Erwin W. Lutzer
Hoffnung im tiefsten Schmerz
Erwin W. Lutzer
Lass deine Vergangenheit hinter dir Hoffnung im tiefsten Schmerz
Best.-Nr. 275039
ISBN 978-3-98963-039-0
Titel des amerikanischen Originals: Putting Your Past Behind You Finding Hope for Life’s Deepest Hurts © 1997 by the Moody Bible Institute of Chicago. Translated by permission. Published in the United States by Moody Press.
Soweit nicht anders vermerkt, wurde die folgende Bibelübersetzung verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. (ELB)
Außerdem wurde verwendet: Lutherbibel Standardausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT)
3. Auflage 2025
© 2009–2025 Christliche Verlagsgesellschaft mbH Am Güterbahnhof 26 | 35683 Dillenburg info@cv-dillenburg.de
Übersetzung: Irmgard Grunwald, Pulheim Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Druck: CPI Books GmbH, Leck Printed in Germany
Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gern kontaktieren: info@cv-dillenburg.de
Einleitung
1. Abgestempelt – wie kann ich damit leben?
2. Das Versteckspiel muss ein Ende haben
3. Vergebung für das Unverzeihliche
4. Umgang mit der Sucht
5. Seelische Verletzungen und endlich Heilung
6. Sexuelle Bindungen
7. Befreiung aus sexueller Gebundenheit
8. Die heilende Kraft der Vergebung
9. Leere Zwangsvorstellungen
10. Gottes Macht in Anspruch nehmen
11. Der Weg zurück zu Gott
EINLEITUNG
Tausende von Menschen leben in der ständigen Angst, dass ihre Vergangenheit sie einholen könnte. Und selbst wenn ihr Geheimnis nie ans Licht kommen sollte, spukt es immer wieder in ihrem Kopf herum und quält sie fortwährend mit dem Gedanken, dass sie Gott enttäuscht haben – und auch sich selbst. Jedes Mal, wenn sie einen Schritt nach vorne machen, haben sie das Gefühl, einen Klotz am Bein mit sich herumzuschleppen.
Tausende von Menschen leben in der ständigen Angst, dass ihre Vergangenheit sie einholen könnte.
Der Zerfall der Familie und der weitverbreitete Werteverlust haben unsere Gesellschaft herzlos werden lassen. „Selbstverwirklichung um jeden Preis“, lautet das Motto. So ist es kein Wunder, dass die Vergangenheit vieler Menschen geprägt ist von Betrug, Missbrauch und einer ganzen Reihe von verhängnisvollen Entscheidungen.
Die Aussagen in diesem Buch beruhen auf der Überzeugung, dass letztlich nur Jesus Christus es uns ermöglicht, unsere Vergangenheit zu bewältigen und hinter uns zu lassen. Ich bin nicht der Meinung, dass die Nachwirkungen der Vergangenheit einfach ausgelöscht werden, denn man trägt immer die Summe seiner Erfahrungen mit sich. Doch die Vergangenheit muss unseren Weg mit dem Herrn nicht beeinträchtigen.
Schlimme Erfahrungen in der Vergangenheit können sogar der Antrieb sein, Gott von ganzem Herzen zu suchen.
Doch die Vergangenheit muss unseren Weg mit dem Herrn nicht beeinträchtigen.
Wenn wir Gott in unserer Vergangenheit entdecken, wird er mit uns eine bessere Zukunft aufbauen.
Gott befreit uns nicht immer von allen Folgen der Vergangenheit, aber er kann die Macht brechen, die unsere Vergangenheit über uns hat. Tatsächlich ist es oft so, dass Gott gerade im Leben derjenigen am mächtigsten wirkt, die zuvor am meisten gelitten haben. Tausende von Menschen können bezeugen, dass Gott heilt, wenn man ihm die Scherben der Vergangenheit überlässt, wie es dieses Gedicht von Faith L. Mischler zum Ausdruck bringt:
Wie ein Kind mit kaputtem Spielzeug voller Tränen zu uns kommt, so brachte ich meine zerplatzten Träume zu Gott, der mir entgegenkommt.
Doch statt sie ihm zu überlassen, dass er nach seinem Willen tat, blieb ich, um mitanzufassen nach meinem eignen Plan und Rat. Doch siegte meine Ungeduld:
„Wie lange dauert das denn bloß?“ „Mein Kind“, sprach er, „Was soll ich tun? Du lässt es ja nicht los.“1
Wenn wir Gott in unserer Vergangenheit entdecken, wird er mit uns eine bessere Zukunft aufbauen.
Abgestempelt –wie kann ich damit leben?
Einmal fragte ich eine Frau nach der Tätowierung auf ihrem Arm. Sie erklärte: „Das hat mein Exfreund gemacht – ein Alkoholiker.“
Inzwischen ist die Frau mit einem anderen Mann glücklich verheiratet, aber sie muss mit der Erinnerung an ihre Vergangenheit leben; sie hat sie täglich vor Augen. Liebend gern wäre sie die Tätowierung los, aber sie ist in ihre Haut eingeätzt.
