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IGNIS-Edition Auf dem Weg zu einer Christlichen Therapie


Agnes May

Auf dem Weg zu einer Christlichen Therapie Geschichtliche Wurzeln heutiger Seelsorge


Dieser Band ist ein etwas überarbeiteter Nachdruck eines Kapitels aus Fernkursordner 4b des IGNIS-Fernkurses „Die Grundlagen Christlicher Psychologie“ (IGNIS 2002). Stil und Form des Fernkurses wurden weitgehend beibehalten.

1. Auflage 2006 IGNIS-Edition IGNIS-Akademie für Christliche Psychologie Kanzler-Stürtzel-Straße 2 97318 Kitzingen Satz und Druck: Schönbach-Druck GmbH, D-64390 Erzhausen ISBN: 978-3-933685-10-0


Inhaltsverzeichnis Einführung............................................................................... 7. I. Traditionelle christliche Seelsorge –. geschichtlicher Rückblick.................................................... 11 1. Biblische Wurzeln von Seelsorge.................................. 16 a. Altes Testament........................................................... 18 b. Neues Testament......................................................... 20 2. Alte Kirche.................................................................. 21 a. Seelensorge für das ewige Heil..................................... 22 b. Der Dienst der Wüstenväter......................................... 25 3. Mittelalter................................................................... 31 a. Entwicklung einer geregelten kirchlichen Bußpraxis ... 32 b. Die „Hirtenregeln“ Gregors des Großen....................... 34 4. Neuzeit....................................................................... 36 a. Luther: Seelsorge als Trost........................................... 39 b. Spener (Pietismus): Die Sammlung der Frommen......... 40 c. Schleiermacher (Aufklärung): Stärkung der Eigenverantwortlichkeit.......................... 42 5. Das 20. Jahrhundert.................................................... 44 a. Kerygmatische (verkündigende) Seelsorge.................... 45 b. Die psychologisch orientierte Seelsorgebewegung........ 48 II. Die aktuelle Situation der Seelsorge.................................... 55 1. Verschiedene Perspektivendominanzen........................ 55 a. Theologisch-biblische Perspektivendominanz............... 57 b. Theologisch-psychologische Perspektivendominanz...... 62 c. Theologisch-soziologische Perspektivendominanz........ 65

2. Multiperspektivische Seelsorge.................................... 71


III. Beispiele biblisch-christlicher Seelsorge-. und Therapiemodelle........................................................... 77 1. Biblischer Schwerpunkt: Nuthetische Seelsorge (Jay Adams)............................... 78 a. Adams Suche nach „kompetenter christlicher Beratung“............................ 80 b. Grundlagen Nuthetischer Seelsorge............................. 86 c. Elemente Nuthetischer Seelsorge................................. 90 2. Integrativer Ansatz: Biblische Beratung (Lawrence J. Crabb)..................................................... 96 a. Grundkonzept............................................................ 100 b. Menschenbild............................................................. 103 c. Das Entstehen von Störungen..................................... 106 d. Elemente eines Beratungsgesprächs............................. 111 e. Ein neues „Konzept“: Connecting............................... 115 3. Die Erfahrung von Gottes vollmächtigem Wirken: Innere Heilung (Betty Tapscott).................................. 123 a. Die Entstehung........................................................... 127 b. Grundlagen................................................................ 129 c. Die Praxis der „Inneren Heilung“................................ 134 4. Paralleler Ansatz: Die Schwachen tragen (Samuel Pfeifer)......................................................... 143 a. Der Ausgangspunkt.................................................... 145 b. Biologische Grundlagen von Psyche und psychischen Störungen........................................ 150 c. Seelsorge: Die Schwachen tragen................................ 158

