Das besondere Evangelium von Paulus
Norbert Lieth
Der Sonderapostel
Das besondere Evangelium von Paulus Norbert Lieth
Copyright deutsche Ausgabe:
Verlag Mitternachtsruf
CH-8600 Dübendorf
1. Auflage 2025 (Koproduktion)
Verlag Mitternachtsruf, Ringwiesenstr. 12a, CH-8600 Dübendorf www.mitternachtsruf.ch kontakt@mnr.ch
Artikel-Nr. 180246
ISBN 978-3-85810-643-8
Christliche Verlagsgesellschaft mbH, Am Güterbahnhof 26, DE-35683 Dillenburg www.cv-dillenburg.de info@cv-dillenburg.de
Artikel-Nr. 275011
ISBN 978-3-98963-011-6
Umschlag, Satz und Layout: Verlag Mitternachtsruf
Herstellung: ARKA Druck, PL-43-400 Cieszyn
Bibelzitate folgen, wenn nicht anders bezeichnet, der Elberfelder Bibel, Edition CSV Hückeswagen, 2003/2005. Zitiert werden auch die Schlachter Version 2000, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft (SLT), die Elberfelder Bibel © 1985–2009 SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag, Witten (ELB), und die Lutherbibel 1984, durchgesehene Ausgabe © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT).
Inhaltsverzeichnis
Der Sonderapostel
«Mir ist gegeben worden, den Nationen den unergründlichen Reichtum des Christus zu verkündigen und alle zu erleuchten.»
EPHESER 3,8.9
Die besondere Berufung des Paulus
Vier Dinge stechen über Paulus heraus: Erstens, niemand hat eine so radikale Bekehrung und Berufung erlebt wie er. Zweitens, niemand bezeugt so radikal seine Abwendung vom alten Leben und seine Hingabe zu einem neuen Leben in Christus. Drittens, niemand verkündet den radikalen Ernst der Sünde und die Vollkommenheit der Gnade tiefer als Paulus. Viertens, niemand erhält im Neuen Testament so radikal neue Offenbarungen wie dieser Apostel. Paulus ist der grösste neutestamentliche Jesus-Verkündiger. Allein die Anzahl seiner Briefe und der Raum, den seine Tätigkeit in der Apostelgeschichte einnimmt,
bestätigen das. Die Judenapostel arbeiteten überwiegend unter den Juden, aber es war der Heidenapostel Paulus (nicht die Judenapostel), der die damalige Nationenwelt mit der Rettungsbotschaft von Jesus erreichte. Er ging hin «in alle Welt …» (Mt 28,19; Mk 16,15). Diese Tatsache sollte aufhorchen lassen (Kol 1,23).
Im Johannesevangelium sagt Jesus dem Petrus nicht etwa: «Gehet hin in alle Welt», sondern: «Weide meine Schafe» (Joh 21,16-17). Wer sind denn die Schafe Jesu? Der gläubige Teil des Volkes Israel (Hebr 13,20). Und tatsächlich blieb Petrus bei den Juden (Gal 2,9). Seine Briefe richten sich an die Diasporajuden, und ihnen gegenüber spricht er von dem Hirten Israels (1Petr 2,25; 5,4). Paulus aber wurde der Nationenapostel.
Ein bemerkenswerter Abschnitt im Alten Testament unterstreicht diese heilsgeschichtliche Realität. Da spricht der Messias als Knecht Gottes:
«Hört auf mich, ihr Inseln, und hört zu, ihr Völkerschaften in der Ferne! Der Herr hat mich berufen von Mutterleib an, hat von meiner Mutter Schoss an meinen Namen erwähnt … ja, er spricht: Es ist zu gering, dass du mein Knecht seist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten von Israel zurückzubringen. Ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um meine Rettung zu sein bis an das Ende der Erde» (Jes 49,1.6).
Zwei Begriffe sind in diesem Text auffallend: zum einen «Inseln» und zum anderen «Ende der Erde».
1. «Hört auf mich, ihr Inseln (ijjim) … ihr Völkerschaften in der Ferne!» – Mit diesem Wort, so Dr. Roger Liebi, sei
Europa gemeint. Und zwar das Europa, das durch den Apostel Paulus erreicht worden ist. Es wurde von Gott zuerst für diese Rettung vorbereitet. Darum auch die Bitte des mazedonischen Mannes: «Und es erschien Paulus in der Nacht ein Gesicht: Ein gewisser mazedonischer Mann stand da und bat ihn und sprach: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!» (Apg 16,9).
