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Erbe der Hoffnung Verborgene Helden von Generation zu Generation Avi Mizrachi


© 2023 Avi Mizrachi, mit Kathi Macias © 2026 echad Verlag GmbH Kanalweg 5, CH-3125 Toffen www.echad.ch info@echad.ch

1. Auflage: Oktober 2026 ISBN 978-3-905518-37-5 Autor: Avi Mizrachi, Israel mit Kathi Macias, USA Übersetzung: Christian Aaron Vogel, Schweiz Lektorat: Gisela Blatter, Schweiz Covergestaltung & Satz: mj-design.ch Druck: CPI books GmbH, Leck, www.cpibooks.de

Die Bibelzitate entstammen: Schlachter 2000 (SCL), © 2003 Genfer Bibelgesellschaft, Genf Elberfelder 1993 (ELB), © 1994 Brockhaus Verlag, Wuppertal Luther 1984 (LUT), © 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Einheitsübersetzung 1980 (EIN), © Katholische Bibelanstalt, Stuttgart Aufgrund der dynamischen Natur des Internets können sich Webadressen oder Links in diesem Buch seit der Veröffentlichung geändert haben und möglicherweise nicht mehr gültig sein. Soweit möglich wurden die Webadressen der Originalausgabe für das vorliegende Buch kontrolliert und wenn möglich aktualisiert. Ungültige Webadressen wurden belassen. Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an fontis@fontis-media.de. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotografischen oder elektronischen Erfassung sowie der Übersetzung bleiben vorbehalten.


Der HERR vereitelt die Beschlüsse der Heiden, Er macht die Pläne der Völker zunichte. Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne Seines Herzens überdauern die Zeiten. Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, der Nation, die Er sich zum Erbteil erwählt hat. Der HERR blickt herab vom Himmel, Er sieht auf alle Menschen. Von Seinem Thronsitz schaut er nieder auf alle Bewohner der Erde. Der ihre Herzen gebildet hat, Er achtet auf all ihre Taten. Dem König hilft nicht sein starkes Heer, der Held rettet sich nicht durch große Stärke. Nichts nützen die Rosse zum Sieg, mit all ihrer Kraft können sie niemand retten. Doch das Auge des HERRN ruht auf allen, die Ihn fürchten und ehren, die nach Seiner Güte ausschauen; denn Er will sie dem Tod entreißen, und in der Hungersnot ihr Leben erhalten. Unsere Seele hofft auf den HERRN; Er ist für uns Schild und Hilfe. Ja, an Ihm freut sich unser Herz, wir vertrauen auf Seinen heiligen Namen. Lass Deine Güte über uns walten, o Herr, denn wir schauen aus nach Dir. Psalm 33,10-22 (EIN)


Empfehlungen «Erbe der Hoffnung» ist ein bedeutendes historisches Werk, das die einzigartige Geschichte Bulgariens in Bezug auf die bulgarisch-jüdische Bevölkerung während des Holocausts mit der Geschichte des Oberrabbiners von Sofia, Rabbi Daniel Zion, verknüpft. Rabbi Zion war der Held, der maßgeblich zur Rettung der bulgarischen Juden vor der Vernichtung beigetragen hat. «Erbe der Hoffnung» verbindet diese Geschichte mit der Familie Mizrachi, sowohl während des Zweiten Weltkriegs, als sie in Bulgarien lebte, als auch danach, als sie zur Zeit der Gründung des modernen Staates Israel nach Israel auswanderten. Das Buch ist nicht nur ein wichtiges Dokument zur einzigartigen Geschichte Bulgariens und der Wiedergeburt des Staates Israel im Land Israel, sondern auch ein bewegender Bericht über Gottes Wirken im Leben von Rabbi Daniel und der Familie Mizrachi. Rabbi Daniel ist zutiefst von seinem Glauben an den Gott Israels und seinen Messias, Jeschua, motiviert. Er riskiert sein Leben bis zum Äußersten, um sein Volk vor den Vernichtungslagern Osteuropas zu retten. Nach seiner Ankunft in Israel bezeugt er mutig und unerschrocken die biblische Legitimität seines Glaubens an den verheißenen Messias Israels, den sein Volk abgelehnt hatte. Trotz der persönlichen Ablehnung, die Rabbi Zion durch seine religiösen Zeitgenossen erfährt, hält er in Liebe an Gott und seinem Messias, an Israel, seinem geliebten Volk, und an seinem Judentum fest, obwohl er vom Rabbinat seines Amtes enthoben wird. Im Verlauf seines Lebens verflicht sich die Geschichte des Rabbiners zunehmend mit der Geschichte der Familie Mizrachi, deren Mitglieder zu den ersten Anhängern des Messias im neu gegründeten Staat Israel gezählt werden. Die Gnade der Erlösung, die der Familie Mizrachi über Generationen zuteil wird, wird zum Sinnbild und Zeichen nicht nur für die Wiedergeburt Israels als Nation, sondern auch für die Wiedergeburt der messianischen Gemeinde in Israel. Reuven Berger Pastor, Kehilat ha’Seh al Har Zion, Jerusalem