Wir alle kennen Menschen, deren Vergangenheit in ihre Seele eingebrannt ist – da sind vielleicht Missbrauch, ein unmoralisches Leben oder Abhängigkeiten. Manche Frauen müssen mit der Erinnerung an eine Abtreibung leben; manche Männer haben uneheliche Kinder gezeugt oder ihr Familienleben zerstört. Ich habe einmal einen Fernsehbericht über eine junge Frau gesehen, die ihren eigenen Vater angezeigt hat, weil sie als Kind mitansehen musste, wie er einen Mord beging. Welche Erinnerungen müssen in ihre Seele eingebrannt sein!
„Ich versuche, mein Leben wieder aufzubauen, so wie ein Haus, das von innen und außen völlig zerstört ist“, schrieb eine Frau, nachdem sie unsere Radiosendung gehört hatte. „Ich hoffe, dass ich es von Grund auf neu bauen kann und dass ich möglichst nichts von dem vergammelten Baumaterial benutzen muss, das
ich um mich herum finde. Und dieses Mal will ich es so sanieren, dass es nicht wieder zerstört werden kann.“
Wie anders sähe unsere Vergangenheit aus, wenn wir sie noch einmal durchleben könnten – mit dem Wissen, das wir jetzt haben. Millionen von Menschen wünschen sich das, was Louisa Fletcher Tarkington folgendermaßen in Worte fasste:
Ich wünschte mir einen herrlichen Ort, das Land des Neubeginns, wo ich alle Fehler und allen Kummer und alles Selbstmitleid wie einen schäbigen alten Mantel am Tor fallen lasse und nie wieder anziehen muss.2
Gibt es einen solchen Ort? Ja, den gibt es. Natürlich können wir die Zeit nicht zurückdrehen, denn aus Stunden werden Tage, aus Tagen Monate und aus Monaten Jahre, die man nicht noch einmal durchleben kann. Keiner kann im Lauf eines Lebens noch einmal an den Start gehen. Wenn man einen alten Kalender an die Wand hängt, so wird das die Jahre nicht zurückbringen, und es wird auch nicht die Spuren der Fehler in der Vergangenheit tilgen. Wir können nicht zu Gott gehen und sagen: „Herr, lass diesen Unfall nicht geschehen sein!“
Gott möchte diese offenen Wunden verbinden, sodass sie heilen können.
So, wie in einer Wand Löcher zurückbleiben, wenn man die Nägel herauszieht, so hinterlassen die klaffenden Wunden der Sünde oft wunde Stellen. Gott möchte diese offenen Wunden verbinden, sodass sie heilen können. Wenn aus diesen Wunden Narben geworden sind, dann dürfen wir wissen, dass sie verheilt sind. Schuld, Trauer und Kummer dürfen wir dann hinter uns lassen –es gibt das Land des Neubeginns. Unsere Vergangenheit muss
weder unsere Gegenwart noch unsere Zukunft beherrschen. Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun; es ist nie zu spät, die verbleibenden Tage des Lebens mit dem Herrn zu leben.
Es ist nie zu spät, die verbleibenden Tage des Lebens mit dem Herrn zu leben.
In dem Buch Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne3 wird die Geschichte einer Frau geschildert, die eine Liebesaffäre mit einem jungen Pfarrer hat. Die Geschichte beginnt damit, dass sie öffentlich an den Pranger gestellt wird, mit einem großen „E“ für Ehebruch auf der Brust. Ihre uneheliche Tochter hält sie auf dem Arm. Im Verlauf der Geschichte tut sie öffentlich Buße für ihre Sünde und erträgt die Beschimpfungen ihrer Mitbürger als gerechte Strafe – allerdings weigert sie sich standhaft, den Vater ihres Kindes zu nennen.
In der Zwischenzeit freundet sich der Ehemann, psychologisch geschickt, zum Schein mit dem Mann an, den er als Geliebten seiner Ehefrau im Verdacht hat. Unter dem Vorwand, ihn ärztlich zu behandeln, lässt der Ehemann ihn jahrelang zappeln, da der Pfarrer nicht bereit ist, seine Schuld zu bekennen.
In dieser Geschichte leidet der Mann, der Ehebruch begangen hat, weit mehr als die Frau, die ihre Sünde zugibt und Schande und Schuld auf sich nimmt; denn er bekennt sich nicht zu seiner Vergangenheit. Es ist immer besser, klar Schiff zu machen, als mit schmerzlichen Geheimnissen zu leben, die die Seele gefangen halten! Wäre der Ehebrecher bereit gewesen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, dann hätte er mit einem reinen Gewissen im Bewusstsein der Vergebung leben können. Da er sich aber entschieden hatte, Unschuld vorzutäuschen, hatte er seine Sünde täglich vor Augen.
Es ist immer besser, klar Schiff zu machen, als mit schmerzlichen Geheimnissen zu leben, die die Seele gefangen halten!
