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Werner May Der Vertrauensmodus und die Kunst des verbindenden Neins – Ein Aufruf –


Werner May

Der Vertrauensmodus und die Kunst des verbindenden Neins – Ein Aufruf –

IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie


Dank allen, die ermutigt, mitdiskutiert und korrigiert haben, insbesondere Annica, Cornelia, Hagen, Heike und Julia. Ein Dankeschön an Agnes, meine Frau, für die Lektoratsarbeiten.

1. Auflage 2011 IGNIS-Edition IGNIS Akademie für Christliche Psychologie Kanzler-Stürtzel-Str.2, 97318 Kitzingen www.ignis.de Satz und Druck: Schönbach-Druck GmbH, 64390 Erzhauen ISBN: 978-3-933685-28-5


Werner M ay, Jahrgang 49, Dipl.Psych., seit

1988 an der IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie in Kitzingen (www.ignis.de). Vorher war er in verschiedenen sozialen Einrichtungen tätig. Er ist 1. Vorsitzender von IGNIS e.V., Vizepräsident des Instituts für Christliche Psychologie, Therapie und Pädagogik in der Schweiz (www.ICPTP.ch), sowie Präsident des European Movements of Christian Anthropology, Psychology and Psychotherapy (www.emcapp.eu). Innerhalb der IGNIS-Akademie war er von 1995–2005 für die Lehre im Bereich Familie und Erziehung verantwortlich. Sein praktischer Schwerpunkt lag in diesem Zeitraum in der Beratung von Pflege- und Adoptivfamilien. Jetzt ist er als Dozent für Grundlagen Christlicher Psychologie und Beratung im In- und Ausland unterwegs. Seine Arbeitsschwerpunkte sind zurzeit eine „Psychologie des Neinsagens“, „21+, Seminare für Christen, die schon über 21 Jahre Christen sind“ und „Das Lebenskunst-Online-Seminar“ (www.staunen.info). Er ist Autor mehrerer Bücher (Sachbücher, heiter-ernste Geschichten, Lyrik, www.Das-MannMann-Buch.de). Werner May ist seit über fünfunddreißig Jahren mit Agnes verheiratet. Sie haben sechs erwachsene Kinder.


„Wir vertrauen anderen viel öfter, als wir glauben. Und wir sind auch viel glaubwürdiger als wir denken.“ (David Dunning, Vertrauensforscher)


Inhaltsverzeichnis Innerer Monolog I: Vertrauen oder Misstrauen?.......................................... 9 Vertrauen, was bedeutet das?............................................. 12 Vom Wagnis des Vertrauens und von der ZurĂźckhaltung darin ......................................................... 15 Vom Misstrauensmodus in den Vertrauensmodus . ..... 19 Innerer Monolog II: Verbindendes Nein-Sagen............................................. 25 Das Nein, ein Ort des Vertrauens und des Misstrauens .......................................................... 26 Es gibt verschiedene Grenzen, die alle ihren Sinn machen ............................................... 30 Zwei Herzenskehrtwendungen . ...................................... 36 Die praktischen Schritte des verbindenden Nein-Sagens ........................................................................ 45 Beziehungsverletzte Menschen verstehen ..................... 54 Das verbindende Nein kennt auch Sanktionen ............ 56 Innerer Monolog III: Die Liebe als Quelle........................................................ 60 Das Nein und die Liebe..................................................... 61 Vom Traum, ein Doppelsieger zu werden...................... 64 Von der Kraft der inneren Vergebung ........................... 67 Hoffnung fĂźr unsere Welt ................................................ 69


