275006

Page 1


ZUR

ZURÜCK ERSTEN

LIEBE

ALEXANDER STRAUCH

Alexander Strauch

ZurĂŒck zur ersten Liebe

Best.-Nr. 275006

ISBN 978-3-98963-006-2

Titel des amerikanischen Originals:

Love or Die

© Copyright 2008 by Alexander Strauch

Wenn nicht anders angegeben wurde folgende BibelĂŒbersetzung verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. Außerdem wurde verwendet:

Neues Leben. Die Bibel (NLB) © 2002 / 2006 / 2024 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

2. Auflage 2025

© 2009–2025 Christliche Verlagsgesellschaft mbH

Am GĂŒterbahnhof 26 | 35683 Dillenburg info@cv-dillenburg.de

Übersetzung: Martin Plohmann, Bielefeld Satz und Umschlaggestaltung: Christliche Verlagsgesellschaft mbH

Druck: GGP Media GmbH, PĂ¶ĂŸneck

Printed in Germany

Wenn Sie Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler entdeckt haben, können Sie uns gern kontaktieren: info@cv-dillenburg.de

EINLEITUNG

Strebt nach der Liebe! (1Kor 14,1)

Meine erste Begegnung mit den biblischen GrundsĂ€tzen der Liebe hatte ich kurze Zeit nach meiner Wiedergeburt, und sie war eher unschön. Es ĂŒberraschte mich, echte GlĂ€ubige zu sehen, die gegeneinander ankĂ€mpften, unversöhnliche Haltungen einnahmen und sich voneinander trennten. Was die Sache noch schlimmer machte: In diesen Konflikten ging es nicht etwa um erhabene, ewige, theologische Themen rund um das Evangelium, sondern um persönliche Meinungen und Gemeindetraditionen. Inmitten der KĂ€mpfe von Ă€lteren, gottesfĂŒrchtigen GlĂ€ubigen war das fĂŒr mich als junger Christ sehr entmutigend. Um mit meiner EnttĂ€uschung fertigzuwerden, suchte ich im Neuen Testament nach Antworten auf das, was im Leben der örtlichen Gemeinde wirklich wichtig sein sollte. Was sind richtige christliche PrioritĂ€ten und Einstellungen? Wie können echte GlĂ€ubige unterschiedlicher Meinung sein, ohne sich gegenseitig zu „fressen“ (Gal  5,15)? In dieser Zeit entdeckte ich unter anderem den – wie ich ihn nannte – moralischen (oder christusĂ€hnlichen) Charakter der Gemeinde. Sie sollte eine Familie von BrĂŒdern und Schwestern sein, gekennzeichnet von Demut, Milde, Frieden, Vergebungsbereitschaft, Nachsicht, Glaube, Hoffnung und Liebe, wobei sich die Liebe als die höchste, alles umspannende Tugend hervortun sollte. Paulus schreibt: „Zu diesem allen aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist!“ (Kol 3,14).

Vor allem 1. Korinther 13 zeigte mir, dass es „einen Weg noch weit darĂŒber hinaus“ des Denkens und Verhaltens gibt und dass das grĂ¶ĂŸte theologische Wissen, die außergewöhnlichsten geistlichen Gaben und die aufopferndsten Dienste zwecklos sind – ja, sogar verletzend sein können –, wenn sie nicht durch den Geist der Liebe Jesu motiviert sind. Durch mein Bibelstudium erkannte ich, welch herausragende Stellung die Liebe bei allem einnimmt, was wir tun und sagen.

Meine nĂ€chste lebensverĂ€ndernde Begegnung mit der christlichen Liebe hatte ich einige Jahre spĂ€ter, als ein Freund mir die Biografie von Robert Cleaver Chapman gab. R. C. Chapman war fĂŒr sein durch Liebe geprĂ€gtes Leben bekannt, ohne dass er in Bezug auf die Bibel Kompromisse eingegangen wĂ€re. Sein liebevolles Leben war fĂŒr viele gottesfĂŒrchtige Menschen Inspiration und Herausforderung zugleich. Seine Biografie bestĂ€tigte mir, was ich bereits in meinem Bibelstudium erkannt hatte: Alles, was wir in unserem christlichen Leben und Dienst tun, muss von Liebe geprĂ€gt sein.