Hoffnung auf einen Neubeginn
Im Alten Testament lesen wir den bemerkenswerten Bericht von Gomer, einer Frau, die nur zu gut wusste, wie es ist, wenn man damit leben muss, dass ein großes „E“ wie „Ehebruch“ auf die Seele geheftet ist. Ihr Ehemann Hosea, ein Prophet, war von Gott angewiesen worden, eine Prostituierte zu heiraten. Die meisten Bibellehrer sind der Ansicht, dass sie noch keine Hure war, als er sie heiratete; und doch sagte Gott: „Geh, nimm dir eine hurerische Frau und zeuge hurerische Kinder! Denn das Land treibt ständig Hurerei, vom HERRN hinweg“ (Hos 1,2).
Hosea hatte schon zwei Kinder mit dieser Frau, aber bei der Geburt des Dritten wurde dem Propheten schmerzlich bewusst, dass dieses Kind nicht von ihm war. Er nannte den Jungen „Lo-Ammi“, das bedeutet „Nicht-mein-Volk“.
Gomer beging weiterhin Ehebruch und hatte einen Liebhaber nach dem anderen; doch nie fand sie die Erfüllung und Annahme, nach der sie sich sehnte. Eines Tages geriet sie an einen Mann, der nicht in der Lage war, für sie zu sorgen. Hosea sah sie von Weitem – verstört, erniedrigt, ohne Essen und Kleidung. Ohne zu zögern, nahm er etwas Brot und Wein und gab es ihrem trägen Liebhaber, damit er besser für seine Geliebte sorgen konnte!
Gomers moralische Talfahrt ging immer weiter, bis sie schließlich bei einem Mann landete, der sie gegen das höchste Angebot versteigern wollte. Männer standen da und gafften die hilflose Sklavin an, deren Schönheit schon längst durch seelischen und geistlichen Verfall zerstört war. Hosea überbot die anderen Männer und zahlte fünfzehn Silberschekel und viereinhalb Zentner Gerste.
War Hosea unvernünftig? Welcher Mann würde ein solch schmerzliches Opfer bringen für eine Frau, die ihn gedemütigt, in aller Öffentlichkeit Ehebruch begangen und sich außerdem nicht um ihre Kinder gekümmert hatte? Soll sie doch selbst die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt hat!
Ob es nun verrückt war oder nicht, Hosea holte seine Frau wieder nach Hause. Er wusste, dass er nun wieder mit seiner geliebten Frau zusammen sein konnte. Er glaubte, dass ihre Ehe immer noch eine Zukunft haben würde. Sie würden die Liebe wieder neu entfachen können.
Woher nahm der Prophet diese Hoffnung? Hosea war davon überzeugt, dass sie noch einmal von vorn beginnen könnten. Er hoffte, dass seine Frau tief genug gefallen war, dass sie daraus gelernt hatte und nun bereit war, zu ihm und zu Gott zurückzukehren. Wenn sie nicht bereit wäre für einen Neubeginn, dann hätte sie auch keine Zukunft mehr.
Gott selbst gab Hosea diese Hoffnung, denn er sagte:
Darum: Siehe, ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und ihr zu Herzen reden. Dann gebe ich ihr von dort aus ihre Weinberge und das Tal Achor als Tor der Hoffnung. Und dort wird sie singen4 wie in den Tagen ihrer Jugend und wie an dem Tag, als sie aus dem Land Ägypten heraufzog. (Hos 2,16-17)
Gomer wird wieder singen.
Und die Geschichte geht noch weiter. Ihr Eheversprechen wird erneuert, sie lebt nun in Reinheit und Treue zu ihrem Ehemann.
Und ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Recht und in Gnade und in Erbarmen, ja in Treue will ich dich mir verloben; und du wirst den HERRN erkennen. (Hos 2,21-22)
Tatsächlich wird es praktisch so sein, als hätte sie gar nicht gesündigt. Ja, sie wird wieder singen. Sie hört auf, umherzustreunen, und kehrt nach Hause zurück, wo sie hingehört. Geistlich gesprochen, wird ihre Jungfräulichkeit wiederhergestellt. Körperlich konnte sie keine Jungfrau mehr sein, aber geistlich war ihre
Jungfräulichkeit wiederhergestellt; denn sie war eine Jungfrau in ihrem Herzen. Gott gab ihr einen neuen Anfang.
Ganz gleich, wie tief jemand in Sünde fällt: Es gibt immer ein Zurück.
Ich behaupte nicht, das Buch Hosea sei geschrieben, um uns ein Beispiel dafür zu geben, wie ein Mann seine untreue Ehefrau behandeln soll – obwohl Gott allein weiß, wie viele Ehen gerettet werden könnten, wenn die Ehepartner sich entschließen würden, selbst in der Zeit der schlimmsten Untreue Liebe zu zeigen. Hoseas Ehe aber macht eines deutlich: Ganz gleich, wie tief jemand in Sünde fällt: Es gibt immer ein Zurück. Gott will auch die größten Sünder retten – selbst die mit dem „E“ auf der Brust.
Ganz gleich, wie tief oder wie dunkel das Tal ist, es gibt immer einen Weg, der wieder herausführt. Gott ist Spezialist für schwierige Fälle. Jeder kann noch einmal von vorn anfangen.