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Inhaltverzeichnis Empfehlungen

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Würdigung … mit Dankbarkeit

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Vorwort des Herausgebers

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Widmung

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Vorwort

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Einleitung

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TEIL I: Der Rabbi, Bulgarien, der Krieg

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KAPITEL 1 Eine Freundschaft mit weitreichenden Auswirkungen

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KAPITEL 2 Die bulgarischen Juden

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KAPITEL 3 Das Gesetz zur Verteidigung der Nation

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KAPITEL 4 Bulgarien als einer der Achsenstaaten

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KAPITEL 5 Erste Pläne für die Abschiebung

105

KAPITEL 6 Anhaltender Konflikt über Abschiebungen

113

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KAPITEL 7 Endgültiges Ergebnis der Abschiebungen ... und ein rätselhafter Tod

133

KAPITEL 8 Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Bulgarien

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TEIL II: Die Nachkriegszeit, die Heimreise nach Israel

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KAPITEL 9 155 Die bulgarische jüdische Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg KAPITEL 10 Die Camps auf Zypern

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KAPITEL 11 Der Staat Israel

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KAPITEL 12 Der Unabhängigkeitskrieg

175

TEIL III: Das Erbe des Rabbiners in Israel

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KAPITEL 13 Rabbi Daniel Zion im Gelobten Land

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KAPITEL 14 Die Familie Mizrachi trifft Jeschua

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KAPITEL 15 Post-Unabhängigkeitskriege

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TEIL IV: Das Mizrachi-Erbe

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KAPITEL 16 Der Messias und ich

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Nachwort Der Kreis schließt sich

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Anhang A Fünf Lieder von Rabbi Daniel Zion

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Yizkor – In Memoriam Der Krieg der eisernen Schwerter

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Glossar hebräischer Begriffe