2. «Ich habe dich auch zum Licht der Nationen ( gojim) gesetzt, um meine Rettung zu sein bis an das Ende der Erde.» – Mit diesem Begriff sind alle anderen Völker ausserhalb Europas gemeint, eben bis an das Ende der Erde. Deshalb zitiert der Apostel Paulus diesen Vers auch, als die Juden der Botschaft widerstanden (Apg 13,45-48).
Die Reihenfolge ist demnach folgende: erstens, Israel = Judenapostel; zweitens, Europa = Apostel Paulus; drittens, Rest der Welt = europäische Missionare. Wegen dieser Besonderheiten und Offenbarungen, die zur Berufung des Paulus gehörten, wurde auch niemand radikaler verfolgt und gehasst als er.
Auch du bist etwas Besonderes für Gott, auch wenn du keine Paulusberufung hast. Als Gott dich schuf, machte er dich anders als jeden anderen Menschen, weil er wollte, dass du einmalig bist. Bei dem Preis, den sein Sohn für die Erlösung gezahlt hat, dachte er auch an dich. Seine Offenbarung dir gegenüber ist einmalig. Deine Bekehrung ist einzigartig. Gott hat seinen Sohn auch in dir offenbart. So ist dein Wirkungskreis, in den er dich stellte, ein ganz besonderer und einmaliger – ein nicht immer leichter, aber von ihm für dich erwählt. Er hat dich dazu berufen, die Welt zu erreichen, die dich umgibt. Vergiss daher nicht das Ziel, das er mit dir erreichen will, die Liebe, die er durch
dich weitergeben will, die Frucht, die er durch dich wirken will, und den Weg, den er dich leitet!
Eine neue Gemeindeentwicklung durch Paulus
Es geht nicht darum, die Paulusbriefe über die Briefe der anderen Apostel zu erheben. Jeder Brief hat seinen von Gott gegebenen Platz. Es geht auch nicht darum, dass nur die Paulusbriefe für die Gemeinde Geltung hätten. Alle Schrift ist von Gott eingegeben (2Tim 3,16). Paulus selbst bezeugt: «Alles ist euer, Paulus, Apollos, Kephas» (1Kor 3,21-23). An anderer Stelle ermahnt er: «Lasst das Wort Christi unter (oder ‹in›) euch reichlich wohnen …» (Kol 3,16). Das Wort des Christus besassen alle Apostel gleicherweise. Sein Heiliger Geist hat sie alle inspiriert (Joh 16,12-15).
Im umgekehrten Sinn sprach der Apostel Petrus über Paulus:
«… so wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet, von denen einige schwer zu verstehen sind, die die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben» (2Petr 3,15-16).
Petrus bestätigt damit den besonderen Auftrag des Paulus, die ihm gegebene Weisheit und die besonderen Offenbarungen, die er erhielt. Die Juden taten sich mit dem Verständnis der ergänzenden Lehre des Paulus schwer, weil seine Neuoffenbarungen im Alten Testament noch nicht enthüllt waren. Und weil sie es nicht verstanden oder nicht verstehen wollten, verdrehten sie vieles und lehnten Paulus ab.
Die Korinther, zum Beispiel, versuchten Paulus und Petrus nach ihren eigenen Vorstellungen zu trennen (1Kor 1,11-13). Dass der Heilige Geist dies nicht zuliess, machen die oben erwähnten Verse deutlich. Aber wir entdecken bei nüchterner sachlicher Betrachtung, dass durch Paulus eine neue Gemeindeentwicklung einsetzte, die es vorher nicht gegeben hatte. Paulus erhielt göttliche Offenbarungen, die kein anderer bekommen hat. Die paulinische Offenbarung schliesst zwar alle anderen Aussagen der Schrift ein und umfasst sie, ergänzt sie aber auch um ein grosses Stück und führt in tiefere, bislang unbekannte Wahrheiten und Dimensionen. Seine Briefe sind daher von hohem Wert für die Gemeinde.
