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1 IGNIS-Edition

Fünf Krümel und zwei Fischgräten Mut zur Seelsorge in der Gemeinde


2 Zu diesem Buch

Seit nun fast 15 Jahren führe ich die 2-jährige Schulung „Praktische Seelsorge“ durch, eine Schulung für Seelsorge in der Gemeinde. Die 15 Wochenendeinheiten sind sehr praxisorientiert und wollen Menschen für den Dienst der Seelsorge im Rahmen der Gemeinde ermutigen und zurüsten. Ebenso wird der Einzelne angesprochen, Einsicht in eigene Grenzen und in die Entwicklung von Möglichkeiten zum Umgang mit diesen Grenzen zu gewinnen. Mein Leitwort für diese Seelsorgeschulung stammt aus dem Epheserbrief: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.“ (Eph 4, 15 – 16) Der vorliegende Band der IGNIS-Edition „Fünf Krümel und zwei Fischgräten“ fasst wesentliche Impulse des ersten Schulungswochenendes zusammen. Sie sind programmatisch für mein Grundanliegen: Menschen zum Hinhören auf Gott und zur Sorge füreinander zu ermutigen, und so Gemeinde als Ort der Heilung wieder herzustellen. Ich hoffe, diese Ermutigung findet auch in geschriebener Form Zugang zu den Herzen und weckt Hoffnung und Einsatzbereitschaft für dieses Ziel. Danken möchte ich für das Vertrauen all derjenigen, die sich bisher in zahlreichen Kursen auf diese Impulse eingelassen haben. Das sind bis heute mehrere tausend Menschen gewesen. Mein Dank gilt aber auch all denen, die als Dozenten dazu beitragen, dass diese Schulung ein Segensort geworden ist und auch bleiben soll. Für die Lektoratsarbeiten danke ich Werner und Agnes May. Kitzingen, Januar 2007

Wolf-Dieter Hartmann


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Wolf-Dieter Hartmann

Fünf Krümel und zwei Fischgräten Mut zur Seelsorge in der Gemeinde


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Impressum 1.Auflage IGNIS-Edition IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie Kanzler-Stürtzel-Str.2, D-97318 Kitzingen, 2006 Satz und Druck: Schönbach-Druck GmbH, D-64390 Erzhausen Titelbild: Collage KEYWORDS von Harald Wirkner, Bauhaus Kitzingen ISBN:


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Inhaltsverzeichnis Seite 8

Einführung

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Seelsorge – Wachsen können in einer Atmosphäre der Aufmerksamkeit

20

Seelsorge in der Gemeinde – Gemeinde als Ort für heilsames Wachstum

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Einige Aspekte seelsorgerlicher Begleitung

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Die Phasen des Seelsorgegesprächs

68

Mut zur Seelsorge – Mut zu Hingabe und Wachstum


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Einführung Welches Ziel steht mir vor Augen, wenn ich Menschen auf eine Reise der Seelsorge mitnehmen möchte? Mein Anliegen ist, dass wir in unserer ganzheitlichen Identität in Christus wachsen können und weiter wachsen. Viele Bibelverse weisen darauf hin, wie sehr wir Menschen auf ein Ziel und auf ein andauerndes Wachsen und Reifen zu diesem Ziel hin angelegt sind. Im Brief an die Epheser z.B. heißt es: „Der Leib Christi soll erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi.“ (Eph 4, 12f) Das ist die Perspektive der Seelsorge, für die dieses Buch Mut machen soll: in vollem Maß in die Fülle Christi zu kommen, verwandelt zu werden in sein Ebenbild. Dieses Ziel gilt (auch wenn Paulus in seinem Brief die männliche Form benutzt) für Männer und Frauen. Und ich hoffe, dass sich beide, Männer und Frauen, mit diesem Ziel identifizieren können und durch dieses Buch zum persönlichen Wachstum ebenso wie zu einer Unterstützung der Wachstumsprozesse anderer ermutigen lassen. Bevor wir ins Thema einsteigen, werde ich zunächst etwas von mir erzählen, damit der Leser weiß, wer diese Zeilen geschrieben hat, auf wen er sich einlässt. Ich bin in einem normalen christlichen Elternhaus groß geworden. Kann man das so sagen? Nach meinem heutigen Verständnis vom normalen Christsein eigentlich nicht mehr, denn in meinem Elternhaus gingen wir zweimal im Jahr zur Kirche, einmal zu Weihnachten und einmal zur Hochzeit, und mit der Konfirmation bin ich mehr oder weniger aus der Kirche hinauskonfirmiert worden. Es hat dann sehr lange Zeit gedauert, bis der christliche Glaube in meinem Leben Realität geworden ist.