Im Vertrauen oder im Misstrauen zu leben, sind zwei Grundhaltungen, die entscheidende Weichen stellen, wohin unsere Welt geht. Wesentliche Gedanken dieses Aufrufs wurden im Rahmen der Pädagogik1 entwickelt, sollen aber hier zusätzlich für das Alltagsleben von Erwachsenen dienlich gemacht werden. Zunächst, im Teil I, gilt es verständlich zu machen, was wir mit Vertrauen bzw. Misstrauen meinen. Im zweiten Teil führen wir in die Kunst des verbindenden Neins ein, dem gestaltenden Element und der fast ständig möglichen Einladung, in den Vertrauensmodus zu wechseln. Im dritten Teil soll unser Ja und unser Nein in das Größere der Liebe eingebunden werden. Im ersten und letzten Teil habe ich mich ausgestreckt, etwas zu fassen, was für den praktischen zweiten Teil den Horizont absteckt. Wir sehnen uns nach einem Leben mit Vertrauen, aber ist das nicht nur ein Traum, der nur gelegentlich Wirklichkeit wird? Wir spüren die Angst, die unter dieser so zerbrechlichen Oberfläche Vertrauen schlummert, die Angst verletzt oder ausgenutzt zu werden. Dass Vertrauen stärker ist, als beim kleinsten Gegenwind zu zerbrechen, davon handelt dieser Aufruf, und natürlich auch vom Gewinn, der entsteht, wenn Misstrauen überwunden wird. Aber auch der Preis, der zu zahlen ist, soll nicht verschwiegen werden.

1 Werner May (2001): Kindern Dialogisch Grenzen setzen.

IGNIS: Kitzingen Außerdem danke ich Heinz Etter für den persönlichen Austausch über seinen Entwurf einer Vertrauenspädagogik. www.fluestern.ch


Innerer Monolog I: Vertrauen oder Misstrauen? Ich solle ihm doch vertrauen, hat er mir fast beschwörend zugeflüstert. Ich könne ihm vertrauen. Das kann er leicht sagen. Wieso kann ich ihm nicht vertrauen? Wahrscheinlich, weil ich nicht weiß, wie ich bei ihm dran bin. Mal so, mal so, so kenne ich ihn in unserer Zusammenarbeit. Wenn wir uns treffen, scheint er mir nicht gerade begeistert zu sein, mich zu sehen, zumindest wirkt sein Gesichtsausdruck so. Und manchmal kann ich es einfach nicht glauben, wie er meine Fragen beantwortet. Ich spüre, dass er mir ausweicht, das kann nicht die Wahrheit sein, was er sagt. Allerdings, so musste ich zugeben, so viel besser bin ich auch nicht. Fazit: Ich misstraue ihm und er mir wahrscheinlich auch. Aber warum soll ich ihm vertrauen? Sicherheitshalber misstrauen, ist das nicht sicherer? Man weiß ja nie, zumindest kann so nichts Schlimmes passieren. In gewissem Sinne schützt mich mein Misstrauen. Ihm zu vertrauen, das wäre ein Wagnis. Wenn ich in meinem Leben zurückschaue, war ich da nicht manchmal zu vertrauensselig gewesen? Gut, ich gebe zu, ich fühlte mich manchmal herausgefordert, ein Wagnis des Vertrauens einzugehen, und manchmal zurückhaltend zu sein mit dem Vertrauen. Aber wann war was dran? Wenn ich nur Vertrauen leben würde, wenn ich nur Vertrauen leben könnte, das wäre natürlich traumhaft. Ich müsste keine Kraft verbrauchen, um mich zu sichern. Ich müsste keine Zeit verbrauchen, um mein Misstrauen zu prüfen. Und was wäre dann möglich an Zusammenarbeit? Unvorstellbares. Aber wer soll den ersten Schritt gehen? Wenn ich es mal probiere? Quasi mit angezogener Handbremse um rechtzeitig die Misstrauensscheibe vorzufahren? 9