Meine dritte unvergessliche Begegnung mit der Liebe hatte ich, als ich den Epheserbrief studierte und dazu einen Kommentar von D. Martyn Lloyd-Jones las, dem ehemaligen Prediger der Westminster Chapel in London. WĂ€hrend ich mich mit Epheser 3,18-19 beschĂ€ftigte, wurde mir die Bedeutung der Liebe Christi zu mir richtig bewusst und verĂ€nderte mein Leben. Paulus’ Gebet darum, dass wir die unermessliche Liebe Christi fĂŒr sein Volk mit dem Verstand, persönlich und aus Erfahrung begreifen sollen, hatte eine außerordentliche Wirkung auf mich:

Einleitung

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater: 
 Er gebe euch 
, mit Kraft gestĂ€rkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; 
 damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und LĂ€nge und Höhe und Tiefe [der Liebe Christi] ist, und zu erkennen die die Erkenntnis ĂŒbersteigende Liebe des Christus. (Eph 3,14-19)

Aufgrund dieser einschneidenden Erfahrungen entwickelte ich ein lebenslanges Interesse an der biblischen Liebe. SpĂ€ter habe ich ihr mehrere BĂŒcher gewidmet: insbesondere in Bezug auf die Entwicklung einer durch Liebe geprĂ€gten Ältestenschaft und einer liebevollen AtmosphĂ€re in der Gemeinde. Obwohl mein Interesse an diesem Thema weiterhin steigt, empfinde ich bei mir stets ein erhöhtes Maß an UnzulĂ€nglichkeit, wenn ich ĂŒber christusĂ€hnliche Liebe zu schreiben versuche. Im Gegensatz zu anderen biblischen Themen erkennt man beim Schreiben ĂŒber die Liebe sein eigenes Versagen, Gott und seinen NĂ€chsten so zu lieben, wie ein Christ es tun sollte. Dieses Thema legt in allen Lebensbereichen den Finger in die Wunde. Mein Gebet ist es, dass Christen durch meine BemĂŒhungen darauf aufmerksam werden, wie wichtig die Liebe Jesu Christi sowohl in unserem persönlichen Leben als auch in unserer örtlichen Gemeinde ist.

Teil I

DAS PROBLEM

VERLORENER LIEBE

Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.

(Offb 2,4)

Mithilfe von Google Earth kann ich von meinem privaten Arbeitszimmer aus nahezu jede Adresse auf diesem Planeten ausfindig machen und fast jedes Gemeindehaus in der ganzen Welt sehen. Suche ich beispielsweise eine bestimmte Gemeinde in SĂŒdafrika, öffne ich auf meinem Computer ein entsprechendes Programm, und auf meinem Bildschirm erscheint ein Bild unseres blaugrĂŒnen Planeten aus der Weltraumperspektive. Ich tippe Afrika ein, und der Planet dreht sich zu dem gigantischen afrikanischen Kontinent. Als NĂ€chstes gebe ich SĂŒdafrika ein und zoome mir das Land heran. Dann wĂ€hle ich Barberton aus (eine Stadt westlich von Swaziland), und in wenigen Sekunden sehe ich die ganze Stadt vor mir. Zum Schluss gebe ich noch die Adresse der Gemeinde ein. Im Handumdrehen blicke ich auf das Dach eines Gemeindehauses, das 15 680 km von meinem Zuhause entfernt ist.

So ĂŒberzeugend und faszinierend diese Technologie auch sein mag, ich kann nicht in das Innere des GebĂ€udes sehen. Ich blicke nur auf das Dach. Ich kann

dem Volk Gottes nicht bei der Anbetung zuschauen, ebenso wenig, wie ich in die Herzen und Gedanken der dort versammelten Menschen sehen kann. Aber es gibt einen, der in jedes menschliche Herz genau hineinsehen kann. Ihm ist es möglich, den geistlichen Zustand einer Gemeinde zu erkennen. Er kann nicht nur in jede Gemeinde und jedes Herz sehen, sondern auch durch die Gemeinden hindurchgehen, ohne bemerkt zu werden! Und das alles ohne die Hilfe unserer Computer, Kameras oder Satellitenbilder.