5. Auswertung.............................................................. 162


Einführung In Fernkursordner 4b des IGNIS-Fernkurses „Die Grundlagen Christlicher Psychologie“ wird, nach einem Überblick der grundlegenden Richtungen säkularer Therapiekonzeptionen, die Frage gestellt, wie Christen auf dieses vielfältige Angebot reagiert haben, und welche eigenen Ansätze entwickelt wurden. Da dies eine immer wieder interessierende Frage ist, und da der Fernkurs für die Antwort den weiten Bogen der geschichtlichen Entwicklung bis hin zur „aktuellen geschichtlichen Situation“ der Seelsorge vorstellt, schien es uns lohnenswert, diese Gedanken einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Wir wollen damit anregen, das eigene Suchen nach hilfreichen Wegen des Dienstes aneinander auch vor dem Hintergrund der langen und sehr vielfältigen Dienstgeschichte der Kirche und der Gemeinden bis in die Gegenwart zu reflektieren. Zunächst wird in Abschnitt I ein Rückblick auf die Entwicklung der Seelsorge in der Kirchengeschichte aufzeigen, dass die Sorge um die Seele des Menschen als Sorge um sein Heil, seine Heiligung und Heilung eine lange Tradition hat. Zunächst richtete sich diese „Sorge“ mehr an ganze Gruppen von „Seelen“, die in die Kirche hineinzuführen und dort zu betreuen waren (z. B. durch Lehre, Ermahnung, Briefe an eine ganze Gemeinde …). Erst in der Neuzeit verschob sich der Schwerpunkt immer mehr von dieser so genannten allgemeinen Seelsorge hin zur speziellen Sorge für den Einzelnen, zu einem Sorgen für ihn z. B. im persönlichen Gespräch und in seinen unterschiedlichsten Lebensfragen und -problemen, wie wir es heute als zentrale Aufgabe der Seelsorge sehen. Im 20. Jahrhundert stellte das Entstehen der Psychotherapie die christliche Seelsorge vor ganz neue Fragen und Herausforderungen: Sollte man die dargebotenen Interpretationen übernehmen, dass es sich bei vielen Glaubens- oder Charakterproblemen um psychische Krankheiten handelte? Waren die psychologischen Erkenntnisse als


Auf dem Weg zu einer Christlichen Therapie

Konkurrenz, Korrektur, Ersatz, Ergänzung oder Unterstützung der in Jahrhunderten gewonnenen christlichen Erfahrungen zu bewerten? Brauchen Christen Psychotherapie oder zerstört diese das Vertrauen und den Gehorsam Gott gegenüber? Dürfen Christen zum Psychotherapeuten oder sind weiterhin alle angeblich psychischen Probleme als geistlich zu verstehen und müssen im Rahmen von Glauben und Gemeinde gelöst werden? Die Meinungen, ob es eine eigene Christliche Psychologie (und ebenso Psychotherapie) geben kann, muss oder soll, ob man psychologische Erkenntnisse in einen biblischen Rahmen integrieren soll oder ob ein Christ sich bei psychischen Störungen wie jeder andere auch an den Fachmann – den Psychotherapeuten – wenden muss, gingen weit auseinander und führten zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen. Die grundsätzlichen Positionen lauteten: • Der Glaube/die Bibel alleine bieten Hilfe und Orientierung bei allen Problemen. Nur gemeindliche Seelsorge als Glaubensunterweisung und -unterstützung kann sinnvoll sein, Psychotherapie wird abgelehnt. • Psychotherapie ist für psychische Probleme, Bibel und Gemeinde­ seelsorge sind für Glaubensfragen zuständig. • Psychotherapeutische Erkenntnisse sind wichtig, müssen aber in den biblischen Rahmen integriert, an biblischen Maßstäben überprüft werden. So können christliche Ansätze entstehen, die unter Bezeichnungen wie therapeutische Seelsorge, biblisch-therapeutische Seelsorge … alle oder bestimmte Aufgaben der Psychotherapie für Christen abdecken bzw. im seelsorgerlichen Umgang mit Menschen psychotherapeutische Erkenntnisse berücksichtigen. • Auf der Grundlage eines biblischen Menschenbildes sollte eine eigene christliche Psychologie und Therapie entwickelt werden, die eigene Forschungsergebnisse und bestehende Modelle durch Rekonstruktion verarbeitet. Abschnitt II dieses Buches wird, nach einem allgemeinen Überblick der aktuellen Situation, vier praktische Beispiele speziell christlicher Ansätze im seelsorgerlich-therapeutischen Bereich vorstellen. Bei der Auswahl der Beispiele beschränken wir uns auf typische, „klassische“ Vertreter aus den 1980er und 1990er Jahren, die für ihr Leben und Arbeiten die Bibel als Gottes Wort zum Maßstab nehmen und ihre Ansätze von diesem Wort und von Gottes Willen her begründen. Das