Wer die Theologie des Apostels Paulus nicht studiert und verinnerlicht, wird den vollendeten Ratschluss Gottes für die Gemeinde – und daher für sich persönlich – nicht verstehen, sondern mehr oder weniger bei den Aussagen der Evangelien stehen bzw. darin stecken bleiben. Das ist aber nicht das, was Gott will. Wir sollten uns nicht an der Vorspeise satt essen, wenn noch ein herrliches Hauptgericht auf uns wartet. Der Herr hat Paulus berufen, damit wir in der Offenbarung der Erkenntnis seiner selbst wachsen und die Tiefe der Hoffnung unserer Berufung erkennen (Eph 1,17-19).
Durch die Briefe des Apostels Paulus offenbart uns Gott wesentlich mehr, als es die Evangelien tun – was auch Jesus selbst seinen Aposteln gegenüber angedeutet hat (Joh 16,12-13). In dieser Hinsicht bekleidet der Apostel Paulus ein besonderes Amt.
Der Hebräerbrief betont:
«Deshalb, das Wort von dem Anfang des Christus verlassend, lasst uns fortfahren zum vollen Wuchs und nicht wie-
derum einen Grund legen mit der Busse von toten Werken und mit dem Glauben an Gott, der Lehre von Waschungen und dem Hände-Auflegen und der Toten-Auferstehung und dem ewigen Gericht» (Hebr 6,1-2).
Es geht nicht darum, die Evangelien nicht mehr zu beachten, aber wir sollen in ihnen nicht stecken bleiben, sondern über sie hinaus fortfahren zum vollen Wuchs. Und das geht nur durch die Lehre in den apostolischen Briefen, allen voran in den Briefen des Paulus. Diesbezüglich möchte ich das Wort Gottes, an Amazja gerichtet, geistlich auf uns anwenden: «Der Mann Gottes sprach: Der Herr hat dir noch mehr zu geben als nur das!» (2Chr 25,9).
Üben wir uns darin, uns nach dem auszustrecken, was der allmächtige Herr uns mehr an geistlichen Kostbarkeiten zu geben hat. Eine neutestamentliche Parallele dazu ist Epheser 1,3:
«Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jedem geistlichen Segen in den himmlischen Regionen in Christus.»
Diesen geistlichen Reichtum tut der Herr uns durch die Offenbarungen an den Apostel Paulus kund.
Besonderheiten der Berufung des Paulus
Es ist ein grosses Wunder, dass Gott einen Menschen, der dermassen gegen Christus war, dermassen für Christus einsetzt. Bei Gott sind alle Dinge möglich. Man sagte über Paulus: «Der, der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er
einst zerstörte» (Gal 1,23). Betrachten wir einige Besonderheiten seiner Berufung:
• Paulus ist der einzige Apostel, der als Apostel der Nationen bekannt ist.
• Nur er spricht vom «Leib des Christus».
• Nur er spricht von Gnade ohne Werke, was die Erlösung betrifft. Paulus nennt sich sogar «den Verwalter der Gnade Gottes» (Eph 3,2; Röm 3,28; Gal 2,16; Tit 3,5). Petrus und die anderen Apostel sprechen zwar auch über die Gnade (z. B. 1Petr 5,12; 2Petr 3,18), aber die Theologie der vollkommenen Gnade ohne Werke wird durch Paulus dargelegt.
• Paulus empfing die tiefsten Geheimnisse des Neuen Testaments. Darum sah er sich und seine Gefährten auch als «Verwalter der Geheimnisse Gottes» (1Kor 4,1).
Seine Offenbarungen gehen am weitesten zurück, bis vor Grundlegung der Welt, als es noch keine Schöpfung gab und keine Zeit – und sie blicken am weitesten voraus, bis an den Punkt, an dem Jesus das Reich wieder dem Vater übergibt und Gott alles in allem sein wird (1Kor 15,24-28; vgl. auch Eph 1,4-10: vor Grundlegung der Welt bis zur Fülle der Zeiten). Zwar führen auch die anderen Apostel in tiefere Wahrheiten, aber keiner so weitreichend wie Paulus. Sein vom Herrn eigens empfangenes Evangelium beginnt, genau genommen, mit seiner Berufung in Apostelgeschichte 9 und nach der Bekehrung der ersten Heiden in Apostelgeschichte 10 bis 11.
