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Steve Turner

IMAGINE Christen in Kunst, Musik und Medien

Für Nigel Goodwin, der mich gerettet hat und für meine Frau Mo, die mich in Schwung hält. «Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande?» Psalm 137,4


Bibelzitate sind der «Revidierten Elberfelder Übersetzung», gelegentlich auch der «Hoffnung für Alle» (HfA) Übersetzung entnommen. «Imagine.. Christen in Kunst, Musik und Medien» © 2004, Down to Earth © Englische Originalausgabe: Imagine. A vision for christians in the arts. InterVarsity Press, Downers Grove, Illinois, 2001 Übersetzung: Günter Matthia, Berlin. Die Überschriften innerhalb der einzelnen Kapitel stammen nicht vom Autor, sondern wurden von der deutschen Herausgeberin zur besseren Gliederung des Textes eingefügt. Layout und Umschlaggestaltung: Andreas Greußlich – art & com, Berlin, www.artandcommunication.de Cover: Ausschnitt aus dem Gemälde «Fluid as Fire» der Künstlerin Linnea Spansy, mit freundlicher Genehmigung. Information über die Künstlerin unter: www.linneagabriella.com Druck: Winter Druck, Herrnhut Printed in Germany ISBN 3-935992-17-3 Herausgeber: Laubacher Str. 16 II D – 14197 Berlin Tel: 030 – 8227962 E-Mail: info@down-to-earth.de Internet: www.down-to-earth.de Bestelladresse: dte@chrismedia24.de


Vorworte Roby Stringfellow, Musiker Nachdem ich dieses Buch zum ersten Mal gelesen hatte, dachte ich mir: «Endlich ein Buch, das meine Fragen als Musiker beantwortet und mir bestätigt, was ich jahrelang innerlich immer für möglich gehalten habe.» Es hat mich ermutigt, dass wir als christliche Künstler unseren Platz in der Welt einnehmen können und sollen. In allen Bereichen. Steve Turner zeigt, dass wir zuerst lernen müssen, unsere Arbeit als Künstler aus einer biblischen Perspektive zu betrachten. Dies hat nichts mit Religiosität zu tun, sondern bedeutet, in echter Freiheit zu arbeiten, ohne den Zwang, immer durch unsere Kunst missionieren zu müssen. Der Autor zeigt auch, wie wir ganz praktisch als christliche Künstler in der Welt kommunizieren sollen: Unsere Kunst soll offen und ehrlich alles, was das Leben ausmacht, zum Inhalt haben. Jesus ist nicht nur für den «frommen» Bereich unseres Lebens zuständig, sondern will Herr über alle Bereiche unseres Lebens sein. Turner schreibt vor dem Hintergrund seiner jahrelangen Erfahrungen als Journalist, Autor und Dichter und greift die Themen und Fragen auf, mit denen wir als Künstler konfrontiert sind. Er kombiniert das Praktische und das Geistliche so, dass wir es in unseren Alltag als Künstler mit hineinnehmen können. Jeder christliche Künstler sollte dieses Buch lesen. Es ist aber auch für Menschen geschrieben, die mit Künstlern zu tun haben, oder mit ihnen zusammenarbeiten. Ich hoffe, Sie werden ermutigt, wenn Sie dieses Buch lesen und werden die Freiheit entdecken, ‹da zu sein›, wo Sie sein sollen. Imagine 1 ... Robbie Stringfellow ist gebürtiger Neuseeländer. Er ist freiberuflicher Musiker und hat mit vielen Künstlern zusammengearbeitet und in verschiedenen Bands (u. a. Normal Generation?) gespielt.

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«Imagine» ist auch Titel eines Songs von John Lennon, in dem er seine Träume besingt.