Jesus Christus geht bereits seit fast zwei Jahrtausenden durch die Gemeinden. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts sah er sich sieben Gemeinden genauer an. Er blickte nicht nur auf die DĂ€cher, sondern prĂŒfte auch den geistlichen Zustand der Gemeinden und die Gedanken und Herzen aller GlĂ€ubigen. Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, enthĂŒllt Christus dann seine Beurteilung dieser sieben Gemeinden.

Stellen Sie sich vor, Christus wĂŒrde auf Ihre Gemeinde hinuntersehen, durch ihre Mitte gehen und sie bewerten. Es wĂ€re entmutigend, milde ausgedrĂŒckt! Doch gewissermaßen hat Christus das schon getan. Durch die Briefe an die sieben Gemeinden in Kleinasien (der heutigen TĂŒrkei) spricht er die Probleme und Siege, die StĂ€rken und SchwĂ€chen an, die sich auch heute in den örtlichen Gemeinden finden.

Aus diesem Grund sollte uns Jesu Beurteilung dieser sieben Gemeinden ein dringendes Anliegen sein. Sein Urteil ist vollkommen. Er kann nicht getĂ€uscht werden. Seine Augen sind „wie eine Feuerflamme“ (Offb 1,14), die in die tiefsten Tiefen des menschlichen Herzens

dringt. Seinem prĂŒfenden Blick ist nichts verborgen. Ohne seine Beurteilung können wir uns leicht selbst betrĂŒgen und unseren Fehlern gegenĂŒber blind werden. Wir kĂŒmmern uns hĂ€ufig mehr um unsere Gemeindewachstumsstrategien oder die neusten Trends als um den Willen Jesu Christi. Doch wie John Stott uns erinnert, zĂ€hlt letzten Endes das, was Christus ĂŒber eine Gemeinde denkt. Christus allein „ist GrĂŒnder, Haupt und Richter einer Gemeinde“.1

Wir können viel daraus lernen, wie Christus jede einzelne der sieben Gemeinden in Kleinasien beurteilt, aber dieses Buch wollen wir seiner EinschĂ€tzung der Gemeinde in Ephesus widmen. Angesprochen wird das Thema Liebe, vor allem das Problem erkalteter Liebe. Ein ĂŒberaus wichtiges Thema, da Liebe fĂŒr das Überleben unserer heutigen Gemeinden unerlĂ€sslich ist. In Offenbarung 2,1-6 finden wir sein Urteil:

Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Dies sagt der, der die sieben Sterne in seiner Rechten hĂ€lt, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt: Ich kenne deine Werke und deine MĂŒhe und dein Ausharren, und dass du Böse nicht ertragen kannst; und du hast die geprĂŒft, die sich Apostel nennen und es nicht sind, und hast sie als LĂŒgner befunden; und du hast Ausharren und hast vieles getragen um meines Namens willen und bist nicht mĂŒde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine

1 John R. W. Stott: What Christ Thinks of the Church: An Exposition of Revelation 1–3 (Grand Rapids: Baker, 2003); S. 7.

erste Liebe verlassen hast. Denke nun daran, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, so komme ich zu dir und werde deinen Leuchter von seiner Stelle wegrĂŒcken, wenn du nicht Buße tust. Aber dies hast du, dass du die Werke der Nikolaiten hasst, die auch ich hasse.

1. Jesu Lob und Tadel

In einer dunklen, heidnischen Stadt wie Ephesus war es nicht einfach, ein Licht fĂŒr Christus zu sein. Der Bibelausleger R. H. Charles bemerkt, dass „Ephesus 
 ein NĂ€hrboden fĂŒr jegliche Art von Sekte und Aberglauben war“.2 Der heidnische Tempel der Artemis (römisch: Diana) dominierte die Stadt und wurde als eines der sieben Wunder der antiken Welt angesehen. In Ephesus war der Kaiserkult verbreitet und fĂŒr jeden BĂŒrger Pflicht. Außerdem war die Stadt ein blĂŒhendes Handelszentrum und eine sittenlose Hafenstadt.

