Kapitel 1 Auf nach London! Gleichförmig rauschte die Landschaft an ihnen vorbei. Häuser, Bäume und Felder – sie alle verschwammen vor den Augen, wenn man aufhörte, sie genau zu fixieren. Ein leichtes, unbeschwertes Gefühl der Unabhängigkeit hatte sich langsam in den Gemütern der drei Rothstein-Kids breitgemacht, seit sie sich von ihren Eltern am Bahnhof verabschiedet hatten und in diesen Zug eingestiegen waren. X-mal hatten sie ihre Eltern gedrückt, bevor der letzte Aufruf zum Einsteigen in den Zug plärrend aus dem Bahnhofslautsprecher ertönte. Mit einem Satz waren sie ins Innere des Abteilwagens gehechtet, als sich die Türen auch schon zischend hinter ihnen schlossen. Sie winkten ihren Eltern noch wild zu, während ihr Vater Johannes Rothstein über die Länge des gesamten Bahnsteiges neben dem Zug herlief, als wollte er doch noch im letzten Moment aufspringen. Rechtzeitig vor dem Absturz auf die Bahngleise gab er seine Verfolgungsjagd jedoch auf und sah dem eleganten Zug nach, der seine drei Kinder – so hoffte er – wohlbehalten nach Brüssel bringen würde. Etwas mulmig war Luca, Lina und Michi schon zumute. Immerhin war es das erste Mal, dass die drei 6
Geschwisterohne ihre Eltern verreisten. Eigentlich waren sie inzwischen alt genug – und immerhin waren sie zu dritt. Hätten sie mit diesem Zug direkt bis nach London durchfahren können, wäre auch alles nur halb so schlimm. Doch der Gedanke daran, auf dem großen Bahnhof Brüssel Süd durch das Gewirr der Gleise zu irren und rechtzeitig das Abfahrgleis des Eurostar-Zuges finden zu müssen, der sie von dort aus nach London bringen sollte, verursachte ihnen ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Gut, dass Luca, der Älteste der Geschwister, ein so helles Köpfchen war, dessen graue Zellen immer tadellos funktionierten und auf dessen messerscharfen Verstand selbst in brenzligen Situationen absolut Verlass war. Michi, der Jüngste des Geschwistertrios, kam immer dann zum Zuge, wenn Sportlichkeit oder technisches Geschick gefragt waren. Einen Logikwettstreit mit dem Superhirn seines Bruders versuchte er noch nicht einmal aufzunehmen; er zog es vor, Luca mit seiner übertrieben zur Schau gestellten Begriffsstutzigkeit auf die Palme und dann schließlich mit einem flotten Spruch zum Überkochen zu bringen. Der freundlichen und ausgeglichenen Art ihrer Schwester Lina war es dann immer zu verdanken, dass die brüderlichen Streitigkeiten nicht allzu sehr eska lierten. Hätten sie ihren großen Mischlingshund Melanchton dabeigehabt, der sie sonst immer so treu begleitete und ihnen schon so manches Mal zum Retter in der Not geworden war, wäre ihr Glück nahezu perfekt gewesen. Doch leider durften im Eurostar, mit dem sie von Brüssel aus über Calais durch den Eurotunnel nach England fahren würden, keine Hunde mitgeführt werden, sodass sie 7
Melanchton schweren Herzens bei ihren Eltern zurücklassen mussten. Trotz alledem überwog jedoch die Begeisterung über zwei vor ihnen liegende Sommerferienwochen, die sie in England bei ihrer Tante Elisabeth und ihrer Cousine Patricia verbringen würden. Elisabeth Gilmore war die Schwester ihres Vaters Johannes Rothstein. Obwohl ihr Mann Robert Gilmore vor fünf Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen war, war sie zusammen mit ihrer 13-jährigen Tochter in London wohnen geblieben. Lucas, Linas und Michis Vorfreude auf die beiden war groß. Sie liebten die freundliche Art ihrer Tante, die Geschichten erzählen konnte wie keine andere. Und ihre Cousine Patricia, die von allen nur Patsy genannt wurde, hatte einen ähnlich ausgeprägten Sinn für spannende Abenteuer wie die Rothstein-Kids selbst. „Puh!