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Endnoten

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Vorwort des Herausgebers «Erbe der Hoffnung» ist mehr als ein Buch. Es ist selbst eine Art von Vermächtnis, ein tiefschürfender und ermutigender Rückblick in eine dunkle Zeit der Verfolgung und des Todes, die durch mutigen Widerstand und selbstloses Überwinden einen Weg zur Rettung und eines wohl beispiellosen Neubeginns eröffnete. Es ist vorwiegend das wertvolle und herausfordernde Erbe zweier religiöser Führungspersönlichkeiten, eines Erzbischofs der bulgarisch orthodoxen Kirche und eines Oberrabbiners. Sie hätten sich spinnefeind sein können, aber sie haben das Gebot der Stunde erkannt und es im Vertrauen auf den Gott Israels, mit Weisheit und Mut gemeinsam geschafft, die fatale Entwicklung in eine Richtung zu lenken, die Hoffnung versprach. Es ist diese vielfach geprüfte und umkämpfte Hoffnung und Verpflichtung, die ich im heutigen Israel immer wieder zu verspüren glaube – als Gabe und Auftrag Gottes, oder als Verpflichtung gegenüber den Vorfahren, die das «Wunder Israel» mit viel Schweiss und Blut mitgestaltet haben. Als Übersetzer und Herausgeber der vorliegenden, deutschsprachigen Ausgabe stand ich vor der Herausforderung, den «korrekten» Titel zu finden. Zunächst stellte ich fest, dass mein sprachliches Verständnis von «Erbe» und «Vermächtnis» genau im Gegensatz zur juristischen Definition dieser Begriffe stand. Während der Lektüre empfand ich, dass die geschilderten Ereignisse und die daraus resultierende Haltung am ehesten mit «Verpflichtet zur Hoffnung» beschrieben wäre. Erwächst aus dem Erleben der Gnade Gottes oder aus der Rettung vor dem Holocaust nicht eine Art Verpflichtung, diesem Gott die Ehre zu geben und die Hoffnung auf Ihn, die damals durchgetragen hat, wie ein Erbe an die kommenden Generationen weiterzugeben? Vielleicht als Beispiel und Aufforderung zum Mut, das Leben der Menschen höher zu achten, als der aktuelle weltanschauliche oder politische Mainstream vorgeben möchte. So spricht dieses Buch auch in unsere Zeit des wieder aufflammenden Antisemitismus hinein. Nicht weniger wichtig ist meines Erachtens die persönliche Erkenntnis, dass sich unsere Bildungsstätten bei der Vermittlung der 15


Vorwort des Herausgebers

massgeblichen geschichtlichen Ereignisse und deren Ursachen zu sehr auf die westliche Welt fokussieren. Damit will ich nicht die «Errungenschaften» des so genannten Westens wie die Aufklärung und den Humanismus und ihre Auswirkungen in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik negieren. Aber die Welt nach dem 7. Oktober 2023 scheint zunehmend von den Werten des Nahen und Mittleren Ostens herausgefordert und geprägt zu werden. So mag das vorliegende Buch ein Anstoss sein, uns vermehrt auf das jüdische Erbe in der Kernbotschaft des christlichen Abendlandes zu erinnern, darauf zu bauen und entsprechend zu handeln. Avi Mizrachi und seiner Familie gebührt großer Dank, dass sie uns ihre wertvolle Familiengeschichte verfügbar gemacht haben. «Nächstes Jahr in Jerusalem!» Christian Aaron Vogel

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Einleitung Vor und während des Zweiten Weltkriegs war Rabbi Daniel Zion das Oberhaupt des obersten Rabbinergerichts Bulgariens und hatte die Vorrechte eines Oberrabbiners der jüdischen Bevölkerung Bulgariens inne. Zur gleichen Zeit war Stefan von Sofia, bekannt als Metropolit (Oberbischof ) Stefan, Priester und eine prominente Persönlichkeit der orthodoxen Kirche in Bulgarien. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg konnte keiner der beiden Männer ahnen, welche Verbindung sie eingehen und welch heldenhafte Rolle sie bei der Rettung von fast 50’000 bulgarischen Juden vor der Vernichtung durch die Nazis spielen würden. Rabbi Daniel und Metropolit Stefan sahen sich vielen Gefahren ausgesetzt, darunter der sehr realen Möglichkeit der Deportation und des Todes. Und doch stellten sie sich diesen Gefahren und führten ihre riskanten Pläne aus, getragen von Mut und Glauben, und retteten so nicht nur die bulgarischen Juden ihrer Generation, sondern auch vieler zukünftiger Generationen. Es ist eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Und ich, Avi Mizrachi, habe mich in aller Bescheidenheit daran gemacht, dies zu tun, immer eingedenk der Wunder, die diese beiden Männer zu solch tapferen Taten befähigten. Ich bin in der Tat ein wandelndes Zeugnis dieser Wunder, denn meine beiden Eltern lebten vor dem Zweiten Weltkrieg in Bulgarien. Die Familie meiner Mutter konnte zu Beginn des Krieges in die Türkei fliehen, aber die Familie meines Vaters blieb in Bulgarien und überlebte auf wundersame Weise die Schrecken des Holocaust. Dass meine Familie und ich jetzt im wiedergeborenen Staat Israel leben, ist ein weiteres Zeichen göttlichen Eingreifens, das von so vielen jüdischen Nachkommen dieser dunklen Zeit gefeiert wird. Viele von uns, die dieses Wunder heute erleben, verdanken ihr Leben den relativ unbekannten Helden jener Zeit, insbesondere Rabbi Daniel Zion und Metropolit Stefan, die nicht nur bei der Rettung der bulgarischen Juden zu Beginn und während des Krieges, sondern auch bei der Rettung der nachfolgenden Generationen eine wichtige Rolle spielten. Ich bin einer derjenigen, die in der Generation nach dem Holocaust geboren wurden. Es ist mir eine Ehre, diese unglaubliche 23