Aber mal ehrlich, worauf soll es hinauslaufen? Grundsätzlich immer zu vertrauen? Ist so etwas möglich? Zumindest das Wagnis immer einzugehen. Und immer als erster? Kann sich das lohnen? Ich merke, solange ich nur an mich denke, wäre es ein Risiko, den Preis zu bezahlen, immer wieder mal betrogen zu werden. Solange ich nur an mich denke. Wenn jeder nur an sich denkt, werden manche gewinnen und manche verlieren. Und so wird es für immer bleiben. Je mehr ich mir diese Gedanken mache, umso mehr verspüre ich mich innerlich gespalten. Da ist eine Stimme, die diesen Gedanken Recht gibt, sie klingt klug, kann auf unzählige Erfahrungen hinweisen. Aber da gibt es einen anderen Teil in mir, im gewissen Sinne sprachlos. Ich gebe diesem Teil den Namen Sehnsucht. Sehnsucht nach wirklichem Leben, Sehnsucht nach Verbundenheit und Miteinander, nach gemeinsamen Lachen und gemeinsamen Weinen. Sehnsucht, nach einem Verständnis ohne Worte. Wo Blicke genügen, eine Sehnsucht, wo alleine die Anwesenheit eines anderen mir Stärke gibt und Frieden. Ja dieser Teil ist das Vertrauensland. Und der andere das Misstrauensland. Genau so ist es. Wie soll ich mich entscheiden? Soll ich mich überhaupt entscheiden? Plötzlich muss ich mir zugeben, dass ich in meinem bisherigen Leben keine positiven Erfahrungen verbucht habe, die im Misstrauensland gemacht wurden. Alle Siege dort haben in meiner Erinnerung einen faden Beigeschmack. Sie können unterm Strich als Plus verbucht werden, aber ich spüre, dass ich mich so selber betrüge. Gibt es denn nichts in meinem Leben, das anders klingt? Es war mir klar, dass ich jetzt auf die Spuren des Vertrauenslandes stoßen werde. Und tatsächlich, es gibt diese. Diese Erinnerungen sind hell und bunt und schön. Und voller Dankbarkeit.

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Unterm Strich kommt vielleicht auch keine große Summe heraus, das ist mir klar, aber ich spüre auch, dass sich das nicht zusammen rechnen lässt, das ist eine andere Währung, die anders zählt. Und mit einmal steht mir klar vor Augen, dass man diese beiden Länder nicht miteinander vergleichen kann. Im Vertrauensland kann man nicht rechnen. Dort wird nicht mehr aufgerechnet. Unser Vertrauensvorschuss ist immer umsonst.

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Vertrauen, was bedeutet das? Der Psychologe Petermann 2 beschreibt Vertrauen anhand dreier Kriterien: Erstens, ich vertraue dem anderen, weil ich glaube, dass er für mich ist. Zweitens, ich vertraue ihm, weil er die Wahrheit sagt, er sich als zuverlässig erwiesen hat. Drittens, der andere ist für mich vorhersagbar, d.h. sein Verhalten, seine Standpunkte und Überzeugungen weisen eine Dauerhaftigkeit auf. Alle drei Kriterien sind nötig, damit Vertrauen bleibt oder entsteht. Wenn wir diese drei Kriterien in ihr Gegenteil verkehren, dann bedeutet Misstrauen, dass ich erwarte, dass mein Gegenüber gegen mich ist, dass ich damit rechne, dass er nicht die Wahrheit sagt und/oder dass ich mir nicht sicher sein kann, ob er zu dem dauerhaft steht, was er sagt, und dass er sich in Zukunft auch ganz anders verhalten könnte. Eines dieser drei negativen Kriterien genügt schon, damit Misstrauen aufflackert. In beides können wir uns als Lebenshaltung gut einfühlen: In den Vertrauensmodus, indem wir Menschen gegenübertreten mit der Erwartung, dass sie nicht gegen uns sind, dass sie nicht lügen und dass wir uns auf sie verlassen können. In den Misstrauensmodus, zu erwarten, dass der andere nicht für mich ist, dass er nicht die Wahrheit sagt und dass er unberechenbar für mich bleibt, zumindest eine Unsicherheit über seine Zuverlässigkeit besteht. 2 Petermann, Franz (1996): Psychologie des Vertrauens, Ho-