Traditionelle christliche Seelsorge – geschichtlicher Rückblick

heißt, dass wir Seelsorgekonzepte nicht näher darstellen, die Glauben als eine eher (zwischen-) menschliche Angelegenheit betrachten oder explizit den psychotherapeutischen Denkrahmen an erste Stelle setzen und von ihm aus ihr Vorgehen, die Antworten auf Glaubensund Menschenbildfragen oder die Bibelauslegung begründen. Bei der Gestaltung dieses Bandes haben wir Stil und Form des Fernkurses weitgehend beibehalten. Einige Bilder und Grafiken und die ausführlichen Wiederholungs- und Reflexionsfragen wurden weggelassen, dagegen blieben Querverweise auf andere Stellen im Fernkurs als Information im Text stehen, ohne dass es zum Verständnis des vorliegenden Bandes zwingend notwendig wäre, diese Abschnitte gelesen zu haben. Wir wünschen nun den Lesern, auch wenn sie sich gerade nicht auf einen Fernkurs einlassen wollen, dass ihnen der Ton der Texte nicht zu „lehrbuchmäßig“ erscheint, die Zwischenfragen anregend und die Gesprächsbeiträge unserer fiktiven Fernkursteilnehmer Tom und Lucy auflockernd sind. Und wir wünschen jedem ein bereicherndes Mitgehen „Auf dem Weg zu einer Christlichen Therapie“! Agnes May IGNIS – Akademie für Christliche Psychologie


I. Traditionelle christliche Seelsorge – geschichtlicher Rückblick

Bevor wir den Überblick über die Geschichte der christlichen Seelsorge, in der wir wichtige Wurzeln für unser heutiges so genanntes therapeutisches Handeln sehen, beginnen können, soll eine kurze Definition der Begriffe, mit denen wir es in diesem Kapitel zu tun haben werden, erfolgen. Es handelt sich um die Begriffe Psychotherapie, Beratung, Seelsorge, christliche Therapie und Pastoralpsychologie. Sie werden einerseits von manchen fast gleichbedeutend verwendet bzw. eine Trennung der Aufgabenfelder wird abgelehnt (besonders da, wo Psychotherapie oder Seelsorge einen ganzheitlichen Anspruch haben). Andere weisen den einzelnen Berufsgruppen klar getrennte Zuständigkeiten zu (besonders, wenn die Funktionsbereiche des Menschen eher als getrennt betrachtet werden oder einem Bereich – Körper, Seele oder Geist – eine besondere Bedeutung zugemessen wird). Insgesamt ist eine starre Unterteilung bzw. Aufteilung des helfenden Handelns für Menschen kaum durchzuführen (und auch nicht wünschenswert).


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Auf dem Weg zu einer Christlichen Therapie

Begriffsdefinitionen Psychotherapie: Unter Psychotherapie versteht man, kurz zusammengefasst, einen Prozess, an dem Fachleute (Psychotherapeuten) und Patient(en)/Klient(en) beteiligt sind, und der die psychischen Probleme/Störungen eines Patienten behandeln soll (bzw. aus ganzheitlicher Sicht: Wachstumsprozesse anstoßen soll). Der Therapeut sollte dabei ein Konzept verfolgen, das die Ursachen von psychopathologischen Störungen, die Bedeutung von Störungssymptomen und die Abgrenzung zu normalem Verhalten und Erleben, die Methoden seines Vorgehens und die Ziele der Therapie definiert und begründet. Dieses Konzept sollte verständlich zu vermitteln und von anderen zu überprüfen sein. Beratung: Beratung wird im Gegensatz zur Therapie nicht als heilende Tätigkeit verstanden. Sie bezieht sich auf unterschiedlichste Problemstellungen (Ehe- oder Erziehungskonflikte, finanzielle Notlagen, Schwangerschaftskonflikte …). Ziel ist die Erfassung des Problems und das Finden von Lösungsmöglichkeiten. Beratung umschließt ein weites Feld von Verfahrensweisen, so Ermutigung und Erteilen von Ratschlägen, die Beschaffung von Informationen über bestehende Möglichkeiten und die Interpretation von Testergebnissen. In der konkreten Arbeit können sich Überschneidungen mit therapeutischen Aufgaben ergeben. Seelsorge: Seelsorge beschäftigt sich mit der Seele, d. h. biblisch-ganzheitlich gesehen mit dem Leben des Menschen, mit dessen Heil, Heiligung und Heilung. Sie ist also Lebensund Glaubenshilfe (die heilende und beratende Aspekte einschließen kann). Das aktuelle Verständnis der zugehörigen Aufgaben ist sehr weit: Im katholischen Sprachgebrauch wird darunter der Dienst des Pfarrers (und seiner Mitarbeiter) in Gottesdienst, Predigt, Sakramentenerteilung verstanden, außerdem spezielle Dienste für Einzelne (Haus-, Kranken-, Gefangenenbesuche, Telefonseelsorge …).