Paulus hat seine Botschaft sogar als den Abschluss des biblischen Kanons bezeichnet (Kol 1,25). Das Buch der Offenbarung bildet zwar den Schluss der Bibel, aber den heilsgeschichtli-
chen Kanon an sich, im Hinblick auf die Gemeinde, hat Paulus zur Vollendung gebracht. Johannes empfing nämlich die Offenbarung für die zukünftigen Ereignisse auf dieser Erde – Gericht und Segen. Dafür wurde er unter anderem im Geist in den Himmel versetzt (Offb 4,1). Paulus empfing demgegenüber Offenbarungen in Bezug auf die himmlischen Segnungen (Eph 1,3ff.).
Dafür wurde er in den dritten Himmel entrückt (2Kor 12,1ff.).
So kann auch nur Paulus von seinen Offenbarungen sagen: «Mir [nicht uns] ist gegeben worden, den Nationen den unergründlichen Reichtum des Christus zu verkündigen und alle zu erleuchten» (Eph 3,8-9). – Ganz so, wie er selbst «erleuchtet» wurde.
Paulus spricht von einem Evangelium, das ihm anvertraut worden ist (1Tim 1,11; Tit 1,3). Er redet von «meinem Evangelium» (Röm 2,16; 16,25; 2Tim 2,8), von «das von mir verkündete Evangelium» (Gal 1,11), «das Evangelium, das ich unter den Nationen predige» (Gal 2,2), «das Evangelium, das ich euch verkündet habe» (1Kor 15,1). Er spricht davon, dass das von ihm verkündete Evangelium nicht von menschlicher Art ist (Gal 1,11).
Dieses Evangelium hat er nicht von anderen Menschen (Aposteln) übernommen, sondern es ist ihm von Gott bzw. von Christus selbst offenbart worden, und zwar offensichtlich für einen besonderen Auftrag (Gal 1,12.16-17).
Weder Petrus noch andere messiasgläubige Juden haben Paulus belehrt. Von jeder menschlichen Autorität ist er von Anfang an unabhängig. Jesus Christus selbst hat ihn unmittelbar beauftragt und ist sein Lehrer gewesen. Es handelt sich bei seinem Evangelium daher um mehr als die prophetische Botschaft des Alten Testaments oder die Johannes des Täufers und auch um mehr als das, was Jesus in den Evangelien verkün-
det. – Mögen wir doch über diese Wahrheiten nachsinnen und sie wie Maria in unserem Herzen bewegen (Lk 2,19).
Paulus und der erhöhte und verherrlichte Christus
Die zwölf Apostel wurden noch vom erniedrigten Jesus berufen, Paulus hingegen vom erhöhten und verherrlichten Christus. Darum spricht er mehrheitlich von «Christus Jesus», während die anderen überwiegend von «Jesus Christus» reden. Das gilt nicht durchwegs (z. B. Gal 1,12), denn schliesslich bleibt der erhöhte Christus auch der zuvor erniedrigte Menschensohn, der den Namen Jesus nicht abgelegt hat. So wurde Saulus auch vom Herrn berufen mit dem Satz: «Ich bin Jesus, den du verfolgst» (Apg 9,5). Aber die Mehrheit der Aussagen gibt diese Richtung an. Und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.
So beginnen fast alle Briefe des Paulus mit Worten wie: «Paulus, Knecht Christi Jesu, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes» (Röm 1,1). Die anderen (jüdischen) Schreiber sprechen dagegen von «Jesus Christus» (Mt 1,1; Mk 1,1; Jak 1,1; 1Petr 1,1; 2Petr 1,1; Jud 1). – Ich gehe davon aus, dass die Reihenfolge der Wortsetzung nicht bedeutungslos ist. Alles von Gott Inspirierte hat einen geistgehauchten Sinn.
Paulus hat Jesus vom Himmel her kennengelernt und seine Aussagen richten sich vorwiegend auf das Himmlische. So schreibt er zum Beispiel im Hinblick auf sich selbst und die Gemeinde: «Der Herr wird mich retten von jedem bösen Werk und bewahren für sein himmlisches Reich; dem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen» (2Tim 4,18; vgl. Kol 1,5).
