Mit zusammengeballten Fäusten
Beten fällt uns nicht leicht. Es erfordert eine Beziehung, bei der wir einem anderen als nur uns gestatten, in das Innerste unserer Person einzutreten, ihn hier sehen zu lassen, was wir am liebsten verborgen halten möchten, und ihn etwas berühren zu lassen, was besser unberührt bleiben sollte. Warum sollte uns auch daran gelegen sein? Mag sein, dass wir einen anderen die Türschwelle zu unserem Inneren überschreiten lassen, um ihn etwas sehen oder berühren zu lassen – aber ihm zu erlauben, den Ort zu betreten, an dem sich unser verborgenstes Leben abspielt, das ist gefährlich und stößt auf Abwehr. Der Widerstand gegenüber dem Gebet gleicht dem Widerstand fest zusammengeballter Fäuste. Dieses Bild weist auf eine Spannung hin, auf eine hartnäckige Anstrengung, etwas festzuhalten, auf eine Verkrampftheit, die Angst verrät. Die Geschichte einer alten Frau, die in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde, mag diese Haltung verdeutlichen. Die Frau war sehr erregt, schlug blind um sich und versetzte ihre Umgebung in Schrecken, sodass Ärzte kommen und ihr alles abnehmen mussten. Schließlich hatte sie nur noch ein kleines Geldstück, das sie fest in der Hand hielt und um alles in der Welt nicht hergeben wollte. Zwei Helfer mussten sie schließlich dazu bringen, die zusammengepresste Hand zu öffnen. Es war, als müsste die Frau mit dem Geldstück auch sich selbst hergeben.
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Würde ihr dieser letzte Besitz genommen, hätte sie nichts mehr und wäre auch nichts mehr. Darin bestand ihre ganze Angst. Wenn wir eingeladen werden zu beten, so bedeutet das für uns, dass wir unsere fest zusammengeballten Fäuste öffnen und unser letztes Geldstück hergeben müssen. Doch wer möchte das schon? Deshalb ist ein erstes Gebet oft ein schmerzliches Gebet, denn wir entdecken, dass wir nicht hergeben wollen. Wir halten am Gewohnten fest, selbst wenn wir darauf nicht besonders stolz zu sein brauchen. Schnell sagt man sich: „So ist es eben mit mir. Ich wollte, es wäre anders, aber daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern. Das ist nun einmal so und dabei bleibt es.“ Wenn wir diesen Standpunkt vertreten, haben wir den Glauben bereits aufgegeben, dass unser Leben auch anders sein könnte, haben wir die Hoffnung auf ein neues Leben längst sinken lassen. Wenn wir es nicht mehr wagen, ein Fragezeichen hinter ein Stück unserer eigenen Erfahrung mit ihren vielen Verflechtungen zu setzen, haben wir uns dem Schicksal als Faktum ergeben. Wir finden es sicherer, uns an eine traurige Vergangenheit zu klammern, als einer neuen Zukunft zu vertrauen. Auf diese Weise sammeln sich in unseren Händen lauter kleine abgegriffene Münzen, die wir nicht hergeben wollen. Wir fühlen uns noch immer beleidigt, weil jemand uns für
Ein erstes Gebet ist oft ein schmerzliches Gebet.
das, was wir ihm gegeben haben, nicht dankbar war; wir sind noch immer neidisch auf die, welche besser verdienen als wir; wir möchten es dem noch immer heimzahlen, der uns nicht respektiert hat; wir sind noch immer enttäuscht, dass uns jemand nicht geschrieben hat; wir sind noch immer verärgert, weil uns die Nachbarin nicht freundlich gegrüßt hat, als wir ihr auf der Straße begegnet sind. Wir leben damit, leben darüber hinweg, als würde es uns nicht wirklich stören ... bis zu dem Augenblick, da wir beten möchten. Dann ist alles plötzlich wieder da: die Verbitterung, der Zorn, der Neid, die Enttäuschung und das Bedürfnis nach Anerkennung. Doch diese Empfindungen sind nicht nur da, wir halten sie in unseren Händen fest, als wären sie Kostbarkeiten, die man nicht hergeben darf. Wir geben uns dieser ganzen alten Bitterkeit hin und schwelgen in ihr, als könnten wir nicht ohne sie sein, als würden wir unser eigenes Selbst verlieren, gäben wir sie auf. Sich loslösen, entsagen wird häufig so verstanden, als müsse man sich dabei von etwas Anziehendem trennen. Aber oft kann Entsagung auch ein Loslassen von etwas Abstoßendem verlangen. So können wir tatsächlich dunklen Kräften wie Unmut und Hass verhaftet sein. Solange wir nach Vergeltung trachten, klammern wir uns an unsere eigene Vergangenheit. Manchmal scheint es, als könnten
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Sobald wir die festlichen und stillen Augenblicke des Gebets erkennen, wird uns deutlich werden, dass Beten Leben bedeutet.