KAPITEL 1 Eine Freundschaft mit weitreichenden Auswirkungen Ich werde nie den Ausdruck von Liebe und Respekt auf den Gesichtern meiner Eltern vergessen, wenn sie mir von dem geliebten Rabbiner erzählten, der sein eigenes Leben riskierte, um das jüdische Volk Bulgariens zu retten. Im Laufe der Jahre erzählten mir meine Eltern viele Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, aus der Zeit davor und auch unmittelbar danach. Sie lobten viele, vor allem die Bulgaren, die sich an der Rettung der fast 50’000 bulgarischen Juden beteiligten, die unter ihnen lebten. Wenn meine Eltern jedoch von Rabbi Daniel Zion sprachen, leuchteten ihre Augen und strahlten ihre Gesichter. Neben all jenen, die sich in dieser Zeit für den Schutz der bulgarischen Juden eingesetzt haben, sind es Rabbi Daniel Zion und Metropolit Stefan, die einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Meine Eltern lebten in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Die Stadt liegt am Fuße des Witoschagebirges im westlichen Teil des Landes in der Mitte des Balkans, auf halbem Weg zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria. Das Klima ist feucht, mit kalten, schneereichen Wintern und im Allgemeinen milden Sommern. Gelegentliche Hitzewellen im Juli und August treiben die Temperaturen in den mittleren bis oberen Bereich von 30 Grad Celsius. Sofia ist eine relativ sichere Hauptstadt, die von Einwohnern und Touristen gleichermaßen geschätzt wird. Vor und während des Zweiten Weltkriegs war Sofia einer der sichersten Orte für Juden in ganz Europa, auch wenn Bulgarien ein Verbündeter von Nazi-Deutschland war. Dies war der Loyalität und Tapferkeit der bulgarischen Bürger zu verdanken, einschließlich und vor allem zweier religiöser Führer der Stadt – Rabbi Daniel Zion und Metropolit Stefan. Die frühen Jahre von Rabbi Daniel Zion Rabbiner Daniel Zion war lange Zeit eine wichtige und angesehene Persönlichkeit in der jüdischen Gemeinde Bulgariens. Er war 27


KAPITEL 2 Die bulgarischen Juden Bevor ich mit der Geschichte von Rabbi Daniel Zion und Metropolit Stefan fortfahre, möchte ich Ihnen einige Hinweise zu den historischen Hintergründen des jüdischen Volkes in Bulgarien geben. Die Mehrheit der bulgarischen Juden stammte von sephardischen Juden ab, die 1492 aus Spanien vertrieben worden waren. Eine Minderheit waren aschkenasische Juden. Einige der Exilanten waren nach Ungarn, andere nach Griechenland ausgewandert, die meisten jedoch auf den Balkan, insbesondere nach Bulgarien. Die sephardischen Juden sprachen Ladino (eine spanisch-hebräische Sprache) und nicht das Jiddisch der aschkenasischen Juden, die vor allem in Ost- (Polen und Russland), Nord- und Westeuropa lebten. Die Juden waren häufig in Handel und Gewerbe tätig, während nur wenige in der Politik oder in der Landwirtschaft arbeiteten, weshalb die meisten Juden eher in den Städten als auf dem Land lebten. Dies war in Bulgarien nicht anders als in anderen europäischen Ländern. «Der Fuchs» erhebt sich an die Macht Um das schwierige Schicksal der bulgarischen Juden während des Aufstiegs Nazideutschlands zu verstehen, muss man den Aufstieg von Zar Boris III. kennen. Im Ersten Weltkrieg verbündete sich Bulgarien mit den Mittelmächten – Österreich-Ungarn, Deutschland und dem Osmanischen Reich – und wurde mit ihnen zusammen besiegt, was Bulgarien wirtschaftlich ruinierte. Am 27. November 1919 musste Bulgarien ein Waffenstillstandsabkommen mit den Siegermächten unterzeichnen, den so genannten Vertrag von Neuilly. Dieser Vertrag sah unter anderem die Rückgabe der von Bulgarien während des Krieges eroberten Gebiete, darunter auch Makedonien21, sowie die Zahlung von 2.260 Millionen Goldfranken als finanzielle Entschädigung vor. In der Schmach der Niederlage sah sich 45


