Liebe und der Kraft Gottes stellen alle Gefahren, denen ich ausgesetzt war, weit in den Schatten. Sie sind letztendlich der wahre Zweck und das wahre Ziel meiner Berufung. In der Tat waren es als Erstes die Wunder und die Massenevangelisationen, die mich als junger Mann fasziniert und mein Interesse geweckt hatten. Das war 1978 in Deutschland. Nach meinem Militärdienst als 26
EINE FRAU FÜR DIE REISE Soldat in einer Spezialeinheit stand ich nun kurz vor dem Abschluss meiner dreijährigen Bibelschulausbildung. Der Evangelist Reinhard Bonnke kam aus Südafrika mit Berichten von Zeichen und Wundern. Es waren genau die gleichen Wunder, von denen Christus gesagt hatte, dass sie denen folgen würden, die glaubten, wenn sie in die ganze Welt gingen, um das Evangelium zu predigen. In Afrika rief die Begeisterung darüber die Menschen zu Zehntausenden herbei, um die Evangeliumsbotschaft zu hören. Ich hatte das in einer solchen Größenordnung noch nie zuvor erlebt. Die Geschichten, die Reinhard vor der gesamten Schülerschaft erzählte, ließen mein Herz höher schlagen. Ich war bereit, Deutschland ohne nachzudenken sofort zu verlassen, um selbst dabei zu sein, die Kranken zu heilen und Tausenden hungriger Seelen zu helfen, Erlösung zu finden. Von jenem Tag an hat mich nichts von diesem Kurs abgebracht. Reinhard war zwar derjenige, der sprach, aber ich empfing meine Berufung ganz direkt vom Herrn der Ernte. Er ist derjenige, dem ich diene. Trotz meiner Jugend war ich in gewisser Hinsicht nicht naiv. Ich wusste, dass die Aufgabe, das Evangelium in heidnische Länder zu tragen, mit geistlichem Widerstand verbunden war. Der Erzfeind des Reiches Gottes geht noch immer auf dieser Welt umher. Und wie der Apostel Petrus es ausdrückte: „Seid nüchtern, wacht! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.“ Ich wusste, dass dies für alle Gläubigen galt, ob nun in Deutschland, den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Afrika. Ich wusste ebenfalls, dass es für alle Zeiten galt, einschließlich der Zeit von Petrus und Paulus, die beide berufen waren, um des Evangeliums willen den Märtyrertod zu sterben. Ich wusste, dass der Feind Gottes hoch motiviert ist, die Verbreitung des Evangeliums zu verhindern, und als Missionar würde ich mir, geistlich gesprochen, sozusagen selbst eine Zielscheibe auf die Brust malen. Doch nichts davon dämpfte meinen Eifer, der Berufung zu folgen.
27
Auf Leben oder Tod Ich selbst war in Deutschland in einem relativ sicheren Umfeld aufgewachsen, doch die Generation vor mir hatte den Zweiten Weltkrieg miterlebt. In meiner Heimatstadt Hamburg war ein Hagel von Feuerbomben vom Himmel gefallen, bis nur noch rauchende Ruinen übrig waren. Als Nachkriegskind hatte ich schreckliche Bilder gesehen von verkohlten Leichen, die auf den Straßen lagen. Viele Männer, Frauen und Kinder hatten sich nicht vor dem Feuersturm retten können. Die Bomben der Alliierten waren auf die Gerechten und die Ungerechten herniedergeregnet, auf die Unschuldigen und Schuldigen zugleich. Ich wusste sehr wohl, dass ein Jahrzehnt, bevor ich geboren wurde, ein böses Nazireich in Deutschland damit gedroht hatte, die gesamte Welt zu verschlingen. Meine Eltern und der kleine Kreis ihrer christlichen Freunde hatten sich diesem Regime widersetzt und manche waren für ihren Glauben ins Gefängnis geworfen worden. Wir wussten, dass dem Gott des ganzen Alls zu dienen, uns nicht kugelsicher machen würde. Es kam vor, dass Christen in ihrem Dienst für Gott getötet wurden. Wir waren nicht unverwundbar und wir mussten nüchtern und wachsam bleiben. Wie gesagt, das wusste ich schon als junger Mann. Meine Reaktion auf diese Tatsache war, die gleiche Einstellung zu haben wie die drei hebräischen jungen Männer in der bekannten Bibelgeschichte. Sie weigerten sich, sich vor dem Standbild des Königs von Babylon zu verbeugen, selbst unter Androhung des Todes im Feuerofen. Sie sagten ihm, dass Gott sie vor dem Tod bewahren konnte, der ihnen zugedacht war, aber dass selbst, wenn er sie nicht bewahren würde, sie sich nicht verbeugen würden. Ihre Standhaftigkeit wurde mir für meine Haltung Jesus gegenüber zum Vorbild: Ich würde dem Herrn dienen, sei es durch Leben oder durch Tod. Dieser Entschluss ist seitdem sehr oft auf die Probe gestellt worden, wenn das Böse drohte, mich zu verschlingen. Und bisher wurde mein Leben jedes Mal bewahrt. Doch nun muss ich etwas gestehen, was zunächst sehr eigentümlich klingt. Je sicherer ich mir war, dass Gott mich nach Afrika ruft, umso stärker wuchs in mir auch der Wunsch nach einer Ehefrau. Diese beiden Dinge gehen normalerweise und vernünftigerweise nicht Hand in 28