Aussichten auf einen Neubeginn
Die Gemeinde in Korinth bestand aus vielen Gläubigen, die sich aus Homosexualität, Ehebruch, Alkoholismus und Missbrauch heraus bekehrt hatten. Sie lebten in einer Kultur, die der unseren sehr ähnlich war, ja, sie war vielleicht sogar noch schlimmer. Paulus wollte ihnen klarmachen, dass es für sie einen Neubeginn gab, ein neues Leben in Jesus Christus. Viele von ihnen hatten diese Erfahrung tatsächlich schon gemacht.
Paulus schrieb:
Keine Versuchung hat euch ergriffen als nur eine menschliche; Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, sodass ihr sie ertragen könnt. (1Kor 10,13)
Das ist eine gute Nachricht für solche, die glauben, dass ihre verkorkste Vergangenheit auch ihre Zukunft bestimmen muss:
Wir müssen uns nicht allein abstrampeln; Gott geht mit uns durch die Sünden der Vergangenheit und durch die Versuchungen der Zukunft. Diese Bibelstelle zeigt uns die Aussicht auf einen Neubeginn.
Gott geht mit uns durch die Sünden der Vergangenheit und durch die Versuchungen der Zukunft.
Sie müssen nicht allein kämpfen
Ihre Vergangenheit – ganz gleich, wie qualvoll die Erinnerung daran ist – ist typisch für einen Menschen. Das heißt nicht, dass jeder solche Erfahrungen gemacht hat wie Sie; aber es bedeutet, dass andere eine ähnliche Herausforderung siegreich bestanden haben. Paulus würde wohl sagen, dass diese durch und durch menschlichen Kämpfe völlig normal sind. Auch so etwas wie Ihre ganz persönliche Lebensgeschichte ist zumindest zu einem kleinen Teil auch schon von einem anderen Menschen durchlebt worden.
Alkoholismus
Missbrauch
Scheidung
Gefräßigkeit
Abtreibung
Homosexualität
Sexuelle Abhängigkeit
Viele Menschen, die eine oder mehrere dieser Verfehlungen aus ihrer Vergangenheit kennen, sind mittlerweile gesegnete Diener des Herrn. Auch Sie können also Ihre Vergangenheit überwinden, was auch immer vorgefallen ist. Der Zweck dieses Buches ist es, zu erklären, welche Rolle der biblischen Offenbarungen zufolge Gott dabei spielt. Andere haben bereits eine solche Vergangenheit, wie Sie sie haben, hinter sich gelassen; und das können auch Sie.
Wenn wir als Gläubige die Macht unseres Herrn bezeugen möchten, dann müssen wir denen eine glaubwürdige Hoffnung geben, deren Leben durch Abhängigkeit, Unmoral und/oder
Kriminalität gekennzeichnet ist. Ein Viertel aller Kinder, die in diesem Jahr geboren werden, werden über kurz oder lang nur noch mit einem Elternteil zusammenleben. Andere werden sich mit einem alkoholabhängigen Vater oder einer Mutter, die sich um nichts kümmert, abfinden müssen.5 Im Laufe ihres Lebens wird jede dritte Frau Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt, meistens durch einen engen Freund oder Verwandten.6
Diese Erfahrungen sind normal für eine sündige Menschheit. Einige Menschen sind größere Sünder als andere, und an einigen hat man sich schlimmer versündigt als an anderen – aber wir haben alle die gleiche menschliche Natur. Jeder Einzelne von uns ist in dieser Hinsicht gleich. Zu einem gewissen Grad haben wir alle die Macht der Sünde erlebt und der Versuchung Tür und Tor geöffnet. Oder wir haben den stechenden Schmerz gefühlt, wenn wir betrogen und ausgenutzt wurden.
Wenn ich Ihre persönliche Lebensgeschichte hören könnte, dann würde sie wahrscheinlich irgendwie den vielen anderen Geschichten ähneln, die ich im Laufe meines Lebens gehört habe. Ich würde Sie ansehen und sagen, dass Ihre Prüfung, Ihre Abhängigkeit, Ihre Ungerechtigkeit für einen Menschen ganz normal ist. Sie bleiben in Ihrem Schmerz nicht sich selbst überlassen. Gott steht bereit, um Ihnen zu helfen, und fast immer benutzt er seine Leute, um sein Werk der Wiederherstellung und Heilung zu vollbringen.
Ich will damit natürlich nicht sagen, dass das, was Ihnen passiert ist, nichts Schlimmes sei, nur weil es auch anderen so ergangen ist. Die Tatsache, dass seelische und geistliche Verletzungen so normal sind, macht sie deshalb nicht weniger schmerzhaft. Dadurch wird auch demjenigen, der den Schmerz verursacht hat, nicht die Schuld genommen. Wenn man die Tiefe der Verletzung zugibt, so kann das ein erster Schritt in Richtung Heilung sein. Ich meine damit also Folgendes: Ganz gleich, woran Sie schwer zu tragen haben, es gibt noch andere Menschen auf der Welt, die das Gleiche erlebt haben und die es geschafft haben, erfolgreich damit umzugehen, und die jetzt ein fruchtbringendes Leben führen.