Im Bewusstsein all dieser Dinge erkennt der Herr ihre „MĂŒhe“ und ihr „Ausharren“ an. Er lobt diese Gemeinde, weil sie jene nicht duldete, die sich zum christlichen Glauben bekannten, aber eine unmoralische LebensfĂŒhrung rechtfertigten: Ich weiß, „dass du Böse nicht ertragen kannst“. Ebenso lobt er sie, weil sie jene geprĂŒft hatten, „die sich Apostel nennen und es nicht sind“. Wie die Beröer untersuchten auch die Epheser „tĂ€glich die

2 R. H. Charles: The Revelation of St. John, ICC (New York: Scribner, 1920), Bd. 1; S. 48.

Schriften, ob dies sich so verhielt“ (Apg 17,11). Kamen selbsternannte Apostel zu ihnen, ĂŒberprĂŒfte die Gemeinde deren Anspruch auf apostolische AutoritĂ€t und entlarvte sie als BetrĂŒger. Da sie keine ReprĂ€sentanten Christi waren, wies die Gemeinde diese betrĂŒgerischen Boten Satans und ihre Lehren zurĂŒck. Das verlangte natĂŒrlich Mut und Entschlossenheit.

Daher wissen wir, dass die Gemeinde in Ephesus lehrmĂ€ĂŸiges Unterscheidungsvermögen besaß. Sie liebte die Wahrheit und hasste so wie Jesus „die Werke der Nikolaiten“, einer unmoralischen christlichen Sekte, die Irrlehren verbreitete (Offb 2,6). Man beachte: Jesus lobt sie, weil sie die verderblichen Lehren und Praktiken dieser Sekte hassten. Ihr Hass auf die Werke der Finsternis bewies ihre Liebe zu Christus und dem Wort Gottes. Die Gemeinden heute mĂŒssen begreifen, dass Hass auf Böses und Unwahrheit nicht im Widerspruch zur Liebe steht, sondern ein wesentlicher Bestandteil echter christlicher Liebe ist (1Kor 13,6). Liebe „verabscheut das Böse“ und hĂ€lt „am Guten fest“ (Röm 12,9). Somit waren die GlĂ€ubigen in Ephesus ein Vorbild fĂŒr lehrmĂ€ĂŸige Wachsamkeit. Sie verteidigten die Wahrheit und liebten das Evangelium. Kompromisslos vertraten sie biblische Prinzipien und wurden deshalb sehr vom Herrn gelobt. Wir wissen auch, dass die Epheser schwere Konflikte auszutragen hatten. Sie hatten den Boten Satans widerstanden und viele andere schwierige UmstĂ€nde geduldig ertragen. So lobt der Herr sie: „Du hast Ausharren und hast vieles getragen um meines Namens willen und bist nicht mĂŒde geworden.“ Ein deutlicher Beweis ihrer LoyalitĂ€t und Hingabe!

Es gab viele GrĂŒnde, die Gemeinde in Ephesus zu loben, und wir sollten alle ihre vorbildlichen QualitĂ€ten schĂ€tzen. Die Gemeinde hĂ€tte ein Handbuch ĂŒber erfolgreichen Gemeindedienst schreiben können. Aber es war nicht alles in Ordnung. Etwas war sogar grundlegend falsch, und Jesus zeigt direkt auf das Problem: ihre verlorene Liebe. Angesichts all ihrer lobenswerten QualitĂ€ten könnten wir die Klage des Herrn fĂŒr geringfĂŒgig halten, aber in seinen Augen war die Gemeinde „gefallen“. Sie hatte ihre einstige Liebe verlassen. FĂŒr den, „der uns liebt und uns von unseren SĂŒnden erlöst hat durch sein Blut“ (Offb 1,5), ist das keine kleine Sache. Daher sagt unser Herr: „Ich habe gegen dich ...“

Scheitern in der Liebe

Unser Herr wirft der Gemeinde in Ephesus vor: „Du hast deine erste Liebe verlassen.“ Wörtlich ĂŒbersetzt lautet der Text: „Du hast deine Liebe verlassen, die erste.“ Die Betonung liegt auf „erste“ und bezieht sich somit auf die Liebe, die die Epheser zu Beginn ihres gemeinsamen Lebens als Gemeinde zum Ausdruck gebracht und nun verlassen haben.