8 Nach dem Abitur und der Bundeswehr habe ich Psychologie in Hamburg studiert. Meine Mutter, die zwischenzeitlich zum Glauben gefunden hatte, hat damals immer wieder versucht, mich zu missionieren. Ich habe ihr erwidert, dass sie ihren Glauben behalten solle, ich hätte meine Psychologie. Und das war mir wirklich genug zu diesem Zeitpunkt. Aber dann gab es in meinem beruflichen und privaten Leben Dinge, die mich an meine Grenzen führten, unter anderem, dass in meine Praxis Menschen mit Schwierigkeiten kamen, auf die ich keine Antwort hatte, z.B. eine Frau, die wegen Krebs nur noch zwei Monate zu leben hatte, oder ein Mann, der jemanden umgebracht hatte. Ich kam ins Fragen. Dazu kamen Schwierigkeiten in meiner Ehe, die so weit gingen, dass meine Frau und ich uns trennten, weil wir in unserer ganzen Suche nach Selbstverwirklichung ebenfalls an eigene Grenzen gekommen waren. In dieser Suchbewegung bin ich dann über Anthroposophie und verschiedene andere Richtungen in ein Zentrum für initiatische Therapie im Schwarzwald gekommen, wurde dort mit einer Mischung aus Zenbuddhismus und jungscher Analyse konfrontiert. Eines Tages sagte eine Mitarbeiterin zu mir, ich solle einmal ein paar geistige Schritte tun. Dafür schlug sie mir einige esoterische Wege vor. Ich wollte mir das überlegen und bin spazieren gegangen. Auf diesem Spaziergang im Schwarzwald hatte ich plötzlich ein Bild vor Augen, ein Bild von einem Marktplatz, von dem verschiedene Wege abgehen. Ich war neugierig, weil an den Wegen Schilder standen und wollte wissen, was darauf geschrieben war. Da las ich auf dem einen „Anthroposophie“, auf dem nächsten „Buddhismus“ … Es waren verschiedene esoterische Wege, die von diesem Marktplatz abgingen. Ich habe gleich verstanden, dass dies meine Situation darstellte: Ich befinde mich auf diesem Marktplatz, dass ist meine Lebenssituation, und es geht darum, dass ich einen Weg einschlage. Und während ich noch umherschaute, da tauchte plötzlich ein Schild auf, auf dem stand „Jesus Christus“. Und