Traditionelle christliche Seelsorge – geschichtlicher Rückblick

Im evangelischen Bereich wird Seelsorge etwas enger auf diejenigen Tätigkeiten der Kirche/Gemeinde bezogen, die nicht im öffentlichen Gemeindeleben, sondern in der privaten, persönlichen Begegnung das geistliche Wohl des Einzelnen zum Ziel haben. Insgesamt hat sich das Verständnis von Seelsorge im Lauf der letzten 50 Jahre stark verändert. Der Bezug zum ewigen Heil der Seele (und zu der Heiligung des Lebens, um dieses ewige Heil zu erlangen bzw. nicht wieder zu verlieren), der jahrhundertelang selbstverständlicher Schwerpunkt gewesen war, wurde zugunsten des ganzheitlichen Bezugs zum Heil des menschlichen Lebens jetzt und in Ewigkeit erweitert. Dabei fand teilweise eine Verlagerung fast ausschließlich auf diesseitige Aspekte statt und die Glaubenshilfe ist ganz in der (therapeutischen oder beratenden) Lebenshilfe aufgegangen. Christliche Therapie: Insgesamt ist das ausdrückliche Bemühen um eine eigenständige Christliche Therapie, die entsprechend der säkularen Psychotherapie als Heilbehandlung – in diesem Fall auf der Basis eines biblisch-christlichen Menschenbildes – zu verstehen wäre, eher selten. In der Praxis vermischen sich christliche Seelsorge-, Beratungs- und Therapiekonzepte sehr stark. Teilweise wird das im Namen selbst ausgedrückt (z. B. die Biblisch-Therapeutische Seelsorge von M. Dieterich). Teilweise wird ein Konzept Seelsorge genannt, erhebt aber den Anspruch, für psychische Störungen (heilende) Hilfe zu bieten (z. B. die nuthetische Seelsorge von J. Adams, S. 78ff). Oder ein Seelsorge-/ Beratungskonzept für die Gemeinde gibt Beschreibungen zur Entstehung und Behandlung von Störungen, die säkularen Konzepten angelehnt sind und biblisch belegt werden (wie die Biblische Beratung/ Biblical Counseling von Lawrence J. Crabb, S. 96ff). Pastoralpsychologie: Pastoralpsychologie ist eine empirische Wissenschaft, die sich von der (katholischen und evangelischen) Theologie her entwickelt hat. Anstoß waren die praktischen Fragen zu pastoralen Aufgaben von Pfarrern und hauptamtlichen Mitarbeitern und die Suche nach einem qualifizierten Nutzen der psychologischen Erkenntnisse für diesen Bereich. Pastoralpsychologie will den alten Kampf zwischen beiden Disziplinen beenden und zu einer Einheit von

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Auf dem Weg zu einer Christlichen Therapie

Theologie und Psychologie gelangen und zwar im Sinne einer „spezifische(n) Psychologie, der es um eine möglichst exakte Erforschung intrapsychischer und interpersonaler Prozesse im Lebensraum der christlichen Gemeinde zu tun ist“.1 Pastoralpsychologen besitzen in der Regel neben einer theologischen auch eine psychotherapeutische Ausbildung (z. B. tiefenpsychologisch, gesprächspsychotherapeutisch, verhaltenstherapeutisch), wollen aber nicht nur Ergebnisse der säkularen Psychologie/Psychotherapie für den kirchlichen Rahmen verarbeiten, sondern eigenständig forschen. Schwerpunkte sind die Fragen, die sich für seelsorgerliches Arbeiten innerhalb der Kirche aber auch für den Dienst von Christen an allen Gruppen der Gesellschaft ergeben. Die Pastoralpsychologie bezieht sich nach der Absicht der 1972 gegründeten ökumenischen Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie auf die gesamte Praxis der Kirche, wozu z. B. die Architektur kirchlicher Gebäude, die therapeutische Atmosphäre eines Gottesdienstes oder die Haltung des Predigers gehören können.2 Ergänzend seien noch folgende englische Begriffe genannt: pastoral care Seelsorge im klassischen kirchlichen Sinn pastoral counseling seelsorgerliche Beratung, ein im 20. Jahrhundert geprägter Begriff für eine stark psychologisch geprägte Seelsorge biblical counseling biblische Beratung/Seelsorge

Der nun folgende Überblick über die Entwicklung des seelsorgerlichen Dienstes in der Kirche von der Bibel bis zur Neuzeit mag für manchen auf den ersten Blick wenig mit Seelsorge im heutigen Sinn zu tun haben. Es fehlen zunächst viele der für uns brennenden Fragen. Doch das Studium christlicher Wurzeln eines Dienstes für Heil, Heiligung und Heilung des Menschen kann uns erinnern, dass unser modernes, stark psychologisch geprägtes Verständnis des Menschen nicht das einzig mögliche ist.