“ Mit einem schweren Seufzer ließ sich Lina in einen der gefederten Sitze des Abteils plumpsen, das ihre Brüder ausgesucht und bereits mit ihrem sämtlichen Gepäck belagert hatten. „Was ist denn los, Schwesterchen?“ Lucas schlaue Augen blinzelten sie fröhlich an. Manchmal war Lina etwas neidisch auf den Tatendrang ihres Bruders, der sich bei ihm gegen jeglichen Anflug von Angst oder Zweifel durchsetzte – meistens jedenfalls. Wenn Lina geahnt hätte, dass sogar Lucas Optimismus in den nächsten Tagen auf eine harte Probe gestellt werden würde, wäre sie vermutlich noch tiefer in den durchgesessenen Sitz des ICE gerutscht. „Macht es dir denn gar nichts aus, ohne Mama und Papa so weit wegzufahren?“ Sie bemühte sich, den weinerlichen Unterton in ihrer Stimme zu unterdrücken. „Und dann auch noch dieses 8
dämliche Hundeverbot im Eurostar! Was hat das eigentlich für einen Sinn? Heute darf man Hunde doch sonst überall mit hinnehmen!“ Lina machte ihrem Ärger Luft. Sie hing sehr an ihrem Hund Melanchton, und für ihre Tante Elisabeth wäre es auch kein Problem gewesen, für zwei Wochen neben ihren Neffen und ihrer Nichte noch den sympathischen Vierbeiner zu beherbergen. „Sobald Papa sein Forschungsprojekt an der Uni abgeschlossen hat, kommen er und Mama mit dem Auto nach und bringen Melanchton mit; das haben sie uns doch fest versprochen“, versuchte Luca seine Schwester zu trösten. „Wenn Papa an Forschungsprojekten arbeitet, dann ist das, als hätte man ihn mit Sekundenkleber an seinem Bürosessel festgeklebt“, mischte sich ihr jüngster Bruder Michi, der bisher nur teilnahmslos aus dem Fenster gestarrt hatte, in das Gespräch ein. Luca warf ihm einen scharfen Blick zu. Warum musste er immer so wahllos negative Kommentare loslassen und dadurch die Stimmung verpesten? „Oh, vielen Dank für deinen hilfreichen und außerordentlich feinfühligen Beitrag zu meinem Ich-tröste-meine-Schwester-Projekt!“, zischte Luca seinen Bruder von der Seite an. Im Gegensatz zu sonst ließ sich Michi von seinem Bruder nicht provozieren, sondern wandte sich wortlos ab und heftete seinen Blick wieder auf die vorbeirasenden Häuser und Büsche. „Papa und Mama werden sicher in zwei Wochen in London sein“, wiederholte Luca mit Nachdruck, an seine Schwester gewandt. „Und was mich angeht: Ich freue mich schon richtig auf den kleinen Hund von Patsy. Kannst du dich noch an ihn erinnern? Er war doch dabei, als Elisabeth und Patsy uns vorletzten Sommer besucht haben!“ 9
„Stimmt!“ Bei dem Gedanken an den kleinen quirligen Hund ihrer Cousine erhellte sich Linas Miene sofort. „Dieser kleine, gut gelaunte Hund, der immer herumspringt wie ein Gummiball! Ich erinnere mich!“ „Ich glaube, es ist ein Parson Russell Terrier oder so. Nur an seinen Namen kann ich mich nicht erinnern. Wie hieß er doch gleich?“ Luca dachte nach und biss sich dabei auf die Unterlippe. „Apple!“, kam es betont lässig vom Fenster herüber. In der Fensterscheibe spiegelte sich Michis triumphierendes Grinsen. „Er hört auf den schlichten Namen ‚Apple‘. Ich mache mir Sorgen um dein Gedächtnis, Sherlock Luca. Ich schlage vor, dass wir den Zug sofort zum Notstopp bringen und einen Arzt aufsuchen!“ Luca lief rot an vor Wut und holte tief Luft, doch bevor er etwas entgegnen konnte, wurde die Tür zu ihrem Abteil mit einem ratschenden Geräusch geöffnet.