9 von einem Moment auf den anderen wusste ich: Das ist der Weg. Wenn mir jemand zuvor gesagt hätte: „Du wirst dich auf dem Spaziergang für Jesus Christus entscheiden als den Weg, die Wahrheit und das Leben.“ - ich hätte gesagt: „Alles, nur das nicht!“ Aber in dem Moment, als dieses Schild auftauchte, wusste ich zutiefst in meinem Herzen: Das ist der Weg. Trotzdem war ein Kampf in mir. Schon in der Ehe mit meiner Frau hatte es viel Kampf gegeben, weil ich mich eigentlich nicht festlegen wollte. Und ich wusste, wenn ich mich jetzt festlegte, wenn ich Ja sagte zu diesem Weg mit Jesus Christus, dann würde es kein Zurück geben. Alle anderen Wege ließen eine Art Unverbindlichkeit zu. Man konnte fünf Schritte vorwärts gehen, zehn Schritte zurück, sich nach links nach rechts bewegen. Aber dieser Weg, das war mir klar, da gibt es kein Zurück. Und weil es so klar war, da habe ich auf diesem Spaziergang im Schwarzwald Ja zu Jesus gesagt, ganz alleine. Ich bin dann nach Hause gefahren und habe erst einmal so weitergelebt wie vorher. Meine Frau und ich, wir haben uns in dieser Zeit auch noch scheiden lassen. Erst ein Jahr später bin ich in Hamburg in einen Grundkurs des Glaubens gekommen, man würde ihn heute Alphakurs nennen. Und das war mein Zugang zur Gemeinde. Ich wusste, als ich dort das erste Mal war, dass ich zu Hause angekommen war, dass ich wie nach einer langen Seefahrt im Hafen eingelaufen war. Ich habe danach meine geschiedene Frau angerufen und Sie auf diesen Grundkurs des Glaubens aufmerksam gemacht, denn ich wusste, dass auch sie auf der Suche war. Sie hat den Folgekurs besucht, einen Crashkurs von Dienstag bis Samstag, jeden Abend. Am Ende stand die Frage: Wie willst du dein Leben weiterführen? Und sie hat sich am Ende des Kurses auch für Jesus entschieden. So haben wir uns dann sonntags immer im Gottesdienst getroffen.


10 Nach drei Monaten hat sie mich gefragt, was das eigentlich solle, dass wir uns jeden Sonntag im Gottesdienst treffen. Ich habe ohne zu überlegen erwidert; „Dass wir wieder heiraten.“ Und sie hat ohne zu überlegen Nein gesagt. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, mich wieder zu heiraten, was ich sehr gut nachvollziehen konnte, auch heute noch, wenn ich das zurückerinnere. Es hat eine Zeit gedauert, bis Gott ihr klar gemacht hat, dass sie etwas Wesentliches versäumt, wenn sie mich nicht wieder heiratet. Und so haben wird 1985 zum zweiten Mal geheiratet und haben jetzt zwei Kinder aus zweiter Ehe. Ich sage immer: aus meiner zweiten Ehe mit meiner ersten Frau. In der Zwischenzeit sind wir über dreißig Jahre verheiratet, wenn man die erste Ehe mitrechnet. Ich habe im Nachhinein festgestellt, dass meine Mutter acht Jahre lang für uns gebetet hatte, schon während der Zeit unserer Trennung und über die Scheidung hinaus. Sie hat nie akzeptiert, dass wir geschieden waren, sondern vor Gott daran festgehalten, dass er ihr zugesagt hatte, sie und ihr Haus sollten selig werden. Im privaten Bereich war es für mich also sehr eindrücklich, wie Gott das gemacht hat. Beruflich habe ich zu der Zeit in einer privaten Praxis für Psychotherapie gearbeitet. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich eine Spannung bemerkte zwischen dem, was ich in meiner Ausbildung als Psychologe und als Psychotherapeut gelernt hatte, und dem, was ich in der Bibel las, im Hauskreis mitbekam oder in Predigten hörte. Auf der Suche, diese Spannung aufzulösen, bin ich auf eine Gruppe Psychologen gestoßen, Psychologen, die Christen waren und die eine christliche Psychologie entwickeln wollten, basierend auf dem Wort Gottes. Als ich sie zum ersten Mal traf, schien mir ihr Ansatz viel zu radikal. Ich hatte die Vorstellung, irgendetwas zu finden, um das, was ich gelernt hatte, mit meinem Glauben zu verbinden.