KAPITEL 4 Bulgarien als einer der Achsenstaaten Ich habe gehört, wie andere sich fragten – und habe mich sogar selbst gefragt –, wie jemand sich mit einem so bösen Wesen wie NaziDeutschland verbünden konnte. Und doch steckt immer mehr hinter einer solchen Geschichte, als wir vielleicht denken. Die schwierige Beziehung zwischen Bulgarien und Deutschland ist das beste Beispiel dafür. Beitritt zur Drei-Parteien-Achse Die Regierungen von Deutschland und Bulgarien unterzeichneten am 23. August 1940 ein Abkommen. Infolgedessen wurde die Süddobrudscha an Bulgarien zurückgegeben. Am 15. Januar 1941 erklärte sich Deutschland bereit, Bulgarien den Zugang zum Weißen Meer zwischen den Flüssen Struma und Maritza unter der Bedingung zu gewähren, dass sich Bulgarien der Dreier-Achse (einer Koalition von Staaten/Ländern unter der Führung Deutschlands, Italiens und Japans, die sich den alliierten Mächten im Zweiten Weltkrieg entgegenstellten) anschließt. Am 1. März 1941, einige Monate nach der Ratifizierung des Gesetzes zur Verteidigung der Nation, gab die bulgarische Regierung bekannt, dass sie sich der Achse angeschlossen und damit die Neutralität aufgegeben hatte, die sie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erklärt hatte. Ministerpräsident Filov unterzeichnete auch den Dreiparteienpakt, der der deutschen Armee die Erlaubnis gab, in das bulgarische Hoheitsgebiet einzudringen. Die deutsche Armee überschritt rasch die Grenze, um sich auf den Einmarsch in Griechenland und Russland vorzubereiten. Im Gegenzug schenkte Deutschland Bulgarien die Gebiete Mazedonien, das zum eroberten Jugoslawien gehörte, und Westthrakien, das zum eroberten Griechenland zählte. Die Bedeutung der Aufnahme Bulgariens in die Drei-ParteienAchse lag in der Akzeptanz der öffentlichen und politischen Ideologie 71