Eine der Ketten, mit denen Satan gewöhnlich die Menschen an ihre Vergangenheit binden will, ist die Geheimhaltung. Man glaubt, die eigene Situation sei so ungewöhnlich, dass niemand anderes diese Qualen durchleiden könnte. Ebenso trägt jemand, der Verletzungen verursacht hat, ein schreckliches Geheimnis mit sich, und er nimmt an, dass er sofort auf Ablehnung stoßen würde, sobald irgendjemand etwas davon erfährt. So wird die Geheimhaltung zum geistlichen Grab.
Als Seelsorger habe ich schon oft jemanden sagen hören: „Ich sage Ihnen jetzt etwas, das kein anderer Mensch auf der ganzen Welt weiß.“ Dann kommt eine Geschichte von Missbrauch, sexueller Perversion oder grausamer Ungerechtigkeit. Und ich denke im Stillen: Wie schade, dass dieser Mensch seine Last all diese Jahre ganz allein tragen musste – obwohl seine Geschichte so menschlich ist.
Gott ist treu
„Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet“, schreibt Paulus in 1. Korinther 10,13. Wenn ich denke, dass ich eine Versuchung ertragen muss, die für Gott zu schwer ist, dann stelle ich seine Glaubwürdigkeit infrage. Gottes Treue bedeutet, dass er sich verpflichtet hat, mir nicht mehr zu geben, als ich tragen kann.
Der Abhängige sagt vielleicht:
„Gott kann mir nichts geben, was an das Hochgefühl heranreicht, das ich empfinde, wenn ich Drogen oder Alkohol konsumiere oder hemmungslos meine Sexualität auslebe. Gott ist keine Konkurrenz für den Antrieb, den mir das gibt, und für die Kraft, die mich gut drauf sein lässt.“ Ein solcher Mensch verleugnet Gottes Treue, und darum bleibt er in seinen Sünden gefangen. Die Freiheit, die Gott gibt, ist besser als das Hochgefühl der Sünde, das unser Gewissen vernebelt und die Seele vergiftet.
Die Freiheit, die Gott gibt, ist besser als das Hochgefühl der Sünde, das unser Gewissen vernebelt und die Seele vergiftet.
Es ist verständlich, dass Tausende von Menschen böse auf Gott sind, und ich schließe Christen hier mit ein. Schließlich, so wird argumentiert, wenn Gott mich liebte, warum hat er mich dann in dieses Unglück hineingeraten lassen? Warum war mein Vater Alkoholiker? Warum habe ich so ein starkes sexuelles Verlangen? Warum ließ er es zu, dass mein Vater mich missbrauchte oder dass meine Mutter mich abgelehnt hat? Warum sollte ich mich einem Gott zuwenden, der mich allein gelassen hat, als ich ihn am meisten brauchte?
So kann man sich den Gott, der helfen kann, vom Hals halten. Die einzige Quelle der Kraft und des Verständnisses, die man so dringend braucht, wird abgelehnt. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der erfolgreich seine komplizierte Vergangenheit überwunden hat, ohne dass er „Gott vergeben“ musste. (Obwohl Gott nicht unsere Vergebung benötigt; wir meinen das nur bisweilen!)
Ein ehemals Homosexueller erzählte mir, dass er noch nie einen Partner hatte, der nicht auf den allmächtigen Gott böse war. Homosexuelle sind böse auf ihn, weil sie glauben, dass Gott sie so gemacht hat. Das wird ihnen immer so weisgemacht.
Niemand kann mit seiner Vergangenheit abschließen, ohne zuvor seine Feindseligkeit Gott gegenüber aufzugeben.
Niemand kann mit seiner Vergangenheit abschließen, ohne zuvor seine Feindseligkeit Gott gegenüber aufzugeben. Es ist schwer zu verstehen, dass Gott unumschränkte Macht über die Welt hat und dass er gleichzeitig ein liebender Gott ist. Eine Frau, die früher missbraucht worden war, drückte es einfach so aus: „Gott war nicht für mich da, als ich ein Kind war, warum sollte ich glauben, dass er jetzt für mich da ist, da ich erwachsen bin? Ich kann ihm niemals vertrauen!“ Dennoch muss sie ihm vertrauen, wenn sie Frieden für ihre Seele haben will. Wie kann man einen solchen Zorn überwinden? Wir müssen ehrlich zu Gott sein und ihm ganz genau sagen, was wir fühlen. Ich kenne Leute, die meinen, Gott würde einen Blitz auf sie schleudern, wenn sie ihm sagten, dass sie sich von ihm betrogen fühlten.
Um sich dieser Situation also nicht stellen zu müssen, ignorieren sie Gott ganz einfach und vergraben ihre Feindseligkeit in der Tiefe ihrer Seele wie Müll, den man in die Tonne stopft. Der schwelende Groll wird unterdrückt, bis es unerträglich wird. So mancher nimmt dann seine stille, jedoch siedend heiße Bitterkeit mit ins Grab.