11 Aber eine neue, eine christliche Psychologie, das war vielleicht doch etwas übertrieben. Trotzdem habe ich Feuer gefangen und suchte jede Gelegenheit, wieder mit ihnen in Kontakt zu kommen. Und dann, bei einem Grundkurs in Christlicher Psychologie, war an einem Wochenende das Thema: Welche Bedeutung hat das Wort Gottes für dich und dein Leben? Was ist die höchste Instanz für dein Denken, für dein Handeln? Ich bin von diesem Wochenende mit Bauchschmerzen nach Hause gefahren, und das, weil ich die Vorstellung hatte: Wenn ich mich für Gottes Wort als letzter und höchster Instanz und Autorität entscheide, dann kann ich meinen Beruf an den Nagel hängen. Die Vorstellung, jedes Mal zu überlegen, was darf ich machen, was darf ich nicht machen, das schien mir so riesig, dass ich dachte, das schaffe ich nie. Ich wusste aber gleichzeitig, wenn ich die Entscheidung nicht treffe, dann kann ich stattdessen meinen Glauben an den Nagel hängen. Schließlich hat mir Gott eine wichtige Lektion erteilt. Nach drei Wochen hat er mich angesprochen und gefragt: „Was machst du dich eigentlich so verrückt? Entscheide du dich für mein Wort, und ich werde deine Arbeit verändern.“ Da habe ich ganz schnell Ja gesagt und das Ganze losgelassen. In der Folgezeit habe ich gemerkt, dass manche Dinge sich veränderten, aber ich habe nicht weiter darauf geachtet. Nach einem halben Jahr ungefähr hat mich jemand gefragt, wie ich jetzt eigentlich arbeite. Da habe ich ihm erzählt, was ich in den Therapien tue, und nach einer Weile sagte er: „Mensch, du machst das ja so, wie wir uns das in der Christlichen Psychologie vorstellen.“ Und im Rückblick konnte ich sehen, wie Gott manche Dinge einfach weggenommen hatte, ohne dass mir das aufgefallen war. Bei anderen hörte ich, dass ich es lassen sollte. Ja, Gott hatte meine Arbeit verändert. Eines Tages habe ich dann gebetet und Gott gefragt, wie er mich in dem gesamten Arbeitsfeld der Christlichen


12 Psychologie sieht. Da hat Gott mir klargemacht, dass er sein Reich mit mir nicht in einer privaten Praxis bauen will, sondern dass er möchte, dass die Gemeinde als Ort der Heilung wiederhergestellt wird. Ich habe mir noch etwas mehr Klarheit erbeten, mir ein spezielles Wort gewünscht. Zwei Bibelstellen sind mir da in den Sinn gekommen. Die eine war das ganze Buch Haggai. Dort heißt es im Kapitel 1 Vers 2: „Dies Volk spricht, die Zeit ist noch nicht da, dass man des Herrn Haus baue, aber eure Zeit ist da, dass ihr in getäfelten Häusern wohnt und dies Haus muss wüst stehen.“ Und Vers 8: „Geht hin ins Gebirge und holt Holz und baut das Haus, es soll mir angenehm sein und ich will meine Herrlichkeit erweisen spricht der Herr.“ Und Kapitel 2, Vers 9: „Es soll die Herrlichkeit dieses neuen Hauses größer werden als die des ersten gewesen ist, spricht der Herr Zebaoth und ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der Herr Zebaoth.“ Diese Worte sind mir deshalb so wichtig, weil Gott mir mit diesen Worten einen Rahmen gegeben hat, ein Fundament, und gleichzeitig ein Ziel und eine Richtung. Er hat mir klargemacht, was er tun will. Er will die Gemeinde als Ort der Heilung wiederherstellen. Ich bin seitdem auf der Suche danach, wie die Gemeinde als Ort der Heilung aussieht. Ich weiß es noch nicht. Ich habe manchmal so eine Ahnung, manchmal blitzt so etwas auf, wie es sein könnte, aber ich habe keine Struktur, wie man das machen könnte, Schritt 1, 2, 3, 4 usw., sondern nur das tiefe Vertrauen, dass Gott es tun will und wird. Und das zweite Wort war aus Epheser 4, aus dem ich schon oben zitiert habe: „Der Leib Christi soll erbaut werden bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig sind und uns von jedem Wind einer Lehre umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, indem sie uns arglistig verführen. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin der das Haupt ist,


13 Christus. Von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.“ (Eph 4, 12b -16) Das ist die Perspektive. Das ist das, was Gott mit uns vorhat, was er tun wird. Mit diesen beiden Worten im Herzen bin ich dann, bzw. sind wir als Familie 1989 nach Würzburg gezogen, weil ich die Anfrage bekam, die Arbeit von IGNIS mit aufzubauen.