Traditionelle christliche Seelsorge – geschichtlicher Rückblick

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Leicht stehen wir in der Gefahr, nur das für die „richtige“ biblische Seelsorge zu halten, was wir selbst erlebt haben. Oder wir suchen bei Enttäuschungen nach einem neuen, nun „wirklich biblischen“ Seelsorgekonzept. Dabei vergessen wir häufig zu prüfen, wie Christen bisher nach Gottes Sorge für ihr Leben gefragt haben. Auch wenn die Lebensumstände, aus denen dieses Fragen entsprang, sich immer wieder geändert haben, bleiben einige Grundfragen des Menschen über Jahrhunderte und Kulturgrenzen hinweg die gleichen.

Überlegen Sie vor dem Weiterlesen: Was denke ich spontan, wenn ich den Begriff „Seelsorge“ höre? Welche persönlichen Seelsorgeerfahrungen habe ich?

Heute können wir bei Seelsorge an viele Vorgehensweisen und Situationen denken, z. B.: • Seelsorge als Begleitung in einer Gemeinschaft (Hauskreis, Gebetskreis, Kommunität, Zweierschaft, persönlicher Beichtvater …) • Regelmäßiger Austausch mit einem festen Seelsorger/Seelsorgerin über die alltäglichen Glaubensschritte und -kämpfe • Seelsorge als Krisenintervention – bei Eheproblemen, psychischen Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit … • Seelsorge als (Konkurrenz zu) Psychotherapie – als Vorstufe für weniger schlimme Probleme oder als Ersatz (ein Christ braucht keine Psychotherapie) • Seelsorge als Machtinstrument des Pastors/der Gemeinde (Gemeindezucht, Durchsetzen von Regeln und Geboten) • Seelsorge als Unterweisung (Taufkurs, Ehevorbereitungsseminar …) • Seelsorge als Erfahrung bei einzelnen Seelsorgeseminaren • Seelsorge für alle, für jeden Gesunden, weil wir Hilfe und Begleitung auf dem Weg zum umfassenden Heil brauchen • Seelsorge für die Kranken, Schwachen, besonders Hilfsbedürftigen • Seelsorge als Hilfe in geistlichen Fragen, seelischen Problemen und psychopathologischen Problemen …


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Da wir weder diejenigen sind, die jetzt endlich so in Kontakt zu Gott stehen, dass Er Seine wahren Absichten kundtun kann, noch diejenigen, die endlich aus den Fehlern der Geschichte gelernt haben und deshalb Gott besser verstehen werden, noch diejenigen, die endlich frei von zeitgeschichtlichen Einflüssen die einzig wichtigen Fragen stellen und Gottes ursprüngliches Konzept erfassen, sondern, wie zu allen Zeiten, ganz einfach Menschen, die der Hilfe Gottes bedürfen, lohnt sich der Blick zu anderen und in die Kirchengeschichte. Denn wir brauchen die Unterstützung untereinander, können von Erfahrungen anderer – jetzt und in der Vergangenheit – lernen.