Jesus sagt nicht: „Du hast keine Liebe“, sondern: „Du hast deine erste Liebe verlassen.“ Ihre Liebe war nicht das, was sie sein sollte. Obwohl sie noch ein gewisses Maß an Liebe hatten, da sie grĂ¶ĂŸtenteils echte Christen waren und „um [s]eines Namens willen“ Entbehrungen ertrugen (Offb 2,3), besaßen sie nicht mehr die Art von Liebe wie in den ersten Jahren als Gemeinde. Nach wie vor liebten sie den Herrn, aber nicht so wie am Anfang. Auch einander liebten sie, doch nicht so wie vorher.

Ihre Liebe zu Christus und zueinander hatte sie einst zu all ihren Taten motiviert. Sie brachte ihrem Leben und Dienst Freude, KreativitĂ€t, Frische, SpontaneitĂ€t und Lebendigkeit. Aber jetzt war die Energiequelle erschöpft. Ihr Dienst war verweltlicht, mechanisch, zur Routine geworden, und ihr Leben ein Abbild von Selbstzufriedenheit. Statt ihre Liebe ĂŒberfließen zu lassen, fehlte es ihnen an Liebe. Statt von herzlicher Liebe angetrieben, waren ihre Werke nur noch Ă€ußerlich. Einige „Werke“, die ihrer frĂŒheren Liebe entsprangen, waren nun nicht mehr zu finden. DafĂŒr tadelt Jesus sie und ruft sie auf, diese Werke wieder aufzunehmen (Offb 2,5).

Der Gegenstand ihrer ersten Liebe wird nicht genannt. Der Text sagt nicht, ob es die Liebe zu Christus oder die zueinander war. Daher gehen wir am besten davon aus, dass Jesus von christlicher Liebe im Allgemeinen sprach, was Liebe zu Gott, zu den GlĂ€ubigen in der Gemeinde und zu den Verlorenen einschließt. Laut unserem Herrn ist die Liebe zu Gott untrennbar mit der NĂ€chstenliebe verbunden (Mk 12,29-31; Lk 10,27). Es ist unmöglich, Gott zu lieben, aber die Glieder seiner Gemeinde nicht zu lieben – und umgekehrt (1Jo 4,7–5,3).

Jesus findet in seinem Tadel der Epheser starke Worte. Er spricht sie direkt auf ihre Verantwortung an: „Du hast deine erste Liebe verlassen“ oder „aufgegeben“3. Sie konnten keinem anderen die Schuld fĂŒr diesen Verlust geben. Sie hatten jeden erdenklichen Vorteil durch jahrelange gute Belehrungen, den Zugang zu anderen neutestamentlichen Schriften und die Kraft des Heiligen

3 BDAG, s. v., aphiĂȘmi; S. 156.

Geistes, der in ihnen wohnte. Kein Wunder, dass Christus sein Missfallen ĂŒber die Situation in Ephesus so deutlich zum Ausdruck bringt. Der Verlust ihrer Liebe war ihr eigener Fehler. Sie hatten es versĂ€umt, sich in der Liebe Gottes zu bewahren (Jud 21). Jetzt mussten sie sich den Tatsachen stellen und auf die Kritik und den Rat des Herrn reagieren.

2. Wenn eine Gemeinde ihre Liebe verliert

Jede örtliche Gemeinde hat ihre eigene Persönlichkeit, IdentitĂ€t, Besonderheiten, Gaben und AtmosphĂ€re. Diese Unterschiede können in den verschiedenen Gemeinden des Neuen Testaments festgestellt werden (Apg 17,11). Die Eigenschaft, die jeden GlĂ€ubigen und jede Gemeinde auszeichnen sollte – ungeachtet ihrer Begabung und ihres Charakters –, ist Liebe. Somit sollte die folgende Frage fĂŒr jeden Christen und jede Gemeinde von Ă€ußerster Wichtigkeit sein: Wird unsere GemeindeatmosphĂ€re von einem christusĂ€hnlichen Geist der Liebe geprĂ€gt?