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Vorworte

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Axel Nehlsen, Theologe Ein Buch über biblischen Glauben und die Künste – ein Wagnis! Es ist spannend, den Weg des Autors mit zu gehen, weil er schonungslos, authentisch und biblisch argumentiert. Als Verantwortliche in Kirche und Gemeinde sind wir oft erschrocken über die kulturelle Irrelevanz der Christen. Wir entdecken mehr Rückzug in den frommen Bereich statt kompetente Einmischung in die Gesellschaft. Lässt sich Glaube nur als Subkultur leben? Turner macht Mut, dass es nicht so bleiben muss. Fußend auf Francis Schaeffers umfassender Sicht der Schöpfung macht er gerade biblisch orientierten Christen Mut, die Kunst nicht mit dem Etikett «Sünde» oder «weltlich» abzuschreiben. Die ganze Welt gehört Gott! Und Künstlern aller Sparten, die sich als Christen verstehen, gibt er ein gutes Gewissen, ihre Berufung nicht zu verleugnen. Sie sollen ihre Kunst als Beruf im Sinne Luthers verstehen, weltlich, aber unter Gott. Sie dürfen mit der ihnen von Gott geschenkten Kreativität wuchern und müssen sich nicht für deren evangelistische Relevanz rechtfertigen. Kunst von Christen darf nicht zur religiösen Propagandaware verkommen! Die Geschichte des christlichen Kunst-(Un)verständnisses wird vom Alten Testament bis in die heutige Debatte um die Rockmusik verfolgt. Gefahren und Fallen werden offen benannt – in der ganzen Spanne zwischen kunstfeindlichen Puritanern bis zur Kunst als Religionsersatz. Die dualistische Spaltung zwischen säkular und geistlich wird ad absurdum geführt. Die poetischen Bücher der Bibel bieten dafür reichlich Stoff. Da liegt noch eine große geistliche und praktische Aufgabe vor uns im deutschsprachigen Raum: die Kunst und die Künstler zurückholen, willkommen heißen und fördern im Raum der Gemeinden. Ich wünsche, dass dieses Buch dazu beiträgt – und dadurch Gott in allem geehrt wird und der Glaube auch im kulturellen Bereich wieder ein relevanter Faktor wird. Axel Nehlsen ist evangelischer Pfarrer, Geschäftsführer von Gemeinsam für Berlin und in den Vorständen der deutschen und Berliner Evangelischen Allianz und des Jesus-Tages.


Vorworte Jens Reuleke, Installationskünstler Eine freudige Überraschung, dass Steve Turners Gedanken über Glauben und Kunst nun auch auf Deutsch in Buchform erscheinen, denn er formuliert präzise Aussagen über das Verhältnis von Künstlersein und Christsein. Dabei untersucht er die Gründe für die Entfremdung zwischen der zeitgenössischen Kunst und dem christlichen Verständnis unserer Zeit. Steve Turners Resümee zur aktuellen Lage der christlichen Kunst fällt beschämend aus, zumal wenn er für diese Misere ein enges, Klischee behaftetes und experimentierscheues Christentum verantwortlich machen muss, das Gott einen sehr begrenzten Platz zuweist. Doch gibt Steve Turner auch der Hoffnung viel Raum, indem er davon berichtet, dass mehr und mehr Christen dem Ruf Gottes trauen und ihre Kunst in der Welt einen Platz findet. Viele Beispiele von Christen werden genannt, die als Literaten, Schauspieler, Musiker, Tänzer oder Bildende Künstler eine Öffentlichkeit haben. Am Ende steht hier also keine Schwarzmalerei, sondern ein Buch, das voll ist von Mut machenden Perspektiven und die kunsttätigen Christen herausfordert, Kunstwerke zu schaffen, die nicht nur dem Anspruch des Evangelisierens und Dekorierens entsprechen, sondern als eigenständige Werke eine Verbindung zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt schaffen. Wenn sich die Künstler so von Gott bewegen lassen und weder von den Gesetzen des Marktes noch von einem toten Christentums bestimmt werden, wird ihre Kunst als Zeichen von Transzendenz ein Verweis auf Gott, denn Gott liebt die gestalteten Dinge. Durch seine Liebe zur Kunst und zu Jesus ist es Steve Turner möglich, seine Argumentationen so zu balancieren, dass sich eine Brücke bildet, die den Glauben mit der Kunst lebendig verbindet; wohl bemerkt, ohne dass hier anbiedernde Offenheiten den Glauben verwässern oder die Kunst entschärfen. Zahlreiche Beschreibungen, die Steve Turner anführt, entsprechen Situationen, denen ich selbst als Künstler und Christ ausgesetzt bin. Auf Grund seiner einfühlsamen Dichte möchte ich das Buch all jenen empfehlen, die als Künstler und Christen im Kampf stehen, aber auch all denen, deren Verhältnis zur Kunst gestört ist. Diesen Menschen wünsche ich, dass sie Neuentdeckungen machen, wodurch die Kunst ihren Platz und ihre Leuchtkraft in der Christenheit wiedergewinnen kann.