grefe-Verlag: Göttingen

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Selbstverständliches Vertrauen Die meiste Zeit unseres Lebens leben wir im Vertrauensmodus, ohne dass uns dies ständig bewusst ist. Wenn ich in mein Auto steige, dann vertraue ich, dass es so fährt, wie es vorher gefahren ist, ohne darüber nachzudenken. Wenn ich in einer Gaststätte eine Mahlzeit zu mir nehme, dann vertraue ich, dass dieses Essen nicht verdorben oder sogar vergiftet ist. Wenn ich auf der Autobahn fahre, dann vertraue ich, dass keiner der anderen Autofahrer bewusst einen Unfall bauen will, usw. Selbstverständliches Misstrauen Wir wissen aber auch, dass nicht alle Lebensbereiche und nicht alle Lebenszeiten von Vertrauen geprägt waren und sind. Zum Beispiel haben wir gelernt, bestimmten Menschen und bestimmten Situationen zu misstrauen. Als Kind wurde mir beigebracht: „Traue keinem Fremden.“ Als junger Erwachsener kursierte unter uns der Spruch „Traue niemand über 30“. Allgemein können wir sagen, dort, wo wir mit Menschen unangenehme Erfahrungen gemacht haben oder diese uns vorausgesagt werden, dort, wo wir enttäuscht worden sind, wo wir verraten wurden, zeigen wir Misstrauen. Dieses Misstrauen kann sich auch auf andere Situationen und andere Menschen übertragen. Irgendwelche Signale am anderen oder in bestimmten Situationen aktivieren misstrauische Bewertungen oder erinnern uns an andere Personen, mit denen wir negative Erfahrungen gemacht haben, ohne dass uns das bewusst wird. Die wichtige Basis des Vertrauens Wo es auf Kooperation und Zusammenarbeit ankommt – und wo kommt es nicht darauf an? – werden wir im Misstrauensmodus unsere Ziele nur schwer erreichen 13


und damit nur kleine Schritte gehen können. Angst, gepaart mit Misstrauen, bietet kein gutes „Geschäfts- oder Beziehungsklima“. Kooperation, ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander, ist nötig in der Familie, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Kollegen am Arbeitsplatz, zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten, zwischen Firmen und Institutionen, zwischen Völkern und Nationen. Und langfristig hat es sogar einen Wert und macht Sinn, auch dort im Vertrauensmodus zu verbleiben, wo es zunächst nicht um Kooperation geht, wo zumindest teilweise Kampf angesagt ist, wo wir lernen müssen, wie wir unsere Feinde lieben. Wenn wir uns an Vertrauenssituationen erinnern, wenn wir uns Menschen vergegenwärtigen, denen wir kindlich vertrauen, dann fühlen wir uns entspannt, angstfrei und offen für das, was gerade ansteht. Einander vertrauen setzt Synergien frei, d.h. jeder kann seinen Beitrag einbringen und es kommt dabei mehr heraus als die Summe der Einzelnen. Ein Raum von Vertrauen ermutigt uns „zu lachen mit den Lachenden“ und „zu weinen mit den Weinenden.“

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Vom Wagnis des Vertrauens und von der Zurückhaltung darin Das Phänomen des Vertrauens soll anhand eines so genannten Polaritätenmodells, näher beschrieben werden. Dieses Polaritätenmodell, das auf Schulz von Thun3 zurückgeht, geht davon aus, dass sich ein Phänomen am besten durch zwei entgegengesetzte gesunde Pole beschreiben lässt und jeder dieser Pole besitzt eine Übertreibung, also eine negative Ausprägung. Im konkreten Leben soll sich unser Handeln in der Dynamik innerhalb der gesunden Spannung zwischen den Polen bewegen. Ein Beispiel: Es wird später eine Aufgabe sein, in der Kunst, ein verbindendes Nein zu sagen, zu einem schlichten, einfachen Ja und einem schlichten, klaren Nein zu finden. Das sind zwei gesunde Pole unseres Lebens. Doch es gibt noch die Übertreibung des Jas, ein „Ja – um jeden Preis“ oder, ein „Immer Ja-Sagen“. Die ungesunde Übertreibung des Neins wäre „Nein, auf keinen Fall“ oder „Immer Nein“. Bin ich gefangen in einem „Immer Ja-sagen“ oder einem „Ja – um jeden Preis“ dann, so rät das Polaritätenmodell, sollte ich die gegenseitige Tugend, das Nein-Sagen üben, um aus dieser Gefangenschaft herauszukommen. Umgekehrt, bin ich gefangen in einem „Immer Nein-sagen“, dann muss ich das Gegenteil, das Ja-sagen einüben, um zu einem gesunden Nein zu finden. Für ein Leben im Vertrauensmodus ist es nun wichtig, in der Dynamik des Vertrauens zuhause zu sein. Dies heißt weder in einer Dynamik zwischen Vertrauen und Misstrauen, noch in einem starren Verhalten von Vertrauen. 3 Die Gedanken Schulz von Thuns wurden in dem IGNIS-

Werkstattblatt Nr. 14 Ulrike Lang und Werner May „Auf beiden Seiten vom Pferd fallen“ – Vom lebendigen Rhythmus: Das Polaritätenmodell weiterverarbeitet.