EINE FRAU FÜR DIE REISE Hand. Eigentlich hätten sie sich gegenseitig abstoßen sollen, so wie die sich abstoßenden Enden zweier Magnete. Warum sollte ich, ein Mann, der vorhat, den Vorhof der Hölle zu plündern, den Wunsch haben, eine Ehefrau dorthin mitzunehmen? Der Apostel Paulus drängte andere dazu, ledig zu bleiben, aufgrund der bösen Zeiten, in denen er lebte. Da er auf seinen Reisen als Missionar immer wieder in Gefahren geriet, nahm er keine Ehefrau mit. Doch an diese Voraussicht des Apostels dachte ich 1978 überhaupt nicht. Es kam mir auch nicht in den Sinn, dass man einer zarten, empfindsamen Frau die Straßen in Afrika möglicherweise nicht zumuten könnte. Während ich mich auf den Missionsdienst vorbereitete, empfand ich einfach das Bedürfnis, eine Ehefrau zu suchen. Und zwar nicht irgendeine Frau, sondern eine, die meinen missionarischen Entschluss teilen konnte – durch Leben oder durch Tod. Heute, denke ich, findet man diese Vorstellung in bestimmten ComicRomanen wieder, oder in manchen Videospielen oder Abenteuer- und Action-Filmen, in denen ein Krieger von einer attraktiven Frau begleitet wird, die selbst mit einer Rüstung bekleidet ist und ein Gewehr oder ein Schwert in der Hand hält. Gemeinsam kämpfen sie dann gegen mächtige Feinde. So wie alle Unterhaltung ist das natürlich eine übertrieben dargestellte Fantasiegeschichte. Aber ein Punkt wird dadurch gut illustriert: Ganz praktisch gesprochen kam die Suche nach einer solchen Frau der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich. Es war absolut unrealistisch. Ein völlig verrücktes Unterfangen. Natürlich gab es 1978 noch keine christlichen Partnervermittlungen wie zum Beispiel „Christ-sucht-Christ“ oder „Chringles.ch“. Man bestellte seinen Traumpartner nicht einfach im Internet. Für mich gab es nur einen Vermittler: den Heiligen Geist. Und so rief ich ihn auf ganz altmodische Weise an, indem ich mich niederkniete und meinen Wunsch äußerte. „Himmlischer Vater, ich möchte nicht als Single in den Missionsdienst gehen. Ich wünsche mir eine Ehefrau, die mein Leben und meine 29
Auf Leben oder Tod Abenteuer in Afrika mit mir teilt. Ich bitte dich, dass du mich zu derjenigen führst, die du für mich vorbereitet hast. Amen.“ Es ist schon immer meine Art gewesen, meine Gebete ganz praktisch werden zu lassen. Als ich mich erhob, kam mir nur eine einzige Anwärterin in den Sinn: Gabriele Goetz. Gaby war eine blonde Lufthansa-Stewardess mit einem Lächeln, das den größten Gletscher zum Schmelzen bringen konnte, einem Lachen, das jeden Raum mit Licht erfüllte, und braunen Augen, die mit der warmen Liebe Jesu nur so funkelten. Für mich stand sie ganz oben an der Spitze aller Auswahlmöglichkeiten. Ich würde keine Zeit damit vergeuden, an anderer Stelle zu suchen, wenn Gaby mich nehmen würde. Wenn sie „Ja!“ sagen würde, wäre es so, als hätte Gott selbst gesprochen, und ich wäre der glücklichste Mann auf dem ganzen Erdball. Ich ging ins Badezimmer und schaute in den Spiegel. „Gabriele, möchtest du … würdest du … äh, möchtest du heiraten?“ Nein, das war ja dermaßen ungeschickt! Das musste ich besser hinkriegen. Sehr viel besser. Ich versuchte es noch einmal. „Würde es dir sehr viel ausmachen, mich zu heiraten, Gaby?“ Jetzt klang es pathetisch und weinerlich. Ich hätte genauso gut sagen können: „Falls du nicht zu beschäftigt bist, oder für den Rest deines Lebens noch nichts vorhast oder falls es da nicht jemand anderen gibt, den du lieber heiraten würdest als mich …“ So ging es nicht. Ich verließ das Badezimmer wieder und ging in meiner Wohnung auf und ab. Ich wollte so gerne heiraten, aber ich sah ein, dass mir das mit dem Heiratsantrag nicht so gut gelang. Wie sollte ein Mann seiner Traumfrau einen Heiratsantrag machen? Und für wen hielt ich mich eigentlich, dass ich von allen Frauen ausgerechnet von ihr träumte?
30