Die Gemeinde in Ephesus war nicht neu. Es war eine fest gegrĂŒndete Gemeinde mit gesunder Lehre und GlaubensĂŒberzeugung. Wir können uns sicher sein, dass die GlĂ€ubigen dort regelmĂ€ĂŸig ihre Gemeinde besuchten, sich in der Lehre auskannten, das Mahl des Herrn hielten, falsche Lehrer zurĂŒckwiesen, gute Werke taten, ihre Verantwortung wahrnahmen, ein rechtschaffenes Leben fĂŒhrten, beteten und geistliche Lieder sangen – aber ihnen fehlte die Liebe.

D. A. Carson, Professor an der Trinity Evangelical Divinity School, beschrieb in seinem Artikel „A Church that Does All the Right Things, But 
“ ĂŒber Offenbarung 2,4:

Sie verkĂŒnden nach wie vor die Wahrheit, lieben aber die Person nicht mehr von Herzen, die die Wahrheit ist. Sie tun weiterhin gute Werke, aber nicht mehr aus Liebe, BrĂŒderlichkeit und Barmherzigkeit. Sie halten an der Wahrheit fest und geben mutig Zeugnis, vergessen aber, dass die Liebe das grĂ¶ĂŸte Zeugnis fĂŒr die Wahrheit ist. Es ist nicht so, als hĂ€tten ihre ernst gemeinten Tugenden die Liebe vertrieben, aber die Liebe kann nicht ersetzt werden durch noch so viele gute Werke, durch Weisheit und Unterscheidungsvermögen in Bezug auf Gemeindezucht, durch geduldiges Ausharren in Nöten, durch Hass auf die SĂŒnde oder durch eine gesunde Lehre.4

Ich möchte Ihnen zeigen, wie die Art von Lieblosigkeit aussieht, die unseren Herrn zutiefst betrĂŒbt. Ein beliebter junger Prediger und Bibellehrer besuchte eine Gemeinde. Er war ein guter Lehrer, und man spĂŒrte seine Liebe zum Wort Gottes und zu den Menschen. Als er vor seinem Dienst mit einigen GlĂ€ubigen betete, bat er Gott, zu den Menschen durch seinen Heiligen Geist zu sprechen, besonders zu den Unbekehrten. Nach seinem Dienst stand er am Ausgang und verabschiedete jeden einzeln. Offensichtlich genoss er

4 D. A. Carson: „A Church that Does All the Right Things, But 
“, Christianity Today (29. Juni 1979); S. 30.

es, mit den Menschen zu reden. Er war sogar der Letzte, der die Gemeinde verließ. Anschließend ging er zu seiner Gastfamilie und aß mit anderen Geschwistern aus der Gemeinde zu Abend. Sie freuten sich an der Gemeinschaft und an guten GesprĂ€chen.

FĂŒnfzehn Jahre spĂ€ter kam er wieder in diese Gemeinde. Noch immer predigte er treu das Wort, verteidigte die gesunde Lehre, forschte in den Schriften, hatte einen vollen Terminkalender und begrĂŒĂŸte jeden freundlich, aber irgendetwas war anders. In der Gebetszeit vor seinem Dienst schwieg er. Nach der Predigt eilte er zum Ausgang, tauschte mit seinen GesprĂ€chspartnern aber nur oberflĂ€chliche Höflichkeiten aus. Innerhalb von fĂŒnfzehn Minuten hatte er die Gemeinde verlassen. Er bestand auf einem Hotelzimmer, statt sich bei GlĂ€ubigen einquartieren zu lassen und mit ihnen zu Abend zu essen. Etwas hatte sich im Leben und Dienst dieses Predigers verĂ€ndert. Obwohl im Grunde nichts falsch daran ist, in einem Hotel zu ĂŒbernachten oder ein Honorar zu verlangen, waren es in diesem Fall feine Hinweise auf eine verĂ€nderte Gesinnung. Er betete nicht mit den anderen. Er verbrachte keine Zeit mit BrĂŒdern und Schwestern, so wie frĂŒher. Er verließ die Gemeinde so schnell wie möglich. Selbst seine Predigten schienen eher formal zu sein als von Herzen zu kommen. Bis auf wenige Ausnahmen hatten viele seiner Zuhörer diese VerĂ€nderung vielleicht gar nicht wahrgenommen. Worin bestand der Unterschied? Er hatte die Liebe verloren, die er zuvor noch deutlich gezeigt hatte. Jesus wĂŒrde zu diesem Prediger sagen: „Ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“

Warum ist Liebe so wichtig?