KAPITEL 9 Die bulgarische jüdische Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg Ich habe mich oft gefragt, was ich an der Stelle eines meiner Vorfahren getan hätte, wenn ich als Überlebender des Zweiten Weltkrieges entscheiden müsste, was zu tun ist und wohin ich gehen sollte. Diese Frage stellte sich zweifellos Tausenden bulgarischer Juden am Ende des Krieges und auch allen anderen europäischen Juden, die wie durch ein Wunder den Holocaust überlebt hatten. Gedenken an die Verstorbenen Am 17. Juli 1946 wurden in der Großen Synagoge von Sofia besondere Gedenkgebete abgehalten, um der Kriegsopfer Bulgariens und der jüdischen Opfer Europas zu gedenken. Außerdem wurde ein Fasten- und Gebetstag für die Juden Bulgariens ausgerufen. Der Oberrabbiner, Rabbi Daniel Zion, «appellierte emotional an die Menge, Buße zu tun und zu den Wegen unseres Gottes zurückzukehren, der uns in das Land unserer Väter zurückführen wird.»153 Einige Wochen später, am 1. August 1946, hielt die Vereinigte Zionistische Union einen Kongress in Sofia ab, an dem auch Oberrabbiner Daniel Zion teilnahm. Eines der wichtigsten Ereignisse des Kongresses war das Darbringen von Gedenkgebeten für die Kriegsopfer in Israel, sowie für die jüdischen Soldaten der Befreiungstruppen und die gefallenen Mitglieder der im September 1944 gegründeten Jüdischen Brigade der britischen Armee. Die Brigade wurde im Sommer 1946 aufgelöst, als sich die Beziehungen zwischen den jüdischen Siedlungen in Israel und den britischen Machthabern verschlechterten. Diese Soldaten, zu denen auch mein Onkel David gehörte, kehrten kampferfahren und hoch motiviert in das Land zurück, um sich der jüdischen Armee anzuschließen, die mit der Ausrufung des Staates Israel gegründet wurde. Rabbi Daniel war ein leidenschaftlicher Zionist, und so war es keine Überraschung, als er am 16. Dezember 1948 mit seiner Familie 155


KAPITEL 11 Der Staat Israel «Und ich werde sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern zusammenbringen und werde sie in ihr Land führen; und ich werde sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und allen bewohnten Gegenden des Landes.» (Hesekiel 34:13, Schlachter 2000). Der 14. Mai 1948 (5.Ijar, Tachash), der Tag, an dem der Provisorische Staatsrat für die Gründung des Staates Israel stimmte, war ein Tag großer Freude für das jüdische Volk im Gelobten Land und in der ganzen Welt. Es war ein historisches Ereignis, das sie seit fast 2’000 Jahren herbeigesehnt und erträumt hatten. Die Gründung des Staates Israel ist eine Geschichte, die ich nicht müde werde zu hören oder immer wieder zu erzählen. Eines der Ereignisse, die zur Gründung dieses Staates beitrugen, war die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 29. November 1947 verabschiedete Resolution, in der die Gründung eines jüdischen Staates im Land Israel gefordert wurde. Diese Anerkennung durch die Vereinten Nationen verlieh dem Staat internationale Legitimität und wurde Teil der israelischen Unabhängigkeitserklärung. Nach der UN-Erklärung traf mein Vater, wie bereits erwähnt, Vorbereitungen für die Einwanderung in das Land Israel. 29. November 1947 Es gab eine Reihe von Ereignissen, die zur Erklärung vom 29. November führten, aber ich möchte nur eines erwähnen. Vor der Erklärung der Vereinten Nationen wurde ein Sonderausschuss mit der Bezeichnung UNSCOP (United Nations Special Committee on Palestine) gebildet, der sich mit der Frage des damaligen Palästina befasste. Dieser Ausschuss wurde auf Antrag Großbritanniens bezüglich der Fortführung seines Mandats in Palästina gebildet. Der Ausschuss empfahl, in Palästina zwei Staaten zu gründen: einen jüdischen und einen arabischen 167