Asaf hatte eine bessere Lösung. Er hat sein Herz dem Herrn ausgeschüttet; er hat offen seine Enttäuschung und seinen Ärger zugegeben. Er tat es natürlich ehrfürchtig, aber er tat es ehrlich.
Wird der Herr auf ewig verwerfen und künftig keine Gunst mehr erweisen? Ist seine Gnade für immer zu Ende? Hat das Wort aufgehört von Generation zu Generation? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein? Hat er im Zorn verschlossen seine Erbarmungen? Da sprach ich: Das ist mein Schmerz, dass sich die Rechte des Höchsten geändert hat. (Ps 77,8-11)
In zahlreichen Bibelstellen stellt auch David Gott zur Rede und fragt ihn, warum er sein Angesicht vor ihm verbirgt. Dann bekennt er Gott seine Verwirrung und seine Enttäuschung. Gott tadelte ihn nicht für diese Ehrlichkeit; wenn David überhaupt nicht mit Gott gesprochen hätte, dann wäre alles noch viel schlimmer gewesen. Der allmächtige Gott kann wirklich alles vertragen –auch wenn er es natürlich nicht verdient.
Da Gott ohnehin weiß, was wir von ihm halten – warum sollten wir es dann nicht ebenso gut aussprechen? Er wird nicht überrascht sein! Eine schwärende Bitterkeit kann nur durch eine offene und ehrliche Verständigung darüber gelöst werden. Wenn wir in aller Offenheit mit Gott umgehen, werden wir entdecken, dass er uns seine Gnade ins Herz gibt. Wenn die erste Kette, die uns an unsere Vergangenheit fesseln will, die Heimlichkeit ist, so ist die zweite Kette die Feindseligkeit.
Wenn wir in aller Offenheit mit Gott umgehen, werden wir entdecken, dass er uns seine Gnade ins Herz gibt.
Ärger, gegen Gott und gegen andere gerichtet, lässt uns in unserem Gefängnis verharren, und Groll lässt unsere Herzen steinhart werden. Ärger vergiftet alle Beziehungen. Dennoch ist Gott treu. Sie können ihm alles sagen, und er wird es für sich behalten. Die Fesseln der Vergangenheit können gelöst werden.
Gott wird einen Ausweg schaffen
Paulus schrieb, dass Gott „mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, sodass ihr sie ertragen könnt“ (1Kor 10,13). Es ist so qualvoll, heftige Schmerzen zu haben, dass jeder irgendeinen Ausweg sucht, um das Leben erträglich zu machen. Von Natur aus versucht man, seiner schmerzlichen Vergangenheit auszuweichen, damit man nicht ständig damit konfrontiert wird. Zu Anfang scheint das der leichteste Weg zu sein, aber schließlich ist es der schwierigste. Wie wir später sehen, ist Gottes Fluchtweg für uns ganz anders als unsere eigenen Wege.
Im nächsten Kapitel stelle ich das Gefängnis namens „Verleugnung“ vor. Opfer von Missbrauch flüchten in die Verleugnung, um die Schmerzen der schrecklichen Realität zu verdrängen; die Täter flüchten in die Verleugnung, um ihre Fassade der Unschuld aufrechtzuerhalten. Kinder entwickeln beglückende Fantasien, um den Schmerz des wirklichen Lebens auszugleichen. Solches Verleugnen ist weitverbreitet, aber es ist nie ein dauerhafter, zufriedenstellender Weg, mit der Vergangenheit fertigzuwerden.
Die Verleugnung ermöglicht es, uns selbst davon zu überzeugen, dass wir unser Leben voll im Griff haben und alles in Ordnung ist. Wenn wir einmal auf dieser Schiene sind, dann kennen wir Hunderte von Ausreden, um uns immer wieder aus dem Netz zu winden. Es ist für jeden schwierig, sich selbst so zu sehen, wie Gott uns sieht, oder auch nur so, wie andere uns sehen. Aber das Verleugnen von Tatsachen ist nicht Gottes Fluchtweg.
Manche flüchten aus der Realität durch zwanghaftes Verhalten. Sie stopfen ihr Leben voll mit Aktivitäten – oft mit nutzlosen Beschäftigungen –, einfach, weil sie nicht mit sich allein
zurechtkommen. Vielleicht essen sie zwanghaft mehr als nötig, oder sie müssen ständig übermäßig Geld ausgeben, oder sie sind pausenlos auf Achse. Viele flüchten in unmoralische sexuelle Beziehungen und schädliche Freundschaften, um den Schmerz der Einsamkeit und der seelischen Leere zu betäuben.
Drogen und Alkohol sind andere Fluchtwege, die gang und gäbe sind. Nahezu täglich hört man in den Medien von jemandem, der an einer Überdosis gestorben ist. Dabei vergisst man leicht die Zehntausenden von Abhängigen, die ganz langsam sterben, Stück für Stück, Tag für Tag.
All diese Fluchtwege verstärken nur die Macht der Vergangenheit, sie bekämpfen sie nicht.