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Seelsorge – Wachsen können in einer Atmosphäre von Aufmerksamkeit In diesem Buch möchte ich dazu ermutigen, Seelsorge als eine wichtige Unterstützung im Wachstumsprozess eines jeden Christen zu verstehen. Und ich möchte dazu ermutigen, dass wir in den Gemeinden zu dieser Art Seelsorge füreinander bereit sind, dass wir wachsen wollen und uns dabei unterstützen und unterstützen lassen. Seelsorge nur bei „dicken Problemen“? Bei Schulungen oder in Gesprächen erfahre ich immer wieder, wie unterschiedlich die Vorstellungen sind, wenn das Wort Seelsorge gebraucht wird. Das, was mir am häufigsten unter diesem Stichwort begegnet, ist das Verständnis, dass jemand, der Probleme hat, „dicke Probleme“ hat, Seelsorge braucht. Seelsorge ist für viele also etwas Ähnliches wie Therapie, und das Ziel ist, wie man Probleme, ich sage es jetzt etwas flapsig, wegbekommt. Und da es um „dicke Probleme“ geht, kann hier nicht jeder x-Beliebige helfen. Ich erinnere mich an meine Anfangszeit in der Gemeinde in Hamburg oder an große Veranstaltungen. Da fielen mir neben den Pastoren, dem Lobpreisteam, den Kindermitarbeitern und einigen anderen Diensten besonders diejenigen mit der orangefarbenen Binde auf, das waren die Ordner, und dann gab es diejenigen mit der grünen Plakette mit dem S darauf, das waren die Seelsorger, also die Seelsorgespezialisten. Ist es das, was wir brauchen? Spezialisten für Seelsorge? Was ist ihr Auftrag? Diese Frage hat mich beschäftigt, seit ich zum Glauben gekommen bin. Seelsorge: Mitsorgen für das Wachstum in dem von Gott geschenkten Leben Ich habe versucht, aus dem Wort Gottes Klarheit darüber zu bekommen. Doch das Wort Seelsorge kommt in der Bibel so direkt nicht vor. Erst wenn man die zwei Worte auseinander


15 nimmt, Seele und Sorgen, dann erkennt man plötzlich, dass das ganze Wort Gottes voll ist von seelsorgerlichen Impulsen. Wir lesen, wie Gott selbst sich um unsere Seele sorgt, und dass wir für unsere und die Seelen der anderen sorgen sollen, z.B. durch Gehorsam, in der Bruderliebe: „Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe, so habt ihr euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen.“ (1 Petr 1, 22) Dabei ist mir auch deutlich geworden, dass mit Seele in der Bibel nicht ein irgendwie psychologisch definiertes Innenleben gemeint ist, sondern dass es um den ganzen Menschen und sein Leben, um das von Gott geschaffene lebendige Wesen geht. Für dieses Wesen sorgt Gott selbst und er gibt Anregungen, wie wir unser Leben führen und selbst für das sorgen sollen, was er uns anvertraut hat. Es geht also bei Seelsorge nicht nur um die „dicken Probleme“ und die Spezialisten zu deren Beseitigung, sondern es geht um jeden Christen und sein Wachstum in dem von Gott geschenkten Leben. Dieses Wachstum vollzieht sich in der Beziehung zu Gott selbst und in der Beziehung der Gläubigen untereinander. Es ist ein Wachstum innerhalb, durch, mit und für den ganzen Leib Christi. Was stellen wir uns vor, wenn wir hören, dass es um „Wachstum“ gehen soll? Mir fallen spontan einige Bilder aus der Natur ein: Ein Löwenzahn, der durch den Asphalt durchbricht. Oder ich habe kürzlich Rhabarberstauden gesehen, wie die wachsen, wie die sprießen. Oder wie Kartoffeln im Keller versuchen, zum Licht hin zu keimen. Unglaublich. Wie kann das geschehen? Was fördert Wachstum? Ich habe mir überlegt, was es eigentlich zum Wachstum braucht, was der Mensch zum Wachstum braucht. Ein paar Dinge sind mir deutlich geworden.