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Was könnten die beiden gesunden Pole des Vertrauens sein? Der eine Pol soll als „Das Wagnis des Vertrauens“ benannt werden und der andere als „Die Zurückhaltung mit Vertrauen“. Damit lässt sich eine realitätsnahe Spannung des Vertrauens in unserem Leben ausdrücken. Neben dem gewohnten, selbstverständlichen Vertrauen ist es immer wieder nötig, das Wagnis des Vertrauens einzugehen, einen Vorschuss an Vertrauen zu gewähren. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht blind zu vertrauen, sondern sich in bestimmten Situationen mit dem Vertrauen Zeit zu lassen und zurückhaltend zu sein. Eine Freundin aus den USA ist es gewohnt, beim Shopping immer in Tuchfühlung zu ihrer Handtasche zu bleiben. Sie muss ein Wagnis des Vertrauens eingehen, einmal die Hand wegzunehmen, wenn ich ihr versichere, dass dies in unserer Stadt nicht nötig ist. Ich dagegen sollte in den Großstädten der USA mit diesem Vertrauensschritt zurückhaltend sein. Was wären nun die Übertreibungen? Die Übertreibung „des Wagnisses des Vertrauens“ kann als „Vertrauensseligkeit“ bezeichnet werden, ein unkritisches, blindes Vertrauen gegenüber jedermann und allem. Die andere Seite, die Übertreibung „Der Zurückhaltung im Vertrauen“, wäre das „Misstrauen“. Die Dynamik des Polaritätenmodells empfiehlt, wenn ich im Leben viel mit Misstrauen zu kämpfen habe, dass ich lernen muss, den gegenteiligen, gesunden Pol „Das Wagnis des Vertrauens“ immer wieder einzugehen. Bin ich dagegen, gekennzeichnet von einer Vertrauensseligkeit, dann sollte ich „die Zurückhaltung mit Vertrauen“ einüben.

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Selber eine Vertrauensperson werden Die bekannte goldene Regel sagt aus, dass ich das, was ich erwarte, was andere mir nicht tun sollen, ihnen auch nicht tue. Oder positiv ausgedrückt, so wie es im Evangelium zu finden ist, das, was ich von anderen erwarte, das soll ich ihnen auch tun. Auf unser Thema bezogen: Wenn wir lernen wollen, im Vertrauensmodus zu leben, dann gehört dazu, selbst eine vertrauenswürdige Person zu werden. Die Eigenschaften einer vertrauenswürdigen Person können nicht in einem schnellen Lernprozess antrainiert werden, sondern es benötigt ein langfristiges Reifen und Heilwerden. Was kennzeichnet eine Vertrauensperson? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, ob man mich für eine vertrauenswürdige Person hält, bekomme ich spontane Zustimmungen, aber auch zögerliche Reaktionen, je nachdem, welche Erfahrungen die Befragten mit mir gemacht haben. Worauf muss ich achten, wenn ich eine Vertrauensperson werden will? – Ich kann dem anderen vermitteln, dass ich für ihn bin. Das wird wahrscheinlich heißen, dass ich ihm gemeinsame Zeit schenke und versuche, ihn zu unterstützen. – Er kann mich beobachten, wie ich andere vertrauenswürdig behandle, indem ich z.B. über Abwesende nur so rede, wie ich es in deren Gegenwart tun würde. Das gibt ihm eine Sicherheit, dass ich mich ihm gegenüber auch so verhalten würde. – Ich werde versuchen, die Wahrheit zu sagen, bzw. mich korrigieren, wenn ich lüge oder übertreibe. Selbst achte ich darauf, möglichst zu dem zu stehen, was ich sage und verspreche, bzw. rechtzeitig auf Än17


derungen aufmerksam zu machen, wenn ich etwas nicht einhalten kann. – Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ich mich anderen zeige, mich mitteile, was ich denke und fühle, was meine Meinungen sind. – Der andere soll verspüren, dass ich ein Mensch bin, der sich für sein Verhalten verantwortet, auch sich seinem Gewissen und Gott gegenüber verpflichtet weiß. Eine vertrauenswürdige Person zu werden, stellt neben der Kunst des verbindenden Neins eine weitere lohnenswerte Lebensaufgabe dar. Sie beginnt mit unserer Entscheidung dafür, das von Herzen werden zu wollen und mit der Bitte an Gott, uns darin Gelingen zu geben.