Millionen von Alkoholikern sind ein beredtes Beispiel für gedankenloses Fluchtverhalten. Der Alkohol ertränkt die Probleme nicht, sondern im Gegenteil: Er fördert sie sogar noch, sodass sie noch größer werden. Doch der Tag der Abrechnung kann nicht endlos hinausgezögert werden.
All diese Fluchtwege verstärken nur die Macht der Vergangenheit, sie bekämpfen sie nicht.
Wie sieht Gottes „Fluchtweg“ aus?
Biblische „Fluchtwege“ können ganz unterschiedlich aussehen, aber sie haben einige gemeinsame Merkmale. Da ist zunächst einmal die Ehrlichkeit. Die Schauspielerei muss ein Ende haben. Die Lügen, die die Sünde verhüllt haben, müssen aufgedeckt werden. Gott wird nur auf der Grundlage der Wahrheit mit uns handeln, nicht, wenn wir mit Ausflüchten kommen.
Ehrlichkeit ist auch notwendig für Menschen, die ein Opfer der Sünden anderer gewesen sind. Niemand kann die Tür zu seiner Vergangenheit schließen, ohne sie noch einmal anzusehen und mit allem, was da vorgefallen ist, sozusagen „Frieden zu schließen“.
Ein zweiter Punkt ist Demut. Es ist notwendig, dass man dazu bereit ist, alles zu tun, was Gott fordert – selbst wenn das bedeutet, dass ich meine Vergangenheit einigen Freunden erzähle, die
für mich in meiner Not beten können. Es gibt Zeiten, in denen wir mit unserer Vergangenheit nicht allein fertig werden können; wir brauchen manchmal Hilfe von anderen Menschen.
Ja, der himmlische Arzt möchte unsere Wunden ausschneiden, sodass das Gift daraus entfernt wird. In der Chirurgie wird häufig ein größerer Bereich weggeschnitten, sodass das Ganze als saubere Wunde heilen kann. Das braucht Zeit. Wenn man den Schorf herunterkratzt, wird der Heilungsprozess dadurch nur verzögert. Genauso heilt Gott unsere geistlichen Wunden: Er schenkt uns die Gnade der Vergebung und der Vergebungsbereitschaft. Er ist ein heilender Gott.
Manche haben eine schmerzliche Vergangenheit sehr schnell bewältigen können, vielleicht sofort bei der Bekehrung. Andere brauchen etwas mehr Zeit, aber sie müssen sich nicht noch einmal alle Einzelheiten des Schmerzes ins Gedächtnis zurückrufen. Es gibt auch Menschen, die erst dann in Frieden mit ihrer Vergangenheit abschließen können, wenn sie sorgfältig jede Verletzung betrachtet haben. Für manche ist es schon ein Fortschritt, wenn sie nur etwas besser mit ihrer Vergangenheit fertigwerden.
Was ist nun Gottes „Fluchtweg“? Er ist dann gegeben, wenn man die Macht Gottes mit den tiefsten menschlichen Bedürfnissen in Übereinstimmung bringen kann. Wenn man lernt, dass Gott bei uns ist, selbst wenn der Schmerz nicht verschwindet.
In der Gegenwart Gottes und seiner Gnade gibt es Hoffnung für einen Neubeginn.
In der Gegenwart Gottes und seiner Gnade gibt es Hoffnung für einen Neubeginn. Jemand sagte einmal: „Wenn Gott eine Tür schließt, dann öffnet er ein Fenster. Und wenn er uns eine Versuchung schickt, dann gibt er uns auch die Kraft, sie zu ertragen.“
Ich will nicht die Vorstellung von einem Gott erzeugen, der nur dazu fähig ist, Leute von kleinen Sünden zu befreien, oder der nur solchen helfen kann, die aus einer intakten Familie stammen. Gott ist sehr wohl dazu in der Lage, selbst die Hoffnungslosesten aus dem Schlamm zu ziehen, ihre Füße auf einen Felsen zu stellen und ihnen zu helfen, eigene
Schritte zu tun. Und selbst wenn die Wunden der Vergangenheit niemals heilen sollten, so können diese Menschen doch in ihrem Leben Frucht bringen in der Gewissheit, dass das gegenwärtige Leid nichts ist im Vergleich zu der Herrlichkeit, die uns erwartet.
Auf der Suche nach dem Neubeginn
Wir wollen uns das mal im Ganzen ansehen; wir werfen einen Blick auf unsere missliche Lage und betrachten dann den ersten Schritt, der getan werden muss, um mit der Vergangenheit abzuschließen.
Als der Naturforscher Thoreau im Sterben lag, bekam er Besuch von seiner frommen Tante. Sie fragte ihn: „Henry, hast du schon Frieden mit Gott gemacht?“
„Ich wüsste nicht, dass ich mich mit ihm gestritten hätte“, antwortete er.
Aber da irrte sich Thoreau ganz gewaltig. Jeder von uns hat mit Gott Streit angefangen. Unser Problem ist, dass wir das nicht zugeben wollen und dass außerdem Gott am Ende immer der Sieger ist.