Warum ist der Verlust von Liebe eine so ernste Angelegenheit? Warum bereitet es unserem Herrn solchen Kummer? Warum droht er ein so schweres Gericht an? Warum ist es eine Frage von Leben oder Tod fĂŒr eine örtliche Gemeinde? Die Antworten gibt Christus selbst ebenso wie jene, die er als Apostel beauftragt hat.

1. Jesus lehrte, dass „das große und erste Gebot“ darin besteht, Gott rĂŒckhaltlos zu lieben – von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand (Mt  22,37-38; Mk 12,28-34). Die Summe aller göttlichen Gebote und aller geistlichen Dienste ist die Liebe zu Gott. Das hat oberste PrioritĂ€t fĂŒr jeden GlĂ€ubigen. Aus diesem Grund wurden wir erschaffen. Nichts im Leben ist richtiger, erfĂŒllender und lohnenswerter, als Gott, unseren Schöpfer und Erlöser, zu lieben.

2. Jesus erklĂ€rte, das zweite Gebot sei dem ersten gleich: „Du sollst deinen NĂ€chsten lieben wie dich selbst“ (Mt  22,39). Jesus verbindet die Liebe zu Gott untrennbar mit der zum NĂ€chsten. In dem Doppelgebot, Gott und seinen NĂ€chsten zu lieben, fasste er den Kern echten Glaubens, wahrer innerer Geistlichkeit und durch und durch moralischen Verhaltens zusammen. Jesus beurteilte Liebe so: „An diesen zwei Geboten hĂ€ngt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,40), und „grĂ¶ĂŸer als diese ist kein anderes Gebot“ (Mk 12,31).

Deshalb sollen die Nachfolger Christi nicht nur durch vollkommene Hingabe an Gott gekennzeichnet sein, sondern auch durch aufopfernden Dienst am

NĂ€chsten. Jesus zufolge sind in diesen Bereich der NĂ€chstenliebe unsere Feinde ebenso eingeschlossen wie unsere Verfolger und in unseren Augen unliebsame Menschen (Mt 5,43-48). Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie sich vergewissern, dass Sie die Bedeutung dieser beiden Gebote fĂŒr das christliche Leben verstanden haben.

3. Echte JĂŒngerschaft erfordert, sich selbst zu verleugnen und Jesus mehr als alle anderen zu lieben: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wĂŒrdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wĂŒrdig; und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wĂŒrdig“ (Mt 10,37-38). Alle anderen Beziehungen, selbst die engsten familiĂ€ren Bindungen, werden zu Götzendienst, wenn Christus nicht mehr als alles andere geliebt wird.

4. Jesus gab seinen Nachfolgern ein neues Gebot: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine JĂŒnger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh  13,34-35). Jesus weist auf seine eigene aufopfernde Liebe hin, die als Vorbild zur ErfĂŒllung des neuen Gebots dienen soll. Zudem lehrte er, die Welt wĂŒrde seine JĂŒnger an dieser Art von selbstloser, gegenseitiger Liebe erkennen. TatsĂ€chlich sollte Liebe „das Erkennungsmerkmal der Nachfolger Christi sein“.5

5 Leon Morris: The Gospel According to John, NICNT (Grand Rapids: Eerdmans, 1995); S. 562.

Kein antiker oder moderner Philosoph – wie Platon, Aristoteles, Kant oder Russell – hat je solch weitreichende Vorstellungen ĂŒber Liebe gelehrt.