10
Kapitel 2 Der schwarz gekleidete Fremde In der Türöffnung stand nicht wie erwartet der Zugbe gleiter, der ihre Fahrkarten kontrollieren wollte. Nein, es handelte sich um eine ganz andere, eine weitaus unsympathischere Erscheinung. Luca, Lina und Michi verstummten vor Überraschung. Ein Mann mittleren Alters, etwa 1,90 Meter groß, mit kahl rasiertem Schädel und ganz in Schwarz gekleidet, blitzte sie aus dunklen, weit in den Höhlen liegenden Augen an. Er strahlte etwas Düsteres, Unheimliches aus, das sich wie eine große dunkle Wolke auf das Abteil legte. Nachdem er die Kinder mit seinem durchdringenden Blick gemustert hatte, ertönte seine Stimme. Tief und so dunkel wie die Wolke im Abteil: „Ist hier noch ein Platz frei?“ Zwar klang die Frage nicht unbedingt unfreundlich, trotzdem brachten die Kinder nicht mehr als ein stummes Nicken zustande. Was sollten sie auch anderes tun? Sagen, dass das Abteil besetzt wäre? Nein, das wäre ja gelogen. Aber wie würden sie es mehrere Stunden lang in einem kleinen Abteil unter dem unangenehmen Blick eines Fremden aushalten, der ihnen irgendwie Furcht einflößte? 11
In diesem Moment wünschte sich jetzt auch Luca, Melanchton wäre bei ihnen. Lina drängte sich näher an Luca heran und versank fast in den Tiefen ihres Abteil sitzes. Nur Michi schien die plötzliche Anwesenheit des unheimlichen Fremden nicht so sehr zu stören. Das lag vermutlich daran, dass Michi sich im Allgemeinen nicht so viele Gedanken um alles machte. Manchmal fehlte ihm das Gespür für die berühmten Zwischentöne. Luca ärgerte diese Gedankenlosigkeit seines Bruders, denn sie hatte die Kinder schon des Öfteren in Gefahr gebracht. Schweigend hockten die drei Geschwister auf ihren Plätzen, und mit scharfem Rauschen, das die Luft und die Landschaft rechts und links der Bahngleise zu durchschneiden schien, jagte der Zug voran. Der Fremde las ein Buch und schwieg ebenfalls. Nach einiger Zeit wagte Lina, ihn aus den Augen winkeln zu beobachten. Konzentriert huschte sein Blick über die Buchseiten. Sein Gesicht hatte auffallend scharf geschnittene Züge. Er trug einen dünnen, schwarzen Kinnbart, der schmal war wie eine Messerklinge. Sein linkes Ohr sieht aus, als hätte er neulich erst einen Altmetallhändler überfallen, dachte Lina und musterte die enorme Anzahl schmutzig silberner Ohrringe. Die Stimme ihres Bruders Michi riss sie aus ihren Gedanken. „Was lesen Sie denn Interessantes?“ Das durfte nicht wahr sein! Jetzt fing Michi auch noch ein Gespräch mit ihm an! Der Mann blickte auf und betrachtete ihn eingehend. Schließlich bemerkte er knapp: „Der Fremde – von Albert Camus, falls dir das etwas sagt.“ Unwillkürlich mussten die Kinder ein wenig grinsen. Der Fremde! War das Zufall? 12
„Äh, nicht direkt ...“, entgegnete Michi etwas unsicher. „Ist das so eine Art Reisebericht?“ „Äh, nicht direkt ...“, äffte der Mann ihn nicht besonders freundlich nach. „Eines der berühmten Werke des französischen Existenzialismus. Handelt von einem Mann, der in einer Gefängniszelle auf seine ... na ja ... Hinrichtung wartet, weil er einen Menschen getötet hat“, hörte Luca sich plötzlich sagen. Drei überraschte Augenpaare richteten sich auf ihn, und er wünschte, sich durch ein Loch im Abteilboden auf die Bahnschienen plumpsen lassen zu können. Warum hatte er nicht seinen Mund gehalten? „Sieh an, sieh an!“ Die Stimme des unheimlichen Fremden bekam einen gespielt sanften, unangenehmen Klang, und Luca spürte, wie etwas wie Angst in ihm aufstiegt. „Du bist wohl ein besonders schlaues Bürschchen.