16 Es braucht einerseits einen Boden dafür, es braucht eine Grundlage, eine Verwurzelung, etwas, woraus wir Nahrung ziehen können. Bibelkennern fällt dazu wahrscheinlich Psalm 1 ein, wo es darum geht, dass wir wie ein Baum an Wasserbächen gepflanzt sind. Wir brauchen Halt, manchmal zusätzlich zum Boden einen Stock, an dem wir wie kleine Bäume abgestützt sind, damit wir nicht umgeblasen werden vom Wind. Um wirklich wachsen zu können, brauchen wir jemanden, der da ist, der uns hält, der zu uns steht. Wenn kleine Kinder anfangen, in die Welt hinauszugehen, vergewissern sie sich immer, ob die Eltern auch noch da sind. Sie laufen ein Stück und schauen sich dann um. Und irgendwann laufen sie ohne sich umzuschauen (und die Eltern werden anfangs hinterherlaufen und schauen, ob alles auch in Ordnung ist). Wenn Kinder diesen Orientierungspunkt nicht haben, wird unglaublich viel an Kraft, an Energie verbraucht, um sich Halt zu holen. Dann brauchen wir eine Bestimmung, wir brauchen eine Berufung, etwas was uns klarmacht: Dazu bist du da und dort sollst du hinkommen. Wir brauchen etwas wie die Pflanzen, wonach wir uns ausstrecken können. Wie die Pflanzen sich zum Licht ausstrecken, so brauchen wir eine Orientierung, einen Orientierungsrahmen, etwas, das als Vorgabe dient, wie ein Licht am Ende des Tunnels, ein Feuer in der Nacht, ein Leuchtturm, auf den wir zusteuern. Dann ist Aufmerksamkeit ein wichtiger Punkt, um zu wachsen. Ein Kind, das von seinen Eltern aufmerksam begleitet wird, kann sich entwickeln und dazulernen. Umgekehrt können wir erleben, wie es z.B. in der Schulklasse ausufert, wenn Kindern keine Aufmerksamkeit geschenkt wird und sie keine gute Art entwickelt haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie fangen an, den Kasper zu spielen oder andere Dinge zu veranstalten, um Aufmerksamkeit zu erhalten, statt dass sie lernen. Auch als Erwachsenen bleibt uns das


17 Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von anderen, die achten, wer wir sind und was wir tun, die uns ermutigen und in Liebe korrigieren. Jeder kann für sich überlegen, was er am Tag alles so veranstaltet, um Aufmerksamkeit zu erlangen, und, falls er nicht beachtet wird, wie das von den eigentlichen (Wachstums-) Aufgaben abhalten kann. Ich habe festgestellt, dass Gott seine ganze Aufmerksamkeit für uns hat, jederzeit. Und wenn wir uns ihm zuwenden, merken wir, wie er da ist mit seiner ganzen Aufmerksamkeit. Und er möchte, dass wir mit unserer ganzen Aufmerksamkeit bei ihm sind. Weil wir nur dann frei werden, für andere aufmerksam zu sein und die Aufmerksamkeit anderer in einer gesunden Art und Weise anzunehmen. Sonst wird es nämlich sehr anstrengend, wenn wir versuchen aus eigener Kraft unsere Aufmerksamkeitsbedürfnisse zu stillen. Keiner wächst unbeschadet auf Verwurzelung und Halt haben, um Bestimmung und Ziel wissen, Aufmerksamkeit erleben, das sind ein Leben lang wichtige Faktoren für menschliches Wachstum. Doch wie sieht das normalerweise bei uns Menschen aus? Wir fangen an zu wachsen, ein Kind wächst körperlich, auch geistig und seelisch. Dazu ist es da. Doch was wir hier erleben, ist, dass Kinder schon sehr früh in ihrem Wachstum gebremst werden. „Lauf nicht zu weit!“ - „Nimm nicht zu viel!“ - „Sei leise, nicht so laut!“ - „Halt den Stift so, mal das Bild so!“ … Der Raum, den Kinder bekommen, um ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entfalten, wird sehr rasch eingeengt. Dies ist nicht notwendigerweise ein Wachstumshindernis. Wenn es in Liebe geschieht dient das Begrenzen vielmehr wie der Stab bei den kleinen Bäumen dem gesunden Wachstum. Es wird jedoch nicht immer in Liebe geschehen, und so können die Einflüsse unserer Entwicklungsgeschichte unser Herz so zudecken, prägen und verformen, dass kaum noch etwas übrig bleibt, um weiter zu wachsen.