Keine politische Persönlichkeit – von Julius CĂ€sar bis Winston Churchill – hat so etwas von seinen AnhĂ€ngern gefordert. Und kein religiöser Lehrer – weder Buddha noch Konfuzius oder Mohammed – gebot jemals seinen JĂŒngern, einander so zu lieben, wie er sie liebte, oder gab sein Leben fĂŒr sie. Kein anderes theologisches oder philosophisches System sagt so viel ĂŒber die göttliche Motivation fĂŒr Liebe (und Heiligkeit) oder drĂŒckt solche Liebe aus wie der Kreuzestod Christi.

Kein anderer Glaube stellt solche Forderungen, wie die Lehren Jesu Christi und seiner Apostel es taten.

Carl Hoch schreibt: „Das neue Gebot ist das sine qua non des christlichen Lebens“6, d. h., ohne sie geht es nicht. Somit ist das neue Gebot ein wesentliches Element des christlichen Lebens und Zeugnisses gegenĂŒber der Welt. Ein Nichtbefolgen des neuen Gebots wĂŒrde das christliche Leben zu „nichts“ machen – und uns zu Nicht-Christen. Mit den Worten des schottischen Neutestamentlers John Eadie: „Dem Beispiel Christi ist nichts so fern wie eine harte und unbarmherzige Art.“7

5. Johannes, der geliebte JĂŒnger Jesu, sagte: „Gott ist Liebe“ (1Jo 4,8.16). Um diese Aussage besser zu

6 Carl B. Hoch Jr.: All Things New: The Significance of Newness for Biblical Theology (Grand Rapids: Baker, 1995); S. 145.

7 John Eadie: Divine Love: A Series of Doctrinal, Practical and Experimental Discourses (1856; Birmingham: Solid Ground Christian Books, 2005); S. 276.

verstehen, mĂŒssen wir uns die Dreieinheit ansehen. Im Zentrum der christlichen Lehre ĂŒber Liebe steht das dreieine Wesen Gottes.8 Das vollendete Vorbild fĂŒr Liebe existiert innerhalb der drei Personen umfassenden Gottheit – Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist –, die drei in einem und einer in dreien sind und vollkommen in gegenseitiger Liebe. Kelly Kapic behauptet: „Alle Liebe ist nichts anderes als ein Spiegelbild oder ein Schatten der Liebe innerhalb der göttlichen Dreieinheit.“9 Zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist besteht seit Ewigkeiten eine dynamische, personale Beziehung, die von Liebe gekennzeichnet ist (Joh  17,24).10 Und wir wurden aufgerufen, an dieser heiligen Gemeinschaft der Liebe teilzuhaben (Joh 17,26; 14,21; 15,9-10).

8 „Letzten Endes ist das Christentum Trinitarianismus. Entfernen wir aus dem Neuen Testament Vater, Sohn und Heiligen Geist, so bleibt kein Gott mehr ĂŒbrig.“ (William G. T. Shedd: „Introductory Essay“, in: Philip Schaff (Hg.): Nicene and Post-Nicene Fathers, Bd. 3. [1887; Peabody: Hendrickson, 1994]; S. 10–11.)

9 Kelly M. Kapic: Communion With God: The Divine and the Human in the Theology of John Owen (Grand Rapids: Baker, 2007); S. 231.

10 Bruce Ware spricht von der Dreieinheit als von einer „Gesellschaft von Personen“ und meint: „Gott ist nie ‚allein‘ 
 Der eine Gott besteht aus drei Personen! Von seinem Wesen her ist er ein Einheitswesen und gleichzeitig existiert er ewig als Gesellschaft von Personen 
 Er ist ein sozial zusammenhĂ€ngendes Wesen in sich selbst. In dieser dreipersonalen Beziehung lieben die drei Personen einander, unterstĂŒtzen sich, helfen sich, arbeiten zusammen, ehren sich gegenseitig, kommunizieren miteinander, achten einander und erfreuen sich aneinander. 
 So ist der Reichtum und die FĂŒlle und die Vervollkommnung der personalen Beziehung, die innerhalb der Dreieinheit existiert.“ (Bruce A. Ware: Father, Son, and Holy Spirit: Relationship, Roles & Relevance [Wheaton: Crossway, 2005]; S. 20–21.)

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.