1. Biblische Wurzeln von Seelsorge Der Begriff „Seelsorge“ geht auf Platon zurück. In seinen Schriften hielt er dazu an, von Jugend an zu lernen, nicht so sehr für Leib, Vergnügen, Geld und Ruhm zu sorgen, sondern vor allem für das Heil der Seele. Darunter verstand er ein lebenslanges Bemühen um rechte Erkenntnis, eine Stärkung der Vernunft und des sittlichen Handelns, eine Flucht aus der vergänglichen Sinnenwelt und ein Sich-Ausrichten auf die ewige Welt der Ideen, zu der nur die Seele Zugang hat. Durch dieses Bemühen könne die Seele einmal, befreit von den Fesseln des Leibes, in der Weltseele aufgehen und so Erlösung finden. Diese dualistische, leibfeindliche Prägung von Platons Seelsorgeverständnis entspricht dem biblischen ganzheitlichen Verständnis des menschlichen Lebens nicht. Vom hebräischen Denken her ist der Mensch nicht in einen wertvollen seelischen und einen weniger wertvollen leiblichen Teil aufzuteilen, sondern von Gott als Ganzes zu einem lebendigen Wesen geschaffen (1 Mose 2, 7, vgl. Heft 2, S. 137). In der Tat findet sich der Begriff „Seelsorge“ weder im Alten noch im Neuen Testament und wird in christlichen Schriften erst ab dem 4. Jahrhundert verwendet. Dennoch weist das Zeugnis der ganzen Bibel auf Gottes seelsorgerliches Handeln hin, das in Seiner Sorge für die Seele – die näphäsch – d. h. für das gesamte Leben des bedürftigen Menschen von Beginn der Schöpfung an zum Ausdruck kommt und in der Hingabe Seines Sohnes zeigt, dass der entscheidende Anteil der Sorge von Gott selbst in nicht zu überbietender Liebe geleistet wird.


Traditionelle christliche Seelsorge – geschichtlicher Rückblick

Hinweis: In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zwischen direkten Beispielen von Seelsorge und Impulsen für die Seelsorge in der Bibel zu unterscheiden. Ein Beispiel für Seelsorge ist z. B., dass Paulus an verschiedene Gemeinden Briefe schreibt, um sie zu ermahnen, zu ermutigen, zu trösten oder Fragen zu beantworten. Die Inhalte dieser Briefe geben uns viele Impulse, was wir selbst heute in der Seelsorge tun bzw. an Ratsuchende weitergeben. So wurden Seelsorger, ausgehend von Röm 12, angeregt, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir unseren Sinn erneuern sollen, zu fragen, welche Schritte dabei helfen könnten, und Ratsuchende anzuleiten, ihren Sinn zu erneuern (etwa durch das Wiederholen von biblischen Wahrheiten oder durch das Aufspüren von unbiblischen Überzeugungen). Die Abschnitte 1a und b werden zunächst biblische Beispiele für seelsorgerliches Handeln darstellen. Die Abschnitte 2.–6. werden dann aufzeigen, wie Seelorge aus biblischen Impulsen heraus konkret im Laufe der Geschichte ausgeübt wurde.

Welche Beispiele aus dem Alten und Neuen Testament fallen Ihnen spontan ein: Wann und wie sorgt Gott für die Seele/das Leben der Menschen? Wann und wie gebraucht er Menschen für eine Seelsorge aneinander?

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a. Altes Testament In der Einleitung seiner „Geschichte der Seelsorge“ formuliert Ch. Möller als einen Aspekt der Seelsorge Gottes im Alten Testament: Gott sorgt von Anfang an, auf vielerlei Art und beständig dafür, dass der Mensch atmen könne aus Gottes Atem, durch den ihm das Leben eingehaucht ist. „Gibt es also Seelsorge im Sinne von psychotherapeia nicht im Alten Testament, so gibt es doch etwas Ursprünglicheres, nämlich Atemhilfe, Hilfe zum Klagen und Loben vor Gott, Hilfe dazu, daß der Mensch in den Atemrhythmus Gottes wieder hineinkommt und sich nicht an seinem eigenen menschlichen Atmen übernimmt bzw. sich so sehr in sich selbst verschließt, daß er alsbald keine Luft mehr hat und im luftleeren Raum seiner selbst zugrunde geht. … Die schönste, größte und wichtigste Seelsorge im hebräischen Sinne ist, den Menschen in das Klagen und Loben [des ganzen Gottesvolkes] vor Gott einstimmen zu lassen, weil er dann wieder im Atemrhythmus Gottes ist und seine Seele ganz zu Gott hin, zum Odem des Himmels ausgerichtet hat. ,Alles was Odem hat, lobe den Herrn!‘ kann als ein herausragender Aspekt hebräischer Seelsorge genannt werden.“ 3 Bereits der Schöpfungsakt selbst ist von der Sorge Gottes für den Menschen begleitet. Er gestaltet für ihn den Lebensraum (Garten) und schenkt ihm das passende Gegenüber (1 Mose 2). Auch nach dem Sündenfall begleitet Er den Menschen, indem Er ihn anspricht, mehrmals einen Bund mit ihm schließt (z. B. Abraham, Mose), das Leben mitgestaltet, Unterweisung, Führung und das Gesetz als Angebot des Lebens gibt. Die Psalmen sind ein wesentlicher Ausdruck, wie Menschen sich auf die „Atemhilfe Gottes“ eingelassen haben, indem sie Dank und Lob, Bitten und Klagen aus den unterschiedlichsten Lebenslagen zu Ihm getragen und Antworten bekommen haben. Viele nachfolgende Beter konnten und können sich diesem Rufen anschließen, finden ihre eigenen Grundgefühle und Erfahrungen in den Psalmen wieder und werden eingeladen, sich der Anbetung Gottes in der Gemeinschaft aller Gläubigen anzuschließen und dabei Gottes seelsorgende Beziehung zu erleben (vgl. Heft 3, Kap. H). Weiteres sorgendes Handeln Gottes für das Leben der Menschen lässt sich aus den prophetischen Büchern erkennen. Propheten ermahnen in Seinem Auftrag, ermutigen, rufen zur Umkehr, verkündi-