“ Er redete unverändert süßlich und fügte noch etwas leiser hinzu: „Ich mag schlaue Kinder. Sie sind manchmal sehr nützlich.“ Er warf Luca noch einen frostigen Röntgenblick zu und vertiefte sich dann wieder seelenruhig in seine Lektüre. Luca atmete tief, aber tonlos durch und blickte seine Geschwister nervös an. Die Luft im Abteil erschien ihm zum Zerschneiden. Im nächsten Moment sah er, wie sein Bruder Michi mit Handy und Adressbuch hantierte, und hörte ihn betont heiter verkünden: „Tante Elisabeth hatte darum gebeten, dass wir uns von unterwegs mal bei ihr melden, damit sie weiß, ob wir zur geplanten Zeit in London ankommen. Ich rufe sie gerade mal an.“ Lucas Gedanken begannen zu wandern. Hatte er sich gerade getäuscht? Er meinte, ein neugieriges Funkeln in den Augen des Fremden gesehen zu haben, der kurz zu 13
Michi aufgeblickt hatte, um sich im nächsten Moment jedoch wieder in seine merkwürdige Lektüre zu vertiefen. Nachdenklich betrachtete er seinen Bruder, dessen Finger über die Handytasten huschten. Woher kam nur das ungute Gefühl, das sich in seiner Magengegend breitmachte? Sicherlich, jetzt wusste der Fremde, wohin sie fuhren. Aber war das denn wirklich so schlimm? Was war schon so interessant daran, dass sie ihre Tante in London besuchten? Eigentlich nichts. Und doch ... Luca war sich nicht ganz sicher. Dieses kurze Aufflackern des Interesses in seinem Blick ... Ach Quatsch, schimpfte Luca sich im Stillen aus, du siehst mal wieder überall weiße Mäuse. Verstohlen lugte er noch einmal zu ihrem Mitreisenden hinüber. Der Fremde schaute noch nicht einmal auf. Trotzdem – Luca konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass diesen Mann ihr Reiseziel in Wahrheit brennend interessierte!
Luca und Lina stolperten auf den Gang hinaus. Lina hatte die glorreiche Idee gehabt, im Bordrestaurant nach etwas Essbarem Ausschau zu halten – teils weil sie einen Vorwand suchte, um das Abteil verlassen zu können, teils weil sie wirklich etwas Hunger hatte. Sie blickten noch einmal hinter sich. Aus dem Abteil drang die heitere Stimme von Michi, der fröhlich mit seiner Tante in London plauderte. „Mir ist ganz schön unwohl bei dem Gedanken, dass Michi so ahnungslos drauflosschwatzt, obwohl dieser unheimliche Kerl ständig seine durchlöcherten Ohren spitzt. Dir nicht auch?“, flüsterte Lina und blickte Luca suchend an, als könnte sie die Antwort auf ihre Frage in seinen Gesichtszügen lesen. 14
„Ach, Schwesterchen, du kennst doch den Spruch: Hunde, die bellen, beißen nicht! Nicht jeder ist gleich gefährlich, nur weil er gefährlich aussieht.“ Innerlich schämte sich Luca jedoch, weil er seinen beschwichtigenden Worten selbst nicht glauben konnte. Die Tatsache, dass seine Schwester genau den gleichen Gedanken hatte wie er, beunruhigte ihn sogar noch mehr. In diesem Moment kam Michi aus dem Abteil gestolpert und schaute verwundert auf das Display des Handys. „Ich glaube, wir sind in einem Funkloch.“ „Mein lieber Michi, das einzige Funkloch in diesem ICE befindet sich direkt in deinem Kopf“, zischte Luca. Er gab seinen Geschwistern ein Zeichen und marschierte voran in Richtung Zugrestaurant. Michi schüttelte stirnrunzelnd den Kopf und trottete ein wenig genervt hinter Luca und Lina her. Luca wählte einen Tisch in der hintersten Ecke und schob sich etwas schwerfällig in die Bank ans Fenster. Stumm studierten die Kinder die Speisekarte und bestellten jeweils eine Cola. „Wolltest du nichts essen, Lina?