18 Es ist, als wären lauter Sicherheitssysteme eingebaut, als hätten wir uns im Laufe der ersten 10, 20 Jahre abgeschottet, sodass unser Wachstum immer mehr aufhört. Aber, und das ist das Gute daran, die Bestimmung, die Gott in uns hineingelegt hat, bleibt. Selbst wenn wir irgendwann aufgehört haben zu wachsen, ist Gott immer noch da und schaut darauf und sehnt sich danach, dass wir die Tür auftun, ihn einladen, und unser Wachstum geht weiter. Wachstum tut manchmal weh Ich denke, mit unserer grundsätzlichen Entscheidung für Jesus, in der wir zu ihm Ja gesagt haben, wurde die Tür für unser Wachstum geöffnet. Aber auch seitdem haben wir die Möglichkeit, an bestimmten Stellen den Fuß wieder davor zu stellen und zu sagen: „Halt, nicht so schnell! Nein, jetzt möchte ich nicht mehr wachsen.“ Warum tun wir das? Weil Wachstum manchmal auch weh tut. Bei unserem Sohn, als er so dreizehn war, bekamen wir mit, wenn er Wachstumsschmerzen hatte. Dann taten ihm die Gelenke weh oder irgendwelche anderen Sachen, die etwas mit dieser Wachstumsphase zu tun hatten. Auch im geistlichen Wachstum tut uns manches weh. Denn zum Wachsen gehören z.B. Probleme, denen wir uns stellen müssen. Ganz ohne Schwierigkeiten wächst keiner. Warum? Weil Probleme, Schwierigkeiten uns herausfordern, dass wir unsere Möglichkeiten und Gaben einbringen und dass wir uns zu Gott wenden, und somit Erfahrungen machen mit ihm, mit seiner Nähe, seiner Gegenwart und seiner Kraft. Das Gute ist: Gott kennt uns in unserem Wachstumsprozess und in unseren Widerständen. Wir dürfen sein, wir dürfen zu ihm kommen wie wir sind, und das ist der Ausgangspunkt, dass wir weitergehen können und nicht so bleiben müssen wie wir sind. Wachstum des „neuen Menschen“ Betonen möchte ich, dass es beim Wachstum nicht um die Reparatur des alten Menschen geht. Manchmal kommen Leute


19 und wollen Seelsorge und Gespräch, um ihre Probleme loszuwerden, doch dann möchten sie ungestört ihr altes Leben weiterführen. Das darf und soll Seelsorge nicht sein. Es geht nicht um die Reparatur des alten Menschen. Es geht nicht um die Erleichterung, dass der alte Mensch weiterhin das tun kann, was er möchte. Sondern es gilt, die Chance zu erkennen, die in der Schwierigkeit steckt die Chance, die darin steckt, dass wir überwinden können, dass wir wachsen können. Das heißt Sorge für die Seele. Reinigung (das Beseitigen von Wachstumshindernissen), Heiligung (das Wachsen im Leben aus der Beziehung mit Gott) und Reifung (die Frucht, das, was Gottes Ziel mit uns ist, gewinnt Gestalt) sind für mich drei zentrale Anliegen für Seelsorge. Ich wünsche mir, dass wir einander darin unterstützen, dass wir fähig werden, anderen in diesem Prozess von Wachstum, von Reinigung, von Heiligung und von Reifung zur Seite zu stehen. Und wenn jemand anfängt zu wachsen, wird es Auswirkungen haben auf die Menschen in seiner Umgebung.


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