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Vorworte Jens Reulecke studierte Freie Kunst an der Hochschule der Künste Berlin. Er lebt nach einem elfjährigen Aufenthalt in Groß Britannien und Afrika seit 2000 wieder in seiner Heimatstadt Berlin. Neben der Malerei, Fotografie und Bildhauerei gilt sein besonderes Interesse architekturbezogenen Installationen und der Realisation von Projekten, die es ihm erlauben, seine Arbeit mit anderen künstlerischen Sprachen zu verknüpfen. (www.jensreulecke.com).

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Claas Jambor, Musiker Eines der größten Mißverständisse unserer christlichen Kultur ist es, dass wir unsere Welt durch eine ideologische Mauer in zwei Hälften teilen: Die säkulare und die sakrale. Wir unterscheiden zwischen Handlungen, Dingen oder gar Berufungen und beurteilen sie als entweder «geistlich» oder «fleischlich». Das eine bewerten wir als gut und göttlich, das andere akzeptieren wir nur widerwillig als notwendiges Übel. Dieser Dualismus hat sich im Denken der Christen durch die Vermischung von christlicher Lehre mit griechischer Philosophie verankert. Steve Turner beschreibt leidenschaftlich, wie wir uns als Christen auf Grund dieser Trennung wie in einem Spinnennetz gefangen haben. Wir unterscheiden zwischen säkularen und geistlichen Berufen. Pastoren bezeichnen wir als im «vollzeitigen Dienst» stehend, Angestellte hingegen werten wir als «nur normale Arbeiter». Genauso trennen wir die Künste in zwei Kategorien auf. Wir unterscheiden zwischen Kunst, die «christlich» ist, was immer das genau bedeutet, und Kunst, die weltlich ist. Säkular! Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, dieses Wort aus unseren Köpfen zu verbannen! Durch diese Trennung haben wir einen Riss geschaffen, der sich für alle Beteiligten negativ auswirkt. Christen und Nicht-Christen leben in zwei getrennten Welten. Als Christen haben wir nicht nur aufgehört «von» der Welt zu sein, sondern sind auch nicht mehr «in» der Welt: Wir hören unsere eigene Musik, lesen unsere eigenen Bücher und gehen auf unsere eigenen Veranstaltungen. Alles ist irgendwie sicher und abgepackt christlich! Wenn möglich, versuchen wir unseren Aktivitäten noch irgend eine kleine evangelistische Nuance zu geben. Dabei merken wir gar nicht, wie weit wir uns von der eigentlichen Kultur entfernt haben! Und wir wundern uns, warum unsere Jugendlichen in großen Zah-


Vorworte len vom Glauben abfallen, weil wir ihnen nicht vermittelt haben, wie sie als Christen in dieser Welt leben sollen – es sei denn durch Verstecken. In meiner Zeit als reisender Künstler habe ich ab und zu Anbetungsmusik in Clubs gespielt. Clubbesitzer wollen den Laden gerne voll haben und Publikum kommt nur dann, wenn der Unterhaltungswert sehr hoch ist. Jedes mal, wenn ich versucht habe, diese zwei Faktoren – Anbetung und Entertainment – zu verbinden, erhielt ich wütende Emails von anderen Christen, die diesen Spagat als Kompromiss mit der Welt verstanden hatten. Von solchen Haltungen müssen wir wegkommen. Imagine! Stellen Sie sich vor, welche kulturelle Vielfalt wir wieder in unseren Kirchen haben könnten, wenn wir neue Ideen und kreative Elemente nicht sofort nach ihrem offensichtlichen geistlichem Aussagen beurteilen würden sondern nach der Tiefe dessen, was Gott an Begabung oder Inspiration in den Künstler gelegt hat? Sollten wir nicht gerade diejenigen sein, die unsere Kultur formen statt uns von ihr abzugrenzen? Aber wie soll das gehen, wenn wir Angst haben, unsere Türen für die maßgebenden Kreativen zu öffnen und ihnen zuzuhören? Wie können wir erwarten, dass unsere Qualität mithalten kann, wenn wir sie nie dem Wettbewerb mit der großen und guten Konkurrenz außerhalb der Mauern unserer christlichen Subkultur auseinandersetzen. Wie können wir erwarten, dass uns zugehört wird, wenn wir nie zuhören? Claas Jambor ist Sänger, Pianist und Gitarrist. Er war lange international an verschiedenen Orten als Anbetungsleiter tätig. Jetzt lebt er in Frankfurt und ist Teil des Projektes «Zeichen der Zeit». Seine erste Solo Platte erschien bei J-Star BMG Ariola Mnchen.