“ „Irgendwie habe ich plötzlich keinen Appetit mehr.“ Lina rührte die Eiswürfel in ihrem Cola-Glas geräuschvoll mit dem Strohhalm im Kreis. „Was ist denn los mit euch? Warum seid ihr so beleidigt? Habe ich euch was getan?“, platzte Michi nun vorwurfsvoll heraus. Betont ruhig bemerkte Luca: „Nein, uns hast du nichts getan, aber irgendwie glaube ich, dass du dem komischen Fremden im Abteil etwas getan hast. Nämlich einen großen Gefallen!“ Michis Blick verriet, dass er immer noch nicht verstand, worum es ging. Luca fuhr deshalb fort, und zwar 15
zu Michis Ärgernis in einem Ton, der so klang, als wollte er einem kleinen Kind erklären, dass es nicht in die Steckdose fassen darf. „Jetzt weiß der Mann doch genau, dass wir nach London fahren und dort bei unserer Tante wohnen, die Elisabeth heißt.“ „Na und?“ Michi mochte es nicht, wenn sein großer Bruder ihn schulmeisterte. „London ist eine große Stadt, in der so ungefähr 10.000 weibliche Personen namens Elisabeth wohnen dürften“, gab er zurück. „Und außerdem: Warum darf das bitteschön niemand wissen? Was ist so interessant an drei Geschwistern, die ihre Ferien bei ihrer Tante in England verbringen? Oder sind wir in irgendeiner geheimen Mission unterwegs, von der ich noch nichts weiß?“ Beleidigt starrte er aus dem Fenster. „Michi, beruhig dich doch. Im Grunde hast du ja recht. Es ist einfach nur ... na ja, so ein Bauchgefühl, mehr nicht. Ich bin vielleicht manchmal ein bisschen zu misstrauisch, aber du bist eben manchmal zu leichtgläubig, das ist alles.“ Luca, Lina und Michi schwiegen sich eine Zeit lang an. Missmutig starrte Michi auf seine Hände, die sein ColaGlas umklammerten. Das fing ja schon wieder gut an! Sie fuhren einfach nur zu ihrer Tante nach London. Und nur weil sich ein schwarz gekleideter Mann zu ihnen ins Abteil gesetzt hatte, der einen halben Klempnerladen im Ohr trug, mussten seine Geschwister schon wieder einen Kriminalfall wittern. Völlig übertrieben! Klar, das Detektivspiel auf Schloss Morillion im letzten Sommer war ein ganz netter Zeitvertreib gewesen. Aber Michi hatte sich fest vorgenommen, diese Sommerferien mal anders zu verbringen – nicht nur mit Grübeleien über merkwürdige Gestalten und deren möglicherweise kriminelle 16
Machenschaften. Denn wenn bei Sherlock Luca erst einmal die grauen Zellen so richtig in Schwung kamen, war Michi automatisch auf dem Abstellgleis. Lucas Beobachtungen und Schlussfolgerungen konnte er sowieso nie richtig nachvollziehen, und er kam sich immer ein bisschen begriffsstutzig vor, wenn seine Geschwister sich mal wieder in ein geheimnisvolles Abenteuer stürzten. Doch wenn er nicht vor Langeweile sterben wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an Lucas und Linas Detektivspiel zu beteiligen, und das ärgerte ihn. Das geräuschvolle Krachen einer Faust, die auf die Tischplatte niedersauste, ließ Michi zusammenzucken und riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Luca war ganz plötzlich aufgesprungen. „Michi, hast du deine Sachen mit aus dem Abteil genommen?“ „Mann, Luca, da bleibt einem ja fast das Herz stehen! Ja, klar, Mamas Handy habe ich dabei, aber mein Portemonnaie ist noch im Abteil! Wieso? Kannst du etwa unsere Rechnung nicht bezahlen?“ Michi verzog den Mund zu einem Grinsen. „Oh, Michi!“ Lucas Stimme überschlug sich vor Auf regung. „Wie kannst du nur deine Wertsachen im Abteil liegen lassen, wo sie dieser sonderbare Typ in aller Seelenruhe an sich nehmen und mit ihnen verschwinden kann? Derjenige, der deine lange Leitung gestrickt hat, hat wahrscheinlich ein ganzes Leben mit dieser Aufgabe verbracht!“ Stöhnend ließ sich Luca in die Bank zurücksinken. Michi setzte wieder seine verständnislose Miene auf und schüttelte den Kopf. „Mann, Luca, jetzt mach aber mal ’nen Punkt! Nur weil du deinen Sommer am liebsten mit dem Lösen von Kriminalfällen verbringst, musst du 17