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wir durch das Aufgeben unserer Rachsucht und unseres Hasses uns selbst verlieren. So stehen wir da mit geballten Fäusten und verschließen uns dem anderen, der sich versöhnen möchte. Wenn wir beten wollen, stellt sich zuerst die Frage: Wie öffne ich meine geballten Fäuste? Gewiss nicht mit Gewalt und auch nicht durch einen festen Entschluss. Vielleicht können wir unseren Weg zum Beten dadurch finden, dass wir andächtig auf die Worte hören, die der Engel zu Zacharias, zu Maria, zu den Hirten und zu den Frauen am leeren Grab gesprochen hat: „Fürchtet euch nicht!“ Fürchten wir uns nicht vor dem, der in unser tiefstes Inneres treten und uns einladen möchte loszulassen, woran wir so ängstlich hängen! Fürchten wir uns nicht, die abgegriffene Münze vorzuzeigen, die doch so wenig Wert besitzt! Fürchten wir uns nicht, unseren Hass, unsere Bitterkeit und Enttäuschung dem anzubieten, der Liebe und nur Liebe ist! Selbst wenn wir wissen, dass wir nur wenig vorzuzeigen haben, sollten wir uns nicht fürchten, es offenzulegen. Immer wieder ertappen wir uns dabei, dass wir uns die Liebe Gottes verschaffen wollen, indem wir einen Anschein von Schönheit zu erwecken versuchen und alles Hässliche und Verdorbene zurückhalten oder auch nur einen kleinen, sauber aussehenden Wegabschnitt vorzei-
gen. Doch das ist eine furchtsame, gezwungene und gekünstelte Antwort. Solch eine Antwort erschöpft und lähmt uns, sie macht das Gebet zur Qual. Jedes Mal, wenn wir es wagen, von einer dieser vielen Ängste loszukommen und sie zu überwinden, öffnen sich unsere Hände ein kleines Stück weiter und formen sich unsere Finger zu einer Geste des Empfangens. Wir müssen freilich Geduld haben, viel Geduld, bis unsere Hände vollständig geöffnet sind. Es ist eine lange geistliche Reise des Vertrauens, denn hinter jeder geballten Faust steckt eine andere und manchmal erscheint der Prozess endlos. Vieles ist in unserem Leben geschehen, das diese Fäuste hat entstehen lassen. Und zu jeder Stunde, bei Tag und bei Nacht, ist es möglich, dass wir unsere Hände vor Angst erneut zu Fäusten ballen. Manche werden uns vielleicht sagen: „Du musst dir selbst vergeben!“ Aber das ist unmöglich. Möglich hingegen ist, die Hände ohne Angst zu öffnen, damit der, der uns liebt, unsere Sünden wegwischen kann. Dann werden die Münzen, auf die wir meinen, nicht verzichten zu können, sich nur als glitzernder Staub erweisen, der vom leisesten Windhauch weggeweht wird und für den wir nur noch ein mitleidiges Lächeln übrig haben werden. Dann werden wir ein Stückchen neuer Freiheit erfahren und Beten wird zur
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Freude werden, zu einem spontanen Reagieren auf die Welt und die Menschen um uns. Dann wird Beten keine Anstrengung sein, es wird inspiriert und lebendig, friedlich und ruhig. Sobald wir die festlichen und stillen Augenblicke des Gebets erkennen, wird uns mehr und mehr deutlich werden, dass Beten Leben bedeutet. Guter Gott, ich habe Angst, meine zusammengeballten Hände zu öffnen. Wer werde ich denn sein, wenn ich nichts mehr habe, woran ich mich festhalten kann? Wer werde ich denn sein, wenn ich mit leeren Händen vor dir stehe? Hilf mir bitte, meine Hände mehr und mehr zu öffnen und zu entdecken, dass ich nicht bin, was ich habe, sondern was du mir geben willst. Und was du mir geben willst, ist Liebe, bedingungslose, nie endende Liebe. Amen Frage zur Meditation: Was halte ich in meinen zusammengepressten Händen fest?