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gen Gottes Wort, verdeutlichen Gottes Willen, drohen Strafe an und versprechen Gottes erneute Hinwendung zu Seinem Volk in Liebe und Erbarmen. Sie bekräftigen immer wieder Gottes Treueversprechen und Seine Bereitschaft, Seinen Bund zu halten und den Menschen, die sich Ihm zuwenden, Heil und Leben zu schenken. Das Buch Hiob bietet den wohl deutlichsten Einblick in menschliche und vor allem in göttliche seelsorgerliche Zuwendung. Nachdem zuerst drei Freunde sieben Tage lang mit Hiob angesichts seines Schmerzes schweigend getrauert haben (ein sehr wichtiger Dienst der Seelsorge), können sie sein Klagen doch nicht unbeantwortet stehen lassen. In langen Reden versuchen sie, ihr (und auch Hiobs) bisheriges Gottesbild trotz scheinbar anderer aktueller Leiderfahrungen aufrechtzuerhalten. Da sie jedoch für ein Gottesbild (eine theologische Überzeugung) und nicht für Gott selbst (ein-)stehen, greifen ihre Antworten zu kurz. Sie provozieren eine Eskalation zum Streitgespräch, bei dem ihre lieblose „Rechtgläubigkeit“ Hiob immer mehr in eigene Rechthaberei und Überheblichkeit hineintreibt. Es bleibt ein Scherbenhaufen gegenseitiger Vorwürfe und zerstörter Beziehung zurück. Schließlich tritt Elihu als menschlicher Bote Gottes dazu, der in Gottesfurcht und ohne Menschenfurcht für Gott und dann auch tatsächlich neben und nicht gegen Hiob steht. Er führt Hiob schrittweise in einen Perspektivenwechsel: Nicht der Mensch begreift und beurteilt Gott, sondern Gott erschafft, formt und korrigiert den Menschen in Liebe, ohne vom Menschen dabei in Seinen Wegen durchschaut und beurteilt werden zu können. Als Hiob sich schließlich direkt an Gott selbst wendet, vertieft Gott in einer mächtigen persönlichen Antwort aus dem Wettersturm diese neue Perspektive. Keine der vorherigen Streitparteien bekommt Recht, sondern Gott seinerseits fragt und lenkt dadurch das Fragen in eine ganz andere Richtung. Die entscheidende Problematik ist nicht: „Warum gibt es (Hiobs) Leiden?“, sondern „Warum gibt es überhaupt diese Welt, den Menschen, die Tiere und Pflanzen? Wer ist der Schöpfer und damit der Herr, der alles lenkt, überblickt und erhält?“ Diesen Schöpfer anzuerkennen und anzubeten und Ihm die Herrschaft zu überlassen, das kann die Klage dem Leben gegenüber auch ohne direkte Antwort in neues Vertrauen verwandeln. Hiob glaubt, vertraut Gott (Gottes Liebe) schließlich, ohne dessen Wege kausallogisch nachvollziehen zu können. „Die Seelsorge des Hiobbuches führt zur Gottesbegegnung des Leidenden und zur existentiellen