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Einführung Dieses Buch entstand auf der Grundlage eines Vortrages, den ich 1998 vor zwei verschiedenen Gruppen von Musikern in Nashville und Los Angeles hielt. Steve Taylor, Musiker und Produzent von «Six Pence None The Richer», in dessen Haus das Treffen in Nashville stattfand, publizierte den Inhalt des Gespräches anschließend durch seine Multimediagesellschaft Squint unter dem Titel «Being There: A Vision for Christians and the Arts» 2. Die Reaktionen auf die Vorträge und das Heft überzeugten mich von der Möglichkeit, die dargestellten Gedanken zu einem Buch auszuweiten. Ich bilde mir nicht ein, etwas Neues sagen zu können, aber ich wünschte mir, dass noch viele Menschen weltweit entdecken sollten, wie sie ihren Glauben und ihre Kunst zusammen führen können. Ein junger Musiker kam bei einem der Treffen zu mir und erzählte, dass sein Vater, ein Pastor, der Meinung sei, er solle seine Musik zur Verherrlichung Gottes einsetzen. Wenn er dies nicht täte, würde er sündigen. Nun wollte er von mir wissen, was er meiner Meinung nach tun sollte. Wo fängt man da an? Zweifellos war sein Vater ein tief gläubiger Christ, der sich wirklich darum sorgte, dass das Leben seines Sohnes in den richtigen Bahnen verlief. Zweifellos war auch der Sohn ein aufrichtiger Christ, der sein Leben richtig gestalten wollte. Das Problem entsteht daraus, dass der Ausdruck «Verherrlichung Gottes» einen kulturell bedingten Beigeschmack hat. Manche Menschen glauben, dass man Gott nur dann verherrlichen kann, wenn man etwas Religiöses tut. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Künstler getroffen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befanden, wie dieser junge Musiker. Sie möchten «Gott dienen», aber nicht in einen engen religiösen Markt einzwängt sein. Sie möchten etwas erschaffen, was die Leidenschaft und Inhalte ihres Glaubens reflektiert, aber sie wollen im Wettbewerb mit ihren säkularen Zeitgenossen arbeiten. Normalerweise sind sie frustriert darüber, dass es so wenige erkennbar christliche Inhalte in der zeitgenössischen Kunst gibt, andererseits ist es ihnen peinlich, dass so viele Werke, die als «christliche Kunst» bezeichnet werden, ein so niedriges künstlerisches Niveau aufweisen. 2

Deutsch: Da sein: Eine Vision für Christen und die Kunst.

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Einführung

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Wenn ich solchen Menschen begegne, kann ich Erfahrungen aus meiner eigenen Karriere als Dichter (sowohl für Erwachsene als auch für Kinder), Biograf, Reiseschriftsteller, Journalist und RockmusikKritiker weitergeben. Glücklicherweise habe ich im Lauf der Jahre Christen aus der ganzen Welt kennen gelernt, die die gleiche Vision für ihre künstlerische Tätigkeit hatten. Ich habe viel von ihnen gelernt. Was ich einem Menschen bei einer Begegnung sagen kann, ist begrenzt. Dieses Buch enthält das, was ich mitteilen würde, wenn ich ein paar Tage Zeit zum Gespräch hätte. Es beginnt autobiografisch, um zu zeigen, dass ich nicht als Akademiker schreibe, sondern diese Dinge während meiner Arbeit gelernt habe. Ich schätze die verschiedenen akademische Theorien zu diesem Thema sehr, aber aus meiner Erfahrung weiß ich, dass sie Menschen, die als Künstler tätig sind, oft nicht erreichen. Vielleicht bin ich etwas ehrgeizig, wenn ich die Kunst als Ganzes anspreche, anstatt mich auf eine bestimmte Kunstform zu beschränken. Aber ich sehe einen Vorteil darin, die Prinzipien zu beleuchten, die auf alle Bereiche angewendet werden können. Ich setze den Schwerpunkt in der Literatur und Musik, weil dies die Kunstformen sind, die ich am besten kenne, aber ich habe mich bemüht, immer alle Formen der Kunst im Blick zu behalten. Ich habe versucht, ein breites Kunstverständnis anzuwenden, das heißt, populäre Kunst, wie Rockmusik und Kino genauso wie die schon länger etablierten Kunstformen Theater und Malerei, einzuschließen. Ich habe den Begriff «christlich» bei der Beschreibung der Künstler auch recht weit gefasst. Mir ist klar, dass nur Gott weiß, wer ihm gehört. Doch wenn jemand behauptet, Christ zu sein, sein Werk den normalen christlichen Anschauungen entspricht und es keine krassen Ungereimtheiten im öffentlichen Auftreten gibt, nenne ich diese Person im Folgenden gerne Christ. Die wichtigen Menschen bei der Entstehung dieses Projektes waren: Mark Joseph, der mich für die zu Grunde liegenden Vorträge nach Amerika einlud, Steve Taylor, der das Potenzial erkannte, daraus ein Buch zu machen, sowie Howard und Roberta Ahmanson von Fieldstead and Company, die meine Forschungsarbeiten und das Schreiben finanziert haben.