Schon wenn wir auf die Welt kommen, werden wir unter dem Fluch der Sünde geboren. Ist das ungerecht? Sehen Sie es einmal so: Wenn Sie in eine Familie hineingeboren worden wären, die hoch verschuldet ist, dann würden diese Schulden auch auf Sie übergehen, selbst wenn Sie persönlich für die Situation nicht verantwortlich sind. Als Adam sündigte, wurden wir alle mit ihm zu Sündern – wir hatten Anteil an seiner Entscheidung in dem Sinn, dass er uns alle als Urvater der Menschheit vertrat.
Aber das ist bloß der Ursprung des Problems. Im Laufe des Heranwachsens fangen wir an, uns so sündig zu verhalten, wie es unserer Natur entspricht. Viele behaupten, dass das Böse nur etwas sei, das wir aufgrund der schlechten Einflüsse um uns herum täten und nicht wegen eines grundsätzlichen Makels in uns. Doch diese Auffassung ist naiv und widerspricht jeglicher Erfahrung.
Wenn wir erwachsen werden, sind manche Verhaltensmuster tief in uns verwurzelt; und ohne inneren Widerstand neigen wir dazu, unseren Begierden zu folgen, wohin auch immer sie uns führen. Damit beginnt ein Verhaltensmuster, das wir gleichzeitig lieben und hassen.
Die meisten Leute glauben, dass sie sich selbst aus ihrer misslichen Lage befreien müssten. Sie sagen sich von ihren alten Gewohnheiten los. Vielleicht gehen sie sogar zu einer Selbsthilfegruppe, und sie sehen auch ernsthafte Fortschritte. Obwohl diese Bemühungen im Grunde gut sind, können sie letztlich schaden, wenn sie ein Ersatz für Gottes Lösung des Dilemmas werden. Das Gute wird zum Feind des Besten.
Selbstverbesserung kann unseren Streit mit Gott nicht aus der Welt schaffen. Selbstverbesserung kann auch nicht die Schuld wegnehmen, die mit meinem sündigen Verhalten einhergeht. Die Schuld wird nur umgeleitet, und so kommt sie schließlich mit verändertem Namen wieder hoch. Allzu oft wird sie auch ins Unterbewusstsein verdrängt.
Wie lautet Gottes Antwort auf unsere Sündhaftigkeit? Oder anders ausgedrückt: Wie kann ein Sünder vor Gott gerecht werden? Zusammenfassend kann man sagen, dass der Kreuzestod Jesu Christi das Opfer für unsere Sünde war. Das bedeutet, dass Gott in der Lage ist, die Gerechtigkeit des Herrn Jesus tatsächlich uns anzurechnen. „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2Kor 5,21).
Gott wartet nicht darauf, sich eigensinnige Sünder zu schnappen, die es wagen, sich in seine Gegenwart zu verirren. Wir kennen alle irgendwelche irdischen Väter, die es kaum erwarten können, ihre Kinder mit dem Stock zur Räson zu bringen. Unser himmlischer Vater dagegen lädt Sünder zum Essen ein, verbindet ihre Wunden und erfüllt ihre Seele mit Gnade.
So wie der Vater des verlorenen Sohnes lässt auch unser himmlischer Vater uns das beste Kleid bringen (ein Symbol der Ehre), die Schuhe (ein Symbol des Angenommenseins) und das
gemästete Kalb (ein Symbol der Gemeinschaft). Er erwartet den Sünder nicht mit einem Knüppel, sondern mit dem Kelch der Gnade und des Erbarmens.
Die gute Nachricht ist die, dass Gott unsere Akte ein für alle Mal vernichtet. Er erklärt uns für so gerecht wie Jesus Christus. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen“ (Joh 5,24).
Das Geschenk der Rechtfertigung bekommt nicht jeder, sondern es ist nur für die, die ihre Hilflosigkeit eingestehen und all ihr Vertrauen auf Jesus Christus allein setzen. Gott rechtfertigt die Gottlosen, wenn sie aufhören, auf sich selbst zu vertrauen und stattdessen an seinen Sohn glauben.
Ist damit die ganze Geschichte zu Ende? Wenn Gott uns annimmt aufgrund des Verdienstes Jesu Christi, müssen wir dann jemals wieder unsere Sünden bekennen? Und bedeutet das, dass wir jetzt so viel sündigen können, wie wir wollen? Was ist mit diesen Tätowierungen, die immer noch in unsere Seele eingebrannt sind? Gibt es wirklich Hoffnung auf einen Neubeginn?
Gott erwartet den Sünder nicht mit einem Knüppel, sondern mit dem Kelch der Gnade und des Erbarmens.
Diese und weitere Fragen werden in den kommenden Kapiteln beantwortet.
Lesen Sie weiter.
NACHGEDACHT
Verbringen Sie eine stille Stunde damit, Gott Loblieder zu singen und über die Verheißungen in seinem Wort nachzusinnen. Denken Sie daran, dass es entscheidend wichtig ist, Gottes Güte Ihnen gegenüber im Glauben anzunehmen, um mit der Vergangenheit fertigzuwerden, die Sie immer wieder quält.