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Vom Misstrauensmodus in den Vertrauensmodus Da kein Mensch, also auch wir, 100 %-ig vertrauenswürdig ist, scheint es nötig zu sein, aus dem Misstrauensmodus auszusteigen, bevor wir selbst ausreichend vertrauenswürdige und vertrauende Menschen geworden sind. Nur so kann der Teufelskreis des Misstrauens durchbrochen werden hin zu einem Segenskreis des Vertrauens. Fangen wir heute damit an. Der Prozess des Umsteigens vom Misstrauensmodus in den Vertrauensmodus folgt einer gewissen inneren „Logik“. 1. Ich akzeptiere, dass ich mich bisher im Misstrauensmodus bewege Ausgangspunkt ist, dass wir dies akzeptieren und zugeben, wenn wir uns selbst im Misstrauensmodus befinden. Dies kann überall dort der Fall sein, wo Konflikte, unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie etwas sein soll, oder Interessenskonflikte vorliegen, zum Beispiel im pädagogischen Alltag zwischen Eltern und Kindern, zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, zwischen Ehepartnern, deren Beziehung belastet ist. Hier müssen wir uns fragen, ob wir glauben, dass der andere für mich oder zumindest nicht gegen mich ist. Glaube ich, dass der andere nicht lügt? Glaube ich, dass der andere zu dem steht, was er verspricht? Wenn es nicht so ist, dann befinde ich mich im Misstrauensmodus. 2. Ich verlasse den Misstrauensmodus Der nächste logische Schritt fordert, selbst den Misstrauensmodus zu verlassen und in den Vertrauensmodus zu wechseln. Das heißt in Konsequenz, dass ich auf alle Erklärungen des Misstrauensmodus verzichte, sowie alle Strategien des Misstrauensmodus beiseite lege. Ich ver19


zichte auf Schuldzuweisungen, ich verzichte auf Feindbilder, ich verzichte auf Vorurteile, ich verzichte auf Unterstellungen, ich verzichte auf Selbstrechtfertigungen. So etwas kann mir nicht alleine gelingen. Es wird sicher nötig sein, dass mir jemand (ein Freund, ein Seelsorger, ein Berater, ein Mentor,…) zu diesen Einsichten verhilft, mich auf blinde Flecken, auf Vorurteile und falsche Einschätzungen aufmerksam macht. Es wird wohl zusätzlich nötig sein, dass ich mich selbst innerlich gesichert und gehalten weiß, um den Schritt gehen zu können, auf alles Bisherige, was mich geschützt hat, was mich als den Guten hinstellt, zu verzichten. Wenn ich in den Vertrauensmodus wechsle, lege ich im gewissen Sinne meinen Misstrauensschutzpanzer ab und meine Waffen beiseite und mache mich damit ohne Zweifel verletzbarer. Eine Alternative zum Misstrauensschutz, eine neue, echte Sicherheits- und Schutzerfahrung, kann das Aktivieren bestehender verlässlicher Beziehungen sein und das Gehaltensein in der Glaubensdimension der Gegenwart des liebenden und schützenden Gottes. Suche ich zum Beispiel eine konfrontierende Aussprache mit meinem Vorgesetzten, tut es gut zu wissen, dass Freunde mich dazu ermutigt haben, diesen Schritt zu gehen und vor allem, dass ich meine Ängste und Unsicherheiten für so ein Gespräch im Gebet Gott bringen kann und Vertrauen habe, dass er aktiv und unterstützend bei mir ist. 3. Auch der andere sehnt sich nach Vertrauen Nach dem Verlassen des Misstrauensmodus ist es unbedingt nötig, in der „Philosophie des Vertrauensmodus“ zu wachsen und dieser in jeder Situation zuzustimmen. Der Kern dieser „Philosophie“ ist, dass jeder Mensch, ob mein Kind, mein Ehepartner, mein Chef, mein Konkurrent, sich nach Vertrauen sehnt. Jeder sehnt sich danach, geliebt zu sein, angenommen zu sein und die Angst des Lebens nachhaltig zu reduzieren. 20


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