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(bzw. existentialen) Kehre von der Frage „Warum“ an das Leiden zur Anfrage des Leidens an die Existenz des Menschen. Diese Anfrage auszuhalten – ohne eine Antwort parat zu haben – das ist der Glaube!“ 4 b. Neues Testament Das Neue Testament verdeutlicht, wie sehr Seel- bzw. Lebenssorge letztlich nie Werk des Menschen sein kann, sondern allein Gott als der Schöpfer auch der Erhalter und Vollender allen Lebens ist. Gott selbst handelt nun noch einmal in ganz neuer Weise, indem Er Seinen Sohn zur Erlösung von der Sünde hingibt, indem Er dem Menschen erneut Leben anbietet. „Seelsorge heißt (im Neuen Testament) Paraklese“ 5, Trost, Ermahnung, Ermutigung und Einladung (der hl. Geist ist der Paraklet – der Tröster, Ermahner, Ermutiger). Sie wird dem Menschen von Gott in Jesus angeboten und sie soll in der Verkündigung und im geschwisterlichen Miteinander der Gemeinde weitergetragen werden. Das ganze Leben Jesu – sein Ruf zur Umkehr, seine klare Auslegung der Gebote Gottes, seine Heilungswunder und Dämonenbefreiungen, seine prägnanten, treffenden Gespräche mit Einzelnen, seine Unterweisung und Anleitung der Jünger, sein Hinweisen auf das Reich Gottes, sein Zeugnis vom Vater und vom heiligen Geist bis hin zu seinem Tod und der Auferstehung – bietet diese Paraklese und stellt Gottes Einladung zu neuem, ewigen Leben dar. In der Sendung des Geistes nach Jesu Tod setzt Gott Sein Sorgen für die Menschen fort. Der heilige Geist als Beistand vom Vater führt in alle Wahrheit, erhält die gotteskindliche Verbindung zum Vater aufrecht, lässt gute Früchte im Leben der Gläubigen wachsen und schenkt Gaben zum Dienst. Im Auftrag Jesu führen seine Jünger sein Werk fort. In der Apostelgeschichte fällt auf, dass neben der Verkündigung von Gottes Wort, neben Belehrung, Stärkung, Ermahnung oder Tröstung auch der praktische Dienst füreinander (z. B. die Wahl der Diakone Apg 6) und das Gebet um Heilung (z. B. Apg 3) eine wichtige Rolle spielen. Die Briefe des Neuen Testaments haben ebenfalls ein starkes seelsorgerliches Anliegen. Paulus will beispielsweise seine Adressaten er-


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mutigen, sich ihrer Identität in Christus bewusst zu sein (Gal 1, 6) und entsprechend aus dem Geist zu leben (Gal 5, 25). Er stellt ihnen eindringlich vor Augen, worin ihre Gerechtigkeit liegt, will sie vor neuer falscher Abhängigkeit vom Gesetz bewahren und zur Treue in der durch das Kreuz geschenkten Freiheit ermutigen. In vielen ihm von den Gemeinden berichteten Schwierigkeiten versucht er, durch Ermahnung ebenso wie durch Ermutigung und erneute Verdeutlichung der frohmachenden Botschaft, den Gläubigen zu helfen. Dabei ist er hart gegen Sünde, weist aber auch auf die Möglichkeit der Umkehr und Vergebung hin (2 Kor 2, 5ff). Auch wenn weder das Alte noch das Neue Testament ein ausdrückliches Seelsorgebuch ist, das modellhafte Anweisungen für die langfristige Begleitung von Menschen gibt, lassen sich aus ihnen doch grundlegende Prinzipien für ein gesundes Leben und einen heilsamen Umgang miteinander ablesen. So haben Christen auch von Anfang an die Weitergabe des Evangeliums nicht allein als einmaligen Missionsauftrag verstanden, sondern der Sorge für das gegenseitige Seelen-/Lebensheil und das geschwisterliche Miteinander große Bedeutung beigemessen.

2. Alte Kirche Wie sich Seelsorge im Laufe der Kirchengeschichte entwickelt und gestaltet hat, soll nun in groben Zügen dargestellt werden. Dabei werden wir nur einige der jeweiligen Hauptthemen der einzelnen Epochen aufzeigen, nicht jedoch auf das konkrete praktische Vorgehen eingehen können. Für den Zeitraum der „Alten Kirche“ rechnen wir hier die Zeit von 0–500 n. Chr., also von Christi Geburt bis zum Beginn des Mittelalters (dieser Beginn wird nicht einheitlich festgelegt, manche sehen ihn bereits am Beginn der Völkerwanderung, um 375, manche erst viel später, um 800, in der Zeit der Herrschaft Karls des Großen, als das „christliche Abendland“ weitgehend geeint war; das Jahr 500 stellt insofern einen Einschnitt dar, als das Weströmische Reich durch die Wirren der Völkerwanderung endgültig untergegangen und von verschiedenen Germanenreichen abgelöst worden war).


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