Vision 1970 war ich Student der L’Abri, einer kleinen Lehranstalt, die von Dr. Francis Schaeffer in den Schweizer Bergen gegründet worden war. Aus der ganzen Welt kamen Menschen dort hin, um ihrem Leben und ihrer Zeit im Licht der christlichen Wahrheit einen Sinn zu verleihen. Das Leben bei L’Abri schärfte unser Empfindungsvermögen. Viele von uns kamen aus einem Umfeld, in dem alles Kulturelle entweder als christlich oder unchristlich, geistlich oder fleischlich definiert wurde. Schaeffer, der von dem holländischen Kunsthistoriker Hans Rookmaker beeinflusst war, schlug uns dagegen vor, die Werke individuell zu betrachten. Anstatt zu fragen «Ist dieser Künstler bekehrt?» hieß es: «Ist dieses Kunstwerk technisch hervorragend? Ist es ein stichhaltiger Ausdruck der Sicht, mit der ein Künstler die Welt betrachtet? Sind Form und Inhalt gut vereint? Wird Wahrheit kommuniziert?» Die Auswirkungen dieser Herangehensweise waren befreiend. Wenn man die alten Kategorien anwandte, waren die Beatles, die damals die Popkultur dominierten, mit Sicherheit weltlich, fleischlich und teuflisch. Keiner von ihnen gab vor, Christ zu sein, ihre Lieder verherrlichten nicht Gott und sie nahmen illegale Drogen. Wenn man jedoch ihre Kunst auf die neue Weise betrachtete, herrschten andere Erwägungen vor. Zeigten sie technisch hervorragende Leistungen? Brachte ihr Werk ihre Weltsicht klar zum Ausdruck? Harmonierten Aussage und Form? Wurde in den Liedern in irgendeiner Form Wahrheit kommuniziert? Evangelikale Christen benutzten traditionell die Erlösung als Ausgangspunkt für alles andere: War der Künstler wiedergeboren? Wurde die Wiedergeburt im Singen, Schreiben oder Malen des Künstlers thematisiert? Für Schaeffer war der Ausgangspunkt die Schöpfung. Jeder ist im Bild Gottes geschaffen. Menschen mit künstlerischen Gaben konnten gar nicht anders, als auf irgendeine Weise dieses ursprüngliche Bild widerzuspiegeln. Diese Sichtweise bestätigte, was ich schon lange instinktiv empfunden hatte – dass eine Menge Kunst, die von Christen erschaffen wurde, schlecht und eine Menge Kunst von Nichtchristen gut war. Ein beliebtes Kirchenlied konnte durchaus schlecht sein, während das Gemälde eines offensichtlichen Sünders möglicherweise gute Kunst