nicht alle Pferde in deiner Umgebung scheu machen, oder?“ Nun mischte sich auch Lina ein. „Warum hast du dem Fremden nicht gleich einen 50-Euro-Schein in die Hand gedrückt? Das hätte ihm wenigstens das Durchsuchen deines Gepäcks erspart“, bemerkte sie trocken. Luca schaute sie überrascht an. Das war das erste Mal, dass seine Schwester eine ironische Äußerung von sich gab. Michi war aufgestanden und funkelte die beiden böse an. „Ihr seht ja schon wieder überall weiße Mäuse! Nicht überall, wo Sherlock Luca auftaucht, gibt es spannende Abenteuer. Wir fahren einfach nur zu unserer Tante, nicht mehr und nicht weniger.“ Wütend drehte er sich um und verschwand in Richtung ihres Abteils. Luca und Lina schauten einander seufzend an. „Vielleicht tun wir ihm unrecht, Luca, und wir bilden uns das wirklich nur alles ein.“ Luca schwieg. „Komm.“ Lina zog ihn am Ärmel. „Wir gehen lieber hinterher. Ich glaube, es war nicht richtig, wie wir ihn behandelt haben. Eigentlich ist es doch auch gar nicht so schlecht, dass Michi sich nicht so leicht Angst einjagen lässt wie wir, oder?“ Sie zwinkerte Luca lächelnd zu und deutete mit dem Kopf in die Richtung, in die ihr anderer Bruder verschwunden war.
Die geöffnete Reisetasche auf dem Schoß, saß Michi zusammengesunken und sichtlich blass in der Ecke des Abteils und schaute seine Geschwister schuldbewusst an. „Er ... er ... hat sie ... durchwühlt – und jetzt ist der 18
Typ über alle Berge. Es ... Ich ... Ihr hattet mal wieder recht“, stammelte er kleinlaut und wühlte in der Tasche, als wollte er vermeiden, Luca und Lina noch länger in die Augen sehen zu müssen. „Ich glaube zwar, dass noch alles da ist ... ja, es ist noch alles drin: Portemonnaie, Geld, Personalausweis ... Nein, halt! Mein Adressbuch fehlt. Komisch! Was will der Typ denn mit meinem Adressbuch?“ Stirnrunzelnd starrte er vor sich hin und schaute dann etwas zögerlich von einem zum anderen. „Na ja, den Verlust meines Adressbuches kann ich gerade noch verschmerzen! Gut, dass er nicht das Portemonnaie mitgenommen hat. Das wäre viel schlimmer gewesen.“ Luca und Lina tauschten wortlos Blicke aus und Lina legte ihre Hand beschwichtigend auf Lucas Arm. Luca ließ sich ebenfalls auf seinen Platz sinken und starrte einige Minuten lang regungslos aus dem Fenster. Schlagartig war es wieder in ihm hochgestiegen, dieses sonderbare Gefühl, diese unbestimmte Ahnung. Dann sagte er ruhig, ohne seinen Blick von der vorbeirauschenden Häuser-, Wälder- und Seenkulisse abzuwenden: „Hoffen wir einfach mal, dass es so ist, wie du denkst, Michi. Vielleicht hat der Fremde ja wirklich nur das Adressbuch mit etwas Wertvollem verwechselt.“ Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu: „Trotzdem sollte uns das eine Warnung sein. Drei Kinder, die alleine ins Ausland reisen, müssen einfach Augen und Ohren offen halten und gut achtgeben. Mehr kann man ohnehin nicht tun.“ Und still für sich dachte er noch: Doch, wir können noch mehr tun. Wir können Gott bitten, dass er uns beschützt. Aber er sagte es nicht laut, sondern betete einfach im Stillen. 19