Auch der Apostel Petrus bezieht sich auf das Himmlische, wenn er von unserem Erbteil in den Himmeln spricht (1Petr 1,4). Schliesslich besteht die Gemeinde als Leib Christi aus Juden und
Heiden, und zwischen beiden gibt es keine Trennung. Doch ich würde sagen, dass Paulus die Himmelswelt in tieferen Dimensionen in den Blick nimmt (Eph 2,6). Die anderen zwölf Apostel haben ja immer noch die Verheissung, auf zwölf Thronen zu sitzen, wenn der Herr sein Reich auf Erden aufrichtet (Mt 19,28; Lk 22,30). Und man sieht, dass diese Vision sie begleitet.
Mit «Jesus Christus» ist der Sohn Gottes als «im Fleisch» gekommen gemeint. Und «Christus (Jesus)» bezeichnet den Sohn Gottes als «im Geist» gekommen. Im Fleisch kam er in die Welt. Durch den Heiligen Geist kam er in unser Herz.
Über achtzigmal finden wir im Neuen Testament den Ausdruck «in Christus». Weil der Vater uns «in Christus» hineingebracht hat (1Kor 1,30), wurden wir mit ihm gekreuzigt, begraben, auferweckt und sitzen wir mit ihm im Himmel (Eph 2,6). Es war die Aufgabe des Apostels Paulus, das «In-Christus»-Sein zu offenbaren.
Für Paulus war der erhöhte und verherrlichte Christus die einzige Offenbarungsquelle. Darum betonte er, Christus nicht mehr nach dem Fleisch zu kennen (2Kor 5,16). Manche wünschen sich: «Ach, wäre ich doch dabei gewesen, als Jesus damals auf der Erde lebte …» – Man vergisst darüber, dass wir heute viel mehr haben. William MacDonald schreibt dazu:
«Zwar konnte man Jesus als Nachbarn im Dorf Nazareth oder als irdischen Messias kennen, doch war es etwas völlig anderes, den verherrlichten Christus zu kennen, der gegenwärtig zur Rechten Gottes sitzt. Wir kennen heute den Herrn Jesus viel genauer und besser, wenn er uns im Wort durch den Heiligen Geist offenbart wird, als diejenigen ihn kennen konnten, die ihn nur nach seinem mensch-
lichen Äusseren beurteilt haben, als er noch als Mensch auf der Erde lebte.»
Die Offenbarung über den Leib und das Haupt und die Botschaft der Entrückung erhielt nur Paulus. Da sehen wir wieder seinen himmlischen Blick. Ihm wurden vierzehn Geheimnisse offenbart, die bis dahin völlig im Verborgenen lagen und niemand anderem eröffnet wurden. Das heisst, dass wir den Höhe- und Gipfelpunkt tiefster Herzensgeheimnisse Gottes nur in den Paulusbriefen finden. Er verkündete keinen Widerspruch zum Bisherigen, aber eine Weiterführung mit für die Gemeinde veränderten Elementen – zum Beispiel, dass die Nationen nicht unter dem mosaischen Gesetz stehen.
Paulus besass eine Sonderberufung für die Sonderstellung der Gemeinde als Leib Christi. – Er ist der «Sonderbeauftragte». Die Gemeinde ist eine Neuschöpfung, ein neuer Mensch, für den das Gesetz der Gebote in Satzungen weggetan wurde (Eph 2,15). Diese Botschaft war nur Paulus gegeben. Er selbst betonte, dass ihm die Haushalterschaft (Verwaltung) für die Gemeinde aus den Nationen gegeben wurde (Eph 3,2). Petrus war der Türöffner, er besass den Schlüssel (Mt 16,19), aber Paulus war der Haushalter.
Eine Haushalterschaft bzw. Verwaltung bedeutet, einen Haushalt zu führen, zu planen, zu ordnen und zu regieren. Dieses Haus ist die Gemeinde. Hier wird etwas von dem bedeutenden Auftrag des Paulus sichtbar. Er ist somit der Verwalter in Gottes Haus. Wenn dem so ist, dann müssen wir dieser Tatsache Rechnung tragen und dürfen seine Botschaft für uns nicht vernachlässigen (vgl. 1Kor 4,1; 9,17).