KAPITEL 13 Rabbi Daniel Zion im Gelobten Land «Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.» (Habakuk 2:4, SCH). Obwohl die Situation im neu gegründeten Staat Israel von seiner Ausrufung am 14. Mai 1948 bis zum Ende des Krieges am 20. Juli 1949 hart und gefährlich war, ging das Leben inmitten dieser Situation weiter. In Bezug auf Rabbi Daniel Zion geschah vieles hinter den Kulissen. Ein Ort zum Leben Als der Krieg weiterging, wanderte Rabbi Zion am 16. Dezember 1948 mit seiner Familie nach Israel ein. Eine seiner Töchter und ihre Familie lebten zu diesem Zeitpunkt bereits in Israel. Der Rabbiner kam mit weiteren 3’000 Einwanderern an, von denen die meisten aus Bulgarien stammten. Sie waren mit drei Schiffen unterwegs und legten im Hafen von Haifa an, wo drei von Rabbi Daniels Kindern gleich zur Armee eingezogen wurden. Rabbi Zion ließ sich in Jaffa als Rabbiner der Stadt nieder, wo es eine große Gemeinde bulgarischer Einwanderer gab. Daniel und Rachel zogen zu ihrer Tochter, die in Jaffa lebte, weil sich für sie in Jaffa keine eigene Wohnung fand. Gemäß eines Artikels in der Zeitung HaTzofe vom 13. Juli 1949 hatten Daniel und seine Frau nach einigen Monaten immer noch keine Wohnung gefunden. Dem Artikel zufolge hatte sich Rabbi Daniel Zion mit Leib und Seele für die bulgarische jüdische Gemeinde eingesetzt, und es ist wahrscheinlich, dass sein Mut die bulgarischen Juden vor den Nazis gerettet hat. Doch als er im Lande ankam, konnte er keine Wohnung finden und war gezwungen, bei seiner Tochter einzuziehen. In dem Artikel wurde auf die Absurdität dieser Umstände hingewiesen und die israelischen Behörden aufgefordert, sich einzuschalten. 183


KAPITEL 14 Die Familie Mizrachi trifft Jeschua Israel, vertraue auf ADONAI ! Er ist ihre Hilfe und ihr Schild. Haus Aaron, vertraue auf ADONAI ! ... Er wird das Haus Israel segnen. (Psalmen 115,9-10.12)

Schon vor langer Zeit habe ich erkannt, dass Gott oft hinter den Kulissen arbeitet. Natürlich haben wir alle schon die seltenen Momente erlebt, in denen etwas absolut Erstaunliches direkt vor unseren Augen geschieht, das wir nicht anders als ein Wunder des Herrn bezeichnen können. Aber oft erkennen wir das wunderbare Werk, das Gott in unserem Leben tut – Menschen und Situationen zusammenzubringen und sie zu einem wunderschönen Wandteppich zu verweben, der uns segnet und ihn ehrt – erst viel später. Die Mizrachi-Familie, die Jeschua als Messias und Erlöser kennenlernt, ist eine der letzteren. Obwohl unsere Familie voller Hoffnung und Staunen darüber war, wie Gott uns in das Gelobte Land geführt hat, war uns noch völlig verborgen, dass wir hier Denjenigen treffen würden, der bereits 2’000 Jahre zuvor über diese staubigen Straßen in Jerusalem und darüber hinaus geschritten war. Ansiedlung in Jaffa Wie bereits geschildert, wanderte mein Vater Nissim während des Unabhängigkeitskrieges nach Israel ein und nahm gegen Ende des Krieges an den Kampfhandlungen teil. Meinem jüngeren Bruder Immanuel zufolge war mein Vater nach dem Unabhängigkeitskrieg im Kibbuz Ein HaMifratz im Norden Israels stationiert. Als er jedoch erfuhr, dass seine Familie in Jaffa angekommen war, beantragte er eine Versetzung nach Jaffa, um wieder mit den Seinen vereint zu sein. 203


Anhang A Fünf Lieder von Rabbi Daniel Zion Die nachfolgenden Lieder von Rabbi Daniel Zion sind wertvolle Zeitzeugen damaliger, jüdisch-messianischer Anbetung. Gerade das erste Lied «Ich bin arm» lässt sich aus einer Situation der Verfolgung in jede entmutigende Lebenslage übertragen. Um der poetischen Ausdrucksweise dieser Lieder Rechnung zu tragen, ist der deutschsprachige Text teilweise nicht wörtlich, sondern der Aussage, dem Sinne nach übersetzt. Unter dem hebräischen Text haben wir eine phonetische Umschrift eingefügt. Die phonetische Umschrift bezieht sich jeweils auf das darüber liegende hebräische Wort, die Reihenfolge ist also ebenfalls von rechts nach links. Das einzelne phonetische Wort (Buchstaben) liest sich jedoch von links nach rechts. Mit etwas Übung werden Sie den hebräischen Text bald wie anbetende Gedichte lesen können.

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