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Vision

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war. Weil Christen oft die Wahrheit zum einzigen Kriterium gemacht hatten, haben sie die Bedeutung der künstlerischen Anstrengungen in der Kunst nicht genug beachtet. Dadurch haben sie sich selbst um einen großen Schatz an kulturellen Erfahrungen gebracht. Darüber hinaus war die Wahrheit, die ihnen so wichtig war, sowieso nur ein Teil der ganzen Wahrheit. Die Vielschichtigkeit des menschlichen Lebens wurde bei der Suche nach der «einfachen Wahrheit» übersehen. Christlicher Dichtung zum Beispiel fehlte das tiefe Gewebe des wahren Lebens, weil ihre Urheber die Form lediglich gebrauchten, um Menschen zu evangelisieren, von denen sie annahmen, dass sie das Evangelium in jeder anderen Form ablehnen würden. Der Mangel an Christen in der populären Kunst und die minderwertige Qualität der zeitgenössischen «christlichen Kunst» wirkten sich auf mich aus, als ich Teenager war. Das Christentum schien kulturell irrelevant zu sein, weil die Ansprüche der Kunst ignoriert wurden. Bedeutete dies, dass Christen sich in der «wirklichen» Welt einfach nicht durchsetzen konnten? Konnten kulturelle Ausdrucksformen des Christentums nur überleben, wenn sie ohne Konkurrenz in einer abgeschiedenen Enklave der christlichen Subkultur blieben? Die als «christlich» bezeichneten Werke waren oft minderwertig mit einer naiven Weltsicht, so dass das Christentum veraltet und inspirationslos wirkte. Wie groß konnte dieser Gott sein, der sich von solchen Werken repräsentieren ließ? Wie spannend war ein Leben, das offensichtlich Trostlosigkeit statt Farbe, Seichte statt Vielschichtigkeit, Sicherheit statt Risiko wählte? Erste Auseinandersetzung mit der Kunst Meine Erfahrungen bei L’Abri überzeugten mich, dass Christen nicht nur in der zeitgenössischen Kunst aktiv sein konnten, sondern dass sie es sein sollten! Dies kristallisierte sich für mich heraus, als jemand aus Amerika mit Déjà Vu, dem neuesten Album von Crosby, Stills, Nash and Young bei L’Abri ankam. Wir saßen als Gruppe zusammen und hörten das Album. Wir achteten aufmerksam auf jede Nuance der Texte, die Aufschluss darüber geben konnte, in welche Richtung unsere Generation sich bewegte. Es war eine Zeit, in der Rockmusik der Komet war, der kulturelle Veränderungen ankündigte. Man suchte in den Texten von Künstlern wie Bob Dylan, Jim Morrison, Paul Simon, Jerry Garcia, Pete Town-


Vision shend, John Lennon und Paul McCartney nach Lebensweisheit. Musiker waren nicht mehr einfach Unterhaltungskünstler, sondern Propheten und Schamanen. Timothy Leary, ein ehemaliger Psychologieprofessor der Harvard Universität, der zum Missionar der geistigen Vorzüge von LSD geworden war, sagte, dass Rockmusiker «die philosophischen Poeten der neuen Religion» seien. 3 Diese Verehrung mag übertrieben gewesen sein, aber die Rockmusik antwortete schneller auf die Umbrüche der 60er Jahre als irgendeine andere Kunstform. Die Beatles nahmen «All You Need Is Love» auf, als amerikanische Truppen in Vietnam kämpften und junge Menschen für den Frieden marschierten. Die Anti-Kriegs-Proteste im Sommer 1968 inspirierten «Street Fighting Man» von den Rolling Stones. Die Schüsse an der Kent State Universität brachten Neil Young dazu, «Ohio» zu schreiben, als die Nachrichten darüber berichteten. Acht Tage später war das Lied als Single von Crosby, Stills, Nash und Young auf dem Markt. Das letzte Lied auf der ersten Seite des Albums Déjà Vu war der Song «Woodstock». Joni Mitchell hatte das Lied als Reaktion auf das große Rockfestival geschrieben, das im Sommer zuvor stattgefunden hatte. (Der später erschienene Dokumentarfilm über das Ereignis pries «Drei Tage der Liebe, des Friedens und der Musik» an.) Das Lied «Woodstock» repräsentierte den Höhepunkt des Traumes einer alternativen Gesellschaft in den 60ern. Die Anhänger einer Gegenkultur glaubten, dass es beispielhaft war für eine neue Hingabe an grundlegende menschliche Werte und eine Absage an Gier, Krieg, Heuchelei und Ausbeutung. Mitchell hatte diese im Grunde religiöse Vision eingefangen. In dem Song trifft sie einen Jungen («a child of God» – ein Kind Gottes) auf dem Weg zum Festival und fragt ihn, was er vorhat. Der Junge antwortet, dass er auf das Land zurückkehrt, um «seine Seele zu befreien» und dann kommt der Chorus, als sei er von jedem auf dem Festival gesungen worden, der die gleiche Hoffnung hegte: WE ARE STARDUST WE ARE GOLDEN WE ARE A BILLION YEARS OLD CARBON AND WE’VE GOT TO GET OURSELVES BACK TO THE GARDEN. 3

