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Weshalb ich dieses Buch schreibe „Das Auge sieht sich niemals satt, das Ohr bekommt niemals genug zu hören.“ Prediger 1,8 Ich wurde zwischen zwei Zeitaltern geboren, bewege mich zwischen verschiedenen Kulturen, stehe gewissermaßen zwischen den Religionen – und bin dennoch glücklich als Christ. Ich liebe, was ich sehe, und finde das Leben aufregend. Gleichzeitig weiß ich, dass es noch viel mehr zu sehen und zu hören gibt, viel mehr zu wissen und zu tun. Dieses Sehen ist allerdings auch schmerzhaft. Es gibt Dinge, die ich lieber nicht sehen oder wissen würde. Ich wurde 1943 mitten im großen Krieg in Kansas in der geografischen Mitte der USA in eine deutschstämmige katholische Familie mit zutiefst konservativen bäuerlichen Wurzeln hineingeboren. Gleichwohl wurde ich ausgesandt, um in die viel größere, sich rapide verändernde und reformierende Welt der 60er Jahre hineinzuwachen. Das Zweite Vatikanische Konzil sollte einer Reform des Katholizismus dienen; die therapeutische Bewegung sollte die Psyche re-

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formieren; durch den Krieg gegen die Armut und durch die Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen sollte Amerika reformiert werden. Angeblich habe ich die Manie, fast alles unter dem Aspekt von Sowohl als auch oder als ein „Zusammenfallen der Gegensätze“ zu betrachten. Es ist tatsächlich so, als steckte das in meinen Genen. Meine schlimmsten Fehler begehe ich immer dann, wenn ich diese Balance verfehle. Für diejenigen, die an Astrologie glauben: Ich wurde am 20. März, gegen Ende des Sternzeichens der Fische geboren, in dessen Symbol sich zwei Fische in entgegengesetzte Richtung bewegen, genau am Tag zwischen Winter und Frühling und in dem Jahr, in dem Ostern, das Fest der Auferstehung, am letztmöglichen Datum gefeiert wurde. Ich hoffe ständig auf Ostern und rechne fest mit seinem Kommen. Ich wurde in einer katholischen Kirche in Topeka in Kansas zum Priester geweiht, die genau an jener Stelle steht, wo 70 Jahre zuvor, im Jahre 1900, die dortige freikirchliche Gemeinde als allererste begonnen hatte, charismatisch in Zungen zu reden. Ich war immer gern katholisch, bin aber zugleich irgendwie auch Protestant und Pfingstler. Ich wusste schon früh, dass es sich dabei nur um unterschiedliche Erkenntniszugänge handelt: Worte spalten die Wirklichkeit in entweder – oder, aber meine Lebenserfahrung war immer sowohl als auch. Ich persönlich kann nur überleben, indem ich versuche, Brücken zu bauen, die meine eigenen Konzepte und die Konzepte anderer sowohl bestätigen als auch infrage stellen. Die meisten Menschen halten mich für eher „fortschrittlich“; ich selbst aber sehe mich sowohl als wertorientierten Konservativen als auch als prozessorientieren Progressiven. Ich glaube an Gerechtigkeit, Wahrheit, Konsequenz, Aufrichtigkeit, persönliche und ökonomische Verantwortung, verlässliche Liebe und Demut – das sind alles zutiefst traditionelle Werte. Dennoch muss man meines Erachtens kreativ, radikal,


1   Aldous Huxley, Die ewige Philosophie – philosophia perennis, Hans-NietschVerlag, Emmendingen 2008.

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dialogfähig und sogar in Opposition zu herrschenden gesellschaftlichen Normen leben, um diese Werte in nennenswerter Tiefe zu verwirklichen. Weder in der Kirche noch in der Politik von heute gibt es viele Konservative oder Progressive, die das überzeugend tun. Beide Lager sind zu dualistisch – sie denken und sehen nicht, wie die Mystiker es tun. Ich bin von der amerikanischen Kultur des 20. Jahrhunderts geprägt, im Guten wie im Schlechten. Ebenso – im Guten wie im Schlechten – bin ich von katholischer Theologie geprägt. Dazu kommen die Weisheitstraditionen der Indianer und der Weltreligionen und insbesondere mein franziskanisches Erbe, das sich größtenteils als „gut“ erwiesen hat. Es ist jene „ewige Philosophie“, wie Aldous Huxley sie genannt hat1, auf die ich mich in diesem Buch beziehe, verbunden mit Einsichten der Entwicklungspsychologie, der Theologie, der Philosophie, der Geschichte und der Mystiker aller Religionen; außerdem stütze ich mich auf meine Erfahrungen beim Aufbau von kommunitären Gemeinschaften und schreibe als jemand, der spirituelle Begleitung gewährt und erfährt. In erster Linie geht es mir um die Frage, warum Menschen nicht gut sehen können – und wie sich das vielleicht ändern ließe. Was hält uns Menschen davon ab, die Wirklichkeit wahrhaftig, unprätentiös und konstruktiv zu lesen? Weshalb scheinen wir alle – einschließlich derer, die in der Kirche, im Bildungssektor und im Staat ganz oben sind – so gefangen zu sein in uns selbst? Weshalb haben wir letztlich die Weltreligionen daran gehindert, ihre Aufgabe zu erfüllen, die darin besteht, Menschen und Gesellschaften zu transformieren? Weshalb haben wir den Menschen gesagt, sie müssten an Gott „glauben“, um Gott zu erfahren, wenn doch Gott offenkundig auf

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Wegen wirkt, die „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und die keinem Menschen in den Sinn gekommen sind“ (1. Korinther 2,9)? Neben den erwähnten Quellen werde ich auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen, die ich beim Versuch gemacht habe, mich und die Welt ehrlicher, liebevoller, umfassender und weniger egozentrisch wahrzunehmen. Vieles von dem, was ich jetzt sehe, ist Folge meiner zahllosen eigenen Fehler. Eigenes Scheitern, Sünde, demütigende Erfahrungen und Schattenarbeit sind sehr gute Lehrer, wenn wir sie zulassen. Ich benutze in dieser Untersuchung unterschiedliche Darstellungsformen. Dazu gehören Reflexionen, Geschichten, Weisheitsworte, Auslegungen der hebräischen und christlichen Schriften und schließlich konkrete praktische Übungen. Man kann dieses Buch von Anfang bis Ende in einem Zug lesen. Mancher mag es vorziehen, es abschnittsweise auf sich wirken zu lassen und sich Zeit zu nehmen darüber nachzudenken, wie sich das Gelesene zur eigenen Sicht der Dinge verhält. Man kann auch einfach eine Überschrift auswählen, die einen anspricht; denn viele der Kapitel können für sich selbst stehen. Alle der oben genannten Themen haben mich zur Generalbotschaft dieses Buches geführt: Alles Reden muss durch Schweigen ausbalanciert werden. Alles Wissen muss durch Nichtwissen relativiert werden. Ohne diesen Ausgleich wird Religion unweigerlich arrogant, ausgrenzend und sogar gewalttätig. Alles Licht muss austariert werden durch Finsternis und jeder Erfolg durch Leiden. Der Heilige Johannes vom Kreuz nannte dies die „leuchtende Dunkelheit“, der Heilige Augustinus das „österliche Geheimnis“ oder das „notwendige Pessach“ und Katholiken proklamieren es bei jeder Eucharistiefeier ausdrücklich als das Geheimnis des Glaubens: Tod und Auferste-


Das archaische und früh erlernte Muster des dualistischen Denkens bringt uns nur bis zu einem bestimmten Punkt. Deswegen haben alle reiferen Formen von Religion eine andere „Software“ entdeckt, um mit den wirklich großen Fragen wie Tod, Liebe, Unendlichkeit, Leiden und Gott umzugehen. Viele von uns nennen diesen Zugang „Kontemplation“. Dabei handelt es sich um eine nichtdualistische Weise, den gegenwärtigen Augenblick zu sehen. Früher hat man einfach „Gebet“ dazu gesagt. Es bedeutet, im „nackten Nun“ zu leben. Das „Sakrament des Hier und Jetzt“ wird uns lehren, wie wir unsere Erfahrungen tatsächlich erfahren können, ob sie nun „gut“, „schlecht“ oder „hässlich“ sind, und wie wir zulassen können, dass sie uns transformieren. Bloße Worte spalten die Gegenwart unweigerlich auf; pure Präsenz erlaubt der Wirklichkeit zu sein, was sie ist und wie sie ist. Wenn du präsent sein kannst, wirst du die Reale Präsenz erkennen. Ich verspreche, dass das stimmt. Und es ist tatsächlich beinah so simpel. An meinem 65. Geburtstag, 20. März 2008, Gründonnerstag

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hung gehören zusammen. Aber dieses Axiom ist nur selten der reale Kern unserer Existenz.

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