Timothy Leary, The Politics of Ecstasy (London: Paladin, 1970)

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Vision WIR SIND STERNENSTAUB WIR SIND GOLDEN WIR SIND EINE MILLIARDE JAHRE ALTE KOHLE UND WIR MÜSSEN UNS WIEDER ZURÜCK IN DEN GARTEN BEGEBEN

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Die beiden letzten Zeilen trafen mich. Hier spielte eine Supergruppe des Rock auf den Garten Eden an. Der Rest des Liedes machte deutlich, dass dies kein Ruf zur christlichen Bekehrung war, aber zumindest erkannte das Lied an, dass Menschen eine geistliche Erneuerung brauchten. Wo waren die Christen, die auch nur im Entferntesten an Musiker im Musikbusiness herankamen? Wo gab es Christen, die sich mit dieser tiefgründigen Metapher auseinander setzen könnten? Die meisten christlichen Musiker, die ich kannte, waren mit «christlicher Musik» beschäftigt, was damals bedeutete, dass sie von der Bibel inspirierte Lieder vor einer Versammlung von Gläubigen vortrugen. Selbst der beste ihrer Songs konnte keinerlei Einfluss auf die Debatte haben, weil er von keinem der Disputanten gehört wurde. «Woodstock» brachte die Überzeugung zum Ausdruck, dass wir geschaffen wurden, um bedeutend zu sein («stardust» [Sternenstaub] und «golden»), dass aber etwas schief gegangen war («caught in the devil’s bargain» – in einem Handel mit dem Teufel gefangen) und dass wir zu einer ursprünglichen Unschuld zurückkehren mussten («back to the garden» – zurück zum Garten). In dieser neu erschaffenen Welt würden die Instrumente der Unterdrückung und Gewalt in Objekte der Schönheit verwandelt werden. Bomber würden in Schmetterlinge verwandelt, so wie die Propheten des Alten Testamentes es vorausgesehen hatten, dass einmal Schwerter zu Pflugscharen und Speere zu Winzermessern geschmiedet würden. Der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen lag oft nicht in den Dingen, mit denen sie sich beschäftigten, sondern in ihren Schlussfolgerungen. Selbst wenn wir uns darin einig sind, dass Menschen Würde besitzen, können wir über die Quelle dieser Würde verschiedener Meinung sein. Christen und Nichtchristen sind vielleicht beide der Meinung, dass Menschen verändert werden müssen, haben aber unterschiedliche Ansichten darüber, wie dies geschehen soll.


Vision Wir sehen vielleicht gleichermaßen die Notwendigkeit, dass Menschen verändert werden müssen, haben aber nicht die gleiche Meinung darüber, wie das geschehen kann. Wenn man «Woodstock» aus 30 Jahren Erfahrung betrachtet, erscheint es naiv. Der Idealismus von 500.000 jungen Menschen bei einem amerikanischen Musikfestival brachte keine wesentlichen Veränderungen im menschlichen Verhalten hervor. Die Probleme, zum Beispiel Gewalt und Umweltverschmutzung, sind geblieben oder schlimmer geworden. Das Lied legt einen Glauben an die Evolution der menschlichen Natur zu Grunde («maybe it’s the time of man» – vielleicht ist dies die Zeit des Menschen), und dieser unbegründete Optimismus ist seine letztendliche Schwäche. Dennoch war «Woodstock» ein Ansatz, im Rahmen der populären Kultur einige der wichtigsten Fragen zu stellen, die Menschen je ausgesprochen haben. Wer sind wir? Was macht uns bedeutend? Was ist schief gegangen? Wie können wir wieder hergestellt werden?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Imagine: "Christen in Kunst, Musik und Medien" von Steve Turner, erschienen im Down to Earth Verlag, 2004. Das Buch kann in jeder Buchhandlung bestellt werden [ISBN 3935992-17-3] oder direkt bei dte@chrismedia24.de [Bestellnr. 304220] oder im Online - Shop von Down to Earth: www.down-toearth.de Weiterleiten an Freunde und Bekannte ist gestattet. Veröffentlichung in Printmedien oder im Internet bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Verlags (info@down- to-earth.de).

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